Unter Türendemolierenden

tür

Ich habe ein paar heftige, mit Pflichten und Küren voll gepackte Tage und Nächte – letztere schlaflos – hinter mir. Die ungeduldig mit den Hufen Pantoffeln unter den Ohrensesseln scharrenden Leser werden hoffentlich verzeihen, dass mein Worte nur spärlich tröpfelten. Aber der Reihe nach.

Frühschicht heißt manchmal, wenn ich nicht an meinem gewohnten Arbeitsplatz in der Deutschen Staatsoper bin: Aufstehen um 3.35 Uhr. Was aber, wenn man durch ein höllisches Krachen an der Wohnungstür um zwei in der Frühe aus dem Schlaf gerissen wird, als versuchte, eine Bonsai-Ausgabe eines Merkava-Streitwagens mit Karacho und Anlauf durch die Tür zu fahren?

Ich springe also halbnackt und halb schlafend auf, renne zur Tür, wo das Donnern noch zu kulminieren scheint und bereite mich mental darauf vor, die Gestapo die Nazis „Israelkritiker“ oder sonstwelche antisemitische Spackos Einbrecher Araber irgendjemandem mit Worten und friedlich gewaltsam und mit Schmackes die Treppe hinunterwerfen zu müssen, dergestalt, dass dieser(n) Person(en) die Lust verginge, fürderhin das Haus zu betreten.

tür

Aber es war nur die freundliche Berliner Feuerwehr mit ortsüblichem Rammgerät. Ich muss vermutlich ziemlich blöde aus der nicht vorhandenen Wäsche geguckt haben, als ich stammelte, was los sei. „Alles ok bei Ihnen?“ wurde ich gefragt, und als ich das bestätigte, zogen die Herren wohlgemut von dannen. Der Feuerwehrhäuptling murmelte noch etwas von einer „Verkettung unglücklicher Umstände“.

Als dann auch noch die Polizei anrückte, klärte sich die Sache einigermaßen auf. Beachte: Ich wohne im tiefsten Neukölln – in Zehlendorf oder Dahlem wäre das so nicht passiert.

Die Freundin meines Untermieters wohnt nicht in Berlin, arbeitet aber bis spät in der Nacht in einem Restaurant, weil sie als Studentin sich und das Studium irgendwie finanzieren muss. Sie hat keinen Schlüssel und kam nicht hinein, weil mein Untermieter – ebenfalls Student und nebenher auch noch schuftend – nicht wach wurde. Das Mädel geriet irgendwie in Panik und kam mit ihrer Atmung nicht klar. Dummerweise tauchte eine Nachbarin auf, die ebenfalls kein Deutsch spricht, aber auch kein Telugu oder Kannada oder Hindi oder Englisch, und glaubte, es handele sich um einen Notfall und rief die 112 an.

Ich kenne das aus unzähligen Erzählungen rund um die Notaufnahme, wo ich sechs Jahre arbeitete: Ist die Berliner Feuerwehr erst einmal in Fahrt, hält sie weder Ochs noch Esel auf. Das Mädel auch nicht, dass völlig verdattert an der Tür stand und einfach beiseite geschoben wurde, um dem Rammgerät Platz zu schaffen. Für Google Translator ist bei Notfällen keine Zeit.

Die Polizei ist in Neukölln gar nicht gewohnt, dass freundliche Leute in nicht pennerhafter ziviler Kleidung entspannt mit ihr reden. Sie blieben so lange und plauderten, so dass ich gleich wach bleiben konnte, um zur Lohnschinderei zu fahren. Die – bis jetzt unbekannte – Nachbarin wird eine Anzeige wegen Missbrauchs des Notrufs bekommen. (Ich wette, dass die Sache komplett folgenlos bleibt.)

Zum Glück hat mein Untermieter eine Haftpflichtversicherung. Wegen solcher Petitessen belästige ich meinen Hausbesitzer nicht. Und der mich auch nicht, etwa mit so hässlichen Dingen wie Mieterhöhungen.

tür

Zu meiner Tür: Da kommt man gar nicht so einfach durch. Ich war stolz auf die. Wenn das eine normale Tür wäre, hätte die Feuerwehr das Schloss nach ein paar Versuchen einfach weggehauen. Die Herren wunderten sich, dass das nicht funktionierte. Der Grund: Die gesamte Tür – älter als ein Jahrhundert – wurde von einem der Vormieter noch mit einer Platte verstärkt, so dass die Sache in Richtung sechs Zentimeter Massivholz geht. Und die wird noch von einem stabilem Stangenschloss gehalten.

Vielleicht war der unbekannt bleibende Vormieter meiner Wohnung mit minderlegalen Angelegenheiten beschäftigt oder hatte unbequeme Feinde, weil ich mich bei meinem Einzug vor 17 Jahren wunderte, warum in der Wohnungstür oben ein massiver Spalt klaffte, der von Axthieben stammte, da jemand offenbar gemeint hatte, man käme nicht anders hinein. Mein Vermieter zuckte damals nur mit den Achseln, murmelte „drei Monate mietfrei“ und „kann ich sonst noch etwas für sie tun?“

Ist eben Neukölln und nicht Zehlendorf oder Dahlem.

tür

Ich habe also das Schloss ausgetauscht, den Schließzylinder gewechselt (die Schrauben waren natürlich zu kurz – ich musste improvisieren), die Tür vorn mit einer Platte verstärkt, da man Holz nicht ausbeulen kann, und alles verspachtelt, abgeschliffen und mehrfach gestrichen. Und siehe, mein Werk gefällt mir.