{"id":39311,"date":"2020-02-11T09:55:39","date_gmt":"2020-02-11T08:55:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=39311"},"modified":"2025-07-30T22:37:53","modified_gmt":"2025-07-30T20:37:53","slug":"der-gottverlassene-landstrich-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/02\/11\/der-gottverlassene-landstrich-revisited","title":{"rendered":"Der gottverlassene Landstrich, revisited"},"content":{"rendered":"<p><i><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/artikel\/ven.html\">Dieser Text<\/a> erschien am 19.9.98 im Berliner Tagesspiegel &#8211; leider erheblich und sinnentstellend gek\u00fcrzt.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven_pa7gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven_pa7kl.jpg\" alt=\"San Fernando de Atabapo\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup><a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=venezuela+san+fernando+de+atabapo&amp;aq=&amp;sll=4.740675,-57.216797&amp;sspn=72.584384,135.263672&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=San+Fernando+de+Atabapo,+Amazonas,+Venezuela&amp;ll=4.047109,-67.70226&amp;spn=0.038099,0.066047&amp;t=h&amp;z=15\">San Fernando de Atabapo<\/a> im venezolanischen Bundesstaat Amazonas (obwohl <a href=\"http:\/\/atabapo-amazonas.gob.ve\/portal-alcaldias\/\">der Ort<\/a> am Orinoco liegt).<\/sup><\/p>\n<p><i>Oberhalb der gro\u00dfen Katarakte fanden wir l\u00e4ngs des Orinoco auf einer Strecke von 450 km nur drei christliche Niederlassungen, und in denselben waren kaum sechs bis acht Wei\u00dfe, das hei\u00dft Menschen europ\u00e4ischer Abkunft. Es ist nicht zu verwundern, da\u00df ein so \u00f6des Land von jeher der klassische Boden f\u00fcr Sagen und Wundergeschichten war. Hierher versetzten einst Missionare die V\u00f6lker, die ein Auge auf der Stirn, einen Hundskopf oder den Mund unter dem Magen haben. (Alexander von Humboldt)<\/i><\/p>\n<p>Wuchtiger Granit, von der stillen Kraft der Str\u00f6mung rund geschliffen, versperrt den Weg. Den Orinoco aufw\u00e4rts, oberhalb der unpassierbaren Stromschnellen: Die Trockenzeit hat den Pegel so weit fallen lassen, da\u00df schwarze Felsbrocken sich unerwartet dort auft\u00fcrmen, wo man vor einigen Tagen noch ohne M\u00fche passieren konnte. Der indianische Kapit\u00e4n strahlt \u00fcber das ganze Gesicht: Er darf zeigen, da\u00df er jeden Quadratmeter des Flusses kennt. Das Steuer abrupt nach links und rechts, Au\u00dfenbordmotoren r\u00f6hren, die Passagiere st\u00f6hnen auf, die Bugwelle klatscht an die vorbeihuschenden Felsen, gerettet.<\/p>\n<p>Wer von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Puerto_Ayacucho\">Puerto Ayacucho<\/a>, der quirligen und stickigen Hauptstadt des Bundesstaates Amazonas, nach S\u00fcden reisen will, mu\u00df zun\u00e4chst mit einem Lastwagen vorliebnehmen. Der bringt ihn an den Katarakten vorbei an den Oberlauf des Orinoco. Die Stra\u00dfe endet abrupt im Flu\u00df. In einer Bretterbude verkaufen zwei Frauen gek\u00fchlte Getr\u00e4nke. Ein einsamer Ventilator surrt aufgeregt, aber vergeblich gegen die Hitze. Umsteigen in ein hoffnungslos \u00fcberladenes Schnellboot. Die Fahrt nach San Fernando de Atabapo im tiefsten Urwald Venezuelas dauert vier Stunden.