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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
Beitrge: 6758
Wohnort: Berlin-Neukoelln

BeitragVerfasst am: 30.04.2003, 23:07 Antworten mit ZitatNach oben

Der 1. Mai ist der Tag der groen Worte und der Charismatiker. "Sicherheit ist relativ: siehe Banktresore vor und nach der Erfindung des Schneidbrenners." Wenn Lichtenberg einen Schneidbrenner gekannt htte, knnte dieser Satz von ihm stammen. Er ist aber von Wau Holland. Sie kennen den nicht? Heissen sie Zlatko? Kennen Sie Shakespeare? Wenn Sie keine Bcher, sondern nur Weblogs lesen, warten Sie auf die morgige Ausgabe. Heute stellen wir Ihnen den Entwurf eines Buches ber Wau Holland vor: "Der Phrasenprfer" von Daniel Kulla. Leseprobe:

Erster Aufzug Chaos
Hamburg 1987

Es hatte sich erst dreiig Jahre lang angebahnt, doch dann war es sehr schnell gegangen.

Das CHAOS hatte sich manifestiert, der Apfel der Zwietracht war gerollt worden - und das durch die bundesdeutsche Gesellschaft, diese piefige Untertanenveranstaltung.

Der Apfel hatte schon Kriege ausgelst, in dem er drei griechische Schnheiten vor die Frage stellte, welche von ihnen die Schnste sei: Kallisti. Der folgende Streit und der Krieg um Troja wurden zu Literatur.
Das ist mit diesem Buch nicht anders, wenngleich es von einem viel unblutigeren Streit handelt. Im Untertanenstaat widmete sich der Apfel nicht "der Schnsten", sondern er stellte die Frage, wem er sich eigentlich widmen sollte. Die Deutschen, vor allem die jungen Deutschen merkten, da sie das nicht wuten und erst einmal unter den schimmligen, braunen Tarndecken nachsehen mten.

So entstand ein Problembewutsein. Eine Art Sozialtherapie nahm ihren Lauf, die Exhumierung des Verdrngten. Der zentrale deutsche Fetisch, den es zu exhumieren galt, war die Sicherheit, die Ursache fr den faulen Frieden vorher, das Bedrfnis, sich in Sicherheit zu wiegen.

Daher war die persnlichste Manifestation des CHAOS der gleichnamige Computer Club, der mit beinahe missionarischem Eifer darauf bestand, da es keine Sicherheit gibt, da sie nichts weiter als einen nette, aber ebenso trgerische Illusion ist und der sich daran machte, Schritt fr Schritt zu beweisen, an wievielen Stellen diese Sicherheit trgerisch war.

There are no guarantees: wir zeigen euch, was alles nicht stimmt und wieviel Sicherheit euch nur vorgegaukelt wird. Das rief den Schutzpatron der Sicherheit, die ORDNUNG, auf den Plan.

Sie nahm das CHAOS erst nur als Phantom in taz-Kolumnen wahr, das war 1981. Zwei Jahre spter materialisierte es sich jedoch allmhlich als Computerstammtisch in Hamburger Kneipen - mit Sicherheit nur Bastler mit Lausbubenstreichen. Die ORDNUNG unterschtzte die Anwesenheit eines Propheten und eines Feuerwehrmanns; sicherheitshalber bastelte sie ein paar Bomben und zeichnete ein Phantombild fr die ffentlichkeit: struppige leichtsinnige Stubenhocker, die fern der Nestwrme deutscher Familien irregeleitet auf dem Weg ins Verbrechen voranschreiten.
Von den Kinderzimmern aus wurde auf die Leichen im Reihenhauskeller recht spektakulr aufmerksam gemacht, Probleme wurden verdeutlicht, exemplarisch vorgefhrt. Den ersten Coup, der es in die Zeitungen schaffte, hatten die Hacker im technologischen Vorzeigeprojekt der Deutschen Post gedreht. Das Btx-System, das "Volksdatennetz der Zukunft", mit dem die staatlichen Kommunikatoren die Verheiung auf unbegrenzte und bunte Verschuldung jedes Fernseh- und Telefonbenutzers verbanden, wurde dazu gebracht, eine auffllige Ausbeulung des Kreditrahmens zu demonstrieren. Keine Schwerkriminellen lieen sich hier 135000 DM gutschreiben, sondern unauffllige Jungs mit Heimcomputern.

