{"id":3485,"date":"2009-10-21T00:31:22","date_gmt":"2009-10-20T23:31:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=3485"},"modified":"2009-11-19T18:17:21","modified_gmt":"2009-11-19T16:17:21","slug":"deutsch-des-grauens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2009\/10\/21\/deutsch-des-grauens","title":{"rendered":"Deutsch des Grauens"},"content":{"rendered":"<p>Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Sprachkritik? Wer nicht klar spricht und schreibt, hat vorher wirr gedacht. Schreiben ist jedoch Handwerk: Man kann lernen, wie man sich ausdr\u00fccken muss, damit das Publikum versteht, was man meint. Manche Leute glauben jedoch, sich m\u00f6glichst geschwurbelt geben zu m\u00fcssen. Der Jargon einzelner Berufe, das Juristen- und Beamtendeutsch, das eitle und oft oft nur faule Gespreize und das vermeintlich Authentische &#8211; sie sind Feinde der Sprache und der klaren Gedanken. Meine Sprachp\u00e4pste sind <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elias_Canetti\">Elias Canetti<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Heine\">Heinrich Heine<\/a> und der Philosoph <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Christoph_Lichtenberg\">Georg Christoph Lichtenberg<\/a>. Letzterer ist schlicht ein Sprachgenie. &#8222;Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat.&#8220; Zum Gl\u00fcck habe ich mindestens eine. Ich rege mich also immer auf.<\/p>\n<p>&#8222;Er sagt es klar und angenehm, was erstens, zweitens, drittens k\u00e4m&#8220;, beschrieb Wilhelm Busch einen guten Redner. Der jedoch h\u00e4tte ein Problem gehabt, w\u00e4re sein Thema die <i>Telekommunikations\u00fcberwachungsverordnung<\/i> gewesen: Das Wortunget\u00fcm, aus dem Urgrund der deutschen Beamtenseele hervorgekrochen, ist f\u00fcr die Sprache das, was <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Freddy_Krueger\">Freddy Kr\u00fcger<\/a> f\u00fcr kleine M\u00e4dchen ist. &#8222;Abh\u00f6rgesetz&#8220; sollte es hei\u00dfen! Wir sagen auch &#8222;Geisterfahrer&#8220; und nicht &#8222;Gegenfahrbahnbenutzer&#8220;, obwohl nirgendwo Geister sind.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich holpernd kommt die \u00dcberschrift &#8222;<a href=\"http:\/\/www.internet-law.de\/2009\/10\/nichtanwendungserlass-fur-das.html\"><i>Nichtanwendungserlass f\u00fcr das Zugangserschwerungsgesetz<\/i><\/a>&#8220; einher. Thomas Stadler, ein Anwalt, hat das verbrochen, und ihm sei halb verziehen &#8211; Juristen k\u00f6nnen nicht schreiben. Ausnahmen best\u00e4tigen die Regel. Wer \u00fcbersetzen das, was er uns mitteilen will, ins Deutsche &#8211; so wie es auf seinem Blog steht, versteht es niemand. Und da es sich um das Gute, Sch\u00f6ne und Wahre handelt, ist das bedauerlich.<\/p>\n<p><i>Der in den Koalitionsverhandlungen vereinbarte Kompromiss zu den Netzsperren, wonach f\u00fcr die Dauer von einem Jahr nur gel\u00f6scht und nicht gesperrt werden soll, soll offenbar \u00fcber einen Anwendungserlass geregelt werden, der dem BKA aufgibt, keine Sperrlisten zu erstellen und solche Listen auch nicht weiterzuleiten. <\/i> <\/p>\n<p>44 <a href=\"http:\/\/www.wikiservice.at\/dse\/wiki.cgi?Verst%E4ndlichkeitsModelle\">W\u00f6rter<\/a>, verschachtelt und nicht logisch verkn\u00fcpft &#8211; muss das sein? Neun W\u00f6rter pro Satz bedeuten bei dpa die <a href=\"http:\/\/www.kd-medienverlag.de\/sprachsalat\/aktuell-details\/news\/wer-zaehlt-schreibt-besser.html\">Obergrenze<\/a> der optimalen Verst\u00e4ndlichkeit. Probieren wir&#8217;s!