Weimarer Republik, revisited

Weimarer Republik

Man muss der Wirtschaft die Fesseln abnehmen und ihr das Wirtschaften nach den ewig gültigen ökonomischen Gesetzen wieder freigeben, damit sie ihre Kräfte entfalten kann.” (Brief deutscher Industrieller an Reichskanzler Heinrich Brüning, 1913)

Weimarer Republik – muss man darüber etwas wissen? Es geht um die Jahre 1918 bis 1933. Ich habe jede Menge Bücher darüber, aber keines, das mir wirklich gefällt und das mich zum Denken anregt. Entweder handelt es sich um primitive Propaganda im pseudo-religiösen stalinistischen Stil, oder um Versionen der offiziellen Geschichtslüge der alten Bundesrepublik, die erste Demokratie in Deutschland sei von “Links” und “Rechts” zerstört worden. Auch die Bücher aus der DDR zum Thema vertreten nur die Version der Partei zum Thema, die definitiv Unsinn ist.

Erst jetzt könnte man versuchen, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, um zu erfahren, warum damals alles schief gegangen ist, und was man heute anders machen müsste.

Die Sieger schreiben aber auch die Geschichte in ihrem Sinn um. Deswegen wird man zwar jede Menge Filme, Dokumentationen und Reportagen über Hilter im deutschen TV sehen, aber keine einzige darüber, dass die deutsche Industrie fast ausnahmslose Hitler an die Macht bringen wollte, und das auch geschafft hat. Vieles von dem, was damals gesagt und getan wurde, wiederholt sich heute, sogar mit fast wortgleichen Phrasen. Deswegen ist es gefährlich, sich mit der Weimarer Republik zu befassen – man könnte auf “dumme” Gedanken komme,

Ich empfehle das Buch Manfred Weißbeckers: “Weimarer Republik”, erschienen 2015 bei PapyRossa. Preis und “Leistung” stehen in einem sehr günstigen Verhältnis. Man erfährt auf knapp 140 Seiten alles, was man wissen sollte. Da der Autor auch auf Fußnoten verzichte, kann man es in zwei Tagen bequem lesen. Man bekommt aber Lust auf mehr Informationen – was eben auch Sinn und Zweck eines guten Buches ist.

Weißbecker nimmt keine Rücksicht auf irgendjemanden und legt sich mit jeder “offiziellen” Meinung an. Seine Thesen, die wegen der unbestrittenen Fakten kaum bestreitbar sind, werden aber im offiziellen Wissenschaftsbetrieb wegen der freiwilligen politischen Selbstkontrolle nicht erwähnt werden. Gute Wissenschaft, so wie ich sie mir vorstelle – und dazu so geschrieben, dass auch Laien es lesen können.

Der Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) (vergleichbar mit den heutigen “Arbeitgeberverbänden”) publizierte damals viele Schriften, die man als Lektüre in den Schulen empfehlen möchte. Alles, was man politisch durchsetzen wollte, war die Lohzne zu senken, das Streikrech zu beschneiden, “Zulassung von Überstunden und Akkordarbeit”, Abschaffung des Acht-Stunden-Tags, “Beseitigung der Zwangsbewirtschaftung” (darunter fielen heute z.B. der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn).

Die deutsche Wirtschaft müsse von allen unwirtschaftlichen Hemmungen befreit werden. Die Belastung der Wirtschaft durch Steuern sei auf ein unumgängliches Maß zurückzudämmen. Alle Unternehmen in öffentlicher Hand sollten künftig grundsätzlich in privatwirtschaftlicher Form betrieben werden. Zu reformieren sei das Sozialversicherungswesen, ebenso die Arbeitslosenversicherung. Aufzuheben seien die bestehende Schlichtungsverordnung und das, was die Industriellen als “Zwangslohnsystem” bezeichneten. Sie meinten damit die Beseitigung der staatlichen ‘Zwaqngseinwirkung auf die Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen und wandten sich auch gegen die Schiedssprüche bei Tarifauseiandersetzungen.”*

Das alles haben wir heute wieder, und das alles wird auch von Griechenland gefordert, um den europäischen Banken mit Steuergeldern zu helfen und diese zu alimentieren.