<\/p>\n<p><i>Hier, inmitten des neuen Kontinents, gew\u00f6hnt man sich beinahe daran, den Menschen als etwas zu betrachten, das nicht notwendig zur Naturordnung geh\u00f6rt&#8230; Krokodile und Boa sind die Herren des Stromes; der Jaguar, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nabelschweine\">Pecarim<\/a>, der Tapir und die Affen streifen durch den Wald, ohne Furcht und ohne Gef\u00e4hrde; sie hausen hier wie auf einem angestammten St\u00fcck Erde.<\/i><\/p>\n<p>Das schrieb Alexander von Humboldt im April 1800, als er und sein Gef\u00e4hrte Bonpland im Auftrag der spanischen Krone die Region erforschten. Humboldt bewies, da\u00df zwischen den gr\u00f6\u00dften Flu\u00dfsystemen S\u00fcdamerikas eine Verbindung besteht. Der Cassiquiare, den Humboldt als erster Europ\u00e4er befuhr, zweigt vom Orinoco ab, \u00f6stlich von San Fernando de Atabapo, und ergie\u00dft sich zwei Tagesreisen mit dem Kanu weiter s\u00fcdlich in den Rio Negro. Der wiederum m\u00fcndet bei Manaus in den Amazonas. Das Gebiet am Oberlauf des Orinoco ist weitgehend unerforscht und gilt als letzte Heimstatt indianischer V\u00f6lker, die sich dem Kontakt mit der Zivilisation weitgehend verweigern. Die Schilderungen Humboldts, ab 1805 unter dem Titel &#8222;Reise in die \u00c4quinoctial-Gegenden des Neuen Kontinents&#8220; ver\u00f6ffentlicht, k\u00f6nnen noch heute als Reisef\u00fchrer dienen.<\/p>\n<p><i>Auf beiden Seiten lief fortw\u00e4hrend dicker Wald am Strome hin. Die Berge im Osten schienen immer weiter wegzur\u00fccken. Wir kamen an einer merkw\u00fcrdig gestalteten Insel vorbei. Ein viereckiger Granitfels steigt wie eine Kiste gerade aus dem Wasser empor; die Missionare nennen ihn El Castillito.<\/i><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_orinc3agr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_orinc3akl.jpg\" alt=\"Orinoco\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>&#8222;El Castillito&#8220;<\/sup><\/p>\n<p>San Fernando de Atabapo: ein verschlafener Ort mit 3000 Einwohnern. Eine Kirche. Ein Restaurant: der folgenlose Genu\u00df des Tagesmen\u00fcs setzt eine tropentaugliche Darmflora voraus. Das einzige Hotel an der Plaza Bolivar: nur drei Zimmer, weit jenseits von mitteleurop\u00e4ischem Standard und Komfort. Mittendurch eine Heerstra\u00dfe f\u00fcr Ameisen und die in Volksliedern liebevoll besungenen Cucarachas. Am Abend schauen auch ein paar Kr\u00f6ten herein, die der kurze, aber um so heftigere Tropenregen unternehmungskustig macht. H\u00e4ngematte und Moskitonetz geh\u00f6rten zur Grundausstattung des Reisenden wie Toilettenpapier und Plastikfolie, um Papiere und Geld vor Feuchtigkeit zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven_pa1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven_pa1kl.jpg\" alt=\"San Fernando de Atabapo\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Das grandiose Panorama entsch\u00e4digt: Eine Gewitterwolke dr\u00e4ut \u00fcber dem satten Dunkelgr\u00fcn des Urwalds, die letzten Sonnenstrahlen glei\u00dfen durch das kitschige Abendrot und lassen die Sandb\u00e4nke wei\u00df leuchten. Hier flie\u00dfen drei Str\u00f6me zusammen: Guaviare, Atabapo und Orinoco. Der Guaviare, breiter als der Rhein, entspringt tausend Kilometer westlich in den kolumbianischen Anden und  <i>hat wei\u00dfes Wasser, und der ganze Anblick seiner Ufer, seiner gefiederten Fischf\u00e4nger, seine Fische, die gro\u00dfen Krokodile, die darin hausen, machen, da\u00df er dem Orinoco weit mehr gleicht.