Baumgart am Styr
Ein kurzes Zwischenspiel und ein Beispiel für historische Fummelei, die einem schwierigen Puzzle gleicht. Aus der oral history meiner Familie weiß ich, dass die Vorfahren des Vaters meiner Mutter aus Schwaben nach Russland bzw. Polen gezogen sein sollen. Das erzählte meine Oma Caroline Emma Baumgart (geb. Weiß). Ich habe das angezweifelt, weil nichts dafür sprach und die Möglichkeiten der Recherche in den 30-er Jahren mit den heutigen nicht vergleichbar sind. Meine Mutter erinnert sich, einer der entfernten Verwandten, vielleicht eine Großtante, sei in Odessa gestorben.
Mittlerweile weiß ich, dass die matriarchale Linie Wolhyniendeutsche waren. Viele siedelten im Kirchspiel Roshischtsche, heute heißt der Ort Roschyschtsche am Styr. Aber wann und wie sind die in die heutige Ukraine gekommen, und wie die Vorfahren meines Großvaters nach Polen, westlich von Warschau? Und waren sie Mennoniten?
Eine Karte aus dem Jahr 1927 von Karl Lück zeigt das damalige Wolhynien und die deutschen Sprachinseln.
Mit dieser Karte kann man auch den obigen Sterbeeintrag eines Kirchenbuchs von Rożyszcze (polnische Schreibweise) lokalisieren: Ludwig Baumgart aus Glinsche. Das heißt eigentlich Gliniszcze und läge auf der heutigen Karte bei Kremenez (oder ist identisch mit dem alten Gliniszcze), einem „Ort in der ukrainischen Oblast Wolhynien, Rajon Roschyschtsche“, laut Wikipedia „irrelevant“. [Update] Das „richtige“ Glimcze liegt auf der Karte weiter westlich, südlich von Adamowka.
Interessant ist der letzte Eintrag im obigen Kirchenbuch vom Ludwig Baumgart „Odessa von den russischen Behörden“. Was das genau besagt, kann ich (noch) nicht interpretieren.
Dazu passt ein Fund, den ich schon vor einiger Zeit machte. Es gibt eine Liste der Auswanderer aus Deutschland ins Schwarzmeergebiet 1763 bis 1862. Darin findet man Franz Joseph Baumgart aus Germersheim in der Pfalz, der 1809 nach Taurien ausgewandert sei. Taurien hieß früher die Krim, wo auch später einige Baumgarts nachweisbar sind.
Sollten einige der krimdeutschen Baumgarts wieder zurück nach Polen gewandert sein? Fragen über Fragen…
Baumgart, revisited
(Quelle: Ostdeutsche Familienkunde, Bd. 14, 44. Jg. (1996), Heft 1 Jan-März 1996, S. 159)
In Nowy Dwór Mazowiecki (dt. Neuhof) bei Warschau wurde mein Großvater mütterlicherseits 1897 getauft. Ich halte es immer noch für unwahrscheinlich, dass die Vorfahren meiner Mutter Mennoniten waren. Die Liste ehemaliger Mennonitenkirchen führt die Gemeinde in Deutsch-Kazun auf. Auf Catalogue of monuments of Dutch colonization in Polen gibt es noch eine alte Karte des Ortes.
By the way: Neu auf meiner Website Ancestry:
Peter aus Podlesche
Es dauerte mehrere Monate, bis ich endlich den Geburtsort meines Großvaters (matriarchale Linie) Peter Baumgart identifizieren konnte. Das kommt davon, wenn die Region, um die es geht, sowohl polnisch, russisch als auch deutsch war, je nachdem, um was die herrschenden Klassen jeweils gerade Krieg führten. Der winzige Ort, der auf normalen Karten gar nicht auftaucht und dessen Namen heute verschwunden ist, heißt Podles(c)he.
Im Wehrpass meines Opas steht das auch so, da seine Muttersprachen aber Deutsch und Russisch waren, hat er das lautmalerisch aufgeschrieben. Korrekt hieße es Podlesie oder Polesie (in Polnisch) oder Podljesje (russisch).
