Sein Todesurteil

A black and white cinematic photograph, man seen from behind, wearing torn and dirty prison clothes, standing alone in a filthy stone prison cell, rough damp walls, cracks and stains, early 20th century prison, small barred window high in the wall, cold pale light streaming in, the man staring outside in despair, condemned to death in his final hours, oppressive and terrifying atmosphere, psychological horror, existential dread, heavy shadows, strong contrast lighting, grainy texture, historical realism, no modern elements, no color –ar 3:4 –v 6.0 –chaos 10 –s 750 –raw –
»Aus wahrem Leben«
„Wir veröffentlichen nachstehend und verschiedenlich in den folgenden Heften die Einsendungen, die bei unserem Wettbewerb „Aus wahrem Leben“ mit einem Preise ausgezeichnet werden konnten. Es sei betont, daß das Preisrichterkollegium gemäß unserer Bekanntmachung sich bei der Beurteilung der Einsendungen nicht nach der mehr oder minder guten Schilderungsweise und der angewandten Sprache richtete, sondern nur nach dem Inhalt. Dieser Umstand machte bei fast allen hier zur Veröffentlichung kommenden Erzählungen eine manchmal umfangreiche redaktionelle Umarbeitung notwendig.“ (Genaues Datum unbekannt, 40-er Jahre, 20. Jh.)
1. Preis:

Mein Todesurteil
Noch heute, nach vielen Jahren, läßt mich die Erinnerung an das einmal Erlebte nicht los, verfolgt mich bis in meine Träume und überfällt mich in Stunden, die der Ruhe und Entspannung dienen sollen.
Beim Ausbruch des Weltkrieges wohnte ich mit meinen Eltern auf russischem Boden, nicht weit von der deutschen Grenze entfernt. Wir betrieben eine kleine Landwirtschaft, die – wie viele andere in der dortigen Gegend – von meinen Vorfahren, Siedlern aus dem schönen Sachsenlande, geschaffen wurde. Zunächst blieb unser Gebiet von dem unseligen Krieg verschont. Als aber die deutschen Truppen nach der siegreichen Schlacht bei Tannenberg weiter vordrangen, zogen sich Kämpfe und Gefechte bis ganz in unsere Nähe hinein. Die Russen befürchteten Verrat und schickten deshalb viele Deutschstämmige, darunter auch mich – einen jungen Mann von siebzehn Jahren – an die Wolga. Einen Monat lang befanden wir uns unterwegs. Manche Entbehrungen hatten wir zu ertragen, bis endlich der Bestimmungsort, das Dorf Husenbach, erreicht war. Eineinhalb Jahre arbeitete ich auf verschiedenen Gütern, schritt hinter Pflug und Egge her und half, die Ernte einzubringen.
Mein neunzehnter Geburtstag stellte mich vor eine wichtige Entscheidung. Obwohl deutschen Blutes besaß ich die russische Staatsangehörigkeit. Und die sollte mir mit dem Eintritt in das neue Lebensjahr die zweifelhafte Pflicht auferlegen, ins Heer einzutreten und auf den Schlachtfeldern gegen meine Brüder zu kämpfen. Das aber hätte ich nie gekonnt. Gegen die Russen, unsere Bedränger – ja. Aber gegen die Meinen? Nie und nimmermehr. Aus meiner Not glaubte ich mir dadurch helfen zu können, daß ich mir in einer benachbarten Stadt einen neuen Paß ausstellen ließ. Mein Alter gab ich mit „siebzehn“ Jahren an. Um die Fälschung geheim zu halten, sagte ich dem Dorf, in dem man mich kannte, Lebewohl.
Mit meinem wenigen Hab und Gut machte ich mich auf die Reise nach Charkow, um in dieser dichtbevölkerten Stadt Unterschlupf und Arbeit zu finden. Bald nach meiner Ankunft suchte ich die Büros einer großen Fabrik auf, um nach Beschäftigung zu fragen. Aufs geratewohl ging ich in ein Zimmer, das zum Ausgangspunkt eines unendlichen Leidens für mich werden sollte.
