{"id":14469,"date":"2012-06-13T12:13:05","date_gmt":"2012-06-13T11:13:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=14469"},"modified":"2012-06-13T12:21:50","modified_gmt":"2012-06-13T11:21:50","slug":"thor-steinar-und-die-blumchenshorts-des-bosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/06\/13\/thor-steinar-und-die-blumchenshorts-des-bosen","title":{"rendered":"Thor Steinar und die Bl\u00fcmchenshorts des B\u00f6sen"},"content":{"rendered":"<p><i>Aus <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/npd-abgeordnete-provozieren-in-sachsen-mit-thor-steinar-kleidung-a-838591.html\">aktuellem Anlass<\/a> hier noch einmal ein vier Jahre alter <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!16694\/\">Artikel<\/a> von mir in der taz \u00fcber das Modelabel &#8222;Thor Steinar&#8220;, das bei den Lichterkettentr\u00e4ger die gewohnt sinnfreien pawlowschen <a href=\"http:\/\/investigatethorsteinar.blogsport.de\/images\/investigate_thorsteinar_web.pdf\">Reflexe<\/a> ausl\u00f6st. Wenn man sich politisch nicht mit bestimmten Dingen auseinandersetzen will, dann diskutiert man \u00fcber die <a href=\"http:\/\/bavaria-for-ron-paul.blogspot.de\/2008\/06\/angst-vorm-pullover.html\">Kleiderordnung<\/a>.<\/i><\/p>\n<p>Seit einem halben Jahrzehnt verkauft die Firma MediaTex aus K\u00f6nigswusterhausen bei Berlin Textilien f\u00fcr die Dame, den Herrn und sogar f\u00fcr Kinder &#8211; eine ostdeutsche Erfolgsgeschichte. Die Symbole auf der Kleidung sind vielen Menschen jedoch ein Dorn im Auge, weil sie wie germanische Runen aussehen. Sie finden: &#8222;Da muss man doch was tun?&#8220;<\/p>\n<p>An sich bedeuten diese Zeichen, die Tiwaz- oder die Gebo-Rune, allerdings erst einmal nichts: sie sind genauso &#8222;nordisch&#8220; oder &#8222;v\u00f6lkisch&#8220; wie blondes Haar oder blaue Augen. Es k\u00f6nnte aber sein, bef\u00fcrchten die runenkundigen Gegner der Marke, dass Neonazis sich dabei etwas Neonazistisches denken, wenn sie diese Textilien tragen, und sich gegenseitig daran als Neonazis erkennen. Das wiederum w\u00e4re nicht gut, will man doch den Faschisten keinen Fu\u00dfbreit undsoweiter. Also muss man mahnen, warnen, sich emp\u00f6ren, entlarven und mindestens mit Lichterketten werfen gegen L\u00e4den, die Thor-Steinar-Ware im Sortiment f\u00fchren.<\/p>\n<p>Filialen der einschl\u00e4gigen Ladenkette Tonsberg in Leipzig, Magdeburg, Dresden und Berlin-Mitte sto\u00dfen bei Antifa-Gruppen wie braven B\u00fcrgern jedenfalls stets auf Protest. In mehreren Fu\u00dfballstadien der neuen Bundesl\u00e4nder, im Bundestag und im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern ist es gar verboten, mit Kleidung dieses Labels aufzukreuzen. Ein Sweatshirt aus K\u00f6nigswusterhausen ist offenbar gef\u00e4hrlicher als ein Taschenmesser &#8211; das w\u00fcrde einem im Parlament nicht abgenommen.<\/p>\n<p>Im Land, das den protestantischen Bildersturm erfunden hat, ist ein Kampf um Symbole in der Regel hoch emotionalisiert: er regt die Leute mehr auf als der Streit um politische Inhalte. Wer aber glaubt, dass Runen auf Hemden, Pullis und Jacken politisch &#8222;wirken&#8220;, der huldigt primitiver Magie. Er k\u00f6nnte genausogut an Gespenster glauben oder in eine katholische Messe gehen.<\/p>\n<p>V\u00f6lkerkundler wissen: ein beliebiges Zeichen beeinflusst die Gruppendynamik erst dann, wenn die Mitglieder sich a priori und oft unbewusst darauf verst\u00e4ndigt haben, beim Anblick dieser Symbole etwas zu empfinden. Ein Baby sieht bei einem Hakenkreuz schwarze Striche, ein Inder ein Symbol f\u00fcr Gl\u00fcck. Und der Deutsche? Geh\u00f6rt er zu den sittlich Gefestigten, dann gruselt er sich, wie es sich moralisch geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nur zur Erinnerung &#8211; und weil auch in der taz schon das Gegenteil behauptet wurde: Die Marke Thor Steinar war nie verboten. Das Tragen der Kleidung ist nie rechtskr\u00e4ftig zum Strafttatbestand erkl\u00e4rt worden. Keines der vom Label benutzen Symbole ist verfassungsfeindlich. \u00dcber 200 Strafverfahren wurden wegen Thor Steinar angestrengt, alle wurden eingestellt. Der Verfassungsschutz hat nie behauptet, der Firma geh\u00f6rten Rechtsextremisten an. So what?<\/p>\n<p>Was sich eine Firma f\u00fcr eine erfolgreiche und teuren Werbekampagne w\u00fcnscht, wurde dem Label durch seine Gegner gratis frei Haus geliefert: Mediale Aufmerksamkeit durch Proteste, Sch\u00e4rfung des Profils durch popkulturelles Geraune von &#8222;rechtem Schick&#8220; und &#8222;Kultmarke&#8220;, dazu ein eigener Eintrag bei Wikipedia mit detaillierter Produktbeschreibung: &#8222;martialisch&#8220;, &#8222;Streetwear&#8220; &#8211; so etwas weckt Neugier bei der potenziellen jugendlichen Kundschaft. F\u00fcr Werbefachleute w\u00e4re Thor Steinar ein Leckerbissen. Hinzu kommt das G\u00fctesiegel durch den Verfassungsschutz, Thor Steinar sei &#8222;identit\u00e4tsstiftend&#8220; f\u00fcr die rechte Szene, ein juristischer Persilschein und &#8211; am wichtigten, um f\u00fcr Underdogs attraktiv zu sein &#8211; das Hausverbot in Fu\u00dfballstadien und Parlamenten.