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 Garcia Ventura Calderon: Schildkrtensuppe Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 04.11.2003, 00:02 Antworten mit ZitatNach oben

Schildkrtensuppe

von Garcia Ventura Calderon

Eine Schildkrte, die nichts vom Tode wissen will, zu tten, ist wahrlich nicht leicht. Mag man den unklugen Kopf, der sich aus der Schale hervorwagt, noch so gut treffen - sie luft weiter, schlingert wie ein steuerloses Schiff, dass man seekrank werden knnte.

Unsere beiden Indianer warfen die Schildkrte erst auf den Rcken, ehe sie ihr mit ein paar Machetenhieben den Garaus machten, und ber das blutige Fleisch gebeugt, gab mein Begleiter, Doktor Winkel, ernst und gewissenhaft, sein Urteil ab:

"Fett genug; sie wird wie ein Spanferkel schmecken."

Schn brodelte ber einem Feuer aus harzigen sten das Wasser, als dieser vielseitige Mann, seine Hemdsrmel umschlagend, mir zurief:

"Sie haben wohl nicht zufllig eine Bchse kondensierte Milch?...Schade! Dann knnte ich nmlich eine Schildkrtensuppe bereiten, um die uns die Gtter beneiden wrden."

Eien drolligere Persnlichkeit als diesen Urwalddoktor lsst sich schwer vorstellen. Suchte er Waschgold, wollte er den Indianern Revolver verkaufen oder - wie er vorgab - die Tropenkrankheiten studieren? Drei Tage zuvor hatte ich ihn in der Htte eines Gummisammlers kennengelernt. Klein und rundlich, glatzkpfig, zwei Revolver im Grtel, wusste er alles, lachte er ber alles und drehte sich mit Maisblttern unzhlige Zigaretten. Aber warum hatte er jetzt unseren Lagerplatz verlassen und war in das alte Indianerdorf geschlendert?...Ich erfuhr den Grund erst spter, als eine grelle Stimme durch das Laubwerk brach. Ein Mensch heulte vor Schmerz, doch in rhythmischem Schluchzen und sozusagen allzu musikalisch, als dass es der Ausdruck wahren Leidens htte sein knnen.

Ich eilte dem Doktor nach. In der aus glatten Rohrschften erbauten Htte, deren einzige Lichtquelle die niedrige Trffnung war, sah ich in dem Halbdunkel einen Indianer, der in einer Hngematte lag, heulte, grssliche Grimassen schnitt und sich den Bauch hielt. Zur Linderung seiner Schmerzen goss ihm ein altes Weib dann und wann einen krftigen Schluck direkt in den Mund. Doch gleich darauf begann er sein Konzert von neuem.
"Sie gibt ihm Alkohol", sagte ich zu Winkel. "Ein Beruhigungsmittel wre besser. Haben sie kein Morphium bei sich, Doktor?"

"O ja, aber ich werde mich hten, ihm irgendetwas zu verabfolgen", erwiderte der Gefragte gleichmtig. "Der Mann ist so gesund wie Sie und ich. Er heult doch nur aus Anstand, aus einfacher Hflichkeit. Ist es ihnen nicht bekannt, dass es sich fr einen Ehemann geziemt, die Wehen seiner Frau nachzuahmen? Je mehr er schreit, desto grere Achtung wird er bei seinen Stammesgenossen genieen. Das Kindchen hat brigens eben das Licht der Welt erblickt, und das kommt mir sehr gelegen."

Whrend ich beim flchtigen Licht eines Streichholzes das verzerrte Gesicht des Vaters betrachtete, verfgte sich der Doktor in die hinterste Ecke der Htte, um, wie ich annahm, der Wchnerin ein wenig beizustehen. Ein Wispern und Tuscheln, ein Kommen und Gehen, und schlielich hndigte ihm die Alte verschmt ein Gef aus. Nachdem der jammernde Indianer noch mit ein paar Silbermnzen bedacht worden war, traten wir wieder hinaus ins helle Tageslicht, glcklich, diese schrillen Laute, die dem Ohr weh taten, wie das Kreischen einer Feile auf dem Eisen, nicht mehr anhren zu mssen.

In des Doktors Hnden sah ich eine dieser peruanischen Kalebassen, deren hermetischer Verschluss aus einem sternfrmigen, so geschickt herausgeschnittenen Stckchen besteht, dass die ausgehhlte Frucht intakt zu sein scheint. Meine Frage, was er so sorgsam hte, beantwortete er mit einem schalkhaften, geheimnisvollen Lcheln und begab sich, in unserem Lager angekommen, flugs zur Feuerstelle, um sich wiederum seiner Schildkrtensuppe zu widmen.

Erst als ich ihm zwei Stunden spter ein wohlverdientes Kompliment ber seine Kochkunst machte, erklrte er, woher der delikate Geschmack der Suppe rhrte: aus der Brust der Wchnerin hatte er die notwenige Ration Milch in die Kalebasse abgezapft.

Caramba! Ich belegte den eigenartigen Arzt mit hsslichen Namen, ich nannte ihn Schwein und anderes mehr. Jedoch dieser weise Mann, der sich nie aufregte, rckte seelenruhig seine Brille zurecht.
"Im Urwald, Senor", belehrte er mich, "darf man nicht zimperlich sein."

Ventura Garcia Calderon - die Geschichte "Schildkrtensuppe" stammt aus "Traum in der Sierra". Der peruanische Schriftsteller starb 1959 im Alter von 40 Jahren in Paris. [Calderons Werke, Staatsbibliothek Berlin]

BurkS

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