Ich geriet in das Quartier von Werkpolizeibeamten, die sich eingehend nach meinem Begehr erkundigten, Paß und Papiere prüften. Klopfenden Herzens sah ich zu. Würden sie die Fälschung entdecken? Nein, es ging gut, schien wenigstens gut gehen zu wollen. Schon glaubte ich mich in Sicherheit und in Arbeit, als ein Beamter das Bedürfnis verspürte, eine Kleiderrevision vorzunehmen. Da brach das Verhängnis über mich herein, hatte ich Unglückseliger doch den richtigen Paß, den ich mir für spätere Zeiten aufbewahren wollte, in das Ärmelfutter meines Rockes genäht. Ich glaubte ihn gut verborgen, geschickte Polizeihände förderten ihn aber bald zutage.
Entsetzen bei mir, Lärm und Anklage bei den Beamten. Man bestürmte mich mit Fragen, die ich nicht verstand, überschüttete mich mit Drohungen und brach zuletzt in höhnisches Gelächter aus. Die Überzeugung herrschte in ihnen, einen deutschen Spion vor sich zu haben. Diese ihre Erkenntnis schien ihnen jede Vernunft geraubt zu haben. Was nützte es, daß ich bald meine Fassung wiederfand und Erklärungen abgab, daß ich Bitten und Beteuerungen vorbrachte. Ich sprach gegen den Wind. Man glaubte mir nicht. Schließlich erklärte man mich für verhaftet, ein riesiger Kerl trat auf mich zu und führte mich in das Polizeigefängnis. Drei Tage und drei Nächte lang, ohne eine Minute Schlaf und ohne einen Bissen Brot, lag ich in einem dunklen Keller. Sinnlos dünkte mich das Geschehen, das an Furchtbarkeit von Stunde zu Stunde zunehmen wollte. Nur die Gedanken: Du hast doch nichts Schweres verbrochen – den Verdacht, Spion zu sein, wirst du entkräften — mußt du schon büßen, dann nur dafür, daß du dir einen falschen Paß anfertigen ließest – nur eine kleine Strafe kann dich treffen – gaben mir Mut zum Ausharren. Immer wieder sprach ich diese Auffassung vor mich hin, um die entsetzliche Stille des Kerkers zu durchbrechen und die Empfindung zu stärken, daß ich noch lebte.
Dann nahte der Tag, an dem das Kriegsgericht gegen mich zusammentrat. Sehnsüchtig hatte ich auf ihn gewartet, als auf den Tag, der allem Ungewissen und Trostlosen ein Ende setzen würde. Jedoch — er brachte mich der Verzweiflung nahe. Schon die Miene des Vorsitzenden und die Art der Verhandlung flößten mir Entsetzen ein. Meinen Verteidigungsworten schenkte man kein Gehör. In einigen Minuten war man mit meiner Angelegenheit fertig. Die Anklage lautete auf Spionage. Das Urteil auf: Tod durch Erschießen! Am anderen Morgen um neun Uhr sollte der Befehl vollstreckt werden.
Wer vermag die Gedanken und Gefühle, die einen jungen Menschen im Angesicht eines gewaltsamen und unschuldigen Todes befallen, wiederzugeben? Stunden mußten verflossen sein, Stunden, in denen ein Chaos in meinem Innersten wütete und in denen ich die Vorgänge um mich weder verfolgen noch erkennen konnte, als ich die Fähigkeit, kalt und nüchtern zu denken und zu beobachten, wieder erlangte.
Ich befand mich nicht mehr in dem Kerker, der mich vorher beherbergt hatte, sondern ich lehnte mich in einem dunklen Gang gegen kalte und feuchte Steine. Ein Soldat mit schußbereitem Karabiner und bis an die Zähne bewaffnet bewachte mich, ging vor mir auf und ab. Die verrinnende Zeit dünkte mich wie der Lauf einer Ewigkeit, die angefüllt war mit Schmerz, mit Weinen und Furcht, mit Gebet und Flehen zu Gott, daß er mich doch noch aus dieser Hölle erretten und hinaus in die Freiheit — zu Vater und Mutter — in die Heimat führen möchte.
Es dämmerte schon. Müde und trostlos blickte ich den Gang entlang: er war nur kurz und lief auf einen kleinen Hof hinaus, wahrscheinlich auf den Hof, den morgen früh eine Salve durchzittern sollte, eine Salve für mich.
