Anmerkungen zum künstlich intelligenten variablen Kapital oder: „Wir sind nicht vorbereitet“

KI
Artificial intelligence replacing human workers, a large glowing AI brain made of circuits towering over an empty factory floor, robotic arms and algorithms taking over machines while human workers walk away carrying boxes, contrast between humans in shadow and bright cold machines, symbolic illustration of job displacement by AI, dystopian industrial atmosphere, dramatic lighting, highly detailed, conceptual economic illustration, editorial style –ar 16:9 –v 6.0 –s 750 –

Ich darf auf ein paywallgeschütztes Interview hinweisen mit dem Ökonomen Anton Koriniec, Universität von Virginia („Named to TIME100 AI list of the most influential people in artificial intelligence“). Auch Golem hat das Interview abgeschrieben zusammengefasst.

Zentrale Aussagen Korineks: „Die KI wird in ein paar Jahren so gut wie alle intellektuellen Tätigkeiten verrichten können.“ – „Wird der Wert der Arbeit insgesamt weiter steigen oder fällt er, wenn KI und später auch Roboter alle Arbeit berichten können? Bisher war die Antwort immer, dass die Automatisierung nur einen kleinen Teil der Jobs zerstört. In den nächsten paar Jahren besteht aber das Risiko, dass alle Jobs wegfallen, die man vor einem Laptop verrichten kann.“

Golem: „In wenigen Jahren könnte KI so gut wie alle Tätigkeiten erledigen, die vor einem Bildschirm stattfinden. Juristen, Journalisten, Analysten – alle diese Berufe gelten in seiner Einschätzung als gefährdet. Schon heute erledigt KI viele anwaltliche Routineaufgaben halbwegs brauchbar. Und die Systeme verbessern sich laut Korinek alle drei Monate erheblich.“

Dazu habe ich Kritisches anzumerken. Ein bürgerlicher Ökonom hat immer eine enge erkenntnistheoretische Grenze. Sobald die Gesetze des Kapitalismus stringent dazuführen würde, dass dieser sich selbst abschafft (meine These) oder abgeschafft werden müsste (buchgläubige „Marxisten“), ist Schluss mit lustig. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Korinek sagt definitiv etwas über den „Wert der Arbeit.“ Das ist aber sehr ungenau: „Arbeit“ ist kein Synonym für „Jobs“. Es ist richtig, dass die Automatisierung Jobs vernichtet – aber das ist eine Folge des tendenziellen Falls der Profitrate und der immanenten Gesetze des Kapitalismus: Das Kapital muss zwangsläufig alle Komponenten, die den Profit ausmachen, verkleinern – die Ware Arbeitskraft („variables Kapital“ – der Teil des Kapitals, den der Kapitalist vorstreckt, um Arbeitskraft zu kaufen) und die Kosten der Produktionsmittel („konstantes Kapital“ – ganz exakt: „… handelt es sich um den Teil des aus Produktionsmitteln bestehenden Kapitals, dessen Gebrauchswert im Laufe einer Produktionsperiode durch Verschleiß oder Verbrauch untergeht und dessen Wert im Wert des Produkts wiedererscheint.“)

variables und konstantes kapital
ChatGPT, 1. Versuch: „mache eine Skizze, die die Begriffe „variables Kapital“ und „konstantes Kapital“ im 1. Band von „Das Kapital“ von Karl Marx veranschaulicht.“ 2. Versuch: „Lasse die Skizze wissenschaftlicher aussehen, es soll auch klar werden, dass der Profit steigt, wenn das variable Kapital billiger wird“.

Golem: „Wenn KI und Roboter irgendwann alle Arbeit übernehmen können – nicht nur einen kleinen Teil -, dann fällt der Wert menschlicher Arbeit insgesamt. Nicht nur der eines bestimmten Berufsbildes. Das ist der Kern seiner Überlegung, und er verschweigt nicht, wohin das führen könnte: zu Massenelend, wenn die Verteilungsfrage nicht gelöst werde.“

Da muss ich zugunsten des Kapitalismus widersprechen. (Seit wann dürfen bürgerliche Ökonomen die Apokalypse vorhersagen?) Nein, dazu wird es nicht kommen. Dazu ist das System zu flexibel. Der Welt der Waren ändert sich nur tendenziell, nicht absolut.

Elend ist ein relativer Begriff: Das entsteht nur, wenn die herrschenden Klassen machen dürfen, was sie wollen. Man könnte auf die – zugegeben: kühne! – Idee kommen, den real existierenden unermesslichen Reichtum anders zu verteilen. Das würde – auch wenn die sogenannte „Linke“ das hierzulande anders sieht – am System rein gar nichts ändern, aber es würde temporär verhindern, dass „die Massen“ total verarmten und somit auch als Konsumenten wegfielen.

Korinek sieht das ähnlich und recht zynisch: „Wenn die KI dafür sorgt, dass die Wirtschaft so schnell wächst, sollte es möglich sein, einen kleinen Teil der Früchte dafür zu verwenden, dass die Verlierer des technologischen Fortschritts entschädigt werden.“ Klar, entschädigt“, vermutlich durch Brot und Spiele? Die Machtverhältnisse dürfen auf keinen Fall angetastet werden.

