{"id":39191,"date":"2020-01-26T21:09:15","date_gmt":"2020-01-26T20:09:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=39191"},"modified":"2020-01-26T21:14:05","modified_gmt":"2020-01-26T20:14:05","slug":"39191","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2020\/01\/26\/39191","title":{"rendered":"Moralisierende Selbstgerechtigkeit und die Religiotisierung"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2020\/01\/260120_1.jpg\" alt=\"identitaetspolitik\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/p>\n<p>Klaus von Dohnanyi <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/debatte-um-thilo-sarrazin-feigheit-vor-dem-wort-1.996129\">verteidigt in der S\u00fcddeutschen<\/a> Thilo Sarrazin. Der Artikel ist lehrreich, nicht, weil ich mit den Thesen \u00fcbereinstimmte, sondern weil man die Argumente des politischen Gegners widerlegen sollte, falls es sich nicht um blo\u00dfe Vorurteile handelt, was in diesem Fall strittig ist, die bekanntlich jeder Vernunft trotzen, ganz gleich, welches Argument man vorbr\u00e4chte.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass der \u00f6ffentliche Diskurs aka die Mainstream- und die so genannten &#8222;sozialen Medien&#8220; nur selten, wenn \u00fcberhaupt, das F\u00fcr und Wider abw\u00e4gen, sondern meistens danach trachten, das nicht Erw\u00fcnschte in eine Schublade zu packen, womit das Thema zwar nicht vom Tisch, aber erledigt zu sein scheint. Die Berliner <a href=\"https:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/article228185245\/Islam-Integration-Zuwanderung-Macht-Moschee-Wagner-Buch-Berlin.html\">Morgenpost<\/a> zitierte den ehemaligen ARD-Journalisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Joachim_Wagner_(Journalist)\">Joachim Wagner<\/a>: &#8222;Beim Thema Zuwanderung hat unsere Gesellschaft ihre Dialog- und Streitf\u00e4higkeit in weiten Teilen verloren. Die Bereitschaft, andere Meinungen \u00fcberhaupt zu h\u00f6ren, erodiert. Nach einer Allensbach-Umfrage haben ja 71 Prozent der Menschen den Eindruck, man kann sich nur mit Vorsicht zur Fl\u00fcchtlingsthematik \u00e4u\u00dfern. Das hat zwei Ursachen: Es gibt eine moralisierende Selbstgerechtigkeit auf der links-gr\u00fcnen Seite, aber auch im kirchlichen Milieu &#8211; diese dominiert die Debatte in der medialen \u00d6ffentlichkeit. Und es gibt die Hetze auf dem rechten Rand. In der Mitte regiert die Sprachlosigkeit, aus Angst in die rechte Ecke gestellt zu werden.&#8220;<\/p>\n<p>Was auch immer von solchen Umfragen zu halten sei: &#8222;Moralisierende Selbstgerechtigkeit&#8220; beschreibt das, was ich meine korrekt: Politik wird von den Mittelschichten durch Moral ersetzt, bei welchem Thema auch immer &#8211; das enthebt einen der unbequemen Frage, ob der Kapitalismus an sich zu kritisieren sei, was zwangweise die Machtfrage auf die B\u00fchne bringt, oder nur seine <del>Ausw\u00fcchse<\/del> Risiken und Nebenwirkungen, etwa das Klima, Genderfragen oder das Finanzkapital.<\/p>\n<p>Wagner sagt: &#8222;Von allen Migrantengruppen schneiden die Sch\u00fcler mit t\u00fcrkischem und arabischem Hintergrund nach allen Bildungsvergleichen am schlechtesten ab. Das h\u00e4ngt mit dem sozio\u00f6konomischen Status der Bev\u00f6lkerungsgruppen zusammen, aber auch mit dem teilweise mangelnden Bildungsehrgeiz.&#8220;<\/p>\n<p>Ist diese These nun Sarrazinismus? Klaus von Dohnanyi: &#8222;Sarrazins Behauptung, dass es besondere, kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen gibt, kann heute niemand mehr mit Sachkenntnis bestreiten. Die amerikanische Enzyklop\u00e4die der Sozialwissenschaften nennt das social race: &#8222;soziale Rasse&#8220;. Sarrazin sieht nun bei Teilen islamischer Gruppen eine Ablehnung der Integration und darin Gefahren f\u00fcr unsere Bildungs- und Leistungsgesellschaft.