Mehdorn managt Wowereits Rücktritt

Wowereit verkündet Rücktritt “im Laufe von 2015″ +++ UPDATE: Rücktritt Wowereits wurde “falsch kommuniziert”, neuer Termin: 11. Dezember 2016 +++ UPDATE: Berlin baut für 16 Mio. Euro “Rücktritts-Infotower” auf Tempelhof-Gelände +++ UPDATE: Möglicher Wowereit-Nachfolger nicht brandsicher! Verhandlungen laufen weiter +++ UPDATE: Klaus Wowereit (Bürgermeister) läßt Rücktritt von Hartmut Mehdorn managen +++ UPDATE: Experten schätzen Kosten von Wowereit-Rücktritt inzwischen auf 5,1 Milliarden Euro (Titanic)

Vulgärökonomie

vulgärökonmie

Karl Marx: Das Kapital. Marx erwähnt hier lobend William Petty, den “Vater” der englischen Nationalökonomie.

Wolfgang Münchau in Spiegel online: “Und die Ökonomen sind so hilflos wie noch nie. Schlimmer noch. Jedes Jahr wiederholen sie die alten Fehler. Der Lerneffekt ist gleich null. (…) Die Modelle, welche den Prognosen zugrunde liegen, funktionieren nicht mehr. Aber die Ökonomen wollen das nicht wahrhaben.”

Wo er recht hat, hat er recht. Der Appell, die “Volkswirte” zu feuern, wird wirkungslos verhallen. “Volkswirtschaftslehre” ist eine quasi-religiöse Esoterik, das herrschende kapitalistische System ideologisch zu legitimieren.

Ich schrieb hier am 12.02.2014: “‘Philosophie’ wäre die Frage zu stellen, ob es nachvollziehbare Gesetze der Ökonomie gebe. ‘Metaphysik’ wäre zu behaupten, es gebe keine und ‘der Markt’ sei ein höheres Wesen mit künstlicher Intelligenz. ‘Theologie’ ist Volkswirtschaftslehre. ‘Wissenschaft’ wäre die Methode von Marx und der klassischen bürgerlichen Ökonomie, die immerhin versucht hat, die Gesetze wirtschaftlichen Handelns und deren Voraussetzungen zu verstehen.”

“Volkswirtschaftler” gab es schon zu Marx’ und Ricardos Zeiten. Marx nannte die schlicht “Vulgärökonomen“.

Honks, rachsüchtige Orks und andere Kommentator*&/_innen

körpersprache

Don Alphonso schreibt mit großer Geste an die so genannte “AfD” und die “Sehr geehrte Damen und Herren und strukturelle Analphabetismus-Honks aus den Internetkommentaren”. Lesenswert, weil es dazu passt, auch der Kommentar desselben: “Die sieben Empörer des Todes”: “Sie suchen nach Aufregern, haben den Humor von Erich Honecker und die Debattenkultur des Politbüros: Berufsempörte ruinieren den Netzdiskurs”. Mir gefällt besonders dieser sehr unaufgeregte Satz, den ich mir zu Herzen nehmen werde: “Mein Mobiltelefon ist von 2006 und mobiles Internet ist mir zu teuer, und so bekam ich gar nicht mit, wie mich am Rande ein Shitstorm traf.”

Da wir gerade beim Thema sind. Ich könnte etwas über die Kampagne “Kauft nicht bei Sexisten” schreiben. Tu ich aber nicht. Ich schaue auch auf die IP wie Don Alphonso, und dann kommt Merkwürdiges heraus, wenn ich auch auf den Rest sehe. Das führt dann dazu, dass ich in einer E-Mail folgendes formuliere:
Ich bin im übrigen der Meinung, dass ninatabai.com ein Fake-Account ist und eine “Nina Tabai” nicht existiert, sondern ein Mann ist. Die Frau auf dem Video sagt auch etwa anderes als der Ton.

