{"id":10750,"date":"2011-06-26T18:43:39","date_gmt":"2011-06-26T16:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=10750"},"modified":"2017-12-21T22:10:07","modified_gmt":"2017-12-21T21:10:07","slug":"medientrojaner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2011\/06\/26\/medientrojaner","title":{"rendered":"Medientrojaner"},"content":{"rendered":"<p>Der d\u00fcmmste anzunehmende Historiker nennt das Pferd, mit dem sich laut Homer die Griechen in die Stadt Troja schmuggelten, &#8222;Trojaner&#8220; bzw. er nennt die Griechen Trojaner, obwohl die Trojaner draussen waren und die Griechen drinnen. Man kann ja auch die Deutschen Franzosen nennen oder die Russen Amerikaner, ist irgendwie sowieso egal. <\/p>\n<p>So falsch, schr\u00e4g und unpassend die Metapher &#8222;Trojaner&#8220; f\u00fcr eine Software ist, die &#8211; so stellt sich das Klein Fritzchen vor &#8211; irgendwie auf einen fremden Rechner geschmuggelt wird, etwa mit Hilfe von Zauberformeln, die ein Beamter in Wiesbaden beim BKA vor sich hin murmelt, w\u00e4hrend er eine ausf\u00fchrbare Datei an einen verd\u00e4chtigen Menschen schickt, in der Hoffnung, der benutze das Betriebssystem Windows und w\u00fcrde alles per Mausklick und per Admin-Account installieren, was nicht bei drei auf dem n\u00e4chsten Baum ist &#8211; es hindert die Holzmedien dennoch nicht, diesen Quatsch wieder und wieder zu verbreiten.<\/p>\n<p>Aktueller Fall, Zitat <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/vorab\/0,1518,770526,00.html\">Spiegel <del datetime=\"2011-06-26T15:46:50+00:00\">online<\/del><\/a>: Das M\u00fcnchener Justizministerium habe einger\u00e4umt, &#8222;dass die [<i>welche? B.S.<\/i>] umstrittene [!] Spionage-Software zwischen 2009 und 2010 insgesamt f\u00fcnfmal [sic] in Augsburg, N\u00fcrnberg, M\u00fcnchen und Landshut zur Anwendung kam.&#8220;<\/p>\n<p>Man merkt schon bei diesem Deutsch des Grauens, dass hier irgendjemand irgendwelche Beh\u00f6rden-Agitprop abgekupfert hat &#8211; so redet kein Mensch: &#8222;zur Anwendung kam&#8220;? Das Gehirn des Schreibers kam offenbar nicht zur Anwendung. Wer wendete was an &#8211; und vor allem wie? <\/p>\n<p>Und nur ganz nebenbei: &#8222;banden- und gewerbsm\u00e4\u00dfiger Betrug&#8220; und &#8222;Handel mit Bet\u00e4ubungs-und Arzneimittel&#8220; sind keine Straftatsbest\u00e4nde, bei denen das Bundesverfassungsgericht den Einsatz von Spionage-Software auf Computern erlaubt h\u00e4tte. Den Bayern scheint das legal, illegal, scheissegal zu sein. Wundert mich nicht.<\/p>\n<p>Jetzt aber die Pointe:<br \/>\n<i>&#8222;Die Fahnder fanden trickreiche Wege, zum Aufspielen <a href=\"http:\/\/bundestrojaner.zenzizenzizenzic.de\/\">der Trojaner<\/a>: einmal <a href=\"http:\/\/www.unwatched.org\/20110301_LKA_installiert_Trojaner_bei_Flughafenkontrollen\">half der Zoll am M\u00fcnchener Flughafen<\/a>, einmal wurde der Spion per Remote-Installation aufgespielt, dreimal nutzen die Ermittler das Durcheinander einer Hausdurchsuchung.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Zum ersten, liebe Spiegel-Redakteure, gibt es hier sowieso nicht mindestens zwei unabh\u00e4ngige Quellen, sondern nur das, was die Beh\u00f6rde von sich zu geben beliebt. Ihr h\u00e4ttet das \u00fcberpr\u00fcfen oder anmerken m\u00fcssen: &#8222;Die Beh\u00f6rde behauptet das.&#8220;<\/p>\n<p>Zum zweiten und mal ganz langsam von vorn: Hier handelt es sich um <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/medien\/digitale-welt\/bayerischer-trojaner-gegen-skype\/1150336.html\">Software<\/a> zum Mith\u00f6ren von Skype. <b>Das ist etwas ganz anderes als die real nicht existierende Online-Durchsuchung. Und mehr als Internet-Telefonie zu belauschen kann die Software nicht. Wann kapiert ihr das endlich?<\/b><\/p>\n<p>Lauschen wir <a href=\"http:\/\/www.gulli.com\/news\/nutzt-das-lka-in-m-nchen-2008-01-24\/\">Gulli.com<\/a>: &#8222;Die Installation des so genannten Bayerntrojaners soll wahlweise durch einen Einsatz der Polizei vor Ort oder remote per E-Mail geschehen. (&#8230;) Die Schadsoftware kann Daten an und \u00fcber einen Rechner au\u00dferhalb des deutschen Hoheitsgebietes versenden. Dabei kann Zugriff auf interne Merkmale des Skypeclients und auf SSL-verschl\u00fcsselte Websites genommen werden.