{"id":21582,"date":"2013-12-28T15:21:14","date_gmt":"2013-12-28T14:21:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=21582"},"modified":"2013-12-28T15:30:27","modified_gmt":"2013-12-28T14:30:27","slug":"heimatroman-ddr-version","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2013\/12\/28\/heimatroman-ddr-version","title":{"rendered":"Heimatroman, DDR-Version"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2013\/12\/271213_2.jpg\" alt=\"Romanzeitung\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" \/><\/p>\n<p align=left>Je \u00e4lter ich werde, um so interessanter finde ich es etwas zu erfahren, von dem ich irrig meinte, schon alles zu wissen. Man lernt nie aus und immer was dazu. <\/p>\n<p>In den sp\u00e4ten siebziger Jahren, in den wilden Zeiten der FU Berlin, studierte ich u.a. Germanistik und war &#8211; neben Altgermanistik &#8211; spezialisiert auf DDR-Literatur. Ich habe damals alles von dort gelesen, was mir unter die Finger kam &#8211; von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Kant\">Hermann Kant<\/a> (empfehlenswert: &#8222;Die Aula&#8220;) bis Stefan Heym, von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_F%C3%BChmann\">Franz F\u00fchmann<\/a> bis <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl-Heinz_Jakobs\">Karl-Heinz Jacobs<\/a> (gro\u00dfartig und innovativ: &#8222;Die Interviewer&#8220;), von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl-Heinz_Jakobs\">Volker Braun<\/a> bis <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jurek_Becker\">Jurek Becker<\/a>, der auch heute noch einer meiner Lieblingssschriftsteller ist (&#8222;Amanda herzlos&#8220; &#8211; der beste Roman \u00fcber das Thema &#8222;Frauen und M\u00e4nner&#8220;, den ich kenne). <\/p>\n<p>Was ich damals nicht merkte war, dass im Westen nur diejenigen verlegt wurde, die irgendwie in &#8222;Opposition&#8220; zur DDR waren oder dort Probleme bekommen hatten, wozu nicht viel geh\u00f6rte. Wer andere nicht f\u00fcr sich denken lie\u00df, war schon suspekt. Man wurde automatisch im Westen bejubelt, wenn man sich &#8222;Schriftsteller&#8220; nannte und etwas gegen den so genannten &#8222;Sozialismus&#8220; in der DDR verlautbarte. Hilfsweise gen\u00fcgte auch eine Gitarre, wenn man das Wassser nicht halten konnte. <\/p>\n<p>Kant war ein brillianter Schreiber, politisch aber ein Reaktion\u00e4r und ein Teil des Ges\u00e4\u00dfes, den ich hier nicht n\u00e4her bezeichnen will, jemand, der sein festgemauertes Weltbild seit den fr\u00fchen f\u00fcnfziger Jahren nicht mehr ver\u00e4ndert hat. Franz F\u00fchmann, eine konvertierter Nazi, faszinierte mich besonders. An einigen seiner Erz\u00e4hlungen biss ich mir die Z\u00e4hne aus: &#8222;<a href=\"http:\/\/opus4.kobv.de\/opus4-fau\/frontdoor\/index\/index\/docId\/3527\">Marsyas<\/a>&#8220; hatte ich mir als Thema f\u00fcr das m\u00fcndliche Examen in Germanistik ausgew\u00e4hlt, weil ich damals &#8211; wie \u00fcbrigens heute auch &#8211; nicht richtig verstand, was F\u00fchmann mir damit sagen wollte, und die Pr\u00fcfer waren demgem\u00e4\u00df so begeistert von dem schwierigem Sujet, was sie sichtlich \u00fcberforderte, so dass sie mir ohne gro\u00dfes Z\u00f6gern und Zaudern die Bestnote gaben. Volker Braun war damals der Favorit der ultralinken Maoisten (zu denen ich geh\u00f6rte) im Westen, weil er kompromisslos bis an die Grenze des in der DDR Erlaubten ging und dar\u00fcber hinaus und &#8211; obzwar unstrittig ein \u00fcberzeugter Linker &#8211; die gesellschaftlichen Widerspr\u00fcche im &#8222;realen Sozialismus&#8220; als unl\u00f6sbar schilderte.<\/p>\n<p>Eine Freundin, die im Beitrittsgebiet aufgewachsen ist, hat mir neulich ein paar schmale Hefte geliehen &#8211; die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Roman-Zeitung\">Roman-Zeitung<\/a>, von der ich noch nie etwas geh\u00f6rt hatte. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jochen_Hauser\">Jochen Hauser<\/a> &#8211; seine B\u00fccher \u00fcber die &#8222;Familie Rechlin&#8220; hatten 300.000 Auflage in der DDR? Nie davon geh\u00f6rt, weder von ihm noch von seinen B\u00fcchern.