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 [Latinoblog 1: Venezuela 1] Die Mdchen von Coro Nchstes Thema anzeigen
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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 17.05.2003, 23:44 Antworten mit ZitatNach oben

Venezuela 1998-1: Caracas - Coro (Bundesstaat Falcn)

Land! Nicht anders muss sich Kolumbus gefhlt haben. Gieriger Blick aus dem Fenster: Sdamerika, meine zweite Heimat. Wolken huschen ber Inseln, man schaut wie ein Vogel auf die trkisblaue Brandung herab. Immer wenn ich das Meer sehe, muss ich an Marquez denken: Un relato de un naufragio. Es zieht in der Brust. Welcher wehmtiger Schmerz ist das? Das Gefhl, wie ein Tropfen Wasser im Meer zu sein, eine winzige weisse Wolke unter vielen - eine sanfte Brise, und sie lst sich auf in nichts. Das Traurige am wahren Reisen ist: Man kann es mit niemandem teilen, die Gefhle, die Sinneseindrcke nicht wiedergeben. Wie kann man eine Reise nach Sdamerika erzhlen? Vielleicht nur wie Rutger Hauer im Bladerunner: "I've seen things you people wouldn't believe. ...All those moments will be lost in time, like tears in the rain." Ich mag sehr gern fliegen, ich liebe den Augenblick, wenn der Druck beim Start einen in den Sessel presst. Weg, nach oben, ganz weit weg, auch wenn sieben Stunden Flug unrealistisch kurz sind fr die Entfernung, die man tatschlich zurckliegt. Mir kommt in solche Momenten immer Clandestino von Manu Chao in den Sinn:

Me llaman el desaparecido
Que cuando llega ya se ha ido
Volando vengo, volando voy
Deprisa deprisa a rumbo perdido
Cuando me buscan nunca estoy
Cuando me encuentran yo no soy
El que est enfrente porque ya
Me fui corriendo ms all

Yo llevo en el cuerpo un motor
Que nunca deja de rolar
Yo llevo en el alma un camino
Destinado a nunca llegar..

Die Sonne ist schon dunkelrot. Berge an der Kste, vllig kahl. Endlich gelandet. Immer das komische Gefhl: ich knnte den Boden kssen. Vielleicht haben das auch die deutschen Konquistadoren gemacht, deren Spuren ich verfolgen will und die schuld daran sind, dass ich jetzt in Venezuela bin. Allein, mit vielen Bchern ber die Alemanes y los Belzares (Welser) im 16. Jahrhundert im Kopf. Die Hitze lullt mich ein, aber der Geruch! Ich erkenne Sdamerika am Geruch. Den schweren Rcksack auf den Rcken werfen, knarrende Riemen. Auch das hrt sich vertraut an. Der Druck auf den Schultern. Das Gefhl, ganz da zu sein, mit jeder Faser des Krpers. Das ist das wahre Leben - konzentriert und auf den Punkt gebracht.

Ein Collectivo nach Caracas. Meine erste spanischen Worte seit langem. Kurvenreiche Strae, Slums an die Hgel gekrallt. Die Bilder von drauen dringen noch nicht bis in meinen Kopf. Ich bin restlos glcklich. Das bekannte Gewusel. Bei halb geschlossenen Augen kann ich mir vorstellen, gleichzeitig in Bogota, Medellin, Quito, Lima oder in den Barrios von La Paz zu sein. Endstation. Ein paar hundert Meter zu Fuss. Die schon nchtliche Stadt liegt mir zu Fen. (Bild obere Reihe, 4.v.l.) Der Verkehr rauscht um mich herum wie Wasser um einen Stein. Ich lasse den Stadtplan in der Hosentasche. Ich will reden, den Rhythmus des espanol in mich aufsaugen, frage Passanten. Ich muss wohl ein paar Kilometer zu Fuss gehen zum zentralen Busbahnhof. Man rt mir zum Taxi. Aber ich will das Gefhl genieen, allein durch die Nacht zu laufen.

