{"id":17032,"date":"2012-12-27T16:06:09","date_gmt":"2012-12-27T15:06:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=17032"},"modified":"2012-12-27T17:26:04","modified_gmt":"2012-12-27T16:26:04","slug":"nackte-frauen-schweine-und-die-ware-an-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/12\/27\/nackte-frauen-schweine-und-die-ware-an-sich","title":{"rendered":"Nackte Frauen, Schweine und die Ware an sich"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2012\/12\/271212_1.jpg\" alt=\"Baubo\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left>Die sicherste Methode, die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser von diesem gesellschaftlich irrelevanten Blog alsbald zu vertreiben, ist, ein Posting mit Zitaten von <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/2361\/62\">Aristoteles<\/a> und <a href=\"http:\/\/tinyurl.com\/cd8t74q\">Thomas von Aquin<\/a> zu beginnen. Auf vielfachen Wunsch des harten Kerns tu ich das doch &#8211; und jetzt erst recht.<\/p>\n<p>Ich zweifle \u00fcbrigens an den edlen Motiven der Leserschaft: Wer w\u00fcrde heute noch 1500 Seiten dr\u00f6ge Lekt\u00fcre in Kauf nehmen, um zu verstehen, wie Wirtschaft funktioniert? Und wer liest l\u00e4nger als f\u00fcnf Minuten ein Blog &#8211; au\u00dfer es geht um nackte Weiber (oder M\u00e4nner &#8211; aber ich glaube nicht, dass ich Leserinnen habe)? Wollt Ihr das also wirklich? Wer jetzt schon bereut, kann sich ja stattdessen <a href=\"http:\/\/guests.met-art.com\/\">Fleisch ohne Text<\/a> reinziehen.<\/p>\n<p>Also von hinten nach vorn: Was k\u00e4me dabei heraus, wenn man sich die Marxsche Werttheorie ant\u00e4te? Zum Beispiel die Erkenntnis, dass manche Philosophen im alten Griechenland wesentlich tiefsch\u00fcrfender dachten als <a href=\"http:\/\/wirtschaftslexikon.gabler.de\/Definition\/wert.html\">heutige &#8222;Volks&#8220;wirtschaftler&#8220;<\/a> und andere Dummschw\u00e4tzer und dass &#8211; daraus folgend &#8211; die Menschheit nicht kl\u00fcger wird, sondern das D\u00fcmmerwerden durchaus eine ernst zu nehmende Option der Evolution zu sein scheint.<\/p>\n<p>Ich warne also: Wer mir nicht sofort widerspricht, wenn sie oder er das Folgende rezipiert hat, darf das in Zukunft auch nicht mehr. Wer akzeptiert, dass zwei mal zwei vier ist, darf nicht meckern, wenn ich sp\u00e4ter behaupte, vier mal vier seien sechzehn. Ja, man ahnt es schon: erstens geht es heute um den <i>Wert<\/i> an sich (&#8222;Geld&#8220; und &#8222;Kapital&#8220; kommen erst sp\u00e4ter), und zweitens sagt Karl Marx nichts anderes als Aristoteles dazu; ersterer dr\u00fcckt es nur klarer aus und nimmt aktuellere Beispiele. Wer aber die Werttheorie Marxens nicht mit guten Argumenten falsifiziert, darf auch nicht herumn\u00f6rgeln, wenn wir sp\u00e4ter das Ausbeutungsverh\u00e4ltnis der Lohnarbeit, den tendeziellen Fall der Profitrate und den Kapitalismus an sich kriegen. <\/p>\n<p>Nehmen wir den christlichen Philosophen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_von_Aquin\">Thomas von Aquin<\/a> (\u20201274):<br \/>\n<i>Der Wert der Dinge aber, die zum Nutzen des Menschen in Umlauf kommen, wird nach dem bezahlten Preis bemessen. (&#8230;) Teurer verkaufen oder billiger einkaufen, als eine Sache wert ist, ist also an sich ungerecht und unerlaubt.