Neues aus der Gerüchteküche

Nettes Projekt von Zeit online: Hoaxmap.org. „Spätestens seit Mitte des vergangenen Jahres ist zu beobachten, dass zunehmend Gerüchte über Asylsuchende in die Welt gesetzt und viral verbreitet werden. Von gewilderten Schwänen und geschändeten Gräbern – hier werden sie gesammelt.“ Funktioniert leider nur mit Javascript.

Ossis!

alexanderplatz

Warum ist es eigentlich überall in Berlin-Mitte so abgrundtief hässlich? Nein, der Platz war auch vorher schon nichts für einen guten Geschmack. Erklärt mir das!

Just a theory: I want to sleep with you

girl

[Symbolbild für alles]

Jacinta Nandi über deutsche Männer: „When men want to sleep with you – which doesn’t happen often enough – and then they try and be cool about it and they mix their verb order up You can always tell when German boys want to sleep with you because of the Satzbau of their sentences. When they don’t want to sleep with you, they go: „Ich mag schwimmen gehen“ or „Wir könnten einen Taxi teilen“ or „Ich hätte nichts dagegen“ but when they want to sleep with you, they fuck up the verbs, they go: „Schwimmen gehen mag ich“ or „Einen Taxi könnten wir teilen“ or „Dagegen hätte ich nichts“. Then you know you’re in there. I think it’s coz they want you to fall into their beds like you’ve fallen into the sentence but it’s just a theory.“

Begleitende Vorwürfe, geraucht

Spiegel online über Jeff Sessions, den designierten Justizminister Trumps:
Er war mit Abstand der erste Senator, der dem Außenseiterkandidaten Trump seine Unterstützung zusicherte. Der 69-Jährige, der seit 1996 den US-Staat Alabama im Senat vertritt, gilt als einer der konservativsten Senatoren. Er fiel immer wieder durch seine harte Linie beim Thema illegale Einwanderer auf. Rassismusvorwürfe begleiten seine Karriere und sorgten dafür, dass der Senat in den Achtzigerjahren seine Ernennung zum Bundesrichter blockierte. Über den Ku-Klux-Klan soll er gesagt haben: „Ich fand sie ganz okay, bis ich erfuhr, dass sie Marihuana rauchen.“

Ich nenne das gelogen. Es gibt auch andere Quellen:
Sessions’s actual track record certainly doesn’t suggest he’s a racist. Quite the opposite, in fact. As a U.S. Attorney he filed several cases to desegregate schools in Alabama. And he also prosecuted Klansman Henry Francis Hays, son of Alabama Klan leader Bennie Hays, for abducting and killing Michael Donald, a black teenager selected at random. Sessions insisted on the death penalty for Hays. When he was later elected the state Attorney General, Sessions followed through and made sure Hays was executed. The successful prosecution of Hays also led to a $7 million civil judgment against the Klan, effectively breaking the back of the KKK in Alabama.

Ich fand Spiegel online ganz okay, bis ich erfuhr, dass sie dort komisches Zeugs rauchen.

Race et al

jack london

Lieber Kollege Marc von Lüpke von Spiegel online, Du schreibst über meinen Lieblingsschriftsteller Jack London: „Der Erfolgsautor propagiert seine sozialistischen Überzeugungen – und zugleich den Sozialdarwinismus. Die Botschaft: Nur die Stärksten überleben. Für den Sozialisten London ist die weiße Rasse überlegen.“

Das ist gequirlte Scheiße – mit Verlaub! – Unsinn. Jack London verherrlicht mitnichten den Sozialdarwinismus, obwohl er Schopenhauer und Nietzsche und Rudyard Kipling mochte, oder gar die Überlegenheit der „weißen Rasse“. Erstens schreibt er nur, wie es war, und verherrlicht überhaupt nichts.:
By instinct and by conviction, London was a literary naturalist — one of a new breed of writers who focused on the harsh, deterministic forces shaping nature and human society.

Und zweitens schrieb er Englisch. Dort hat das literarische Wort „race“ eben eine ganz andere Bedeutung als im Deutschen der Begriff „Rasse“. London thematiert die „imperial mission of the Anglo-Saxons“. Angelsächsische Rasse? Har har. Quod erat demonstrandum.

Even as The Call of the Wild became one of the best-selling books in American history, newspaper editorials were calling for London to be jailed or deported for his Socialist speeches, schreibt Johann Hari.

