Im Wadi el-Qelt und noch mehr Orthodoxe

Wadi el-Qelt

Heute war ich im Wadi Qelt und im griechisch-orthodoxen Kloster St. Georg. Von meiner Herberge aus ein Fußmarsch von rund 90 Minuten, aber der hat es in sich. „It’s a challenge“, sagt mein Gastgeber.

Wadi el-Qelt
Eine Straße am Rand des Stadtteils Aqabat Jabr, einem ehemaligen Flüchtlingslager.

Kleiner Tipp zwischendurch an die Nachgeborenen und eventuelle Nachahmer: Mindestens drei Liter Wasser mitnehmen. Im Kloster gibt es offiziell nichts zu trinken. Die Straße steigt mörderisch an, und Schatten gibt es die ganze Zeit nicht.

Ich habe alles ausgetrunken und war immer noch durstig, obwohl ich schon um 7:30 Uhr losmarschiert bin, um die größte Hitze zu „unterlaufen“.

Wadi el-Qelt
Am Eingang zum Wadi Qelt sind die Ruinen des königlichen Winterpalastes der Hasmonäer und des Herodes, aber es ist nicht viel zu erkennen. (Liest zufällig ein Zeitreisender mit und kann ein Foto von vor 2000 Jahren hochladen?)

Im Wadi sieht man zwei Trampelpfade am Steilhang entlang – in derselben Richtung wie die Straße, aber die sahen mir nicht sehr vertrauenswürdig aus und so, als wäre da seit einem halben Jahrhundert niemand entlanggegangen. Der breitere Trampelpfad ist aber offenbar keiner, sondern der Rest eines Aquädukts aus römischer Zeit. (In dem Tal einen Aquädukt zu bauen ist genauso verrückt wie ein Kloster an die Steilwand zu kleben.)

Wadi el-Qelt
Auf dem total verrosteten Schild steht in Arabisch, Hebräisch und Englisch „Jericho Gate“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass damit das gleichnamige Bauprojekt gemeint ist – was offenbar buchstäblich in den Sand gesetzt wurde und auch ganz woanders sein sollte.

„Wadi Qelt (arabisch وادي القلط, DMG Wādī al-Qilṭ, auch Deir el-Quelt, Deir el-Kelt; hebräisch נַחַל פְּרָת Nachal Prat) ist ein Wadi mit einem Verlauf von West nach Ost durch die Judäische Wüste im Westjordanland. Das Wadi, das ganzjährig Wasser führt, hat drei Quellen: Ain Farah, Ain Fawar und Ain Qelt, die östlich von Jerusalem liegen. Es endet bei Jericho in der Nähe des Toten Meeres und beherbergt eine einzigartige Vielfalt von Pflanzen und Tieren. Nach der Besetzung des Westjordanlandes 1967 durch Israel wurden Teile des Wadis zum Naturschutzgebiet Nahal Prat Nature Reserve erklärt.“

Wadi el-Qelt

Wait a minute, Wikipedia. Ich habe da kein Wasser gesehen. Es war alles pulvertrocken. Oder sollte das unterirdisch rinnen? Also von „ganzjährig“ kein Spur, und der Sommer, der laut den Einheimischen auch gern Temperaturen um die 45 Grad bringt, ist angeblich hier schon vorbei, obwohl es sich anfühlt wie Hochsommer XXL.

Wadi el-Qelt
Auf dem unteren Foto kann man eine Art Behausung mitten in der Steilwand erkennen, als wäre es einem Mönch im Kloster noch nicht einsam genug gewesen.

„Besetzung“. Das lassen wir mal so stehen. Ist halt Wikipedia: „Als Bestandteil des britischen Völkerbundsmandats für Palästina wurde das Westjordanland von der UN-Vollversammlung im Teilungsplan von 1947 dem zu gründenden arabischen Staat zugesprochen. Im Palästinakrieg wurde es 1948 von Jordanien besetzt und 1950 annektiert. Im Sechstagekrieg vom Juni 1967 wurde es von Israel erobert und steht seither unter israelischer Militärverwaltung.“

Die Besatzer waren also die Jordanier. Und der jetzige Status ist ein Resultat eines Krieges, wie der Status von Ostpreußen und Elsass-Lothringen.

Wadi el-Qelt

Irgendwann taucht dann dieses Tor auf (Foto unten). Und vom dem aus geht es in Serpentinen steil abwärts, so steil und schmal, dass man froh ist, gutes Schuhwerk an den Füßen zu haben. Mir schwante schon, dass ich denselben Weg wieder hinauf musste.

Wadi el-Qelt St. GeorgWadi el-Qelt St. GeorgWadi el-Qelt St. Georg

Man muss erst um ein paar Ecken biegen, bis das gut versteckte Kloster plötzlich auftaucht.

