{"id":28643,"date":"2015-11-17T19:03:10","date_gmt":"2015-11-17T18:03:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=28643"},"modified":"2015-11-19T12:49:59","modified_gmt":"2015-11-19T11:49:59","slug":"babylonien-revisited-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2015\/11\/17\/babylonien-revisited-2","title":{"rendered":"Babylonien, revisited"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2014\/04\/07\/babylonien\">Babylonien<\/a>, revisited, 26.0: <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Afghanistan#Persisch_.28Dari.29\">Dari<\/a>, der Mann kam aus Afghanistan.<\/p>\n<p><i>&#8222;Der Kapitalismus tr\u00e4gt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.&#8220; (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Jaur%C3%A8s\">Jean Jaur\u00e8s<\/a> (1859-1914)<\/i><\/p>\n<p>Ich muss hier mal etwas sagen. Vermutlich sehe ich die Welt anders als die Masse derjenigen, die sich in den &#8222;sozialen&#8220; Netzwerken und anderswo stundenlang \u00fcber Einwanderer oder Menschen auslassen, die vor dem Krieg fl\u00fcchten. Ich sehe die fast t\u00e4glich, und ich habe ganz konkret mit denen zu tun, wenn ich im Krankenhaus arbeite. Ich kann \u00fcber die kackbraunen Kameraden und die, die es noch werden wollen &#8211; wie der uns\u00e4gliche <a href=\"http:\/\/meedia.de\/2015\/11\/17\/durchgeknalltes-arschloch-die-welt-trennt-sich-mit-sofortiger-wirkung-von-autor-matussek\/\">Matussek<\/a> &#8211; nur den Kopf sch\u00fctteln. Ich wei\u00df nicht, in welcher Welt die leben, jedenfalls nicht meiner.<\/p>\n<p>Ich mag nicht \u00fcber den Job als &#8222;Bodyguard&#8220; im Krankenhaus schreiben, allein schon aus Gr\u00fcnden des Datenschutzes. Es w\u00fcrde mir auch niemand glauben, was dort t\u00e4glich geschieht, der es nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Man kann sich das gar nicht ausdenken.<\/p>\n<p>Kleine Gesten erkl\u00e4ren manchmal die Welt besser als langatmiges theoretisches Gefasel. <\/p>\n<p>Ein junger Mann kam in die Rezeption. Er sprach nur Arabisch und ganz wenige Brocken Englisch und Deutsch. Um das Handgelenk hatte er ein <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos83120150929baendchen_356_1_20150928152926654-jpg\/12380928\/3-format43.jpg\">Plastik-Armband<\/a> (des <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/lageso\/\">LAGeSo<\/a>?) mit einer Nummer. Keine Papiere, keinen Ausweis, noch nicht das gr\u00fcne Papier, das Fl\u00fcchtlinge bekommen, wenn sie registriert sind. Er schrieb seinen Namen auf einen Zettel, aber auf Arabisch, und das konnte niemand entziffern. Die Schwester in der Rezeption &#8211; \u00fcbrigens eine Afrodeutsche &#8211; musste ihn deshalb wegschicken. Ich habe das nat\u00fcrlich gesehen und ihm mit Gesten klargemacht, dass er im Warteraum bleiben solle. Das Problem schien mir doch l\u00f6sbar, da die Mehrheit der Wartenden oft ohnehin aus Deutscht\u00fcrken und Arabisch sprechenden Kranken und deren Angeh\u00f6rigen besteht.<\/p>\n<p>Exkurs zu Mehrheiten im Warteraum des Krankenhauses: &#8222;T\u00fcrken&#8220; (die in Kreuzberg sowieso alle Deutsch sprechen, au\u00dfer den Alten) und Araber sind nur dann in der Mehrheit, wenn nicht gerade eine bosnische Gro\u00dffamilie kommt, die, wenn eine Person krank ist, mindestens 30 Angeh\u00f6rige aufbietet, um dem Kranken gruppendynamisch beizustehen, was dann &#8222;Party&#8220; im Warteraum bedeutet und f\u00fcr mich Stress, weil nat\u00fcrlich alle Kinder mitkommen, auch wenn es zwei Uhr morgens ist. Gegen Bosnier sind Roma ein Kinderspiel, und au\u00dferdem kennt mich die Roma-<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roma#Die_Bedeutung_der_Gro.C3.9Ffamilie\">Satra<\/a> schon, die hier immer auftaucht: Die Roma lebten vorher in Spanien, deshalb sprechen sie neben Romanes Spanisch, was ich wiederum verstehe. Sie seien vor dem unertr\u00e4glichen Rassismus dort geflohen, sagte mir die so genannte <i>mama principal<\/i> &#8211; das ist die Frau, die bestimmt, was gemacht wird. Und wenn ich der sage, dass es zu laut sei