Sehr interessant auf für mich sind die Abschnitte, in denen Weißbecker die Politik der KPD beschreibt. Die Parteiführung fuhr einen unverantwortlichen Schlingerkurs zwischen linkem Sektierertum, illusionärem Putschismus (der aus Moskau abgesegnet wurde), “Dilettantismus” und sogar zeitweiliger verbaler Anpassung an die Propaganda der Nationalsozialismus (“unser Führer” ist besser als eurer, vgl. unten)

Ultralinken Kräften in der KPD gelang es, usprünglich demokratisch-kommunistische Vorstellungen beiseite zu schrieben und der KPD einen linksradikalen Kurs aufzuzwingen.”

Weimarer Republik

Da zu DDR-Zeiten die Partei immer recht hatte, konnte diese Zeit der deutschen Geschichte nie wissenschaftlich aufgearbeitet werden, auch nicht die zwiespältige Rolle Ernst Thälmanns, der ein Mann Stalins war. Oder kennt jemand noch Paul Levi? Quod erat demonstrandum.

Oder weiß jemand, dass die führenden Banker, Kapitalisten und Großgrundbesitzer Deutschlands sich schriftlich bei Hindenburg dafür einsetzten, Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen? (Die Namen werden im Buch genannt.)

Ein Déjà vu hatte ich auch, als ich die Passagen über die Rolle der “Mittelschichten” in der Weimarer Republik las, also das, was uns mit den Grünen bevorsteht, wenn sich der Klassenkampf die Krise in Deutschland weiter verschärft, was unvermeidbar ist.

Nicht alles kann und wird sich wiederholen. Aber die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser sollten sich ihre eigenen Gedanken machen.

* Weißbecker fasst eine Denkschrift des Reichsverbandes der Deutschen Industrie vom 2.8.1929 zusammen.

Hochschulwatch

Hochschulwatch – ein Portal von Transparency International Deutschland e.V. , der taz und der Studierendenvertretung fzs:
Mehr als 1,3 Milliarden Euro fließen aus der gewerblichen Wirtschaft jedes Jahr an deutsche Hochschulen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Die tageszeitung, die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e.V. und die bundesweite Studierendenvertretung fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) ziehen Bilanz zu zwei Jahren Hochschulwatch. Das Internetportal sammelt fragwürdige Einflussnahmen auf Hochschulen.

Female Warriors [Update]

Und gleich noch etwas von My Modern Met: “Historical Portraits of African Female Warriors by Street Artist YZ”.
The historical portraits reference the highly-trained military women of the First Franco-Dahomean War in the 1890s, who, according to accounts, were actively fighting and killing the French.

Genial. So kann man Geschichte auch lernen. Unglaublich eindrucksvolle Gesichter. Mich würde interessieren, wo die Künstlerin (“French Street Artist YZ”) das her hat. Gibt es die “Female Warriors” irgendwo in einem Fotobuch?

Vgl. Brooklyn Street Art:
“I want to show warriors from ancient times; revolutionists, anti-colonialists, intellectual women who have written the story of Africa. We need figures to be proud of our roots, to keep fighting for our rights, and to write the story of tomorrow.”

Superselected.com:
The African Kingdom of Dahomey (modern day Benin) lasted from about 1600-1900. In 1729, an all-female militia organized and became a respected force within the kingdom. Eventually, the militia became so highly respected that King Ghezo, king of Dahomey from 1797 to 1818, ordered all of the families in the kingdom to send their daughters in to be considered to join the militia. Only the fittest and strongest women were chosen.

Ich glaube nicht, dass so etwas in deutschen Schulen gelernt wird. Dafür gibt es aber Religionsunterricht. Um Geschichte zu lernen, muss man eben manchmal mit dem Computer spielen.

