Heimatroman, DDR-Version

Je älter ich werde, um so interessanter finde ich es etwas zu erfahren, von dem ich irrig meinte, schon alles zu wissen. Man lernt nie aus und immer was dazu.
In den späten siebziger Jahren, in den wilden Zeiten der FU Berlin, studierte ich u.a. Germanistik und war – neben Altgermanistik – spezialisiert auf DDR-Literatur. Ich habe damals alles von dort gelesen, was mir unter die Finger kam – von Hermann Kant (empfehlenswert: „Die Aula“) bis Stefan Heym, von Franz Fühmann bis Karl-Heinz Jacobs (großartig und innovativ: „Die Interviewer“), von Volker Braun bis Jurek Becker, der auch heute noch einer meiner Lieblingssschriftsteller ist („Amanda herzlos“ – der beste Roman über das Thema „Frauen und Männer“, den ich kenne).
Was ich damals nicht merkte war, dass im Westen nur diejenigen verlegt wurde, die irgendwie in „Opposition“ zur DDR waren oder dort Probleme bekommen hatten, wozu nicht viel gehörte. Wer andere nicht für sich denken ließ, war schon suspekt. Man wurde automatisch im Westen bejubelt, wenn man sich „Schriftsteller“ nannte und etwas gegen den so genannten „Sozialismus“ in der DDR verlautbarte. Hilfsweise genügte auch eine Gitarre, wenn man das Wassser nicht halten konnte.
Kant war ein brillianter Schreiber, politisch aber ein Reaktionär und ein Teil des Gesäßes, den ich hier nicht näher bezeichnen will, jemand, der sein festgemauertes Weltbild seit den frühen fünfziger Jahren nicht mehr verändert hat. Franz Fühmann, eine konvertierter Nazi, faszinierte mich besonders. An einigen seiner Erzählungen biss ich mir die Zähne aus: „Marsyas“ hatte ich mir als Thema für das mündliche Examen in Germanistik ausgewählt, weil ich damals – wie übrigens heute auch – nicht richtig verstand, was Fühmann mir damit sagen wollte, und die Prüfer waren demgemäß so begeistert von dem schwierigem Sujet, was sie sichtlich überforderte, so dass sie mir ohne großes Zögern und Zaudern die Bestnote gaben. Volker Braun war damals der Favorit der ultralinken Maoisten (zu denen ich gehörte) im Westen, weil er kompromisslos bis an die Grenze des in der DDR Erlaubten ging und darüber hinaus und – obzwar unstrittig ein überzeugter Linker – die gesellschaftlichen Widersprüche im „realen Sozialismus“ als unlösbar schilderte.
Eine Freundin, die im Beitrittsgebiet aufgewachsen ist, hat mir neulich ein paar schmale Hefte geliehen – die Roman-Zeitung, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Jochen Hauser – seine Bücher über die „Familie Rechlin“ hatten 300.000 Auflage in der DDR? Nie davon gehört, weder von ihm noch von seinen Büchern.
Ich wurde neugierig, zumal auch der Preis für einen Roman – 80 Pfennig Ost – eigentlich der Alptraum eines Schriftstellers ist, den kapitalistischen Markt und die üblichen Margen der Verleger vorausgesetzt (bei guten (!) Konditionen kriegt der Autor zehn Prozent des Verkaufspreises). Haben wir hier eine DDR-Bonsai-Version von Readers Digest oder so? „Die Roman-Zeitung kostete 80 Pfennig und wurde nicht im Buchhandel, sondern am Zeitungskiosk verkauft. Es handelte sich um eine besonders preiswerte Methode, mit geringem Aufwand Nachauflagen begehrter Titel in hoher Stückzahl zu produzieren. Vereinzelt erschienen jedoch auch Originalausgaben und Erstübersetzungen.“ Aha. Eine Art Ost-Literatur-Aldi also.
Ich schlug die „Familie Rechlin“ auf, ich las und gähnte alsbald. So etwas auf dem literarischen Niveau von „Jerry Cotton„, aber ganz ohne Spannung, oder „Der Bergdoktor„, nur eben mit Proletariern, was an sich ein Fortschritt ist, wenn man Trivialliteratur ernst nimmt, was man tun sollte.
Die Frauen kicherten. Ingelore erklärte Steffi, daß die Brigade für einen Museumsbesuch drei Punkte im sozialistischen Wettbewerb erhalte, Theater bringe zwei Punkte, Kino nur einen. Museum sei also das Attraktivste. Aber es müßten mindestens zwei Drittel der Brigade den Besuch gemeinsam unternehmen, „sonst güldet es nichts“, wie sie grinsend sagte.
Die Helden möchten in Neubauwohnungen ziehen, tun das auch, die Kneipen haben Butzenscheiben, extrem spießige Prüderie ist gesetzt, alle Männer haben kurze Haare wie bei Norman Rockwell oder Jehovas Zeugen. Mich gruselte es zunehmend. Ich kriege dann immer klaustrophobische Gefühle.
Jetzt spielte die Kapelle einen alten Marsch. Männer aus der Nachbarnische sangen laut mit. René kniff die Augen zusammen und sah, wie sich Steffi an ihren Mann schmiegte.
Der reiche Förster vom Silberwald kam um die Ecke geritten, hatte ein Heinz-Rühmann-Grinsen auf den Lippen, und verlobte sich mit der Tochter des armen Fischers. Und der Arbeitersohn bezog eine türkis gestrichene Neubauwohnung mit Blümchentapete und heller Holzvertäfelung, trat in die Partei ein, plante eine Reise nach Ulan-Bator im Kollektiv, aß Letscho und war glücklich, und wenn er nicht gestorben ist, dann noch heute.
Nun gut, auch der so genannte Sozialismus in der DDR brauchte vermutlich Trash-Literatur. John Norman hätte man nicht übersetzt – der ist ja zum Teil heute noch in Deutschland verboten, also nicht auf der Ladentheke erhältlich. Verbote von Büchern sind Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes in Ost- und Westdeutschland.
Und jetzt die gute Nachricht. Die „Familie Rechlin“ des Bestseller-Autors Jochen Hauser verhält sich – das befürchte ich – nicht anders als Max und Lieschen Mustermann sich in der DDR ganz real verhalten haben. Insofern ist die Lektüre erhellend. Aber Literatur ist das nicht.