Das ging so: Jede Leitseite im Bildschirmtext verfgte nur ber eine bestimmte Menge an belegbaren Zeichen. Wurde ein Overflow produziert, indem alle Zeichen belegt wurden, reagierte das System seltsam. Die Chaoten brachten eine Seite zum berlaufen und bekamen im Gegenzug Zugang zum Account der Hamburger Sparkasse, von dem aus nun ein Wochenende lang automatisiert die kostenpflichtige Spendenseite des CCC zu 9,97 DM abgerufen wurde. Die auflaufende Summe lieen sich die Hacker noch besttigen, wiesen die Zahlung jedoch gleich zurck und zeigten sich am Montag selbst an. So einfach war das damals.

Ein Eingriff in die nicht mal freiwirtschaftliche, sondern hoheitliche Dienstleistungsgesellschaft, nicht gegen IBM oder Microsoft, sondern gegen die Deutsche Post, sozusagen gegen die Central Services aus Terry Gilliams Film "Brazil". Genau wie es dort dem autonomen Heizungsingenieur Harry Tuttle ergeht, der ohne Genehmigung in monopolisierte technische Anlagen eingreift, stand auch der Chaos Computer Club von nun an unter dem "Verdacht der freischaffenden Subversion".

Fr die vielen jungen Deutschen, die sich diesem Projekt der Datenbefreiung verschrieben, hatte das therapeutische Wirkung. Sie lernten die Kraft der Bewutmachung kennen, lauter Deutsche, deren Taten von Spa durchdrungen wurden. Dagegenzuhalten sei das Bild von Spa in Deutschland vorher. Jetzt hatte man Spa daran, Sicherheitslcken aufzudecken oder die katholische Kirche als Betriebssystem "Vatical" zu bescheiben. Man machte Scherze, mitten in Deutschland; der befreiende Witz, der hierzulande als unsittlich gilt, fand ein Zuhause. Des groben Unfugs bezichtigt, beharrte er darauf, "feinen Fug" zu machen. Er hie Wau. Wau Holland.

Und da sa er nun in den Clubrumen in der Schwenckestrae 85, inmitten von taz-Stapeln, Kassetten und Ordnern, eigentlich Herwart Holland-Moritz, im Begriff, schon lange pr mortem zu einer diesseitigen Legende zu werden. Obwohl er das Gesprch um ihn herum rein ideell zu dominieren vermochte, kam eine optische Prgnanz hinzu, die Werner Pieper als "verwegen, ... gerade wie ein Piratenkpt'n" beschrieb. Ungeachtet des Zeitgeistes und der ihn umgegenden unaufflligen Nerds, wehte mit Wau ein bichen von den Sechzigern und sehr viel von der untergrndigen Hlfte der Siebziger herein, komplett mit schwarzem Bart und Latzhose. Er war fnf Jahre lter als die ltesten der anderen, hatte schon vor Urzeiten Elektrotechnik, Informatik und Politik studiert, in linken Buchlden gearbeitet und in einer alternativen Softwarefirma programmiert, die sich dem Kommerz zu verweigern versuchte. Was nicht gelang.

Als die anderen in der Firma bereit waren, einen Auftrag der US-Army anzunehmen, sah sich Wau gezwungen zu gehen und sich nach einem Umfeld umzusehen, in dem er vor der Kommerzialisierung sicher wre. Als er in den frhen Achtzigern in der Berliner taz erst den Chaos Computer Club und dann sein Zentralorgan, die "datenschleuder", herbeischrieb, wurde ihm klar, da er sich seine Kreise schaffen mute - und konnte. Seine Ankndigungen wurden von begeiserten Lesern als real verstanden, die nicht vorhandene Zeitung wollten Hunderte Vorbesteller lesen und einige fanden den Weg zu den informellen Treffen im Hamburger "Schwarzmarkt". Es waren immer mehr geworden, nach dem Sparkassen-Hack war man auf dem Weg zur Institution.

In eine Reihe gestellt mit anderen groen Geistern fllt auf, da Waus Ideenrahmen noch zu seinen aktiven Wirkungszeiten zu einer bekannten Organisation wurde. Doch die Anwesenheit des Urhebers verhinderte nicht, da der Hackerverein schnell an seine Grenzen stie.

