Heiss und träge

San Fernando de Atabapo

Ein träger und brüllend heißer Sonntag in San Fernando de Atababo am Orinoco (1998). Ich finde den Platz auf der aktuellen Karte gar nicht mehr; das Gebäude der Guardia Nacional Bolivariana war auch da – ich hatte sogar eine „Audienz“ beim Kommandanten. Vielleicht haben sie es abgerissen…

Ich schrieb 2011: …der letzte Ort am oberen Orinoco, den man noch mit „öffentlichen“ Verkehrsmitteln erreichen kann – sogar in der Trockenzeit nur per Boot. „Man sollte allerdings bedenken“, schreibt der Reiseführer, „dass solche Touren auf eigene Faust nicht ganz ungefährlich sind, man bewegt sich hier schon am Rande der „zivilisierten“ Welt. Gen Süden und Westen gibt es nur noch selten Orte – den Casiquiare aufwärts ist das Gebiet fast menschenleer.

Vete, Maduro! [Update]

caracas

Foto: Caracas 1998. Ich bin mir nicht sicher, wo genau das war, vermutlich an der Ecke Sur 9/Avenida Bolivar oder Avenida Lecuna. Schräg gegenüber war ein Busbahnhof. Nicht weit davon war meine Pension.

Maduro, lass dich abwählen wie die FSLN in Nicaragua!

Die Nachfolger werden es nicht besser machen, sondern Venezuela völlig ruinieren und ausländischen Konzernen verkaufen. Ein paar Jahre später kannst du dann erneut Wahlen gewinnen. Aber dazu braucht es nicht einen korrupten Bürokraten, sondern einen Charismatiker wie Chavez, auch wenn der viel Unsinn erzählt hat. „Links“ heisst in vorindustriellen Ländern Lateinamerikas nur, dass der Reichtum anders verteilt wird.

Einen Präsidenten von Gnaden Trumps kann aber niemand den Venezolanern wünschen.

[Update] Fefe weist auf ein Video hin: „Leftist Debunks John Oliver’s Venezuela Episode“. Das Video kann man nicht so ohne weiteres ansehen, vermutlich weil der Mainstream-Version des Themas widerspricht. Es gibt noch ein Video von BBC (2016, Flash required), das relativ sachlich ist.

Hände weg von Venezuela!

elorza

Mädchen aus Elorza, Venezuela 1998

LowerClassMagazine: „Wie auch immer man zur Amtsführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro stehen mag, die Ablehnung des US-geführten Putsches in dem lateinamerikanischen Land sollte Minimalkonsens unter Linken sein.“

America21 hat einen ausführlichen Bericht zum Thema.

Venezuela

Ist alles schon in Avatar zu hören, was die USA jetzt tun werden oder billigend in Kauf nehmen.

Der wilde Fluss

Masparro

[Reprint vom 26.12.2003]

Im Febuar 1998, Venezuela. Der Bus fuhr in der Nacht von Quibor über Acarigua nach Barinas. In der staubigen Provinzstadt – es war Trockenzeit – suchte ich mir ein billiges Hotel direkt am kleinen Busbahnhof. In Barinas gab es nichts von touristischem Interesse: eine kleine Plaza, Geschäfte, deren Inhaber arabischer Herkunft zu sein schienen wie so oft im Westen Venezuelas. Und ein paar Banken. Ich brauchte drei Tage, um meine Dollars in venezolanischen Geld zu tauschen, weil sich die Banken weigerten, das zu tun. Man wird geduldig, wenn man in Schlangen vor südamerikanischen Bankschaltern steht… Ich musste mich erst durchfragen, eine hilfsbereite Dame in einem Reisebüro vermittelte mir eine Frau, die wohl häufig private Geldgeschäfte machte…

In der Region um Barinas wollte ich mir den Fluss Masparro ansehen, der sich aus den Anden in die weiten Ebenen, die Llanos, ergiesst und im Osten in den Apure mündet. Die Konquistadoren blieben damals an den Ausläufern der Berge stecken, viele wurden fieberkrank und starben. Doch wo war der historische „Flecken Moßpaw“ alias Masparro?