<\/p>\n<p>Was will man mehr? Wer die Textilien von Thor Steinar erwirbt, der besitzt Kleidung, die es garantiert nie von der Stange und im Kaufhaus geben wird. Statt dessen macht sie den Tr\u00e4ger &#8211; wie schon die klassischen Lieblingslabels der Skinheads, Fred Perry, Ben Sherman, Lonsdale oder Everlast, zum Mitglied einer Gruppe von Eingeweihten, die sich untereinander erkennen. Sie k\u00f6nnen sich f\u00fchlen wie Besitzer einer seltenen Automarke, die sich auf der Stra\u00dfe mit ihren Gef\u00fchrten zuf\u00e4llig begegnen und sich fl\u00fcchtig gr\u00fc\u00dfen, obwohl sie sich nicht kennen. Thor Steinar &#8211; da wei\u00df man, was man hat. Das befl\u00fcgelt den Verkauf.<\/p>\n<p>Betrachtet man den Katalog von Thor Steinar, erstaunt eher, wie fantasielos die Produktpalette ist: Das Top &#8222;Turboelfe&#8220; f\u00fcr &#8222;M\u00e4dels&#8220; klingt wie ein Accessoire f\u00fcr Opel-Manta-Fahrer, &#8222;Shorts Sigrid&#8220; nach dem Regal einer schwedischen M\u00f6belfirma, und die wetterfeste Kleidung f\u00fcr Jungs besteht im wesentlichen aus aufgebrezelten Bomberjacken. Die Feinstrickpullis erscheinen wie eine Mischung aus Matrose gewollt, aber nicht gekonnt und einem Outfit f\u00fcr Hooligans im Seniorenheim. Ganz multikulti kommen die Badeshorts &#8222;Samoa&#8220; und &#8222;Sansibar&#8220; im Bl\u00fcmchenmuster (f\u00fcr M\u00e4nner!) einher. Modebewusste Rechtsextremisten mit prallem Geldbeutel tragen offenbar kein Feinripp mehr: das l\u00e4sst immerhin hoffen. Dann gibt es noch die Farbauswahl schwarz, wei\u00df und rot. Ein Schelm, wer \u00fcberhaupt was dabei denkt.<\/p>\n<p>Zugegeben: wer sich an den Kampagnen gegen Thor Steinar beteiligt, der meint es meist gut. Doch in Wahrheit schlummert hinter der Antifa-Attit\u00fcde, eine clevere und politisch zynische Gesch\u00e4ftsidee mit Mitteln des Strafrechts oder gar mit Gewalt bek\u00e4mpfen zu wollen, das typisch deutsche Obrigkeitsdenken, dem auch Linke und Lichterkettentr\u00e4ger allzugern immer wieder verfallen. Sie finden, der Staat m\u00fcsse gegen das B\u00f6se &#8211; hier: Thor Steinar &#8211; hart durchgreifen. Melde gehorsamst: gef\u00e4hrliche Symbole entdeckt! Bitte Verbot durchf\u00fchren!<\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfte sich auch bei der R\u00e4uber-und-Gendarm-Antifa herum gesprochen haben, dass eindeutig zweideutige Mimikri inzwischen auch zum Reportoire der ganz braunen Kameraden geh\u00f6rt. Ein Rassist und Antisemit kann, wenn er hip sein will, auch ein Che-Guevara-T-Shirt tragen, ein Pali-Tuch sowieso. Es gibt keine subkulturellen Zeichen mehr, die eindeutig f\u00fcr eine politische Idee stehen. Das ist auch gut so: Wer Symbole umdeutet, sie flexibel einsetzt, schw\u00e4cht ihre Bedeutung im kulturellen Kontext. Es w\u00fcrde dem Ruf der Marke bei \u00fcberzeugten Rechtsextremen eher schaden, wenn sie Normalos oder Linke tr\u00fcgen, als wenn man ihr den Nimbus des Besonderen zubilligte.<\/p>\n<p>Thor Steinar ist in Sachen Mode, was die B\u00f6hsen Onkelz f\u00fcr die Musik sind: ein Angebot f\u00fcr den rechten Rand, f\u00fcr den &#8222;White Trash&#8220; und alle Verlierer mit Trotzhaltung, aber auch f\u00fcr die nur gef\u00fchlt b\u00f6sen Jungs, die am liebsten ihr Wohnzimmer mit deutscher Eiche ausstaffierten.<\/p>\n<p>Wie sehen sich die Kunden von Thor Steinar selbst? Darauf gibt eine Umfrage auf der Website Auskunft: &#8222;Mit \u00fcberw\u00e4ltigender Mehrheit stuften sich die K\u00e4ufer der Marke als politisch uninteressiert oder in der Mitte der Gesellschaft befindlich ein.&#8220; Was nichts anderes hei\u00dft als: wer Thor Steinar tr\u00e4gt, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit f\u00fcr rechtspopulistische Parolen empf\u00e4nglich und steht politisch genau dort, wo Rassismus und Antisemitismus ihre st\u00e4rksten Wurzeln haben: mittendrin in Deutschland.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14469?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14469?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_14469 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_14469')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_14469').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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