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden sich vermutlich fragen, warum ich mich auch mit Leuten anlege, die hier vernünftige Kommentare geschrieben habe, die sogar zu dem passen, wass ich politisch meine, und somit meinen Traffic erhöhe. Tut mir leid, ich bin eben so. Ich führe gern Indizienprozesse. Warum denke ich, dass es keine “Nina Tabai” gibt?

Welchen Grund gäbe es für jemanden, die eine Website/ein Blog über “Medien” macht (“Ich schreibe hier über Politik- und Medienbeobachtung, also über das aktuelle politischen Zeitgeschehen”), zu verbergen, wer er/sie ist? Wer würde werben (“Ich habe bisher noch keine Werbung geschaltet. Wenn Du daran Interesse hast”), wenn doch der Betreiber des Blogs noch nicht einmal den realen Namen per Impressum preisgibt? Das passt nicht zusammen.

Received: from mail.zoho.com by mx.zohomail.com
with SMTP id 1408011601847332.51591558116763; Thu, 14 Aug 2014 03:20:01 -0700 (PDT)
Date: Thu, 14 Aug 2014 12:20:01 +0200
From: Nina Tabai

Domain Name: NINATABAI.COM
Registrar WHOIS Server: whois.enom.com
Creation Date: 2014-06-12 10:28:00Z
Domain Status: clientTransferProhibited
Registrant Organization: WHOISGUARD, INC.
Registrant City: PANAMA
ISP: Neue Medien Muennich GmbH, Friedersdorf

Mein Gefühl sagt mir, dass sich eine Frau, die sich so kritisch gibt wie die Texte, nicht so darstellen würde wie auf dem Foto und dem Video. Die Haltung der Dame ist körpersprachlicher “Overkill” und passt nicht zum Inhalt. Man muss nicht gleich die Pheromone bemühen. Anders ausgedrückt: Die Dame präsentiert sich so, wie ein Mann denkt, dass eine attraktive Frau sich präsentieren sollte. (Alles, was ich dazu schreibe, gilt auch für sunflower22a) Das ist wie bei angeblichen “Lesben”-Pornos, die so gedreht sind, dass sie mitnichten Lesben anturnen, sondern Hetero-Männer.

Ich bin immer misstrauisch, wenn jemand aus dem Nichts auftaucht und schon gut schreiben kann und sehr viel weiß – aber in einem Stil, den ich eher Männern zuordnen würde. Nee, Leute, wer in Secondlife so viele weibliche Avatare getroffen hat, die in Wahrheit Männer waren, der glaubt erst mal gar nichts, es sei denn, es gäbe mindestens drei unabhängige Zeugen für das Gegenteil. Wie Don Alphonso schreibt: “Alles ist unerfreulich, aber wie jede milde Darmgrippe überlebbar.” Oder: Es geht doch nichts über ein gepflegtes Feindbild. Wieder ein Leser [sic] weniger.

Potemkin lässt grüssen, reloaded und revisited

Sven Röbel schreibt im aktuellen Spiegel (“Amtlicher Größenwahn”):
Mindestens fünf geheime Informanten hatte der Thüringer Verfassungsschutz im Umfeld des abgetauchten Trios Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos, Beate Zschäpe platziert. Der eine half beim Abschleppen des defekten Fluchtwagens, der andere gab Tipps zum ersten Versteck, ein dritter hielt fließig Telefonkontakt in den Untergrund. Gebracht hat all der Aufwand nichts: Entweder logen die braunen Spitzel gegenüber ihren Agentenführern, oder der Geheimdienst behielt seine Informationen für sich, aus Angst, seine Quellen könnten enttarnt werden. (…) Wer hatte hier eigentlich wen unterwandert – der Staat die Neonazi-Szene oder die Szene den Staat?

In der Leitungsetage des Thüringer Verfassungsschutzes herrschte in den Neunzigerjahren [sic] offenbar eine Mischung aus Dilettantismus, Blindheit und amtlichem Größenwahn. (—) Im Glauben an die irrwitzige Idee, man könne die Rechtsextremisten kontrollieren, indem man ihre Führer zu V-Leuten macht, produzierte der Deisnt mitunder erst die Probleme, die er vonAmts wegen hätte verhindern müssen.

