{"id":14310,"date":"2012-05-28T18:26:16","date_gmt":"2012-05-28T17:26:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=14310"},"modified":"2012-07-16T13:23:44","modified_gmt":"2012-07-16T12:23:44","slug":"ludwig-lesen-oder-habt-ihr-noch-alle-tassen-im-schrank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/05\/28\/ludwig-lesen-oder-habt-ihr-noch-alle-tassen-im-schrank","title":{"rendered":"Ludwig lesen oder: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/pix\/2012\/05\/270512_2.jpg\" alt=\"B\u00fccher\" border=\"0\" hspace=\"0\" vspace=\"0\" width=\"480\" \/><\/p>\n<p align=left><sup>Es gibt keine Gl\u00fcckseligkeit ohne Tugend, ihr habt Recht, ihr Moralisten [\u2026] aber merkt es euch, es gibt auch keine Tugend ohne Gl\u00fcckseligkeit \u2013 und damit f\u00e4llt die Moral ins Gebiet der Privat\u00f6konomie oder National\u00f6konomie. (Ludwig Feuerbach)<\/sup><\/p>\n<p align=left>\nWir machen gleich kurzen Prozess, damit es die Leser nicht allzusehr schmerzt:<br \/>\nWer wissen will, wie die kapitalistische Wirtschaft funktioniert, sollte zun\u00e4chst die &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grundrisse_der_Kritik_der_politischen_%C3%96konomie\">Grundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie<\/a>&#8220; von Karl Marx lesen (1100 Seiten), weil darin die Werttheorie entwickelt wird. Dann die drei B\u00e4nde des &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Kapital\">Kapital<\/a>&#8220; (rund 3000 Seiten, gef\u00fchlt 30.000), nicht zu vergessen Ludwig Feuerbachs &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Wesen_des_Christentums_%28Feuerbach%29\">Das Wesen den Christentums<\/a> sowie alles \u00fcber &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herrschaft_und_Knechtschaft\">Herrschaft und Knechtschaft<\/a> in der Hegelschen &#8222;Ph\u00e4nomenologie des Geistes&#8220; (rund 600 Seiten). Ich erwarte auch fundiertes Wissen in altgriechischer, r\u00f6mischer und mittelalterlicher Geschichte, Grundkenntnisse der Wahrnehmungspsychologie und die Lekt\u00fcre der Standardwerke der Ethnologie \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fetischismus_%28Religion%29\">Fetischismus<\/a> &#8211; wahlweise 500 Seiten <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marcel_Mauss\">Marcel Mauss<\/a> oder &#8211; wer es ganz exotisch haben will &#8211; eine antiquierte Scharteke von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Maurice_Godelier\">Maurice Godelier<\/a>, zum Beispiel &#8222;Oekonomische Anthropologie. Untersuchungen zum Begriff der sozialen Struktur primitiver Gesellschaften&#8220;.<\/p>\n<p>Jetzt wackeln die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser mit den K\u00f6pfen, fragend, was dieser Burks wohl geraucht haben m\u00f6ge, und beschlie\u00dfen, sofort weiterzuzappen auf etwas Leichtes, Beschwingtes und auch f\u00fcr den durchschnittlichen deutschen Fernsehzuschauer verst\u00e4ndliches Wortgebr\u00e4u, das zu verdauen man das Gehirn nicht \u00fcber Geb\u00fchr anstrengen muss, etwa <del datetime=\"2012-05-28T16:10:57+00:00\">das t\u00e4gliche Horoskop, den Wirtschaftsteil deutscher Zeitungen<\/del> die B\u00f6rsennachrichten der Tagesschau. <\/p>\n<p>Halt! So einfach ist das eben nicht mit der Wirtschaft. Wer Metzger lernen will, braucht ein paar Monate Lehrzeit, um ein Schwein sauber zerlegen zu k\u00f6nnen. Und ihr wollte mir weismachen, die Prinzipien, wie \u00d6konomie im Kapitalismus funktioniere, k\u00f6nne man so mal eben aus dem Bauch heraus, per gesundem Volksempfinden, lernen und verstehen &#8211; wie das <del datetime=\"2012-05-28T16:10:57+00:00\">FDP-Funktion\u00e4re<\/del> Volont\u00e4re und Journalisten in Deutschland t\u00e4glich tun? Habt ihr noch alle Tassen im Schrank?