Ich warte darauf, dass auch deutsche Universitäten bald die halbe Weltliteratur in den Giftschrank einschließen, einschließĺich Jack London und Hemingway sowieso, weil alles voller Sexismus ist und niemand, weder Brecht noch Goethe noch Shakespeare, sich genderpolitisch korrekt ausdrückten.

By the way, wer schrieb das hier? „Being in his quality as a nigger, a degree nearer to the rest of the animal kingdom than the rest of us, he is undoubtedly the most appropriate representative of that district.“

Conquer or die und die freie Presse

Newsweek zitiert Putin: „‚Everyone knows that there is a big difference between election rhetoric and real policy, practically in every country,‘ he said, according to state news agency RIA Novosti. ‚When it comes to the statements of Mr Trump that he would like to bring companies to the U.S. and ensure jobs in his own country, what is wrong with that?'“

Echt jetzt? Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was ein Politiker im Wahlkampf sagt und dem, was er danach wirklich tut?

Und nun zu uns, Nazis, die ihr gekleidet seid wie Professoren der Volkswirtschaftslehre, FDP-Funktionäre, AfD-Pappkameraden und eben Nazis! Wenn ihr schon so ausseht wie Burschenschaftler oder typische Studenten in der Weimarer Republik, die ja bekanntlich auch mehrheitlich für die Faschisten stimmten (was hierzulande auch bald wieder so sein wird), dann tragt doch bitte auch zum Hitlergruss die passende Frisur und mitnichten einen Pferdeschwanz! Der ist nur für Erzlinksradikale wie mich erlaubt! Und ganz unter uns: Es ist erlaubt, deutsche Journalisten zu verhauen, wenn diese wieder mal „Skinheads“ sagen, aber „Nazis“ meinen.

Vielleicht muss man, um die Deutschen zu verstehen, wirklich immer wieder Tuvia Tenenbom lesen:
Ich bin zurzeit in Deutschland, wo – einigen Umfragen nach – nur vier Prozent der Menschen für Trump sind. Vier Prozent! (…) …fragte ich mich, ob diese Menschen, die sich selbst als Hüter der freien Presse in Deutschland bezeichnen, das Konzept der freien Presse überhaupt begriffen haben. Sie wollen, dass ich zuhöre und aufschreibe, was sie sagen, aber sie wollen nicht durch Nachfragen herausgefordert werden. Ist da überhaupt ein Unterschied zwischen ihnen und Erdoğan? (…) Sowohl in Deutschland als auch in den USA bin ich von Menschen umgeben, die ich nicht mehr verstehe. Sie schwören mir, lupenreine Demokraten zu sein, aber agieren wie die letzten Diktatoren. Sie erklären sich zu den Vorkämpfern der freien Presse, haben aber größte Schwierigkeiten, ihren eigenen Ansprüchen zu genügen.

Wie recht er hat. Er kann ja von Glück reden, dass ihn niemand aufgefordert hat, die Statements während der Party von der Obrigkeit absegnen autorisieren zu lassen.

Tatsache ist, dass die Wähler weder Clinton noch Trump persönlich kennen, und wenn sie ihre Stimme für jemanden abgeben, dann tun sie das auf Basis des Abbildes, das die beiden von sich erzeugt haben, und sie wählen das Bild, das sie selbst am besten widerspiegelt. In den meisten US-Staaten haben sie sich für das Trump-Bild entschieden.

Wieso lese ich so etwas Wahres und Kluges nicht in deutschen Medien? Weil die sich viel zu ernst und wichtig nehmen und gar nicht merken, dass sie nicht die Realität abbilden, sondern nur einen Bruchteil davon, gefiltert durch den eigenen Klassenstandpunkt (den es, fragte man eben diese Medien, gar nicht gebe).

Old Fashioned Leftist or: Shake up the System

Mein Lieblingsphilosoph Slavoj Zizek („best known Marxist“ – „I am an old Maoist“) auf Al Jazeera über Trump. Bruhahaha. Ein Interview mit Action, beide fallen sich ständig gegenseitig ins Wort… unmöglich in Deutschland.