Ich wurde erst fündig, als ich auf einer (deutschen) Karte des russischen Reiches aus dem Jahr 1917 die Häusergruppe östlich des heutigen Brzozówka (russ: Brshusuwka) im Westen Warschaus fand – in Brzozówka sind viele meine Vorfahren geboren und waren dort Bauern, Arbeiter oder Wirte.
Mein Ururururgroßvater Jakub Baumgart ist 1833 in Brzozówka gestorben.
Sein Todesurteil

A black and white cinematic photograph, man seen from behind, wearing torn and dirty prison clothes, standing alone in a filthy stone prison cell, rough damp walls, cracks and stains, early 20th century prison, small barred window high in the wall, cold pale light streaming in, the man staring outside in despair, condemned to death in his final hours, oppressive and terrifying atmosphere, psychological horror, existential dread, heavy shadows, strong contrast lighting, grainy texture, historical realism, no modern elements, no color –ar 3:4 –v 6.0 –chaos 10 –s 750 –raw –
»Aus wahrem Leben«
„Wir veröffentlichen nachstehend und verschiedenlich in den folgenden Heften die Einsendungen, die bei unserem Wettbewerb „Aus wahrem Leben“ mit einem Preise ausgezeichnet werden konnten. Es sei betont, daß das Preisrichterkollegium gemäß unserer Bekanntmachung sich bei der Beurteilung der Einsendungen nicht nach der mehr oder minder guten Schilderungsweise und der angewandten Sprache richtete, sondern nur nach dem Inhalt. Dieser Umstand machte bei fast allen hier zur Veröffentlichung kommenden Erzählungen eine manchmal umfangreiche redaktionelle Umarbeitung notwendig.“ (Genaues Datum unbekannt, 40-er Jahre, 20. Jh.)
1. Preis:

Mein Todesurteil
Noch heute, nach vielen Jahren, läßt mich die Erinnerung an das einmal Erlebte nicht los, verfolgt mich bis in meine Träume und überfällt mich in Stunden, die der Ruhe und Entspannung dienen sollen.
Beim Ausbruch des Weltkrieges wohnte ich mit meinen Eltern auf russischem Boden, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Wir betrieben eine kleine Landwirtschaft, die – wie viele andere in der dortigen Gegend – von meinen Vorfahren, Siedlern aus dem schönen Sachsenlande, geschaffen wurde. Zunächst blieb unser Gebiet von dem unseligen Krieg verschont. Als aber die deutschen Truppen nach der siegreichen Schlacht bei Tannenberg weiter vordrangen, zogen sich Kämpfe und Gefechte bis ganz in unsere Nähe hinein. Die Russen befürchteten Verrat und schickten deshalb viele Deutschstämmige, darunter auch mich – einen jungen Mann von siebzehn Jahren – an die Wolga. Einen Monat lang befanden wir uns unterwegs. Manche Entbehrungen hatten wir zu ertragen, bis endlich der Bestimmungsort, das Dorf Husenbach, erreicht war. Eineinhalb Jahre arbeitete ich auf verschiedenen Gütern, schritt hinter Pflug und Egge her und half, die Ernte einzubringen.
Mein neunzehnter Geburtstag stellte mich vor eine wichtige Entscheidung. Obwohl deutschen Blutes besaß ich die russische Staatsangehörigkeit. Und die sollte mir mit dem Eintritt in das neue Lebensjahr die zweifelhafte Pflicht auferlegen, ins Heer einzutreten und auf den Schlachtfeldern gegen meine Brüder zu kämpfen. Das aber hätte ich nie gekonnt. Gegen die Russen, unsere Bedränger – ja. Aber gegen die Meinen? Nie und nimmermehr. Aus meiner Not glaubte ich mir dadurch helfen zu können, daß ich mir in einer benachbarten Stadt einen neuen Paß ausstellen ließ. Mein Alter gab ich mit „siebzehn“ Jahren an. Um die Fälschung geheim zu halten, sagte ich dem Dorf, in dem man mich kannte, Lebewohl.