Ich schrieb am 15.03.1997 (also vor 17 Jahren) in der taz:
Der Verfassungsschutz ist mehr als überflüssig. Manchmal schafft er sich die Feinde erst, die er bekämpfen will.(…)

Die Neonazi-Partei “Nationalistische Front” wurde 1983 mit Geldern aufgebaut, die der Verfassungsschutz dem V-Mann Norbert Schnelle zahlte, der sich nur zum Schein hatte anwerben lassen. Ein V-Mann des niedersächsischen Landesamtes, Hans-Dieter Lepzien, baute höchstpersönlich die Bomben, die Neonazis 1977 vor Justizgebäuden plazierten. Der V- Mann Werner Gottwald orderte Maschinenpistolen, Handgranaten und Plastiksprengstoff für die rechte Szene. (…)

Potemkin läßt grüßen.

Und wie stark wären die Nazis ohne die vom Staat finanzierten Spitzel? Das alles sind keine Ausrutscher, es hat System.

Ich schrieb am 15.11.2011:
Der Verfassungsschutz gehört ersatzlos abgeschafft. Das fordert aber keine politische Partei in Deutschland, weil man Behörden, wenn sie mal da sind, nicht mehr abschaffen kann. Ich fordere es und habe gute Gründe dafür. Es ist aber sinnlos, darüber ernsthaft diskutieren zu wollen, weil die Existenz dieser Behörde mit der offiziellen Staats- und Geschichtslehre Deutschlands – der Totalitarismusdoktrin – eng verzahnt ist.

Zur Erinnerung Heise vom 19.08.2014: “Verfassungsschutz soll mehr zur IT-Sicherheit beitragen”.

Was werden wir in 17 Jahren – also im Jahr 2031 – lesen? natürlich: “Der Verfassungsschutz soll mehr Mittel bekommen.”

Silence is the best way

Ich kann nur empfehlen, ab und zu einen Blick in das Foto-Blog von GMB Akash (Bangladesh, hier in der Blogroll) zu werfen. Die Bilder sind einfach atemberaubend.

Sein Rat gilt immer und überall, insbesondere für Touristen aller Art: “Respect the situation. Know about the norms of the place. Learn a few local words to communicate. (…). If you do not understand something sensitive, silence is the best way. Be polite when you are shooting women, young girls or teenagers. Never offer money after taking photographs. This is a very bad practice which creates long-lasting problems later. If you want to give something, give a gift.”

Moderate “Rebellen”

The Independent (UK): “The US has already covertly assisted the Assad government by passing on intelligence about the exact location of jihadi leaders through the BND, the German intelligence service, a source has told The Independent. (…)

The policy of the US, Britain and their allies in the region over the last three years has been to support “moderate” Syrian rebels who are supposed to fight Isis and other jihadists as well as the Assad government in Damascus. (…)

Determined to get rid of President Assad, the Turkish Prime Minister Recep Tayyip Erdogan has kept Turkey’s 550-mile border with Syria open, giving the jihadists, including Isis, a safe haven over the last three years. The Turks are now saying Isis is no longer welcome, but Ankara has not moved seriously to close the border by deploying troops in large numbers.”

Was für ein ekelhaftes Pack.

Nostalgia

kutsche

Unter deutschen Nahost-Experten

Offener Brief deutscher “Nahost-Experten” zur “Gaza-Krise: “Die Hamas bleibt, ungeachtet der Aktivitäten ihres militärischen Flügels, eine populäre politische Partei. Der Dialog mit den politischen Vertretern der Hamas sollte deshalb nicht länger verweigert werden…”

Wen haben wir denn da so? Die Jungle World hat sich dieser Experten mal ausführlich angenommen (schön zu lesen):

Selten wurde das Debakel der deutschen Nahostforschung so kompakt illustriert wie im “Offenen Brief von deutschen Nahost-Experten zur Gaza-Krise”, der seit einigen Tagen kursiert.

