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burks
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Anmeldungsdatum: 07.10.2002
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BeitragVerfasst am: 12.11.2007, 13:17 Antworten mit ZitatNach oben

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KRITISCHE ANMERKUNGEN ZUR HEUSCHRECKEN-METAPHER
"Heuschrecken" sind keine Erklrung
Kritische Anmerkungen [pdf, 90 kb] zur Broschre [pdf, 654 kb] "Finanzkapitalismus - Geldgier in Reinkultur!", herausgegeben von ver.di, Oktober 2007. Von Brbel Illi

1.) Die Broschre erweckt den Eindruck, es gbe ein "nicht so schlimmes" Kapital und ein "geldgieriges" Finanzkapital. Auf Seite 2 heit es zunchst noch richtig: "Kapital einsetzen und mit einem maximalen Profit zurckbekommen - das ist Grundprinzip kapitalistischen Wirtschaftens. Jeder Unternehmer verfhrt so." Doch unmittelbar danach wird diese Erkenntnis zurckgenommen - mit schwerwiegenden Folgen. Nun wird auf einmal "den Unternehmern" in der so genannten Realwirtschaft unterstellt, sie htten "noch einen Bezug zu den arbeitenden Menschen". Whrend sich "der Fondsmanager" von ihnen angeblich dadurch unterscheide, dass fr ihn "arbeitende Menschen, die die Werte schaffen,... nur als abstrakte Kostenfaktoren vor(kommen)".

Nun kriegen wir aber in ver.di, genauso wie die KollegInnen aus den Industriegewerkschaften, in der tagtglichen gewerkschaftlichen Praxis vom "Bezug des Realkapitals zu den arbeitenden Menschen" im Wesentlichen genau das mit, was das Kapital sowieso schon immer ausgemacht hat, nmlich eben "arbeitende Menschen als Kostenfaktoren zu betrachten". Was soll also diese knstliche Gegenberstellung?

Htte man geschrieben: "Kapital einsetzen und mit einem maximalen Profit zurckbekommen - das ist Grundprinzip kapitalistischen Wirtschaftens. Jeder Unternehmer verfhrt so. Hedgefonds und Private-Equity-Fonds sind die gegenwrtig "modernste" Form der Ausprgung dieses kapitalistischen Grundprinzips." - so htte man erstens eine klare und nachvollziehbare Aussage getroffen, sich zweitens die schon rein logische Verwirrung zwischen "schlechten" und "weniger schlechten" Kapitalisten, die aber doch alle irgendwie nach dem maximalen Profit streben, erspart und drittens den allgemeinen Charakter der neuesten finanzkapitalistischen Erscheinungen einigermaen auf den Punkt gebracht.

Das Festhalten an dieser Konstruktion lsst hingegen vermuten, dass hier unterstellt, wird, das Kapital sei "frher", als es noch nicht so viel Finanzkapital gab, irgendwie humaner oder doch wenigstens nicht so inhuman gewesen. Damit wird jedoch ein idealisiertes Bild des fordistischen Nachkriegsbooms zwischen Beginn der 50er und Beginn der 70er Jahre und der "sozialen Marktwirtschaft" (auf die sich dieses Frher im Wesentlichen bezieht) zum Mastab gemacht und dabei bersehen, dass es sich um eine historische Ausnahmesituation gehandelt hat, in der die Realkonomie expandierte wie nie zuvor. Die Hoffnung, man knne diesen historischen Ausnahmezustand mit einer "richtigen Politik" heute wieder herstellen, ist jedoch auf Sand gebaut, was im Folgenden erlutert wird.

2.) Die zentrale These der Broschre und gleichzeitig ihre grundlegendste Fehleinschtzung findet sich auf Seite 21: "Dass die Finanzmrkte heute immer dominanter werden, ist kein Sachzwang, sondern Folge politischer Weichenstellungen." Stimmte diese Analyse, so wre allerdings von einer Verschwrung oder jedenfalls einer rein politisch-ideologisch motivierten Richtungsentscheidung in den Hinterzimmern der Macht auszugehen, die seit ungefhr Mitte der 70er Jahre praktisch auf dem gesamten Globus wirksam wurde - und genau in dieser Perspektive beschreibt die Broschre ja auch fr die Bundesrepublik die Politik der verschiedenen Regierungen seit Helmut Schmidt.

