{"id":40896,"date":"2020-07-04T20:08:04","date_gmt":"2020-07-04T18:08:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=40896"},"modified":"2020-07-04T20:11:54","modified_gmt":"2020-07-04T18:11:54","slug":"germanische-esskultur-oder-abyssus-abyssum-invocat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/07\/04\/germanische-esskultur-oder-abyssus-abyssum-invocat","title":{"rendered":"Germanische Esskultur oder: Abyssus abyssum invocat"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_2gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_2kl.jpg\" alt=\"sonnenblumen\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p><i>Distinktion \u00fcber Immobilienbesitz ist riskant, aber Distinktion \u00fcber das moralisch richtige Essen ist noch m\u00f6glich, und erlaubt Herabblicken auf Dumme, Ungebildete und Unzivilisierte: Da geht dann wirklich alles durch. Auch in den Medien f\u00fcr gebildete St\u00e4nde.<\/i> (Don Alphonso, hinter der <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/stuetzen-der-gesellschaft\/plus210983333\/Don-Alphonso-Wie-man-den-Deutschen-die-Esskultur-abspricht.html\">Welt Paywall<\/a>)<\/p>\n<p>(Ja, ich habe die Welt abonniert, weil ich die Artikel von Deniz Y\u00fccel lesen will und habe also Don Alphonso, Alan Posener und Henryk Marcin Broder gleich dabei. Das Stammpublikum wei\u00df es schon und den Nachgeborenen und Herumschweifern, die eine Laune des Schicksals hierher getrieben hat, sei es gesagt: Ich lese gern Meinungen, die der meinen <i>nicht<\/i> entsprechen, was in jedweder Medienblase die Ausnahme zu sein scheint, aber diese m\u00fcssen elegant, vergn\u00fcglich und in gutem Deutsch geschrieben sein, wobei jegliches Abgesondertes von der Nominalstil-Facharbeiterin <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/category\/deutsch-des-grauens\/machs-besser-katja\">Katja Kipping<\/a> von vorn herein ausscheidet).<\/p>\n<p>Zur Kolumne des Don Alphonso w\u00e4re einiges anzumerken, zumal auch Tacitus und Latein vorkommen, welchselbiges mich schmunzeln lies &#8211; obwohl diese bilderungsb\u00fcrgerliche Attitude, in meinem Fall die des gef\u00fchlten sozialen Aufsteigers, genau in dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klassismus#:~:text=Klassismus%20bezeichnet%20Vorurteile%20oder%20Diskriminierung,einer%20%E2%80%9Eniedrigeren%E2%80%9C%20sozialen%20Klasse.\">Klassismus-Verdacht<\/a> steht, den ich auch dem obigen Zitat des Don unterschieben kann. (Wer das nicht glaubt, muss <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation\">Norbert Elias<\/a> von vorn bis hinten durchlesen.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_3gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_3kl.jpg\" alt=\"deutsches Brot\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Tielsch\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_4.jpg\" alt=\"deutsches Brot\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Zwischenfrage: Mein Teller mit Goldrand ist laut Unterseite von der schlesischen Porzellanmanufaktur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Tielsch\">Carl Tielsch<\/a>. Darf man aus der Porzellanmarke schlie\u00dfen, dass er aus der Zeit zwischen 1888 und 1908 stammt? <\/sup><\/p>\n<p>Anlass f\u00fcr die Kolumne \u00fcber Esskultur war ein offenbar recht d\u00e4mliches <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/zeit-magazin\/essen-trinken\/2020-06\/fleischkonsum-billigfleisch-deutschland-qualitaet-besserverdiener-fleischindustrie\">Interview im &#8222;Zeit&#8220;-Magazin<\/a> mit dem Ern\u00e4hrungspsychologen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Klotter\">Johann Christoph Klotter<\/a> <i> Der sagt: &#8222;Die Deutschen haben keine Esskultur. Schon der r\u00f6mische Historiker Tacitus hat sinngem\u00e4\u00df geschrieben: Die Germanen ern\u00e4hren sich sehr einfach. Wenn man sie nicht mit Waffen besiegen k\u00f6nne, m\u00fcsse man ihnen nur Bier geben, bis sie umfallen. Die vergleichsweise geringe Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr gutes Essen hat sich bis heute gehalten. S\u00fcddeutschland ist traditionell noch ein bisschen besser aufgestellt, Norddeutschland ist wirklich zappenduster.