Ein Mann ruft hinter mir her: Senor! Mein Reisefhrer ist mir aus der Hosentasche gefallen. Er hat ihn aufgehoben. Angeblich soll Caracas in der Nacht gefhrlich sein. Ich will es nicht glauben. Vielleicht braucht man einfach Chuzpe, vielleicht riechen das die Straengangs. Ich muss immer wieder an die Straen in den Armenviertel von Bogot denken, deren Blicke, die einen taxieren, ob es sich lohnen knnte....Mir ist in mehr als zwei Jahren auch in den finstersten Gegenden nie etwas passiert, ausser einer Schlgerei mit einem Schwarzen in Georgetown, Guyana - er kriegte meine Kamera nicht zu fassen und ich nicht seine Hoden - bis wir voneinander abliessen...

Am Busbahnhof umringt mich ein Dutzend Mnner, die mir die Ziele ihrer Busse entgegenbrllen. Schn hrt sich das an: Maracaimaracaimaracaiboooooo! Maracaibo, die heie Millionenstadt an der Lagune, die sich zum Golf von Venezeula ffnet, gegrndet 1529 durch Ambrosius Dalfinger aus Ulm. Barquisimeto. Acarigua. Tocuyo. Namen, die ich aus den Briefen des deutschen Konquistadors Philipp von Hutten kenne...Noch klingen sie wie ein Geheimnis.

Es ist schon 22 Uhr und immer noch die Hlle los. Viele Tage habe ich in Busbahnhfen verbracht, in vielen lateinamerikanischen Lndern. Das Leben spielt sich wie unter einem Mikroskop ab, alle Sorten von Menschen werden durchgeschleust. Bahnhfe sind die interessantesten Orte einer Stadt, zusammen mit den Mrkten. Wer die Bahnhfe und die Mrkte kennt, wei, wie man in dem Land fhlt und lebt. Knapp drei Monate spter werde ich mir ein very basic Hotel in einer kleinen nahegelegenen Seitenstrasse nehmen. Durch das verdreckte Fenster kann man die Hochhuser sehen, an deren Fu ich stand, als ich in Caracas ankam. (Reihe links, 2. u. 4. v.o.)

Der Bus fhrt direkt nach Coro. Krachendes TV, daily soap auf venezolanisch, ich brauche nicht lange, um mich daran zu gewhnen und trotzdem zu schlafen. Um kurz nach fnf rttelt mich jemand - wir sind schon da. Eine Brise, irgendwo muss das Meer sein. Mit schweren Fen durch schmale, holprige Straen einer Vorstadt. Ich bin ganz allein. Hunde bellen mich an, ohne mich zu sehen. Ein zartes Blau im Osten. Endlich: die Plaza von Santa Ana de Coro, gegrndet 1527 vom Spanier Juan de Ampis, der sich dazu die Erlaubnis des Kaziken Manaure holte. Die kleine Kathedrale (obere Reihe, 5. v. l.), dem heiligen Franziskus geweiht. Als Georg Hohermuth von Speyer und Philipp von Hutten 1528 auf diesem Platz standen (www.burks.de/conq.html), war sie noch im Bau. Sonnenaufgang. Ich sitze auf einer Bank und versuche mir vorzustellen: 400 deutsche Landsknechte und schsische Bergknappen, die hier, genau an dieser Stelle, damals, vor fast 500 Jahren, aufgebrochen sind nach El Dorado. Ich schaue auf die Uhr. Es ist unfassbar. Von Berlin nach Coro in weniger als 48 Stunden.

Hotel Capri, muy barato o baratissimo, aber ich fhle mich gleich wohl. Es ist alles irgendwie bekannt, ein Patio, ein paar Frauen mit Kindern (obere Reihe, 6. v. l.), die immer dort herumsitzen. Coro ist eine Kleinstadt. Ein winziges Cafe (Reihe links, 3. v.o.), in dem ich nach den ersten spanischen Stzen sehr freundlich gebeten werde, etwas von Almania zu erzhlen. Ich bleibe zwei Stunden. Bald werde ich in den Strassen von Einheimischen freundlich gegrsst.

