{"id":26797,"date":"2015-03-19T05:11:49","date_gmt":"2015-03-19T04:11:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=26797"},"modified":"2015-03-19T05:11:49","modified_gmt":"2015-03-19T04:11:49","slug":"die-boesen-sind-die-anderen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2015\/03\/19\/die-boesen-sind-die-anderen","title":{"rendered":"Die B\u00f6sen sind die Anderen"},"content":{"rendered":"<p><i>Dieser Artikel von mir erschien am 01.07.1998 in der &#8222;Jungle World&#8220; und ist gerade wieder aktuell (vgl. blockupy).<\/i><\/p>\n<p>\u00dcber die Inszenierung von Gewalt<\/p>\n<p>In Berlin-Kreuzberg haben zwanzig t\u00fcrkische Jugendliche einen deutschen Polizisten so verpr\u00fcgelt, da\u00df er im Koma liegt. Der Polizist ist verheiratet und hat zwei Kinder. Im brandenburgischen Pritzwalk haben zwanzig Skinheads einen Punker so verpr\u00fcgelt, da\u00df er im Koma liegt. Das Opfer ist unverheiratet und hat keine Kinder. In K\u00f6ln verpr\u00fcgeln zwanzig islamische Fundamentalisten einen algerischen Oppositionellen. T\u00e4ter wie Opfer sind Asylbewerber. In Hamburg verpr\u00fcgeln zwanzig Albaner einen Jugoslawen. T\u00e4ter wie Opfer geh\u00f6ren zum Rotlichtmilieu. Ausl\u00e4ndische Hooligans (von Frankreich aus gesehen) verpr\u00fcgeln einen einheimischen Polizisten.<\/p>\n<p>Gelogen, gut erfunden oder wahr? Nichts sagt mehr \u00fcber eine Gesellschaft aus als die Art und Weise, wie sie \u00fcber Gewalt redet. Der Gewalt-Diskurs ist eine Meta-Theorie, mittels derer unterschiedliche Milieus dar\u00fcber kommunizieren, wie sie andere Milieus sehen. Jedes Milieu hat Lobbyisten, Experten, die vorgeben, den verschl\u00fcsselten Kode der anderen Milieus verstehen zu k\u00f6nnen. Die Experten in weniger komplexen Gesellschaften, von Ethnologen Trickster genannt, vermitteln zwischen den Menschen und den G\u00f6ttern, also zwischen zwei Sph\u00e4ren, die kaum etwas miteinander zu tun haben oder die Sprache der anderen nur verstehen, wenn sie sich eines Dritten bedienen. Bricht der Dritte die Regeln, wie der mythische Prometheus, der den G\u00f6ttern das Feuer raubt, also Teil ihres Machtmonopols, wird er bestraft.<\/p>\n<p>Die Experten in hochkomplexen Systemen sind daf\u00fcr da, einem Milieu einleuchtend zu erkl\u00e4ren, da\u00df das B\u00f6se aus dem jeweils anderen Milieu stammt. Die Experten weisen Schuld zu und aktivieren und entlasten das Milieu, das jeweils bezahlt. Das traditionell konservative Milieu macht die Erzieher der neuen Mittelschichten f\u00fcr den Werteverlust verantwortlich. Lehrer und Sozialarbeiter geben ihren Geldgebern die Schuld &#8211; zu wenig Mittel f\u00fcr Jugendarbeit sind die Ursache f\u00fcr Gewalt, Drogenmi\u00dfbrauch usw. Parteien sehen best\u00e4tigt, was sie jeweils schon wu\u00dften: fehlende soziale Gerechtigkeit (PDS) alias Kapitalismus ist schuld. Ganz besonders gefragt sind Experten, Trickster, die sich allgemein kulturpessimistisch \u00e4u\u00dfern, da\u00df sich alle best\u00e4tigt f\u00fchlen k\u00f6nnen: Fr\u00fcher war alles besser, heute jedoch beoabachten wir Individualisierung und Destabilisierung sozialer Milieus. Der unverst\u00e4ndliche und schwammige Kode der Experten suggeriert, da\u00df es einen Meta-Code des Gewalt-Diskurses g\u00e4be, was sie dazu pr\u00e4destiniert, von verschiedenen Milieus mit unterschiedlichen Interessen positiv vereinnahmt zu werden.