Mit meinem wenigen Hab und Gut machte ich mich auf die Reise nach Charkow, um in dieser dichtbevölkerten Stadt Unterschlupf und Arbeit zu finden. Bald nach meiner Ankunft suchte ich die Büros einer großen Fabrik auf, um nach Beschäftigung zu fragen. Aufs geratewohl ging ich in ein Zimmer, das zum Ausgangspunkt eines unendlichen Leidens für mich werden sollte.
Ich geriet in das Quartier von Werkpolizeibeamten, die sich eingehend nach meinem Begehr erkundigten, Paß und Papiere prüften. Klopfenden Herzens sah ich zu. Würden sie die Fälschung entdecken? Nein, es ging gut, schien wenigstens gut gehen zu wollen. Schon glaubte ich mich in Sicherheit und in Arbeit, als ein Beamter das Bedürfnis verspürte, eine Kleiderrevision vorzunehmen. Da brach das Verhängnis über mich herein, hatte ich Unglückseliger doch den richtigen Paß, den ich mir für spätere Zeiten aufbewahren wollte, in das Ärmelfutter meines Rockes genäht. Ich glaubte ihn gut verborgen, geschickte Polizeihände förderten ihn aber bald zutage.
Entsetzen bei mir, Lärm und Anklage bei den Beamten. Man bestürmte mich mit Fragen, die ich nicht verstand, überschüttete mich mit Drohungen und brach zuletzt in höhnisches Gelächter aus. Die Überzeugung herrschte in ihnen, einen deutschen Spion vor sich zu haben. Diese ihre Erkenntnis schien ihnen jede Vernunft geraubt zu haben. Was nützte es, daß ich bald meine Fassung wiederfand und Erklärungen abgab, daß ich Bitten und Beteuerungen vorbrachte. Ich sprach gegen den Wind. Man glaubte mir nicht. Schließlich erklärte man mich für verhaftet, ein riesiger Kerl trat auf mich zu und führte mich in das Polizeigefängnis. Drei Tage und drei Nächte lang, ohne eine Minute Schlaf und ohne einen Bissen Brot, lag ich in einem dunklen Keller. Sinnlos dünkte mich das Geschehen, das an Furchtbarkeit von Stunde zu Stunde zunehmen wollte. Nur die Gedanken: Du hast doch nichts Schweres verbrochen – den Verdacht, Spion zu sein, wirst du entkräften — mußt du schon büßen, dann nur dafür, daß du dir einen falschen Paß anfertigen ließest – nur eine kleine Strafe kann dich treffen – gaben mir Mut zum Ausharren. Immer wieder sprach ich diese Auffassung vor mich hin, um die entsetzliche Stille des Kerkers zu durchbrechen und die Empfindung zu stärken, daß ich noch lebte.
Dann nahte der Tag, an dem das Kriegsgericht gegen mich zusammentrat. Sehnsüchtig hatte ich auf ihn gewartet, als auf den Tag, der allem Ungewissen und Trostlosen ein Ende setzen würde. Jedoch — er brachte mich der Verzweiflung nahe. Schon die Miene des Vorsitzenden und die Art der Verhandlung flößten mir Entsetzen ein. Meinen Verteidigungsworten schenkte man kein Gehör. In einigen Minuten war man mit meiner Angelegenheit fertig. Die Anklage lautete auf Spionage. Das Urteil auf: Tod durch Erschießen! Am anderen Morgen um neun Uhr sollte der Befehl vollstreckt werden.
Wer vermag die Gedanken und Gefühle, die einen jungen Menschen im Angesicht eines gewaltsamen und unschuldigen Todes befallen, wiederzugeben? Stunden mußten verflossen sein, Stunden, in denen ein Chaos in meinem Innersten wütete und in denen ich die Vorgänge um mich weder verfolgen noch erkennen konnte, als ich die Fähigkeit, kalt und nüchtern zu denken und zu beobachten, wieder erlangte.
