{"id":42040,"date":"2020-10-05T00:43:22","date_gmt":"2020-10-04T22:43:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=42040"},"modified":"2020-10-07T10:21:44","modified_gmt":"2020-10-07T08:21:44","slug":"kurt-waldemar-schroeder-16-10-1927-03-10-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/10\/05\/kurt-waldemar-schroeder-16-10-1927-03-10-2020","title":{"rendered":"Kurt Waldemar Schr\u00f6der  *16.10.1927 &#8224;03.10.2020"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_1.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Eintrag im Kirchenbuch der <a href=\"http:\/\/www.geschichtswerkstatt-holzwickede.de\/historisches\/kirchen-in-holzwickede\/ev-kirche-holzwickede\/\">Evangelischen Kirche Holzwickede<\/a><\/sup><\/p>\n<p><b>Ein Nachruf auf meinen Vater<\/b><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_12.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Mein Vater ist gestern um ca. 19.30 Uhr friedlich eingeschlafen. Er hat einen Nachruf verdient wie jeder andere &#8222;wichtige&#8220; Mensch auch. Man k\u00f6nnte einwenden, ein Nachruf sei entweder etwas sehr Privates, und die Details, wom\u00f6glich negative, interessierten nur die engsten Freunde und Verwandten, oder seien zu \u00f6ffentlich, als dass man Dinge erwarten k\u00f6nne, die wirklich etwas aussagen und nicht nur an der sichtbaren Fassade hafteten. Das Leben meines Vaters ist jedoch exemplarisch f\u00fcr eine Generation, deren Erfahrungen f\u00fcr uns &#8211; nur eine Generation sp\u00e4ter &#8211; \u00c4onen weit weg zu sein scheinen. K\u00f6nnen wir, kann ich das verstehen?<\/p>\n<p>Mein Verh\u00e4ltnis zu meinem Vater war schwierig und kompliziert: Wir konnten uns nicht sehr nahekommen, weil unsere Ansichten zu weit auseinander lagen und nichts das h\u00e4tte \u00e4ndern k\u00f6nnen. Aber je \u00e4lter ich wurde, um so mehr begriff ich, wie er seine Zuneigung ohne Worte \u00e4u\u00dferte &#8211; auf eine Art, die ich fr\u00fcher nicht verstand, und schon gar nicht als Jugendlicher. Ich hatte vielleicht auf Worte gehofft, aber er konnte das nicht so, wie ich es erwartete &#8211; daf\u00fcr machte er es mit Gesten. Wir handeln und sprechen im Rahmen dessen, was uns m\u00f6glich ist, was uns begrenzt, auch in den Gef\u00fchlen &#8211; aber dennoch haben wir alle \u00e4hnliche Emotionen, die, wenn wir sie auf unsere gelernte Art \u00e4u\u00dfern, f\u00fcr andere vielleicht erst &#8222;\u00fcbersetzt&#8220; werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Mein Vater hat in seinem Leben, au\u00dfer in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pestalozzi-Gymnasium_Unna\">Schulzeit<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luftwaffenhelfer\">Jugendzeit<\/a>, nur ein einziges Buch gelesen &#8211; die f\u00fcr ihn heilige Schrift &#8211; die Lutherbibel <a href=\"https:\/\/www.die-bibel.de\/fileadmin\/user_upload\/livebook\/Textstellenvergleich_Lutherbibel_1984_2017\/index.html\">Version 1884<\/a>. Er war zu jung, um Soldat im 2. Weltkrieg zu werden &#8211; das ist mein Gl\u00fcck, sonst h\u00e4tte es mich vielleicht nicht gegeben. Er war auch nicht alt genug, um zu begreifen, was in der Zeit, die ihn pr\u00e4gte, politisch geschah.<\/p>\n<p>Meine Versuche in den sechziger Jahren, \u00fcber die Zeit des Faschismus zu reden, scheiterten allesamt. Mein Vater h\u00e4tte vermutlich auch nicht viel sagen k\u00f6nnen. F\u00fcr ihn galt die Devise aus <a href=\"https:\/\/bibeltext.com\/romans\/13-1.htm\">R\u00f6mer 13, Vers 1<\/a>: <i>Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt \u00fcber ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.