[Update] Ich habe noch etwas gefunden: “Dahomey’s Women Warriors”. Und mit der Google Bildersuche natürlich.

Wir sind alle Barbaren

krieg

Die japanische Regierung ist “zornig” über “einen weiteren Akt des Terrorismus.” Der so genannte “Islamische Staat” hatte eine japanische Geisel enthauptet.

Jetzt “empören” sich die Mainstream-Medien über Fox News, auf deren Website ein Video zu sehen ist, wie eine Geisel des “IS” bei lebendigem Leib verbrennt. Natürlich traut sich niemand (außer burks.de), einen Link zu setzen. Vermutlich dürfen dann die Leserinnen und Leser auch keinen Link erwarten, der sie zu Francisco Goya und “Los desastres de la guerra” führt?

Das alles hatten wir schon vor elf Jahren diskutiert, als ein US-Amerikaner enthauptet wurde. Die meisten Journalisten, die tagesaktuell berichten (müssen), scheinen ein Gedächnis wie eine Drosophila zu haben. Ihr langweilt mich mit eurer heuchlerischen und sinnfreien “Empörung”.

krieg

Worum geht es? Nicht die Menschen an sich sind ultraböse und grausam, sondern der Krieg macht sie zu “Barbaren”. (“Barbaren” sind böse, “wir” sind die Guten.) Das war schon immer so, und das sollte jeder wissen, der nicht im Geschichtsunterricht gefehlt hat. Das will aber niemand sagen, und schon gerade nicht die, die kein Problem damit haben, deutsche Soldaten zu friedenserzwingenden Maßnahmen in alle Welt zu schicken. Ihr kotzt mich an.

Man hat Menschen auch schon immer öffentlich und zum Gaudi des Publikums bei lebendigem Leibe verbrannt. In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, hat man Juden in Todesfabriken vergast. Ist das humaner? Der “Islamische Staat” ist auch der “Genfer Konvention nicht beigetreten, im Zeitalter der “asymmetrischen” Kriege ohnehin eine absurde Idee.

Was also ist die Botschaft? Wenn die Morde an Geisel jetzt atavistische Reflexe hervorrufen (“Rache”, “Vergeltung”), dann sind beide Seiten auf einem “Niveau”. Und genau so geschieht es. Quod erat demonstrandum.

Wer Kriege akzeptiert, muss auch den Terror akzeptieren. Wer den Terror nicht zeigt, macht sich zum Helfershelfer derjenigen, die Kriege (“verkaufen”) wollen – oder, wie die deutsche Regierung – die Waffen dafür liefert. So einfach ist das.

krieg

Als die Franzosen Spanien überfielen (Anfang des 19. Jahrhunderts), haben beide Seiten unverstellbare Gräuel begangen. Die Augenzeugenberichte, auch von Deutschen, liegen heute noch vor (wenn die Berliner Bibliotheken sie noch nicht vernichtet haben, könnte man sie ausleihen.*)

