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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
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Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 08.08.2003, 23:04 Antworten mit ZitatNach oben

Cy kein Borg
Die kulturindustrielle Konstruktion des technischen Subjekts in "Star Trek".

Es gibt sicher noch viel mehr heimliche als bekennende Trekkies. Und so prgte die Serie Star Trek (Raumschiff Enterprise) seit ihrem Start 1966 das Zukunftsbild mehrerer Generationen. Inzwischen sind fnf TV-Serien (zhlt man die Zeichentrickserie mit, sind es sechs) und zehn Kinofilme gedreht worden.

Star Trek ist die Zukunftsvision der amerikanischen Kulturindustrie. In dem soeben erschienenen Buch GeBorgte Identitt unternimmt Andrea zur Nieden den Versuch, diese Serie dem deutschen Publikum genauer zu erklren. Selbst wenn man alle Folgen kennt, bringt zur Niedens spannend geschriebener Essay noch interessante Einsichten.

Wie der Untertitel verrt, geht es in erster Linie um die kulturindustrielle Konstruktion des technischen Subjekts. Star Trek ist Science Fiction und das heit, dass es um das Leben in hoch artifiziellen Umwelten geht. Die Angehrigen der Zukunftsgesellschaft der Fderation leben in einer sozialen Wirklichkeit, die durch und durch technisch determiniert ist. Kommunikation, Selbstverhltnisse und Naturbeziehungen erscheinen fast vollstndig technisiert. Natrlich folgt diese Darstellung nur den Technisierungstendenzen der gegenwrtigen Gesellschaft. Umso interessanter ist es zu verstehen, wie sich Subjektivitt unter diesen Bedingungen herausbildet und festigt.

Zur Nieden konstatiert eine tief sitzende Ambivalenz des Subjekts im Angesicht neuer Technologien, insbesondere neuer Krpertechnologien. Am Horizont der Moderne sieht man "den Menschen" verschwinden "wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand" (Foucault). Was an diesem Horizont sichtbar wird, ist das Cyborgkollektiv. In der Star Trek-Serie sind das die Borg, ein durch und durch vernetztes Geisteskollektiv, dessen individuelle Krper keine in sich geschlossenen Monaden mehr sind, sondern bloe Organe eines unablssig murmelnden Diskurses. Die Borg sind Mischwesen aus knstlichen und organischen Teilen. Sie sprechen nicht miteinander, sondern sie sind unmittelbar ans Kollektivbewusstsein angeschlossen. Dieses Bewusstsein materialisiert sich wiederum in einer Knigin, der Borg-Queen, die man sich aber nicht als Herrscherin vorzustellen hat, sondern als "reine Verkrperung des kollektiven Denkens".

Die Borg fungieren in der Fiktion als Antipoden des modernen Subjekts. Sie sind einerseits das Bild, von dem man sich zwecks individueller Subjektivierung angsterfllt absetzt. Andererseits reprsentieren sie genau die Mglichkeit der Hightech-Gesellschaft. "Diese Ambivalenz verweist auf die grundlegende Paradoxie des Subjekts, dass es einerseits nur bestehen kann, wenn es bestndig 'fortschreitet', was auch die eigene technische Aufrstung, also Cyborgisierung beinhaltet, es andererseits gerade deswegen stndig in der Angst lebt, als arbeitendes und Rechtssubjekt schlielich berflssig zu werden. Diese Angst vor der eigenen berflssigkeit wird nun an den Borg abgearbeitet."
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Der Krieg der Fderation gegen das weiblich konnotierte Borgkollektiv ist also als Metapher der Wiederaufrichtung mnnlicher Subjektivitt unter den Bedingungen der artifiziellen Gesellschaft zu lesen. Das Menschenbild von Star Trek, das zur Nieden in Anlehnung an Gerburg Treusch-Dieter herausarbeitet, gibt nicht nur aufgrund des in Ambivalenz wurzelnden Abgrenzungszwangs zu denken. Als Alternative zum Cyborgkollektiv entfaltet sich vielmehr eine technoide Barbie-Identitt. Der Krper scheint ganz auf den Text reduziert, der im genetischen Code fixiert ist: Krperlichkeit als Verkrperung einer krperlosen Information. Subjektive Erfahrung, die Einzeichnung des Alters in den Leib (Falten!) und der Zyklus von Geburt und Tod verschwinden aus dem Bild des zuknftigen Menschen. Nach der Star Trek-Ideologie "besteht eine Person im Wesentlichen aus dem genetischen Programm zuzglich der im Laufe des Lebens erworbenen Informationen, die im Gehirn abgespeichert werden". Identitt ist genetisch determiniert, weshalb das Umschreiben der DNS, dass die Borgisierung begleitet, abgelehnt und bekmpft wird. Die Vermittlung zwischen Erfahrung und Leben bleibt dabei aber vllig willkrlich, denn im Prinzip knnten die Informationen des Hirnspeichers auch auf einen holografischen oder androiden Krper bertragen werden. Daher bleiben die Menschen der Star Trek-Welt auch immer jung und fit. Das Leben schreibt sich in den Code des Krpers nicht mehr ein; dieser Krper bleibt eine abwaschbare Oberflche. Die subjektive Identitt der Fderationsindividualisten bestimmt sich somit paradoxerweise selbst wiederum kollektiv. Nur durch die Unterscheidung zwischen Freund und Feind, nur durch die militante Abgrenzung vom Borgkollektiv knnen die Werte der Fderation - Selbstbestimmung und Freiheit - letztlich fixiert werden.