<\/p>\n<p>Nicht die, die die Macht haben, sind b\u00f6se, sondern andere. Das Gewaltmonopol der Herrschenden darf im Diskurs nicht vorkommen. Besonders die Jugend ist gef\u00e4hrdet, sich nicht an die Regeln zu halten, und potentiell gewaltt\u00e4tig und drogens\u00fcchtig. Die nachwachsende Generation ist &#8211; noch! &#8211; nicht so wie wir. Die Jugend ist aber resozialisierbar. Der Kick des Diskurses l\u00e4\u00dft sich nur steigern, wenn die Gesellschaft als Inkarnation des B\u00f6sen &#8211; neben der Jugend &#8211; marginalisierte Gruppen medial erzeugt als warnendes Beispiel daf\u00fcr, da\u00df denen nicht zu helfen ist. Nazis sind die Arbeitslosen, die sozial Schwachen, die Doofen. Skinheads haben keine Lehrstelle und keine Zukunft. M\u00e4nner aus diskurs-erprobten Mittelschichten erkl\u00e4ren, da\u00df sexuelle Gewalt bei proletarischen M\u00e4nner ein Problem ist. T\u00fcrken und Araber sind Machos. Rassismus und Antisemitismus beobachten wir nur bei den Nazis.<\/p>\n<p>Die Lobbyisten der Berufs-Betroffenen (Helfen und Heilen) reden \u00fcber Gewalt mittels Jugendlicher. Die k\u00f6nnen nichts daf\u00fcr, da\u00df sie so sind. Die Gesellschaft will sie wiederhaben. Die Lobbyisten der harten Hand (Strafen und Einsperren) rufen: die Obrigkeit mu\u00df gegen das B\u00f6se h\u00e4rter durchgreifen! Nazi-Zeitungen verbieten! Mit der ganzen (nicht etwa der halben!) H\u00e4rte des Gesetzes gegen Chaoten vorgehen usw. Die B\u00f6sen, die hier gemeint sind, k\u00f6nnen etwas daf\u00fcr, da\u00df sie so sind. Die Gesellschaft will sie nicht mehr. Sie sind Psychopathen &#8211; &#8222;hirnverbrannte Schl\u00e4ger&#8220;. Drogenmi\u00dfbrauch f\u00fchrt zu Hirnsch\u00e4den.<\/p>\n<p>Wozu dient der Gewalt-Diskurs? Er verschafft der Gesellschaft Angstlust wie der Horrorfilm: Ohne Gewalt wei\u00df niemand, was das Gute ist. Gut ist: Wollen wir mal dar\u00fcber reden, mit einer Kerze in der Mitte. Runder Tisch. Reden ist erlaubte Gewalt, die Fortsetzung des Hooliganismus mit anderen Mittel. Beziehungsgespr\u00e4che der neuen Mittelschichten sind ein gutes Beispiel. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie Frauen-, M\u00e4nner-, Selbsterfahrungsgruppen. Reden hei\u00dft: der Sozialarbeiter zwingt dem Schl\u00e4ger sein Spiel und seine Regeln auf. Du mu\u00dft dich der Gruppe anpassen. Wo k\u00e4men wir denn hin. Wenn du es zu etwas bringen willst, mu\u00dft du das tun und jenes lassen. Der Arbeitsmarkt im Kapitalismus belohnt dich daf\u00fcr, da\u00df du kein Warlord bist. Geld, Frauen, Liebe und Prestige sollen die kompensatorische Gratifikation f\u00fcr Gewalt sein.