„Ursprünglich lebten hier in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts syrische Mönche in einer Einsiedelei. Später entstand hier eine Lavra, eine Einsiedlerkolonie, die aus einem Zentrum und zahlreichen darum herum liegenden Einsiedlerzellen im Wadi Qelt bestand. Im späten 5. Jahrhundert (um 480) wurde durch Johannes von Theben ein Kloster errichtet, das dann unter der Führung seines bekanntesten Abtes, des heiligen Georg von Choziba (gest. nach 625), eine Blütezeit erlebte. Nachdem die Perser das Kloster im Jahre 614 zerstört und seine Mönche massakriert hatten, wurde es aufgegeben.“

Wadi el-Qelt St. Georg

ChatGPT weiß erheblich mehr: „Im Jahr 614 n. Chr. drangen die Sassaniden, das persische Reich jener Zeit, in das Oströmische (Byzantinische) Reich ein und eroberten große Teile des Nahen Ostens – darunter Syrien, Palästina und Ägypten.

Die Perser standen unter der Herrschaft von Chosrau II. (Khosrow II. Parwiz, reg. 590–628). Er nutzte eine Phase der inneren Schwäche im Byzantinischen Reich aus: Kaiser Maurikios war 602 gestürzt und ermordet worden, und der neue Kaiser Phokas galt als Usurpator. Chosrau II. erklärte, er wolle den Mord an Maurikios rächen (mit dem er verbündet gewesen war) und begann 603 einen groß angelegten Krieg gegen Byzanz.

Dieser Konflikt entwickelte sich zu einem der schwersten römisch-persischen Kriege überhaupt. Zwischen 611 und 619 eroberten die Perser nacheinander: Syrien (inkl. Damaskus), Palästina (inkl. Jerusalem 614), Ägypten (619).“

Wisst ihr Bescheid.

Wadi el-Qelt St. Georg

Die Mönche haben dort so eine Art Mini-Traktor, der so breit ist wie ein Motorrad, und einen etwas größeren Anhänger, mit dem sie andere Mönche, die auf Besuch kommen, oben vom Tor abholen. Das war gerade der Fall: Weißbärte in schwarzen Klamotten kamen und eine Nonne mit schicker Handtasche. Alle wurden begeistert begrüßt und ritualisierten dann etwas – vermutlich Dankbares – in der Kapelle.

Wadi el-Qelt St. Georg

Zu mir waren sie ausnehmend freundlich. Es kämen keine Touristen mehr, sagten sie, und schon gar keine aus Germany. Kaffee gab es (der wird bei der brüllenden Hitze praktischerweise nicht so schnell kalt), und Plätzchen drängten sie mir auch auf. Natürlich war strenges Fotografierverbot. Auf dem Bild unten sieht man zwei Personen den Pfad herunterkommen; ich stand auf dem mittleren der Balkone.

Wadi el-Qelt St. Georg

„Im Jahre 1878 siedelte sich der griechische Mönch Kalinikos hier an und errichtete das Kloster neu. Die Arbeiten wurden 1901 abgeschlossen.“

Ich fragte, woher das Wasser herkäme (es gab eine saubere Toilette). Heute haben sie eine Wasserleitung. Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie die das vor einem Jahrhundert organisiert haben. Mit Hunderten von Eseln?

Wadi el-Qelt St. Georg

Auf halbem Weg (Foto unten) erkennt man auf einer Anhöhe die Ausgrabungsstätte Kypros Castle.

„Auf dem Berggipfel befand sich in der Hasmonäerzeit eine Festung mit palastartigen Elementen, wie aufgefundene Fragmente von Kapitellen belegen. Es gab Zisternen und rituelle Tauchbäder (Mikwen). Am Hang des Berges, etwas niedriger, befand sich ein Kolumbarium-Turm mit rundem Grundriss. Solche Türme, die auch in Jericho und in Masada gebaut wurden, dienten im Erdgeschoss der Taubenhaltung und im Obergeschoss als Wachtturm. Der Name dieser hasmonäischen Festung war entweder Threx oder Taurus.“

Da hochzulaufen, wollte ich mir aber nicht antun. Mit einem Jeep wäre es gegangen.

Wadi el-Qelt Kypros castle

Auf halbem Weg zurück, schon am Ausgang des Tales, bestand ein Lastwagenfahrer darauf, mich mitzunehmen. Er trug ein langes, nicht mehr ganz so weißes arabisches Gewand und sah Osama bin Laden ziemlich ähnlich. Es war ganz begeistert, dass ich aus Almanía (so betont man das auf Arabisch) kam und war offenbar total stolz, dass er einen deutschen Mercedes-LKW fuhr, obwohl die Beifahrertür nicht mehr schloss und die Karre aussah, als würde sie gleich auseinanderfallen.

jericho

So sieht es hier aus, wenn ich blogge. Kaffee und Früchte gab es gratis. Und der Rekord von gestern, was die Temperatur angeht, wurde auch gebrochen.

jericho