Zwar fehlen einige wichtige Namen, doch gehört zu den 94 Erstunterzeichnern die Führungsspitze des Berliner “Zentrum Moderner Orient” (ZMO), das hauptsächlich aus Mitteln des Berliner Senats und der Bundesregierung finanziert wird, um uns den Nahen Osten zu erklären.

Zu den weiteren Unterzeichnern gehören Leiter von Universitätsabteilungen und Hilfsorganisationen, Mitarbeiter der Heinrich-Böll-Stiftung, seriöse Forscher wie Stefan Wild und Helmut Mejcher und hoffnungslose Fälle à la Michael Lüders und Ludwig Watzal.

By the way. Al Jazeera: “Hamas has killed 18 Palestinians suspected of collaborating with Israel, a day after Israel killed three of the group’s top military commanders in an airstrike on a house in southern Gaza Strip, witnesses and a Hamas website said.”

Warum ich die Petition gegen Amazon nicht unterschreibe

Stefan Weidner auf sueddeutsche.de: “Der Deutsche Buchmarkt geht an der eigenen Arroganz zugrunde. Das System Buchmarkt hat seinen Zenit überschritten und den Kontakt zur Außenwelt verloren. Es gibt Gründe, den Wandel zu begrüßen. Warum ich die Petition gegen Amazon nicht unterschreibe.”

Full ack.

Wir müssen diese Bilder und Videos zeigen

Aus aktuellem Anlass poste ich hier eine Beitrag, den ich auf burks.de vor neun Jahren (12.05.2005) geschrieben hatte (leicht gekürzt).

So ist der KriegMan ahnt schon die Schlacht in den Feuilletons voraus. Philosophen, Chefredakteure und andere Sesseltäter werden mit gewichtigen Worten das Für und Wider ausfechten. Darf man eine Enthauptung live zeigen? Aber das interessiert keinen. Man macht es einfach, weil der Clip ohnehin im Internet ist. Die Scheindiskussion um journalistische Ethik in diesem Fall zeigt, dass es um etwas ganz anders geht: Können JournalistInnen noch so tun, als hätten sie die moralische Legitimation, denn sittlich gefährdeten Surfer Fakten vorzuenthalten, die den interessieren?

Der Link zum Video des enthaupteten US-Amerikaner wurde auf der Website al-ansar.biz zuerst veröffentlicht. Bis jetzt haben die deutschen Medien weder den Film vollständig gezeigt noch Links publiziert, wo er downgeloadet werden kann. Die meisten Websites, die in der Vergangenheit Al Qaida-Dokumente im Original publiziert haben, sind zu Zeit nicht zu erreichen (…) Online-Portale in So ist der Kriegden USA jedoch bieten das grausame Exekutions-Video an: www.evote.com warnt aber ausdrücklich davor, den Clip anzusehen. Das Video der Enthauptung Nick Bergs wurde von Aaron Weisburd, dem Direktor der “Internet Haganah” zur Verfügung gestellt. In den letzten Tagen kursierten auch im Usenet Links, unter anderem in den Newsgoups alt.religion.islam, soc.culture.usa, soc.culture.britain und soc.culture.iraq. (…).

Das Online-Video vom Mord an Berg provoziert die Frage, ob man Bilder äusserster Grausamkeit der Öffentlichkeit zumuten kann. Die Medien in Deutschland haben sich entschieden, dass sie es nicht tun. Das ist inkonsequent und verlogen. Der US-Fernsehsender CBS hat schon angekündigt, weitere Fotos von Folter und Misshandlungen von Irakern durch US-Soldaten zu zeigen. Journalisten sind nicht weniger oder mehr sittlich gefährdet als andere Menschen. Wenn sie dokumentarisches Material bekommen, das eventuell die Menschenwürde verletzt, ist es trotzdem ihre Pflicht, die Quellen nicht im So ist der Kriegeigenen “Giftschrank” zu verschließen. Das mediale Nachrichtenmonopol, selbst entscheiden zu können, was der Öffentlichkeit preisgeben wird, hat im Zeitalter des Internet jede Bedeutung verloren. Evote.com schreibt: “People have the right to see it, and it seems wrong for other media outlets to go on and on and on about it and not show it. If it’s that horrific, it’s historical and should be available – not for shock value, but so that people won’t view the issue as just more bad news from Iraq.”