Interessanterweise wird genau diese Leere der Fderationswerte in der Serie thematisiert. Als Captain Janeway in Voyager gewaltsam versucht, die aufgegriffene Borgdrohne Seven of Nine zum Menschentum zu bekehren, wird sie von Seven auf die Paradoxie hingewiesen, dass die Erziehung zur Selbstbestimmung letztlich auf Entmndigung und Disziplinierung aufbaut. Schlielich gelingt es Janeway sich durchzusetzen. Produziert wird eine Barbie-Borg-Sexbombe mit deutlich erkennbarem Gender, aber ohne sexuelles Geschlecht.

Wofr, fragt zur Nieden, brgen die Borg? Als Feindbild tragen sie zur Herausbildung der selbst durch und durch knstlichen Identitt des modernen Menschen bei, wobei sie zugleich auch helfen, diese Knstlichkeit zu verschleiern.

Die Autorin leitet ihren Essay mit einem saftigen Adorno-Zitat zur Kulturindustrie ein. Aber dass sich die Ideologie der Massenkultur den passiven Konsumenten quasi automatisch einpresse und ihnen daher auf unterhaltsame Art und Weise gesellschaftliche Anpassungsleistungen abringt - diese adornitisch-kulturpessimistische Weisheit legt sie vorsichtig zu den Akten. Ganz zu Recht weist sie auf die Rezeptionsforschung der Cultural Studies hin und distanziert sich damit dezent von Horkheimers und Adornos theoretischer Kriegserklrung an die Massenkultur.

Dennoch geht die Autorin grundstzlich davon aus, dass "kulturindustrielle Produkte Ausdruck ideologischen also notwendig falschen Bewusstseins sind". Aber sind die Beschwrungs-
rituale der Ideologiekritik nicht langsam verbraucht? Was soll "notwendig falsch" in einer Kultur noch heien, die sich mit guten Grnden von der Wahrheit und der sthetik abgewendet hat und unhintergehbar pluralistisch geworden ist? Ist es im Rahmen der Globalisierung nicht viel interessanter, kulturelle Formen und Inhalte miteinander zu vergleichen?

Interessant wre es etwa gewesen, die Differenzen zwischen der amerikanischen Star Trek-Saga und ihrem deutschen Gegenstck herauszuarbeiten. Etwas frher als Star Trek kam in der Bundesrepublik die Perry Rhodan-Serie auf den Markt, nmlich 1961. Zwar nicht im TV, sondern im Heftchenformat begleitet diese SF-Serie die Zeitgeschichte ebenfalls seit vier Jahrzehnten. Auch hier geht es u.a. um die Konstitution des technischen Subjekts. Perry Rhodan ist als Trger eines Zellaktivatorchips nicht nur relativ unsterblich, sondern im Prinzip auch ein Cyborg. Aber eine "Barbiesierung" der Subjektivitt kann zumindest bisher nicht festgestellt werden. PR folgt einem klassisch-reflexiven Bildungsmodell. Das zeigt sich schon auf den Titelseiten. Die Zellaktivatortrger werden lter dargestellt, als sie sind. Die Angst vor einer Verwandlung des Menschen in ein Cyborgkollektiv, wie sie fr Star Trek konstitutiv ist, taucht bei Perry Rhodan gar nicht auf. Ein Vergleich enthllt, dass das "notwendig Falsche" in der Weltanschauung der SF-Serie - die Konstitution des Barbie-Subjekts - gar nicht notwendig ist, sondern mehr ber kulturelle Spezifika unter Globalisierungsbedingungen aussagen knnte.

Von Dierk Spreen

Andrea zur Nieden: GeBorgte Identitt. "Star Trek" als kulturindustrielle Selbstversicherung des technisierten Subjekts. Freiburg i. Br. 2003, a ira-Verlag, 161 S., 13,50 Euro

Dieser Artikel erschien am 30.07.2003 in der Jungle World. Abdruck mit freundlicher Erlaubnis des Autors.

09.08.2003
Dierk Spreen/BurkS

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