{"id":3037,"date":"2009-09-30T17:22:00","date_gmt":"2009-09-30T16:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=3037"},"modified":"2009-09-30T17:22:00","modified_gmt":"2009-09-30T16:22:00","slug":"der-lange-marsch-in-den-mainstream","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2009\/09\/30\/der-lange-marsch-in-den-mainstream","title":{"rendered":"Der lange Marsch in den Mainstream"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Text erschien am 15.8.1997 (!) im Berliner Tagesspiegel. Er war bisher nicht \u00f6ffentlich zug\u00e4nglich, aber es wird darauf verwiesen. Jetzt also f\u00fcr alle lesbar&#8230;(ohne Links)<\/i><\/p>\n<p>Der lange Marsch in den Mainstream<br \/>\n&#8222;Und der Schmul&#8216; mit krummer Nase,<br \/>\nKrummer Vers&#8216; und krummer Hos&#8216;,<br \/>\nSchl\u00e4ngelt sich zur hohen B\u00f6rse,<br \/>\nTief verderbt und seelenlos.&#8220;<br \/>\nDiese Zeilen stammen von einer CD der Neonazi-Rockband &#8222;Saccara&#8220; aus Meppen. Titel des Liedes: &#8222;Schmulchen Schievelbeiner&#8220;. Text: Wilhelm Busch. Jeder wei\u00df gemeint ist: das antisemitische Klischee des Juden. Und trotzdem wird man Wilhelm Busch wohl kaum auf den Index setzen.<\/p>\n<p>Die vier Zeilen und die Rechtsrock-Band aus dem Emsland widerlegen so gut wie alle Klischees, die in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber die ultrarechte Musikszene herumspuken. Die Musiker sind keine Skinheads, sondern Langhaarige, die ihre Karriere in der Heavy-Metal-Szene begannen. Nur ein Teil der rechten Texte verherrlicht direkt Gewalt, prim\u00e4r geht es um den Transport rassistischer und antisemitischer Versatzst\u00fccke. Die K\u00e4ufer der Platten und CDs geh\u00f6ren in der Regel nicht der Neonazi-Szene an, sondern sind ganz normale Jugendliche, die sich meist als unpolitisch verstehen. Trotzdem bommt der Rechts-Rock. Wer nicht bewu\u00dft darauf spekuliert, Texte durch Verbote erst recht interssant zu machen, kann juristische H\u00fcrden leicht umgehen. So wird die neueste Platte der Band &#8222;Arisches Blut&#8220; mit dem Hinweis angepriesen: &#8222;intelligente Umschiffung bundesdeutscher Gesetzesklippen.&#8220;<\/p>\n<p>Im neonazistischen Mailboxen-Verbund &#8222;Thule-Netz&#8220; erschien vor wenigen Wochen der Hinweis, da\u00df Bands aus dem ultrarechten Spektrum vor allem in den neuen Bundesl\u00e4ndern f\u00fcnfstellige Verkaufszahlen erreichen, ohne da\u00df ihre Musik beworben, im Radio gespielt oder in normalen L\u00e4den angeboten wird. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage, wie in der Marktwirtschaft \u00fcblich, nicht umgekehrt. Mit Rechtsrock l\u00e4\u00dft sich viel Geld verdienen. Die, die das professionell tun wie der D\u00fcsseldorfer RockNord-Verlagschef Torsten Lemmer, stehen den Inhalten in der Regel gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber. Indizierungen gelten als kalkulierbares Gesch\u00e4ftsrisiko. Verluste werden durch Preisaufschl\u00e4ge wettgemacht. Das Gesch\u00e4ft mit ultrarechter Musik hat gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit dem dem Drogenhandel und l\u00e4\u00dft sich mit nur polizeilichem Zugriff und juristischen Mitteln ebensowenig in den Griff bekommen.<\/p>\n<p>Die Szene hat sich in den letzten Jahren diversifiziert. Skinhead-Bands wie &#8222;Landser&#8220; best\u00e4tigen ganz bewu\u00dft das Klischee &#8222;dumm, brutal, gemein&#8220;. Der bekannteste Rechts-Barde Frank Rennecke steht musikalisch in der Tradition des Liedermachers, politisch in der des Nationalsozialismus. &#8222;Rheinwacht&#8220; bietet auch melancholischen Gitarren-Rock oder musikalische Imitate der &#8222;B\u00f6hsen Onkelz&#8220;. Viele Bands, deren Outfit bei Techno-Parties nicht auffallen w\u00fcrde, sind nur einem lokal eng begrenztem Personenkreis bekannt. Einschl\u00e4gige Konzerte, deren Termine nur per Mundpropaganda weitergegeben werden, ziehen bis zu 1000 Besucher an. Jedes Wochenende findet mindestens eines statt, h\u00e4ufig getarnt und angemeldet als private Feier. Hochglanz-Magazine wie &#8222;RockNord&#8220; aus dem rechtsextremistischen Spektrum werben mit eigenen Internet-Seiten, von denen Tonbeispiele der Bands abgerufen werden k\u00f6nnen. Lokale Skin-Fanzines wie &#8222;Foier Frei&#8220; aus Chemnitz erreichen nur geringe Auflagen, daf\u00fcr gibt es aber Dutzende der primitiv zusammengestoppelten Bl\u00e4ttchen.