Grausame Bilder von Kriegshandlungen sind seit jeher aus den unterschiedlichsten Motiven publiziert worden. Das Foto eines vietnamesischen Offiziers, der einen Gefangenen erschießt – eines der berühmtesten Kriegsfotos überhaupt – ging um die ganze Welt und war maßgeblich dafür verantwortlich, das sich die öffentliche Meinung in Europa gegen den Krieg wendete. Die “Vietnam Legion Veteran’s Association” hat auf ihrer Website eine Aufnahme aus dem Jahr 1943: der Sergeant Len Siffleet wurde in Neu Guinea von einem Japaner enthauptet. Das Foto diente als propagandistischer Beweis für die Grausamkeit des damaligen Kriegsgegner der USA.
So ist der Krieg

Schon vor 200 Jahren schockierten die Gemälde des spanischen Malers Francisco de Goya die Öffentlichkeit, insbesondere der Zyklus “Los desastres de la guerra” (“Die Schrecken des Krieges”) – über den Krieg der Spanier gegen die Intervention Napoleons. Getöte Menschen mit abgehackten Gliedmaßen hängen auf Bäumen, das gegenseitige Abschlachten wird in jedem Detail gezeigt. Augenzeugen berichteten von Gewalttaten, die den heutigen Folterszenen in nichts nachstanden. Die Bilder Goyas, entstanden zwischen 1810 und 1820, unterscheiden sich in ihrer Wirkung auch nicht von den schrecklichsten Kriegsfilmen, die heute gezeigt werden.

Eins ist unstrittig: je grausamer die Bilder waren, um so mehr bekamen die Recht, die gegen einen Krieg waren. Daraus kann man nur das Fazit ziehen, dass die Medien den Krieg nicht “embedded” zeigen dürfen, sondern ihn so darstellen müssen, wie er wirklich ist. Klaus Theweleit sagt in der Süddeutschen: “Es mag hart klingen, aber mich haben diese Bilder nicht besonders entsetzt. Ich habe solche Szenen im Kopf, etwa aus den KZ’s, aus Splatter- und Pornofilmen. Wir können diese Bilder verdrängen, aber dann geben wir uns jener Illusion hin, die die harmlosen Ausgaben der Tagesschau verbreiten: dass wir in einer halbwegs zivilisierten Welt leben. Aber eine Öffentlichkeit, die immer noch so tut, als hätte sie nicht gewusst, welche Verwüstungen der Krieg anrichtet, ist scheinheilig. Neu ist einzig die Zirkulation im So ist der KriegInternet, in den elektronischen Medien, in Zeitungen. [...] Wenn man sie in einem Kontext nach dem Motto “Oh, wie entsetzlich” sieht, dann bleiben sie belanglos.”

Aber das wird in Deutschland niemand tun – alle warten darauf, dass jemand anfängt. Nur bei Telepolis und natürlich hier sieht man das anders. Vermutlich würden manche Abstimmungen in Parlamenten anders ausgehen, wenn diejenigen, die andere in den Krieg schicken, währenddessen live mitansehen müssen, was auf den Schlachtfeldern der Welt geschieht.

Das Mädchen und der Soldat

mädchen

Illustration (Ausschnitt): Heinz Kruschel: Das Mädchen Ann und der Soldat, Militärverlag Berlin 1964 (Illustrationen von Rudolf Grapentin; auch auf russisch) (Kleine Erzählerreihe Nr. 63)

Nein, ich hatte nicht erwartet, gleich zu Beginn eines Buches, das im Militärverlag der DDR erschienen ist, eine nackte Frau zu sehen, und dazu noch eine so hübsch gezeichnete, die eine Sex-Szene illustriert. Die Heldin ist eine selbstbewusste, politisch denkende und emanzipierte junge Frau, die einen Alt-Nazi zum Vater hat, der ihr verbieten will, einen Soldaten der Nationalen Volksarmee als Freund und Mann zu nehmen, der wiederum sozialistisch bis zur Schablone im Sinne der DDR denkt und meint.

