Stärke und Schönheit oder: Yasuke, Daimos und Samurai, Addendum
„The small garrison force was quickly defeated, but according to the Sō Shi Kafu, one samurai, Sukesada, cut down 25 enemy soldiers in individual combat.“ (James P. Delgado: Khubilai Khan’s Lost Fleet: In Search of a Legendary Armada, 2009)
Hier weitere Fotos aus dem Samurai-Museum und ein paar kritische Gedanken dazu, die historischen Wissenschaften der marxistischen Art betreffend, was der hiesigen Leserschaft schon bekannt vorkommen mag – eingedenk der Tatsache, dass das erste Posting dieser Reihe vor zehn Jahren erschien.
Vorbemerkung I:
Die Frage, ob man Japan zu Recht als feudal geprägt bezeichnen kann, ist keineswegs geklärt. Obwohl westliche Historiker seit über hundert Jahren über „japanischen Feudalismus“ schreiben, ist die Berechtigung dieser Bezeichnung unter Historikern, insbesondere unter denen, die sich auf das mittelalterliche Europa spezialisiert haben, nach wie vor umstritten. Für eine lange Reihe westlicher Historiker (…) stand die Angemessenheit der Bezeichnung „feudal“ für Japan jedoch außer Frage. Auch der zeitgenössische japanische Historiker hinterfragt diesen Begriff nicht, da er zu einem so wichtigen Bestandteil seines Fach- und Alltagsvokabulars geworden ist. In einem Japan, in dem die Leserschaft täglich daran erinnert wird, dass der „Kampf gegen den Feudalismus“ noch immer geführt wird, erscheint der Feudalismus als eine gegenwärtige Realität, deren Existenz in Japans Vergangenheit sich naturgemäß nicht leugnen lässt.
Übersetzter Auszug aus John Witney Hall: Feudalism in Japan – a Reassessment, Cambridge 2009, zuerst erschienen 1962/63, abgedruckt in Heide Wunder; Feudalismus – 10 Aufsätze). Hall referiert die Diskussion zum Thema ab den 1920-er Jahren. Vgl. Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
Vorbemerkung II
In allen Ländern Westeuropa’s [sic] ist die feudale Produktion durch Theilung des Bodens unter möglichst viele Untersassen charakterisirt. Die Macht des Feudalherrn, wie die jedes Souverains, beruhte nicht auf der Länge seiner Rentenliste, sondern auf der Zahl seiner Unterthanen, d.h. der Zahl der auf ihren Gütern ansässigen Bauern.*
* Japan, mit seiner rein feudalen Organisation des Grundeigenthums und seiner entwickelten Kleinbauernwirthschaft, liefert in vieler Hinsicht ein viel treueres Bild des europäischen Mittelalters, als unsre sämmtlichen, meist von bürgerlichen Vorurtheilen diktirten Geschichtsbücher. Es ist gar zu bequem, auf Kosten des Mittelalters »liberal« zu sein.
Marx bezieht sich auf H[ermann] Maron: Bericht an den Herrn Minister für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten über die japanische Landwirthschaft. In: Annalen der Landwirthschaft in den Königlich Preußischen Staaten [Monatshefte] (Berlin), Jg. 20, Bd. 39, von Januar 1862, pp. 44 u. 50, zit. nach: Justus von Liebig: Die Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie. 7. Aufl. Th. 2, Braunschweig 1862, pp. 425 u. 432. Ich zitiere nach Das Kapital: Kritik der politischen Ökonomie | Erster Band Buch I: Der Produktionsprozess des Kapitals Neue Textausgabe, bearbeitet und herausgegeben von Thomas Kuczynski. Vgl. Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
Vorbemerkung III
Meine These in Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020), es habe in Japan keine Sklaverei gegeben, ist komplett falsch. In der Yamato-Zeit (ca. 3.–7. Jh.) existierte echte Sklaverei. Diese Menschen wurden Nuhi (奴婢) genannt. In der Zeit vor den Shogunaten wurde Sklaverei durch die Ritsuryō-Gesetze geregelt.
Ab dem 8. Jahrhundert ging die klassische Form der Sklaverei zurück, erstaunlicherweise fast zeitgleich mit der Entwicklung in Nordwesteuropa, obwohl es keine Verbindung gab. Die Bevölkerungs- und Steuerregister (Shōsōin-Dokumente) aus dem 8. Jh. belegen unstrittig eine sinkende Zahl registrierter Sklaven und eine wachsende Zahl halbfreier oder freier Bauern. Staatliche Sklaven tauchen immer seltener auf.