Ich befand mich nicht mehr in dem Kerker, der mich vorher beherbergt hatte, sondern ich lehnte mich in einem dunklen Gang gegen kalte und feuchte Steine. Ein Soldat mit schußbereitem Karabiner und bis an die Zähne bewaffnet bewachte mich, ging vor mir auf und ab. Die verrinnende Zeit dünkte mich wie der Lauf einer Ewigkeit, die angefüllt war mit Schmerz, mit Weinen und Furcht, mit Gebet und Flehen zu Gott, daß er mich doch noch aus dieser Hölle erretten und hinaus in die Freiheit — zu Vater und Mutter — in die Heimat führen möchte.
Es dämmerte schon. Müde und trostlos blickte ich den Gang entlang: er war nur kurz und lief auf einen kleinen Hof hinaus, wahrscheinlich auf den Hof, den morgen früh eine Salve durchzittern sollte, eine Salve für mich.
Da sah ich, wie ein russischer Offizier über diesen Hof schritt, sich zu der mächtigen Umfassungsmauer wandte und sich an einer verborgenen Tür zu schaffen machte. Er öffnete sie, ging hindurch, das Tor flog zurück, fiel aber nicht ins Schloß.
Ich sah es und begriff: Es war ein Mensch nach draußen gegangen, in die für mich sagenhaft gewordene Freiheit, ins Leben, in die Welt. Und —-ließ das Tor offen.
Eine maßlose, fiebernde und brausende Erregung befiel mich. Tausend Pläne durchkreuzten mein Gehirn. Der Gedanke an die Möglichkeit einer Flucht, an ein glückliches Entkommen betäubte mich zunächst durch seine Keckheit, dann aber peitschte er mich empor, schenkte Mut und Verzweiflung, ich wußte plötzlich nur mehr das Eine: Da drüben befindet sich ein Tor. Ein Durchlaß durch die hohe Mauer, hinter der die Freiheit liegt.
Das Tor. Es ist nicht weit zu ihm. Nur wenige Meter von dem Fenster, das sich in dem Gang befindet. Die Flucht wagen, das Fenster aufreißen, hinausspringen, über den Hof und durch das Tor dringen? Nein — es geht ja nicht. Der Soldat ist da, er bewacht mich unausgesetzt.
Und doch, es muß versucht werden. Ob dich heute oder morgen eine Kugel trifft, das bleibt sich doch gleich. Der Gedanke an die Flucht konzentriert sich, nimmt Formen an, ist unbeweglich und schenkt schließlich die Überlegung: Wenn der Soldat in seinen kurzen Auf- und abmarschieren fünf Schritte von mir entfernt ist, geht es los.
Und einmal nehme ich alle meine Sinne und Kräfte zusammen. Hart dröhnen die Schritte meines Wächters auf den Fliesen, ich zähle: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Fünf – das ist das Zeichen, das ich mir selbst gegeben habe. Wie ein Raubtier stürze ich auf das Fenster, zerre es auf, Scherben klirren, hinaus — mit einem Satz — über den Hof — das Tor aufgerissen – und – ich bin draußen. In der Welt. In der Freiheit. Nein, noch nicht. Noch lange nicht. Noch bin ich nicht gerettet. Auf der Straße gehen nur wenige Menschen, einige Karren rappeln einher. Wenige Schritte zwinge ich mich zum Gehen, stelle mich, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Dann fange ich an zu laufen, höre hinter mir Rufe, Schreie, Poltern, einen Knall. Ich wende mich nicht um. Ich renne, stürze und hetze durch stille Straßen, kreuz und quer, hin und her, unentwegt.
Schließlich kann ich verharren, ich merke, daß sich keine Verfolger hinter mir befinden, begreife, daß ich atmen kann. Meine Glieder schlottern, vor Erregung vermag ich mich kaum mehr aufrecht zu halten, aber — ich bin ja frei. Frei. Frei. Als ich vollständig Herr dieses Gefühls geworden bin, sank ich am Ende einer dunklen und stillen Gasse auf die Knie, weine und danke inbrünstig Gott für seine Hilfe und bitte ihn flehentlich darum, mir auch weiter beizustehen.
