{"id":30123,"date":"2016-07-25T18:27:18","date_gmt":"2016-07-25T16:27:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=30123"},"modified":"2019-04-05T17:08:45","modified_gmt":"2019-04-05T15:08:45","slug":"scripted-reality-oder-pommesbude-und-muskelbank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2016\/07\/25\/scripted-reality-oder-pommesbude-und-muskelbank","title":{"rendered":"Scripted Reality oder: Pommesbude und Muskelbank"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/www.edition-assemblage.de\/zwischen-pommesbude-und-muskelbank\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2016\/07\/250716_2.jpg\" alt=\"Pommesbude und Muskelbank\" border=\"0\" hspace=\"10\" vspace=\"10\" width=\"240\" align=\"left\"\/><\/a>Neulich las ich Britta Steinwachs&#8216; <a rel=\"nofollow\" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3942885913\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&amp;camp=1638&amp;creative=6742&amp;creativeASIN=3942885913&amp;linkCode=as2&amp;tag=burkhardschroder\">Zwischen Pommesbude und Muskelbank: Die mediale Inszenierung der &#8222;Unterschicht&#8220;.<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=burkhardschroder&amp;l=as2&amp;o=3&amp;a=3942885913\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\"\/>.<\/p>\n<p>Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist in einem schrecklichem Wissenschafts-Jargon verfasst (vgl. Ausriss unten), dazu auch noch &#8211; v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig! &#8211; in Gendersprech geschrieben (vgl. das <a href=\"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=31365\">Interview<\/a>: Steinwachs kann nicht so geredet haben, weil Gender-Unterstriche in Gesprochenem nicht vorkommen), womit sich die Verfasserin als Teil eines ganz bestimmten sprachesoterischen Milieus outet.<\/p>\n<p>F\u00fcr Menschen, die das nicht gewohnt sind, ist das Buch unleserlich und nicht verst\u00e4ndlich. &#8222;Wenn wir etwas mit M\u00fche lesen, so ist der Autor gescheitert&#8220;. (Jorge Luis Borges) Es kann mir niemand erz\u00e4hlen, dass es nicht auch anders ginge. Nur macht es dann M\u00fche; gut, das hei\u00dft verst\u00e4ndlich zu schreiben, ist ein Handwerk, das man erlernen sollte.<\/p>\n<p>Die gute Nachricht: Der Plot ist spannend und interessant; man lernt auch etwas, wenn man sich bis zum Schluss durchk\u00e4mpft &#8211; Kaufempfehlung jedoch leider nur f\u00fcr Medienwissenschaftler und einschl\u00e4gige Berufsgruppen und Leute, die sehr schnell lesen k\u00f6nnen. (Das h\u00e4tte die Autorin anders haben k\u00f6nnen.) Der Inhalt umfasst nur rund 100 Seiten, der Rest sind Anmerkungen, Anhang usw..<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.edition-assemblage.de\/zwischen-pommesbude-und-muskelbank\/\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2016\/07\/250716_3.gif\" alt=\"Pommesbude und Muskelbank\" border=\"1\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die Moral von der Geschicht&#8216;: Die &#8222;neue Unterschicht&#8220; (also das deklassierte Proletariat und\/oder die industrielle Reserverarmee) wird in den Medien als Milieu inszeniert, das verwahrlost und passiv ist. Wer nicht arbeiten will, ist b\u00f6se. (&#8222;Im Original: &#8222;moralisierende Delegitimierung nicht-werwerbst\u00e4toger Lebensformen&#8220;.)<\/p>\n<p>Wer arbeitslos ist, ist selbst schuld und kann das nur \u00e4ndern, indem das Verhalten der Norm der Mittelschicht angepasst wird. In der Serie &#8222;<a href=\"http:\/\/www.rtl.de\/cms\/sendungen\/real-life\/familien-im-brennpunkt.html\">Familien im Brennpunkt<\/a>&#8220; interveniert und korrigiert letzlich und oft der Staat (Jugendamt, Polizei usw.). Ungleiche Chancen auf Bildung seien kein &#8222;strukturelles&#8220; Problem, sondern Resultat individuellen Fehlverhaltens.