<\/i> Ich fand das abscheulich. Ich wollte die Welt ver\u00e4ndern, und lebe, vermutlich heute auch noch, nach dem Motto, dass mich jedwede Obrigkeiten kreuzweise k\u00f6nnen und dass Religionen allesamt bek\u00e4mpft werden sollten. <i>Obrigkeitsh\u00f6rigkeit<\/i> ist f\u00fcr mich ein schlimmes Schimpfwort.<\/p>\n<p>F\u00fcr Politik interessierte er sich nicht. Ich vermutete damals, dass meine Mutter recht hatte, wenn sie behauptete, mein Vater w\u00fcrde auf Wahlzettel einen Satz aus der Bibel schreiben &#8211; <a href=\"http:\/\/www.bibel-verse.de\/vers\/Buch%20Jesaja\/41\/24.html\">Jesaja 41. Vers 24<\/a>: <i>Siehe, ihr seid aus nichts, und euer Tun ist auch aus nichts; und euch w\u00e4hlen ist ein Greuel.<\/i> Heute muss ich schmunzeln, wie sich meine Meinung dem angen\u00e4hert hat, aber nat\u00fcrlich aus anderen Gr\u00fcnden.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_2.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Meine Vater mit seiner \u00e4lteren Schwester, vermutlich 1929 oder 1930, Holzwickede<\/sup><\/p>\n<p>Mein Vater wurde evangelisch getauft, eine Tatsache, mit der ich ihn noch vor wenigen Jahren, als ich nach einiger Recherche im betreffenden Kirchenbuch f\u00fcndig geworden war, aufzog: Er war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neuapostolische_Kirche\">neuapostolisch<\/a> und alle andere Religionen waren &#8222;Feindsender&#8220;. Mein Gro\u00dfvater hatte gelehrt, mich auch, dass insbesondere die Katholiken <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hure_Babylon\">die gro\u00dfe Hure Babylons<\/a> der heutigen Zeit seien. Die Protestanten waren fast genauso schlimm, vor allem weil sie seinem Glauben so \u00e4hnlich waren. Mein Vater hat nie eine &#8222;fremde&#8220; Kirche betreten, noch nicht einmal eine leere, etwa im Urlaub, um sie zu besichtigen &#8211; alles Teufelswerk, um wahre Gl\u00e4ubige zu verwirren. Auch das bringt mich heute zum Lachen, weil ich das manchmal exakt so handhabe &#8211; ich w\u00fcrde nie eine neuapostolische Kirche mehr betreten, vielleicht nur auf die Fu\u00dfmatte spucken. Da kommt wieder <a href=\"https:\/\/www.textlog.de\/lichtenberg-nachahmen.html\">Lichtenberg<\/a> ins Spiel: <i>Grade das Gegenteil tun, hei\u00dft auch nachahmen, es hei\u00dft n\u00e4mlich, das Gegenteil nachahmen.<\/i><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_3.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sonntagsschule\">Sonntagsschule<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.nak-dortmund.de\/holzwickede\">Neuapostolischen Kirche Holzwickede<\/a>, vermutlich 1933 oder 1934. Mein Vater steht in der mittleren Reihe, 2. von rechts. Rechts oben mein Gro\u00dfvater Hugo, der damals schon Prediger war, obwohl er erst 1933 zur NAK konvertierte. Die Laienprediger der Neuapostolischen hatten und haben keinerlei theologische Ausbildung.<\/sup><\/p>\n<p>Was lernt man als Kind, wenn in den Schulen nur Nationalsozialismus gelehrt wird und man gleichzeitig durch eine fundamentalistische christliche Sekte gepr\u00e4gt wird? Zum Gl\u00fcck war mein Gro\u00dfvater, ein Bauernjunge aus Westpreu\u00dfen und als Bergmann im Ruhrgebiet Kommunist, bis er fromm wurde, gegen Hitler &#8211; f\u00fcr ihn war die Religion wichtiger. Meinem Vater verbot er den Besuch einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adolf-Hitler-Schulen\">Adolf-Hitler-Schule<\/a>, obwohl die Schulleitung das empfohlen hatte. weil der kleine Kurt einer der besten Sch\u00fcler sei. &#8222;Dann h\u00e4tte ich keinen Sohn mehr&#8220;, ist als Zitat meines Opas \u00fcberliefert, eine Einsicht, die heute noch meinen Respekt fordert.