Der Kautschuksammler, revisited

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Über den gebratenen Affen hatte ich neulich schon etwas geschrieben. Heute geht es wieder um die völlig abgelegene und fast unerforschte Gegend nördlich des Rio Madre de Dios, genauer gesagt: um den Weiler Chive und zwei Familien von Kautschuksammlern, die rund zehn Kilometer Fußmarsch nördlich davon im Dschungel leben.

Die jüngere Generation der wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden mein Posting vom 10. Mai 2005 vermutlich nicht kennen, auch waren damals die Fotos kaum zu erkennen.

Reisetagebuch, 23. Juni 1984.

“Chivé, im Pando-Dschungel, rund 50 Kilometer vor der peruanischen Grenze. Ich sitze auf einem Baumstamm hoch über dem Rio Madre de Dios. Wir hoffen immer noch oder schon wieder auf ein Schiff, das uns nach Puerto Maldonado bringt. Am Nachmittag wird alles still, der Fluss strömt träge dahin, im Wasser Kringel, als ob es Blasen würfe, leise Musikfetzen aus einem Radio. Sogar die Moskitos wirken schläfrig. Der Urwald gegenüber steht still, nur ab und zu Vogelzwitschern.”pando

Ein Weg führt nach Norden, ein Tagesmarsch weit. Ein Kautschuk-Sammler lädt uns ein. Das zwiespältige Gefühl, zu zweit im Urwald zu sein, ringsum keine Menschenseele, und der Pfad überwuchert und machmal kaum zu finden. Nur zehn Meter weiter im undurchdringlichen Dickicht, und man wäre verloren und ohne Orientierung. Palmenwedel neigen sich herab, als wollten sie die Wanderer begrüßen. Ein Spinnennetz, groß wie ein Wagenrad und geformt wie ein Trichter, glitzert im Morgentau.

Die Familie des Kautschuksammlers, Ehefrau, Kinder, und ein “Mädchen” für alles, wohnen in drei Hütten am Fluss. Eine ist für uns und unsere Hängematten freigeräumt worden. Don Arturo zeigt uns stolz sein “Feld”, auf dem alle tropischen Früchte wachsen, das aber das ungeübte Auge kaum vom Urwahl unterscheiden kann, nur dass die Bäume weniger eng stehen.

Der Pando, obzwar Urwald, war früher dichter besiedelt. Alle Welt suchte und brauchte Kautschuk. Während des Kautschuk-Booms Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der kostbare Saft des Kautschuk-Baums (Hevea brasiliensis) gewonnen und das Rohgummi nach Manaus in Brasilien verschifft. Als die Planze auch in Südostasien angebaut wurde, verflog der Reichtum des Pando in wenigen Jahren. Der berühmteste Kautschuksammler der letzten Jahrzehnte war Chico Mendes.

Alle Siedlungen im Umkreis gehören einem Großgundbesitzer. Die Bewohner der Dörfer wie Chivé dürfen nichts selbst anbauen, sondern müssen alle Lebensmittel in den wenigen Läden kaufen – die gehören auch dem Grundherrn. Um überhaupt am Rio Madre de Dios leben zu dürfen, sind die Siedler – sie stammen meistens aus dem bolivianischen Hochland – gezwungen, sich hoch zu verschulden. Drei Monate sammeln sie Paranüsse, drei Monate dauert die Saison für das wenige Kautschuk, das hier noch gesammelt wird. Nur particulares, unabhängige Sammler wie Don Arturo, haben es durchgesetzt, dass sie auf eigene Rechnung arbeiten.

Am zweiten Tag hat Don Arturo ein Tier geschossen, ein Festmahl kündigt sich an.Pando Ein Affe hängt an einem Haken in der Freiluft-“Küche”. Mir ist, als müsse ich ein Kind verspeisen. Aber es wäre vermutlich äusserst unhöflich, die Gastgeber zu beleidigen und nichts zu essen. Die Kinder ernten Maniok und buddeln Yucca-Wurzeln aus dem Boden, die für die “Sättigungsbeilage” gedacht sind. Das Affen-Geschnetzelte schmeckt wie Wildschwein.

Don Arturo führt uns zu den Kautschuk-Bäumen. Es sind Dutzende, die er alle wiederfindet. Es dauert einen ganzen Tag, bis er alle abgegangen ist – wie ein Fallensteller seine Fallen. An jedem Baum ist ein kleines Gefäß in die Rinde gesteckt. Mit einem speziellen Messer ritzt der Kautschuksammler die Rinde alle drei Tage so schräg an, dass das Harz – eben der Rohstoff für Kautschuk – in das Gefäß tropft. An einigen Bäumen, erklärt Don Arturo, kann man noch die Kerben sehen, die vor mehr als 100 Jahren eingechnitten wurden.

