{"id":10527,"date":"2011-06-13T14:43:59","date_gmt":"2011-06-13T12:43:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/?p=10527"},"modified":"2014-04-10T10:52:57","modified_gmt":"2014-04-10T08:52:57","slug":"exakte-zielansprache-fur-gefuhlt-erlesene-ichs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2011\/06\/13\/exakte-zielansprache-fur-gefuhlt-erlesene-ichs","title":{"rendered":"Exakte Zielansprache f\u00fcr gef\u00fchlt erlesene Ichs"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Das erlesene ich&#8220; hei\u00dft ein <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/identitaeten-wer-wir-sind-und-wie-wir-werden\/4266428.html\">Artikel<\/a> im Tagesspiegel vom <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Peter-Andr%C3%A9_Alt\">Peter-Andr\u00e9 Alt<\/a>, der nicht nur als Feuilletonist dilettiert, sondern auch in der FU Berlin pr\u00e4sidiert. Da kann ich nat\u00fcrlich nicht widerstehen, zumal mich schon der Untertitel stutzen lies: &#8222;Identit\u00e4ten&#8220;? Aber Herr Professor, &#8222;Identit\u00e4t&#8220; kennt so wenig einen Plural wie &#8222;Aktivit\u00e4t&#8220;, wenn man die deutsche Sprache ernst nimmt &#8211; und wer war hier noch mal identisch mit wem oder was?<\/p>\n<p>Helm ab zum deutschen Feuilleton f\u00fcr den Oberstudienrat, nein, lesen wir einfach gemeinsam und gedenken derer, die wussten, dass sogar die deutsche Sprache Melodie und Rhythmus besitzt, w\u00fcsste man denn, wie dieselben anzuwenden w\u00e4ren:<\/p>\n<p><i>Das moderne Ich, dessen Geburtstunde in der Aufkl\u00e4rung schlug, st\u00fctzt sich auf unterschiedliche Rollen- und Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe. Es ist so angelegt, dass es sich in Prozessen der Reflexion, der Einbildung, der Selbststilisierung, der Maskerade und T\u00e4uschung vervielf\u00e4ltigen kann. Lesen initiiert solche Formen der Anreicherung, indem es dazu beitr\u00e4gt, das Ich mit seinen unentdeckten M\u00f6glichkeiten zu konfrontieren.<\/i><\/p>\n<p>Ung, ung, ung, ung, t\u00f6net das Echo im Sprachwalde in der Hoffnung auf Erl\u00f6sung vom Nominalstil. Diese gespreizte Bl\u00e4h- und Furzdeutsch wollen wir jetzt \u00fcbersetzen, liebe Kinder.<\/p>\n<p>Der moderne Ich &#8211; wieso eigentlich &#8222;modern&#8220;? Meint der Kerl den B\u00fcrger und wie er sich im Kapitalismus formte, angefangen bei <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/%C3%9Cber_den_Proze%C3%9F_der_Zivilisation\">Norbert Elias<\/a> und dem &#8222;Prozess der Zivilisation&#8220; bis zu <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Max_Weber\">Max Weber<\/a>, der, weil ein ehrlicher Wissenschaftler, sich noch traute, das b\u00f6se Wort &#8222;Kapitalismus&#8220; auszusprechen: &#8222;Die protestantische Ethik und <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Die_protestantische_Ethik_und_der_Geist_des_Kapitalismus\">der Geist des Kapitalismus<\/a>&#8222;?