<\/i><\/p>\n<p>Ist das richtig? Im 13. Jahrhundert dachte man offenbar nicht anders als die heutige Glaubensgemeinschaft des &#8222;fairen&#8220; <a href=\"http:\/\/www.schoenesgeld.de\/00000098e90fa0507\/000000991c12ddd04\/index.html\">Preises<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.fairtrade.org.uk\/\">Handels<\/a> und des <a href=\"http:\/\/www.die-linke-hamburg.de\/politik\/diskussionen\/detail\/artikel\/lichter-fuer-gerechte-loehne-bei-neupack.html\">&#8222;gerechten&#8220; Lohns<\/a>. Es geht hier aber nicht um Moral und Theologie, sondern darum, die \u00d6konomie wissenschaftlich zu beschreiben. Wer sagt, ein bestimmter Preis sei ungerecht, muss auch sagen, dass die Zahl Pi unfair ist, weil man sie so schwer berechnen kann und weil man, wenn man sie betrachtet, unweigerlich beim <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kreiszahl#Buffonsches_Nadelproblem\">Buffonschen Nadelproblem<\/a> landet, was einem den ganzen Tag versauen kann.<\/p>\n<p>Erster Einwand: Geht das \u00fcberhaupt, die Wirtschaft wissenschaftlich zu analysieren? Sind da nicht zu viele Variablen im Spiel? Gute Frage! Wenn es einem aber gel\u00e4nge, vom Konkreten zu abstrahieren, also <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Systeme_nat%C3%BCrlichen_Schlie%C3%9Fens#Aussagenlogik\">etwas streng Logisches<\/a> zu finden, das Gesetzen folgt. w\u00e4ren wir schon einen Schritt weiter in Richtung <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Induktion_%28Philosophie%29\">Induktion<\/a>. Und das w\u00e4re kein Kaffeesatzlesen oder Astrologie wie der Wirtschaftsteil deutscher Medien und dem Gefasel der Gl\u00e4ubigen des niederen Wesens &#8222;freier Markt&#8220;, sondern richtige Wissenschaft, deren Schl\u00fcsse andere nachvollziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hier also Marx im Originalton \u00fcber die Methode (<a href=\"http:\/\/www.zeno.org\/nid\/20009216871\">Einleitung zur Kritik der politischen \u00d6konomie<\/a>, aus dem Nachlass, 1903 zum ersten Mal ver\u00f6ffentlicht):<\/p>\n<p><i>Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der \u00d6konomie mit der Bev\u00f6lkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei n\u00e4herer Betrachtung [als] falsch. (&#8230;) Finge ich also mit der Bev\u00f6lkerung an, so w\u00e4re das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch n\u00e4here Bestimmung w\u00fcrde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer d\u00fcnnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt w\u00e4re. Von da w\u00e4re nun die Reise wieder r\u00fcckw\u00e4rts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bev\u00f6lkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalit\u00e4t von vielen Bestimmungen und Beziehungen. Der erste Weg ist der, den die \u00d6konomie in ihrer Entstehung geschichtlich genommen hat. Die \u00d6konomen des 17. Jahrhunderts z.B. fangen immer mit dem lebendigen Ganzen, der Bev\u00f6lkerung, der Nation, Staat, mehreren Staaten etc. an; sie enden aber immer damit, da\u00df sie durch Analyse einige bestimmende abstrakte, allgemeine Beziehungen, wie Teilung der Arbeit, Geld, Wert etc. herausfinden. Sobald diese einzelnen Momente mehr oder weniger fixiert und abstrahiert waren, begannen die \u00f6konomischen Systeme, die von dem einfachen, wie Arbeit, Teilung der Arbeit, Bed\u00fcrfnis, Tauschwert, aufsteigen bis zum Staat, Austausch der Nationen und Weltmarkt. Das letztre ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode.<\/i><\/p>\n<p align=left><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2012\/12\/271212_2.jpg\" alt=\"Baubo\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left>Was also ist eine <i>Ware<\/i> &#8211; also was haben Waren im Neolithikum, im alten Sparta und im heutigen Havanna und Chicago gemeinsam?<\/p>\n<p>Eine Ware hat einen <i>Gebrauchswert<\/i> und einen <i>Tauschwert<\/i>. Beide sind selbstredend nicht identisch. &#8222;Geld&#8220; oder gar die Kategorie &#8222;Preis&#8220; sind hier noch gar nicht im Spiel &#8211; man kann sich auch Gesellschaften vorstellen, die kein Geld haben, sondern Naturalien tauschen.