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 Betr.: Traumfrau Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 02.09.2003, 23:01 Antworten mit ZitatNach oben

Betr.: Traumfrau

was glaubst du, schne, wen du hier in ein gesprch gezogen hast! gut, wir waren auf derselben demo, vor zehn jahren. kann ich nicht von jeder frau sagen, die ich durch die gegend kutschiere. was ich ausser taxi fahren sonst so mache? ogottogott. erinnert mich an wg-einstellungsgesprche. politische arbeit. schreiben.

sie lsst sich zurckfallen. hihihi.

gleichfalls. du solltst dich nicht so vorlehnen. dein gesicht interessiert mich. du siehst wach und neugierig aus, du lenkst mich ab. na ja, eigentlich wollte ich lehrer werden, habe ich abgebrochen. kein beruf fr mich, kinder zu verarschen. jetzt fahre ich taxi, nur nachtschichten. wie jetzt.

was glaubst du, was ich mache?

wei sie, was ich denke? ich denke gar nichts. ich fahre in richtung wittenbergplatz. wtendes hupen. vorfahrt geschnitten. angst vor berliner taxen, du dorftrottel? vergiss es. sonst denke ich nichts.

normalerweise sehe ich nicht so aus. das schwarze abendkleid hab' ich mir von meiner mutter geliehen. ich war auf einer beerdigung und habe da meinen ersten freund getroffen. hat mir spa gemacht, von alten zeiten zu plaudern. ich bin nicht besoffen, auch wenn du das vielleicht glaubst. ich bin nur guter laune.

...keine ahnung. was machst du denn so? schwachsinnsfrage. muss ich anders formulieren. sie wird ernst, schaut mich von der seite an. zieht die schultern hoch, presst die lippen aufeinander. ihre mundwinkel zeigen nach unten. sie macht den mund wieder auf. die ampel ist rot. ich muss sie ansehen. deine lippen sehen wie erdbeeren aus, denke ich.

...ach weit du, promotion, gewerkschaft, theater...

...ach so. theater. deshalb. deine krpersprache knnte mich bei anderer gelegenheit aus den socken kippen lassen. der gedanke setzt sich direkt in bewegung um. toll. neben dir komme ich mir vor, als htte ich einen besen verschluckt. verspannter nacken. kreuzschmerzen. ich spr meinen arm kaum noch. kribbeln im linken fu. er hat nichts zu tun. mercedes automatik.

sag mal, wo fhrst du eigentlich hin?

verdammte scheisse. urania. vllig falsch. umweg. mindestens 80 pfennig mehr. kannst du dir meinetwegen was drauf einbilden. ich fahre schon sieben jahre. ich bin ein alter hase. selbst mit staaken, frohnau und lichtenrade kannst du mich nicht erschrecken. nrdlinger strasse im bayerischen viertel? mach' ich doch mit verbundenen augen.

ich glaube, du hast den schalk im nacken. amsierst dich ber mich. na gut. du hast mich ein bisschen verwirrt. kommt mal vor. du rgerst dich hoffentlich nicht allzu sehr ber den umweg.

macht nichts, dann zahle ich eben ein bisschen weniger. ich kenne mich hier aus, weit du. bin hier geboren und aufgewachsen. meinen ersten kuss habe ich auf dem spielplatz in der berchtesgadener strasse gekriegt. kennst du die wenigstens?

...ist die nicht?

Sie lacht wieder. gleich drcke ich auf die hupe. nur so. das ist keine anmache. das ist theater. ihr scheint es spa zu machen. okay. mir macht es auch spa, obwohl ich der dumme bin.

schade. nrdlinger strasse. bremsen. innenbeleuchtung , taxameter, gang raus, portemonnaie aus der seitentasche. wir quatschen ber politik. sie sagt, sie sei realo. um mich zu rgern? sie schtzt mich richtig ein. ich rgere mich.

ich drehe meinen oberkrper halb zu ihr hin. sie lehnt entspannt zurck. ihre augen funkeln. warum steigt sie nicht aus? soll ich? ich muss doch den rubel rollen lassen. habe meinen dispo schon berzogen. die bank schreibt mir drohbriefe. noch vier stunden nachtschicht. nachttarif, achtzig mark mehr. verflixt. ich hre mich sagen: und was machen wir jetzt?

ich bin noch nicht richtig mde. lass' uns doch einen ein zusammen trinken. hier um die ecke ist 'ne nette kneipe, da geh' ich immer hin. wenn du willst.