<\/p>\n<p>Der Kompromiss soll irgendwie durch irgendwas geregelt werden &#8211; das ist die Aussage des Satzes. Und wer tut was? Wer ist Ross und wer ist Reiter? <i>Die Koalitionsparteien haben einen Kompromiss geschlossen.<\/i> Doppelpunkt: welchen?<i> F\u00fcr ein Jahr soll (Websites?) nur gel\u00f6scht und nicht gesperrt werden.<\/i> Wer sperrt? <i>Wer wie sperrt, wird in einem Erlass geregelt.<\/i> Doppelpunkt: Was steht da drin? <i>Das BKA darf keine Sperrlisten erstellen und diese auch nicht weiterleiten.<\/i> Geht doch. Drei oder vier S\u00e4tze, insgesamt nur 35 W\u00f6rter, und alles ist gesagt.<\/p>\n<p>Noch schlimmer ist eine Pressemitteilung des <a href=\"http:\/\/www.vorratsdatenspeicherung.de\/content\/view\/340\/1\/lang,de\/\">Ak Vorrat<\/a>:<br \/>\n<i>Die im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung zusammengeschlossenen B\u00fcrgerrechtler, Datensch\u00fctzer und Internetnutzer halten den Kompromiss von FDP, CDU und CSU zur Vorratsdatenspeicherung f\u00fcr inakzeptabel und weisen die sachlich falsche Kritik von Polizeifunktion\u00e4ren entschieden zur\u00fcck.<\/i> <\/p>\n<p>Wer tut was? Was ist wichtig und was zus\u00e4tzliche Information? <i>B\u00fcrgerrechtler, Datensch\u00fctzer und Internetnutzer<\/i> &#8211; was tun die? Sie haben sich zusammengeschlossen. Aber das ist nicht das Wichtigste, sondern nur das Logo, das in einer Presseerkl\u00e4rung nicht fehlen darf. Aber nicht am Beginn einen Satzes, der das Publikum interessieren und fesseln soll! <\/p>\n<p>Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung <i>weist etwas zur\u00fcck<\/i> &#8211; das ist auch Unsinn und langweiliges Politiksprech. Die Frau wollte das Nachporto nicht bezahlen und wies das Postpaket zur\u00fcck. Da geht es, aber nicht hier. &#8222;<i>F\u00fcr inakzeptabel halten<\/i> &#8211; wie w\u00e4re es mit: <i>akzeptiert nicht<\/i>? <i>Der AK Vorrat akzeptiert den Kompromiss zur Vorratsdatenspeicherung nicht<\/i> &#8211; das ist die Botschaft, und erst dann kommen die Dinge, die nur erl\u00e4utern. Daf\u00fcr gibt es den Nebensatz: <i>den  FDP, CDU und CSU ausgehandelt haben.<\/i> <\/p>\n<p>Was noch? Der AK Vorrat kritisiert die Kritik oder so \u00e4hnlich. Entschieden, nicht halbherzig &#8211; wer h\u00e4tte das gedacht. Au\u00dferdem wei\u00df hier niemand, was genau die Kritik der Polizeifunktion\u00e4re war. Kritisieren die den Kompromiss oder die Meinung des AK Vorrat? Beide akzeptieren also den Kompromiss nicht, aber aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden? <i>Der AK Vorrat h\u00e4lt (zudem) die Kritik der Polizeifunktion\u00e4re am Kompromiss f\u00fcr sachlich falsch.<\/i> Und jetzt kann hinterherhoppeln: <i> Am AK Vorrat haben sich B\u00fcrgerrechtler, Datensch\u00fctzer und Internetnutzer zusammengeschlossen.<\/i><\/p>\n<p><i>&#8222;Eine Einschr\u00e4nkung des staatlichen Datenzugriffs ist keineswegs die angek\u00fcndigte &#8218;Aussetzung der Vorratsdatenspeicherung&#8216; und \u00e4ndert nichts an dem inakzeptablen Risiko einer missbr\u00e4uchlichen Nutzung oder eines versehentlichen Bekanntwerdens unserer privaten, gesch\u00e4ftlichen und politischen Kommunikationsbeziehungen.<\/i><\/p>\n<p>Au weia. Das erinnert mich an mein <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/forum\/phpBB2\/viewtopic.php?t=5983\">Posting<\/a> vom 11. M\u00e4rz 2006: &#8222;Wie man gr\u00e4ssliche Pressetexte in schlechtem Deutsch verfasst&#8220;. Ich schweife kurz ab: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Valentin\">Karl Valentin<\/a> ist verst\u00e4ndlicher als der AK Vorrat: &#8222;Wehe dem, der sich selbst, wehe dem, dem derjenige nur das ist, was wir uns von diesem erwartet haben. Selbst ist die Frau! Meine Herren! Wenn die Besonnenheit uns von unseren Sorgen, deren wenige ein verblendendes Spiel in uns gesetzt zum Zwecke des Mittels, einen wie bei jedem, wir k\u00f6nnen nicht das gute Gewissen mit derselben Resignation verkn\u00fcpfen, der unserem Standpunkt von vorneherein gegen\u00fcberstand.