In seinem Arbeitsschuppen liegen zahllose Scheite einer besonderen Holzart, die mit Seife eingefettet werden. Auch das Feuer darf nur von unten geschürt werden, dazu gehört ein bestimmte Frucht, die, wenn sie verbrennt, genau den Rauch erzeugt, der den weißen Rohgummisaft härtet. Die Angelegenheit sieht ein wenig aus wie ein Bonsai-Meiler.

Der Kautschuksammler hält während der Prozedur einen starken Stock über das Feuer und träufelt den Saft vorsichtig darüber, bis das Rohgummi sich wie ein fettes Schwein ohne Glieder über dem Feuer dreht. Die fertigen Rollen wiegen so viel, dass sie ein einzelner Mann kaum heben kann. Sie werden mit Schiffen nach Riberalta geschafft.

Aus dem Reisetagebuch:

Die aufgehende Sonne, deren Strahlen durch die Bäume auf den Fluss fallen, ein toter Flussarm mit braunem Wasser, den Hunderte von Wurzeln überspannen, umrahmt von gewundenen Lianen, Bäume, die von Schlingpflanzen so eingepresst werden, dass sie Knoten bilden, um wachsen zu können. Der dunkelblaue und wolkenlose Himmel. Die Kautschuk-Hütte und der beißende Rauch, der aus ihr quillt, dahinter die dunkle Wand des Dschungels. Die Grillen, die abends an den Wänden sitzen und zirpen, was das Zeug hält, die zahllosen unbekannten Vogelstimmen, das ferne Gekreische von Affen. Schwärme blutdürstiger Moskitos. Und überall Ameisen, die wahren Herren des Urwalds.

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Am Solimões

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Solimões wird der Amazonas von den Brasilianern zwischen dem Dreiländereck Peru-Kolumbien-Brasilien und dem Zusammenfluss mit dem Rio Negro genannt. Die Fotos habe ich 1982 in Leticia (Kolumbien, 1,2) gemacht und am gegenüber liegenden Ufer des Amazonas bzw. Solimões im brasilianischen Tabatinga (3,4,8). Die Fotos auf dem Schiff stammen von meiner anschließenden 10-tägigen Reise auf dem Amazonas nach Manaus. Seltenes Foto: meine Füße in meiner Hängematte. (Privatsphäre sieht anders aus, immerhin schliefen Männer und Frauen getrennt.)

Bart- und Rosenkriege

Burks

Tut mir leid: Die Argumente der Bartbefürworter waren nicht überzeugend. Ich war also heute beim deutschtürkischen Friseur meine Vertrauens (wann war ich zum letzen Mal beim Friseur? Vor acht Jahren?) und habe mir eine professionalle Behandlung gegönnt. Spitzen schneiden (aber bitte nur einen Zentimeter!) und Bart ab. Wenn ich nicht schon aufgestanden wäre, wäre ich vom Stuhl gefallen. Nur schlappe zehn Euro wollte er dafür haben. (Foto ist vor zehn Minuten gemacht worden – links im Hintergrund der Amazonas bei Manaus.)

Und nun zu etwas ganz Anderem. Wie den engen Freunden schon bekannt ist, führt meine Ex alias Noch-Ehefrau einen Rosenkrieg gegen mich. Es geht unter anderem um nicht vorhandenes Geld. Ich wasche keine schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit. Niemand hat von Rosenkriegen etwas, nur die Anwälte. Es kommt nichts dabei heraus. Aber mein Anwalt sagte beiläufig, man dürfte Frauen bei Scheidungen nicht unbedingt ernst nehmen. Irrationalität per default sozusagen.

Aber einen Satz muss ich doch hier zitieren. Meine Noch-Frau meinte ihn in einem Brief an ein Amtsgericht über mich formulieren zu müssen: “Außerdem brüstet sich mein Mann mehrfach seinen Kontaktes zu ‘Schlägertypen’ aus der extrem linken und extrem rechten Ecke, die er aktivieren könnte…” Ach ja? Aus beiden gleich? Diese Kontakte sollen sich mal bei mir melden. Ich schicke sie zusammen auf einen Fußballplatz und lasse sie aufeinander einprügeln. Eintritt frei. Da bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Politische Denunziation im Scheidungskrieg. Wer’s nötig hat….

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