im Warteraum &#8211; was es immer ist, wenn die Roma wieder mal da sind -, dann gibt sie einen Befehl und die Bande ist wieder ein paar Minuten ganz brav. Wenn ich das einem m\u00e4nnlichen Roma sagte, passierte gar nichts, und ich m\u00fcsste sehr laut werden, was ich zu vermeiden suche. Vielleicht w\u00fcrden Ethnologen, die sich mit Roma auskennen, das bestreiten, aber bei mir ist es so. Mir zeigen auch die kleinen Jungen stolz ihre teuren Armbanduhren, die nicht so aussehen, als h\u00e4tten sie sich die gekauft. Vielleicht bin ich auch nicht der typische &#8222;Security&#8220;-Mann, mit dem Roma normalerweise zu tun haben.<\/p>\n<p>Der junge Araber stand etwas ratlos herum, zog seinen schmuddeligen Pullover hoch und zeigte mir eine \u00fcble blutige Schwellung an seinem Bauch. Ich fragte die Wartenden, ob jemand Arabisch und Deutsch oder Englisch verstehe &#8211; das war aber ausnahmsweise nicht der Fall. Die Sache wurde vertrackt. Ein kranker Mann, der auf einer Trage drinnen auf seine Behandlung wartete, h\u00f6rte, was ich sagte, und winkte mich heran: Er sei T\u00fcrke, aber wenn es um Araber aus dem Irak nahe der t\u00fcrkischen Grenze gehe, dann k\u00f6nnen er den vermutlich verstehen. Er qu\u00e4lte sich von seiner Trage hoch, obwohl er das nicht h\u00e4tte tun m\u00fcssen, und humpelte mit mir in den Warteraum. Der junge Araber freute sich k\u00f6niglich, als ich mit einem Mann kam, in dem er wohl einen Dolmetscher vermutete. Aber leider funktionierte es nicht: Die beiden redeten aufeinander ein, aber verstanden sich nicht.<\/p>\n<p>Dann mischte sich ein weiterer Mann ein, der allein im Warteraum sa\u00df. Der sprach zwar kein Wort Deutsch, aber auch Arabisch. Jetzt hatte der junge Mann einen Ansprechpartner. Nur konnte ich weder den einen noch den anderen verstehen. Der T\u00fcrke aber kam mit dem \u00e4lteren Araber irgendwie radebrechend klar. Es stellt sich heraus, das der \u00e4ltere Araber aus Syrien stammte, was bedeutete, dass der junge Araber <i>kein<\/i> Syrer war.<\/p>\n<p>Mittlerweile waren irgendwie alle Leute im Warteraum &#8211; rund zwei Dutzend &#8211; am Thema interessiert und beobachteten uns gespannt. Ich sagte dem T\u00fcrken, er solle dem \u00e4lteren Araber klarmachen, dass ich von dem j\u00fcngeren Araber dessen Namen und Geburtsdatum und Nationalit\u00e4t brauchte, sonst weigerte sich die Krankenhaus-B\u00fcrokratie, in Gang zu kommen. Mit der LAGeSo-Nummer allein ginge das nicht. Es half aber alles nichts, obwohl mittlerweile vier Personen mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gestikulierten. <\/p>\n<p>Neben uns sa\u00df ein junges franz\u00f6sisches Paar: Die Frau war verletzt und wartete wie alle anderen. Sie sprachen schlechtes Englisch, und ich kann Franz\u00f6sisch zwar verstehen, aber keinen geraden Satz herausbringen. Die Frau begann pl\u00f6tzlich, auf den jungen Araber einzureden. Es stellte sich heraus, dass sie zwar nicht Arabisch aktiv sprechen konnte, aber ein wenig verstehen. Als ich das den Anwesenden berichtete, l\u00e4chelten einige, auch welche, die sich gar nicht beteiligt hatten. Ich hoffe, ich kann verst\u00e4ndlich machen, was ich meine.<\/p>\n<p>Die Sache lief dann so ab: Der junge Araber schrieb etwas auf einen Zettel, den ich organisiert hatte, und die Franz\u00f6sin transkribierte es. Und ein halbes Dutzend Leute guckte ihr dabei \u00fcber die Schulter und gab Ratschl\u00e4ge. Des R\u00e4tsels L\u00f6sung: Der junge Araber stammte aus Tripolis in Libyen, war 1992 geboren und auf dem &#8222;\u00fcblichen&#8220; Weg nach Deutschland gekommen. Jetzt hatte ich auch seinen Namen. Den Zettel gab ich der diensthabenden Schwester, und alles nahm seinen b\u00fcrokratisch-ordnungsgem\u00e4\u00dfen Gang.<\/p>\n<p>Ich brachte dann eine Flasche Mineralwasser und Pappbecher in den Warteraum. Der T\u00fcrke legte mir seinen Arm um die Schulter, w\u00e4hrend er das Mineralwasser trank, auch, weil er vor Schmerzen kaum stehen konnte, der \u00e4ltere Araber &#8222;prostete&#8220; mir mit dem Pappbecher zu, der Libyer und die Franz\u00f6sin redeten immer noch lebhaft aufeinander ein.