&#8220;<\/p>\n<p>O ja. Per Mail? Wie soll das gehen? Wenn der Verd\u00e4chtige so bescheuert ist wie die Leute, die diesen Unfug wiederholen, ohne auch nur ein Milligramm Gehirnschmalz zu aktivieren, dann wird er auch zu d\u00e4mlich sein, um ein Programm zu installieren (und das m\u00fcsste er). <\/p>\n<p>Bei der so genannten Online-Durchsuchung geht es mitnichten um das Belauschen von Internet-Telefonie, und <a href=\"http:\/\/www.netzeitung.de\/internet\/868950.html\">Skype ist sowieso nicht sicher<\/a>! Wie ich schon am 04.01.2008 in der Netzeitung schrieb:<\/p>\n<p><i>Skype hat aber nicht nur ein Problem. In vielen Unternehmen ist es verboten, weil das Sicherheitsrisiko zu gro\u00df erscheint. Die Software verh\u00e4lt sich zu Firewalls und Routern wie ein Nashorn, wenn es in Wut ger\u00e4t: Sie bohrt L\u00f6cher hinein, damit auch der d\u00fcmmste anzunehmende Nutzer bequem plaudern kann und nicht erst in den digitalen Eingeweiden fummeln muss.<\/p>\n<p>Wer sich um die Konfiguration der Privatsph\u00e4re nicht k\u00fcmmert, k\u00f6nnte sich versehentlich von fremden Menschen abh\u00f6ren lassen. Eine Firma, die Skype einsetzte, verl\u00f6re auch die Kontrolle \u00fcber den Datenverkehr. Deshalb raten Wirtschaftsverb\u00e4nde davon ab.<\/p>\n<p>Der gr\u00f6\u00dfte Nachteil von Skype ist prinzipieller Natur: Das Programm ist propriet\u00e4r \u2013 also nicht kompatibel mit freier Software -, und der Gespr\u00e4chspartner darf keine andere VoIP-Software nutzen. Die Innereien von Skype &#8211; der Quellcode &#8211; sind ohnehin ein Betriebsgeheimnis. \u00abSecurity by obscurity\u00bb nennt man das System im Hacker-Milieu. Im Internet kursieren detaillierte Analysen wie \u00ab<a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/en\/wiki\/Skype_security\">Silver Needle in the Skype<\/a>\u00bb, die die Schwachstellen der Software aufzeigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr politisch denkende Zeitgenossen ist Skype \u00e4hnlich igitt wie Googles E-Mail-Dienst: Nutzer von Skype aus China bekommen einen Textfilter vorgesetzt, der bestimmte Worte nicht durchl\u00e4sst. \u00abFalun Gong\u00bb und \u00abDalai Lama\u00bb sind als verboten gesetzt. Diese Zensur kann nur funktionieren, weil die Betreiberfirma die M\u00f6glichkeit ab Werk eingebaut hat, die Gespr\u00e4che mitzuprotokollieren und zu belauschen.<\/p>\n<p>Das alles wird den normalen Nutzer nicht abschrecken. Der installiert manchmal sogar eine Webcam im Schlafzimmer, weil er nichts zu verbergen hat und nutzt das bekannte Betriebssystem eines rothaarigen Multimilliard\u00e4rs, bei dem alle relevanten Sicherheitsfeatures ab Werk ausgestellt sind.<\/i><\/p>\n<p>Welche &#8222;trickreichen Wege&#8220; nutzten also die Beamten ganz legal, illegal, scheissegal? &#8222;Per Remote-Installation aufgespielt&#8220; &#8211; k\u00f6nntet ihr hier mal ins Detail gehen? Welche IP-Adresse attackieren sie denn, oder wurde dem Verd\u00e4chtigen eine per Einschreiben mit R\u00fcckschein vorher aufgezwungen?<\/p>\n<p>&#8222;Nutzen die Ermittler das Durcheinander einer Hausdurchsuchung&#8220; &#8211; ach ja? So geht das also in Bayern zu, das \u00fcberrascht mich nicht. Da kann ich ja froh sein, dass die Beamten, <a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2008\/11\/11\/wohnungsdurchsuchung-bei-mir-heute-fruh\">die meine Wohnung durchsuchten<\/a>, nicht alle Buchregale umgeworfen, das Geschirr auf den Boden und die Monitore mal eben so umgesto\u00dfen haben? Wie kann man so etwas als Journalist einfach kritiklos &#8222;vermelden&#8220;, wie es in grauenhaften Journalisten-Neusprech heutzutage hei\u00dft? Wenn das in China passierte &#8211; &#8222;die Ermittler nutzen das Durcheinander einer Hausdurchsuchung&#8220; -, dann w\u00fcrdet ihr alle heuchlerisch jammern und klagen. <\/p>\n<p>Verlogenes unkritisches obrigkeitsh\u00f6riges Pack! Das kotzt mich wirklich an. Und ihr habt keinen Schimmer von dem, wovon ihr schreibt.<\/p>\n<p>Nur ganz nebenbei: Wie h\u00e4tte denn bei mir jemand w\u00e4hrend der Hausdurchsuchung etwas auf meine Rechner &#8222;spielen&#8220; k\u00f6nnen? Die waren ausgeschaltet, und ich h\u00e4tte notfalls einfach die Stecker rausgezogen, wenn dem nicht so gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Unstrittig ist, dass, wenn man den physischen Zugriff auf einen Rechner hat und wenn der eingeschaltet ist und\/oder von Fremdmedien bootet, recht viel m\u00f6glich ist. Aber das geht bei Leuten nicht, die einen Rechner von einem Videorecorder unterscheiden k\u00f6nnen. Aber vielleicht irre ich mich ja, und meine Mitmenschen sind noch d\u00e4mlicher als ich eh schon annehme.<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10750?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10750?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_10750 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_10750')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_10750').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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