<\/p>\n<p>Wer Macht hat, redet nicht \u00fcber Gewalt. Die Herrschenden k\u00f6nnen andere beauftragen, Gesetze zu erlassen, die die Beherrschten zwingen, ihren W\u00fcnschen nachzukommen (Asylgesetz alias &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220;). Wer \u00fcber Gewalt kommuniziert, demonstriert, da\u00df er selbst \u00fcber nur begrenzte Macht verf\u00fcgt. Man will, da\u00df die, die den eigenen sozialen Status potentiell bedrohen, sich an Regeln halten, die man selbst aufgestellt hat. Nur die Mittelschichten fordern von allen anderen, sich an Regeln zu halten, weil sie &#8222;Angst vor dem Absturz&#8220; (Barbara Ehrenreich) haben. Wer aufsteigen will, mu\u00df die Werte der Gesellschaft verinnerlichen und sich selbst kontrollieren. Beherrsche dich, und nicht etwa andere! Der soziale Aufsteiger ist gegen Gewalt, weil Gewalt archaisch ist und die Regeln, die ihm ein gesichertes Leben erm\u00f6glichen, ad absurdum f\u00fchrt. Der klassische Radfahrer tritt nach unten, aber fordert gleichzeitig, da\u00df die da oben das nicht tun. Sie sollen ihn daf\u00fcr belohnen, da\u00df er sich an die Regeln h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Gewalt ist eine Ikone, ein sinnliches, also medial vermitteltes Bild eines Ph\u00e4nomens, das unterschiedliche Gruppen jeweils verschieden wahrnehmen und interpretieren. Hooligans finden Gewalt geil. Sie verschafft ihnen alles, was das Leben versprechen kann: K\u00f6rpergef\u00fchl, \u00dcberschreiten der Grenzen, Macht, Gruppendynamik, Thrill. Ein Trip ohne psychotrope Hilfsmittel.<\/p>\n<p>Die Berufs-Betroffenen, allen voran Theologen, finden Gewalt abscheulich. Politiker distanzieren sich von Gewalt, als wenn sie es n\u00f6tig h\u00e4tten. Psychologen erkl\u00e4ren Gewalt denen, die nicht wissen, woher sie kommt. Sozialarbeiter verstehen Gewalt, weil sie ihre Klientel verstehen. Lehrer reden \u00fcber Gewalt mit denen, die sich ihrer nicht bedienen sollten. Mach einen Bogen um das B\u00f6se. Soldaten und Polizisten sind gewaltt\u00e4tig, weil sie es d\u00fcrfen. Mach also einen Bogen um das B\u00f6se nur dann, wenn es verboten ist &#8211; das ist so \u00fcberfl\u00fcssig wie ein wei\u00dfer Schimmel.<\/p>\n<p>Sagt ein Experte etwas, das die Gesellschaft nicht h\u00f6ren will, wird er bestraft &#8211; indem man ihn nicht beachtet, ihm seinen Status als Wissender aberkennt, indem die Medien ihn nicht wahrnehmen, oder indem man ihn mit seiner exotischen Meinung als Gegenpol zu den Anerkannten akzeptiert, als Schatten, den das Licht der anderen wirft. Der Diskurs \u00fcber Gewalt ist so ritualisiert wie eine katholische Messe. Alles hat seinen Platz und ist schon vorab bekannt. In komplexen Gesellschaften wie dem Kapitalismus westlicher Industriel\u00e4nder ist Gewalt nur noch als physische Gewalt \u00f6ffentlich existent. Gewalt als allgegenw\u00e4rtige Methode, anderen meinen Willen aufzuzwingen, darf nicht das Thema sein. Wer \u00fcber Gewalt redet, redet immer nur \u00fcber ein Segment der Gewalt. Wer \u00fcber Gewalt kommuniziert, zwingt anderen Milieus seine Definition dessen auf, welches Mittel, um sich durchzusetzen, erlaubt ist und welches nicht. Wer sich diesem Konsens verweigert, bekommt einen Titel, damit wir das B\u00f6se anthropomorph begreifen k\u00f6nnen: Hooligan, Skinhead, Drogenabh\u00e4ngiger, Au\u00dfenseiter, Vergewaltiger, Minderheit.