Alle Erklrungsversuche, die davon ausgehen, dass Leute wie F.A. Hayek und Milton Friedman eine marktradikale ("neoliberale") Lehre entwickelten und ihr dann mithilfe von viel Geld, Beziehungen und einer guten Organisation in der ganzen Welt zum Sieg verholfen haben, ignorieren jedoch, dass sich diese Lehre nur auf dem Hintergrund einer tiefen Krise der keynesianistischen Regulation durchsetzen konnte, die sptestens Mitte der 70er Jahre selbst an ihre Grenzen gestoen ist. Denn die Aufblhung der Finanzmrkte ist nicht etwa urschlich durch die Deregulierung in Gang gesetzt worden, sondern war zunchst eine kapitalistisch "ganz normale" Reaktion auf die Krise des Fordismus. Wie in jeder Krise wich das berschssige Kapital, das keine ausreichenden Anlagemglichkeiten mehr in der Realwirtschaft fand, in die Sphre der Spekulation und des Kredits aus. Und wie in jeder Krise war dies zunchst nichts anderes als ein Krisenaufschub. Das heit: die Krise schlug nur teilweise auf Realwirtschaft, Sozialsysteme und Lohnabhngige durch, weil das berschssige Kapital in den Finanzmrkten ein Ventil fand und deshalb nicht entwertet wurde.

Richtig ist, dass die Politik ihren Teil dazu beitrug, dieses Ventil immer weiter zu ffnen. Doch ist sie keinesfalls der Verursacher des ungeheuren Ausweichdrucks (der stndig anwchst, weil immer mehr berschssiges Kapital angehuft wird), sondern hat auf diesen mit einer immer weitergehenden Deregulierung der Finanzmrkte reagiert. Insofern ist die Politik in diesem Fall (und nicht nur in diesem) viel eher Gejagter als Jger. Das heit natrlich nicht, dass jede einzelne der Manahmen, wie sie in der Broschre aufgelistet werden, unvermeidbar war. Auch ist es im einzelnen durchaus richtig, Forderungen nach einer Einschrnkung der Aktivitten etwa von Hedgefonds zu stellen.

Aber darber sollte man eines nicht vergessen: Aufs Ganze gesehen ist die gigantische Finanzblase nicht Ursache, sondern Wirkung der Krise des Fordismus, die eben keine blo vorbergehende Krise war, sondern einen qualitativen Einbruch in der kapitalistischen Geschichte markiert. Denn sie war der Auftakt fr die Entfesselung der mikroelektronischen Produktivkraftrevolution, die immer mehr Menschen in den Kernsektoren der Weltmarktproduktion fr die kapitalistische Verwertung "berflssig" macht und daher marginalisiert und prekarisiert. Hier liegt die strukturelle Triebkraft fr die immer strkere soziale Polarisierung und die Zerstrung der Sozial- und Sicherungssysteme.

Das Finanzkapital beschleunigt zwar diese Prozesse ebenso wie die Globalisierung, ist darin aber nur Teil einer kapitalittischen Gesamtdynamik, die eine immer gewaltigere Zerstrungskraft entwickelt und immer mehr Menschen ins Abseits drngt. Wenn die Broschre das Finanzkapital einseitig zur Ursache dieser Entwicklung erklrt, ist das also auch konomisch falsch.

3.) Mit der mikroelektronischen Produktivkraftrevolution wurde endgltig offenbar, dass sich der Kapitalismus des Nachkriegsbooms auch in den reichen Zentren auf Nimmerwiedersehen verabschiedet hatte: Whrend die Anzahl der produzierten Gter "explodierte", "implodierte" gleichzeitig die Anzahl der fr ihre Produktion notwendigen Arbeitskrfte. Auf der anderen Seite sammelten und sammeln sich die Unternehmensgewinne an. Diese immer greren Geldsummen knnen aber nicht einfach fr Realgter ausgegeben werden. Abgesehen davon, dass das "Realkapital" bzw. dessen Eigentmer gar nicht so viel verarbeiten, vernutzen, verwahren oder "genieen" knnten, wrde das Auftreten solcher Geldmengen auf den Gtermrkten sofort eine gigantische Inflation herbeifhren.