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_4.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Mein Vater 1934 als Sch\u00fcler, Holzwickede<\/sup><\/p>\n<p>Meine Familie war immer aufstiegsorientiert. So weit man sich erinnern konnte, gab es unter den Vorfahren, den Verwandten und Freunden ausschlie\u00dflich Bauern, Arbeiter und kleine Angestellte. Man hatte es &#8222;geschafft&#8220;, wenn man Beamter wurde &#8211; auf der sicheren Seite war. K\u00fcnstler und \u00e4hnlich windige Existenzen waren nicht vorgesehen. Als ich meinen Eltern erkl\u00e4rte, dass ich den Lehrerberuf aufgeben und Journalist werden, wom\u00f6glich B\u00fccher schreiben wolle, war mein Vater entsetzt &#8211; er konnte das nicht verstehen. Er hat mich aber nicht versucht davon abzuhalten, was nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re, weil ich genau so stur wie er bin, und respektierte mich damit, was ich erst sehr sp\u00e4t verstanden habe.<\/p>\n<p>Jahre sp\u00e4ter, als mein Vater aufgefordert wurde, schriftlich zu der damals seltenen Tatsache Stellung zu nehmen, warum ich den Kriegsdienst verweigerte, antwortete er sinngem\u00e4\u00df: Man hielte mich, seinen Sohn, f\u00fcr in der Lage, entscheiden zu k\u00f6nnen, Soldat zu werden, und das m\u00fcsse dann doch auch f\u00fcr das Gegenteil gelten &#8211; eben das nicht zu tun?<\/p>\n<p>Dieses Gl\u00fcck hatte mein Vater nicht. Noch w\u00e4hrend seiner Zeit am Gymnasium wurde er als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Luftwaffenhelfer\">Luftwaffenhelfer<\/a> abkommandiert: <i>Luftwaffenhelfer hatten nicht den Status von Soldaten. Sie erf\u00fcllten zwar wie Soldaten Aufgaben an Gesch\u00fctzen und Ger\u00e4ten und lebten in den Flakstellungen wie sie, waren jedoch gleichzeitig Sch\u00fcler, die von Lehrern unterrichtet wurden. Offiziell galten sie als Mitglieder der Hitlerjugend, was ihnen oft missfiel. (&#8230;) Freiwillige Meldungen waren nicht m\u00f6glich, die Sch\u00fcler wurden klassenweise und innerhalb der Schulklassen jahrgangsweise zum Einsatz abgeordnet.<\/i> Mein Vater musste nach <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/05\/08\/8-mai-1945\">K\u00f6then<\/a> in Sachsen-Anhalt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_5.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Mein Vater als Luftwaffenhelfer in K\u00f6then, 1943 und 1944<\/sup><\/p>\n<p>Als der Krieg vorbei war, ging es nur um&#8217;s \u00dcberleben. Das Abitur hatte mein Vater verpasst. Der eintr\u00e4glichste Beruf war Bergmann &#8211; das lernte er, wie sein Vater. Handwerkliches hat ihm immer Spa\u00df gemacht. Ja, er war ber\u00fchmt daf\u00fcr! Als ich im zweiten Schuljahr war, sollten die Sch\u00fcler ein Papiermodell ihrer Wohnung oder ihres Hauses basteln und mitbringen. Mein Vater baute ein kleines Modell unseres vierst\u00f6ckigen <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2011\/07\/270711_3gr.jpg\">Wohnhauses<\/a>, mit ma\u00dfstabsgetreuem Grundriss und W\u00e4nden aus Pappe und vier entnehmbaren Etagen, ein kleines Wunderwerk, an das ich mich noch heute erinnern kann &#8211; und daran, dass die Lehrer und anderen Sch\u00fcler ehrf\u00fcrchtig staunten und es kaum zu ber\u00fchren wagten. (Ich darf darauf hinweisen, dass alle, die das von mir gebaute <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2017\/06\/15\/last-step-under-construction\">Hochbett<\/a> in meinem G\u00e4stezimmer sehen, ehrf\u00fcrchtig staunen.)