Das verblüfft mich. Wie kann es sein, dass eine ökonomische Entwicklung – von einer Gesellschaft mit Sklaven zum klassischen Feudalismus – in zwei Regionen der Welt faktisch parallel abläuft, ohne dass es irgendeine Form des Kontakts gab? Sollte Marx doch Recht haben mit der These, es gebe eine historische Gesetzmäßigkeit?
Mal abgesehen von China, was ein eigenes Kapitel ist, kann man also die Thesen aufstellen:
– Die Sklavenhaltergesellschaft geht weltweit dem Feudalismus voraus, sowohl in Asien also auch in Europa und Afrika. Südamerika und Australien müssen nicht berücksichtigt werden, weil die Entwicklung der Produktivkräfte dort noch in der Bronzezeit verharrten bzw. auf dem Niveau von Jägern und Sammlern.
– Eine direkte Entwicklung von einer sich auflösenden Urgesellschaft, also von tribalistischen Formen der Gesellschaft, zum Feudalismus gibt es nicht.
– Die so genannte Asiatische Produktionsweise „verlangsamt“ die Entwicklung zum klassischen Feudalismus.
Interessant ist auch, dass es noch mehr strukturelle (meint: das Verhältnis der Klassen zu den Produktionsmitteln) Parallelen zwischen Japan und Nordwest- und Mitteleuropa gibt, was gleichzeitig den Beweis erhärtet, dass Religion, also der luftige Überbau, für die Ökonomie keine wesentliche Rolle spielt. Das Christentum in Europa legitimierte den Feudalismus, sowohl der Islam als auch der Buddhismus die Skalvenhaltergesellschaft und den Feudalismus. Religion legitimiert immer das herrschende System; neue Religionen versprechen, dass die Klassenschranken durchlässiger werden, werden aber immer irgendwann – wie das Christentum im Römischen Reich – von den herrschenden Klassen übernommen.
Die Zeit vor den Shogunaten in Japan lässt sich mit dem Frühfeudalismus in Nordwesteuropa – also den Karolinger- und Frankenreichen – vergleichen. In der Asuka-Zeit (ca. 592–710) und in der Nara-Zeit (710 bis 794) setzt sich der Buddhismus als „Staatsreligion“ durch. Grund und Boden gehören zum großen Teil dem Herrscher/Kaiser. Die ökonomische Tendenz ist aber genau wie in Europa: Klöster und die Feudalklasse eigneten sich immer mehr Land an, es entsteht eine Art von „Beamten“ (in Europa: Ministerialen). In der Heinan-Zeit (794–1192) wird die Macht des zentralen Herrschers gebrochen. In der Edo-Zeit beginnt der „klassische“ Feudalismus und die Herrschaft der Shoguns und Samurais – also des „Schwertadels“. Wikipedia drückt sich marxistisch aus: „Feudal-Clans verwalteten in zunehmendem Maße die steigende landwirtschaftliche Produktion und die bäuerlichen Tätigkeiten.“
Die Feudalklasse bekriegt sich gegenseitig („japanisches Mittelalter“ ist ein nichtssagender Begriff) bis hin zur Zeit der Streitenden Reiche, die man mit der Situation im „Alten Reich“ vergleichen kann. Sogar Stände wie in Europa gab es in Japan.
Man erwartet spätestens jetzt eine Stärkung einer zentralen Gewalt zuungunsten der Feudalklasse – in europa der Absolutismus, ökonomisch der Merkantilismus, in Japan.
Die Endphase der Edo-Zeit wird auch als Bakumatsu-Zeit bezeichnet. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts verlangten westliche Mächte immer stärker Zugang zu Japan und seinen Märkten, allen voran Russland, England und die USA. Mitte des 19. Jahrhunderts kam es zu Bauernaufständen, viele Samurai waren hoch verschuldet. Dem Shōgunat entglitt zunehmend die Kontrolle.
Jetzt wird es interessant. Wir haben alles, was dazugehört: Bauernkriege, Interventionen auswärtiger Mächte wie in Deutschland, zur Zeit des 30-jährigen Krieges, wirtschaftlicher Abstieg von Teilen der Feudalklasse. Die Europäischen Staaten waren aber ökonomisch weiter und im späten 19. Jahrhundert schon im Kapitalismus angelangt.
