Araber, Juden und Christen im unheiligen Land

Wir müssen heute etwas total Überflüssiges durchnehmen. Warum und zu welchem Ende liest man Heyer, Friedrich: Kirchengeschichte des Heiligen Landes, was ich vorgestern und gestern getan habe? Natürlich interessiert das niemanden außer mir, und ich machte das auch nur aus egoistischen Gründen dergestalt, dass ich hier auf meinem Blog sozusagen das Exzerpt platziere, obwohl ich auch in jedem Buch, das ich lese, herum- und unterstreiche, dass ich das Wichtigste beim nächsten Mal schneller finde.

[Die kursiven Passagen sind Zitate.] Ich war jedoch von diesem Buch recht überrascht. Ich erwartete drögen Stoff, den man im Schnellverfahren abhandeln könnte, nur der Form halber, weil es als Standardwerk zum Thema gilt.

Stattdessen kam ich aus dem Staunen über mein eigenes Unwissen gar nicht mehr heraus.

Kirchengeschichte

Ich musste nicht nur zahllose Namen und Begriffe googlen, sondern lernte auch Nützliches über die Spätantike. Man merkt doch immer wieder, wie eurozentiert der Blick ist, ganz zu schweigen davon, dass das Thema in den hiesigen Universitäten vermutlich gar nicht auftaucht oder nur eineinhalb Interessenten beschäftigt, die des Genderns überdrüssig sind. [Es war auch zum Teil schwierig, die richtigen Links zu finden, weil manche Namen über die Jahrhunderte mehrfach auftauchen. Aber die Recherche parallel zur Lektüre und kombiniert mit ChatGPT machte Spaß, weil sie viel mehr Details liefert und sogar kleine Fehler im Buch – das ja vor dem Internet entstanden ist – richtigstellt. Zum Beispiel gab es keinen Vertrag zwischen Karl dem Großen und Harun al-Raschid, obwohl Heyer das behauptet. ChatGPT spuckte sogar unaufgefordert das lateinische Zitat aus Einhards Vita Karoli Magni (um 830) aus: Cum Aarone rege Persarum, qui totum pene Orientem tenebat, amicitiam fecit. (Mit Aaron, dem König der Perser, der fast den ganzen Orient beherrschte, schloss er Freundschaft). Nur dass – und keinen Vertrag.]

Aber zunächst Unterhaltung.

Des Apphianus Halbbruder Ädesius, der allzeit im ärmlichen Philosophenmantel ein Asketenleben führte, in der wissenschaftlichen Bildung seinem Bruder noch überlegen (Mitschüler des Euseb[ius von Caesarea] in der Schule von Cäsarea), wagte in Alexandria ähnliches wie sein Bruder. Als er sah, wie der dortige Richter angesehene Männer, weil sie Christen waren, mißhandelte und Jungfrauen Bordellhaltern übergab, trat er an den Richter heran, schlug ihn mit beiden Händen ins Gesicht, überhäufte ihn mit Schimpfworten und warf ihn zu Boden. Auch er wurde ertränkt. In Tyrus wurde in der gleichen Zeit der junge Ulpianus nach fürchterlichen Geißelungen mit einem Hund und einer Giftschlange in rohe Rindshaut eingenäht und ins Meer geworfen.

Vermutlich hätte ich noch eine Warnung voranschicken sollen. „Beim Lesen der Zitate könnte das Publikum verstört werden! Jugendliche unter 18 dürfen die Passagen nur embedded in Gegenwart eines weltanschaulich gefestigten Journalisten Erwachsenen konsumieren.“

Als Kaiser Maximinius Daja am 20. November 306 in Cäsarea zur Feier seines Geburtstages Festspiele veranstaltete, bei denen Verbrecher in der Arena mit Tieren aus Indien oder Äthiopien kämpfen sollten, holte man den Agapius zusammen mit einem Sklaven, der seinen Herrn ermordet hatte, heran. Agapius war schon drei- oder viermal zum Tierkampf ins Stadion geführt, aber immer wieder zurückgestellt worden. Das Theater hallte von Beifallsbezeugungen wider, als der Kaiser dem Mörder Leben und Freiheit schenkte. »Den Kämpfer für das Christentum liebe der Tyrann vor sich rufen«, verlangte von ihm die Verleugnung des Glaubens, wofür er ihm die Freiheit anbot. Agapius schritt lieber der losgelassenen Bärin entgegen. Noch atmend brachte man ihn ins Gefängnis, wo er noch einen Tag lebte. Mit Steinen an den Füßen wurde er ins Meer versenkt.

