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 Matt in vier Zgen Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 31.07.2003, 23:10 Antworten mit ZitatNach oben

Morgen beginnt die neue Bundesligasaison. Das ist etwas fr das gemeine Fussvolk. Fr die Elite der Info-Internet-Avantgarde heute das ultimative Sportrtsel am Freitag - zu gewinnen gibt es ein Buch (das sind diese zusammengeklebten Bltter aus Papier mit den vielen Buchstaben drauf). Natrlich geht es um die elitrste Sportart berhaupt, die Mutter der Logik, der Konzentration und des scharfen analytischen Verstandes.

Matt in vier Zgen

Das neue Jahr wird gewhnlich gefeiert. Wie, das hngt von den Umstnden ab. Manche feiern in Nachtlokalen, manche zu Hause vor dem Fernsehapparat. andere beim Tanz, auf der Strae, in der Eisenbahn, im Flugzeug, auf dem Schiff und die grten Optimisten - im Spielkasino. Bald wird man den Jahreswechsel auch in Raumschiffen, auf dem Mond und sogar auf einem anderen Planeten begehen. Manche, aber auch ihre Zahl ist zweifellos gering, verbringen das neue Jahr vor dem Schachbrett, so sehr sind sie dem Reiz dieser faszinierenden Welt verfallen.

Zu diesen wenigen gehrte auch ich einmal. Freilich notgedrungen. Die Details dieser Begebenheit, die sich vor mehr als zwanzig Jahren zutrug, sind mir zwar nicht in Erinnerung geblieben, aber ich wei noch ganz genau, dass alles so gekommen ist, weil ich - wie alle anderen jungen Leute auch - mir nichts so sehr wnschte, als den Beginn des neuen Jahres vergngt zuzubringen, in lrmender, ausgelassener Frhlichkeit. Nicht aber in einer nur vom Ticken der Schachuhr unterbrochener Stille.

Die jhrliche Klubmeisterschaft war schon abgeschlossen. Nur zwischen mir und Rosenberg, einem alten Mitglied, war noch eine Partie anstndig, die aufgeschoben werden musste, weil Rosenberg erkrankt war. Ein Sieg htte mir den dritten Platz gesichert; htte mein Gegner gewonnen, dann wre er nicht Letzter geworden. Die Partie sollte auf Beschluss des Klubs auf jeden Fall noch vor dem Jahresende gespielt werden. Ich setzte mich gegen diesen Formalismus zur Wehr, denn das bedeutete, dass die Partie - mangels anderer Termine - ausgerechnet am 31. Dezember ausgetragen werden sollte.

"Es ist mir unverstndlich, warum man die Partie nicht auch an einem anderen Tag, etwa am 3. Jnner, austragen kann, sondern gerade dann, wenn man andere Dinge vorhat, als Schach zu spielen", sagte ich mit jugendlicher Entrstung zum Prsidenten des Klubs. "Das ist eine beschlossene Sache, junger Mann, Sie und Rosenberg haben schriftlich Ihre Zustimmung erteilt. Abwesenheit wrde unweigerlich disziplinre Manahmen nach sich ziehen. Also entschlieen Sie sich. Die Partie beginnt um 1 Uhr. Sie brauchen aber keine Sorge zu haben, zu Ihrem Rendezvous kommen Sie sicher noch zurecht", meinte der Prsident mit bedeutsamem Augenzwinkern und klopfte mir gutmtig auf die Schulter.

Das Rendezvous beschftigte mich tatschlich sehr. Wenige Tage zuvor hatte mich mein Freund Sasko mit einer Schwarzhaarigen bekannt gemacht, die aussah wie die Blumenverkuferin aus Pygmalion, nachdem sie von Higgins den ersten Schliff erhalten hat. Ich war also "galant" und sagte ihr, dass ich sie "durchstudiert" htte und dass sie wie die schwarze Dame auf a5 in der Cambridge-Springs-Variante ausshe. Sie schenkte mir ein hinreissendes Lcheln, und Sasko erzhlte mir tags darauf, dass sie von mir begeistert sei, weil ich in Cambridge studierte. Wir waren zu einer gemeinsamen Silvesterfeier verabredet - Tanz ohne Ende usw. Und jetzt sollte ich statt dessen mit dem Rosenberg versauern...