"Immer mehr Geld strmt auf die Finanzmrkte." heit es auf S. 15. Ja wohin soll es denn sonst strmen? Zum einen erwirtschaften die Unternehmen selber ja einen Teil ihrer Gewinne an den Finanzmrkten, es she folglich ohne sie um ihre Investitionsfhigkeit schlecht aus. Zum andern erwirbt das Geld dort Ansprche auf knftige Gewinne, die heute schon gehandelt und sogar schon in der Gegenwart ausgegeben werden. Auerdem werden hier Bankangestellte, Brsenmakler und viele andere Leute beschftigt, die selber als Kufer auftreten und damit vorbergehend die Kaufkraftlcke abmildern. Aktien und andere Papiere werden in Hhen gejubelt, die von keiner realwirtschaftlichen Aktivitt mehr gedeckt sind.

So wird die Weltwirtschaft schon lange nicht mehr durch die reale Produktion, sondern vor allem durch den Finanzberbau am Laufen gehalten. Es ist gerade der viel gescholtene spekulative Sektor mit seinen Finanzblasen, der eine immer unrentabler werdende Sphre der Produktion alimentiert und Geldmengen generiert und in Umlauf hlt, wie es der produktive Bereich nie leisten knnte. Die mit rein spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne sind mittlerweile ein unverzichtbarer Posten im Haushalt von Unternehmen, Staaten und Privatleuten geworden. Die enorme Staatsverschuldung der USA ist letztendlich der "Motor der Weltwirtschaft".

Finanzspekulation lsst sich nicht von den anderen konomischen Vorgngen im Kapitalismus trennen und anschlieend bekmpften. "Finanzmrkte und Realwirtschaft laufen auseinander" heit es an anderer Stelle. Aber wrde man die Spekulationskrcke entfernen, dann wrde die Weltwirtschaft gar nicht mehr funktionieren. Eine isolierte Spekulationskritik geht folglich ins Leere.

Wenn man Kritik an der konomie bt - und die ist nun wirklich dringend geboten - dann muss man das System mit seiner Verwertungs- und Profitlogik als Ganzes im Blick behalten. Leider ist es besonders in Krisenzeiten immer wieder zu beobachten, dass dem Alltagsverstand die Vorgnge im Kapitalismus um so suspekter erscheinen, je weiter sie sich von ihrem eigentlichen Ursprung in der Sphre von Produktion und Arbeit fortbewegen. Whrend die Warenproduktion weitgehend unkritisiert bleibt, gilt das kaufmnnische Kapital schon als leicht verdchtig. Dem Geldkapital wird bereits Verachtung entgegengebracht und sptestens im Falle von Hedge-Fonds und Private- Equity-Fonds bricht der blanke Hass aus. Diese spontane Denkweise des Alltagsverstands luft auf die Trennung zwischen einem bsen "raffenden" und einem guten "schaffenden" Kapital" hinaus - ein Bild, dass die Propaganda der Nazis bekanntlich (mit sehr groem Erfolg!) popularisiert hat.

4.) Eine gngige Argumentation lautet, mit dem Begriff der "Heuschrecke" sei ja nur der strukturelle Vorgang gemeint, wonach die rivate-Equity-Fonds "ber Unternehmen herfallen, sie hufig faktisch ausplndern sowie Arbeitspltze vernichten und sie nach kurzer Zeit wieder verkaufen." Doch auch dieser Vorgang ist alles andere als neu. Dass Kapital dahin fliet, wo der hchste Profit zu erwarten ist, diesen zu realisieren sucht und sich danach "ohne jede Rcksicht auf Verluste" entweder anderen Bettigungsfeldern widmet oder die Ausbeutungsrate am gerade bearbeiteten Objekt noch einmal zu steigern sucht - dies ist dem Kapital immanent. Neu ist lediglich, dass unter den Bedingungen globaler mikroelektronischer Vernetzung immer grere Teile des Kapitals diese ihm innewohnende Tendenz in wesentlich schnellerem Tempo und wesentlich "effektiver" realisieren knnen als zuvor (quasi "gleichzeitige" Prsenz berall auf dem Globus). Auch hier wre es also richtig, darauf zu verweisen, dass der moderne, informationstechnisch enorm aufgerstete und globalisierte Kapitalismus seine Grundtendenz heute nur um so radikaler ausleben kann, anstatt das vermeintlich gute produktive dem schlechtem spekulativen Kapital gegenberzustellen. Kapitalismus war noch nie ohne Spekulation, Zins, Banken und Finanzkapital zu haben. Er ist es heute umso weniger. Auch die Privatisierung des Gewinns und die Vergesellschaftung des Risikos waren im brigen schon immer charakteristisch fr die kapitalistische Wirtschaft. Hedgefonds und Private-Equity-Fonds sind auch insofern nichts wirklich Neues unter der Sonne. Neu ist allein das Ausma der Krisenhaftigkeit und der destruktiven Potenz des modernen Kapitalismus. Angesagt ist folglich keine isolierte Kritik "des Finanzkapitals", sondern eine fundierte Kritik des globalisierten Kapitalismus, der unser aller Lebensgrundlage auf vielfltige Weise immer mehr zerstrt.