Am 16. September 1535 schrieb der deutsche Konquistador Philipp von Hutten: „Zohen über ain grosse Refier [Fluss], Wannawanain genandt, darinnen vns ain Christ ertrunken. Den 2. Tag im Feld. Schickt der Gubernator [Gouverneur von Venezuela, hier: Georg Hohermuth von Speyer] Steffan Martin mit sechtzig zue Fueß vnd zehen Pferden, Weg zu suechen, vnd bliben wir hie ligen. Den 16. embot Steffan Martin dem Gubernator, er wartet sein ain Tagraiß von hinnen inn ainem gueten Flecken mit vil Prouiant, het 26 Indier gefangen. Fertigt der Gubernator viertzig Pferd ab, embot seinem Statthalter, so in Hacke Rigua [Acarigua] lag, er solt mit dem anderen Volck hernachkommen. Zoch er gedachten Flecken, Moßpaw [Masparro] genannt, wurden fast alle Christen krank. wie nun die Indier sahen, das vnser wenig waren, auch fast kranck, vnderstunden sy sich, vns mit Gewallt auß jrem Land zu schlahen. Kamen auff ain Morgen biß in fünff- oder sechstausent Indianer mit Geschray…“

Masparro

Weite Teile der venezolanischen Llanos sind in der Regenzeit überschwemmt. Die historischen Orte Itabana, Moßpaw und Tharobeia, die in den Papieren des Konquistadors Philipp von Hutten erwähnt werden und die auch in meinem Roman Die Konquistadoren Schauplätze des Geschehens sind, können heute nicht mehr exakt lokalisiert werden. Der Masparro war der grösste und in der Regenzeit wohl auch der gefährlichste Fluss der Region. Der auf historischen Karten noch eingezeichnete Ort lag im Dreieck Sabaneta-Barinas-Obispo. Die Konquistadoren unter Hohermuth folgten ungefähr der heutigen Eisenbahnlinie von Guanare über Barinas nach Südwesten und brauchten vier Monate – von März bis Juni 1536 – um Rio Apure, Rio Arauca und den Casanare – im heutigen Kolumbien – zu passieren.

Auf der heutigen Karte des Bundesstaats Barinas sucht sich der Fluss zwischen Sabaneta im Norden und Barinas seinen Weg. Ein Ort Maspara östlich von Barinas, der auf historischen Karten eingezeichnet ist, existiert heute nicht. Die Augenzeugen der Konquista wie Nikolaus Federmann und Philipp von Hutten überlieferten die Namen der Orte nur lautmalerisch. Man kann davon ausgehen, dass die historische Bezeichnung Masparro sowohl den Ort als auch den Fluss oder gar die ganze Region meinte. Eine Karte der heutigen indianischen Völker Venezuelas gibt keine Informationen darüber, ob es sich um ein Wort aus dem Arawak handelt. Vielleicht waren die kriegerischen „Indier“, von denen Hutten berichtete, die Vorfahren der Guahibos, die sich heute in das Grenzgebiet zu Kolumbien zurückgezogen haben.

Masparro

Ich nahm einen klapperigen Lokalbus, meine detaillierte Karte zur Hand und sagte dem Busfahrer, er möge mich an einer Brücke über den Masparro absetzen. Doch der gefährliche und reissende Fluss, in dem um 1536 mehrere Soldaten ertrunken waren, entpuppte sich als harmloses Rinnsal (Fotos oben). In Sabaneta redete ich mit den Taxifahrern, die sich im Zentrum des Dorfes langweilten. Der Älteste von ihnen erbot sich, für sehr wenig Geld mit mir in der Gegend herumzufahren und das Rätsel um den Masparro zu lüften. Wir tuckerten in der glühenden Hitze gemütlich in Richtung der Berge im Westen, und der alte Herr redete unentwegt auf mich ein, erzählte von seinen Kindern in den USA und welche Sorten Fische es im Masparro gebe. Und dann wurde mir klar, warum der Fluss heute keine Gefahr mehr ist: ein Staudamm! Das Wasser donnerte in einem mehrere Meter dicken Strahl in die Tiefe – und das in der Trockenzeit, in der der Fluss extrem wenig Wasser führt. Man kann sich vorstellen, wie es aussehen könnte, wenn es mehrere Monate lang geregnet hat: Die Ebene östlich der Berge – der venezolanischen Anden – verwandelt sich in einen See. Und das erklärt auch, warum die Konquistadoren damals meinten, sie wären am Ufer des indischen „Südmeers“ und die Molukken fast in Reichweite…

Masparro

Nunca volver a verte!

bolivares venezuela

Das Geld sieht jetzt anders aus.

Am Rio Apure [Update]

rio apure

Hier ein bisher unveröffentliches Foto aus Venezuela (1998). Wir stehen am linken Ufer des Rio Apure und warten darauf, dass uns jemand auf der anderen Seite sieht und mit einem Boot herüberpaddelt. Das geschah wenig später auch. Der Rio Apure hat dort eine starke Strömung, es ist gar nicht so einfach, ihn ohne Motor zu überqueren.

