Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit in Venezuela

Puerto Ayacucho

Das Foto habe ich 1998 in Puerto Ayacucho in Venezuela gemacht – auf dem Mercado Indígena. Dort hatte ich etwa gegessen.

America21.de über die “Opposition” in Venezuela, die von den USA finanziert wird:
Welche Gruppen in Venezuela unterstützt werden, wird seit 2010 in den öffentlichen Jahresberichten der NED und des US-Außenministeriums nicht mehr ausgewiesen. Damals waren die hauptsächlichen Empfänger unter anderem das “Institut für Presse und Gesellschaft” (IPYS) und die Gruppe “Führung und Vision” (Liderazgo y Visión), die Beschäftigte des öffentlichen Sektors im Bundesstaat Carabobo agitierte. Bezuschusst wurden ebenso das “Zentrum zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit” (CEDICE Libertad), ein neoliberal ausgerichteter Think Tank, sowie die Organisation “Súmate“, der die rechtsgerichtete Ex-Parlamentarierin María Corina Machado angehört.

“Führung und Vision” ist vergleichbar mit der hiesigen Content-Mafia und setzt sich “für den Schutz des Privateigentums” ein. CEDICE Libertad hält Venezuela für “kommunistisch“. Alejandro Plaz, der Gründer von Súmate, “is a Venezuelan engineer and management consultant, who holds three Master’s degrees (two from Stanford University), and was a Senior partner for McKinsey & Company in Latin America”.

Das waren noch Zeiten, als die USA direkt einmarschierten. Heute machen sie es anders. Die Terminologie ist ähnlich wie in der Ukraine, ein Bürgerkrieg oder ein Militärputsch sind aber noch nicht in Sicht. “Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit” könnte auch mit “Volkswirtschaftslehre” übersetzt werden oder mit “das Land für die westlichen Märkte öffnen”.

Am Rio Meta

rio meta

Das Foto (1998) zeigt den Rio Meta auf der venezolanischen Seite, nicht weit von Puerto Carreño in Kolumbien. Ich sitze hinten im Jeep, der einem katholischen Pater aus Elorza gehörte, der aus Polen stammte und mit dem ich mich über die Situation der Guahibo unterhalten hatte – und der auch Klartext redete. Der Pater entschloss sich spontan, seinen Bischof in Puerto Ayacucho am Orinoco besuchen zu wollen, und ich wollte auch dorthin. Mit dem Flugzeug sind das nur 266 Kilometer, mit dem Auto aber mehr als 500 – wir waren den ganzen Tag unterwegs. Gekostet hat es mich nichts, und ein Mittagessen bekam ich auch ausgegeben.

Wenigstens in meiner Phantasie muss ich mich von dem verlogenen Mist, den ich ständig in den Medien lese, erholen. Ich gäbe etwas darum, jetzt am Rio Meta zu sein…

Ein Reaktionär mit guter Frisur

Portal america21.de: “In der Europäischen Union wächst der Widerstand gegen die aggressive Haltung deutscher Diplomaten gegen die linksgerichtete Regierung von Venezuela. Nach vertraulichen EU-Dokumenten, die amerika21.de vorliegen, sind deutsche Diplomaten in Fachgremien des Europäischen Rates mit dem Versuch gescheitert, politische Sanktionen gegen das südamerikanische Land zu erlassen.”

Das dortige Außenministerium hatte sich laut diplomatischen Quellen bereits vor Wochen bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den deutschen Botschafter Walter Lindner beschwert. Nach Ansicht des venezolanischen Außenamtes hatte der gebürtige Münchner in Interviews mit den regierungskritischen Tageszeitungen El Nacional und El Universal Vergleiche zwischen der aktuellen Lage in Venezuela und dem NSDAP-Regime gezogen.

Bei solchem diplomatischen Personal muss man sich im Ausland manchmal schämen, ein Deutscher zu sein. Man sieht: Auch Menschen mit guter Frisur können Reaktionäre sein.


Gute und schlechte Nachrichten aus Venezuela und die Angst vor dem Hyperlink

Barinas

Das Foto (1998) zeigt eine Straßenszene in Barinas im Westen Venezuelas.