In den nchsten Tagen gewhne ich mich an die Hitze. Jeden Mittag 40 Grad. Die zona colonial, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gehrt. Netter Plausch mit einer Museums-Fhrerin - bildschn, wie alle Frauen, die in Coro einen "ffentlichen" Job haben, mit schelmischem, aber auch verlegenem Lachen. Natrlich verheiratet. Sie nimmt sich fr mich im Casa de Tesoro den ganzen Nachmittag Zeit, weil ich der einzige "Kunde" bin. Ich erkunde die Umgebung, frage mich durch. Bald kenne ich die lokalen Buslinien, fahre ans Meer, an die Bucht La vela de Coro, in der damals die drei Schiffe des Welser-Konzerns ihre Fracht abgeladen haben. Vielleicht erinnert vela - das Segel - an diese Zeit. Dort ist heute kein Hafen mehr. Die Dnen nordwestlich von Coro (Reihe oben, ganz rechts) - wie im Nordwesten Perus, nur im Westentaschenformat.

Ich schreibe in mein Tagebuch: "Das vertraute Gefhl des Reisens stellt sich sehr schnell ein. Abgesehen davon ist es hier ziemlich teuer, wenn man nicht basic lebt. Allein 10 DM "verschlingt" das Hotel. Mehr als 20 DM inklusive allem will ich vorerst nicht ausgeben. Wer weiss, wie es im Sden des Landes aussieht..." Ein schmieriger Typ spricht mich jeden Tag an, wenn die Leute nach der Siesta zwischen der Plaza und der Calle de Zamora (oberer Reihe, 3.v.l. links, 5.v.o.) flanieren. Will mir eine Frau vermitteln und dafr Provision.

Der Internet-Provider am Plaza de Manaure, wo die modernen Gebude sind und die Schuhputzer auf Kunden warten. Ein junger Bursche, der den Laden allein fhrt. Der einzige Mann in Venezuela mit meiner Frisur. Wir fraternisieren gleich. Er jammert mir vor, dass niemand in Coro versteht, wie wichtig das Internet sei. Ich darf gratis surfen und lese Berliner Zeitungen. Total unwirklich. Es berhrt mich nicht.

Kurz bevor ich in die Berge aufbreche, in die Sierra de San Luis: Kultur am Abend - consejo de la dansa. Der Gouverneur des Bundesstaates Falcn, die herrschende Klasse von Coro. Tanzgruppen aus der Karibik, sogar aus Guyana! Es ist ein komisches Gefhl - wahrscheinlich bin ich der Einzige, der schon einmal in Guyana war - ausser den Guyanern selbst. Ich bin schon wieder restlos glcklich. Die Menge drngt sich in einen Hof, Lachen und Lrmen. Die Band bleibt im Hintergrund, genau wie die ltere, drahtige Frau, die mit knappen und herrischen Hnden die Tnzerinnen auf der Bhne dirigiert (Reihe links, unten.) Niemand knnte jemals mit Worten beschreiben, wie die jungen Frauen tanzen. Wenn es Engel gbe, shen sie so aus wie die Mdchen aus Coro. Sie schweben ber dem Boden, nicht so artifiziell wie eine europische Ballerina, rhythmisch, aber verspielt, nicht zu vergleichen mit dem verkrampften Getue der Boy- and Girlbands bei Viva und MTV. Es ist unirdisch schn. Man sprt pralle Erotik, aber berlagert von einer Unschuld, die rhrend ist. Ich muss die Trnen zurckhalten. Vermutlich habe ich mit offenem Mund dagestanden. Die Mdchen lachen und flirten miteinander, whrend sie umherwirbeln. Ich versuche, die Atmosphre mit dem Fotoapparat irgendwie einzufangen, werde aber sehr traurig, als ich spter die Bilder sehe: zu dunkel und ohne Bewegung. Die Tnzerinnen von Coro: das ist einer der intensivsten Eindrcke, die ich in Venezuela hatte. Das ist Lateinamerika. Es gab viel spter, am Rio Atabapo, eine hnliche Situation, mit ganz anderen Frauen, ein bisschen seltsam oder gar unheimlich, aber davon in einem spteren Latinoblog.

Zum Vergrssern auf die Bilder klicken!
Vgl. auch www.burks.de/venezuel.html - Links zu Venezuela

BurkS


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