{"id":28981,"date":"2016-01-14T19:28:35","date_gmt":"2016-01-14T18:28:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=28981"},"modified":"2016-01-14T19:31:43","modified_gmt":"2016-01-14T18:31:43","slug":"von-den-toten-spartanisch-erzaehlt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2016\/01\/14\/von-den-toten-spartanisch-erzaehlt","title":{"rendered":"Von den Toten spartanisch erz\u00e4hlt"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2016\/01\/140115_1.jpg\" alt=\"Winter\" width=\"480\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\"\/><\/p>\n<p><sup><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jakub_Schikaneder\">Jakub Schikaneder<\/a>: Winter, 1883<\/sup><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.onlinezeitung24.de\/article\/3545\/print\">De mortuis nil nisi bene<\/a> &#8211; von den Toten darf man auch Schlechtes erz\u00e4hlen, aber auf gute Weise. So empfahl es <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chilon_von_Sparta\">Chilon von Sparta<\/a>.<\/p>\n<p>Nur wenige werden Herrn Ch. kennen. Ich habe ihn einmal auf dem U-Bahnhof Mehringdamm auf einer Bank gesehen, zusammengesunken, mit einer Flasche Billigfusel in der Hand. Dort hat er gelebt. Wenn er mich erkannt h\u00e4tte, h\u00e4tte er wohl laut geschimpft und die Faust drohend erhoben. <\/p>\n<p>Herr Ch. war der unangenehmste Obdachlose, mit dem ich zu tun hatte. Bei den \u00c4rzten, Pflegern und Schwestern des Krankenhauses, in dem ich arbeite, war er ber\u00fcchtigt. Die meisten st\u00f6hnten auf und winkten ab, wenn die Feuerwehr ihn wieder einmal &#8211; fast t\u00e4glich &#8211; auf einer Trage in die Rettungsstelle schoben, als angeblich hilflose Person. Herr Ch. geh\u00f6rte zur Elite der Obdachlosen: Er wusste, wo er sich nur auf den B\u00fcrgersteig fallen lassen musste, damit die Passanten die Feuerwehr riefen. Meistens war das vor den Imbissbuden oberhalb des U-Bahnhofs, wo zahllose Touristen herumstehen. Das funktioniert immer: Eine Rettungsstelle darf niemanden abweisen, auch wenn die Person nur besoffen ist &#8211; es k\u00f6nnte ja auch etwas anders vorliegen. <\/p>\n<p>Wenn Herr Ch., derangiert &#8211; wie immer nach Alkohol und Schmutz stinkend &#8211; auf der Trage den Eingang passierte, flankiert von zwei Feuerwehrleuten, br\u00fcllte er: &#8222;Ich will eine Decke!&#8220; Wenn ich da stand &#8211; als &#8222;Bodyguard&#8220; f\u00fcr das medizinische Personal, f\u00fcgte er hinzu: &#8222;Schei\u00dfe! Arschloch! Fotze!&#8220;<\/p>\n<p>Immer dasselbe Ritual: Sobald Herr Ch. im Warmen lag und auf eine Behandlung wartete, schimpfte er lauf, nannte die Krankenschwestern &#8222;Schlampen&#8220;, alle anderen, auch die Patienten, &#8222;Arschl\u00f6cher&#8220;, kurz gesagt: Er war unausstehlich, eine wahre Landplage. Jeder war froh, wenn Herr Ch. endlich seinen Rausch ausschlief und das Maul hielt. Wenn ich Dienst hatte, ging ich zu ihm, und er wusste, was dann kam: Ich sagte ihm: &#8222;Wenn Sie weiter das Personal beleidigen, werfe ich Sie hinaus.&#8220; Fr\u00fcher glaubte er mir nicht, sondern beschimpfte mich w\u00fcst, bis ich ihn mehrfach gewaltsam, per Armhebel \u00e0 la Krav-Maga, hinausschaffte. Damit war es nicht getan: Herr Ch. p\u00f6belte drau\u00dfen weiter, begab sich laut krakeelend, zur Haupthalle, same procedure, bis man ihn dort entfernte, kam wieder zur\u00fcck usw.. Das konnte Stunden so gehen. Es gefiel ihm nicht, wie ich ihn behandelte, denn es tut weh, wenn man sich wehrt. Deswegen benahm sich Herr Ch. nach den ersten Malen &#8211; im Rahmen seiner M\u00f6glichkeiten &#8211; relativ zivilisiert, wenn ich in der Rettungsstelle Dienst hatte. <\/p>\n<p>Man muss die Methoden des \u00dcberlebens, die Obachlose benutzen, als solche akzeptieren und die Sache sportlich sehen. Wenn die einen kennengelernt haben, stellen sie sich auch darauf ein. Ich duze auch niemanden. Jeder hat das Recht, h\u00f6flich behandelt zu werden, auch der schlimmste Idiot.<\/p>\n<p>In zwei Jahren habe ich Herrn Ch. einmal n\u00fcchtern erlebt. Das war vor ungef\u00e4hr einem Monat. Herr Ch. hatte sich in der Rettungsstelle ausgeschlafen, w\u00fchlte sich von der dreckigen Trage, sammelte seine Plastikt\u00fcten ein. Ich sprach ihn an: &#8222;Sie kennen mich ja. Wenn Sie besoffen sind, dann sind Sie unertr\u00e4glich und ich kriege dann schlechte Laune.&#8220; Er lachte nur, ein freundliches, h\u00f6fliches Lachen, und nickte. Die Schwestern erz\u00e4hlten, dass Herr Ch. ein gebildeter Mensch sei und sich nett unterhalten k\u00f6nne, wenn er n\u00fcchtern sei. Das war er nur fast nie.<\/p>\n<p>Herr Ch. ist vor einer Woche in Kreuzberg auf der Stra\u00dfe erfroren.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28981?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28981?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_28981 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_28981')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_28981').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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