&#8220;<\/p>\n<p>Hier geraten wir in die N\u00e4he des reaktion\u00e4ren &#8222;Multikulti&#8220;-Begriffs des &#8222;gr\u00fcnen&#8220; Milieus: &#8222;Kultur&#8220; ist nie (in Worten: \u00fcberhaupt nicht) eine Eigenschaft von Menschen, und schon gar nicht von &#8222;Volksgruppen&#8220;. Kultur ist immer ein Projekt und kann sich jederzeit \u00e4ndern. Nat\u00fcrlich gibt es Traditionen und kollektive Gewohnheiten, die sind aber selbst wieder schon das Resultat, warum und wie man sich der Gesellschaft angepasst hat oder nicht.<\/p>\n<p><i><a href=\"https:\/\/bigthink.com\/ideafeed\/social-race\">Race is a \u201csocial concept<\/a>, not a scientific one\u201d claimed geneticist J. Craig Venter following the discovery that humans share 99.9% of the same genetic code irrespective of our skin color.<\/i><\/p>\n<p>Das widerlegt IMHO Dohnanyi und Sarrazin sowieso, weil letzterer dumm und biologisch, also rassistisch daherfaselt. Und noch mehr gilt das mat\u00fcrlich f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/scholarship.law.berkeley.edu\/cgi\/viewcontent.cgi?article=2815&amp;context=facpubs\">Konzept der &#8222;Rasse&#8220;<\/a> beim Homo sapiens. (<a href=\"http:\/\/modules.ilabs.uw.edu\/module\/race-today-what-kids-know-as-they-grow\/racism-is-a-social-product-of-race\/\">Daraus folgt<\/a>: &#8222;Racism is a Social Product of Race&#8220;. Und es wundert \u00fcberhaut nicht, dass es f\u00fcr den Eintrag <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Race_and_society\">Race and society<\/a> kein deutsches Wikipedia-Pendant gibt.)<\/p>\n<p>Richtig ist, dass gro\u00dfe Teile des Einwanderer-Milieus, dazu geh\u00f6ren auch Deutscht\u00fcrken, sich nicht mit der Gesellschaft, in der sie leben, identifizieren. Warum w\u00e4hlen Deutsche t\u00fcrkischer Herkunft den Diktator Erdogan?<\/p>\n<p>&#8222;<a href=\"https:\/\/static.leipzig.de\/fileadmin\/mediendatenbank\/leipzig-de\/Stadt\/02.1_Dez1_Allgemeine_Verwaltung\/18_Ref_Migration_und_Integration\/Bildung\/Handreichung_Migrantenfamilien_aus_arabisch-islamisch_gepraegten_Laendern_in_Leipzig.pdf\">Die Araber<\/a>&#8220; stimmt vielleicht, wenn man nur die Sprache meint, im Detail wird das aber kompliziert.<br \/>\n<i>Eine Studie hat gezeigt, dass die durchweg h\u00f6chsten Leistungen im Leseverst\u00e4ndnis als auch in naturwissenschaftlichen Kompetenzen die Kinder erreichen, deren beide Eltern in Deutschland geboren wurden. Signifikant niedriger fallen die Leistungen aus, wenn ein Elternteil im Ausland geboren wurde und die niedrigsten Werte haben Kinder, deren beide Eltern nicht in Deutschland geboren wurden (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/IGLU-Studie\">IGLU-Studie<\/a>). (&#8230;) Viele hier lebende &#8222;Araber&#8220; sind beispielsweise Kurden, sie kommen zwar m\u00f6glicherweise aus einem Land, in dem die Amtssprache arabisch ist, ihre eigentliche Muttersprache ist jedoch kurdisch. Auch sind nicht alle Araber Muslime.<\/i><\/p>\n<p>In der <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/islam-und-identitaetspolitik-kritik-ist-legitim-und-nicht-rechts-ld.1509319\">Neue Z\u00fcrcher Zeitung<\/a> argumentiert Kacem El Ghazzali &#8211; wohltuend ohne Hyperventilation &#8211; unter der \u00dcberschrift: &#8222;Ich kritisierte den politischen Islam und die Identit\u00e4tspolitik. Und pl\u00f6tzlich galt ich als \u00abrechts\u00bb. Warum eigentlich?&#8220;<\/p>\n<p>Auch hier schimmert &#8222;Multikulti&#8220; durch: Die Verehrung h\u00f6herer Wesen gilt im gr\u00fcnen Milieu als &#8222;Kultur&#8220; und muss deshalb verteidigt werden. Ich erinnere daran, dass Str\u00f6bele <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2009\/10\/14\/nie-wieder-strobele-wahlen\">einen islamischen Feiertag<\/a> forderte.