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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 27.09.2003, 23:32 Antworten mit ZitatNach oben


















[Feuerwehr 1] Von Kielschweinen und Samaritern

Heute Nacht werde ich das Kielschwein sein. Das Kielschwein ist eine Unterart der Spezies Feuerwehrmann und hockt wahrend eines Alarmeinsatzes im hinteren Teil des Rettungswagens. Ich bin fr die Dreckarbeit zustndig, darf und soll Brechschalen ihrer Bestimmung zufhren, schreiende Verletzte beruhigen und Blutungen stillen. Vorn sitzen der Maschinist, der das Feuerwehrauto durch den grostdtischen Verkehr lenkt, und der Samariter. Noch ein zweites Kielschwein begleitet uns, da ich nur Feuerwehrmann inkognito bin und von tuten, blasen oder lschen nicht die geringste Ahnung habe.

Feuerwehrmann ist ein Mnnerberuf (1), und ich will herausfinden, warum. Damit beginne ich bei der "Freiwilligen", der Feuerwache in Berlin-Staaken. Spter will ich mich zur hochtechnisierten Variante, der Berufsfeuerwehr, wagen. In Staaken hat man keine Einwnde gegen meinen nchtlichen Besuch. Der erste Gesprchspartner rckt mein Weltbild zurecht. Sie ist eine Frau, Hauptbrandmeister und heisst Rosemarie. Die Feuerwehrfrau reicht mir zwar gerade eben bis zu den Brustwarzen, wirkt aber beraus trainiert, so dass ich keine Bedenken htte, mich von ihr aus einem flammenden Inferno retten zu lassen.

"Die Feuerwehr ein Mnnerberuf? Das ist 'ne gute Frage, die ich mir vor einigen Jahren auch gestellt habe", meint Frau Hauptbrandmeister bei Schichtbeginn um 18 Uhr. Sie nervte den Landesbranddirektor solange, bis der einen Modellversuch wagte. Allerdings nur bei der Freiwilligen. Die Feuerwehrmnner schwankten zunchst zwischen unglubigem Staunen und Irritation, als Feuerwehrfrau Rosemarie ihren Dienst an Schlauch und Leiter antrat. Einer bockte: "Mit einer Frau fahre ich nicht, basta." Dreau Hauptbrandmeister kann sich ein Lcheln nicht verkneifen. "Ich hatte ja Rckendeckung von oben. Ich habe ihm vorgeschlagen, sein Problem mit den Vorgesetzen zu diskutieren", meint sie und fgt hinzu: "Ich sagte ihm, dass er meinetwegen die Wache wechseln knnte, wenn er allzu groe Schwierigkeiten mit Frauen htte. Das wollte er auch nicht. Ich bin jetzt acht Jahre dabei und mache die gleiche Arbeit wie alle: Verletzte auf die Trage hochwuchten, bei einem Brand den ersten Angrifsstrupp fhren - aber zugeben werden das die Mnner nie.

Oberfeuerwehrmann Ingo, ein stmmiger Jngling, der mit seinen roten Backen glaubwrdig fr Bio-pfel Reklame machen knnte, sitzt neben mir auf der Bank for dem Wachgebude. Ingo hat das Selektivsuchgert umgeschnallt. Es piept, wenn es brennt, selbst wenn man gerade auf dem Klo sitzt oder im Bett liegt. Wir warten auf den ersten Einsatz. Die Abendsonne taucht die Umgebung in ein friedliches Licht. Vgel zwitschern, und Bernd, mein vorgesetztes Kielschwein, bt seelenruhig fuballerische Kunststcke. Sein Partner Daniel ist kein ausgewachsener Mann, sondern dreizehn und Mitglied der Jugendfeuerwehr. Jeden Montag abend, wenn Daniels Schulfreunde sich die neuesten Videofilme zu Gemte fhren oder Ausschau nach Mdchen halten, pflegt er sein ausgefallenes Hobby. Er hantiert mit der Nebelpistole einschlielich des Sttzkrmmers (ein Apparat, der wie die Saurier-Variante einer Wasserpistole aussieht), rollt flink C- oder sogar B-Schluche aus (je weiter vorn im Alfabet, desto dicker sind sie), montiert wasserfhrende Standrohre (und zwar korrekt, dass ihm beim Kommando Wasser marsch! das Gert nicht gleich um die Ohren fliegt), und kennt den Unterschied zwischen Voll- und Sprhstrahl; letzterer bietet Mannschutz, auch fr Frauen.

Ingo und Daniel weisen mich geduldig in die hheren Geheimnisse der Feuerwehrtechnik ein. Vor meinem inneren Auge richtet sich drohend eine Flammenwand auf, deren Auslufer schon um meine Fuspitzen zngeln. Der schlaue Feuerwehrmann greift zur Spritze und stellt Sprhstrahl ein, so dass das Wasser wie aus einer zu gro geratenen Giekanne zischt. Da muss selbst ein mittleres Buschfeuer klein beigeben, denn acht At bedeuten achtzig Meter Wassersule nach oben!