Die Partie zog sich hin wie die sieben mageren jahre. Je spter es wurde, desto nervser wurde ich. Wir spielten beide ausserordentlich schlecht. Er langsam, ich schnell. Gegen 20 Uhr verlieen uns auch die letzten, enthusiastischesten Zuschauer. die Zahl der leeren Cognacglser vermehrte sich auf meiner Seite des Brettes im Verhltnis zu den geschlagenen Figuren "Onkel" Rosenbergs. Er lie sich davon nicht beirren. Kaltbltig und lang dachte er nach, zu lange fr mich, wahrscheinlich mehr darber, wie wir Mitternacht beim Schachbrett erleben wrden als ber bessere Zge. Bei mir war es genau umgekehrt - ich dachte darber nach, wie ich so rasch wie mglich und auf jeden Fall noch vor Mitternacht in den "Weien Ochsen" verduften knnte, wo jetzt die "schwarze Dame" sa und meiner wartete. Was Wunder, wenn ich allerhand unberlegte Zge machte. Ich war auf die Leitung des Klubs bse, auf Rosenberg und auf mich selbst, dass ich diese verdammte Partie nicht gewinnen konnte. Die Verzweiflung wollte mich bermannen, als ich von der Kathedrale die Stundenschlge in der verschneiten Winternacht und neben mir das unablssige Ticken der Schachuhr hrte.

In Gedanken war ich im "Weien Ochsen", als ich feststellte, dass ich nur mehr verschwommen sah und meine weissen von den gegnerischen schwarzen Steinen nicht mehr unterscheiden konnte. Ich fasste daher den Entschluss, alles Schwarze vom Schachbrett zu eliminieren, ohne auf eigegen Verluste Rcksicht zu nehmen. Denn sobald nur noch die hchste schwarze Figut brig sein wrde, msste sich Rosenberg geschlagen geben. Doch mir zum Trotz gab es in dieser Partie schwarze Figuren wie rote Ameisen.

Unter grssten Anstrengungen gelang es mir, unter den verschiedenen Zeigern der Uhr den richtigen zu erfassen. Mit Schrecken musste ich feststellen, dass nur noch 15 Minuten bis Mitternacht verblieben, whrend "Onkel" Rosenberg zu seinem 50. Zug ansetzte. Ich versuchte zu berlegen, welche der verschiedenen Mglichkeiten in der folgenden rhapsodischen Position ich whlen sollte, da hrte ich die Stimme meines Gegners: "Ich ergebe mich, junger Mann. Schade, dass das Ende gekommen ist. Aber ich kann nicht verhindern, in vier Zgen mattgesetzt zu werden. Ich gratuliere."

Einige Minuten starrte ich auf das Schachbrett, dann auf meinen Gegner, und dann strzte ich, fast ohne zu gren, die Treppen hinunter zum Taxi und zum "Weien Ochsen". Aber da war es schon zu spt. Das neue Jahr kam vor mir an, verteilte seine Gaben, und meine "schwarze Dame" war im Getmmel verchwunden, wahrscheinlich voller Verachtung fr den "Schler aus Cambridge". Nebenbei bemerkt, ich habe sie nie mehr gesehen.

Als ich am Heimweg niedergeschlagen wie ein begossener Pudel durch die freudig bewegte Menschenmenge schlich, ging mir dieses Matt in vier Zgen nicht aus dem Kopf. Schlielich wnschte ich alles zum Teufel. Ich glaubte, der Alte htte sich das ausgedacht, um die Partie - wenngleich es ohnehin keine Zeugen gab - "stilgerecht" aufgeben zu knnen.

Nach zwei Tagen traf ich "Onkel" Rosenberg im Klub. Ich bat ihn, mir zu erklren, was er in jener Nacht mit dem Matt in vier Zgen gemeint hatte. Er schaute mich berrascht durch seine dicken Brillenglser an und sagte tadelnd: "Junger Mann, Sie setzen mich in Erstaunen. Wren Sie Meister, was aber zum Glck noch nicht der Fall ist, wrde ich verlangen, dass man Ihnen den Titel aberkennt."

Ich errtete. Im Beisein einiger Klubmitglieder wurden die Positionen nach dem 50. Zug der schwarzen Seite wieder aufgestellt, und dann demonstrierte "Onkel" Rosenberg, was er in der Neujahrsnacht gesehen hatte.

Alle waren begeistert. Ich aber ergriff wortlos und etwas beschmt die Hand des alten Schachfreundes. Und irgendwie tat es mir nicht mehr leid um die misslungene Neujahrsfeier.

Wer schrieb diese Geschichte? (Auf dem Foto oben der Dritte von rechts). Und wie geht das Matt in vier Zgen? Wer beide Fragen richtig beantwortet, bekommt ein Buch von mir zugeschickt - welches, ist eine berraschung.

Auflsung hier, das Rtsel stammt vom Internationalen Schachmeister Rudolf Maric.


01.08.2003
BurkS

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