In Charkow kannte ich einen Mann, der in einem der ärmsten Außenviertel wohnte. Ich suchte ihn auf und erzählte ihm die Schrecknisse, die ich überstanden hatte. Er erbarmte sich meiner, einige Tage lang durfte ich in einem stickigen Keller hausen, immer noch in Furcht, ob mich doch letzten Endes nicht die Häscher finden würden.
Da brach die russische Revolution aus. Das Zarenreich ging unter, Revolten und Unruhen, die überall ausbrachen, erlaubten es mir, das Verließ zu verlassen. Im Mai 1918 fuhr ich nach Deutschland, der Heimat meiner Vorfahren.
Peter Baumgart, Altenbögge
Peter Baumgart war mein Großvater. Das Foto wurde im Januar 1980 gemacht. (Vgl. 03.08.2020)
Unter Schtieseln

Meine Konfirmation 1966 oder 1977. Ein grandioses Foto, das meine Kindheit anschaulich zusammenfasst. Alle außer mir sind schon tot. Von links nach rechts: Meine Tante Leni (Hausfrau, neuapostolisch und Ehefrau eines Priesters/Laienpredigers der NAK), mein Vater Kurt (Bergmann, später kaufmännischer Angestellter, Priester in der NAK), meine Oma Caroline Baumgart (Hausfrau, neuapostolisch), neben mir mein Opa Hugo Schröder (Bergmann, Hirte und Gemeindevorsteher in der NAK), vorn rechts mein Opa Peter Baumgart (Bergmann, Priester der NAK), ganz rechts mein Onkel Otto Mey (Bahnangestellter, Hirte und Gemeindevorsteher in der NAK). Leni war die Tochter meines Onkels Otto.
Jetzt brüllen auch in Dresden die Muezzine herum. Ein Fall für Arthur Harris? Die Weltläufte geben zur Zeit nichts Überraschendes her. Daher darf ich – das Einverständnis des Publikums vorausgesetzt – einen Besinnungsaufsatz schreiben eine religionssoziologische Studie verfassen.
Vorab sollten einige anthropologischen Fragen geklärt werden.
– Warum tragen alle Männer schwarze Anzüge, der Konfirmand eingeschlossen? Ein normaler Anzug, aber ganz in schwarz, ist die „Uniform“ der „Geistlichen“ in der NAK. Niemand hat eine theologische Ausbildung, und sie machen trotzdem das, was Pfaffen so tun. Und da das funktioniert, ist das für sie ein „Beweis“, dass der Heilige Geist aus ihnen spricht. Der „Straßenanzug“ soll genau das zeigen.
Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt. (Karl Marx) Die protestantischen Sekten ebnen die Hierarchie zwischen Glaubensvolk und Paffen konsequent ein. Jeder (Mann) kann alles sein und werden. Mein Opa Peter konnte, als er 1918 nach Deutschland kam, weder richtig lesen noch schreiben. Prediger wurde er trotzdem.
– Was machen die da, und wo sind die anderen Frauen? Natürlich wurde immer und permanent und ausschließlich über die Bibel (liegt auf dem Tisch) und religiöse Themen geredet. Frauen mussten die Klappe halten und wurden dabei nur geduldet. Meine Oma Caroline widersetzte sich dem unausgesprochenen Verbot – sie gesellte sich zu den Männern, sagte aber nichts, sondern hörte nur zu. Ich durfte auch nichts beitragen, ich war noch zu jung.