Welt online: “Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat drei US-Diplomaten des Landes verwiesen. Er warf ihnen Sabotage und einen Komplott mit der rechten Opposition vor, wie die Zeitung ‘El Nacional‘ in ihrer Internetausgabe berichtete. (…) Laut Maduro gibt es Beweise, dass die drei Diplomaten in Sabotageaktionen gegen Wirtschaftsbetriebe und die Energieversorgung verwickelt sind. (…) Zudem kündigte er den Aufbau einer neuen Geheimdienstabteilung an, die direkt dem Präsidenten unterstellt ist und Informationen über Destabilisierungen des Landes zusammentragen soll.”

Ein persönlicher Präsidentengeheimdienst. Das, was die Welt zuallerletzt braucht.

By the way: Ich frage mich, warum 24 Jahre nach der Erfindung des World Wide Web ein deutsches Medium – hier Welt “online” – noch immer nicht in der Lage ist, Quellen (hier: El Nacional) zu verlinken. Bei Wikipedia lesen wir: “Hyperlinks sind ein charakteristisches Merkmal des Internet.” Die deutschen Cheferedakteure haben das eben mehrheitlich noch nicht verstanden, sondern lassen weiter zu, dass Printartikel eins zu eins “online” erscheinen. Geht sterben! Ich habe kein Mitleid.

Nackter Mann

caracas

Caracas, sozusagen “backstage”: ein Mann ohne Hosen lief mitten über die Straße (1998). Ich habe nicht herausgefunden, was ihm geschehen war – ob er ausgeraubt worden war, ob er schlicht verrückt war oder ob er die falschen psychotrophen Substanzen geraucht hatte. Die Passanten lachten nur.

Esst mehr Fisch!

Piranha

Die junge Dame ist ein Dienstmädchen (früher hätte man gesagt: Magd) auf einer kleinen Farm im Süden Venezuelas, ungefähr 70 oder 80 Kilometer südlich von Barinas, also in der absoluten Pampa. Ich habe einen ganzen Tag (1998) auf Pickups von Landarbeitern gebraucht, um da hinzukommen, und von dort aus per Traktor (!) nach Palmarito am Rio Apure. Mein Motto war immer: Wo es am langweiligsten auf der Karte erscheint und worüber kein Reiseführer berichtet, dort ist es immer am Spannendsten. Was gab es zum Abendessen? Piranhas!

Dame una sonrisa

elorza

In den letzten Tagen habe ich so viel Hässliches publiziert, jetzt etwas Schönes zur Abwechslung. Fotografiert in Elorza im Süden Venezuelas im Jahr 1998.

Ajedrez

caracas

Schachspieler in Caracas, Venezuela. Das Foto habe ich 1998 gemacht und auch dort gespielt.

Venezuela: eine gute Wahl

OrinocoOrinocoBarinasBarinasGuahiboGuahiboGuahiboPuerto AyacuchoamanavenstockfischPuerto Ayacuchomarienerscheinung

Edward Snowden kann also in Nicaragua oder Venezuela Asyl bekommen – nur wenige Länder scheinen der USA nicht in den Allerwertesten zu kriechen. Nicaragua ist aber zu nah an der USA und auch zu klein, deshalb empfehle ich Snowden dringend Venezuela. Man weiss zwar nicht, was die nächsten Wahlen dort bringen, aber es ist ja noch eine Weile hin.

Venezuela ist sicher eines der schönsten Länder der Welt, wegen der Vielfalt der Landschaften oder auch wegen der unglaublich schönen Menschen Frauen. Für Hetero-Männer ein ästhetisches Vergnügen, wenn man weder auf den Charakter noch auf die landesüblichen Erwartungen schaut, was die Geschlechterolle angeht (für aufgeklärte Europäer einfach grauenhaft!).

