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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 21.08.2003, 02:14 Antworten mit ZitatNach oben

Hanns-Martin Schleyer - eine deutsche Geschichte

Der Film Lutz Hachmeyers ber den ermordeten Hanns-Martin Schleyer bewies zwei Thesen: eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Phnomen Stadtguerilla alias Terrorismus - vor allem der Roten Armee Fraktion- hat es nicht gegeben und ist bitter ntig. Und: der Streit a posteriori findet in den alten verbalen Schtzengrben der siebziger Jahre statt und wird auch in naher Zukunft zu keinem Ergebis fhren, mit dem irgendjemand leben kann. Die gute Nachricht: Der Autor hielt sich mit Interpretationen zurck, der Zuschauer musste sich sein eigenes Bild machen. Die Fakten waren nicht neu. Fr die jngere Generation eignet sich die filmische Dokumentation jedoch hervorragend, um das Interesse zu wecken. Die schlechte Nachricht: wie alle Medien wird der Film schon vorhandene Meinungen verstrken, sie also nicht ndern.

Ein rationaler Diskurs ist in Deutschland zu diesem Thema nicht denkbar. Schon die affirmative Wortwahl zeigt, wes Geistes Kind man ist und dass es um die Deutungshoheit auch der Gegenwart geht: die einen reden von der Baader-Meinhof-Bande, weil es kein negativeres Wort fr eine Gruppe von Menschen gibt. Wer sich dem verweigert, gilt, wie schon whrend der Massenhysterie(1) in den 70ern mit Sondergesetzen und Diskussionen ber Todesstrafe und Gefangenen-Erschieungen als potentieller Sympathisant der Tter. Als Retourkutsche wre denkbar: Man benenne die Gedenksttte Deutscher Widerstand um in: Kranzabwurfstelle fr eine Bande antisemitischer Reformnazis. Das wre inhaltlich nicht vllig falsch, aber zeigt, worum es bei der Wortwahl zu historischen Fakten in Wahrheit geht.

Wer Schleyer war, welchen Charakter er besa und ob alle Fakten stimmen, die zum Beispiel der Schriftsteller Bernd Engelmann mit Hilfe der Stasi ber Schleyer publiziert hat, ist uninteressant, wenn die RAF bewertet werden soll. Daniel Cohn-Bendit distanzierte sich 1975 in einer Talkshow von dem Mord an Schleyer, aber sagte: "Ekelhaft finde ich, dass seine ganze Vergangenheit einfach nicht dargestellt wird." Als wenn das eine Rolle spielte! Die moralische Diskussion zeigt: der Arbeitergeberprsident wurde geopfert - von allen Beteiligten. Der Mord ist ein Exempel fr die in allen religisen Denksystemen abgelehnte Hybris, die Vermessenheit, sich zum Richter aufzuspielen. Die Bundesregierung opferte Schleyer, weil sie sich anmasste, eine fiktive Staatsrson ber ein Menschenleben zu stellen. Die RAF ermordete den Gefangenen, offenbar, wie Stefan Wisniewski im Film zynisch und "unheimlich konsequent" meint, weil schon so viele gestorben seien - unter anderem die Polizisten Reinhold Brndle, Roland Pieler, Helmut Ulmer und Heinz Marcisz, der Fahrer Schleyers, - und den Ttern keine Begrndung einfiel, ausgerechnet Schleyer am Leben zu lassen. Menschenverachtender kann man kaum argumentieren. Immerhin schrieb Peter-Jrgen Book(3) die einsichtigen Stze: "Die Position der moralisch Besseren und Strkeren, die sich ihrer gerechten Sache sicher sind und noch dazu die Macht in den Hnden halten, konnten wir Schleyer gegenber kaum ber die ersten Tage retten."

Und auch in der Auflsungserklrung der RAF tauchen das politische Motiv der Stadtguerilla, die Machtfrage zu stellen, wieder auf - und die unglaubliche Vermessenheit, ohne Rckhalt in der Bevlkerung durch Terror politisch etwas ndern zu wollen - und dafr ber Leichen zu gehen. Unheimlich klingt auch, was der "Gegner" der RAF sagt, als htte man das Anliegen der Terroristen ernst genommen: der frhere Flick-Chef Eberhard von Brauchitsch sah einem "kriegshnlichen Zustand", und der Spiegel meinte, der "Staat und seine Institutionen" seien an den Rand der Stabilitt gebracht worden. Darber darf getrost gestritten werden.

