{"id":15244,"date":"2012-08-08T21:26:34","date_gmt":"2012-08-08T20:26:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=15244"},"modified":"2012-08-08T21:33:42","modified_gmt":"2012-08-08T20:33:42","slug":"wertpapiere-oder-banken-im-kapitalismus-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/08\/08\/wertpapiere-oder-banken-im-kapitalismus-revisited","title":{"rendered":"Wertpapiere, oder: Banken im Kapitalismus, revisited"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2012\/08\/080812_1gr.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2012\/08\/080812_1kl.jpg\" alt=\"richardplatz\" border=\"0 hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/a><\/p>\n<p align=left><i>In meinem letzten <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/08\/03\/unter-schnellballsystemikern-und-couponschneidern#comments\">Artikel<\/a> &#8222;Unter Schnellballsystemikern und Couponschneidern&#8220; vertrat ich die These, das Prinzip der Staatsanleihen sei ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schneeballsystem\">Schnellballsystem<\/a>. Das muss ich insoweit relativieren, als ich nur meinte, es funktioniere strukturell als ein solches. Das bedeutet nicht, das ein Zusammenbruch automatisch erfolgen m\u00fcsste. Die Diskussionen der wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser verfolge ich nat\u00fcrlich aufmerksam und w\u00e4ge die Argumente in meinem Herzen hin und her.<\/i><\/p>\n<p>Das Handelsblatt (&#8222;Pflichtblatt der Wertpapierb\u00f6rsen&#8220; liest sich immer wieder nett*) ist heute voll von Artikeln, die sich hervorragend eignen zu erkl\u00e4ren, wie der kapitalistische Finanzmarkt funktioniert und wie der von Marx analysierte quasireligi\u00f6se <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Warenfetisch\">Geldfetisch<\/a> die K\u00f6pfe vernebelt. Zur Erinnerung: &#8222;Einem Fetisch werden Eigenschaften oder Kr\u00e4fte zugeschrieben, welche dieser von Natur aus nicht besitzt.&#8220;<\/p>\n<p>Geld arbeitet nicht und schafft keine Werte. So weit zu den Fakten. Und jetzt zu dem, was die Wirtschaftsredakteure der Medien daraus machen.<\/p>\n<p>&#8222;Nur Bares ist Wahres&#8220;, titelt das <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/boerse-maerkte\/anlagestrategie\/anlagestrategie-nur-bares-ist-wahres\/6974732.html\">Handelsblatt<\/a> hingegen. Oder: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/kommentar-die-sorge-des-guten-kaufmanns\/6975068.html\">Die Sorge des guten Kaufmanns<\/a>&#8220; &#8211; &#8222;Konzerne ziehen Milliarden Euro Bares aus dem Euro-Raum ab und transferieren ihr Geld in sichere Dollar-Anlagen. Was soll ein Finanzchef auch sonst tun? Er muss die Liquidit\u00e4t sichern.&#8220; Oder: Kauft <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/boerse-maerkte\/anlagestrategie\/neues-von-jim-oneill-vergessen-sie-bric-kaufen-sie-mist\/6976536.html\">Wertpapiere<\/a> aus &#8222;Schwellenl\u00e4ndern&#8220;. Am untersten Ende des theoretischen Tiefgang und des intellektuellen Niveaus steht Spiegel online mit <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/euro-krise-wie-viel-schulden-ein-land-machen-darf-a-846566.html\">Spiegel online<\/a> mit Wolfgang M\u00fcnchau: &#8222;Somit gibt es auf die Frage nach dem optimalen Schuldenstand nur die unbefriedigende Antwort: Es kommt darauf an.