Von oben nach unten und links nach rechts: Blick auf die Raudales (Wasserfälle) des Orinoco während der Trockenzeit, nach Süden, ungefähr von hier aus. Eine junge Frau aus Puerto Ayacucho, auf einem Boot auf dem Orinoco. Ein Schuster aus Quibor im Westen des Landes – übrigens eine der ältesten Städte Lateinamerikas, von einem Spanier aus der Truppe des deutschen Konquistadors Georg von Hohermuth gegründet. Ein Taxi aus Barinas, Bundesstaat Lara. (Ich sollte mal meine Fotos auf Wikipedia hochladen, die haben ja rein gar nichts darüber.) Die nächsten drei Fotos: Guahibo, auch bekannt als Wayapopihíwi, in der Nähe des Rio Capanaparo. Eine junge Frau aus Puerto Ayacucho am Orinoco. Blick vom kleinen kolumbianischen Fischerdorf Amanaven auf das venezolanische San Fernando de Atabapo am Zusammenfluss von Orinoco, Ria Atabapo und Rio Guaviare (Wieso ist da auf Google Maps nichts zu sehen? Haben die das abgerissen?). Ein Fischer aus Amanaven zeigt mir Stockfisch (Trockenfisch); ich habe ihm den abgekauft und später zubereitet und gegessen. Straßenkreuzung in Puerto Ayacucho. Wandmalerei in der Kathedrale Maria Auxiliadora in Puerto Ayacucho, die in meinem Geburtsjahr gebaut wurde.

Hugo Chávez ist tot

venezuela

“Seine politische Laufbahn begann Hugo Chávez im Jahr 1978 als Mitglied der illegalen Revolutionären Partei Venezuelas (PRV) des Guerilla-Kommandanten Douglas Bravo. Ab 1982 organisierte er für die PRV eine Struktur von oppositionellen Offizieren, die im Jahr 1992 zwei Aufstände gegen den sozialdemokratischen Präsidenten Carlos Andrés Pérez durchführten. Anlass für die Umsturzversuche war die blutige Niederschlagung eines Volksaufstandes (Caracazo), welche zwischen 300 und 3.000 Menschenleben kostete.” (Partal america21.de)

Wikipedia: “Mit seiner Programmatik berief sich Chávez auf sein Vorbild Simón Bolívar und dessen Einsatz für ein vereintes Südamerika, woran er mit seiner Bolivarischen Revolution unter Integration sozialistischer und marxistischer Ideen anschloss.”

Gibt es eigentlich deutsche Politiker mit einer vergleichbaren Biografie?

Man darf nicht vergessen, dass Chávez Antisemit war, obwohl er das leugnete, und dass die große und alte jüdische Gemeinde Venezuelas unter seiner Regierung Probleme hatte.

Chávez’ Politik war nur dem Anspruch nach sozialistisch. In Wahrheit begünstigte er ausschließlich seine Klientel. So funktioniert Politik in Lateinamerika immer. Aber für das Volk war der Caudillo Venezuelas erheblich besser als eine Regierung, die nur an den Interessen des internationalen Kapitals ausgerichtet ist und die das Land ausplündert.

Interessant ist dieses Detail aus seinem Privatleben: Laut seiner Ex-Geliebten Herma Marksman vertraute Chávez nur seinem Bruder Adán, den er für einen Kommunisten hielt, und Fidel Castro.
De acuerdo a un cable reportado el 7 de septiembre de 2004, Marksman le dijo a los diplomáticos que Chávez sólo confiaba en dos personas: su hermano Adán, a quien definió como “comunista”, y en Fidel Castro.

By the way: Fidel überlebt sie alle. Viva el Máximo Líder!

Nixen am Strand

nixen am Guaviare

Meine These, ich sei fast immer allein gewesen am Strand des Rio Guaviare bzw. Rio Atabapo in San Fernando de Atabapo im venezolanischen Bundesstaat Amazonas, muss ich nach Durchsicht meiner Fotos ein wenig korrigieren.

Am Strand

GuaviareGuaviare

Draußen liegt immer noch Schnee, also muss ich an etwas anderes denken.

Ich habe nie verstanden, was Leute dran finden, sich zwischen gefühlt drei Millionen anderer Menschen auf einen Stand zu legen, sich nicht zu bewegen, aber einen Sonnenbrand zu holen, und ab und zu in einem Meer zu schwimmen, in das vorher auch gefühlt drei Millionen andere Leute hineingepinkelt haben.

Ich stelle mir unter “Stand” und Entspannung etwas vor wie hier in San Fernando de Atabapo im venezolanischen Bundesstaat Amazonas: Das obere Foto zeigt den Rio Guaviare in Kolumbien, der rund 1000 Kilometer westlich in den Anden entspringt, und links ergießt sich der Rio Atabapo in den Guaviare – beiden fließen einige Kilometer weiter nördlich in den Orinoco. Das Foto unten – die venezolanische Seite des Ufer – zeigt die “Standpromenade”, wenn man sich einfach mal umdreht. Außer mir was da übrigens selten jemand.