5.) Schon der erste Satz des Textes macht eine gefhrliche Verengung der Sichtweise auf das Thema deutlich: "Wir alle haben einen Personalausweis." Das "Wir", von dem da ausgegangen wird, ist ganz offensichtlich das Kollektiv "der Deutschen". Ist es den VerfasserInnen der Broschre wirklich entgangen, dass Millionen Menschen ohne die deutsche Staatsbrgerschaft in Deutschland leben und deswegen vielfltigen Benachteiligungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind, gerade auch in den Betrieben und Verwaltungen? Ist es nicht ureigenste gewerkschaftliche Aufgabe, Solidaritt zwischen Deutschen und Nichtdeutschen zu entwickeln?

Stattdessen behandelt die Broschre das Kollektiv der "Deutschen" und "Deutschland" als positive Bezugsgren: Auf Seite 17 spielen geldgierige Typen an einem einarmigen Banditen mit dem Namen "Finanzplatz Deutschland", der Finanzminister steht unttig dabei und macht sich Illusionen. Die Karikatur wre auch nicht wesentlich besser gewesen, wenn der Bandit "Finanzplatz Industrie" oder "Finanzplatz Realwirtschaft" geheien htte, aber es ist ihr ganz offensichtlich wichtig, mitzuteilen, wie bel eben gerade Deutschland mitgespielt wird. Auf Seite 7 wird geschildert, wie bei Cewe in Oldenburg die bernahme durch einen Hedgefond verhindert wurde. Statt nun zu schlussfolgern, was nahe lge, nmlich dass die Absichten eines Hedgefonds von der Belegschaft oder in diesem Fall wohl eher vom Management durchkreuzt wurden, wird das Resmee gezogen: "Diesmal hat noch Oldenburg gegen New York gewonnen". Das Management eines mittelstndischen Betriebes steht also fr "Oldenburg", das Finanzkapital fr "New York": "wir" werden von
"New York" bedroht, das gute Deutschland muss gegen den Angriff der bsen USA verteidigt werden. Auf Seite 20 wird von der "Unterwanderung des Rheinischen Kapitalismus" geredet, auch dieses Bild unterstreicht, dass es sich um etwas handelt, was "von auen" auf "uns" zukommt und "unseren", offenbar irgendwie "besseren" Kapitalismus beseitigen will. Wenn auf Seite 24 gefordert wird, das Geld solle wieder "verstrkt in die inlndische (wohl verschmt fr: deutsche) Produktion statt auf internationale Finanzmrkte" flieen, wird auch hier der positive Bezug auf das nationale Kollektiv deutlich. Was aber in einer globalisierten Welt berhaupt noch "inlndische" oder "deutsche" Produktion sein soll, kann ja wohl niemand mehr rational erklren.