Revolt of the Poor

Proleten, Pöbel, ParasitenIch empfehle ausnahmeweise ein Buch, das ich noch gar nicht ausgelesen habe. Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten: Warum die Linken die Arbeiter verachten“ – über das Thema Eribons, ist aber besser und geht mehr auf die speziellen deutschen Zustände ein. Baron schreibt mit einem Furor, der mir ausnehmend gut gefällt. Er legt sich mit allen an: den „Gefühlslinken“, den Grünen, Veganern, Verteidigern des Islam, Fußball-Hassern; es bleibt kein Auge trocken und alle kriegen ihr Fett ab. Viel Freunde im „linken Milieu“ wird er jetzt nicht mehr haben. Das Gefühl kenne ich irgendwie…

Deutschland lässt sich dennoch nur als Klassengesellschaft begreifen. (Baron)

Frage: Warum wählen die Arbeiter Parteien, die nicht die Interessen des Proletariats vertreten? Die Frage wurde für Frankreich, Deutschland und die USA schon gestellt, aber nie beantwortet.

Deutsche Journalisten stammen fast ausnahmslos aus der Mittelschicht. Das bedeutet: Sie nehmen den Klassenstandpunkt der Mittelschicht ein – und nur den – und leugnen es gleichzeitig. Sie leugnen auch unisono, dass es Klassen gebe, und wenn doch, dann höchstens, was „Bildung“ angeht.

Das Buch konfrontiert die Leserin und den Leser mit verzweifelten Menschen, die nicht wissen, wie sie mitten in diesem schwerreichen Land ihre Kinder sattkriegen sollen; derer letzter Stolz aber darauf gründet, dass sie sich dennoch selbst zur Mittelschicht zählen. (…) Das Buch handelt auch von Menschen, deren Ohnmacht in diffuser Fremdenfeindlichkeit mündet und deren real empfundenen Ängste eine in Selbstgewissheit lebende Bildungselite einfach nicht zur Kenntnis nehmen will.

Ich glaube, dass es sehr schwer ist eine Perspektive einzunehmen, die über die der Klasse hinausgeht, in die man hineingeboren und in der man sozialisiert wurde. Das ist das Thema sowohl bei Eribon als auch bei Baron. Beide stammen aus dem Proletariat und sind „aufgestiegen“. (Beide sind als Trickster, sagt der Völkerkundler.) Für mich gilt das auch. Ich musste bei der Lektüre Borons ständig nicken – ich konnte alle seine Gedanken nach vollziehen.

Das Treten nach unten ist dennoch leider auch in linken Milieus auf dem Vormarsch. (Baron)

Ganz einfach: Weil diese „Gefühlslinken, auf die Baron eindrischt, eben meistens Kinder aus der Mittelschicht sind. Die können nicht anders. (Nmatürlich gibt es Ausnahmen.)

Warum müssen linke Akademiker so arrogant sein? (…) …was mir an so vielen linken Aktivisten mittlerweile so übel aufstößt: diese Unfähigkeit, aber oft genug auch eine start ausgeprägte Weigerung, die Perspektive völlig anders sozialisierter Menschen einzunehmen. (Baron)

Peter Nowak schreibt auf Telepolis: „Doch leider kann man ein Buch, das dieses Thema in den Mittelpunkt stellt, wohl kaum einem größeren Publikum verkaufen. (…) Dabei aber übersieht Baron, dass die theoretische Arbeit durchaus ein eigenes Feld ist und nicht immer und von allen gleich verstanden werden kann und muss.“

Das ist Unfug, Kollege Nowak. Wer sich nicht so ausdrücken kann, dass ein normaler Mensch ihn versteht, muss an sich arbeiten – wenn es um Politik und Ökonomie geht. Wer nicht verständlich schreiben kann, denkt auch wirr. Marx, Brecht und Freud haben Kompliziertes so formuliert, dass man es versteht, wenn man nicht ganz bekloppt ist. Proletarier sind eben nicht dumm. Ich habe viele Arbeiter und Gewerkschaftler kennengelernt, die gebildeter also heutige Studenten waren und auch mehr wussten. Mehr Lebenserfahrung hatten sie sowieso.