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Langer Schreibe kurzer Sinn: Der Don Alphonso haut dem Klotter die linkgest\u00fctzten Argumente um die Ohren dergestalt, dass man kopfsch\u00fcttelnd meint, die &#8222;Zeit&#8220; bzw. die veranwortlichen Redakteure f\u00fcr das Interview h\u00e4tten einen an der intellektuellen Waffel, da alles kompletter Unsinn ist, was der gute Mann da verzapft.<\/p>\n<p>Aber <a href=\"https:\/\/www.gottwein.de\/Lat\/tac\/Germ16.php\">Tacitus<\/a> (kann man alles samt \u00dcbersetzung in diesem &#8222;Internet&#8220; nachlesen) ist nat\u00fcrlich lustig. Der hat auch sinngem\u00e4\u00df das <i>nicht<\/i> geschrieben, was Kotter behauptet. Das hindert schlichte identit\u00e4re Gem\u00fcter, die zudem noch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mohamed_Amjahid\">Mohamed<\/a> hei\u00dfen und &#8222;Biodeutsche&#8220; und &#8222;PoC&#8220; sagen, nicht daran, den &#8211; obzwar der Vertreter der damals herrschenden Klasse &#8211; armen R\u00f6mer ebenso zu verhackst\u00fccken. (&#8222;Eure Heimat ist unser Albtraum&#8220; echoet er auf Hengameh Yaghoobifarah.)<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_7.jpg\" alt=\"mohamned amjahid\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Don Alphonso kann auch den Tacitus besser:<br \/>\n<i>&#8230;die Frage, ob das Zitat von Tacitus \u00fcberhaupt stimmt. Die Antwort ist: Nein. Tacitus schreibt in <a href=\"https:\/\/www.gottwein.de\/Lat\/tac\/Germ16.php\">Kapitel 23<\/a>: &#8222;cibi simplices, agrestia poma, recens fera aut lac concretum: sine apparatu, sine blandimentis expellunt famem.&#8220; &#8211; Die Speisen sind einfach: wilde Baumfr\u00fcchte, frisches Wildbret oder K\u00e4se aus Milch. Ohne besondere Zubereitung, ohne Gaumenkitzel vertreiben sie ihren Hunger.\u201c Hier ist aber der Kontext wichtig: Tacitus schreibt f\u00fcr seinesgleichen, die 0,1-Prozent-Oberschicht im R\u00f6mischen Reich, und in Bezug auf deren Lebensstandard. Dass mit &#8222;simplices \u2013 einfach&#8220; aber nicht ein Mangel an Kultur gemeint ist, erschlie\u00dft sich aus dem ebenfalls falsch zitierten zweiten Teil des Satzes: &#8222;adversus sitim non eadem temperantia. si indulseris ebrietati suggerendo, quantum concupiscunt, haud minus facile vitiis quam armis vincentur.&#8220; (&#8230;)<\/i><\/p>\n<p><i>Sinngem\u00e4\u00df sagt Tacitus also, dass die Germanen auf Gaumenschmeichelei und Delikatessen verzichten und lobt das als Tugend der <a rhef=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%A4%C3%9Figung\">Temperantia<\/a>, der M\u00e4\u00dfigung. Wer sich ein wenig mehr mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tacitus\">Tacitus<\/a> besch\u00e4ftigt, erf\u00e4hrt auch, dass er den Entwicklungen im r\u00f6mischen Kaiserreich kritisch gegen\u00fcberstand und sich die strenge Moral der fr\u00fcheren Republik zur\u00fcckw\u00fcnschte: Das Kapitel \u00fcber die Sittenstrenge der germanischen Frau und Familie liest sich streckenweise wie eine harsche Kritik an den verlotterten Zust\u00e4nden im Rom seiner Zeit. An keiner Stelle behauptet Tacitus, es g\u00e4be keine Esskultur&#8230;<\/i><\/p>\n<p>Das musste mal gesagt werden. Abyssus abyssum invocat, Mohamed Amjahid!<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/07\/040720_1kl.jpg\" alt=\"kirschmarmelade\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Von mir selbst gemachte Kirschmarmelade!<\/sup><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40896?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/40896?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_40896 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_40896')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_40896').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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