{"id":41030,"date":"2020-07-15T18:08:32","date_gmt":"2020-07-15T16:08:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=41030"},"modified":"2021-07-15T11:58:25","modified_gmt":"2021-07-15T09:58:25","slug":"dorfstrasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/07\/15\/dorfstrasse","title":{"rendered":"Dorfstrasse und eine Hochzeit"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/150720_1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/150720_1kl.jpg\" alt=\"cabanaconde\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Ein Nachtrag zu <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=peru+cabanaconde&amp;sll=-18.827098,-66.023283&amp;sspn=0.072302,0.132093&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Cabanoconde,+Arequipa,+Peru&amp;ll=-15.624525,-71.975384&amp;spn=0.147133,0.264187&amp;t=h&amp;z=13\">Cabanaconde<\/a>, damals noch ein winziges Bauerndorf, eine Tagesreise n\u00f6rdlich von <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/07\/08\/arequipa-oder-are-quepay\">Arequipa<\/a>, in den peruanischen Anden (1984). Mehr Fotos <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2011\/04\/10\/valle-de-colca\">im April 2011<\/a>: &#8222;Valle de Colca&#8220;.<\/p>\n<p>Aus meinem Reisetagebuch, 24. M\u00e4rz 1894, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Juliaca\">Juliaca<\/a>:<br \/>\nMit der Fahrt nach Cabanaconde fing die Reise  erst richtig an, obwohl wir schon rund einen Monat unterwegs sind, nicht vom Gef\u00fchl her, sondern von der Intensit\u00e4t der Eindr\u00fccke. Wenn es nicht regnen w\u00fcrde, w\u00e4re alles vielleicht sch\u00f6ner und angenehmer, aber die Stimmung ist irgendwie authentischer.<\/p>\n<p>Unser Hotelzimmer [in Juliaca], in einem ehemals gro\u00dfz\u00fcgigen und vornehmen Hotel am Hauptplatz, jetzt total abgewrackt und bauf\u00e4llig. Die Wasserleitungen laufen au\u00dfen an den Fluren entlang, die Waschbecken sind undicht, eine Gl\u00fchbirne an der Decke beleuchtet unsere W\u00e4scheleine und die Str\u00fcmpfe daran, ein Schrank, dessen eine T\u00fcr abgebrochen ist und au\u00dfen vorlehnt, die beiden Fensterfl\u00fcgel zur Plaza sind mit Latten von innen vernagelt &#8211; wohl weil der Balkon nicht sicher ist, feuchte Fu\u00dfbodenbretter, \u00fcberall ist der Putz heruntergefallen, und wir meditieren dar\u00fcber, wie man mit den einfachsten Mitteln oder sogar nur mit gutem Willen vieles reparieren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Von Arequipa aus geht die Fahrt erst Richtung K\u00fcste durch <a href=\"https:\/\/www.google.de\/maps\/@-16.4827329,-71.7382488,16349m\/data=!3m1!1e3?hl=de\">endlose Steinw\u00fcsten<\/a>. Wieder rollen von links die grauen Wanderd\u00fcnen Richtung Stra\u00dfe, die ihr vorl\u00e4ufiges Ende bedeutet. Irgendwann biegt die Route nach Norden ab. Einige Bew\u00e4sserungskan\u00e4le sorgen f\u00fcr ein bisschen Vegetation. Was k\u00f6nnten die Leute alles mit der Nutzung von Sonnenenergie anfangen!<\/p>\n<p>Die Schotterstra\u00dfe f\u00fchrt durch Sandw\u00fcste, wir bleiben einmal im Sand stecken. Ein irrer Gegensatz: Wenig sp\u00e4ter schraubt sich die Stra\u00dfe in endlosen Serpentinen bis in eine so hohe Zone hinauf, dass der Nebel alles bedeckt.<\/p>\n<p>Wir passieren <a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/yanc9k5y\">Huambo<\/a> [3332 m], wo zum ersten Mal ein &#8222;Andendorf&#8220; auftaucht. Die Leute starren uns an, schrecklich \u00e4rmlich, die Frauen in Tracht, aber der Eindruck ist noch wie im Zoo &#8211; so ein Widerspruch zu Arequipa.<\/p>\n<p>Sp\u00e4t in der Nacht kommen wir nach einer haarstr\u00e4ubenden Fahrt an Abgr\u00fcnden entlang in str\u00f6mendem Regen an. Der Nebel ist so dicht, dass man die andere Seite der <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/peru\/peru84_colca1gr.jpg\">Plaza [von Cabanaconde]<\/a> nicht erkennen kann. Taschenlampen irren durch die Gegend. Das Wasser rauscht in B\u00e4chen \u00fcberall entlang.