Ich hatte am 28.08.2012 (“Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents”), am 25.01.2013 (“An der Grenze zur grünen Hölle”), am 08.10.2012 (“Doktorspiele”) und am 22.01.2011 (“Am Orinoco (1998)”) schon etwa zu diesem Ort geschrieben.

Yahoo in den Llanos

palmarito

Das Foto eines Reiterspiels habe ich 1998 in dem winzigen Ort Palmarito in den südlichen Llanos von Venezuela gemacht.

Doktorspiele

doktorspiele

Das Foto habe ich 1998 in San Fernando de Atabapo in Venezuela gemacht.

Übrigens hat Chavez die Wahlen gewonnen. Und das ist auch gut so.

Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents

OrinocoOrinocoOrinocoOrinocoOrinocoOrinocoOrinoco

Alexander von Humboldt schrieb 1865:

Wir blieben nur einen Tag in San Fernando de Atabapo, obgleich dieses Dorf mit seinen schönen Pihiguao-Palmen mit Pfirsichfrüchten uns ein köstlicher Aufenthalt schien. (…) Am 27. Mai kamen wir von San Fernando mit der raschen Strömung des Orinoco in nicht ganz sieben Stunden zum Einfluß des Rio Mataveni. Wir brachten die Nacht unter freiem Himmel unterhalb des Granitfelsens el castillito zu, der mitten aus dem Flusse aufsteigt und dessen Gestalt an den Mäusethurm im Rhein, Bingen gegenüber, erinnert.

Ich bin 1998 der Route des genialen Erforschers gefolgt, nur in umgekehrter Richtung. “El Castillito” sehen die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser auf dem vierten Bild von oben – die Schilderungen Humboldts kann man immer noch als Reiseführer benutzen.

Ich bin damals von Puerto Ayacucho (wir fuhren mitten in der Nacht los; ich sitze da vor meiner Pension und warte – eines der wenigen Bilder, das meinen Rucksack zeigt) mit einem Lastwagen zum Orinoco gefahren (3. Bild von oben) und dann weiter mit einem kleinen Schiff bis San Fernando de Atabapo am Zusammenfluss von Orinoco, Rio Atabapo und Rio Guaviare (Bild ganz unten). Das gegenüberliegende Ufer ist schon Kolumbien.

Orinoco Backstage

OrinocoOrinocoOrinoco

Die Fotos habe ich 1998 am Orinoco in Venezuela gemacht – auf der südlichen Seite bei La Arenosa. Der Orinoco ist in der Regenzeit hier so breit, dass man das andere Ufer kaum sehen kann. Wenn man heute mit Google Maps draufschaut, dann erkennt man, dass die Hütten der Händler und ihre “Garküchen” abgerissen worden sind.

Caracas Backstage

caracas

Der Blick aus dem Zimmer meiner Herberge (ich verweigere mich hier dem Begriff “Hotel”) in Caracas, der Hauptstadt von Venezuela.

Ich habe versucht herauszufinden, wo das war – damals zehn Minuten zu laufen bis zum Busbahnhof, vom dem aus die Busse in den Westen des Landes abfuhren. Der heutige Terminal la Bandera kann es aber eigentlich nicht sein.

Ich habe ein wenig recherchiert: Ich bin damals die Avenida Lecuna nach Westen marschiert, nachdem mich ein Collectivo vom Flughafen irgendwo in der Nähe des Hilton abgesetzt hatte. Der Busbahnhof, auf dem ich dann mitten in der Nacht einen Bus nach Coro nahm, hieß Terminal des Pasageros de Nuevo Circo. Offenbar fahren die Überland-Busse heute nicht mehr dort ab.

Ich meine, die Pension wäre in der Avenida Sur 9 gewesen: Die Strasse war schmal, und es gab einige billge Cafés und Spelunken, in denen nachts Nutten und finstere Gestalten verkehrten. Das Foto habe ich am letzten Tag kurz vor meiner Abreise am 4.3.1998 gemacht.