&#8220; <\/p>\n<p>Gibt es bald eine Revolution oder nicht? Geht der Kapitalismus nun unter oder nicht? Es kommt darauf an.<\/p>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/bundesbank-kaufte-1975-staatsanleihen-laut-bnp-paribas-studie-a-848888.html\">Artikel<\/a> &#8222;Kauf von Staatsanleihen 1975 &#8211; Als die Bundesbank ein Tabu brach&#8220; best\u00e4tigt \u00fcbrigens, dass man gar keine Ahnung haben kann und trotzdem etwas \u00fcber &#8222;Wirtschaft&#8220; ver\u00f6ffentlichen darf. Die Bundesbank &#8222;stemmt sie sich heute vehement dagegen, dass die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) Staatsanleihen aus Euro-Krisenl\u00e4ndern aufkauft&#8220;, heisst es da. Die kennen noch nicht einmal <a href=\"http:\/\/dejure.org\/gesetze\/AEUV\/123.html\">Artikel 123<\/a> des Vertrags \u00fcber die Arbeitsweise der Europ\u00e4ischen Union, der der EZB genau das verbietet.<\/p>\n<p>Wertpapiere &#8211; o welch ein sch\u00f6nes Wort! Wie funktioniert das also mit den Banken, die dem Staat Geld leihen &#8211; und welche Rolle spielt die Bundesbank?<\/p>\n<p>Banken arbeiten nach dem Prinzip der <i>Teilreserve<\/i> &#8211; ein Lieblingsthema f\u00fcr obskure <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Silvio_Gesell\">Zins-Theoretiker<\/a> und ihre Groupies, &#8222;eigent\u00fcmlich freie&#8220; \u00d6konomie-Astrologen und Verschw\u00f6rungstheoretiker aller Sorten. <i>Teilreserve<\/i> ist nichts Geheimnisvolles, sondern bedeutet ganz einfach: Das offizielle Geld, das gesetzliche Zahlungsmittel, darf in Deutschland nur die Bundesbank herausgeben. Die leiht es den anderen Banken. Jenes ist das <i>Zentralbankgeld<\/i>, dieses das <i>Buchgeld<\/i>. Man kann auch <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Geldsch%F6pfung\">sagen<\/a>: Zentralbankgeld und &#8222;Gesch\u00e4ftsbankgeld&#8220;.<\/p>\n<p><i>Kurze Unterbrechung, weil ich gerade zwei Stunden mit einer bezaubernden <a href=\"http:\/\/www.susann-schulze.de\/galerie\/\">jungen Dame<\/a> (live &#8211; nicht virtuell!) \u00fcber dies und das plauderte, sonst w\u00e4re dieses Posting schon l\u00e4ngst fertig.<\/i><\/p>\n<p>Das Buchgeld oder <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Buchgeld\">Giralgeld<\/a> der Banken ist also nur ein Anspruch, eine Forderung an meine Bank, falls ich Bargeld (also Zentralbankgeld) auf mein Konto eingezahlt habe. Deswegen heisst Buchgeld auch <i><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zentralbankgeld\">Sichtguthaben<\/a><\/i>. &#8222;Das Entstehen von Buchgeld aus einer Bargeldeinzahlung kann noch nicht als eigentliche Geldsch\u00f6pfung verstanden werden, weil hier keine Geldvermehrung stattfindet, sondern lediglich eine Geldform in eine andere umgewandelt wird \u2013 Bargeld in Sichtguthaben.&#8220;<\/p>\n<p>Jetzt kommt die Pointe: Die Bank kann das von mir eingezahlte Geld wiederum bei der Bundesbank als <i>Sichtguthaben<\/i> einzahlen &#8211; als so genannte Mindestreserve. Meine Bank kann aber mit ihrem Buchgeld ebenso Kredite vergeben oder Verm\u00f6gen kaufen, aber auch Staatsanleihen! Jetzt wird es lustig: &#8222;Auf diese Weise entsteht auf Grundlage des eingezahlten Bargelds ein Vielfaches an Buchgeld, da sich der Prozess wiederholen kann.