<\/p>\n<p>Es gab mal einen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/1976\/28\/der-vorwurf-heisst-volksfront-mann\">Pr\u00e4sidenten der FU Berlin<\/a>, der sch\u00fctzte seine Studenten pers\u00f6nlich vor der Polizei (ich war damals Augenzeuge). Es versteht sich nicht von selbst f\u00fcr einen Wissenschaftler, die Theorie zu vertreten, es gebe eine <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Soziale_Rolle\">soziale Rolle<\/a>. Damals, als man noch nachdachte und kritisch war, sah man das anders &#8211; <a href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wikipedia\/de\/wiki\/Soziale_Rolle#Kritik_des_Rollen-Begriffs\">guckst du hier<\/a>:<\/p>\n<p><i>Wo &#8222;Theorien der Gesellschaft&#8220; von &#8222;soziologischen Theorien&#8220; unterschieden werden, etwa im Marxismus oder in der Systemtheorie, da wird &#8222;Rolle&#8220; entweder als gef\u00e4hrlicher Konkurrenzbegriff vehement zur\u00fcckgewiesen, oder er wird einfach \u00fcbergangen: Frigga Haug beanstandete als Marxistin, dass sowohl die Geschichte der Gesellschaft und ihre \u00f6konomischen Bedingungen als auch das dialektische Verh\u00e4ltnis zwischen Individuum und Gesellschaft mit dem Begriff &#8222;Rolle&#8220; in das Individuum verlegt werden; die Theatermetapher &#8222;Rolle&#8220; erleichtere zudem die Selbstt\u00e4uschung. Rollenforderungen stellen demnach eine \u00e4u\u00dfere \u00dcbermacht dar, bei der die Gefahr besteht, dass das Individuum sich in die &#8222;innere Emigration&#8220; zur\u00fcckzieht &#8230;. Gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse erscheinen dementsprechend f\u00e4lschlich als unver\u00e4nderbar.[24] Eine systemtheoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff der &#8222;Rolle&#8220; steht noch aus.<\/i><\/p>\n<p>Quod erat demonstrandum (sagt derjenige, der auch <a href=\"http:\/\/oi.uchicago.edu\/research\/projects\/cad\/\">B\u00fccher interessant findet<\/a>, deren Titel moderne Glotzentalkshowseher selbst dann nicht verst\u00fcnden, wenn man ihnen das Werk um die Ohren haute.) Wer &#8222;Rolle&#8220; sagt, outet sich damit als jemand, der den Lesern eine Ideologie subtil unterjubeln will &#8211; die des <del datetime=\"2011-06-13T11:58:03+00:00\">modernen Ichs<\/del> Kapitalismus, also known als die Gesellschaftsform, die wie alle lieben, die uns alle reich und gl\u00fccklich macht und die das Ende der Geschichte bedeutet.<\/p>\n<p>Verdammt, wir sind immer noch beim ersten Satz.  Unterschiedliche Rollen- und Identit\u00e4tsentw\u00fcrfe&#8220; &#8211; also Synonyme oder was? Das Ich ist nicht eingelegt, etwa in Sprachaspik, sondern angelegt dergestalt, das es gleich mehrere ist. Wie meinen? Wir sind viele? Noch einmal ganz langsam zu Mitschreiben &#8211; und jetzt benutzen wir Verben also known as Tuw\u00f6rter:<\/p>\n<p>Das Ich denkt, bildet sich etwas ein, stilisiert sich, maskiert sich und t\u00e4uscht sich, und w\u00e4hrenddessen das Ich all dieses tut, wird es viele. <\/p>\n<p>&#8222;Lesen initiiert solche Formen der Anreicherung&#8220;. Ach wirklich. Lesen reichert an &#8211; was aber genau? Das Tun des Denkens, sich Einbildens, sich Stilisierens, sich Maskierens und sich T\u00e4uschens? Ich schlage vor:<\/p>\n<p><i>Alt<\/i>: Lesen initiiert solche Formen der Anreicherung, indem es dazu beitr\u00e4gt, das Ich mit seinen unentdeckten M\u00f6glichkeiten zu konfrontieren.<br \/>\n<i>Neu<\/i>: Lesen bildet: Man merkt, wenn man liest, dass man mehr kann als man dachte.