„Wie in allen Gemeinden der Heiligen lasset eure Weiber schweigen in der Gemeinde; denn es soll ihnen nicht zugelassen werden, dass sie reden, sondern sie sollen untertan sein, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so lasset sie daheim ihre Männer fragen. Es steht den Weibern übel an, in der Gemeinde zu reden.“ (Paulus, 1. Brief an die Korinther 14, 34)
– Wiederholt sich das nicht alles unendlich oft? Nein, die „theologischen Themen“ wurden mit persönlichen Geschichten angereichert. Wie sich ein ostpreußischer Bauer mit dem Teufel verschworen hatte und mein Onkel Otto, der aus Gumbinnen stammte und in seiner Jugend als Bauernknecht arbeitete, ihn überlistete, mit Gottes Hilfe. Wie meinem Vater in einem Hohlweg in Holzwickede der Geist eines Selbstmörders erschien. Wie ein „Apostel“ der NAK in Opherdicke den Geist eines Selbstmörders vertrieb, der dort in einem Haus herumspukte. Wie Onkel Otto im 1. Weltkrieg ganz allein und mit Gottes Hilfe mehr als ein Dutzend Franzosen gefangen nahm und dafür einen Orden bekam. Wie mein Opa Peter in Russland während der Revolution zu Tode verurteilt wurde und aus dem Gefängnis floh, mit Gottes Hilfe.
– Wie informierte man sich über die Weltläufte? Information wird überschätzt. Fernsehen war verboten. Radio eigentlich auch – mein Opa Hugo hat das bis zum Lebensende konsequent durchgezogen. Mein Opa Peter aber hatte ein Radio, weil er aus dem damals russischen Polen stammte und Russisch verstand und hören wollte. Die „Welt“ – also known as Babylon – brauchte man nicht, und man sollte sie auch meiden. Tanzstunde oder Disko? Verboten? Kirmes oder Schützenfest? Verboten. Freundschaften mit Leuten, die nicht neuapostolisch waren? Verboten, vor allem für Kinder von „Amtsträgern“ – wie mich. Bücher? Sind gefährlich. Mein Opa Hugo riet meinen Eltern, mich nicht auf ein Gymnasium zu schicken. Kino? Verboten. Meine Mutter erzählte mir noch gestern, wie sich sich als junges Mädchen in Hamm heimlich einen Kinofilm ansah und dabei ein fürchterlich schlechtes Gewissen und viel Angst hatte, Gott (der bei den Neuapostolischen meistens „der himmlische Vater“ genannt wird) würde sie dafür bestrafen. Die Verbote mussten gar nicht ausgesprochen werden. Man wusste einfach, was zu tun und zu lassen war.
Und jetzt zur religionssoziologischen Studie. Kann sich das Publikum vorstellen, warum mir Filme wie Shtiesel, Unorthodox oder Rough Diamonds (empfehlenswert!) „unheimlich“ bekannt vorkommen und warum mir die oft ein beklemmendes Gefühl erzeugen, das sich gleich verwandelt in das Bedürfnis, in diese Milieus hineinzufahren wie der Teufel unter die armen Seelen und alles auszuräuchern?
Charkow
Mir ist es gelungen, einige alte Postkarten aufzutreiben, die Charkow in der heutigen Ukraine zur Zeit der russischen Revolution oder kurz vorher zeigen. Besonders interessant ist das obige Gerichtsgebäude, in dem vermutlich mein Großvater Peter Baumgart 1916 oder 1917 zum Tode verurteilt wurde.
Eine weitere Karte ist sogar als Feldpost verschickt worden, von einem Unbekannten nach Riesa. Sie zeigt auf der Vorderseite eine Straßenansicht aus Charkow und ist auf der Rückseite beschrieben (vgl. unten). Der Inhalt hat mit meinen Recherchen nichts zu tun, ich finde es aber trotzdem spannend zu erfahren, was jemand am 23. April 1918 aus Charkow mitzuteilen hatte. Ich kann die Schrift leider nicht entziffern.
Ober Ost oder: Pioniere der Kultur

Ich lese gerade ein interessantes Buch von Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten: Eroberung, Kolonialisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg. Ich wollte eigentlich nur den exakten Frontverlauf im Osten zwischen 1916 und 1918 wissen, weil es online nur sehr schlechte Karten gibt.