<\/p>\n<p>Die Unterschicht wird zur Metapher, die gewaltfreien Angepa\u00dften projizieren Physis, Erotik und Abenteuer: Die Ikonen Marlon Brando, James Dean und Che Guevara waren in ihren Inszenierung potentiell gewaltt\u00e4tig &#8211; wie Hooligans. Der Rocker oder Halb (!) starke ist ein verkappter Hooligan. Waffen f\u00fcr Nicaragua. Die Gef\u00e4hrlichen tragen Leder- oder Bomberjacke. An ihrer Spitze marschieren sch\u00f6ne Frauen mit ge\u00f6ffneter Bluse und der richtigen Fahne. Die an die Futterpl\u00e4tze dr\u00e4ngen, die das Bestehende umw\u00e4lzen, von oben nach unten, kollektiv oder nur als Individuum, sind Teil einer kollektiven Gewaltphantasie und k\u00f6nnen nur durch Sex (die h\u00f6here Tochter und der Prolet, die Sch\u00f6ne und das Biest) zivilisiert werden oder dadurch, da\u00df die M\u00e4nner, die von unten kommen, mit Privilegien bestochen werden. In den F\u00fcnfzigern gab es in der \u00f6ffentlichen Inszenierung keine Rebellion und keine Gewalt, deshalb war das Geschlechterverh\u00e4ltnis umgekehrt: Die F\u00f6rsterliesel war besonders brav, deshalb erw\u00e4hlte sie der Graf zu seiner Braut.<\/p>\n<p>Heute mu\u00df der junge Mann wider den Stachel l\u00f6cken, um medial attraktiv zu sein. MTV und Viva inszenieren die kollektive Gewaltphantasie der Mittelschichten, ungef\u00e4hrlich eingebettet in den Rahmen der gesch\u00fctzten B\u00fchne, und die K\u00fcnstler d\u00fcrfen das Hotelzimmer zu Kleinholz verarbeiten oder sich mit Drogen vollpumpen und ungez\u00fcgelten Sex haben, weil sie das stellvertretend f\u00fcr das Publikum tun, das sich das nicht gestattet. Wo k\u00e4men wir denn hin.<\/p>\n<p>Der Diskurs \u00fcber Gewalt definiert immer ein Au\u00dfen-Innen-Verh\u00e4ltnis. Gewalt ist um so gef\u00e4hrlicher, je mehr sie von den R\u00e4ndern kommt: Jugend &#8211; ein Schritt von der Mitte entfernt, Randgruppe, zwei Schritte, Ausl\u00e4nder, drei Schritte. Die Inkarnation des B\u00f6sen ist ein gewaltt\u00e4tiger jugendlicher Ausl\u00e4nder. Ein Widerspruch in sich ist ein erwachsener deutscher, aber nur in der Freizeit pr\u00fcgelnder Hooligan, der weder sozial marginalisiert ist noch ein politisches Motiv hat, was ihn einer Randgruppe zuordnen w\u00fcrde. So etwas gibt es nicht, genausowenig wie es Rassisten und Antisemiten im Bundestag gibt, die man einsperren oder verbieten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Hooligans sind die Rache des Kapitalismus: Er nimmt die Wut und die Sehnsucht der armen Schweine und verkauft sie an privilegierte junge M\u00e4nner aus den Mittelschichten. Die inszenieren den Aufstand so, da\u00df er der Gesellschaft in den Kram pa\u00dft, unpolitisch, mittels erlaubter Drogen und nur punktuell die Grenzen \u00fcberschreitend, da\u00df nicht zu viele auf der Strecke bleiben. Fast wie die Bundeswehr in Bosnien.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26797?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/26797?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_26797 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_26797')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_26797').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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