<\/p>\n<p>Mein Vater hat bis ins hohe Alter mir immer Werkzeug geschenkt oder etwas f\u00fcr mich gebaut, Schr\u00e4nke oder die Anrichte, die noch heute in meiner K\u00fcche steht, die er noch mit knapp 80 Jahren zu meiner Hochzeit gebastelt hatte &#8211; nat\u00fcrlich in Perfektion. Sein Ma\u00dfstab, alles m\u00fcsse perfekt sein, hat mich manchmal zum Wahnsinn gebracht. Als ich als Junge meinen Koffer packte, f\u00fcr ein paar Tage im Schullandheim, machte er den wieder auf und packte alles neu, aber jetzt so, dass man ihn schlie\u00dfen konnte. Damals war ich genervt, heute muss ich mich zur\u00fcckhalten, wenn ich in einer \u00e4hnlichen Situation bin. Ich neige dazu, alles besser zu wissen und zu k\u00f6nnen als andere &#8211; und das denen auch zu sagen und zu zeigen. Damit macht man sich nicht unbedingt beliebt.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_7.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Mein Vater (rechts) als Laienprediger (&#8222;<a href=\"http:\/\/www.nak.org\/de\/katechismus\/7-das-amt\/79-aufgaben-der-aemter\/791-die-priesterlichen-aemter\/\">Priester<\/a>&#8222;), Anfang der 50-er Jahre. In der Mitte mein Gro\u00dfonkel Otto Mey, der damalige &#8222;Vorsteher&#8220; der neuapostolischen Gemeinde Holzwickede. Ich mochte &#8222;Onkel Otto&#8220;: Der war ein sehr kleiner Mann, aber trat um so energischer auf. Im 1. Weltkrieg hatte er eine Medaille f\u00fcr gro\u00dfe Tapferkeit bekommen, weil er allein 17 Franzosen gefangen genommen hatte. Er erz\u00e4hlte bei Familientreffen Geschichten aus Ostpreu\u00dfen, wie er den Teufel &#8222;ausgetrickst&#8220; h\u00e4tte und wie man gemeinsam in <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2018\/05\/28\/opherdicke-oder-da-liegen-die-erbsaelzer\">Opherdicke<\/a> daf\u00fcr gesorgt habe, dass ein Selbstm\u00f6rder nicht mehr in einem Haus spukte und mehr in der Art. Das war spannender als jeder Horrorfilm. Otto war f\u00fcr meinen Vater eine wichtige und pr\u00e4gende Figur.<\/sup><\/p>\n<p>Wir erzieht man Kinder, wenn man durch Nazis zum &#8222;kulturellen&#8220; Nazi erzogen wird? Man Vater hatte gelernt, man m\u00fcsse zun\u00e4chst den eigenen Willen von Kindern brechen, um sie dann erziehen zu k\u00f6nnen. Etwas anderes kannte er nicht, und so praktizierte er es an mir. War mein &#8222;Konto&#8220; an Missetaten &#8222;voll&#8220;, pr\u00fcgelte er mich mit einem Stock. Das war schlimmer als ein spontaner Ausraster &#8211; kalt und berechnend. Sp\u00e4ter hat er das bitter bereut, sch\u00e4mte sich aber so sehr, dass er mir das selbst nicht sagen konnte, sondern meine Mutter bat, das f\u00fcr ihn zu tun. Ich war zu jung und damals zu wenig in der Lage, meine Emotionen ausdr\u00fccken zu k\u00f6nnen, um ihm zu sagen, dass ich seine Entschuldigung akzeptiert hatte.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_8.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Mein Vater und ich, ca. 1956 oder 1957, im Sauerland in der N\u00e4he der <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2018\/09\/15\/am-sonneborn\">Dauberm\u00fchle<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Als ich auf ein Gymnasium geschickt werden sollte, protestierte mein Gro\u00dfvater &#8211; das w\u00fcrde meinen Glauben zerst\u00f6ren. Meine Eltern setzten sich durch, wof\u00fcr ich ihnen dankbar bin. Die Religion war in den folgenden Jahrzehnten ein gro\u00dfes Hindernis, \u00fcber mehr als Smalltalk hinauszukommen &#8211; ich war mit 20 aus der NAK ausgetreten und zu feige, das meinem Vater ins Gesicht zu sagen. Er wusste es aber von meiner Mutter. Als ich meine <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/08\/02\/das-nibelungenlied\">Staatsexamenarbeit<\/a> mit Bestnote machte und sie stolz meinen Eltern pr\u00e4sentierte, sagte mein Vater nichts. Meine Mutter beichtete mir sp\u00e4ter, mein Vater habe nicht begriffen, was das sollte und es &#8222;Geschw\u00e4tz&#8220; genannt.