Ghassaniden

Hätten Sie’s gewusst? Die Araber waren Alliierte Roms und Christen. Erst in der Spätantike wurden sie Muslims. Sie lebten damals auch nicht in Palästina. Von wegen „Palästinenser“. Aber sage das jemand den heutigen hohlköpfigen Palituch-Trägern und so genannten „Linken“!

Um das Jahr 500 hatten sich arabische Stämme, die sich um die mächtige Familie Ghassan gruppierten – vom byzantinischen General Romanos besiegt – dem Kaiser Anastasios gegenüber zum Dienst bereit gezeigt. Sie grenzten das byzantinische Reich gegen Persien ab und halfen die aufständischen Samariter zu überwältigen. Ihre Herrscher hingen freilich dem antichalcedonensischen Glauben an. Verfolgte Monophysiten aus dem byzantinischen Reich suchten bei ihnen Zuflucht. Daß die Kaiser infolge ihres Ränkespiels den Grenzschutz der Ghassaniden einbüßten, machte einen Einfall der Perser unter Chosroes ins Heilige Land im Jahre 614 möglich. Juden und Samariter begrüßten sie stürmisch.

Auch das noch! Juden bejubeln die Iraner Perser, die das Heilige Land erobern, in dem die Mehrheit Christen, also Byzantiner waren! Antichalcedonisch? Monophysiten? Das sage ich bei einem Barbesuch auf die Frage: „Bist du religiös?“ – „Ich bin antichalcedonischer Monophysit!“

Die Perser unterwarfen die palästinensische Hauptstadt Cäsarea (die damit ihre Bedeutung verlor) und Lydda und erschienen vor Jerusalem. Die Mönche der jüdischen Wüste flohen über den Jordan. Im Vertrauen, Gott werde seine Heilige Stadt schützen, hinderten rebellische Gruppen den Patriarchen Zacharias an friedlichen Verhandlungen mit dem Feind. So schickte Zacharias den Mönch Modestus aus dem Theodosioskloster zur byzantinischen Garnison von Jericho, Hilfe aufzubieten. Umsonst! Nach 20 Tagen brach die Eudokiamauer unter den Stößen des persischen Rammbocks zusammen. Als die Perser am 20. Mai in die Stadt stürmten, stachen sie nieder, wen sie trafen, und verbrannten Grabeskirche, Himmelfahrtskirche und Sion. Aus den Übriggebliebenen, aus den Verstecken gerufen, wurden nur die Handwerker zum Abtransport ausgesucht. Die in diesem Sinne Unbrauchbaren wurden in den Teich von Mamilla getrieben und dort ertränkt, oder sie erhielten einen Gnadenstoß von jüdischer Hand.

Moment. Die Juden brachten die Christen um, die nicht „nützlich“ waren?

Der tugendhafte Thomas und seine Gattin begruben die 33 000 Toten. Patriarch Zacharias wurde in die Gefangenschaft verschleppt, die Kreuzreliquie nach Persien entführt. – Unter den Deportierten befand sich der Diakon Eusebios mit seinen zwei Töchtern, 8 und 10 Jahre alt. Die persischen Priester forderten die Kinder zur persischen Feueranbetung auf, doch gestützt auf die Ermahnungen ihres Vaters verweigerten sich die Mädchen. Sie wurden hingemordet, der Vater ins Feuer gestoßen. Darüber schrieb Patriarch Sophronios einen Hymnus, den bewegendsten unter allen seinen Dichtungen.

sophronicus
Patriarch Sophronius von Jerusalem, Menologion von Basil II

Die christlichen Araber sind schuld, dass die muslimischen Araber Palästina erobern konnten. Und das kam so:

Nachdem 635 Damaskus in arabische Hand gefallen war, erkannte Kaiser Heraklius die drohende Gefahr. Zwei Heere entsandte er gegen Omar [ʿUmar ibn al-Chattāb, auch: Omar ibn–al-Khattab], eines, das in Armenien ausgehoben war, unter Fürst Vahan, das andere unter Theodor Trithyrios.