Das hört sich langweilig an, ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, obwohl es irgendwie “trivial” ist. Man hat das Gefühl, ein eingeschlossenes Insekt in einem Bernstein zu betrachten. So etwas wird es nie wieder geben, aber man muss das als Linker kennen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich würde Lehrern das Buch auch für den Deutschunterricht empfehlen. Man kann damit wunderbar die DDR erklären – und die Hoffnungen, die mit ihr verbunden waren. Aber vermutlich würde man heute Probleme mit der Schulaufsicht, den Kollegen und den Eltern bekommen, wenn man derartige Bücher durchnähme. So “frei” sind wir im wiedervereinigten Deutschland.

Nach dem Sex sagt das Mädchen: “Kommt jetzt der übliche Schmus? Ich liebe dich, ach Gott. Laß dir doch was anderes einfallen. Lieben ist eine Erfindung der Alten. Die Insel, der Mond, das Mädchen, was? Und schon steckte der Soldat eine neue Eroberung in die Brusttasche seines Ehrenkleides, pipapo… eine Zigarette könnte ich jetzt rauchen.”

Ganz schon abgebrüht. Solche Dialoge muss man im Jahr 1975, als das Buch in der DDR erschien, in der Literatur der West-BRD erst einmal suchen. (Damals durfte man im Westen noch nicht einmal “BRD” schreiben – das war verboten, es musste “Bundesrepublik” heißen.) Das Buch hat mir eine Freundin geliehen, weil ich als Wessie die Schriftsteller der DDR, die nicht zu den im Westen gefeierten “Kritikern” gehörten, gar nicht kannte und kenne. Als DDR-Schriftsteller wurde man im Westen nicht bekannt, wenn man gut schrieb, sondern wenn man etwas gegen den “Sozialismus” und seine typisch deutschen Risiken und Nebenwirkungen hatte (ausufernde und lähmende Bürokratie, Zensur, “verkirchte” Parteidisziplin, Gewalt gegen Reformenansätze usw.), oder wenn man – wie Stefan Heym und Christa Wolf – in einer eigenen Liga spielte.

Die Volksstimme schrieb am 16.12.2011 zu Heinz Kruschels Tod:
“Er förderte junge Poeten und schreibende Arbeiter, kümmerte sich um Schaffensprobleme und um Wohnungsnöte der Kollegen, setzte sich für sie ein und bezog einen klaren Standpunkt im Verband der Schriftsteller, in den Verlagen und später auch in den Vereinen.”

Ein klarer Standpunkt an sich ist nicht unbedingt etwas Gutes. Jehovas Zeugen haben auch einen klaren Standpunkt. Ich hätte doch zu gern gewusst, um welchen es sich bei Kruschel handelte. Vielleicht wissen ja die wohlwollenden Leser und geneigten Leser aus dem Beitrittsgebiet mehr.

Ich habe meine Wette gewonnen!

Heise meldet: “Beim Bundesamt für Verfassungsschutz sind 55 neue Stellen vorgesehen, um das Internet und kritische Infrastrukturen sicherer zu machen”.

Erinnern sich die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser, was ich am 02.07.2012 schrieb und am 12.06.2014? Also noch einmal:

Fordern CDUCSUSPDFDPDieGrünen, den Verfassungsschutz ersatzlos zu streichen? Nein, das werden sie nie tun. Ich schrieb am 15.11.2011:
Der Verfassungsschutz gehört ersatzlos abgeschafft. Das fordert aber keine politische Partei in Deutschland, weil man Behörden, wenn sie mal da sind, nicht mehr abschaffen kann. Ich fordere es und habe gute Gründe dafür. Es ist aber sinnlos, darüber ernsthaft diskutieren zu wollen, weil die Existenz dieser Behörde mit der offiziellen Staats- und Geschichtslehre Deutschlands – der Totalitarismusdoktrin – eng verzahnt ist.