Ich will. ja. aber mehr als einen kann ich nicht trinken. ich muss noch weiterfahren.

das kannst du ja wohl selbst entscheiden. ich muss auch sptestens in einer halben stunde ins bett.

wir sitzen uns gegenber. reden miteinander. das ist kein smalltalk. es ist, als wenn wir uns schon lange kennen wrden. wir geben uns wechselseitig stichworte. fhren den satz des anderen zu ende. lachen ber die gleichen dinge. veralbern uns. direkt, keine ausflchte, keine spielchen. sie bringt mich gut drauf. ich werde wach und munter. sie fnde mich sympathisch, sagt sie. sie knne sich gut mit mir unterhalten. ihre augen sagen: mehr nicht, taxifahrer. okay.

der wein ist alle. das gesprch stockt mitten im satz. wir schauen uns weiter unentwegt an. schweigen. ich fasse ihre hand an, sie hlt meine hand, viele sekunden.

zu mir knnen wir nicht gehen, dass will ich nicht, weil...ich erkenne meine stimme nicht, als htte ich zwei tage nichts getrunken.

ich kann es mir denken. zu mir knnen wir auch nicht. ich wohne nicht hier, bin zu gast bei meiner mutter. aber ich wrde mitgehen.

vorbei. unsere augen lassen nicht los. ihr flugzeug ginge morgen frh um elf, sagt sie. bin ich hier im film? schau' mir in die augen, kleines? von wegen kleines. ich hre mein herz lopfen, ich bin hilflos. wir kennen uns eine stunde. ich knnte mich aus dem stand verlieben. aber keine chance.

lass' uns noch ein wenig spazierengehen, einmal um den block. dann muss ich aber wirklich nach hause. meine mutter wartet bestimmt schon mehrere stunden. ich sehe sie nur zwei mal im jahr. ich habe versprochen, noch ein bisschen zu quatschen mit ihr.

alles klar. zahlen. ein paar gste schauen hinter uns her. wir legen die arme umeinander. gehen wortlos nebeneinander her. die strasse ist wie ausgestorben. nur wenige fenster sind erleuchtet. ganz fern hren wir den nchtlichen verkehr brausen. auch der mond ist kalt. er sieht nicht so aus, als wenn er die liebenden schtzen wollte. nicht hier im dschungel der grossstadt. hier ist jeder allein und gott gegen alle.

wir bleiben stehen, mitten auf der strasse und kssen uns. lange. ich habe einen klo im hals. es darf nicht wahr sein. gleich werden wir uns verabschieden.

komm', wir setzen uns noch ein paar minuten in das auto. ich friere.

sie sieht mich an, ein wenig fragend. habe ich etwa falsches gesagt? nimmt meine hand, und wir laufen zur taxe, als wenn das gleich ohne uns abfahren wrde. motor an, heizung an. jeden moment wird sie sagen, dass sie jetzt gehen msse.

ich will dich noch mal kssen, aber nicht direkt vor der kneipe. die tr steht auf, und sie glotzen schon hierher. fahr' mal um den block.

es ist totenstill. wir hren unser atmen. zgern. dann klammern wir uns aneinander, streicheln uns. berall. hemd aus. ihr reiverschluss.

was hast du denn fr eine komische hose an? die hat ja gar keine knpfe. zieh sie runter! sagt sie einfach so und kichert. fasst mich an, ksst mich. lacht mich an. ihr kleid will sie nicht ausziehen. das sei zu umstndlich. es ginge auch so.

die scheiben beschlagen. ist auch gut so. wenn jetzt jemand vorbeikme! der fiele glatt in den rinnstein. zum glck gehen die leute hier in der gegend alle frh schlafen. oder sitzen vor der glotze und den sich an.

ich streichele sie, bis sie ihre finger in meine haare krallt. mach' weiter. du machst das gut. nochmal. du auch.

wir schwitzen, knnen nicht genug kriegen, werden immer neugieriger, sind berrascht voneinander, ertasten alles, berhren alles, kssen alles, saugen uns aus. atemlos. endlos.

wahnsinn. es wird hell, sie sitzt auf mir. nimmt meinen kopf in ihre hnde. ich will nicht aufhren. ich habe aber hunger. lass' uns frhstcken fahren.

gegenber trgt jemand zeitungen aus. guckt herber. weg, du bldmann!

frhstck in einer schrgen spelunke am nolli. nutten, zuhlter, nachtschwrmer, berliner mischung. ich habe kaum hunger, bin noch halb erregt. trinke zwei kannen kaffee. sie ist heisshungrig, isst meine schrippen mit. schaut mich an, whrend sie in schinken und kse beisst. die mdigkeit kriecht mir in alle glieder. ringe unter den augen. die beleuchtung schmeichelt uns.

ich mag dich sehr.

ich dich auch.

das ist mir noch nie passiert.

mir auch noch nicht.

draussen ist es jetzt ganz hell. wir kneifen die augen zusammen, halten uns aneinander fest. ich fahre sie zurck. stopp.

wir werden uns wiedersehen. gib mir deine telefonnummer. warte mal...

sie kramt in ihrer tasche, holt ein messer heraus, schneidet sich eine dicke strhne ihres henna-haares ab.

hier. danke. es war schn mit dir.

ich kann nichts sagen. sehe sie an. sie ksst mich auf die stirn und steigt aus. klapp.

ich lasse den motor an. fahre nach hause. allein.

Die Geschichte spielt 1984. Damals arbeitete ich nebenberuflich als Taxifahrer in Berlin. Die Story war eine der ersten Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe. Sie wurde 1986 im HerrMann verffentlicht. Die Frau hiess Simone bzw. heisst heute immer noch so...

03.09.2003
BurkS

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