Unter irgendwie Integrierenden

Zeitweiliger Abschied vom Aktivismus (Symbolbild). (Manche Männer haben merkwürdige Phantasien, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann.)
Rüdiger Safranski, ein ehemaliger Genosse von mir, dessen germanistische Vorlesungen an der FU Berlin ich weiland besuchte, dem aber das Maoistische vollends abhanden gekommen ist, während ich noch ab und zu mit der roten Fahne dem Publikum zuwinke, hat der bürgerlichen Presse ein interessantes Interview gegeben, das sich leider hinter einer erzkapitalistischen Paywall verschanzt, aber in dem es von E.T.A. Hoffmann, Novalis, Adorno, Schopenhauer, Goethe, dem unvermeidlichen Niklas Luhmann und allerlei sonstigem Bildungsbürgertumzitatenkram nur so wimmelt.
„Man lebte auf der Sonnenseite des amerikanischen Imperiums, ohne sich das einzugestehen. Moralisch war Vietnam in der Tat eine Art übler Kolonialkrieg. So redete man sich die eigene radikale Politik schön, und das liberal-hedonistische Milieu wurde immer attraktiver und immer größer, bis heute. Die DDR direkt vor der Nase begriff man nicht als Widerlegung, sondern als Verzerrung der ursprünglich guten Idee. Letztlich gaben viele den USA, weil sie auf den Ostblock Druck ausübte, sogar noch die Mitschuld am versteinerten Sozialismus. Und daheim richtete man sich in einem wohlhabenden linken Biedermeier gemütlich ein.“
Auf die Frage, ob das nicht eine Lebenslüge sei: „Ja, aber mit einer ungeheuer anspruchsvollen Theorie im Hintergrund. Das Ganze ist das Unwahre, heißt es bei Adorno in der Frankfurter Schule. Dort gab es die subtilste Fundamentalkritik der Moderne: „Entfremdung“, wo man hinblickt. Man grub sich Tunnel mit dem Licht am Ende – das war dann der Marsch durch die Institutionen plus Pensionsberechtigung. (…) Aus dieser eskapistischen Haltung entstammen viele Elemente des Erziehungsregimentes, das wir heute erleben, unter Einschluss der CDU. Ob beim Klima, bei der Migration, bei der Europäischen Union – egal welche demokratischen Mehrheiten es gibt: Die Ziele dieser Vorgaben müssen in jedem Fall realisiert werden, weil sie als das real existierende Gute gelten.“
Der Kernsatz: „Wenn man nicht ein Viertel der Wähler hinter eine Brandmauer verbannen will, so wird überhaupt nichts anderes übrig bleiben, als die AfD irgendwie ins demokratische Spektrum zu integrieren und dadurch zu zivilisieren.“
Sehr schön auch: „Ich fürchte, die Deutschen wollen endlich auch einmal auf der guten Seite der Geschichte stehen. Sie führen der Restwelt vor: Seht, wir haben unser Pensum brav gelernt! Unter Vorangehen der Deutschen muss die Welt gerettet werden. Da kommen die kryptoreligiösen Bestände wieder an die Oberfläche. Daraus speist sich das große Wir, welches bei uns regiert.“
Safranski stammt, wie ich auch, aus dem ultraorthodoxen christlichen Milieu, Jesus‘ Haredim sozusagen. Er sagt Ähnliches wie auch ich: „…letztlich hat dieses Faschismusgerede nur noch eine einzige Funktion. Ahnungslos, was Faschismus wirklich bedeutet, beschwört man ihn, um zu sagen: Wir gehören nicht dazu. Alle anderen können heute Faschisten sein, aber wir nicht. Wir sind die Guten.“ Auch prophetisch und wahr: „Darum bin ich auch überzeugt, dass die Deutschen sich in ein paar Jahren wieder mit dem Moloch Russland arrangieren werden.“
In einem muss ich jedoch vehement widersprechen. Safranski: „Nichts ist heute wichtiger als ein zeitweiliger Abschied vom Aktivismus, ob im Garten (wer hat einen Garten – außer Philosophen?) , bei der Musik, bei einem guten Buch.“
Da fehlt doch etwas? Richtig! Wenn schon der Wirklichkeit temporär entfliehen, dann in Form eines Avatars!