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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
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Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 09.09.2003, 23:01 Antworten mit ZitatNach oben

Luzifer verschwor sich mit anderen Engeln gegen Gott. Das ist eine Theorie, die Verehrer höherer Wesen der christlichen Version glauben - eine Verschwörungstheorie. Die Illuminaten, "die Erleuchteten", die ihren Namen von Luzifer haben, gelten heute als die Verschwörer an sich. Wer behauptet, es gebe sie , ist ein Verschwörungstheoretiker. Wer es bestreitet, auch. Das Internet wimmelt von Illuminaten. Es gibt kein Medium, das Gerüchte, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien schneller und effizienter verbreitet als die Mutter aller Netze. Nicht sorgsam recherchierte Informationen machen auf sich aufmerksam, sondern das Exotische, das schnell zum Kult wird.

Wer nie eine Chance hatte, der Öffentlichkeit zu erklären, wie die Welt in Wahrheit ist, wer sie wirklich reagiert und welche geheimen Mächte die Strippen ziehen, der ist im Internet richtig. Das Netz aller Netze ist der grosse Gleichmacher von Gurus, Endzeitpropheten, Wirrköpfen und ernsthaften Zweiflern. Das Medium zersplittert komplizierte Weltsichten in einzelne Fragmente, die sich jeder neu zusammensetzen kann. Gleichzeitig bestätigt das Internet die bekannte erkenntnistheoretische Tatsache, dass jeder nur das wahrnimmt, was das eigene Weltbild bestätigt.

Die Verschwörungstheorie ist der Schatten, den das Licht der Medienkompetenz wift. Wer an allem zweifelt, nicht auf Anhieb glaubt, sondern erst recherchieren will, steht zwar unter dem religiösen Verdikt des "ungläubigen Thomas", der die Auferstehung Christi anzweifelt, ist aber der Prototyp des Journalisten. Der biblische Thomas hatte damals (vermutlich) Recht. Das Internet macht jedoch jeden zu einem Thomas: Jeder ist befugt, sich das Herrschaftswissen der Obrigkeit anzueignen. Wissen ist Macht, und eine Verschwörungstheorie will die Macht.

Eine Verschwörungstheorie enthält immer einen Dreisatz: wir wissen zu wenig. Andere wissen um so mehr. Wir haben eine Methode gefunden, denen ihr Wissen zu entreissen. Eine Verschwörung will die Herrschaft an sich reissen, das Wissen um die geplante Aktion aber nicht verraten. Die Mörder Cäsars verschworen sich, die Attentäter auf Hitler, auch die Terroristen der "Roten Armee Fraktion" waren Verschwörer.

Erst das Internet als weltumspannende Bibliothek allen Wissens bringt Verschwörungsthoretiker richtig in Schwung. Je nach politischer Couleur und intellektuellem Anspruch werden auch alte Theorien wieder aufgewärmt und neu verbreitet. Das World Wide Web verbreitet eine der berüchtigsten Verschwörungstheorien des letzten Jahrhundert, die "Protokolle der Weisen aus Zion", digital in jedes Wohnzimmer.

Die These, "hinter" historischen Ereignissen - wie dem Mord an John F. Kennedy oder dem Terroranschlag des 11. September - stünde mehr als das, was der mediale Mainstream verkündet, beruht auf eine komplexen Theorie, wie die Gesellschaft funktioniere: Sie setzt voraus, dass es möglich sei, Wissen zurückzuhalten und falsches Wissen zu imitieren. Der Aufschwung der Verschwörungstheorien durch das Internet enthält einen immanenten Widerspruch: Jetzt erst, durch das Internet, könne man alles erfahren, aber gleichzeitig ist dieses Wissen nur einem kleinen Kreis esoterisch Eingeweihter bekannt. Sobald alles an etwas glauben, verliert die Verschwörungstheorie ihren Sinn und ihre Attraktivität. In Wahrheit hoffen die Verschwörungstheoretiker, mit ihren vermeintlichen Herrschaftswissen unter sich zu bleiben. Der missionarische Mitteilungsdrang, der zu einer Verschwörungstheorie gehört, bettelt die Öffentlichkeit an, wieder in den Mainstream des Diskurses aufgenommen zu werden. Verschwörungstheorien sind immer "sektiererisch": sie beginnen in reformerischer Absicht und behaupten nach ihrem Scheitern, die anderen seien unbelehrbar.