<\/p>\n<p>Zum Thema muss man nur eine Presseerkl\u00e4rung der Aleviten lesen (nicht mehr online, von 2009): &#8222;Die Dominanz und das Selbstbewusstsein, mit dem der politische Islam in Deutschland eine Form der Religi\u00f6sit\u00e4t in den Mittelpunkt der Gesellschaft r\u00fcckt, der in seiner Auspr\u00e4gung mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung nicht vereinbar ist, ver\u00e4ngstigt nicht nur alevitische Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger in Deutschland zunehmend. (&#8230;) Dieses Urteil (<i>das <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/gerichte\/verwaltungsgericht\/presse\/pressemitteilungen\/2009\/pressemitteilung.424362.php\">Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin<\/a> vom 29.09.2009 (AZ.: VG 3 A 984.07), wonach einem muslimischen Sch\u00fcler das Recht einger\u00e4umt wurde, einmal t\u00e4glich sein Gebet in der Schule verrichten zu d\u00fcrfen<\/i>)  ist die Fortf\u00fchrung einer befremdlichen Tradition der deutschen Justiz. Das bet\u00e4ubungslose Sch\u00e4chten von Tieren, die Teilnahme am Schwimmunterricht im Burkini, Kinder die Jihad hei\u00dfen sowie Frauen, die mit Verweis auf die Scharia keine H\u00e4rtefallscheidung von pr\u00fcgelnden muslimischen Ehem\u00e4nnern bekommen. All das hat den Segen der freiheitlich demokratischen Justiz in Deutschland. Dieses Ma\u00df an Liberalit\u00e4t bei Entscheidungen deutscher Gerichte in Bezug auf den Islam vermissen wir in Entscheidungen der Verwaltungsgerichtsbarkeit z.B. in ausl\u00e4nder- und asylrechtlichen Entscheidungen&#8220;.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich w\u00fcrden die gef\u00fchlten &#8222;Linken&#8220;, die die Hijabisierung glauben verteidigen zu m\u00fcssen, auch die Aleviten als &#8222;Rechte&#8220; beschimpfen (wenn sie wissen, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aleviten\">was Aleviten sind<\/a>).<\/p>\n<p>Einen hab ich noch. Der <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/kulturkampf-in-frankreich-radikale-islamisten-erobern.886.de.html\">Deutschlandfunk<\/a> zitiert franz\u00f6sische Islamwissenschafter (!), darunter den hier oft lobend erw\u00e4hnten Gilles Kepel.<br \/>\n<i>Gilles Kepel, der schon in den 90er Jahren die Entstehung eines origin\u00e4ren Islam in Frankreich diagnostizierte, spricht von einem Kulturkampf, der sich heute in Frankreich abspielt:<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Es ist ein Kulturkampf zwischen denen, die unsere muslimischen Mitb\u00fcrger mit ihrer salafistischen Vision in Geiselhaft nehmen, eine Vision, die direkt zum Dschihad gegen die Ungl\u00e4ubigen f\u00fchrt \u2013 und auf der anderen Seite jenen, die daran glauben, dass es in der franz\u00f6sischen Gesellschaft f\u00fcr alle Menschen, unabh\u00e4ngig von ihrem Glauben, den gleichen Platz gibt, nach dem Prinzip der Laizit\u00e4t.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Darum geht es: Soll der Staat weltlich (laizistisch) sein &#8211; oder nicht? Deutschland ist <i>nicht<\/i> s\u00e4kular, solange Staat und Kirchen nicht getrennt werden, solange der Staat die Kirchensteuer einzieht, solange <a href=\"https:\/\/www.ibka.org\/de\/infos\/privilegien.html\">Religionsunterrricht<\/a> in den Schulen stattfindet, solange die Kirchen in Rundfunkr\u00e4ten sitzen und vieles andere mehr.<\/p>\n<p>Sorry, der Text ist viel zu lang, aber mir kam so manches in den Sinn&#8230;<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39191?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/39191?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_39191 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_39191')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_39191').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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