<\/p>\n<p>Ceterum censeo: Ich hoffe, ich konnte verst\u00e4ndlich machen, was ich meine. <\/p>\n<p>Ich verga\u00df zu erw\u00e4hnen: Im Warteraum sa\u00dfen auch drei Thail\u00e4nderinnen und eine Tamilin. Der Afghane war schon in Behandlung, und der junge Afrikaner mit frauenfreundlichem Rasta-Look, der <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Mandinka_language\">Mandinka<\/a> und perfekt Deutsch sprach, war schon gegangen. Der einzige Mann, der mich total und \u00fcber Stunden nervte, war ein \u00e4lterer Albaner, der alle f\u00fcnf Minuten fragte, ob er nicht zu seinem Verwandten hineingehen k\u00f6nne, weil der kein Wort Deutsch spreche und au\u00dferdem Analphabet sei.<\/p>\n<p>Vorgestern musste ich einem jungen Mann, der sich mit psychotrophen Substanzen abgef\u00fcllt hatte, gleich zwei Messer wegnehmen, bevor er damit spielen konnte. Eines davon hatte er im Schuh versteckt. Und heute Nacht meinte ein etwas betrunkener, aber sehr kr\u00e4ftiger Herr, er m\u00fcsse auf einen \u00e4lteren Polizisten einpr\u00fcgeln, der ihn zum <del>Ornithologen<\/del> Psychiater der Rettungstelle bringen wollte. Ich hatte es irgendwie geahnt, stand daneben und hatte Gelegenheit, die Grundtechniken des Krav Maga zu demonstrieren. Der Job ist manchmal ganz interessant.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28643?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28643?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_28643 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_28643')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_28643').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"action\":\"recommend\",\"language\":\"de_DE\"},\"twitter\":{\"reply_to\":\"\",\"tweet_text\":\"%20Babylonien%2C%20revisited%20%C2%BB%20Burks%27%20Blog%20-%20in%20dubio%20pro%20contra.%20De%20omnibus%20...\",\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Twitter senden. Schon beim Aktivieren werden Daten an Dritte \\u00fcbertragen - siehe <em>i<\\\/em>.\",\"perma_option\":\"off\",\"language\":\"de\",\"referrer_track\":\"\"}},\"txt_help\":\"Wenn Sie diese Felder durch einen Klick aktivieren, werden Informationen an Facebook, Twitter, Flattr, Xing, t3n, LinkedIn, Pinterest oder Google eventuell ins Ausland \\u00fcbertragen und unter Umst\\u00e4nden auch dort gespeichert. N\\u00e4heres erfahren Sie durch einen Klick auf das <em>i<\\\/em>.\",\"settings_perma\":\"Dauerhaft aktivieren und Daten\\u00fcber-tragung zustimmen:\",\"info_link\":\"http:\\\/\\\/www.heise.de\\\/ct\\\/artikel\\\/2-Klicks-fuer-mehr-Datenschutz-1333879.html\",\"uri\":\"https:\\\/\\\/www.burks.de\\\/burksblog\\\/2015\\\/11\\\/17\\\/babylonien-revisited-2\",\"post_id\":28643,\"post_title_referrer_track\":\"Babylonien%2C+revisited\",\"display_infobox\":\"on\"});}});\n\/* ]]> *\/<\/script><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Babylonien, revisited, 26.0: Dari, der Mann kam aus Afghanistan. &#8222;Der Kapitalismus tr\u00e4gt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.&#8220; (Jean Jaur\u00e8s (1859-1914) Ich muss hier mal etwas sagen. Vermutlich sehe ich die Welt anders als die Masse derjenigen, die sich in den &#8222;sozialen&#8220; Netzwerken und anderswo stundenlang \u00fcber Einwanderer oder Menschen auslassen, die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,614],"tags":[],"class_list":["post-28643","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-panorama","category-security"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28643","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=28643"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28643\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":28662,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/28643\/revisions\/28662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=28643"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=28643"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=28643"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}