Verschleierter Völkermord

Völkermord

„Diese Studie beleuchtet ein weitgehend unbeachtetes Drama: den Sklavenhandel mit Schwarzen aus Afrika durch die arabisch-muslimische Welt. Dieser Handel betraf siebzehn Millionen Opfer, die getötet, kastriert oder versklavt wurden – und das über mehr als dreizehn Jahrhunderte hinweg ohne Unterbrechung. Die Verschleppten wurden gezwungen, den Wüstenweg zu Fuß zurückzulegen, um den Maghreb, Ägypten oder die Arabische Halbinsel über Sansibar per Schiff zu erreichen … Dennoch wurde dieser Sklavenhandel im Gegensatz zum transatlantischen Handel in Richtung Amerika verharmlost. Warum? Weil nur die Konversion zum Islam eine Möglichkeit bot, der Sklaverei zu entkommen – was jedoch den Schwarzen oft nichts nützte. Heute allerdings ist der Großteil Afrikas muslimisch geworden, was zu einer Art religiöser Brüderlichkeit zwischen dem „weißen“ und dem „schwarzen“ Teil des Kontinents geführt hat – und zu einem gemeinsamen Bestreben, diesen Genozid zu „verschleiern“.“

Das klingt interessant. Ich hatte mir neulich schon Egon Flaigs: „Weltgeschichte der Sklaverei: Von der Antike bis zur Gegenwart“ angeschafft. Ich muss beide noch lesen, aber die Bücher eignen sich offenbar hervorragend, um den eurozentristischen Blick auf das Thema „Sklaverei“ als Gesellschaftsform kritisch zu betrachten. Wir müssen das also noch einschieben, bevor ich unsere dem Stammpublikum wohl bekannte Reihe fortsetze.

Mein Französisch ist ziemlich rostig, mal sehen, ob ich das ohne Umschweife lesen kann. Die bürgerliche Presse behauptet, das Buch „sei die erste Darstellung des araboislamischen Sklavenhandels“. Mir war auch, ich muss es schamerfüllt gestehen, der größte Sklavenaufstand der Geschichte nicht bekannt. (Tut mir leid, Spartakus!) Ich wundere mich, dass die im Irak forschen können!

Sven-Felix Kellerhoff fügt – ebenfalls in der bürgerlichen Presse – ein interessantes Detail hinzu: „Der transatlantische Sklavenexport ist zentral für die umstrittenen „Postcolonial studies“. Wie aber sah Menschenhandel aus Afrika in die andere Richtung aus: nach Osten? Bücher zum Thema werden von Anhängern der modischen Forschungsrichtung gern verrissen.“ – „Nur selten sind einigermaßen junge Gebrauchtbücher derart begehrt, dass die einschlägigen Online-Anbieter dreistellige Preise dafür aufrufen. Zu diesen Ausnahmen gehört der Band „Der verschleierte Völkermord“ über die „Geschichte des muslimischen Sklavenhandels in Afrika“, die deutsche Übersetzung des Essays „Le génocide voilé“, den der senegalesische Ökonom Tidiane N’Diaye 2008 vorgelegt hatte. Der Rowohlt-Verlag brachte diesen Band 2010 heraus. Das Buch ist zwar in zahlreichen deutschen Bibliotheken vorhanden, aber längst nicht mehr neu für den früheren Ladenpreis von 19,95 Euro zu kaufen; gebraucht schwanken die verlangten Preise im Juli 2025 zwischen 129,99 und 219,95 Euro. (…) Dagegen verriss der Afrikahistoriker Andreas Eckert in der „Frankfurter Allgemeinen“ dasselbe Werk als „stereotype Schwarzweißmalerei“. Der Deutschlandfunk lobte den Band als „Jahrhundertbuch“, während die Stadtbücherei Münster in ihrem Katalog die „zwiespältige, weil grob vereinfachende Darstellung der Geschichte des arabisch-muslimischen Sklavenhandels“ kritisierte.“

Also hat N’Diaye vermutlich recht, wenn Wokistan sich aufregt. Für Eckert (Paywall) sind die europäischen Kolonialmächte schuld, dass Afrika immer und überall hinterherhinkt. N’Diaye betrachtet eher die Rolle des Islam und der Araber, die Afrika über Jahrhunderte ausbeuteten. Die Frontlinien sind klar. Ein Grund mehr, das Buch zu lesen und zu besprechen.