<\/p>\n<p>Ich wurde neugierig, zumal auch der Preis f\u00fcr einen Roman &#8211; 80 Pfennig Ost &#8211; eigentlich der Alptraum eines Schriftstellers ist, den kapitalistischen Markt und die \u00fcblichen Margen der Verleger vorausgesetzt (bei guten (!) Konditionen kriegt der Autor zehn Prozent des Verkaufspreises). Haben wir hier eine DDR-Bonsai-Version von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reader%E2%80%99s_Digest\">Readers Digest<\/a> oder so? &#8222;Die Roman-Zeitung kostete 80 Pfennig und wurde nicht im Buchhandel, sondern am Zeitungskiosk verkauft. Es handelte sich um eine besonders preiswerte Methode, mit geringem Aufwand Nachauflagen begehrter Titel in hoher St\u00fcckzahl zu produzieren. Vereinzelt erschienen jedoch auch Originalausgaben und Erst\u00fcbersetzungen.&#8220; Aha. Eine Art Ost-Literatur-Aldi also.<\/p>\n<p>Ich schlug die &#8222;Familie Rechlin&#8220; auf, ich las und g\u00e4hnte alsbald. So etwas auf dem literarischen Niveau von &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jerry_Cotton\">Jerry Cotton<\/a>&#8222;, aber ganz ohne Spannung, oder &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Bergdoktor\">Der Bergdoktor<\/a>&#8222;, nur eben mit Proletariern, was an sich ein Fortschritt ist, wenn man Trivialliteratur ernst nimmt, <a href=\"http:\/\/kult-online.uni-giessen.de\/wps\/pgn\/home\/KULT_online\/14-2\/\">was man tun sollte<\/a>.<\/p>\n<p><i>Die Frauen kicherten. Ingelore erkl\u00e4rte Steffi, da\u00df die Brigade f\u00fcr einen Museumsbesuch drei Punkte im sozialistischen Wettbewerb erhalte, Theater bringe zwei Punkte, Kino nur einen. Museum sei also das Attraktivste. Aber es m\u00fc\u00dften mindestens zwei Drittel der Brigade den Besuch gemeinsam unternehmen, &#8222;sonst g\u00fcldet es nichts&#8220;, wie sie grinsend sagte.<\/i><\/p>\n<p>Die Helden m\u00f6chten in Neubauwohnungen ziehen, tun das auch, die Kneipen haben Butzenscheiben, extrem spie\u00dfige Pr\u00fcderie ist gesetzt, alle M\u00e4nner haben kurze Haare wie bei <a href=\"http:\/\/eu.art.com\/gallery\/id--a32\/norman-rockwell-prints.htm\">Norman Rockwell<\/a> oder Jehovas Zeugen. Mich gruselte es zunehmend. Ich kriege dann immer klaustrophobische Gef\u00fchle.<\/p>\n<p><i>Jetzt spielte die Kapelle einen alten Marsch. M\u00e4nner aus der Nachbarnische sangen laut mit. Ren\u00e9 kniff die Augen zusammen und sah, wie sich Steffi an ihren Mann schmiegte.<\/i><\/p>\n<p>Der reiche F\u00f6rster vom Silberwald kam um die Ecke geritten, hatte ein Heinz-R\u00fchmann-Grinsen auf den Lippen, und verlobte sich mit der Tochter des armen Fischers. Und der Arbeitersohn bezog eine t\u00fcrkis gestrichene Neubauwohnung mit Bl\u00fcmchentapete und heller Holzvert\u00e4felung, trat in die Partei ein, plante eine Reise nach Ulan-Bator im Kollektiv, a\u00df Letscho und war gl\u00fccklich, und wenn er nicht gestorben ist, dann noch heute.<\/p>\n<p>Nun gut, auch der so genannte Sozialismus in der DDR brauchte vermutlich Trash-Literatur. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Norman\">John Norman<\/a> h\u00e4tte man nicht \u00fcbersetzt &#8211; der ist ja zum Teil heute noch in Deutschland verboten, also nicht auf der Ladentheke erh\u00e4ltlich. Verbote von B\u00fcchern sind Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes in Ost- und Westdeutschland. <\/p>\n<p>Und jetzt die gute Nachricht. Die &#8222;Familie Rechlin&#8220; des Bestseller-Autors Jochen Hauser verh\u00e4lt sich &#8211; das bef\u00fcrchte ich &#8211; nicht anders als Max und Lieschen Mustermann sich in der DDR ganz real verhalten haben. Insofern ist die Lekt\u00fcre erhellend. Aber Literatur ist das nicht.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21582?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21582?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_21582 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_21582')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_21582').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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