<\/i> Von S\u00fcden ergie\u00dft sich der Atabapo in den Guaviare. Wassertemperatur: erstaunliche 37 Grad. Der sonnendurchgl\u00fchte Granit heizt den Flu\u00df auf. Er ist dunkel wie schwarzer Tee, aber klar bis auf den Grund. Die F\u00e4rbung r\u00fchrt von Gerbs\u00e4ure, die Insekten abh\u00e4lt, ihre Eier zu legen.<\/p>\n<p>F\u00fcr Individualreisende ist die Region \u00f6stlich und s\u00fcdlich von San Fernando Sperrgebiet &#8211; zum Schutz der Indianer. Um hier zu reisen, ben\u00f6tigt man eine schriftliche Erlaubnis der Indianerbeh\u00f6rde im Kultusministerium, des Innenministeriums in Caracas und der Distriktsverwaltung in Puerto Ayacucho. Aber die Beh\u00f6rden sind weit, und Papier z\u00e4hlt weniger als der menschliche Kontakt. Am oberen Orinoco gibt es zwei Dutzend illegale Goldminen. Der Kommandant der \u00f6rtlichen Guardia Nacional kann die genauen Standorte auf der Karte zeigen. Wichtige Honoratioren des Ortes sind daran nicht ganz unbeteiligt, und der Schmuggel nach Kolumbien ist ebenfalls eintr\u00e4glich. \u00dcberm\u00e4\u00dfiger Aktivismus der Sicherheitskr\u00e4fte w\u00fcrden den regen Bootsverkehr nur unn\u00f6tig st\u00f6ren. Auch die kolumbianischen Grenzposten auf der anderen Seite des Guivare beobachten den Flu\u00df, manchmal. Was gringos tun, interessiert sie nicht. Jede zweite Nacht sind in der Ferne Schu\u00dfwechsel zu h\u00f6ren. Die Guerilla, sagen die Venezolaner.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_sanfernando3gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_sanfernando3kl.jpg\" alt=\"Orinoco\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Der Autor in San Fernando de Atabapo<\/sup><\/p>\n<p>Clemente Guicho ist <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Baniwa\">Curripaco<\/a> &#8211; eine indianische Ethnie, die am Westufer des Atabapo lebt, aber \u00e4u\u00dferlich nicht von den Kreolen zu unterscheiden ist. Deshalb bleiben die Curripaco von Touristen auf der Suche nach Naturv\u00f6lkern unbehelligt. Curripaco, ein Aruak-Dialekt, wird nur noch von 600 Menschen in rund drei\u00dfig D\u00f6rfern gesprochen. Guicho hat ein schnelles Boot, eine Vorliebe f\u00fcr amerikanische Dollar, k\u00fcmmert sich nicht um Vorschriften und f\u00e4hrt gern den Atababo hinab, bis nach Javita kurz vor der brasilianischen Grenze.<\/p>\n<p><i>Unsere Piroge bleib ein paar Minuten lang zwischen zwei Baumst\u00e4mmen stecken. Kaum war sie wieder losgemacht, kamen wir an eine Stelle, wo mehrere Wasserpfade oder kleine Kan\u00e4le sich kreuzten, und der Steuermann wu\u00dfte nicht gleich, welches der befahrenste Weg war. Sobald die Sonne aufgegangen war, ging es wieder, um der starken Str\u00f6mung auszuweichen, durch den \u00fcberschwemmten Wald. Das Klima in Javita ist ungemein regnerisch.<\/i><\/p>\n<p>Doch die Wetterg\u00f6tter haben ein Einsehen. Keine Wolke tr\u00fcbt den Himmel, und am Abend kann der Reisende die H\u00e4ngematte unter freiem Himmel aufspannen. Das Kreuz des S\u00fcdens steigt langsam zum Zenit.<\/p>\n<p><i>Es war eine der stillen, heiteren N\u00e4chte, welche im hei\u00dfen Erdstrich so gew\u00f6hnlich sind. Die Sterne gl\u00e4nzten im milden planetarischen Licht. Ein Funkeln war kaum am Horizont bemerkbar, den die gro\u00dfen Nebelfl\u00e4chen der s\u00fcdlichen Halbkugel zu beleuchten schienen. Ungeheure Insektenschw\u00e4rme verbreiteten ein r\u00f6tliches Licht in der Luft. Der dichtbewachsene Boden gl\u00fchte von lebendigem Feuer, als h\u00e4tte sich die gestirnte Himmelsdecke auf die Grasflur niedergesenkt.