Hinter dem Vorwurf, andere hätten sich verschworen, steckt immer der Generalverdacht der Magie: Der Schwur ist ein gruppendynamisches Ritual. Er verpflichtet die Beteiligten, ihr geheimes Wissen nicht zu verraten. Der Verdacht, die Mächtigen andere gäben ihr Wissen nicht preis und man müsse es ihnen entreissen, stellt soziale Hierarchien in Frage. Das ist eine gute Nachricht. Das Internet ebnet das Gefälle zwischen Medien und Rezipienten ein. Die Nachricht an sich wird wertlos, weil niemand sie für sich allein reklamieren kann. Wenn sich eine Meldung in Echtzeit verbreitet, wie durch das Internet garantiert, verschafft nur ihre Interpration neues Herrschaftswissen.

Das Internet läutet das Zeitalter der Verschwörungstheorie ein: Wo Wissen Macht bedeutet, verspricht die Theorie, es gäbe mehr Wissen als gemeinhin angenommen, den sozialen Aufstieg in Echtzeit, aber nur als Simulation, in der virtuellen Welt. Die Verschwörungstheorie, hinter dem 11. September stecke nicht Al Kaida, sondern George Bush oder die üblichen Verdächtigen, die dritte Generation der RAF sei eine Erfindung "interessierter Kreise" und der Berliner Hacker "Tron" sei umgebracht worden, verschafft denen, die diese Theorien verbreiten, innerhalb ihrer sozialen peer group ein Prestige. Und jeder kann sich eine eigene Schar von Goupies schaffen. Nur darum geht es.

Niemand ist davor gefeit. Die Verschwörungstheorie hat einen kathartischen Effekt, sie entlastet, löst erkenntnistheoretische Widersprüche, perpetuiert den Konjunktiv: alles könnte anders gewesen sein. Es soll anders gewesen sein. Das vermutete geheime Wissen fordert den Intellekt heraus: Alles ist möglich. Die Verschwörungstheorie übt rationales Denken, wie das Spiel der Kinder Fähigkeiten unbewusst trainiert, die sie als Erwachsene benötigen. Nnatürlich hat jede Verschwörungstheorie einen wahren Kern. Sie muss, um überhaupt jemanden zu interessieren, an reale Erfahrungen anknüpfen. Die da oben lügen eigentlich immer. Das weiß jeder, der die zynischen Tipps eines Machiavelli an den Herrscher gelesen hat. Geheimdienste lügen per definitionem, sonst wären sie weder geheim noch dienten sie ihren Auftraggebern, indem sie denen Herrschaftswissen zuliefern. Der "Geheimdienst" gehört zur Verschwörungstheorie wie die Lüge zur Wahrheit. Verschwörungshteoretiker kokettieren mit der rebellischen Attidude: sie greifen nicht die realen Verhältnisse an, sondern deren Interpretation. Wie der Revoluzzer verspricht die Verschwörungstheorie denen, die noch im selbst verschuldeten Status der Unmündigkeit verharren, die Angst vor der Empörung zunehmen. Wir sind viele - und wir werden immer mehr.

Jeder Verschwörungstheorie widerlegt sich selbst. Wenn alles möglich sein kann, könnte auch Matthias Bröckers, der Doyen der deutschen Verschwörungstheoretiker, den 11. September betreffend, im Sold des Vatikans stehen. Wenn alles möglich ist, hilft nur noch beten. Und das zu fördern, könnte im Interesse des Papstes sein. Dem wahren Zweifler sagte jedoch schon Sokrates: "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Wer diese Weisheit beherzigt, ist auch im buddhistischen Sinn erleuchtet. Wir sind alle Illuminaten.

10.09.2003
© BurkS

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