<\/p>\n<p>In Wahrheit ist es mit Karl Marx und seinen Ideen noch viel vertrackter. Das \u00f6konomische Hauptwerk &#8222;Das Kapital&#8220;, dessen Basis schon in den &#8222;Grundrissen&#8220; beschrieben wurde, fu\u00dft auf dem, was Philosophie und Wirtschaftswissensschaft im fr\u00fchen 19. Jahrhundert entwickelt hatten. Marx hat das nur neu und anders interpretiert. Ganz nebenbei nahm er auch heutige Theorien der Wahrnehmungspsychologie vorweg &#8211; damals besch\u00e4ftigte sich die Philosophie mit der Frage: Ist die Welt wirklich so, wie wir sie glauben zu sehen, oder ist sie vielmehr nicht ganz anders? Und wenn die Welt anders ist als wir meinen, wie k\u00f6nnten wir das jemals erfahren?<\/p>\n<p>Ich <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2012\/05\/19\/ware-wert-preis-und-profit-revisited\">schrieb<\/a> \u00fcber den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Warenfetisch\">Warenfetisch<\/a>: &#8222;Im Kapitalismus w\u00fcrden den Waren, dem Geld und schlie\u00dflich dem Kapital Eigenschaften zugeschrieben, die diese in Wahrheit nicht haben, steht bei Wikidings. Das, was \u00fcber Wirtschaft gedacht wird, \u00e4hnelt dem Abergauben der Religionen, ist also nicht wahr, sondern Unfug. Und das ist zwangsweise so: Die Mehrheit der Leute kann gar nicht anders, aus historischen Gr\u00fcnden, genausowenig wie ein Bauer im alten \u00c4gypten verstanden h\u00e4tte, dass sich die Erde um die Sonne dreht.&#8220; <\/p>\n<p>Das kriegen wir aber erst sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Stellen wir uns also ganz dumm. Wozu, zum Teufel [sic!], sollte heute noch jemand <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_Feuerbach\">Ludwig Feuerbach<\/a> \u00fcber das Christentum lesen? Der Kerl ist doch schon seit rund 140 Jahren mausetot? Ganz einfach: &#8222;Die Religion ist nicht einfach &#8218;Unsinn&#8216; oder &#8218;Aberglaube&#8216;, sie ist die bildhafte \u00c4u\u00dferung von Eigenschaften und Impulsen, von &#8218;Kr\u00e4ften&#8216;, die der Mensch als so wichtig und wesentlich empfindet&#8220;. Feuerbach spricht es zwar nicht aus, aber er definierte als erster Philosoph Religion als eine Projektion &#8211; im heutigen wissenschaftichen Sinn.<\/p>\n<p>Daraus folgt genau das, was Marx in seinen ber\u00fchmten <a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me03\/me03_005.htm\">Thesen \u00fcber Feuerbach<\/a> schreibt: &#8222;Feuerbach sieht daher nicht, da\u00df das &#8218;religi\u00f6se Gem\u00fct&#8216; selbst ein gesellschaftliches Produkt ist und da\u00df das abstrakte Individuum, das er analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angeh\u00f6rt.&#8220; <\/p>\n<p>Wer das heute sagt, wird immer noch scheel angesehen. Wie? Der religi\u00f6se Aberglaube l\u00e4sst sich aus der jeweiligen Gesellschaft erkl\u00e4ren? Wo k\u00e4men wir denn da hin? Dann g\u00e4be es doch keine absoluten Wahrheiten mehr und die heiligen B\u00fccher h\u00e4tten Unrecht? Ja, liebe christlichen Salafisten, so ist es, und das wusste schon Feuerbach &#8211; und Marx sowieso. <\/p>\n<p>Die Menschen haben also ein &#8222;falsches Bewusstsein&#8220; (Ideologie), sie machen sich Illusionen \u00fcber sich und das, was die Welt zusammenh\u00e4lt. Diese Projektion ist ja nach Gesellschaftsform unterschiedlich &#8211; man k\u00f6nnte modern sagen: In Papua-Neuguinea glaubt man, das T\u00e4nze das Wetter beeinflussten, und in deutsche Medien glaubt man daran, dass die Wirtschaft immer weiter wachsen k\u00f6nne und dass es eine &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konjunktur\">Konjunktur<\/a>&#8220; gebe wie die Konjunktion in der Astronomie. Der Singehalt beider Thesen ist \u00e4hnlich. Alles h\u00e4ngt irgendwie mit allem zusammen und bewegt sich. Da kann man nix machen.<\/p>\n<p>Marx hat in der &#8222;<a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me01\/me01_378.htm\">Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie<\/a> die Sache mit dem &#8222;falschen Bewusstsein&#8220; noch weiter ausgesponnen:<br \/>\n<i>&#8230;die Kritik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik. (&#8230;) Das religi\u00f6se Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedr\u00e4ngten Kreatur, das Gem\u00fct einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zust\u00e4nde ist. Sie ist das Opium des Volkes.