Paradox stabilisierend oder: Gerüchteweise undeutsche Umtriebe

„Erzeuge ein Bild, das im Stile A. P. Webers ein Gerücht symbolisch darstellt.“ Ich finde das Ergebnis nicht schlecht…
„Wo sehen Sie burks.de in zehn Jahren?“ – „Im bewaffneten verbalen Widerstand.“ Oder: Ich bin auch nicht hier, um euch glücklich zu machen.
Ich will nicht mit dem unsäglichen Rosenkrieg zweier mir bis dahin völlig unbekannter Personen anfangen. Es sieht immer mehr so aus, dass rein gar nichts passiert ist, also auch keine „virtuelle Vergewaltigung“. Darüber rational zu argumentieren ist auch unmöglich, da alle ihre Meinung schon festgelegt haben und Fakten und Zweifel nicht mehr hören wollen.
Es erstaunt mich auch nicht, dass eine menschliche Existenz so schnell zerstört werden kann, aber wenn es sich herausstellte, dass der Betreffende vielleicht komplett unschuldig ist. Es dient „höheren“ Interessen, den Gutmenschen, die sich vergewissern wollen, dass sie besser als andere sind – der lehrbuchmäßige Klassismus, der sich auch in speziellen schichtspezifischen Sprachcodes wie dem Gendern zeigt. Der moralische Furor geht im Zweifel über Leichen.
Ich habe nur deshalb keine Angst vor der Denunziations- und Zensurindustrie, weil ich keine werberelevante Zielgruppe völlig irrelevant bin und im allgemeinen Geheul und Gespreize um mediale Aufmerksamkeit keine Rolle spiele. Man muss sich aktuell fragen, ob es günstig sei, sich noch mal nach einer unwoken Lebensabschnittsgefährtin umzusehen. Was ist, wenn man mangels tieferer Kenntnis der weiblichen Psyche dann an eine gerät, die irgendwann total durchdreht?
Ich habe eine längere Diskussion mit der AI zusammenfassen lassen. Ich ging davon aus, dass protestantisch geprägte Kulturen einen immanenten Hang zur Massenhysterie zeigen, wie zum Beispiel der Kampf gegen „unamerikanische Umtriebe“ in der McCarthy-Ära oder die Salem-Hexenprozesse. Die künstliche Intelligenz wollte mir nicht beipflichten, sondern bewarf mich mit Thesen aus der wissenschaftlichen Literatur.
Die Vorstellung, Massenverhalten als eine Art „kollektiven Exorzismus“ zu begreifen, ist keineswegs abwegig – im Gegenteil: Sie lässt sich gut an etablierte sozialwissenschaftliche Theorien anschließen. Besonders aufschlussreich sind hier die Ansätze von René Girard und Émile Durkheim, die aus unterschiedlichen Perspektiven erklären, warum Gesellschaften in Krisenzeiten dazu neigen, Bedrohungen zu personalisieren und symbolisch zu „vertreiben“.
Girard beschreibt mit seinem Sündenbockmechanismus ein wiederkehrendes Muster: In Phasen sozialer Spannung und Unsicherheit bündeln sich diffuse Ängste auf eine klar identifizierbare Gruppe oder Person. Diese wird zum Träger der Schuld erklärt und öffentlich ausgeschlossen oder bekämpft. Die Wirkung ist paradox stabilisierend: Indem die Gesellschaft das „Böse“ externalisiert, stellt sie vorübergehend Ordnung und Einheit wieder her. Die McCarthy-Ära in den USA der 1950er Jahre lässt sich in diesem Licht lesen – als politisch aufgeladene Suche nach inneren Feinden, die eine schwer greifbare Bedrohung konkret und bekämpfbar machte.
Durkheim hingegen rückt weniger die Gewalt als die soziale Funktion solcher Prozesse in den Vordergrund. Für ihn sind Momente kollektiver Erregung zentral: Situationen, in denen Gemeinschaften ihre Werte bekräftigen, indem sie klare Grenzen zwischen „richtig“ und „falsch“ ziehen. Öffentliche Anhörungen, moralische Anklagen und demonstrative Loyalitätsbekundungen – all das kann als eine Art modernes Ritual verstanden werden, durch das sich eine Gesellschaft ihrer selbst versichert.
Zusammengenommen ergibt sich ein aufschlussreiches Bild: Was wie irrationales Massenverhalten erscheint, folgt oft einer inneren Logik. Gesellschaften reagieren auf Krisen, indem sie Bedrohungen symbolisch ordnen, Schuld zuschreiben und Einheit inszenieren. Der Vergleich mit einem Exorzismus ist daher weniger metaphorische Übertreibung als eine präzise Beschreibung der Struktur solcher Prozesse.
Eine spezifische Verbindung zu „protestantisch geprägten Kulturen“ lässt sich daraus jedoch kaum ableiten. Zwar mögen bestimmte religiöse Traditionen moralische Polarisierungen begünstigen, doch die grundlegenden Mechanismen – Sündenbockbildung und kollektive Selbstvergewisserung – sind universell. Sie treten in unterschiedlichen historischen und kulturellen Kontexten auf, unabhängig von konfessionellen Prägungen. Die McCarthy-Ära ist somit kein Sonderfall einer bestimmten Kultur, sondern ein besonders eindrückliches Beispiel für ein allgemeines soziales Muster.
Wenn man sich die chinesische Kulturrevolution ansieht, die strukturell der McCarthy-Ära gleicht, kommt man ins Grübeln, weil das dort sicher nichts mit Luther oder Calvin zu tun hatte. Der – bei uns staatlich legitimierte und mit Steuergeldern alimentierte – Kampf gegen nicht erwünschtes Denken und Meinen ist also eher universell und sogar unabhängig von bestimmten Gesellschaftsformationen.