<\/i><\/p>\n<p>Elorza am Rio Arauca, s\u00fcdliche Llanos. Selten verirrt sich jemand nach Elorza. Nur die Fiesta im M\u00e4rz, die toros coleados, zieht venezolanische Touristen an, die die Wildwest-Atmosph\u00e4re genie\u00dfen wollen: breitbeinige M\u00e4nner mit staubigen Stiefeln und Cowboy-Hut, schmelzender Gesang, untermalt von Gitarre und Harfe, Reiter, die versuchen, einen Stier m\u00f6glichst schnell am Schwanz zu Fall zu bringen.<\/p>\n<p>Am Ortsrand leben knapp hundert Guahibos, eng zusammengedr\u00e4ngt unter einem Wellblechdach und umgeben von M\u00fcllbergen. Die Guahibos sind Nomaden, die Mehrzahl stammt aus Kolumbien. Sie nennen ihre Wohnst\u00e4tte <i>garp\u00f3n<\/i>, &#8222;gro\u00dfes Haus&#8220;, und erhalten Sozialhilfe; einige M\u00e4nner sprechen spanisch und verdingen sich f\u00fcr ein Almosen als Gelegenheitsarbeiter auf den umliegenden Farmen. Das gibt b\u00f6ses Blut: der Wahlkampf steht vor der T\u00fcr, und Lokalpolitiker haben Parolen ausgegeben, die frei \u00fcbersetzt lauten: &#8222;Guahibos raus!&#8220; und: &#8222;Arbeitspl\u00e4tze zuerst f\u00fcr Einheimische!&#8220;<\/p>\n<p>Pater Christobal ist Pole und aus Ostpreu\u00dfen geb\u00fcrtig. Sein klimatisierter Amtssitz nimmt die ganze Breite der Plaza Bolivar von Elorza ein. Als \u00f6ffentliche Person k\u00f6nne er zwar nicht immer laut sagen, was er denke, aber seine kirchliche Autorit\u00e4t geltend machen. &#8222;Vor f\u00fcnfzehn Jahren haben Viehz\u00fcchter und ihre Handlanger ein Massaker an den Guahibos ver\u00fcbt&#8220;, erz\u00e4hlt er, &#8222;es gab siebzehn Tote, auch Frauen und Kinder. Einige \u00dcberlebende hausen im garp\u00f3n. Sie haben heute noch Angst. Die Schuldigen waren bekannt, wurden aber nicht bestraft.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_guahibos1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_guahibos1kl.jpg\" alt=\"Guahibos\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wayapopih%C3%ADwi\">Guahibo<\/a>, auch Wayapopih\u00edwi genannt, im S\u00fcden Venezuelas, irgendwo in einem winzigen Dorf <a href=\"http:\/\/maps.google.com\/maps?f=q&amp;source=s_q&amp;hl=de&amp;geocode=&amp;q=R%C3%ADo+Capanaparo+venezuela&amp;sll=37.0625,-95.677068&amp;sspn=60.894251,135.263672&amp;ie=UTF8&amp;hq=&amp;hnear=Rio+Capanaparo,+Pedro+Camejo,+Apure,+Venezuela&amp;ll=6.812921,-69.501572&amp;spn=0.303399,0.528374&amp;t=h&amp;z=12\">ungef\u00e4hr hier<\/a>. Das Stammpublikum wird auch mich erkennen.<\/sup><\/p>\n<p>Man erf\u00e4hrt, da\u00df der \u00f6rtliche Automechaniker Roberto Para vor einigen Jahren eine Anthropologin aus Paris zu den nomadisierenden Guahibos gefahren hat, die irgendwo in der Savanne leben. Bis zum Rio Meta, der Grenze zu Kolumbien, sind es rund 200 Kilometer, aber es gibt in diesem gottverlassenen Landstrich nur zwei aufgegebene Geh\u00f6fte. Die kolumbianische Guerilla macht das Gebiet unsicher, attackiert die venezolanischen Grenzposten und erhebt bei n\u00e4chtlichen \u00dcberf\u00e4llen von den Viehz\u00fcchtern &#8222;Kriegssteuern&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Stunden mit dem r\u00fcttelnden Jeep durch die Savanne (vgl. Foto). <i>Der Boden zeigte \u00fcberall, wo er von der Vegetation entb\u00f6\u00dft war, eine Temperatur von 48 bis 50 Grad. Die Ebenen ringsum <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/mtrl6ly\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/elorza12.jpg\" align=\"right\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"206\"\/><\/a> schienen zum Himmel anzusteigen, und die weite unerme\u00dfliche Ein\u00f6de stellte sich unseren Blicken als eine mit Tang und Meeralgen bedeckte See dar.