Es ist 19 Uhr 15. Zeit fr einen Umtrunk. Alle anwesenden Feuerwehrmnner und die Feuerwehrfrau schwren beim zustndigen Schutzpatron, dem heiligen Florian: das hrteste Getrnk, das in der kleinen Bar unter dem Wachraum serbiert werde, sei der Kmmerling, eine Art Magenschnaps, der auch so schmeckt. Ich spende daher eine Runde Malzbier. Meine Flasche ist gerade halb geleert, da gibt der Lautsprecher ein schnarrendes Gerusch von sich, ringt sich dann, als rusperte er sich, zu einer Mischung als Scheppern und Klingeln durch: der erste Alarm!

Die Parole, verkndet vom Wachhabenden, der oben Bildschirm und Telefon belauert, lautet: "Verletzte Person, Imbiss Brunsbtteler Damm!"

Wir poltern die Treppe hinaus. In meinen Stiefeln ist noch viel Platz, trotz meiner imposanten Schuhgrsse. Das spre ich, als beim Spring in den Rettungstransportwagen (in Zukunft feuerwehrmnnisch RTW genannt) mein Schienbein mit dem Trrahmen in Berhrung kommt. Whrend Maschinist Ingo den Motor startet, arrangiere ich meinen Helmriemen, der unvorschriftsmssig quer ber meiner Brille sitzt und knpfe dienstmssig mein Jackett zu.

Zwei Minuten 30 Sekunden, drei sind erlaubt. Ingo schaltet Sirene und Blaulicht ein, das Tor hebt sich, Rosemarie vergewissert sich, dass ich nicht hinausgefallen bin, und Bernd, mein vorgesetztes Kielschwein, klappt liebenswrdigerweise die Armlehne meines Sitzes hinunter, dass ich whrend der wilden Jagd nicht auf die teure Vakuummatratze rechts neben mir falle oder sonstige kostbare Innereien demoliere.

Lallallal. Ich orientiere mich. Neben mir die Krankentrage mit Hebeautomatik. Wenn ich wsste, welcher der vielen Hebel der richtige ist, knnte ich eine verletzte Person in jede gewnschte Lage bringen; Kopf hoch, Beine hoch, starre oder elastische lage, eine Reservematratze ausklappen, auf der Aluminiumunterlage eine Herzmassage versuchen, Pumpen in Betrieb setzen, die die Luft zwischen den Styroporkgelchen in der Vakuummatratze hinaussaugte und sie der Form jeder auch nur annhernd humanoiden Wirbelsule anpasste. Wenn ich mich mit dem Stecksystem auskennen wrde, knnte ich die stationre Inhalationsanlage anschliessen, um jeder Atemnot und der an ihr leidenden Person auf die Sprnge zu helfen. Bernd weist ein: Wir werden den Koffer mit Verbandsmaterial mitschleppen, ich soll, falls ntig, die rote Tasche mit Funkgert, Beatmungsbeutel, Absaugkatheter und einigen hbschen Dingen mehr tragen.

Wir sausen ber die Brcke der Eichholzbahn. Vorn, zwischen Maschinist und Samariterin, knistert das Funkgert. Noch 500 Meter geradeaus.. Vollgas. Alle anderen Fahrzeuge halten eingeschchtert am Strassenrand. Vor mir im Schrank scheppern kleine Gertschaften in den Schubladen: die unvermeidlichen Brechbeutel, Schutzvisiere, Tupfer, Handschuhe, Nabelklemmen und ein komplettes Entbindungsset, Staubinde, Blutdruckmessapparat, Unterbindungsmanschette, Dreiecktcher, Kleiderschere, Nierenschalen. ein Flschchen Merphen sehe ich statt des bekannten, aber jetzt verbotenen Jods, nach deren Anwendung zimperliche Verletzte frher einen kleinen Zwischensprint einlegten. Stabile Gurte, falls ein Selbstmordkandidat auf seiner Absicht beharrt, Augendusche, Wasserbehlter, je einer fr Alt- und Frischwasser. Waschlotion, Desinfektionsmittel. Wenn Wasser in das Handwachbecken gelassen wird, ertnt ein frhliches Summen. Oben in der Ablage ber dem Krankentragestuhl klappert alles in Sachen Knochenbruch, schienen, Bandagen zum aufblasen fr die kleinsten Knchelchen, Bergetuch - nur fr wirklich schlimme Flle. ein Intubationsbesteck, um sich direkten Zugang zur Lunge zu verschaffen, allein rzten vorbehalten. ber mir ein Ventilator, daneben eine Lichtorgel: Wenn die Tr hinten sich ffnet, geht vor das Licht aus; wenn aber der Schalter herumgelegt wird, erlischt die Lampe vorn nur, wenn die Tr geschlossen ist. Oder war es umgekehrt?

Wir sind da, sechs Minuten 40 Sekunden. Tr auf. Kielschweine mit Kfferchen hinaus, Samariterin hinaus, Maschinist hinaus. Der Ort des Geschehens ist ein Strassencaf der einfachen Art. Zwei Polizisten warten etwas ratlos neben einem Arrangement aus Sthlen, einem Sonnenschirm, wie der Turm von Pisa geneigt, einem Tischchen, umrahmt von leeren Bierflaschen. Auf der ersten Sitzgelegenheit lmmelt sich ein Herr, dessen Blick in weite Fernen zu schweifen scheint. Auf der anderen eine jngere Frau, die sich den Unterleib mit beiden Hnden hlt und dabei "mein Bauch! Mein Bauch!" schreit.