Wetten wir, dass es den Inlandsgeheimdienst in einem Jahr – oder besser 2017 – genau so wie heute noch geben wird? Ohne dass sich irgendetwas geändert hätte? Jede Wette!

Ceterum censeo (15.03.1997): Der Verfassungsschutz muß abgewickelt werden. Er kann dem Dilemma nicht entrinnen, an dem auch die Quantenphysik sich die Zähne ausbeißt: Das beobachtete Objekt verändert sich durch den Akt des Beobachtens. Oder mit Hegel: Alles, was ist, ist wert, dass es zugrunde geht.

Im Sinne der Märkte

Fjodor Lukjanow, Chefredakteur der Zeitschrift “Russia in Global Affairs“, laut Spiegel online:

Die westliche Politik gegenüber Russland ist völlig gescheitert. (…) In den ersten Jahren war Putin noch offen für eine Integration mit dem Westen. Aber nach dem Vertrauen gegenüber den USA ist in den letzten Jahren auch sein Vertrauen gegenüber Europa geschwunden. Die Interventionen des Westens, von Afghanistan über den Irak bis Libyen sind in seinen Augen zynisch oder verrückt. Die Ukraine war für ihn offenbar die letzte Bestätigung.

Full ack, bis auf eines: Die “westliche” Politik von Afghanistan über den Irak bis Libyen, Syrien und der Ukraine war im Sinne “der Märkte”. Das kann man “zynisch oder verrückt” nennen, es ist aber im Kapitalismus in sich logisch: “Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeoisie über die ganze Erdkugel. Überall muß sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen.” (Manifest der Kommunistischen Partei, 1847/48)

Es wird in deutschen Mainstream-Medien nur niemand aussprechen. Dafür sorgt die freiwillige politische Selbstkontrolle (FPS).

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Nur ganz kurz zwischendurch ein Ratschlag, den die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser gar nicht brauchen, weil sie vermutlich eh computer-, internet- und kryptografieaffin sind: Ich habe neulich mein Admin-Passwort für meinen Hauptrechner (Windows 7) geändert, war aber so müde, dass ich mich nicht genug konzentriert hatte. Deshalb fiel es mir am nächten Morgen auch nicht wieder ein. Zu raten ist auch schwierig, trotz exzessiven Kaffee-Konsums (ja, auf diesem Blog schreiben wir gutes Deutsch: “trotz” verlangt den Genitiv). Meine Passwörter sind sehr lang und kompliziert und eine Mischung aus Buchstaben und Zahlen.

Die zahllosen Anleitungen im Netz, das eigene Admin-Passwort zu knacken, sind zwar gut gemeint, aber meistens viel zu aufwändig und funktionieren auch nicht wirklich, vor allem dann, wenn man es nicht mit einem normalen BIOS, sondern mit UEFI (Unified Extensible Firmware Interface) zu tun hat. Man kann nicht so einfach von einem externen Medium booten, was die übergroße Mehrzahl der Anleitungen schlicht voraussetzt. Ich bekam beim Kauf des Rechners auch keine Windows-CD. An dem blöden UEFI scheiteren übrigens auch alle Vesuche, auch auf dem Windows-7-Rechner parallel ein Linux-System zu installieren. (Linux habe ich jetzt nur auf meinem Dritt- und Viert-Rechner. Jaja, der fünfte Computer ist mein Smartphone.)

Zum Glück hatte ich ein zeitnahes Backup auf einer externen Festplatte. (Das ist der Ratschlag.) Nach dem dritten Tag des Herumfummelns habe ich dann das aufgespielt und mich beim Einrichten eines neuen 27-stelligen Admin-Passwortes konzentriert.

Komisch, dass Truecrypt (die Dateien stammen von Heise) nach dem Backup nicht mehr richtig funktionierte (nur das Öffnen der vorhandenen Container, aber nicht, einen neuen zu produzieren). Das Problem löste sich erst nach einer Neuinstallation von Truecrypt. Vielleicht hat aber auch das eine mit dem anderen nichts zu tun – zu viele Variablen im Spiel.