Am heißen Sommertag des 20. August 636 verloren die Byzantiner am Jarmuk, dem östlichen Nebenfluß des Jordan, die Entscheidungsschlacht. Mitten im Kampf gingen 12 000 christliche Araber [die Ghassaniden] zum Feind über. Als Nonchalcedonenser haßten sie Byzanz. Den Soldaten des Kaisers wehte der Sandsturm in die Augen. Als Sophronios erfuhr, daß Jericho in gegnerischer Hand sei, schaffte er die Kreuzreliquie bei Nacht zur Küste, damit sie nach Konstantinopel verbracht würde.

battle Yarmuk
Schlacht von Jarmuk, 638 n. Chr., anonyme katalanische Illustration, ca. 1310 – 1325

Über den Fall der Heiligen Stadt gibt es unterschiedliche historische Berichte. Am wahrscheinlichsten ist, daß Jerusalem von einem unbekannten Stammesscheich Khalid b. Thabit al-Fahmi eingenommen wurde, der Jerusalem gegen Tributzahlung unzerstört ließ. Die spätere Phantasie haftete jedoch an einem Bericht, demzufolge der greise Patriarch Sophronios die Heilige Stadt den Muslimen übergeben habe. Der Patriarch habe gefordert, daß Kalif Omar [Omar ibn–al-Khattab] selbst in Person anwesend sei. Im 17. Jahr der Hedschra, das heißt im Februar 638, begegneten sich Sophronios und Omar auf dem Ölberg. Der alte Patriarch mußte sich vor dem Eroberer demütigen. Sophronios bot dem Kalifen an, in der Anastasis zu beten. Doch Omar erwiderte: »Wenn ich in Deinem Tempel beten würde, würdest du ihn später verlieren, denn die Muselmanen würden ihn dir nach meinem Tod wegnehmen, indem sie sagten: Hier hat Omar gebetet.«

„Jhesus aber sprach zu ihnen: Sehet jr nicht das alles? Warlich ich sage euch, Es wird hie nicht eyn steyn auff dem andern bleiben, der nicht zu brochen werde.“ (Matthäus 24,2, Lutherbibel 1525)

Der Kalif wünschte statt dessen ein Terrain zu sehen, auf dem er eine Moschee bauen könnte. Die Sage berichtet, Sophronios habe ihn auf den Tempelplatz geführt, der bis dahin wüst gelegen hatte; die Christen respektierten nämlich die Prophezeiung des Herrn, daß hier kein Stein auf dem andern bleiben werde. Omar habe sogleich mit eigenen Händen begonnen, in der Mitte des Platzes Trümmer wegzuräumen. Der Felsendom, von syrischen Kirchenarchitekten nach der Art errichtet, wie sie eine christliche Kirche gebaut haben würden, entstand freilich erst 691. Der arabische Historiker Mukkadasi [al-Muqaddasī] beschreibt das dabei vorwaltende Motiv so: Dieser Bau sei errichtet worden, damit die Pracht der Grabeskirche die Muslime nicht verwirre.

Trotz der Herrschaft muslimischer Mächte war Palästina bis zu den Kreuzzügen noch immer ein majoritär christliches Land geblieben.

Jerusalem
Jerusalem auf der Mosaikkarte von Madaba, 6. Jh. n. Chr.

Die Juden, denen Julian Apostata die Rückkehr nach Jerusalem gestattet hatte, waren von den Kreuzfahrern wieder ausgetilgt worden. Nach Zerstörung des Kreuzfahrerreichs durften sie wieder in ganz Palästina siedeln.