US-Imperialismus reloaded

Womblog.de: “Washington legt weiter Mil­lionen Dollar an, um die süd­ame­ri­ka­ni­schen Staaten zu desta­bi­li­sieren; die US-​amerikanische Regie­rung ist nun dabei, die Prä­si­dent­schafts­wahl­kam­pagne der Oppo­si­tion gegen Chávez zu finan­zieren. Ihr Ziel ist es, die vene­zo­la­ni­schen Ölres­sourcen wieder unter Kon­trolle zu stellen und ihren regio­nalen Ein­fluss zu stärken. Im Februar bat der Prä­si­dent Obama um einen auf den Haus­halts­plan 2012 ange­rech­neten Vor­schuss von 5 Mil­lionen Dollar zur Unter­stüt­zung der Anti-​Chávez-​Gruppen.”

An der Grenze zur grünen Hölle

San Fernando de AtabapoSan Fernando de AtabapoSan Fernando de AtabapoSan Fernando de AtabapoSan Fernando de AtabapoSan Fernando de AtabapoSan Fernando de Atabapo

Vor acht Jahren habe ich das hier schon einmal gebloggt, heute kann ich die Bilder in besserer Qualität anbieten. Auch die Links sind aktueller.

Das ist das Ende der Welt: San Fernando de Atababo, der letzte Ort am oberen Orinoco, den man noch mit “öffentlichen” Verkehrsmitteln erreichen kann – sogar in der Trockenzeit nur per Boot. “Man sollte allerdings bedenken”, schreibt der Reiseführer, “dass solche Touren auf eigene Faust nicht ganz ungefährlich sind, man bewegt sich hier schon am Rande der “zivilisierten” Welt. Gen Süden und Westen gibt es nur noch selten Orte – den Casiquiare aufwärts ist das Gebiet fast menschenleer.

Nur zwei Tagesreisen östlich, und man ist auf dem Territorium der Yanomami. Ein italienischer Ethnologe hatte mir aber in Puerto Ayacucho mit Augenzwinkern erzählt, die Yanomami seinen die “Drosophila” der Ethnologie – kaum ein Volk sei besser erforscht. Und die Erforschten wüssten das und verhielten sich dementsprechend. Das bedeutet: dass Gringos wie Rüdiger Nehberg denken, deren Lebensart sei “ursprünglich”. Die “Indianer” hätten ganz andere Probleme: Goldsucher schürften in ihrer Gegend, es gäbe zahlreiche illegale Minen. Bei der Goldsuche fiele Quecksilber ab, und die Quellflüsse des Orinoco seien schon vergiftet. In dieser gottverlassenen Region leben noch andere Völker, um die sich kaum jemand kümmert, und die kämpften schlicht ums Überleben. Der Ethnologe warnte mich: Wer dort allein reiste, per Boot, dem könnte es geschehen, dass ihm Pfeile um die Ohren flögen, weil man für einen Goldsucher oder einen Sekten-Missionar gehalten würde, etwa vom berüchtigen fundamentalistischen Summer Instituts of Lingustics. Und die Indianer könnten verdammt gut mit Pfeil und Bogen umgehen…

Ich wusste, dass ich nicht genug Zeit und Geld hatte, um diese Tour zu machen – wenn ich das nächste Mal nach Venezuela fahre, weiß jeder, der dieses Weblog liest, wo ich dann zu finden bin: Entweder im Jeep irgendwo nördlich des Rio Meta in den Llanos (nicht in der Regenzeit), oder im Flussdreieck Orinoco – Casiquiare – Rio Atabapo, in Sichtweite der majestätischen Tafelberge, den Tepuis.

In einer Story über meine Reise (“Der gottverlassene Landstrich”, Tagesspiegel 19.9.1997) schrieb ich: “San Fernando de Atabapo: ein verschlafener Ort mit 3000 Einwohnern. Eine Kirche. Ein Restaurant: der folgenlose Genuss des Tagesmenüs setzt eine tropentaugliche Darmflora voraus. Das einzige Hotel (Bild links oben) an der Plaza Bolivar: nur drei Zimmer, weit jenseits von mitteleuropäischem und Komfort. Mittendurch eine Heerstraße für Ameisen und die in Volksliedern liebevoll besungenen Cucarachas. Am Abend schauen auch ein paar Kröten herein, die der kurze, aber um so heftigere Tropenregen unternehmungskustig macht. Hängematte und Moskitonetz gehörten zur Grundausstattung des Reisenden wie Toilettenpapier und Plastikfolie, um Papiere und Geld vor Feuchtigkeit zu schützen.”