Ich habe ChatGPT, Duck.ai und Grok gefragt: „Wenn künstliche Intelligenz viele Bereiche menschlicher Arbeit übernimmt, sinkt dann nach der Theorie von Karl Marx der Gebrauchswert der erzeugten Waren?“ Die Antwort von Grok war am besten:

„Nein, nach Karl Marx’ Theorie sinkt der Gebrauchswert der erzeugten Waren nicht, wenn Künstliche Intelligenz (oder Maschinerie allgemein) menschliche Arbeit übernimmt. Im Gegenteil: Der Gebrauchswert bleibt unverändert oder kann sogar qualitativ steigen. Der Effekt von KI betrifft ausschließlich den Tauschwert (bzw. den Wert) der Waren. [also auch den Tauschwert der Ware Arbeitskraft, B.S.]

Hier die entscheidenden Stellen aus Marx’ Das Kapital (Band 1, Kapitel 1 und 7) kurz und präzise erklärt:

1. Was ist Gebrauchswert?
– Der Gebrauchswert ist die Nützlichkeit einer Ware – ihre Fähigkeit, ein menschliches Bedürfnis zu befriedigen (z. B. ein Mantel wärmt, Brot stillt Hunger, ein Auto transportiert).
Er ist qualitativ und hängt von den stofflichen Eigenschaften der Ware ab, nicht von der Menge der dafür aufgewendeten Arbeit.

Marx schreibt wörtlich: „Der Gebrauchswert wird nur durch den Gebrauch oder die Konsumtion realisiert.“
Und: „Nichts kann Wert haben, ohne Gebrauchsgegenstand zu sein. Ist das Ding nutzlos, so ist auch die in ihm enthaltene Arbeit nutzlos, zählt nicht als Arbeit und bildet daher keinen Wert.“

→ Die Arbeit (auch KI-gestützte) erzeugt also keinen Gebrauchswert – sie macht nur etwas Nützliches. Ob ein Hemd von Hand genäht oder von einer KI-gesteuerten Fabrik in 10 Sekunden produziert wird, ändert nichts an seiner Nützlichkeit.

2. Was ändert sich durch KI/Maschinerie?
– KI ist für Marx nichts anderes als hochentwickeltes konstantes Kapital (wie eine Dampfmaschine oder ein Webstuhl).
– Nur lebendige menschliche Arbeit schafft neuen Wert und Mehrwert.
– Maschinen (und KI) übertragen lediglich ihren eigenen Wert (Abschreibung) auf das Produkt – sie schaffen keinen neuen Wert.
– Ergebnis: Die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit pro Ware sinkt dramatisch → der Wert (und damit der Tauschwert) jeder einzelnen Ware sinkt.

Marx formuliert das so (Kapital, Band 1, Kap. 15): „Die Maschinerie vermehrt die Produktivität der Arbeit, d.h. sie befähigt, in derselben Arbeitszeit eine größere Masse von Gebrauchswerten zu produzieren. […] Der Wert der einzelnen Ware sinkt daher.“

3. Was passiert konkret bei Masseneinsatz von KI?
– Gebrauchswert pro Ware: gleichbleibend oder besser (bessere Qualität, mehr Varianten möglich).
Gesamte Gebrauchswerte in der Gesellschaft: steigen massiv (mehr Waren für alle).
– Wert/Tauschwert pro Ware: sinkt (die Waren werden „billiger“ im Sinne der in ihnen verkörperten Arbeitszeit).
– Lohnarbeiter werden tendenziell überflüssig → Mehrwertproduktion gerät in die Krise („Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate„). [Wie ich oben schon schrieb – die KI ist hier logischer als alle bürgerlichen Ökonomen, B.S.]

Kurzes Fazit in Marx’schen Begriffen
– KI ersetzt lebendige Arbeit → Wert der Waren sinkt.
– Der Gebrauchswert bleibt aber unberührt, weil er keine Arbeitszeit-Größe ist, sondern eine Gebrauchs-Eigenschaft.
– Deshalb lautet die Antwort klar: Nein, der Gebrauchswert sinkt nicht. Marx würde sogar sagen: Genau dadurch wird die materielle Basis für eine Gesellschaft geschaffen, in der die Menschen nicht mehr unter dem Zwang der Wertproduktion stehen müssen – aber das ist dann schon ein anderes Kapitel (Kritik der politischen Ökonomie).“

Welche Berufe bleiben übrig? „Sportler, Schauspieler“, „Religiöses Personal“. Ach? Auch das sehe ich anders. Bei Sportlern könnte es stimmen, weil dort die Person, die vermarktet werden will, im Vordergrund steht, nicht die Leistung. Schauspieler? Nein, die Menschen werden sich auch mit künstlich erzeugten Charakteren identifizieren – vgl. Avatar – Aufbruch nach Pandora.“ Und brauchen wir Religion in der Zukunft? Gott bewahre!

KI
Der erste Band meines Ausgabe des „Kapitals“ von Marx mit meinen Notizen aus den 70-er Jahren, als ich mehrere Semester Tutor in Haugs legendären „Kapitalkursen“ war und auch privat Arbeitsgruppen angeleitet habe, zum Teil noch mit Schreibmaschine. Für die Nachgeborenen: „Eine Schreibmaschine ist ein von Hand oder elektromechanisch angetriebenes Gerät, das dazu dient, Text allgemein mit Drucktypen zu schreiben und hauptsächlich auf Papier darzustellen.“ Und nein, ich kann die drei Bände des „Kapitals“ nicht auswendig, genau so wenig wie die Bibel.