Selbsthass kennzeichnet viele aus der Unterschicht, während die Mittelschicht das Radfahrer-Prinzip anwendet: Nach oben buckeln und nach unten treten. Die Oberschicht verfügt als Einzige über das, was man früher als „subjektives Klassenbewusstein“ bezeichnet hat. Ihre Aufgabe sieht sie darin, eigene Privilegien zu sichern und Unfrieden unter den Lohnabhängigen zu stiften. (Baron)

Einen gewaltigen Shitstorm wird Baron auch für seine These ernten: „Multikulti ist gescheitert“. Das habe ich schon in „Nazis sind Pop“ vor 16 Jahren gesagt, und auch damals wollte es niemand hören, obwohl es eine Kritik aus einer radikal linken Perspektive war.

Linke verirren sich nur selten in soziale Brennpunkte. Und wenn doch, dann meiden sie den Kontakt zum „white trash“ und wenden sich – was allein natürlich unterstützenswert ist – den dort lebenden Flüchtlingen zu.

Har har. Jemand, der das in der „Taz“ schriebe, würde sofort sozial geächtet und in Zukunft totgeschwiegen. Es ist aber bezeichnend und wahr.

Leider hat die Linke die Religionskritik den Rechten überlassen. (Baron)

Das erinnert wieder an Frankreich, wo sich die rechte Front National als Verteidigerin des Laizismus aufspielen kann – leider zu Recht: Vertreter der Linken eiern beim Thema oft nur elendlich herum.

Und was ist mit dem Rassismus? Die Jungle Word lässt Tuvia Tenenbom zu Wort kommen, der wie gewöhnlich den argumentativen Knüppel dem Degen vorzieht:

Man könnte durchaus von einer »revolt of the poor« sprechen. Das erste Mal in der Geschichte der USA stand mit Donald Trump ein Kandidat zur Wahl, der rassistische Äußerungen von sich gab und all den Rassisten ein Sprachrohr war. Er lieferte einen Tabubruch nach dem anderen. Hat es die Leute gestört? Nein. Man war dankbar, dass das Diktat der Political Correctness durchbrochen wurde. Besonders in New York hat dieser Irrsinn dazu geführt, dass alles furchtbar berechenbar und harmlos geworden ist. Schwarze heißen dort »Afroamerikaner«, Europäer »Kaukasier« und Obdachlose nennt man »anders Ausgestattete«. Alle müssen sich andauernd lieb haben. Und dann kommt einer, der endlich mal sagt: »Ich habe nicht alle lieb.« Es geht also um zwei Dinge. Einerseits gibt es die Revolte von denen, die sich durch die Regierung im Stich gelassen fühlen, andererseits die Leute, die dankbar dafür sind, dass sie endlich wieder sagen dürfen, was sie wirklich denken.

Ein wunderbares Beispiel linker Arroganz ist übrigens D. Watkins auf Salon.com: „Dear hard-working white people: Congratulations, you played yourself“. Was er über den Rassismus und die ultrarechten Unterstützer Trumps feststellt, ist natürlich richtig, aber die Wähler Trumps zu beschimpfen, hilft nicht wirklich weiter. Baron hat dazu eine sehr interessante Formulierung, die ähnlich auch eine der zentralen Thesen Eribons ist:

Eine Gesellschaft von finanzieller und kultureller Teilhaben an ihrem unermesslichen Wohlstand systematisch ausschließt, darf sich nicht wundern, wenn diese ausgeschlossenen im Übertreten bürgerlicher Wertvorstellungen ihr letztes Refugium widerständigen Verhaltens und damit eine Art letzter Restwürde zu finden hoffen,“

Demnächst noch mehr dazu in diesem Online-Theater.

Ossikel oder : Heute Auf Arbeit

ossikel

Das Internet sagt über Ossikel (was nichts mit dem Beitrittsgebiet zu tun hat): „Das menschliche Skelett besteht bei einem Erwachsenen aus 206 bis 214 einzelnen Knochen. Bei einem kleinen Teil der Bevölkerung gibt es eine Reihe von zusätzlichen Knochen, sogenannte Akzessorische Knochen. In vielen Fällen handelt es sich dabei um Atavismen, das heißt das Auftreten von evolutionär überholten anatomischen Merkmalen.“

Öhm? Ich habe zuviel Knochen? Ich bin ein Atavismus? Das erklärt natürlich einiges. „Überholt“ möchte ich aber weit von mir weisen!