Die Vorgeschichte: Der Besitzer eine Farm in den Lllanos fand mich nett und beauftragte seine Landarbeiter, mich mit einem Traktor nach Palmarito zu fahren – eine Straße gab es nicht wirklich, und es dauerte fast den ganzen Tag.

[Update] Ich habe noch ein Foto gefunden, wie wir uns mit dem Taktor den Weg bahnen:

rio apure

Cinquenta y un mil quinientos veinticinco

51000

Puerto Ayacucho, Venezuela (1998). Die Summe hätte ich gern in Euro…. Mein Name war für die immer die Höchststrafe.

Dos Lindas

hamaca

Meine Hängematte stammt aus Tintorero bei Quibor im venezolanischen Bundesstaat Lara. Das Mädel war im Verhandeln eisenhart und gefiel mir außerordentlich. Die Hängematten werden von einer Kooperative hergestellt und verkauft, und man hat dort Festpreise, was extrem un-südamerikanisch ist.

Vamos a Bailar

coro

Tänzerinnen in Coro, Venezuela (1998)

Ein Mädchen vom Lande

magd

Dienstmädchen aus San Fernando de Atabapo im venezolanischen Bundesstaat Amazonas (1998). Sie besaß nichts, ausser einem Kind und ein paar Kleidungsstücken.

Selfie am Atabapo

atabapo

Selfie am Zusammenfluss von Rio Guaviare und Rio Atabapo, kurz vor der Mündung beider in den Orinoco, Venezuela, Region Amazonas (1998, ungefähr hier).

Médanos de Coro

corocoro

Dünenlandschaft im Parque Nacional Los Médanos de Coro. Wikipedia: „Der Nationalpark umfasst 91.280 Hektar Wüste, Küste und Salzwiese. Die großen Dünen (‚Médanos‘) erstrecken sich über eine Länge von 5 bis 30 Kilometer und können bis zu 40 Meter hoch werden. Durch starke Winde ändern sie ständig ihre Form. Wegen der sehr seltenen Niederschläge besteht die Flora aus stacheligen Sträuchern. Die Fauna ist ebenso spärlich und besteht hauptsächlich aus Echsen, Hasen, Ameisenbären, Füchsen, Tauben und Falken.“

Ich hatte mir einen Lokalbus genommen und bin ganz allein durch die glühend heisse Einöde gestapft. (mehr lesen) Ein Moment der Erleuchtung.

Mein liebstes Selfie

selfie

Mit dem Jeep am Rio Meta (Llanos del Orinoco), Grenzgebiet Kolumbien-Venezuela, 1998, auf dem Weg von Elorza nach Süden zum Rio Capanaparo.

What Is Happening in Venezuela?

The Nation, die älteste Zeitung der USA, beschreibt die Situation in Venezuela. Offenbar hat die US-Regierung eine ganz andere Meinung. Quod erat demonstrandum. Erinnert irgendwie an die „westliche“ Propaganda zum Krieg in der Ukraine.

Caracas

caracascaracascaracascaracas

Impressionen aus Caracas, Venezuela (1998) Unten an den Schachtischen habe ich auch oft gesessen.

Enteignen!

Es gibt da einen fast vergessenen Artikel im Grundgesetz, an ich ich erinnern möchte. Im Artikel 14 steht:
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

Eigentum soll dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Ach? Und das ist noch gültig?

In Venezuela ist es grad aktuell. America21.de berichtet:
Venezuelas Regierung hat die Entscheidung des Internationalen Zentrums zur Beilegung von Investitionsstreitigkeiten (ICSID) im Streit mit dem US-amerikanischen Erdölkonzern Exxon als Erfolg bewertet. Das ICSID, das der Weltbankgruppe angehört, hatte den südamerikanischen Staat wegen der Nationalisierung von Exxon-Anlagen und Liegenschaften zu einer Entschädigungszahlung von 1,6 Milliarden US-Dollar verurteilt. Exxon hatte mit Verweis auf die entgangenen möglichen Gewinne aus der Erdölförderung in Venezuela Zahlungen in Höhe von zwölf Milliarden US-Dollar verlangt. Diese „überzogenen Ansprüche“ des US-Unternehmens seien nun gescheitert…“

Die FAZ hat noch ein knackiges Zitat:
„Herren Imperialisten, das Öl gehört dem Volk.“ (…) Venezuela hatte die Ölfelder 2007 unter der Präsidentschaft des 2013 verstorbenen Hugo Chávez verstaatlicht. Zuvor war eine Partnerschaft zwischen Exxon und dem Staatsbetrieb Petroleos de Venezuela SA (PDVSA) im rohstoffreichen Orinoco-Becken im Westen des Landes gescheitert. Der US-Ölkonzern sieht sich enteignet.“

Ach. Da kommen mir die Tränen.

Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit in Venezuela

Puerto Ayacucho

Das Foto habe ich 1998 in Puerto Ayacucho in Venezuela gemacht – auf dem Mercado Indígena. Dort hatte ich etwa gegessen.

America21.de über die „Opposition“ in Venezuela, die von den USA finanziert wird:
Welche Gruppen in Venezuela unterstützt werden, wird seit 2010 in den öffentlichen Jahresberichten der NED und des US-Außenministeriums nicht mehr ausgewiesen. Damals waren die hauptsächlichen Empfänger unter anderem das „Institut für Presse und Gesellschaft“ (IPYS) und die Gruppe „Führung und Vision“ (Liderazgo y Visión), die Beschäftigte des öffentlichen Sektors im Bundesstaat Carabobo agitierte. Bezuschusst wurden ebenso das „Zentrum zur Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit“ (CEDICE Libertad), ein neoliberal ausgerichteter Think Tank, sowie die Organisation „Súmate„, der die rechtsgerichtete Ex-Parlamentarierin María Corina Machado angehört.

„Führung und Vision“ ist vergleichbar mit der hiesigen Content-Mafia und setzt sich „für den Schutz des Privateigentums“ ein. CEDICE Libertad hält Venezuela für „kommunistisch„. Alejandro Plaz, der Gründer von Súmate, „is a Venezuelan engineer and management consultant, who holds three Master’s degrees (two from Stanford University), and was a Senior partner for McKinsey & Company in Latin America“.

Das waren noch Zeiten, als die USA direkt einmarschierten. Heute machen sie es anders. Die Terminologie ist ähnlich wie in der Ukraine, ein Bürgerkrieg oder ein Militärputsch sind aber noch nicht in Sicht. „Verbreitung wirtschaftlicher Kenntnisse für die Freiheit“ könnte auch mit „Volkswirtschaftslehre“ übersetzt werden oder mit „das Land für die westlichen Märkte öffnen“.

Am Rio Meta

rio meta

Das Foto (1998) zeigt den Rio Meta auf der venezolanischen Seite, nicht weit von Puerto Carreño in Kolumbien. Ich sitze hinten im Jeep, der einem katholischen Pater aus Elorza gehörte, der aus Polen stammte und mit dem ich mich über die Situation der Guahibo unterhalten hatte – und der auch Klartext redete. Der Pater entschloss sich spontan, seinen Bischof in Puerto Ayacucho am Orinoco besuchen zu wollen, und ich wollte auch dorthin. Mit dem Flugzeug sind das nur 266 Kilometer, mit dem Auto aber mehr als 500 – wir waren den ganzen Tag unterwegs. Gekostet hat es mich nichts, und ein Mittagessen bekam ich auch ausgegeben.

Wenigstens in meiner Phantasie muss ich mich von dem verlogenen Mist, den ich ständig in den Medien lese, erholen. Ich gäbe etwas darum, jetzt am Rio Meta zu sein…

Ein Reaktionär mit guter Frisur

Portal america21.de: „In der Europäischen Union wächst der Widerstand gegen die aggressive Haltung deutscher Diplomaten gegen die linksgerichtete Regierung von Venezuela. Nach vertraulichen EU-Dokumenten, die amerika21.de vorliegen, sind deutsche Diplomaten in Fachgremien des Europäischen Rates mit dem Versuch gescheitert, politische Sanktionen gegen das südamerikanische Land zu erlassen.“

Das dortige Außenministerium hatte sich laut diplomatischen Quellen bereits vor Wochen bei Außenminister Frank-Walter Steinmeier über den deutschen Botschafter Walter Lindner beschwert. Nach Ansicht des venezolanischen Außenamtes hatte der gebürtige Münchner in Interviews mit den regierungskritischen Tageszeitungen El Nacional und El Universal Vergleiche zwischen der aktuellen Lage in Venezuela und dem NSDAP-Regime gezogen.

Bei solchem diplomatischen Personal muss man sich im Ausland manchmal schämen, ein Deutscher zu sein. Man sieht: Auch Menschen mit guter Frisur können Reaktionäre sein.

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