Es war viel netter: die hübsche Hausgehilfin des Hotels (Bild oben rechts), natürlich alleinerziehende Mutter, drückte mir eine Schaufel in die Hand, nachdem ich lange auf sie eingeredet und ihr eine Menge Komplimente gemacht hatte. Angeblich war das “Hotel” voll. Aber ich durfte dann doch das einzige leere Zimmer (Bild oben links) vom Müll befreien. Es war, vom Globetrotter-Maßstab aus gesehen, recht komfortabel. Die junge Dame brachte mir, verlegen lächelnd, sogar einen Ventilator. Draussen eine Terasse mit Tisch und Stuhl, allerdings standen überall leere Bierkästen und anderes Gerümpel herum. Ich rückte den Stuhl an die kleine Mauer mit Blick auf den Zusammenfluss von Atabapo und Guaviare, warf meinen Ofen an und kochte mir eine heisse Suppe, die erste Mahlzeit seit vier Uhr morgens. Brot hatte ich auch noch. Während ich meine Mahlzeit löffelte, sah ich direkt nach Westen und ließ die Gedanken schweifen. 1982 hatte ich an demselben Fluss gestanden, weit im Westen, in den kolumbianischen Lllanos

Das grandiose Panorama entschädigt für die Müllkippe des Ortes in Reichweite – im Gestrüpp zwischen Flussufer und Hotel. Eine Gewitterwolke dräut über dem satten Dunkelgrün des Urwalds, die letzten Sonnenstrahlen gleißen durch das kitschige Abendrot und lassen die Sandbänke weiß leuchten. Hier fließen drei Ströme zusammen: Guaviare, Atabapo und Orinoco. Der Guaviare, breiter als der Rhein, entspringt tausend Kilometer westlich in den kolumbianischen Anden und hat, so schreibt Alexander von Humboldt, weisses Wasser, und der ganze Anblick seiner Ufer, seiner gefiederten Fischfänger, seine Fische, die großen Krokodile, die darin hausen, machen, daß er dem Orinoco weit mehr gleicht. Von Süden ergießt sich der Atabapo in den Guaviare. Wassertemperatur des Rio Atabapo: erstaunliche 37 Grad. Der sonnendurchglühte Granit (Bild linke Reihe, 2.v.o.) heizt den Fluss auf. Er ist dunkel wie schwarzer Tee, aber klar bis auf den Grund. Die Färbung rührt von Gerbsäure, die Insekten abhält, ihre Eier zu legen.

In den folgenden Tagen ging ich jeden Tag zum Fluss, die Sandbänke tauchten wie schneeweiße Fische aus dem Wasser auf. Das Wasser war wirklich, so wie Humboldt es beschrieben hatte, wärmer als in einer Badewanne und, abgesehen von der dunkelbraunen Farbe, glasklar. Ich setzte mich in den warmen Sand ins Wasser, und tausende winzige und glitzernde Fische schwommen um mich herum, als hätten sie keine natürlichen Feinde. Die mächtigen Bäume am Ufer zeigten alle Schattierungen der Farbe grün, der Himmel war wolkenlos und dunkelblau – mir schien es, als sei ich in eine Kitschpostkarte hineingeraten. Und ich war ganz allein. Warum ist hier sonst niemand? habe ich mich damals gefragt. Ich habe, bis auf Grenada in der Karibik, nirgends einen besseren Sandstrand und schöneres Wasser gefunden. Nun gut, es gibt weder ein Restaurant, das diesen Namen verdiente, noch ein Hotel… Aber von Berlin aus braucht man nur drei Tage, wenn alles gut geht…

USA finanzieren regierungskritische Medien in Venezuela

Wikileaks hat gerade ein Dokument veröffentlich, aus dem hervorgeht, dass die USA die Medien finanziell unterstützen, die in Venezuela gegen Chavez ausgerichtet sind. Das kennen wir ja schon aus Chile zur Zeit Salvador Allendes.

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