Als die katholischen Majestäten 1492 die Judenschaft Spaniens vertrieben, nahm Sultan Bayazid die Exulanten [sic] großzügig im Osmanischen Reich auf. Unter 70000 Sefarden, die sich in den türkischen Häfen einfanden und in urbanen Zentren des Inneren ihre Kolonien schufen, waren vor allem religiös gestimmte Juden vertreten, die in der Kabbala lebten – jener mystischen Strömung, die anfangs des 13. Jhs. in der spanischen Stadt Gerona [Girona] ihre bedeut3enden Schriftsteller gefunden hatte. Im Heiligen Land gewann das Judentum eine neue geistige Präsenz iim obegaliläischen Safed….“

1777 trafen die ersten Chassidim aus Russland in Palästina ein… Also noch mal ganz langsam. Wie kann jemand behaupten, die Juden seien „Kolonisten“, obwohl sie viel früher als die Araber in Palästina waren?

Aber wenden wir uns von der Politik ab und den Religonen des Friedens zu. Heyers Buch reicht bis in die Gegenwart – also die 80er-Jahre. Über die Grabeskirche, in der ich jetzt schon zwei Mal war und mich immer noch nicht auskenne (das ist die mit dem afrikanischen Kloster auf dem Dach):

Das Protokoll der Berliner Konferenz von 1878 bestätigte den Status quo. Diese Regelung der Rechtsverhältnisse an den Heiligen Stätten blieb das letzte Wort. Tatsächlich handelte es sich um eine bloße Beschreibung der Gebräuche, wie sie sich historisch eingespielt hatten. Ein Versuch, 1902 den Status quo in eine Kodifikation umzumünzen, mißlang. Die bisherigen Rechte der Kustodie gingen auf das lateinische Patriarchat über. Die Forderung der Franziskaner, daß das Aedicuium der Grabeskirche, die obere Geburtsbasilika in Bethlehem und das Mariengrab im Josaphattal zurückgegeben würden, die 1757 den Lateinern genommen waren, blieb unerfüllt.

Auch den nonchalcedonensischen Kirchen – den Armeniern, Kopten und Syrern [gemeint ist die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien] – spricht der Status quo bestimmte Rechte zu. So besitzen die Kopten das Recht, Tag und Nacht in der Grabeskirche zu räuchern und bestimmte Lampen aufzuhängen, etwa am Salbungsstein zwei Lampen, außerdem in der Karwoche in Prozession das Christusgrab zu umschreiten. In Fastenzeiten dürfen die Kopten täglich eine Eucharistie in der Grabeskirche feiern, sonst zweimal in jeder Woche. Am Himmelfahrtstage dürfen sie im Imbomon ihr Zelt aufschlagen und einen eigenen Altar errichten. Auch in Bethlehem und am Mariengrab besitzen die Kopten bestimmte Rechte.

Jede der im Status quo privilegierten Kirchen wachte eifersüchtig darüber, daß die Partner ihre Grenzen in den im Vertrag einbezogenen Stätten nicht überschritten und die im Text nicht aufgeführten Kirchengemeinschaften ausgeschlossen blieben. Da der Status quo katholischen Institutionen nur insofern Rechte zuerkennt, als diese sich an das lateinische Patriarchat ankristallisieren, sind die mit Rom unierten Christen ausgeschlossen. Unierte Kleriker dürfen in der Grabes- und der Geburtskirche nicht einmal privat zelebrieren.

Als 1888 der Präsident der Russischen Palästina-Gesellschaft, Großfürst Sergij, und seine Gattin Elisaveta Jerusalem besuchten, erfolgte insofern ein Übergriff über die vom Status quo gezogenen Grenzen, als der russische Archimandrit auf dem Kalvarienberg für die hohen Herrschaften in Kirchenslawisch zelebrierte. Beim Eucharistischen Kongreß, den die katholischen Christen vom 15.–20. Mai 1893 nach Jerusalem einberiefen, ließen die Lateiner, was im Status quo nicht vorgesehen ist, die mit Rom unierten Ostchristen an diesem Ort feiern. Als im Jahre 1960 der syrisch-katholische Hierarch Ephraim aus Mossul am lateinischen Altar in der Geburtsgrotte zelebrierte, prügelte ihn ein griechischer Mönch – mitten in der Messe – hinaus.

Man kann die Israelis nur bedauern, dass sie da für Ordnung sorgen müssen. Vermutlich müssen sie auch immer erst nachsehen in einer langen Liste, mit wem sie es gerade zu tun haben.