Der Hintergrund: Mein Großvater Peter Baumgart (1897-1979) ist während der russischen Revolution in Charkow (heute Charkiw) in der Ukraine zu Tode verurteilt worden, aus der Todeszelle geflohen und nach Deutschland geflüchtet. Darüber gibt es einen schriftlichen Bericht, der aber laut Aussage meiner Großmutter an einigen Stellen redaktionell bearbeitet worden ist – und nicht immer im Sinn dessen, was er ihr erzählt hat. Alle Details müssen also von mir überprüft werden – soweit wie möglich. Das ist in diesem Fall extrem schwierig, zumal ich versäumt habe, meinen Großvater danach zu fragen (worüber ich mich heute schrecklich ärgere).
Ich weiß weder, ob die Polizei des Zaren meinen Großvater (er hatte seinen Pass gefälscht) zum Tode verurteilt hatte oder die Bolschewiki. Das Jahr ist nicht überliefert. Die Zeitschiene:
Februar 1917 Februarrevolution in Russland, Abdankung des Zaren
Dezember 1917 Sowjetischer Angriff auf die Ukraine
26.12.1917 Sowjets erobern Charkiw
18.02.1918 Deutsche Truppen beginnen den Einmarsch in Sowjetrussland
18.04.1918 Deutsche Truppen besetzen Charkiw
Im Original des in der Familie überlieferten Berichts heißt es:

Ich vermute, dass er zusammen mit den deutschen Truppen auf deren Rückzug nach Deutschland (ins Ruhrgebiet) gelangte. Das kann ich nicht beweisen, aber angesichts der Tatsache, dass er mittellos war, auf der Flucht vor russischen Häschern und wegen der ungeheuren Entfernungen ist es kaum anders denkbar. Auch der Monat Mai passt.
Im oben genannten Buch habe ich, wie erwartet, eine aussagekräftige Karte gefunden. Ich wusste gar nicht, dass die deutsche Armee schon im 1. Weltkrieg bis an den Don gelangte.

Der Autor Vejas Gabriel Liulevicius ist der beste Experte zum Thema. Schon der Prolog hat mich überrascht. Seine zentrale These: Die Ostfronterlebnisse von 1914 bis 1918 bildeten den unerläßlichen kulturellen und psychologischen Hintergrund für das, was sich später in diesem blutigen 20. Jahrhundert noch ereignen sollte; sie formten die dafür notwendige Einstellung. Liulevicius spricht von der annexionistischen Begeisterung der Deutschen.
In einer Rezension heisst es:
Vom Ostfronterlebnis des Ersten zum Vernichtungskrieg des Zweiten Weltkriegs? Dies ist, zugespitzt formuliert, die Frage, die Vejas Gabriel Liulevicius in seiner Studie über die deutsche Militärherrschaft in Osteuropa aufwirft. Bis heute konzentrieren sich Historiker zumeist auf die Westfront. Die Kämpfe im Osten werden dagegen wenig beachtet, und selbst der Siegfrieden von Brest-Litowsk ist weitgehend vergessen.
Da ist wieder typisch. Deutsche Historiker interessieren sich nicht für das Thema – außer natürlich Fritz Fischer, der hierzulande angefeindet wurde, im Ausland aber als der wichtigste deutsche Historiker des 20. Jahrhunderts galt. 1975 erschien dann von Norman Stone The Eastern Front 1914-1917 und danach nur noch kleinere Werke. Bis heute existiere, so Liulevicius, noch kein klares Bild, was die Geschehnisse im Osten bedeuteten.