<\/p>\n<p>Auf seine Art war er der zuverl\u00e4ssigste Mensch, den ich kannte. Wenn er ank\u00fcndigte, etwas zu tun, dann geschah das auch &#8211; ohne Wenn und Aber. Keine Kompromisse! Man zieht eine Sache, von der man \u00fcberzeugt ist, durch oder l\u00e4sst es ganz, auch wenn alle ringsum emp\u00f6rt aufheulen &#8211; eine Haltung, die mir heute sehr bekannt vorkommt. Von meinem Vater habe ich unbewusst gelernt, wie man den inneren Schweinehund besiegt und der \u00f6ffentlichen Druck aush\u00e4lt. Mit 16 oder 17 Jahren &#8222;musste&#8220; ich oft an einem Tag in der Woche mit ihm zusammen &#8222;Zeugnis bringen&#8220; &#8211; das hei\u00dft: Man geht kurz nach der &#8222;Tagesschau&#8220; raus (wir besa\u00dfen keinen Fernseher) und klingelt bei wildfremden Leuten, die erstaunt die T\u00fcr \u00f6ffnen, und fragt sie, ob man mit ihnen \u00fcber Gott reden k\u00f6nne. Das muss man sich als Jugendlicher erst einmal trauen. Ich erinnere mich immer an Jack Londons <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abenteurer_des_Schienenstranges\">Abenteuer eines Tramps<\/a>, ein Buch, das ich als Junge begeistert gelesen habe: Ein Tramp, der bettelt, muss, wenn sich eine T\u00fcr \u00f6ffnet, in weniger als einer Sekunde zu dem Gesicht, was erscheint, die &#8222;passende&#8220; Geschichte erfinden, um etwa zu bekommen. Man lernt, sich &#8222;volkst\u00fcmlich&#8220; auszudr\u00fccken.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_10.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Ich besuche meinen Vater in der Klinik, 2015<\/sup><\/p>\n<p>Bis ins Greisenalter fuhr mein Vater noch Auto und mich sogar manchmal zur Nachtschicht, wenn ich vorher meine Eltern besucht hatte. Wir versuchten ihm klarzumachen, dass er die Poller vor dem Supermarkt nicht unbegrenzt oft umfahren k\u00f6nne, und was w\u00e4re, wenn ein Kind vor den Wagen liefe? Irgendwann schlossen wir dann einen Kompromiss. Wir nahmen ihm das Auto weg, aber er durfte seinen F\u00fchrerschein behalten. Ich war mit meinem Vater einmal in einem Autoladen, um einen Leasing-Vertrag abzuschlie\u00dfen oder zu verl\u00e4ngern, und der Kerl hinter der Theke hielte den F\u00fchrerschein meines Vaters wie eine \u00e4gyptische Schriftrolle in der Hand und wusste nicht, was das f\u00fcr ein exotischer Lappen war. Mein Vater hat auch nie einen Unfall gebaut, dazu war er viel zu korrekt und pflichtbewusst. Wir spotteten immer, er w\u00fcrde auch in der W\u00fcste Sahara vor einer roten Ampel anhalten, selbst wenn 300 Kilometer ringsum niemand sei. So war er eben, und er hatte nie die Absicht, daran was zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Im Alter von 88 sprang er dann dem Tod von der Schippe. In einer Nacht sackte er schreiend zusammen, und meine Mutter rief die Feuerwehr. In der Klinik stellte man ein <a href=\"https:\/\/herzzentrum.immanuel.de\/herzzentrum-brandenburg-bei-berlin-leistungen\/krankheitsbilder\/aorten-aneurysma\/\">Aorta-Aneurysma<\/a> fest, eine geplatzte Bauchschlagader. In dem Alter ist das ein Todesurteil. Aber nicht bei meinem Vater. Der operierende Chirurg sagte mir am n\u00e4chsten Morgen, ein Aneurysma der Aorta \u00fcberlebe man nur, wenn man sofort auf den Operationstisch springe. &#8222;Wir glaubten nicht ihn durchzubringen.