Wir machen hier aber kein Seminar zur japanischen Geschichte. Mir reicht, dass ich mir ein paar Fragen beantworten konnte. Also zurück zum Samurai-Museum.
„Dieser eindrucksvolle Helm ist eine sogenannte Nomonari kabutobachi (wörtl. „pfirsichförmige Helmschale“), ein japanischer Helmtyp, der durch spanische Cabasset-Helme beeinflusst wurde. Mit der Ankunft portugiesischer Händler im Jahr 1545 begann der sogenannte Nanban-Handel (wörtl. „südliche Barbaren-Handel“) zwischen Japan und verschiedenen europäischen Ländern.
Momonari kabuto haben eine erhöhte und spitz zulaufende Schale mit einem Flansch in der Mitte und ähneln insgesamt der Form eines Pfirsichs. Während der Momoyama-Zeit (1573–1615) erfreuten sie sich zunehmender Beleibtheit.“
Diese Pferdemaske besteht aus gekochtem und geformtem Leder, welches anschließend gold lackiert wurde. Pferdemasken nahmen generell die Gestalt von Karikaturen eines Drachens oder Pferdes an. In diesem Fall ist es wahrscheinlicher, dass es sich um die Karikatur eines Drachens handelt. Die Maske besteht aus zwei vorderen Stücken, die unter dem Teil für die Augen zusammengebunden sind, und zwei Seitenstücken, die an dem oberen Teil der Maske befestigt sind. Dies gewährleistet Flexibilität, wenn die Maske von einem Pferd getragen wird. (K. Ogorek)
Als Reaktion auf die Verbreitung von Schusswaffen und die Einfuhr europäischer Rüstungsteile durch portugiesische und holländische Händler ab dem 16. Jahrhundert begannen japanische Rüstungsschmiede, Helmschalen und Kürasse aus robustem und kugelsicherem Eisen herzustellen.
Zu dieser Zeit benutzten die Japaner die Sammelbezeichnung Nanban (wörtl. „südliche Barbaren“) sowohl für importierte ausländische Rüstungen und Rüstungsteile, die für den japanischen Träger angepasst wurden, als auch für Rüstungen japanischer Hersteller, die sich an ausländischen Rüstungsmodellen orientierten.
Heute werden japanische Rüstungen, die das Erscheinungsbild vermeintlich exotischer europäischer Rüstungen imitieren, als wasei nanban yoroi (wörtl. „in Japan gefertigte südliche Barbaren-Rüstung“) bezeichnet, um sie von den importierten Rüstungen zu unterscheiden.
Bei dem Kürass dieser eleganten Rüstung handelt es sich um einen sogenannten wasei nanban dō (wörtl. „in Japan gefertigter südlicher Barbaren-Kürass“), auch hatomune dō (wörtl. „Taubenbrustkürass“) genannt. Dieser ist aus Eisenplatten mit rostbraunem Patina-Finish (tetsu sabi-ji) gefertigt. Charakteristisch für diesen Rüstungstyp ist der Mittelgrat auf der Frontplatte des Kürasses, der das Ableiten gegnerischer Waffen begünstigt.
„Shishi-Löwen“ sind auch in einem japanischen Sprichwort zu finden, welches folgendermaßen übersetzt werden kann: „Zu den Löwen noch Pfingstrosen“. Beide Motive werden oft miteinander dargestellt und symbolisieren Stärke sowie Schönheit. Dies umfasst somit gleich zwei gute Eigenschaften, die eine Einheit bilden und gewissermaßen zusammengehören, ähnlich, wie wir es im Deutschen von der Redewendung „wie Pech und Schwefel“ kennen.
Man kann auch hier den minimalen technischen Vorsprung Europas erkennen. Im Gegensatz zu China hat die japanische Feudalklasse keine Schusswaffen entwickelt, die den europäischen Waffen hätten Paroli bieten können. Auch der Kürass aus Metall ist keine japanische Erfindung.
Es muss mal gesagt werden: Die Samurai waren keine besseren Krieger als etwa die Kreuzritter. Wenn man von Kind alle vorhandenen Waffen trainiert, ist man vermutlich genauso fit wie ein heutiger Navy Seal, für den es auf Handwaffen wie Schwerter nicht ankommt. Auch die Ritterrüstungen entsprachen dem heutigen Marschgepäck mit etwa 30 Kilogramm.