Während sich die Soldaten an der Westfront im unerbittlichen Sperrfeuer der modernen, industriellen Kriegsmaschinen in die Schützengräben kauerten, waren die deutschen Soldaten im Osten mit einer feindlichen Natur konfrontiert, mit der anhaltenden Präsenz der Vergangenheit, mit einem Kriegsschauplatz, der von Tag zu Tag weniger modern schien, und mit den kulturellen Besonderheiten der sie umgebenden einheimischen Völker. Diese besondere Form der Kriegführung und die alltäglichen Aufgaben als Besatzer und als Vollstrecker der militärischen Utopie‚ die die Soldaten unter dem permanenten propagandistischen Sperrfeuer zur kulturellen Mission der Deutschen in Ober Ost zu realisieren hatten, hinterließen bei ihnen tiefe Spuren. Ein Leutnant faßte seine Erlebnisse an der Ostfront in einer Haßtirade zusammen, bei der die in seiner Erinnerung gespeicherten verstörenden Bilder aus ihm herausquellen. Es war, so schrieb er, „innerstes Rußland, ohne Abglanz mitteleuropäischer Kultur, Asien, Steppe, Sumpf, raumlose Unterwelt und eine gottverlassene Schlammwüste“. Paradoxerweise konnte eine so pauschale Ablehnung durchaus mit Kolonisierungsambitionen einhergehen, mit dem Bestreben, die „Unkultur“ der eroberten Länder und Menschen zu überwinden. In einem anderen Bericht heißt es zum Beipiel, die deutschen Soldaten seien wahre „Pioniere der Kultur“: „So Wird der deutsche Soldat, bewußt oder unbewußt, ein Lehrmeister in Feindesland“ mit dem Auftrag, Ordnung und Entwicklung zu bringen. Beide Sichtweisen entstanden im Kontext des Krieges aus dem Ostfronterlebnis. Selbst Während man ihn ausbeutete und Pläne zu seiner Umgestaltung vorbereitete, fürchtete man den Osten. Diese disparaten Perspektiven verschmelzen zu einem Bild vom Osten, das aus dem Fronterlebnis und den Realitäten, der Praxis und den Illusionen der deutschen Okkupationspolitik in Ober Ost hervorging.
Wieder was gelernt.
Was von uns bleibt
Was mir von meinem Großvater Peter Baumgart (geb. 26.06.1897 in Podlesche bei Brzozówka, Kreis Neuhof – Nowy Dwór bei Warschau, gest. 30.12.1979 in Bönen) geblieben ist – außer ein paar Fotos und den Erinnerungen: Eine Kaffeetasse (die sogar mehrere meiner Wohngemeinschaften überlebt hat), ein Feldstecher „Compass“ von Eschenbach, der Wehrpass und ein silbernes Messer aus Solingen. Das Messer wurde so oft geschliffen, dass die Klinge jetzt um ein Drittel schmaler ist. Es ist das schärfste Messer, das ich besitze.
Die matriarchale Linie
Altenbögge-Bönen, im Jahr 1930, Bahnhofstrasse 72. 2. von rechts: Mein Urgroßvater Julius Weiß, 2. v. rechts: mein Großvater Peter Baumgart (1897-1979), vor ihm meine Urgroßmutter Emma Weiß geb. Ströwer – die hat meine Mutter an der Hand und deren Bruder (also meinen Onkel).
1828

[Quelle]
Es geschah im Dorf Kazuń Polski am 17. Februar 1828 um ein Uhr nachmittags: Er erschien persönlich der Bauer Henryk Gacki, 40, wohnhaft in Brzozówka. Zeugen: Dawid Bomgart, 23, und Jakób Tobur, 30, Bauern, wohnhaft in Brzozówka. Sie bezeugten die Geburt eines Mädchens in Brzozówka, im Haus Nummer 17, am 16. Februar diesen Jahres um acht Uhr nachmittags, von seiner Ehefrau Eufraza (geb. Berata?), 20. Bei der heutigen Heiligen Taufe wurde dem Kind der Namen Ewa gegeben.
Großeltern (?): Jakób Tober und Helena Bomgartowa. Dieser Akt wurde nur von uns ausgefertigt und signiert, weil alle anderen nicht schreiben können. (Danke, Marianne H.!)
Dawid Bomgart (Baumgart) ist einer meiner Vorfahren der matriarchalen Linie. (Vgl. Baumgart, revisited, Was von uns bleibt und Peter aus Podlesche)
Ich vermute, dass die erwähnte Helena Bomgartowa als Großmutter schon im 18. Jahrhundert geboren wurde.




