&#8220; Mein Vater war aber noch mit Blaulicht durch halb Berlin gefahren worden. Als er auf der Trage lag und am n\u00e4chsten Tag auf die Intensivstation gefahren wurde, winkte mein Vater mir zu. Das medizinische Personal machte gro\u00dfe Augen oder sch\u00fcttelte den Kopf. Ich h\u00e4tte ihnen am liebsten gesagt: Mein Papa ist stur und zieht das jetzt durch, ob das jemandem gef\u00e4llt oder glaubt oder nicht. Die Rehabilitationma\u00dfnahmen dauerten drei Monate. Er bekam einen k\u00fcnstlichen Darmausgang und einen Herzschrittmacher.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/10\/041020_11.jpg\" alt=\"kurt schr\u00f6der\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><br \/>\n<sup>Zu seinem neunzigsten Geburtstag bekam mein Vater von seinem ersten Urenkelkind ein Bl\u00fcmchen geschenkt.<\/sup><\/p>\n<p>Irgendwann ging es nicht mehr. Meine Mutter ist ein Jahr \u00e4lter als mein Vater und konnte ihn nicht mehr pflegen. Immer wenn das Thema aufkam, wurde mein Vater extrem \u00e4ngstlich und fing laut an zu weinen. Wir waren froh, dass er einen klaren Kopf behielt, nur der K\u00f6rper verfiel zusehends. Vor wenigen Monaten war ein sch\u00f6nes Pflegeheim ganz in der N\u00e4he der Wohnung meiner Eltern gefunden.<\/p>\n<p>Aber schon nach wenigen Wochen a\u00df mein Vater nichts mehr. Sogar der Fernseher, das einzige &#8222;Vergn\u00fcgen&#8220; neben den Besuchen der Kinder, interessierte ihn nicht mehr. Noch vor zwei Wochen konnte meine Mutter ihn noch einmal besuchen. Es war f\u00fcr sie ein Abschied &#8211; so hat sie es empfunden. Bei meinem letzten Besuch, als er noch fl\u00fcstern konnte, sagte er mir: &#8222;Das ist alles so unwirklich.&#8220;<\/p>\n<p>Gestern (am 3. Oktober) rief man uns an, wir sollten bitte so schnell wie m\u00f6glich kommen: Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rasselatmung#:~:text=Mit%20Rasselatmung%2C%20Rasselatmen%2C%20pr%C3%A4finalem%20oder,Tagen%20vor%20dem%20Tod%20bezeichnet.\">Rasselatmung<\/a> habe eingesetzt. Er \u00f6ffnete nicht mehr die Augen und reagierte nicht sp\u00fcrbar und lag friedlich mit den H\u00e4nden auf dem Bauch. Wenige Stunden sp\u00e4ter war er tot.<\/p>\n<p>Papa, ich habe mehr von dir gelernt und \u00fcbernommen, als du dir je zu tr\u00e4umen gewagt hast. Neben mir steht seine Armbanduhr, die ich von seinem kalten Arm nahm. Sie l\u00e4uft noch.<\/p>\n<p>Nachtrag: Meine Mutter (94) liegt <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/10\/01\/profitorientiertes-gesundheitssystem-revisited\">nach einem schweren Sturz<\/a> auf den Kopf im Krankenhaus. Sie konnte weder sprechen noch schlucken und war halbseitig gel\u00e4hmt, ein Blutgerinnsel im Kopf dr\u00fcckt auf das Gehirn. Laut ihrer <a href=\"https:\/\/www.bundesgesundheitsministerium.de\/patientenverfuegung.html\">Patientenverf\u00fcgung<\/a> verboten wir alle Ma\u00dfnahmen wie k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung per Magensonde. Wir wussten nicht, wer von unseren Eltern eher sterben w\u00fcrde, meine Mutter oder mein Vater. Als ich sie besuchte, konnte sie nur einzelne W\u00f6rter m\u00fchsam fl\u00fcstern. Heute, zwei Tage sp\u00e4ter, rief mich meine Schwester an: &#8222;Mama kann wieder schlucken. Die L\u00e4hmung geht zur\u00fcck. Sie schimpft auf die Krankenschwestern, die ihr nicht das richtige Mineralwasser bringen.&#8220; Vielleicht werden sich Ehepaare, die siebzig Jahre verheiratet waren, irgendwann immer \u00e4hnlicher.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42040?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/42040?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_42040 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_42040')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_42040').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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