Selfie an einem unbekannten Ort in einem unbekannten Verkehrsmittel

selfie

Gilt als Lumpenjournalismus oder: Operieren am journalistischen Rand

Henryk M. Broder über „investigativen Journalismus“ und Verdachtsberichterstattung. Lest selbst. Er hat Recht. „Gilt als“ gilt in Deutschland als „Recherche“ – der Bezug auf die eigene Meinungsblase reicht offenbar, um gleich aus einer vagen Vermutung ein Faktum zu konstruieren.

Sehr geehrter Herr Broder, wie Sie ja selbst schreiben, heißt es im Text nicht, er IST Antisemit, sondern „er GILT als Antisemit“ bzw. „operiert am antisemitischen Rand“.

Broder: „Immerhin gibt Rösing zu, dass er aus US-Medien abschreibt. Er hat kein wörtliches Zitat zur Hand, seine Kronzeugin ist Bannons Ex-Frau, die vor zehn Jahren etwas ‚zu Protokoll‘ gab, das Bannon bestreitet. Nach meiner Auffassung rechtfertigt so eine Arbeitsweise die Bezeichnung ‚Lumpenjournalismus‘. Rösing mag das anders sehen. Dann steht es eben Aussage gegen Aussage.“

Habe ich schon gesagt, dass ich die gegenwärtige Situation in den USA äußerst spannend finde? Recht unterhaltsam ist auch die Attitude vieler Journalisten hierzulande, verschiedenen Politikern im Umfeld Trumps so schnell wie möglich Etikette wie „Rassist“, „Antisemit“ usw. ankleben zu wollen. So einfach ist das nicht.

Trump selbst ist kein Antisemit, auch wenn zum Beispiel der Spiegel offenbar garn das Gegenteil sähe und die Washington Post beim Thema zurückrudert und von „Untertönen“ spricht. Jedenfalls nützt er Israel vermutlich weit mehr als es eine Präsidentin Clinton getan hätte.

Trumps Tochter ist bekanntlich zum Judentum konvertiert, was aber natürlich noch nichts heißt.

Jedenfalls haben sich die Koordinaten, mit Hilfe derer deutsche Medien Personen eintüten, so verheddert, dass man sich köstlich amüsieren kann.

Programmatic Advertising

Testbericht.de: „‚Programmatic Advertising‘ – das Hintertürchen für die Fakes – 100 deutsche Nachrichtenportale im Test“.

Bruhahaha. Die weisen 100 Mainstream-Medien („tablierte, seriöse Nachrichtenportale“) nach, dass diese Fake-Nachrichten verbreiten – via Werbung (Vgl. auch Meedia).

Wer hätte das jetzt gedacht?!

An Angry Man oder: I know the truth and what I believe in

„So brutal Saddam Hussein war – ihn nur zu eliminieren, war falsch. Das Gleiche gilt für Gaddafi und Libyen, das heute ein failed state ist. Die große historische Lektion lautet, dass es eine strategisch unglaublich schlechte Entscheidung war, in den Irak einzumarschieren. Die Geschichte sollte und wird über diese Entscheidung kein mildes Urteil fällen.“

Das sagte jemand, der ganz böse ist, weil er findet, dass Putin smart and savvy ist. Damit ist er bei deutschen Medien natürlich unten durch.

US-amerikanische Medien haben mehr über die Hintergründe der zitierten Person.

[Triggerwarnung: Straight Talk] Der Kerl ist vermutlich politisch ein Arschloch, aber er weiß, wovon er redet, ist kein Opportunist und hat Eier. „Mike has an informed viewpoint, he’s honest and brutally frank“. Das sagt man von mir auch manchmal, nicht immer als Kompliment. Vermutlich wäre er mir als Person sympathisch, obwohl er in einer anderen Galaxis lebt.

What Does President Donald Trump Say About You?

trump

Take a Stress Pill and Think Things Over

meme

Credits: Irreverent Italian Memes

Nun mal ganz ruhig. Mike Davis auf Jacobin: „We should resist the temptation to over-interpret Trump’s election as an American Eighteenth Brumaire or 1933. Progressives who think they’ve woken up in another country should calm down, take a stiff draught, and reflect on the actual election results from the swing states.“

Davis analysiert anhand der Wahlergebnisse in den einzelnen US-Bundesstaaten, dass Trump mitnichten nur dank der Stimmen der Arbeiterklasse gewonnen habe. „The great surprise of the election was not a huge white working-class shift to Trump but rather his success in retaining the loyalty of Romney voters.“ Manmuss schon genauer hinsehen.