<\/i> Im Norden stehen Rauchs\u00e4ulen am Himmel &#8211; die Rancher nennen das &#8222;Flurbereinigung&#8220;.<\/p>\n<p>Ein schlammiger Flu\u00df: der <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven09_5gr.jpg\">Rio Capanaparo<\/a>. Ein alter Mann rudert den Reisenden schweigend an das andere Ufer. Wieder ein <i>garp\u00f3n<\/i>. Aller Augen richten sich auf den <i>chefe<\/i>. Der erkl\u00e4rt in stockendem Spanisch: Das Feuer und die Viehzucht engen den Lebensraum der Guahibos immer mehr ein. Sie litten Hunger, weil sie nicht mehr jagen k\u00f6nnten. Die Regierung lobt sich im Ausland f\u00fcr ihre gut gemeinte, das hei\u00dft paternalistische Indianerpolitik. Sie bietet den Nomaden an, gratis in Reihenhaussiedlungen wohnen zu k\u00f6nnen wie die katholischen und assimilierten Indianer am Orinoco. Dort w\u00e4ren sie gesch\u00fctzt vor \u00dcbergriffen sowohl der kolumbianischen Guerilla als auch der Viehz\u00fcchter. Doch sie wollen nicht.<\/p>\n<p><i><\/i><i>Kein Stamm ist schwerer se\u00dfhaft zu machen als die Guahibos. Lieber leben sie von faulen Fischen, Tausendf\u00fc\u00dfen und W\u00fcrmern, als da\u00df sie ein kleines St\u00fcck Land bebauen. Wir fanden daselbst sechs von noch nicht katechisierten Guahibos bewohnte H\u00e4user. Sie unterschieden sich in nichts von den wilden Indianern. Ihre ziemlich gro\u00dfen schwarzen Augen verrieten mehr Lebendigkeit als die der Indianer in den \u00fcbrigen Missionen&#8230; Mehrere hatten einen Bart; sie schienen stolz darauf, fa\u00dften uns am Kinn und gaben uns durch Zeichen zu verstehen, sie seien wie wir.<\/i><\/p>\n<p>Die ersten Wei\u00dfen, die die Guahibos kennenlernten, waren Deutsche &#8211; im 16. Jahrhundert. Die Konquistadoren Georg Hohermuth von Speyer und Friedrich von Hutten zogen 1535 im Auftrag der Welser von Coro an der K\u00fcste nach S\u00fcden, bis in das Quellgebiet des Guaviare im heutigen Kolumbien. Mehrere hundert deutsche und spanische Landsknechte durchstreiften monatelang die Savanne, ausgemergelt vor Hunger und vergeblich auf der Suche nach einem Pa\u00df in die Anden, in das Land der Muisca, zum legend\u00e4ren El Dorado. Die Muisca zahlten mit Gold f\u00fcr die Kinder der Guahibos, erfuhren sie.<\/p>\n<p><i>Fiengent ain Cassicquen oder Obersten, \u00dfo sagt, er wer auff der andern Seitten des Birgs gewest, gab uns gro\u00df Zeittung von Reichtumb. Vermochten aber mit den Pfferden nit hynuber&#8230;<\/i> berichtet der fr\u00e4nkische Edelmann Philipp von Hutten am 30. Oktober 1538 aus Coro an den kaiserlichen Rat Matthias Zimmermann in einem der ersten Briefe, den ein Deutscher aus S\u00fcdamerika geschrieben hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_coro1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/grafik\/latino_america\/venezuela\/ven98_coro1kl.jpg\" alt=\"coro\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><br \/>\n<sup>Plaza von <a href=\"http:\/\/www.coroweb.com\/\">Santa Ana de Coro<\/a>, gegr\u00fcndet 1527 vom Spanier Juan de Ampi\u00e9s, der sich dazu die Erlaubnis des <a href=\"http:\/\/wikimapia.org\/4091015\/es\/Fuente-Monumento-Cacique-Manaure-Coro-Estado-Falc%C3%B3n\">Kaziken Manaure holte<\/a>. Die kleine Kathedrale, dem heiligen Franziskus geweiht, war noch im Bau, als Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten 1528 auf diesem Platz standen.