<\/p>\n<p>Es gibt nur ein <a href=\"https:\/\/de.pons.com\/%C3%BCbersetzung\/spanisch-deutsch\/alojamiento\">alojamiento<\/a>, mit Schlafsaal, das als die Unterkunft mit dem f\u00fcrchterlichsten Klo in die Reiseannalen eingehen wird. In einem h\u00f6hlenartigen &#8222;Restaurant&#8220; gibt es noch ein <a href=\"https:\/\/de.pons.com\/%C3%BCbersetzung\/spanisch-deutsch\/cena\">cena<\/a>, und wir kommen nicht darum herum, noch eine drittes &#8222;Abendessen&#8220; f\u00fcr den Hotelchico [Der Junge, der in der Nacht der &#8222;Manager&#8220; war] auszugeben. Der <a href=\"https:\/\/de.pons.com\/%C3%BCbersetzung\/spanisch-deutsch\/chico\">chico<\/a> ist total nervig, folgt uns auf Schritt und Tritt und will mehr Geld. Wir trinken im Dunkeln auf der Plaza noch einen Kakao im Stehen und quatschen mit den Frauen dort.<\/p>\n<p>Zum Klo muss man zehn Meter durch einen total verschlammten Hof. Das <a href=\"https:\/\/de.pons.com\/%C3%BCbersetzung\/spanisch-deutsch\/bano\">ba\u00f1o<\/a> besteht aus eine windschiefen H\u00fctte, \u00fcberall steht Ger\u00fcmpel herum, der Fu\u00dfboden ein Matsch, das Klo nur ein runder Hohlstein mit einem h\u00f6lzernen Deckel, nat\u00fcrlich total vollgeschissen. Keiner von uns beiden schafft es in den drei Tagen, sich richtig zu erleichtern. Das &#8222;Hotel&#8220; besteht aus mehreren Lehmziegelh\u00fctten, teilweise mit Wellblech oder Stroh gedeckt, wie die meisten H\u00e4user des Ortes. Die Leute kochen im Hof, mitten im M\u00fcll, in einem ru\u00dfigen Top, daneben liegt ein blutiges Schaffell. Im ganzen Ort gibt es kein elektrisches Licht.<\/p>\n<p>Trotz der Unannehmlichkeiten merkt man, dass Cabanaconde f\u00fcr viele D\u00f6rfer in der Sierra repr\u00e4sentativ ist, f\u00fcr die traurigen, resignative Stimmung. Nur einige Frauen ver\u00e4ndern das Bild zum Positiven. Die meisten tragen Tracht: Sandalen, lange R\u00f6cke, einige dunkelblau mit bestickten S\u00e4umen, ein Hemd, dar\u00fcber eine reich verzierte Weste, ein Wickeltuch um die H\u00fcfte, was seitw\u00e4rts herunterh\u00e4ngt, und eine Decke zum Umh\u00e4ngen, zwei oder mehr Z\u00f6pfe und einen bestickten Hut.<\/p>\n<p>Einige Frauen sehen recht selbstbewusst aus, und <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/peru\/peru84_amantani1gr.jpg\">fotografieren<\/a> geht leider nicht. Die M\u00e4nner sind kaum zu sehen, aber einige Betrunkene bev\u00f6lkern tags\u00fcber die Plaza. Ab und zu treiben Bauern ihre Schafe und Ziegen durch den Ort. Ihre Kleidung besteht oft nur aus Fetzen.<\/p>\n<p>Fr\u00fchst\u00fcck: Eine Tasse Kaffee und ein Br\u00f6tchen. Am ersten Morgen wachen wir auf und sehen einen riesigen schneebedeckten Sechstausender [den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hualca_Hualca\">Hualca Hualca<\/a>] &#8211; ein atemberaubender Anblick. Die Dorfstra\u00dfen sind so eng, dass bis auf eine [vgl. Foto ganz oben] kein Auto durchk\u00e4me, in der Mitte ein Ablauf, ansonsten mit dicken Steinen teilweise &#8222;gepflastert&#8220;. Von oberhalb des Ortes kann man sehen, dass in einigen Teilen viele H\u00e4user verlassen sind.<\/p>\n<p>Am Nachmittag geraten wir in eine Hochzeit: Man winkt uns hinein. Ungef\u00e4hr ein Dutzend Leute in Tracht, beh\u00e4ngt mit Fr\u00fcchten, vor allem Zwiebeln, und geschm\u00fcckten H\u00fcten und eine stark angetrunkene Kapelle, die entsprechende Weisen vortr\u00e4gt. Wir werden zu Schnaps gen\u00f6tigt. Die Braut, auch schon sehr angeheitert, will sich halb im Ernst mit mir verloben, aber die <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/peru\/peru84_colca3gr.jpg\">Vort\u00e4nzerin<\/a> [hinten rechts auf dem Foto] hat alles im Griff.