Ergänzend dazu ist ein Artikel von Richard D. Wolff („Professor of Economics Emeritus, University of Massachusetts“) interessant: „Capitalism Itself is to Blame for Donald Trump“. (Solche Professoren gibt es in ganz Deutschland nicht.)

A fifth of Trump voters — that is to say, approximately twelve million voters — reported an unfavorable attitude toward him. No wonder the polls got it so wrong. “There is no precedent,” wrote the Washington Post, “for a candidate winning the presidency with fewer voters viewing him favorable, or looking forward to his administration, than the loser.”

Many of these nose-holders may have been evangelicals who were voting the platform, not the man, but others wanted change in Washington at any price, even if it meant putting a suicide bomber in the Oval Office.

Nur als ideologische Sättigungsbeilagen: My life as a bar worker (Video) und die E-Books auf AK Press (gratis): „We’re all still trying to figure out a way forward in the looming Age of Trump. The path isn’t entirely clear to us, but we know it’s gonna mean a fight—a long and difficult fight. One thing we thought we could do off the bat though was make a few useful ebooks we’ve published available for free. We hope you’ll read them, share them, and use them as food for thought and action.“

Erlösende Identität

„Es ist das Prinzip des deutschen Humors, dass die Pointe nur dann sitzt, wenn sie als Verächtlichmachung des Beargwöhnten zelebriert wird, sodass sich im Hohngelächter der Bescheidwisser erlösende Identität herstellt.“ (Lizas Welt aka Alex Feuerherdt)

Kluger Mann.

Arbeiter der Stirn und Arbeiter der Faust oder: Nicht nur eine Frage des Stils

cottbus

Cottbus 2005, Foto: Burks

Nach dem Fall der Mauer, aber noch vor der Wiedervereinigung, war ich für eine Recherche über die Neonazis von Guben zum ersten Mal in meinem Leben in Cottbus. Man hatte mir den Lokalredakteur des „Neuen Deutschland“ empfohlen. Der wisse alles und brauche nur über die Strasse zu gehen und hätte schon eine neue Geschichte.

Offenbar war ich der erste Wessi dort, der Kollege, ein alter Mann, empfing mich herzlich. Wir saßen bis spät in die Nacht auf irgendeinem Platz und diskutierten die Weltlage. Ich durfte in einem Hinterzimmer der Redaktion übernachten.

Am nächsten Morgen – für mich viel zu früh – gab es Frühstück in der Redaktion. Eine Handvoll Journalisten saßen am Tisch, und auch die Putzfrauen. Alle diskutierten gleichberechtigt. Ich spürte es – die nicht vorhandene Hierarchie war ernst gemeint. Es war einfach selbstverständlich, dass „Reinigungskräfte“ (wie man heute zu sagen pflegt) und Journalisten an demselben Tisch saßen.

Kann man sich das vorstellen? Putzfrauen und Redakteure vom „Spiegel“, von der FAZ, von der „Tageszeitung“, zusammen mit der Putzkolonne des Hauses am Frühstückstisch? Und wenn nein, warum nicht?

Class Matters

invalidenstrasse

Wo ist eigentlich die Arbeiterklasse? Überall. Man muss sich nur zur richtigen Zeit umsehen. Der Begriff „Arbeiterklasse“ ist übrigens und bekanntlich in deutschen Medien tabu. Just saying. Sonst müsste man auch das gefährliche Unwort „Klassenkampf“ wieder benutzten (im Englischen class struggle), was den sozialen Frieden gefährdete, weil die Leute auf dumme Gedanken kämen.

Vielleicht sollte man unsere kleinbeourgeoisen Journalisten allesamt zum Beispiel morgens um 4.15 Uhr in die öffentlichen Verkehrsmittel stecken, ein halbes Jahr lang. Da sitzen die, die keine Zeit haben für Fratzenbuch, für Triggerwarnungen, Gendersprech und andere Lifestyle-Themen. Die sind schon um kurz nach drei aufgestanden und konnten beim Arte-Bildungsprogramm nicht einschlafen, weil sie da schon im Bett waren. In der Mehrzahl Frauen, viel mehr ältere farbige Frauen, mehr als die Hälfte „südländisch“ aussehend, auch viele Osteuropäer: Putzkolonnen, Mindestlohn – wenn sie Glück haben, oft mehrere Jobs gleichzeitig, Alltagsrassismus hautnah, keine finanziellen Reserven, Urlaub, wenn überhaupt, vom Munde abgespart. Müde, manchmal verbrauchte Gesichter, weit ab vom Schönheitsideal, das in der Boulevardpresse verbreitet wird. Trotzdem sind sie oft untereinander lustig. (Ja, ich bin heute auch um 3.30 Uhr aufgestanden – Urlaubs- und Krankheitsvertretung von Kollegen: Schwieriges Objekt, komplizierte Alarmanlage, Berlin-Mitte.)