Die Clubrume waren an diesem Abend gut besucht, wie meistens gab es ein babylonisches Gewirr verschiedenster Themen in mehreren Gesprchsrunden, obwohl sich das alles auf hchstens 40 Quadratmetern abspielte. Die Runde um Wau verweilte gerade beim Snafu-Prinzip, das allerdings genau wie die anderen Themen keine Chance hatte, nicht alsbald von hchst wsten Assoziationsketten wieder verdrngt zu werden. Mit dem Akronym der beliebten US-Army-Diagnose "Situation normal all fucked-up" hatte Robert Anton Wilson einst beschrieben, wie die Kommunikationsstrukturen in vertikalen Organisationen arbeiten. In der Hackordnung wird von unten nach oben aus Angst positiv ausgefiltert, also gelogen. Je weiter oben sich jemand in der Prestigepyramide befindet, desto verzerrter wird sein Bild von der Welt; wird ihm das klar, kann er es trotzdem kaum abstellen und verfllt der Paranoia.

Daraus schlufolgerte Wilson, da Kommunikation nur unter Gleichen mglich sei, was unter den Hackern zu einem populren Gedanken wurde. "Wir machen das anders", hie es aus der Runde. "Unter Hackern, die sich an den gleichen Systemen im gleichen Mae festgebissen haben, kann es Gleichheit geben."

"Nur die Hacker? Das ist zu eng gedacht", beschied Wau freundlich.
"Wir laden sie alle ein zum Mitmachen", schlug Steffen vor, der direkt neben Wau sa und von allen im Club als aufgeregter Praktiker und aktionistisches Organisationstalent gefrchtet wurde.
Zwischenruf aus der Runde: "Lat uns die Daten befreien!"
Mit einem ketzerischen Augenaufschlag wieder Wau: "Frage: Wem gehren unsere Daten?"

Der Ansatz war einprgsam, radikal und unerfllbar: Alle Information soll frei sein - die Verheiung freien Datenaustauschs inmitten eines globalen Atomkonfliktes in Stand-by-Modus, inmitten einer gespaltenen Gesellschaft, die sich selbst verdaute. Der CCC auf der Seite derer, die nicht im Besitz der Information und der Rechenzeit waren und Anspruch darauf erhoben. Forderungen nach "Umverteilung!" schwangen mit, und die klangen im linksalternativen Milieu Hamburg-Eimsbttels, in dessen Nachbarschaft sich die Hacker zusammenfanden, immer auch ein bichen nach "Enteignung!", zumindest in den Ohren der ORDNUNG.

Wie immer bestrebt, Waus Grundstzlichkeiten in Greifbares umzusetzen, wiederholte Steffen: "Wir laden sie alle ein. Wer sich vernetzt, ist dabei, ganz einfach."
Wau verfiel in einen prophetischen, warnenden Tonfall: "Auch die Herrschenden mssen das lernen. Snafu heit, monopolisierte Information ist selbstzerstrerisch. Vorausschauendes Management: Wenn sie nicht untergehen wollen, mssen sich die Konzerne umbauen."


www.systemausfall.de/index.html - systemausfall.de - Daniel Kulla
[url]datenschleuder.ccc.de/079/phasenpruefer[/url] - Der Phrasenprfer revisited, die datenschleuder
www.wauland.de - Sitiftung Wauland
www.burks.de/artikel/text6.html - der Kosmos-Radiomann, Internet Professionell, April 1997
[url]groups.google.com/groups?hl=en&lr=&ie=UTF-8&q=author:wau%40wau6458.other.thur.de+[/url] - Postings von Wau Holland im Usenet
[url]groups.google.com/groups?hl=en&lr=&ie=UTF-8&q=author:Wau%40my-dejanews.com+[/url] - Postings von Wau Holland im Usenet
[url]groups.google.com/groups?hl=en&lr=&ie=UTF-8&q=author:wau%40ccc.de+[/url] - Postings von Wau Holland im Usenet
www.google.com/search?hl=en&ie=ISO-8859-1&q=%22Wau+Holland%22&btnG=Google+Search - Wau Holland im WWW
http://www.politik-digital.de/koepfe/wholland/ - Nachruf bei politik digital


Mit freundlicher Erlaubnis von Daniel Kulla/BurkS

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