Ein ist unstrittig: der Mord an Hanns-Martin Schleyer ist nur vor der Folie und dem historischen Hintergrund des Nationalsozialismus zu erklren. Wer den "Tunnelblick" der damaligen Linken miterlebt hat, kann die klammheimliche Freunde (vgl. die Abbildung), die damals auch Menschen empfunden haben, die die RAF abscheulich fanden, verstehen. Die Republik weigerte sich, ber ihre braune Vergangenheit zu reden. Und die, die damals Schleyers Weggefhrten waren, haben gar nichts gelernt: Friedrich Kuhn-Weiss(2) ber die Tatsache, dass die Nazis whrend der deutschen Besetzung Prags, darunter auch der SS-Mann Schleyer, sich die Besitztmer der Juden aneigneten: "Damals standen pltzlich viele Villen leer, erklrt er mit augenzwinkerndem Lcheln. Das war eben so, wegen der Umstnde." ber die Zeit vor 1945 wurde auch in der Familie Schleyer offenbar kaum gesprochen. "Das muss man verstehen", verteidigt Hachmeister die Shne. Nein, muss man nicht, ganz im Gegenteil.

Und deshalb liegt auch der geschtzte Kollege Sven-Felix Kellerhof falsch, wenn er in der Berliner Morgenpost meint, Schleyer htte sich, "wie so viele andere, von der NS-Ideologie mitreissen lassen." Das ist Geschichtskittung, eine Priesterbetrugstheorie und falsch obendrein. Schleyer war berzeugter Tter, kein Mitlufer. Und er hat sich, und nur das ist ein Vorwurf, ffentlich nicht damit auseinandergesetzt. Falsch ist auch, die RAF habe kein politischen Anliegen gehabt. Natrlich hatte sie eins. Kein anderes hatten diejenigen, die im Namen der franzsischen Revolution politische Gegner zu Tausenden hinrichteten. Der Terror kommt immer in einem politischen oder, wie bei den Spiegesellen Osama bin Ladens, in einem religisen Kostm daher. Historische Ereignisse eignen sich aber wenig fr suggestiv gestellte Moralfragen.

Eine RAF-Ausstellung muss also her. Und so kontrovers wie mglich. Nur wenn die gelingt und eine breite Kontroverse auslst, kann die neue Bundesrepublik beweisen, dass sie aus ihrer jngsten Geschichte gelernt hat. Wenn der Satz "Wehret den Anfngen" berhaupt einen Sinn haben soll, dann so, dass Schweigen ber die Vergangenheit nur neues Unheil heraufbeschwrt.

1) Die Quelle, die Rote Hilfe Zeitung, stammt aus dem Jahr 1998, in dem sich die RAF auflste. Zu den Sondergesetzen, die heute noch in Kraft sind, vgl. das taz-Special: "Mit dem Paragraphen 129a wird nicht nur die Mitgliedschaft in einer "terroristischen Vereinigung" unter Strafe gestellt, sondern bereits die "Untersttzung" und "Werbung". In den 80er Jahren wurde der Terrorismus-Begriff zudem immer strker ausgeweitet. Unter dem Eindruck des militanten Widerstandes gegen die Startbahn West in Frankfurt und die geplante Atommll-Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf wurden per Gesetz auch Sabotageakte gegen Verkehrswege und Baumaschinen zu "Terrorismus" erklrt. In den Jahren 1980 bis 1996 wurden gegen mehr als 6.000 Menschen Verfahren nach Paragraph 129a eingeleitet - in fast 80 Prozent der Flle ging es um "Untersttzung" und "Werbung".
2) Nur noch im Google-Cache: [url]de.news.yahoo.com/030708/12/3j2e9.html[/url]
3) ber Books' Buch:
Insider-Bericht
ber die Entfhrung des Hanns-Martin Schleyer, Telepolis 26.01.2003; Rezension im Perlentaucher, amazon.

Die Abbildung stammt von www.koelnnetz.de/private/danke/

[Mythos RAF 1 Das Ende der Zeit ist die Wurzel des Bsen
[Mythos RAF 2 Bettina Rhl: Geheuchelt und gemeuchelt


21.08.2003
BurkS

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