<\/i><\/p>\n<p>Das sind doch h\u00f6chst aktuelle S\u00e4tze! Religion, Esoterik und andere Formen des Aberglaubens sind nicht ausgestorben, wie man vorschnell annehmen k\u00f6nnte, sondern sind \u00e4u\u00dferst beliebt &#8211; und um so mehr, wie der Kapitalismus kriselt und immer mehr Menschen in die Armut und ins gesellschaftliche Aus dr\u00e4ngt. Mein Hausphilosoph <a href=\"http:\/\/itb.biologie.hu-berlin.de\/~wiskott\/DeutscheAphorismen\/authorQuotes\/Lichtenberg__Georg_Christoph.html\">Lichtenberg<\/a> schrieb schon <del datetime=\"2012-05-29T08:41:27+00:00\">vor einem Vierteljahrhundert<\/del> rund 250 Jahren: &#8222;Unsere Welt wird noch so fein werden, da\u00df es so l\u00e4cherlich sein wird, einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.&#8220; Leider irrte er, wenn man sich ansieht, wie viele Jugendliche dem Oberpfaffen Benedikt hinterherlaufen oder <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/panorama\/gesellschaft\/matusseks-papst-reise-mit-benedikt-im-himmel-a-781093.html\">wie viele Journalisten h\u00f6here Wesen verehren<\/a> und sich auch noch trauen, das \u00f6ffentlich zuzugeben.<\/p>\n<p>Das Publikum ahnt schon, worauf das hier hinausl\u00e4uft: Im &#8222;Kapital&#8220; wird schon ganz zu Anfang (das erste Kapitel hat rund 100 Seiten) analysiert, dass der Kapitalismus den Menschen zwangl\u00e4ufig eine Art Irrglauben aufzwingt: Sie meinen etwa anderes zu tun und zu haben, als in Wahrheit der Fall ist. Es heisst also nicht &#8222;Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte&#8220; (was es gibt), sondern: <del datetime=\"2012-05-28T16:36:20+00:00\">Apologeten des Systems<\/del> Wirtschafts&#8220;wissenschaftler&#8220;, die &#8222;Arbeitgeber&#8220; mit &#8222;Arbeitnehmer&#8220; verwechseln (was genau so ein Unfug ist, aber leider gang und g\u00e4be). <\/p>\n<p>Friedrich Engels <a href=\"http:\/\/www.mlwerke.de\/me\/me16\/me16_235.htm\">schreibt<\/a> \u00fcber das \u00fcbliche affirmative Neusprech:<br \/>\n<i>Es konnte mir nicht in den Sinn kommen, in das &#8222;Kapital&#8220; den landl\u00e4ufigen Jargon einzuf\u00fchren, in welchem deutsche \u00d6konomen sich auszudr\u00fccken pflegen, jenes Kauderwelsch, worin z.B. derjenige, der sich f\u00fcr bare Zahlung von andern ihre Arbeit geben l\u00e4\u00dft, der Arbeitgeber hei\u00dft, und Arbeitnehmer derjenige, dessen Arbeit ihm f\u00fcr Lohn abgenommen wird. Auch im Franz\u00f6sischen wird travail im gew\u00f6hnlichen Leben im Sinn von &#8218;Besch\u00e4ftigung&#8216; gebraucht. Mit Recht aber w\u00fcrden die Franzosen den \u00d6konomen f\u00fcr verr\u00fcckt halten, der den Kapitalisten donneur de travail, und den Arbeiter receveur de travail nennen wollte.<\/i><\/p>\n<p>&#8222;Kauderwelsch&#8220; ist noch ein harmloser Begriff f\u00fcr den Quatsch, der schon damals in den Medien \u00fcber \u00d6konomie stand &#8211; und unver\u00e4ndert auch heute noch.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens &#8211; hier mitlesende Sozialdemokraten, aufgemerkt! Nicht vergessen, was <a href=\"http:\/\/www.wolfgangfritzhaug.inkrit.de\/documents\/rezzukapital.pdf\">euer Parteigenosse Eduard Bernstein<\/a> sehr richtig bemerkte: &#8222;Die wichtigsten Stellen sind von Marx so klar und verst\u00e4ndlich geschrieben, dass es eigentlich S\u00fcnde ist, sie in mein versozialdemokrateltes Deutsch zu \u00fcbertragen&#8220;.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14310?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/14310?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_14310 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_14310')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_14310').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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