&#8220;<\/p>\n<p>Ganz einfach: Jedes Wort, das auf -ung endet, ist verboten (au\u00dfer &#8222;Vorratsdatenspeicherung&#8220;, weil es um genau die geht). Der Staat greift also auf unsere Daten zu. Das Verb <i>greifen<\/i> ist allemal st\u00e4rker und besser als das lasche &#8222;der Zugriff&#8220;, das uns verschweigen will, wer denn zugreifen will. Ich muss zugeben: Ich bin nicht sicher, ob ich auf Anhieb richtig verstanden habe, was uns der AK Vorrat sagen will. Wenn der Staat weniger h\u00e4ufig auf Daten zugreift, wird die Vorratsdatenspeicherung nicht ausgesetzt? Die doppelte Verneinung hat immer T\u00fccken &#8211; das versteht niemand auf Anhieb. Die Steigerung des Arbeitslosigkeit verringert sich &#8211; wird sie nun mehr oder weniger?<\/p>\n<p><i>Die Vorratsdatenspeicherung wird nicht ausgesetzt <\/i>(besser positiv: <i>bleibt in Kraft<\/i>), (auch) wenn der Staat nur weniger h\u00e4ufig auf Daten zugreift. Es besteht weiter das Risiko, dass er die Daten missbraucht. (&#8222;Inakzeptables Risiko&#8220; gef\u00e4llt  mir nicht. Das schafft eine zus\u00e4tztliche logische Ebene &#8211; eigentlich die Aufgabe eines Nebensatzes.) <i>Kommunikationsbeziehungen<\/i> &#8211; das ist nicht nur ein wei\u00dfer Schimmel, sondern unaussprechliches Soziologen-Gefasel. Wer mit wem telefoniert oder wer wem schreibt &#8211; das ist gemeint. Kommunikation ist immer schon eine &#8222;Beziehung&#8220;. <i>Wer mit wem kommuniziert &#8211; privat, gesch\u00e4ftlich oder politisch -, k\u00f6nnte daher (immer noch) versehentlich bekannt werden.<\/i> <\/p>\n<p>Klaus Lederer ist berliner Vorsitzender der Linken. <a href=\"http:\/\/www.blaetter.de\/artikel.php?pr=3125\">In seinem Aufsatz<\/a> &#8222;Links und libert\u00e4r? Warum die Linke mit individueller Freiheit hadert&#8220; schreibt er: &#8222;<i>Ein das linke Denken verkleisternder, dogmatischer Grundbestand an Vorstellungen..<\/i>&#8220; oder &#8222;<i>Diese Beschreibung darf nicht \u00fcber die tempor\u00e4re Faszination und Wirkungsm\u00e4chtigkeit dieser Ideologie..<\/i>&#8222;. <\/p>\n<p>Leute, gebraucht Verben und denkt an Lenin: Wer wen? Das wollen die Leser wissen. Ung ung ung keit keit keit ion ion ion ismus ismus ismus. Neinnein, alles verboten. &#8222;Wirkungsm\u00e4chtigkeit&#8220; &#8211; welche Sprache soll das sein &#8211; Parteichinesisch? <i>Die Ideologie wirkt und ist m\u00e4chtig und fasziniert, aber nur zeitweilig.<\/i> Das w\u00e4re zwar stilistisch besser, aber logisch falsch. Lederer will das Gegenteil sagen: Die Ideologie ist <i>nicht<\/i> m\u00e4chtig, aber ausnahmsweise <i>jetzt<\/i> ein bisschen, obzwar nur tempor\u00e4r. Da m\u00fcsste ich noch feilen. \u00dcbrigens: Was Lederer schreibt, ist gut und richtig und interessant.<\/p>\n<p>Aber jetzt bin ich m\u00fcde und gehe schlafen und benutze dazu die Glotze. Da ist alles noch viel schlimmer. Ich sollte einfach den Ton ausstellen.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3485?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3485?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3485 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3485')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3485').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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