Da sah ich, wie ein russischer Offizier über diesen Hof schritt, sich zu der mächtigen Umfassungsmauer wandte und sich an einer verborgenen Tür zu schaffen machte. Er öffnete sie, ging hindurch, das Tor flog zurück, fiel aber nicht ins Schloß.
Ich sah es und begriff: Es war ein Mensch nach draußen gegangen, in die für mich sagenhaft gewordene Freiheit, ins Leben, in die Welt. Und —-ließ das Tor offen.
Eine maßlose, fiebernde und brausende Erregung befiel mich. Tausend Pläne durchkreuzten mein Gehirn. Der Gedanke an die Möglichkeit einer Flucht, an ein glückliches Entkommen betäubte mich zunächst durch seine Keckheit, dann aber peitschte er mich empor, schenkte Mut und Verzweiflung, ich wußte plötzlich nur mehr das Eine: Da drüben befindet sich ein Tor. Ein Durchlaß durch die hohe Mauer, hinter der die Freiheit liegt.
Das Tor. Es ist nicht weit zu ihm. Nur wenige Meter von dem Fenster, das sich in dem Gang befindet. Die Flucht wagen, das Fenster aufreißen, hinausspringen, über den Hof und durch das Tor dringen? Nein — es geht ja nicht. Der Soldat ist da, er bewacht mich unausgesetzt.
Und doch, es muß versucht werden. Ob dich heute oder morgen eine Kugel trifft, das bleibt sich doch gleich. Der Gedanke an die Flucht konzentriert sich, nimmt Formen an, ist unbeweglich und schenkt schließlich die Überlegung: Wenn der Soldat in seinen kurzen Auf- und abmarschieren fünf Schritte von mir entfernt ist, geht es los.
Und einmal nehme ich alle meine Sinne und Kräfte zusammen. Hart dröhnen die Schritte meines Wächters auf den Fliesen, ich zähle: Eins, zwei, drei, vier, fünf. Fünf – das ist das Zeichen, das ich mir selbst gegeben habe. Wie ein Raubtier stürze ich auf das Fenster, zerre es auf, Scherben klirren, hinaus — mit einem Satz — über den Hof — das Tor aufgerissen – und – ich bin draußen. In der Welt. In der Freiheit. Nein, noch nicht. Noch lange nicht. Noch bin ich nicht gerettet. Auf der Straße gehen nur wenige Menschen, einige Karren rappeln einher. Wenige Schritte zwinge ich mich zum Gehen, stelle mich, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Dann fange ich an zu laufen, höre hinter mir Rufe, Schreie, Poltern, einen Knall. Ich wende mich nicht um. Ich renne, stürze und hetze durch stille Straßen, kreuz und quer, hin und her, unentwegt.
Schließlich kann ich verharren, ich merke, daß sich keine Verfolger hinter mir befinden, begreife, daß ich atmen kann. Meine Glieder schlottern, vor Erregung vermag ich mich kaum mehr aufrecht zu halten, aber — ich bin ja frei. Frei. Frei. Als ich vollständig Herr dieses Gefühls geworden bin, sank ich am Ende einer dunklen und stillen Gasse auf die Knie, weine und danke inbrünstig Gott für seine Hilfe und bitte ihn flehentlich darum, mir auch weiter beizustehen.
In Charkow kannte ich einen Mann, der in einem der ärmsten Außenviertel wohnte. Ich suchte ihn auf und erzählte ihm die Schrecknisse, die ich überstanden hatte. Er erbarmte sich meiner, einige Tage lang durfte ich in einem stickigen Keller hausen, immer noch in Furcht, ob mich doch letzten Endes nicht die Häscher finden würden.
Da brach die russische Revolution aus. Das Zarenreich ging unter, Revolten und Unruhen, die überall ausbrachen, erlaubten es mir, das Verließ zu verlassen. Im Mai 1918 fuhr ich nach Deutschland, der Heimat meiner Vorfahren.
Peter Baumgart, Altenbögge
Peter Baumgart war mein Großvater. Das Foto wurde im Januar 1980 gemacht. (Vgl. 03.08.2020)