<\/p>\n<p>Weder der <i>Gebrauchswert<\/i> noch der <i>Tauschwert<\/i> sind &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Eigenschaften der Dinge. Im Tauschwert steckt jedoch etwas Anderes. &#8222;Der Tauschwert kann \u00fcberhaupt nur die Ausdrucksweise, die &#8218;Erscheinungsform&#8216; eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein,&#8220; schreibt Marx in <a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me23\/me23_049.htm#Kap_1_1\">Das Kapital<\/a>.<\/p>\n<p>Man kann das auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wert_%28Wirtschaft%29\">anders<\/a> sehen. Wer aber subjektive Gef\u00fchle ins Spiel bringt wie manche &#8222;Volks&#8220;wirtschafts-Groupies, der sollte erst gar nicht von einem wissenschaftlichen Anspruch reden &#8211; das ist nichts anderes als primitive Popul\u00e4rpsychologie.<\/p>\n<p>Aristoteles schreibt das in seiner <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/2361\/62\">Nikomachischen Ethik<\/a> so:<br \/>\n<i>Da\u00df aber das Bed\u00fcrfnis als eine verbindende Einheit die Menschen zusammenh\u00e4lt, erhellt daraus, da\u00df wenn kein Teil des anderen bedarf, oder auch nur der eine des anderen nicht, sie in keinen Verkehr des Austausches treten, wie sie es tun, wenn der eine Teil dessen ben\u00f6tigt, was der andere hat,&#8230;<\/i><\/p>\n<p>Der <i>Tauschwert<\/i> verk\u00f6rpert &#8222;irgendwie&#8220; die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit f\u00fcr ein Produkt, das als Ware auftaucht. Wenn alle Produzenten einer autarkten Gemeinschaft pl\u00f6tzlich weniger Zeit und Aufwand brauchten, um ein bestimmtes Ding herzustellen, weil sie zum Beispiel bessere Werkzeuge haben, dann sinkt der Tauschwert. Oder: Die Wertgr\u00f6\u00dfe wechselt mit der Produktivkraft.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens gibt es einen Streit unter &#8222;Marxisten&#8220;, den die Apparatschiks leider sowohl in der ehemaligen Sowjetunion als nat\u00fcrlich auch in der DDR unter den Tisch kehrten. Dort wurde Marx bekanntlich als eine Art Religionsstifter angesehen, dessen Werke man nicht als blo\u00dfes Werkzeug ansah, sondern als heilige Schriften, die die absolute Wahrheit verk\u00fcndeten &#8211; oder das, was die jeweiligen Parteifunktion\u00e4re meinten daraus machen zu m\u00fcssen. In diesem Streit geht es um die erkenntnistheoretische Frage, ob die F\u00e4higkeit, \u00fcberhaupt abstrakt zu denken, also sich ein &#8222;Drittes&#8220; vorzustellen, das zwei v\u00f6llig unterschiedliche Dinge erst vergleichbar macht, nicht ein Produkt des Tausches ist. Der marxistische britische Altphilologe <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/George_Derwent_Thomson\">George Thomson<\/a> geh\u00f6rt zu dieser Denkschule, insbesondere aber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alfred_Sohn-Rethel\">Alfred Sohn-Rethel<\/a> oder auch der von ihm beeinflusste <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_Wolfgang_M%C3%BCller\">Rudolf M\u00fcller<\/a> mit seinem Hauptwerk &#8222;<a href=\"http:\/\/www.amazon.com\/Geist-Entstehungsgeschichte-Identit%C3%A4tsbewu%C3%9Ftsein-Rationalit%C3%A4t-Antike\/dp\/B001EI03A4\">Geld und Geist<\/a>&#8222;. Ich sehe das \u00fcbrigens nicht so; die Idee ist aber sehr interessant.<\/p>\n<p>Demn\u00e4chst mehr in diese Theater.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17032?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/17032?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_17032 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_17032')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_17032').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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