<\/p>\n<p>Der Br\u00e4utigam bringt kaum ein Wort heraus. Einer der M\u00e4nner f\u00e4llt in den Schlamm und steht nicht mehr auf. Eine uralte Frau mit wei\u00dfen Haaren, sehr w\u00fcrdevoll, begr\u00fc\u00dft uns sitzend auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Quechua\">Quechua<\/a>. Sie spricht kein Spanisch.<\/p>\n<p>Endlich bewegt sich die ganze Gesellschaft durch das Dorf zum Haus des Br\u00e4utigams, wo wir zu Suppe &#8211; mit einigen Kohlbl\u00e4ttern &#8211; sowie Schnaps und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chicha\">Chicha<\/a> aufgefordert werden. Wir unterhalten uns vor allem mit einem \u00e4lteren <a href=\"https:\/\/de.pons.com\/%C3%BCbersetzung\/spanisch-deutsch\/izquierdista\">Izquierdista<\/a>, der alle Alemanes \u00fcber den gr\u00fcnen Klee lobt und auf die Amis schimpft.<\/p>\n<p>M\u00e4nner und Frauen sitzen getrennt. Auf einem Teller liegt Geld, und jeder Betrag [der spendenden G\u00e4ste] wird mit Namensnennung auf einem Zettel vermerkt, speziell unsere deutsche Mark wird gesondert diskutiert. [<i>Anmerkung: Ich war in einem Dilemma &#8211; die Maximalspende der G\u00e4ste war umgerechnet eine Mark wert; h\u00e4tte ich weniger gegeben, h\u00e4tten sie von mir gedacht, dass ich als reicher Gringo ein Geizhals w\u00e4re. H\u00e4tte ich aber wesentlich mehr gegeben, h\u00e4tte das den Leuten ihre Armut demonstriert und w\u00e4re auch beleidigend gewesen. Ich hab dem Brautpaar also eine Mark und erkl\u00e4rte ihnen, wieviel diese umgerechnet in peranischen Soles wert war. Manche der G\u00e4ste konnten nur ein paar Zwiebeln oder einen Kohlkopf schenken.<\/i><\/p>\n<p><i>Was nicht in meinem Tagebuch steht, was ich aber nie vergessen werde: Die gr\u00f6\u00dfte Sensation war, als ein sehr alter Mann den Raum betrat und, da kein Platz frei war, ich aufstand und ihm sagte, ich sei jung und er solle sich bitte auf meinen Platz setzen. So etwas erwarteten sie offenbar \u00fcbehaupt nicht. Der Mann tat es und murmelte st\u00e4ndig vor sich hin, was ich f\u00fcr ein &#8222;komischer&#8220; Gringo sei &#8211; f\u00fcr einen Bauern aufzustehen. Die M\u00e4nner wollten umgehend eine Kommission zusammenstellen, die uns in die <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/peru\/peru84_colca11gr.jpg\">grandiose Schlucht<\/a> [<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Colca-Tal\">Colca-Canyon<\/a> &#8211; der dritttiefste Caynon der Welt] f\u00fchren sollte, damit noch mehr Touristen k\u00e4men. Wir waren wohl die ersten. Zum Gl\u00fcck waren alle so betrunken, dass es sie diesen Plan wieder verga\u00dfen &#8211; sie w\u00e4ren wohl alle in die Schlucht gest\u00fcrzt. Der <a href=\"https:\/\/tinyurl.com\/yc4ffaea\">Mirador de Achachihua<\/a>, den man heute dort sehen kann, k\u00f6nnte ein Resultat dieses Plans sein, den irgendwann irgendjemand umgesetzt hat.]<\/i><\/p>\n<p>Wir schaffen uns kaum, uns zu verabschieden: Der Br\u00e4utigam, nur noch fl\u00fcsternd, ist so ger\u00fchrt, dass er in Tr\u00e4nen ausbricht und uns st\u00e4ndig umarmt. Um sechs Uhr verlassen wir die Feierlichkeiten, nur um festzustellen, dass die Se\u00f1ora unserer Unterkunft doch nichts gekocht hat. Unregelm\u00e4\u00dfig wird abends auf der Plaza Essen verkauft, fast nur Kohlenhydrate. Wir haben Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Ab drei Uhr Nachmittags regnet es jeden Tag, und sp\u00e4ter wird der Nebel undurchdringlich dicht. Wir gehen zwischen sieben und acht ins &#8222;Bett&#8220;, weil man ohnehin nichts unternehmen kann.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41030?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/41030?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_41030 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_41030')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_41030').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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