<\/p>\n<p>Die GEMA hat sich Anfang August von Werken distanziert, &#8222;die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung wenden&#8220;. Das immer wieder reflexartig abgespulte Ritual, &#8222;damit&#8220; nicht zu tun haben zu wollen, zeigt nur, wie hilflos die \u00d6ffentlichkeit auf eine Entwicklung reagiert, die bisher kaum wahrgenommen wird: Die rechte Szene hat sich aus dem Dunstkreis neonazistischer Politsekten gel\u00f6st und sich &#8211; vor allem im Osten &#8211; als soziale Bewegung in das Alltagsmilieu integriert.<\/p>\n<p>Das zeigt sich vor allem in der Musik: Rechte Inhalte werden als solche nicht mehr politisch wahrgenommen, sondern als &#8222;normal&#8220; akzeptiert. Der Reiz der Texte besteht in der Opposition zum &#8222;System&#8220;. Die gewaltt\u00e4tige Attitude geh\u00f6rt zur Vermarktungsstrategie wie das martialische Band-Logo: &#8222;Brutal Attack&#8220;, &#8222;Kraftschlag&#8220;, &#8222;Oithanasie&#8220;. Rassisten und Antisemiten gelten aber in der \u00d6ffentlichkeit und bei Sozialarbeitern in den neuen Bundesl\u00e4ndern nicht als Problem, solange sie nicht gewaltt\u00e4tig werden. Die beiden wichtigste Nazi-Bands aus Sachsen-Anhalt, &#8222;Elbsturm&#8220; und &#8222;Doitsche Patrioten&#8220;, durfen jahrelang in Magdeburger Jugendclubs proben, gef\u00f6rdert mit Mitteln des AGAG-Programms, obwohl ihre Konzerte regelm\u00e4\u00dfig von der Polizei verboten wurden. Der Antisemitismus als zentrale Klammer rechtsextremistischer Einstellungen ger\u00e4t so aus dem Blickfeld. Das Ergebnis ist dementsprechend: Die rechte Szene ist im Aufwind, obwohl polizeilich registrierte Gewalttaten aus politischen Motiven zur\u00fcckgehen. Kapitalismuskritik mittels Musik samt nationaler und sozialistischer Einsprengsel ist im Osten ein Renner.<\/p>\n<p>&#8222;Sie ist sehr hart, die Zeit in der wir leben, so soll auch die Musik dazu sein,&#8220; textet Saccara. Rechtsrock ist zum einen ein Initationsritual f\u00fcr die aufbegehrenden Underdogs am Rande der Wohlstandsgesellschaft: Die nehmen die Rolle des unverstandenen Verlierers ein &#8211; eine beliebte Attitude bei Jugendlichen, vor allem in den neuen Bundesl\u00e4ndern. Weder das Gemeinschaftsgef\u00fchl der Punks noch Party-Stimmung des Lehrer-und-\u00c4rzte-Pop noch Kommerz des Techno-Mainstreams: Rechte Musik ist zum anderen eines der letzten Dissidenz-Reservate f\u00fcr Jugendliche und bezieht daher ihren Reiz.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verlief die Geschichte der Skinheads, der \u00e4ltesten Jugendkultur Europas, die sich seit 30 Jahren beharrlich dem Zugriff wohlmeinender Sozialarbeiter und auch der Kommerzialisierung verweigert. Sie, die sogenannte &#8222;Oi-Musik&#8220;, ist heute nur ein Segment der rechten Musikszene. Ihre Ikonen wie Fred-Perry-Hemden und Doc-Martens-Schuhe gelten nicht als Zeichen f\u00fcr Marginalisierung, sondern als Mainstram. Die Glatze ist kein Vorbote der Gewalt, sondern g\u00e4ngige Mode auch unter Techno-Fans, wie fr\u00fcher der Fa\u00e7on-Schnitt.<\/p>\n<p>Die Nachfrage l\u00e4\u00dft sich durch Mahnen, Warnen und durch eine permanent besorgte Attitude kaum verkleinern. Wer sich reflexartig distanziert, best\u00e4tigt f\u00fcr die Jugendlichen den Gebrauchswert rechter Musik &#8211; Identit\u00e4t durch Abgrenzung gegen den vermeintlichen Mainstream.<\/p>\n<p>Die g\u00e4ngigen Vorschl\u00e4ge, was zu tun sei, richten sich jeweils nach dem politischen Verwertungsinteresse: Wer Rassismus als Ph\u00e4nomen gesellschaftlicher Randgruppen mi\u00dfdeutet, wird nach Polizei und Justiz rufen, wer Antisemitismus als Resultat fehlender Lehrstellen interpretiert, eher nach dem Sozialarbeiter. Beides wird nichts n\u00fctzen. Jede Gesellschaft hat die Musik, die sie verdient.<\/p>\n<p>\u00a9Burkhard Schr\u00f6der<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3037?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3037?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_3037 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_3037')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_3037').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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