<\/p>\n<p>Wer h\u00e4tte das gedacht. Aber wenn man so schriebe wie Bertold Brecht, dann kriegte man das deutsche Feuilleton eben nicht voll. Da aber der Tagesspiegel das Zentralorgan des berliner Bildungsb\u00fcrgertums ist, soweit vorhanden, werden die Leser zus\u00e4tzlich mit dem Privaten, das bekanntlich immer politisch ist, des Feuilletonisten <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/wissen\/wie-er-wurde-was-er-ist\/4266430.html\">angesprochen<\/a>; die LeserIinen sollen sich wiedererkennen:<\/p>\n<p><i>Bitte beschreiben Sie Ihre Identit\u00e4t in einem Satz: Ich plane gern und freue mich dennoch \u00fcber Zuf\u00e4lle, weil sie das Leben unberechenbar, sch\u00f6n und gef\u00e4hrlich machen.<\/i><br \/>\nIch w\u00fcrde antworten: Cogito, ergo sum.<\/p>\n<p><i>Drei B\u00fccher, die Sie zuletzt mit Begeisterung gelesen haben<br \/>\nNiklas Luhmann, Universit\u00e4t als Milieu; Franz Werfel, Verdi. Roman der Oper; David Lodge, Author, Author.<\/i><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.burks.de\/burksblog\/2010\/05\/20\/wer-bin-ich\">Ich w\u00fcrde antworten<\/a>: Mary Douglas: Ritual, Tabu und K\u00f6rpersymbolik. Sozialanthropologische Studien in Industriegesellschaft und Stammeskultur. Hertha von Dechend: Die M\u00fchle des Hamlet. Ein Essay \u00fcber Mythos und das Ger\u00fcst der Zeit. Burkhard Schr\u00f6der: Die Konquistadoren (har har). <\/p>\n<p><i>Drei kulturelle H\u00f6hepunkte in diesem Jahr: Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit Mahlers erster Sinfonie, Hector Berlioz\u2019 &#8222;Die Trojaner&#8220; in der Deutschen Oper und Darren Aronofskys &#8222;Black Swan&#8220;.<\/i><br \/>\nHabt Ihr euch beim Tagesspiegel eigentlich mal gefragt, ob das jemand arrogant nennen w\u00fcrde? Diese Art kultureller Orgasmen muss man sich auch leisten k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde schon aus Trotz antworten: Deutschland sucht den Superstar. Eurovision Song Contest\u200e. Der Kachelmann-Prozess.<\/p>\n<p><i>Die letzten drei Urlaubsorte: Kalifornien, Sylt, T\u00fcrkei.<\/i><br \/>\nVenezuela. Mallorca, Gor in Second Life  &#8211; das k\u00f6nnen Sie nicht mithalten, Herr Professor! Aber das wollen sie auch gar nicht, denn sonst w\u00fcrde sich der Oberstudienrat, der gef\u00fchlt nur Erlesenes konsumiert, im Feuilleton des Tagesspiegel gar nicht mehr wohl f\u00fchlen. Habe die Ehre!<\/p>\n<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-bottom-right\"><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10527?print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/pdf.png\" alt=\"image_pdf\" title=\"PDF anzeigen\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/10527?print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\" ><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.burks.de\/burksblog\/wp-content\/plugins\/pdf-print\/images\/print.png\" alt=\"image_print\" title=\"Inhalt drucken\" \/><\/a><\/div><div class=\"twoclick_social_bookmarks_post_10527 social_share_privacy clearfix 1.6.4 locale-de_DE sprite-de_DE\"><\/div><div class=\"twoclick-js\"><script type=\"text\/javascript\">\/* <![CDATA[ *\/\njQuery(document).ready(function($){if($('.twoclick_social_bookmarks_post_10527')){$('.twoclick_social_bookmarks_post_10527').socialSharePrivacy({\"services\":{\"facebook\":{\"status\":\"on\",\"txt_info\":\"2 Klicks f\\u00fcr mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie k\\u00f6nnen Ihre Empfehlung an Facebook senden. 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