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn pl\u00f6tzlich alle, die etwas angezahlt haben, die also \u00fcber ein <i>Sichtguthaben<\/i> verf\u00fcgen, gemeinsam zur Bank gingen und ihr Geld haben wollten, w\u00e4re die Bank bankrott, k\u00f6nnte sie sich von der Bundesbank nicht kurzfristig Geld leihen. Sie hatte mehr Geld &#8222;ausgegeben&#8220; als sie &#8222;hat&#8220;.<\/p>\n<p>Genau das l\u00e4uft auch zwischen der europ\u00e4ischen Zentralbank und den Staaten der Europ\u00e4ischen Union ab. Bei <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/die-ezb-muss-die-pleite-in-griechenland-abwenden-a-848682.html\">Spiegel Online<\/a> wurde gerade erw\u00e4hnt: &#8222;Die EZB schl\u00e4gt den Umweg \u00fcber die griechische Notenbank ein und erlaubt ihr die Ausgabe von zus\u00e4tzlichen Notkrediten an die Kreditinstitute des Landes. Diese wiederum sollen f\u00fcr das Geld griechische Anleihen mit kurzer Laufzeit kaufen. Vier Milliarden Euro sollen so zusammenkommen. Die griechische Notenbank akzeptiert die Wackelanleihen als Sicherheit und stattet die ebenfalls v\u00f6llig maroden Gesch\u00e4ftsbanken des Landes mit frisch gedruckten Euro aus &#8211; die letztlich von der EZB kommen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) leiht also den griechischen Banken <i>Zentralbankgeld<\/i>, und die kaufen damit Staatsanleihen vom griechischen Staat, von denen sie wissen, dass sie nie und nimmer zur\u00fcckgezahlt werden. Die griechischen Banken, die eh schon pleite sind, produzieren Buchgeld, damit sie noch pleiter werden. Gleichzeitig <a href=\"http:\/\/www.handelszeitung.ch\/konjunktur\/ezb-keine-hellas-bonds-mehr-als-sicherheiten\">erkl\u00e4rt die EZB<\/a>, dass sie selbst keine griechischen Staats-&#8222;Wert&#8220;papiere akzeptiert. Sehr witzig. Aber so ist er &#8211; der Kapitalismus in der Krise.<\/p>\n<p>Das Beispiel Spanien ist auch sehr lehrreich, was das Verh\u00e4ltnis zwischen Zentralbankgeld und Buchgeld angeht. In Spanien ben\u00f6tigte man so gut wie gar kein Eigenkapital, um eine Immobilie zu kaufen. Die Banken produzieren also unglaubliche Summen von Buchgeld &#8211; in der Hoffnung, die Besitzer der H\u00e4user w\u00fcrde ihre Raten auch zahlen k\u00f6nnen. Das ging aber schief. Die Situation ist der so genannten &#8222;<a href=\"http:\/\/www.ftd.de\/politik\/konjunktur\/:folge-der-finanzkrise-usa-stuerzen-zurueck-ins-jahr-1992\/70049733.html\">Finanzkrise<\/a>&#8220; in den USA nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Kurzes Intermezzo: Wie war das mit dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Argentinien-Krise\">Staatsbankrott Argentiniens<\/a> 2002?<br \/>\n<i>Am H\u00f6hepunkt der Krise (Mitte 2002) stieg die Armutsrate auf 57 %, die Arbeitslosenrate erreichte 23 %. (&#8230;) Eine Privatisierungswelle Anfang der 90er Jahre, bei der viele Staatsbetriebe zum Teil unter Wert verkauft wurden, f\u00fchrte dazu, dass weite Teile der argentinischen Wirtschaft vom Ausland abh\u00e4ngig wurden. Dies machte das Land anf\u00e4llig f\u00fcr Spekulation und Kapitalflucht, ein Ph\u00e4nomen, das Ende 2001 ma\u00dfgeblich zur Bankenkrise beitrug.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Griechenland wird zur Zeit dazugezwungen, alle Staatsbetriebe zum Teil weit unter Wert zu privatisieren. Kommt das irgendjemandem jetzt bekannt vor?