Jedenfalls ist jetzt alles wieder in Butter bin ich jetzt erleichtert, dass alles wieder funktioniert.

Niemand ist illegal

Lateinamerika-Forum Berlin / Foro de las Américas Berlín e.V. – in Kooperation mit der Botschaft Ecuadors:

Seit der Verabschiedung der Verfassung von 2008 dürfen Geflüchtete in Ecuador weder als illegal bezeichnet noch so behandelt werden. Im Zentrum des Vortrags S.E. Herr Botschafter Jurado steht Ecuadors Konzept der menschlichen Mobilität in Theorie und Praxis, und damit die gegenwärtige Realität der Asyl- und Flüchtlingspolitik dieses südamerikanischen Landes. Inwiefern könnte dieses Konzept Vorbild für die europäische Migrations- und Integrationspolitik sein?

Ecuador hat eine lange Tradition der Solidarität. In den 70er Jahren z. B. nahm das Land Zehntausende chilenische, uruguayische und argentinische Staatsangehörige auf, die vor den Schergen der Militärdiktaturen flohen.

Auch heute noch ist Ecuador Zufluchtsland. Jeden Monat suchen im Schnitt um die Tausend Menschen Schutz, überwiegend aus Kolumbien kommend. Die Abteilung für Asyl und Flüchtlinge ist inzwischen die größte innerhalb des Außenministeriums, mit mobilen Beratungsstellen insbesondere in Grenznähe.

In Ecuador bestehen keine Einschränkungen der Freizügigkeit für Asylsuchende und Flüchtlinge. Sie sind nicht in Lager eingesperrt. Ihre Rechte und Pflichten sind nach der Verfassung anerkannt, gleichgestellt mit ecuadorianischen Staatsangehörigen. Sie haben kosten losen Zugang zu Gesundheit und Bildung.

Veranstaltung Donnerstag, 21. August 2014, 19 Uhr
Lateinamerika-Forum Berlin e.V.
Bismarckstr. 101, 5. Etage (Eingang Weimarer Str.)

Berlin bei Nacht

unfall

Miszellen über die Machtfrage

“Für eine Revolution brauchen Sie kein Facebook, sondern Kanonen”. (Peter Scholl-Latour)

“Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.” (Carl von Clausewitz: Vom Kriege, 1. Buch, 1. Kapitel, Unterkapitel 24, 1832)

“Die politische Macht kommt aus den Gewehrläufen.” Mao Zedong: Probleme des Krieges und der Strategie, 6. November 1938; Ausgewählte Werke Mao Tse-tungs, Bd. II, Peking 1967, S.74)

Haie greifen das Internet an

Die Überschrift bei Heise ist schon mal wochenend-tauglich und ließ mich schmunzeln, aber wie oft sind die Kommentare noch besser als der Artikel. (Bei diesem Kommentar habe ich Tränen gelacht.)

A cool smirk und ein neues deutsches Wort

trage

Eine Ärztin und ich stehen vor dem Eingang der Rettungsstelle und plaudern kurz über die Weltläufte. Es ist gegen drei Uhr, am frühen Morgen.

Ein Feuerwehrauto kommt. Zwei Feuerwehrmänner laden einen Patienten aus und packen ihn auf eine Trage. Der junge Mann sieht mitnommen, irgendwie lädiert aus, hält eine Kotztüte in der Hand und tut genau das, wofür Kotztüten da sind, permanent und laut würgend.

Die Ärztin mit Blick auf den liegenden Mann mit der Kotztüte, in einem Tonfall, der auch für kleine Kinder passen würde: “Was hat er denn?”

Ein Feuerwehrmann (im Englischen würde man jetzt schreiben: “with a cool smirk on his face”): “Nichts Medizinisches. Nur ein Getränkeunfall.”

“Getränkeunfall” habe ich gleich in meinen Wortschatz aufgenommen.

Verbrecherkartei

Der Sicherheitsrat der UN hat die Namen von sechs Personen benannt, die die terroristische Gruppe IS mit Geld und Waffen unterstützen. (Kein Link auf das Original in deutschen Medien, wie gewohnt).

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