6.) Auf einen weiteren Aspekt in diesem Zusammenhang, der eine unmissverstndliche Positionierung der Gewerkschaften erfordert - wenn das auch den Rahmen der Debatte um diese Broschre sprengt - mchten wir wenigstens hinweisen: Auf Seite 2 heit es "Deutschland ist Profiteur der Globalisierung, sagt Finanzminister Steinbrck. Das ist nicht ganz richtig, denn Profiteure sind deutsche Unternehmer." Dagegen bleibt festzuhalten, dass auch nicht wenige deutsche Arbeitnehmer Profiteure der Globalisierung sind. Der Umstand, dass Deutschland "Exportweltmeister" ist - und gerade ver.di wird ja zurecht nicht mde, auf diesen Sachverhalt hinzuweisen, wenn es um die Abwehr des Ansinnens geht, wonach die Gewerkschaften im Interesse der Konjunktur Lohnzurckhaltung ben mssten - beschert nicht wenigen Leuten in Deutschland einen Arbeitsplatz und einen im internationalen Mastab gesehen relativ hohen Lebensstandard. Beides wre gefhrdet - und das wei auch die Mehrheit der Bevlkerung wie der Gewerkschaftsmitglieder ziemlich genau - wenn internationale Konkurrenten Deutschland diesen Titel streitig machen wrden. Geht es den Gewerkschaften also um die Verteidigung des Standorts Deutschland oder geht es ihnen um internationale Solidaritt der Lohnabhngigen?

7.) Was heit das alles fr die Gewerkschaften? Mit Sicherheit nicht, sich dem Schicksal ergeben, "weil man ja doch nichts machen kann". Ebenso wenig, dass man auf abstrakte "Revolutionspropaganda" umschalten sollte. Es bleibt uns nichts, als das zu versuchen, was wir sowieso im Wesentlichen noch machen (aber bitte mit grerer Verve, nur das ist wieder ein anders Thema): Notwehrmanahmen gegen die schlimmsten Zumutungen ergreifen, nach Mglichkeit Grenzen setzen und dort, wo es mglich ist, auch Verbesserungen durchsetzen, seien sie auch zeitweilig und brchig. Insofern ist es natrlich prinzipiell richtig, Forderungen an den Staat zu stellen. Wir sollten uns dabei allerdings vor der Illusion hten, es knne wieder einen politisch regulierten Kapitalismus nach dem Vorbild der 50er und 60er Jahre geben. Diese Zeiten sind vorbei. Angesagt ist Gegenwehr unter den Bedingungen eines zunehmend krisenhaften Kapitalismus.

Deswegen ist es fr die Gewerkschaften berlebensnotwendig, ihre tagtgliche konkrete Arbeit mit der Verbreitung einer grundstzlichen Kapitalismuskritik zu verbinden. Eine isolierte Kritik des "Finanzkapitalismus" muss dagegen oberflchlich und falsch bleiben, sie bedient, wenn auch ungewollt, nicht die Kritik, sondern das Ressentiment. Auffallend ist - nebenbei bemerkt - auch der deutliche Kontrast zwischen dem oft genug staatstragend-zurckhaltendem Auftreten der Gewerkschaft in der Praxis und der scheinbar so radikal daherkommenden Polemik gegen das Finanzkapital, die in diesem Lichte besehen geradezu kompensatorischen Charakter annimmt.

8.) Bevor wir auf das - zugegebenermaen schwierige - Thema der notwendigen Vermittlung eingehen, hier noch einige Bemerkungen zu den in der Broschre verwendeten Karikaturen, denn sie zeigen berdeutlich, wie man es auf keinen Fall machen darf:

Der "uns" bedrohende, aggressive Charakter der Heuschrecken ist nbersehbar und gewollt herausgearbeitet. Der verschiedentlich, auch bereits auf dem Titelblatt auftauchende, sich im Unendlichen verlierende Schwarm weckt Assoziationen an das Bild der "anschwellenden Flut", die sich ber "uns" ergiet. Willige Helfershelfer, unschwer erkennbar als Mitglieder der Bundesregierung, rollen dieser bedrohlichen Flut den Roten Teppich aus (Seite 1), eine Szene, die nicht von ungefhr an einen taatsbesuch erinnert: Da drngt etwas Fremdes und Bedrohliches in "unser Land" hinein und einige verrterische Kollaborateure erleichtern ihm sein Vorhaben. Das Bild von der "Flut" wird auf Seite 19 in abgewandelter Form bedient: Ein Tsunami aus Geldbndeln schwappt ber das Land und die ngstlich flchtenden Menschen. Wollte man sich unbedingt fr dieses sowieso fragwrdige Bild entscheiden, um Funktionsmechanismen des
Finanzkapitalismus zu verdeutlichen, htte man es dabei auch bewenden lassen knnen. Aber nein, ganz oben auf der Flutwelle erscheint "natrlich" wieder ein Mensch, der zhnebleckend auf ihr surft, es wird erneut - und ohne Not - personalisiert. Eine weitere Variation findet sich auf Seite 21: Da kommen drei Heuschrecken - davon die eine, um jedes Missverstndnis von vornherein zu verhindern, mit Brille, Anzug und Krawatte - diesmal auch noch von Haien eskortiert bers Meer auf "unser Land" zugerast. Und wieder machen es ihnen verrterische Helfershelfer leicht: sie zerstren den schtzenden Deich, schon ergiet sich die Flut ins Land und die Heuschreckenden richten ihre starren Blicke auf die friedlich vor sich hinqualmende, ehrlich und ahnungslos arbeitende Fabrik.