Diese Leute gehören genau so zur Arbeiterklase wie ein Proletarier in einem hochtechnisierten Unternehmen, der einen Jahreswagen fährt und dessen Job bald von Robotern übernommen wird. Gefühlt und vom Lohn aus betrachtet, gehört der klassische deutsche Fabrikarbeiter – wenn man einen bürgerlichen Soziologen oder die FDP fragt – zur „Mittelschicht“. ökonomisch nicht. Wenn er das weiß, hat er Klassenbewusstsein. Wenn nicht, lässt er die Mainstream-Medien weltanschaulich vordenken.

soziologie

Das kann man noch erweitern. Ich erinnere mich an ein Wahlplakat der „Linken“: „Richtig investieren“. O je. Aber wer? Da ist die Systemfrage noch nicht mal im Kleingedruckten. Ach ja, weil zeitlos gültig:

„Die langfristige Gewinnmaximierung wird von den meisten Fachvertretern (…) als oberste Zielsetzung und damit als Auswahlkriterium anerkannt.“*

„Ein besonderes Recht zum streiken kann nicht anerkannt werden. Der Streik gibt keinen Rechtstitel an, sondern ist ein tatsächliches Machtmittel.“**

„Vor dem Tarifvertrag steht die Wirtschaft, dem er zu dienen hat.“***

* Günter Wöhe: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, München 2000, 20. Auflage, S. 41ff., zitiert nach Karsten Heinz Schönbach, S. 82)

** Ernst von Borsig, Vortrag: Industrie und Sozialpolitik“, gehalten auf der RDI-Tagung in Berlin im März 1924, in: Veröffentlichungen des Reichsverbands der Deutschen Indstrie, Heft 21, April 1924, S. 42, zitiert nach ebd., S. 84

*** ebd.

Noch Fragen?

Der Himmel über Kreuzberg, revisited

kreuzberg

Wer hat uns verraten, revisited

Berliner Zeitung: „Die SPD im Bezirk Steglitz-Zehlendorf muss das Amt des noch vakanten Bezirksstadtrates neu besetzen. Die bisherige Kandidatin, die 36-jährige Rechtsanwältin Franziska Drohsel zog ihre Kandidatur am Sonntagabend zurück. „Ich werde mich nicht verbiegen lassen, um in ein solches Amt zu kommen“, erklärte sie ihren Verzicht. Drohsel war am vergangenen Mittwoch im ersten Wahlgang in der Bezirksverordnetenversammlung gescheitert. Die Fraktionen der CDU, FDP und AfD stimmten geschlossen gegen sie. “

Warum? Sie war früher in der Rote Hilfe e.V.. (By the way: Unterstützen!)

Die antikommunistischen akteb Reflexe funktionieren also immer noch sowohl bei der CDU als auch bei der AfD (von denen ich es auch nicht anders erwarte).

„Der Verein Rote Hilfe unterstützt linke Aktivisten, die mit der Justiz in Konflikt geraten. So werden Anwälte besorgt und zum Teil auch bezahlt. Außerdem wird Öffentlichkeitsarbeit betrieben, um den politischen Hintergrund der Straftaten zu verdeutlichen. Bundesweit gibt es mehr als 6000 Mitglieder. Der Verfassungsschutz beobachtet die Gruppierung und stuft sie als linksextremistisch ein.“

Ach. Liebe Mainstream-Medien: Welchen Erkenntniswert hat der Textbaustein: „Der Verfassungsschutz beobachtet“ – nach den unzähligen Skandalen, u.a. der dubiösen Rolle im NSU-Sumpf?

Drohsel fehlten auch Stimmen im eigenen Lager. Auch das ist nichts Neues. Das kommt davon, wenn man in der SPD ist.

← Nächste Einträge Ältere Einträge →