<\/sup><\/p>\n<p>Coro, im Nordwesten Venezuelas. Auf einem Platz, inmitten liebevoll restaurierter Kolonial-Architektur, steht ein Glaskasten. Darin ein schlichtes Holzkreuz. Die Legende sagt, hier sei 1528 die erste Messe der Stadt gelesen worden, und das Holz stammte von dem Baum, unter dem sich der spanische Konquistador Juan de Ampi\u00e9s und der Caquetio-Kazike Manaure zum ersten Mal trafen. Ein Jahr sp\u00e4ter kam Ambrosius Dalfinger aus Ulm, um im Auftrag der Welser einen schwunghaften Handel mit afrikanischen und indianischen Sklaven aufzuziehen. Ganz privat suchte er El Dorado. Ihm folgten deutsche und spanische Gl\u00fccksritter und die Pocken, die die Indianer dezimierten.<\/p>\n<p>Eine Geschichte, die sich in S\u00fcdamerika Dutzende Male in verschiedenen Variationen ereignet hat. Warum also das flaue Gef\u00fchl des Autors im Magen, auf der Plaza Bolivar zu stehen, vor der eint\u00fcrmigen Kathedrale Coros? Hans Hauser ist eine literarische Figur, die zum Gl\u00fcck und zu Recht vergessen worden ist. &#8222;Mit den Konquistadoren ins Goldland&#8220; hie\u00df das Buch, erschienen im Jahr 1958 in Stuttgart, von einem ebenso vergessenen Autor: Blonde deutsche M\u00e4nner sorgen in fremden Landen f\u00fcr Ordnung, bekehren heidnische wilde Indianer und erleben pr\u00e4chtige Abenteuer. Der Held ist frei erfunden, nicht jedoch die Nebenfiguren: der leutselige Ambrosius Dalfinger, der tapfere Georg Hohermuth von Speyer, der stolze Philipp von Hutten und der finstere Nikolaus Federmann, Gr\u00fcnder von Bogota.<\/p>\n<p>&#8222;Was so durch kindliche Eindr\u00fccke, was durch Zuf\u00e4lligkeiten der Lebensverh\u00e4ltnisse in uns erweckt wird, nimmt sp\u00e4ter eine ernstere Richtung an, wird oft ein Motiv wissenschaftlicher Arbeiten, weiterf\u00fchrender Unternehmungen.&#8220; Das schreibt Alexander von Humboldt \u00fcber das Motiv seiner Reise. Und Philipp von Hutten schrieb am 31. M\u00e4rz 1539 an seinen Vater: <i>Wei\u00df Gott kein Geitz Gelds hat mich bewegt, diese Rei\u00df zu thun dann allein ein sonderlicher Lust, so ich vor langer Zeit gehabt, d\u00fcnckt mich auch, w\u00e4re ich nicht mit Ruhe gestorben, wo ich Indien nicht erst gesehen.<\/i><\/p>\n<p><sup>Die Zitate Alexander von Humboldts (kursiv) sind entnommen aus: \u201eEine s\u00fcdamerikanische Reise\u201c, hg. v. Reinhard Jaspert, Berlin 1979, einer Auswahl u.a. aus Humboldts Voyage aux r\u00e9gions \u00e9quinoxiales du Nouveau Continent, (Reise in die \u00c4quinoctial-Gegenden des Neuen Kontinents), 36 B\u00e4nde, 1806ff., (Nachdruck bei Brockhaus 1970).<\/sup><\/p>\n<p><sup>Die Zitate Philipp von Huttens aus: Eberhard Schmitt und Friedrich Karl von Hutten: Das Gold der Neuen Welt. Die Papiere des Welser-Konquistadors und Generalkapit\u00e4ns von Venezuela Philipp von Hutten 1534-1541, Hildburghausen 1996.<\/sup><\/p>\n<p><i><\/i><\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39311?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39311?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_39311 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_39311')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_39311').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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