Das Bild auf Seite 3 macht ebenfalls in aller Offenheit klar, dass die Broschre stndig mit Personifizierungen operiert: Drei gierige Personen, davon zwei als Menschen gezeichnet, die mittlere als Heuschrecke erkenntlich, (wie um klarzumachen, was die andern beiden in Wirklichkeit auch sind), saugen und quetschen Fabriken und Wohngebude aus. Auf Seite 5 fehlen die Heuschrecken schlielich vllig, es sind nur noch grinsende und zhnebleckende Menschen zu sehen, die mit der Weltkugel Roulette spielen und dabei Geldstapel vor sich anhufen. Das Bild bedient ein antisemitisches Stereotyp (dazu mehr im folgenden Absatz): Es beschreibt eine Verschwrung der "Geldgierigen" gegen die ganze Welt. Ist es ein Zufall, dass auf Seite 9, unmittelbar unter der (bereits zum dritten
Mal abgebildeten) Heuschreckenflut zu lesen ist: "Der Blackstone-Grnder Schwarzman hat 2006 ein Einkommen von knapp 300 Millionen Euro kassiert - soviel wie 9 000 Beschftigte mit durchschnittlichem Einkommen in Deutschland."? Selbstverstndlich liegt die Assoziation in der Luft: "Diese Heuschrecke!" Und genau so denkt es sich das Alltagsbewusstsein immer hufiger. Die Karikaturen bedienen durchgngig personalisierendes und biologisierendes Ressentiment.

9.) Was bleibt, ist das Problem der Vermittlung. Natrlich ist die alles andere als einfach, aber gerade deswegen sollten wir nicht den einfachsten Weg gehen und uns unkritisch an problematische Stimmungslagen "dranhngen". Ja, die Heuschreckenmetapher hat sich in der letzten Zeit rasend schnell verbreitet. Aber ist sie deswegen schon gut, mssen wir sie deswegen auch bernehmen? Und vor allem knnen wir nicht davon absehen, wofr ieses Sinnbild steht und welche Assoziationen es weckt. Es gibt eine Geschichte auch in Bezug auf Sinnbilder, die wir immer mitdenken mssen.

Die Heuschreckenmetapher ist in Deutschland sptestens seit Veit Harlans "Jud S" eindeutig antisemitisch besetzt: "Wie die Heuschrecken fallen sie ber uns her!" Dass die Juden Trger der "Geldgier" seien, gehrt zu den bis heute am hartnckigsten verbreiteten antisemitischen Stereotypen. Die Kombination aus beidem bereits auf dem Titelblatt bietet geradezu ideale Andockpunkte fr antisemitische Projektionen.

Wir betonen ausdrcklich, dass wir niemandem der Verantwortlichen irgendwelche Absichten in diese Richtung unterstellen. Das wre in der Sache vllig daneben und obendrein persnlich unfair. Uns geht es um eine teilweise in der Gewerkschaft verbreitete erschreckende Unsensibilitt, ggf. auch Unkenntnis, die dringend berwunden werden sollte.