<\/p>\n<p><i>Im Jahr 2004 wurden den Vertretungen der Gl\u00e4ubiger mehrmals Vorschl\u00e4ge unterbreitet, die einen Kapitalschnitt von 75%, sp\u00e4ter 65% vorsahen. Sie stie\u00dfen zun\u00e4chst besonders bei den ausl\u00e4ndischen Gl\u00e4ubigern, die mehr als 55% des Schuldenvolumens reklamieren, allgemein auf Ablehnung und tr\u00fcbten auch Argentiniens Verh\u00e4ltnis mit dem IWF. Durch mehrere diplomatische Missionen gelang es jedoch Argentinien, die meisten Gl\u00e4ubigergruppen zu \u00fcberzeugen,<\/i> <b>Widerstand gab es bis zum Ende noch von den deutschen<\/b><i> und vor allem von den italienischen Gl\u00e4ubigern.<\/i><\/p>\n<p>Die W\u00e4hrung Argentiniens wurde nach dem Staatsbankrott gegen\u00fcber dem Dollar extrem abgewertet. Aber: &#8222;Das Wachstum in Argentinien blieb seit Mitte des Jahres 2003 stetig hoch. Dieses Wirtschaftswachstum kann vor allem durch die positiven Erfolge der Abwertung begr\u00fcndet werden.&#8220;<\/p>\n<p>Abwertung = Wirtschaftswachsum. Alles klar soweit? Puls und Atmung noch normal?<\/p>\n<p>Wenn Griechenland den Staatsbankrott erkl\u00e4rte, w\u00fcrde der Kurs des Euro gegen\u00fcber der wieder eingef\u00fchrten Drachme extrem ansteigen &#8211; wie damals der Kurs des Dollar gegen\u00fcber dem argentinischen Peso.<\/p>\n<p>Ich darf mich noch einmal selbst zitieren: Nach einem Austritt Griechenlands oder dem Zerfall der Union w\u00fcrde das deutsche Kapital weit weniger Profite machen, da die Landesw\u00e4hrungen abgewertet w\u00fcrden. Es w\u00e4re genauso wie das Verh\u00e4ltnis zwischen Dollar und Euro. Ein schwacher Euro <a href=\"http:\/\/www.time.com\/time\/business\/article\/0,8599,1969981,00.html\">ist gut f\u00fcr den Export<\/a>. Das hei\u00dft: Die deutschen Kapitalisten m\u00fcssen alles daf\u00fcr tun, dass Exporte des Ausland <i>nach<\/i> Deutschland <i>nicht<\/i> billiger werden.&#8220;<\/p>\n<p>Das, was ich hier schreibe, kommt zwar so nicht in den Mainstream-Medien vor, die Kapitalisten wissen das aber. So doof sind die nicht, dass sie nicht kapiert h\u00e4tten, wie das alles endet. <\/p>\n<p>Wie denn? fragen die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser. Es ist irgendwie wie immer: Marx hatte Recht, <a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me23\/me23_741.htm\">je ein Kapitalist schl\u00e4gt viele tot<\/a>, je ein Zentralbankfinanzkapitalist schl\u00e4gt auch viele kleine Finanzkapitalisten tot, es wird  &#8211; wie in Argentinien &#8211; eine gigantische Vernichtung von Volksverm\u00f6gen geben und gleichzeitig eine gigantische Umverteilung von unten nach oben. Kapitalismus, also known as &#8222;freie soziale Marktwirtschaft&#8220; &#8211; wie wir sie alle lieben und verehren.<sup>TM<\/sup><\/p>\n<p><sup>*<\/sup> Burks.de &#8211; Pflichtblatt f\u00fcr Kapitalismus-Kenner<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15244?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15244?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_15244 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_15244')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_15244').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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