Das Albernste an „Der letzte Samurai“ fand ich, dass der Held nach wenigen Monaten so gut mit dem Katana umgehen kann wie ein Samurai, der schon seit dem dritten Lebensjahr damit übt. Das ist einfach scientologischer Blödsinn.
Und warum sieht man keinen Samurai-Film, bei dem die Krieger einen Helm tragen, auf dem übergroße Flügel von Fliegen oder anderen Insekten montiert sind? Weil das für das heutige Publikum blöd aussieht?
Die kleinen Metalltierchen mit winzigen Scharnieren sind in Europa eher unbekannt, aber technisch nicht aufwändiger herzustellen als etwa die uns wohlbekannten Reliquienbehälter aus diversen Domschätzen.
Fazit: Das (übrigens private] Museum lohnt sich und ist auch auf dem neuesten technischen Stand (wenn man es mit einem israelischen Museum vergleicht).
Natürlich kann man kein inhaltliches Niveau als etwa das von burks.de erwarten, das einem Wissenschaftler viel Neues aufbereitet. Auch eine Analyse der Gesellschaftsform (Kasten? Klassen?) sucht man vergeblich – aber das ist auch nicht der Sinn des Museums. Übrigens gibt es in ganz Europa nichts Vergleichbares.
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Bisher zum Thema Feudalismus erschienen:
– Reaktionäre Schichttorte (31.01.2015) – über die scheinbare Natur und die Klasse
– Feudal oder nicht feudal? tl;dr, (05.05.2019) – über den Begriff Feudalismus (Fotos: Quedlinburg)
– Helidos, ubar hringa, do sie to dero hiltiu ritun (08.05.2019) – über die Funktion der verdinglichten Herrschaft in oralen Gesellschaften (Quedlinburger Domschatz I)
– Tria eburnea scrinia com reiquis sanctorum (09.05.2019) – über Gewalt und Konsum der herrschenden Feudalklasse als erkenntnistheoretische Schranke (Quedlinburger Domschatz II)
– Die wâren steine tiure lâgen drûf tunkel unde lieht (10.05.2019) – über die Entwicklung des Feudalismus in Deutschland und Polen (Quedlinburger Domschatz III)
– Authentische Heinrichsfeiern (13.05.2019) – über die nationalsozialistische Märchenstunde zum Feudalismus (in Quedlinburg)
– Der Zwang zum Hauen und Stechen oder: Seigneural Privileges (15.06.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [I] (24.07.2019)
– Yasuke, Daimos und Samurai [II] (03.05.2020)
– Agrarisch und revolutionär (I) (21.02.2021)
– Trierer Apokalypse und der blassrose Satan (17.03.2021)
– Energie, Masse und Kraft (04.04.2021)
– Agrarisch und revolutionär II (15.05.2021)
– Gladius cum quo fuerunt decollati patroni nostri (Essener Domschatz I) (28.10.2021)
– Magische koloniebildende Nesseltiere mit kappadokischem Arm und Hand (Essener Domschatz II) (14.11.2021)
– Ida, Otto, Mathilde und Theophanu, kreuzweise (Essener Domschatz III) (27.11.2021)
– Hypapante, Pelikane und Siebenschläfer (Essener Domschatz IV) (17.12.2021)
– Pantokrator in der Mandorla, Frauen, die ihm huldigen und die Villikation (Essener Domschatz V) (23.12.21)
– Jenseits des Oxus (09.01.2022)
– Blut, Nägel und geküsste Tafeln, schmuckschließend (Essener Domschatz VI) (18.04.2022)
– Missing Link oder: Franziska und kleine Könige (28.05.2022)
– Die Riesen von Gobero (Die Kinder des Prometheus Teil I) (18.07.2022)
– Die Liebhaber von Sumpa, Ackergäule und Verhüttung (Die Kinder des Prometheus Teil II) (25.07.2022)
– Mongolen, Ming und Moguln (Die Kinder des Prometheus Teil III) (09.03.2025)
– Abstrahierte ökonomische Universale, revisited (08.05.2025)
– Unter Drahtziehern (29.06.2025)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I (02.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika I, Addendum (16.01.2026)
– Sklavenhaltergesellschaften in Afrika II (18.01.2026)
Zum Thema Sklavenhaltergesellschaft:
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil I]) (05.11.2020)
Doppeldenk oder: Die politische Macht kommt aus den Legionen [Teil II]) (27.12.2020)






