Selbstredend kann eine Gewerkschaft ihren Aktiven, Mitgliedern und der ffentlichkeit nicht nur den "nackten wissenschaftlichen Diskurs" bieten. Hier sind Kreativitt und Phantasie gefragt. Leichter wird es nicht dadurch, dass wir natrlich in unserer Arbeit vor Ort immer wieder gezwungen sind, bestimmte Personen fr bestimmte Manahmen und Entscheidungen (z.B. den Privatisierungsversuch eines Krankenhauses) verantwortlich zu machen. Denn klar: es sind immer konkrete Menschen, die als kapitalistische Funktionstrger auftreten. Aber grundstzlich wren z.B. Fragen wie diese zu stellen und durchaus auch zu popularisieren: "Machen wir ein Gedankenexperiment. Nehmen wir an, ein Manager wrde nur 3000 Euro im Monat verdienen und nicht mehr. Mglicherweise wrde er sich in einzelnen Fllen anders verhalten. Aber knnte er grundstzlich andere Entscheidungen treffen, als er dies heute tut?" Die Antwort lautet natrlich Nein, denn er muss ja - bei Strafe seines "Untergangs" und desjenigen "seines" Betriebes die Diktate des Marktes exekutieren. Mit solchen Fragen wren wir evtl. auf dem richtigen Weg, nmlich zu vermitteln, dass es sich wirklich um Funktionsmechanismen handelt und dass es letztendlich gilt, eben diese auszuhebeln.

10.) Es ist zugegeben ein schmaler Grat, der da beschritten werden muss. Aber die Grenze muss auf jeden Fall dort gezogen werden, wo Personalisierung Gefahr luft, Ressentiment zu frdern. Die Heuschreckenmetapher berschreitet diese Linie gleich mehrfach.

Dass die meisten Leute (noch) nicht wieder an "Juden" denken, wenn sie von den "Heuschrecken" hren, stimmt. Grund zur Beruhigung gibt das aber nicht. Wir verweisen auf zwei Studien:
a) Friedrich-Ebert-Stiftung: "Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland", 2006. Sie kommt zu dem Schluss, da ca. 15 bis 20% der Deutschen Stzen zustimmen wie diesen: "Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu gro", "Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit blen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen" und "Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentmliches an sich und passen nicht so recht zu uns". Die Autoren konstatieren bei ca. 8 Prozent der Nichtmitglieder und bei ca. 11 Prozent (!) der Mitglieder von Gewerkschaften stabile antisemitische Einstellungen.

b) Die Studie von Fichter/Kreis/Stss/Zeuner im Auftrag der Hans-Bckler-Stiftung "Gewerkschaften und Rechtsextremismus", ebenfalls 2006. Die Autoren konstatieren bei ca. 20 Prozent (!) der Gewerkschaftsmitglieder ein rechtsextremistisches Weltbild. Dass diese Zahlen nicht gesponnen sind, kann jedeR immer wieder aus vielen Alltagsgesprchen heraushren. Es gibt keinerlei Grund, das auf die leichte Schulter zu nehmen.

Aber selbst wenn berhaupt niemand beim Stichwort "Heuschrecken" an "Juden" denken wrde - wovon wie gesagt nicht auszugehen ist - bliebe die Sache hochproblematisch. Denn dieses uerst stammtischkompatible Bild bedient die verbreitete Stimmung, wonach "wir alle" von einigen wenigen Gierigen, die "uns" belgen und betrgen, bers Ohr gehauen werden. Es ist unbersehbar, wie sich diese einfltige und hochgefhrliche "Welterklrung" in immer mehr Kpfen einnistet. Sie gebiert heute schon (wieder!) den Ruf nach dem starken Mann, der endlich "damit aufrumt". Das Heuschreckenbild bedient dieses plumpe Weltbild geradezu ideal.

Dass solche Bilder "spontan" unter den Menschen entstehen, ist schlimm genug, aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn ein Gewerkschaftsapparat diese Bilder bewusst in die Organisation hineintrgt. Die Geister, die wir damit rufen, werden wir nicht mehr los.

Bitte erkennt Eure Verantwortung und lasst es bleiben!

Quelle: Mensch, denk weiter! "Heuschrecken" sind keine Erklrung. Kritische Anmerkungen zur ver.di - Broschre "Finanzkapitalismus - Geldgier in Reinkultur!", erschienen im Oktober 2007. Herausgeber: Finanzkapital AG beim ver.di-Bezirk Stuttgart, November 2007. Kontakt baerbel.illi@verdi.de

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BURKS ONLINE 12.11.2007
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