<\/p>\n<p>Die Mitglieder der so genannten &#8222;Unterschicht&#8220; werden moralisch diskreditiert &#8211; das wiederum ist typisch f\u00fcr Journalisten und Medienarbeiter, die zur \u00fcbergro\u00dfen Mehrheit aus eben dieser Mittelschicht stammen, somit (vermutlich unbewusst) ihren &#8222;Klassenauftrag&#8220; erf\u00fcllen: Nach oben buckeln und nach unten treten. (Letzteres sage ich, die Autorin suggeriert das nur, spricht es aber  mit wenigen Ausnahmen &#8211; weder aus noch gebraucht sie marxistische Begriffe, was f\u00fcr das reaktion\u00e4re Gendersprech-Milieu, auch bekannt als neue wohlhabende und konservativ gr\u00fcn-w\u00e4hlende Mittelschichten, nat\u00fcrlich passt.)<\/p>\n<p>Im Original: &#8222;Diese massenmediale Inszenierung der Unterschichtkultur als Barriere gesellschaftlicher Integration (&#8230;) birgt die Gefahr, dass allein schon die k\u00f6rperliche Disposition, die der Unterschicht im Sinne eines Klassengeschmacks zugeschrieben wird, stigmatisierend auf der gesamte Gruppe des unteren Klassenlagen als vermeintlicher Ausdruck ihrer leistungsverweigernden Haltung der Passivit\u00e4t zur\u00fcckf\u00e4llt.&#8220;<\/p>\n<p>Birgt die Gefahr? Nein, it&#8217;s not a bug, it&#8217;s a feature! Das genau ist die Aufgabe der Medien. Das richtige Verhalten garantiere den sozialen Status oder gar den Aufstieg, deswegen steht &#8222;Erziehung&#8220; ganz oben auf der Agenda der &#8222;mittleren Klassenlagen&#8220;, aus denen sich die Journalisten fast ausnahmslos rekrutieren. Das ist nat\u00fcrlich eine Illusion und eine gro\u00dfe L\u00fcge, und die herrschende Klasse w\u00fcrde sich dar\u00fcber kaputtlachen, wenn sie das interessierte.<\/p>\n<p>Spannend war f\u00fcr mich vor allem das dritte Kapitel: &#8222;Der K\u00f6rper als zentraler Ort der Vergesellschaftung&#8220; (daraus stammt der Ausriss). Das Individuum muss in der Krise, die traditionelle Mileus zerrei\u00dft und vernichtet, sich irgendwo einordnen, sich sozusagen &#8222;tribalisieren&#8220;. Der t\u00e4towierte und gepiercte K\u00f6rper (inklusive metallener Nasenpopel) ist genau das: Er wird zum Zeichen des Sozialen.<\/p>\n<p>Noch ein Zitat aus dem Buch: &#8222;Die Wahrnehmung von K\u00f6rpern im \u00f6ffentlichen Raum ist also Teil eines im- und expliziten Sozialisationsprozesses, womit der K\u00f6rper einerseits in seiner <i>K\u00f6rper<\/i>dimension zum Austragungsort sozialer Deutungsk\u00e4mpfe wird und sich qua seiner <i>Leib<\/i>dimension tief ins Innere des Subjekts als untrennbare Mischung aus origin\u00e4rer Individualit\u00e4t und sozial erlernten Empfindungsmustern einbrennt.&#8220;<\/p>\n<p>Alles klar? Puls und Atmung noch normal? Im Hintergrund murmeln <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/1999\/34\/199934.biblio-serie.xml\">Calvin und die protestantische Arbeitsethik<\/a>.<\/p>\n<p>Ethnologen reiben sich jetzt grinsend die H\u00e4nde und verweisen zum Beispiel auf Papua-Neuguinea, <a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2011\/06\/21\/die-sumpf-iren-und-die-burka\">Mary Douglas<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Claude_L%C3%A9vi-Strauss\">Levi-Strauss<\/a> usw. und dass nichts neu sei, sondern &#8211; in anderen Kost\u00fcmen &#8211; schon immer da war. Ich vermisste auch einen Verweis auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klassismus\">Klassismus<\/a> (vgl. die Literaturliste bei Wikipedia), obwohl die Autorin an anderer Stelle dokumentiert hat, dass sie wei\u00df, worum es geht.<\/p>\n<p>Merke: Auch Gendersprech ist Klassismus. (Steile These, die ich aus ethnologischer Sicht beweisen k\u00f6nnte, aber es h\u00f6rt mir ja niemand zu.)<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30123?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30123?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_30123 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_30123')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_30123').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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