Unsere Samariterin redet ihr gut zu. Ich wei die Klientin in erfahrenen Hnden und sehe mich um, was zu meinen feuerwehrlichen Pflichten gehren knnte. Schaulustige zurckdrngen? Wirt und Gste des Etablissements sind offenbar froh, die Angelegenheit losgeworden zu sein. Den Unfallort weitrumig absperren? Ein Unfall liegt nicht vor. Auch droht, wie mir scheint, keine unmittelbare Gefahr fr Leib und Leben vorbeieilender Passanten. Irgendetwas muss ich tun! Die Situation erinnert mich an ein gehssigtes Demonstrantenwort: Ich bin nicht, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform! Die habe ich an. Also rcke ich meine Helm zurck und bitte in Umkehrung der sonstigen Verhltnisse die beiden Polizisten, ein wenig zurckzutreten.

Eine Schwangerschaft oder eine Schlgerei knnen wir ausschlieen. Also bitten wir die Dame, uns zur Diagnostik ins Krankenhaus zu begleiten. Die schreit und Lamentiert "mein Bauch!" Dann, mit pltzlich ruhiger, gefasster Stimme: "Aber mein Freund muss mit!" Zum Schluss ihrer Ausfhrungen der Refrain, mit hohem, sich berschlagendem Sopran: "Mein Bauch!"

Nun gut. Der Freund soll mit. Dieser versucht sich zu erheben, wankt gefhrlich, rudert mit den Armen und strzt, bevor wir ihm unten dieselben greifen knnen, quer zwischen Tisch und Stuhl. Leider hat er sich dabei die Stirn aufgeschlagen, so dass wir es jetzt mit zwei verletzten Personen zu tun haben. Ingo behlt den berblick. Er rennt hinter dem Polizeiwagen her, der sich schon auf die gegenberliegende Fahrbahn entfernt hat. Die Polizisten sind nicht dumm und lehnen eine Befrderung des besuselten Herrn ab. Die Feuerwehr muss also dran glauben. Wir schnallen die Delinquenten auf die beiden Sitze, und ab geht die Post. Whrend der intensiven Personenbefragung stellt sich heraus, dass wir es mit alten Bekannten zu tun haben, die sich hufig und gern ins Krankenhaus fahren lassen. Am Ziel angelangt, organisieren wir einen zweiten Krankentransportstuhl. Der diensthabende Arzt macht ein gelangweiltes Gesicht und bergibt unsere Patientin einer Kollegin, womit fr uns der Fall abgeschlossen ist. Der besuselte Mann wird auf eine Bank gesetzt, versucht noch, seiner Bekannten nachzueilen, die ihm Abschiedsblicke zuwirft.

Mein erster Alarm ist vorbei, nichts besonders Aufregendes, Gefhrliches oder gar Heldenhaftes. Die Kollegen wollen dem nachhelfen und plaudern angeregt aus ihrem Erfahrungsschatz, um mir die Vielfalt ihrer Aufgaben zu verdeutlichen. Ein Freund, seines Zeichens frisch eingestellter Feuerwehrmann, so erzhlt Ingo behaglich, habe den Auftrag bekommen, des Nachts eine Wohnungstr aufzubrechen, whrend ein Kamerad versuchte, von aussen mit Hilfe einer Leiter in ein Zimmer zu gelangen. Mit dem Handscheinwerfer leuchtete er in alle Rume, niemand war aufzufinden. Beim letzten, dem Schlafzimmer, drckte er vorsichtig die Tr auf. Die Leuchte vorgestreckt, blickte er in den riesigen Spiegel gegenber. Darin sah er, wie sich die Tr hinter ihm langsam schloss, ein aufgequollenes, verwestes Etwas sich von der Wand lste und auf ihn zu kippen drohte. In diesem Augenblick klirrten die Scheiben, und der Kollege enternte das Zimmer. Sein Freund sei, so schlie Ingo den Bericht grinsend, wie ein gelter Blitz die Leiter hinunter, in den RTW gesprungen und habe sich geweigert, diesen whrend des Einsatzes einmal zu verlassen.

Die Nacht bleibt ruhig. Bevor ich mich am Morgen verabschiede, legt mir ein Feuerwehrmann die Hand auf die Schulter: "Schickt uns doch neulich der Einsatzleiter zu einer Gaststtte. 'Abgetrenntes Glied' hie das Stichwort. War aber nur 'ne Currywurst."

Fortsetzung folgt.

(1) Die - hier leicht gekrzte - Reportage wurde 1988 geschrieben. Sie erschien in meinem Buch Unter Mnnern, 1998 bei Rowohlt. Sie wurde 1995 als Fortsetzungsgeschichte nachgedruckt in "B 112", dem Magazin der Feuerwehr Berlin/Brandenburg.

28.09.2003
BurkS

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