* Quellen in der Staatsbibliothek Berlin:
– Franz Morgenstern: Kriegserinnerungen des Obersten Franz Morgenstern aus westfälischer Zeit ; Hrsg. von Heinrich Meier, Wolfenbüttel 1912 Ab 4. März 1809. U.a. detaillierte Beschreibung der Belagerung von Gerona. Namenslisten der 1809 in Spanien Gefallenen der Westfälischen Division.
– Rudolf Rr v. Xylander: Geschichte des 1. Feldartillerie-Regiments Prinz-Regent Luitpold 1806-1824; Berlin 1909
Friedrich Freudenthal: Hannoversche Soldatengeschichten; Vom Harz bis zur Moskwa. Unter Napoleons Fahnen. Spanien und Waterloos (nach Friedrich – Lindau: Erinnerungen eines Soldaten aus d. Feldzügen d. Königl.-deutschen Legion). Der Werber. Bremen 1912
P. Zimmermann: Grossherzoglich Bergische Truppen: Feldzüge in Spanien und Rußland. Nachdr. D. Ausgabe Düsseldorf 1842, red. Herta und Ulrich Jux. Bergisch Gladbach 2000
– Karl Franz von Holzing: Unter Napoleon in Spanien: Denkwürdigkeiten eines badischen Rheinbundoffiziers [Augenzeuge des Spanienfeldzugs] (1787-1839)]. Aus alten Papieren hrsg. v. Max Dufner-Greif. Berlin 1936
– Johann von Borcke: Kriegerleben; 1806-1815 [Augenzeuge des Spanienfeldzugs]
– Ludwig Boedicker: Die militärische Laufbahn 1788-1815 des Generallieutenant Ludwig Boedicker. Eine Selbstbiographie. In: Beiheft zum Militär-Wochenblatt, Jg. 1880, Heft 5/6 [Augenzeuge des Spanienfeldzugs, S. 254-268]
– Konrad Rudolf v. Schaeffer: Unter Napoleons Fahnen in Spanien 1808-1809; Aus den Erinnerungen eines deutschen Generals, Berlin 1911
– [Friedrich M. Kircheisen] (bearb. v.) Feldzugserinnerungen aus dem Kriegsjahre 1809, Hamburg 1909

Science’s Biggest Fail oder: Sagen Sie bitte Profx. zu mir

Scott Adams (via Fefe) über die Glaubwürdigkeit “wissenschaftlicher” Erkenntnisse.

What’s is science’s biggest fail of all time?
I nominate everything about diet and fitness. (…)
Step One: We are totally sure the answer is X.
Step Two: Oops. X is wrong. But Y is totally right. Trust us this time.

Gilt natürlich insbesondere für “Volkswirtschaft” und “Genderpolitik“.

Reaktionäre Schichttorte

ständepyramide

Ist eine Gesellschaft “natürlich”? Natürlich nicht und niemals. Ein zentrales Anliegen der jeweils herrschenden Klassen und ihrer medialen Helfershelfer ist es jedoch, genau das Gegenteil zu behaupten und das Volk in diesem Sinn zu indoktrinieren. Das war schon seit dem Neolithikum so.

Dazu gehört, dass man bestimmte Begriffe im öffentlichen Diskurs tabuisiert oder – im Sinne der freiwilligen politischen Selbstkontrolle (TM) – nur solche benutzt, die die Realität verschleiern oder diese nach Gusto der Herrschenden verfälschen. (Wie das geht, wird hier unter dem Tag “Lautsprecher des Kapitals” exemplarisch aufgeführt. Wer zusammenzuckt: Da das hier mein Blog ist, darf ich auch mit dem Holzhammer argumentieren.)

Ein Beispiel, das niemand abstreiten wird: Im Feudalismus (in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft meistens als “Lehnswesen” tituliert) galt die so genannte “Ständepyramide” (vgl. oben) als “natürlich”. Gott hatte es so gewollt, dass es Könige und Feudalherrn gab, und es war “natürlich”, dass die Bauern diese unterhielten. Wer das in Frage stellte, den ließen die Herrschenden umbringen.

Im 14. Jahrhundert sagte die Priester Johann Ball: “Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?” Natürlich wurde er hingerichtet.

Marx hat das ideologische Prinzip des Feudalismus in einigen genialen Sätzen so formuliert:
Da die Geburt dem Menschen nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Produkte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natürlichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des Individuums und dem Individuum als Individuation einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in diesem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs etc., wie sie Augen und Nasen macht. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW Bd. 1 S. 310)

Man könnte das leicht auf die Gegenwart übertragen: Kapitalisten (affirmativ: “Unternehmer”) und Arbeiter und der Markt sind “natürlich”, von der Evolution (die heute oft “Gott” ersetzt) so gewollt. Die Natur macht in diesem System unmittelbar die Märkte, Unternehmer und Arbeitnehmer, sie macht den Markt etc. unmittelbar, wie sie Augen und Nasen macht. Eigentlich gehört die “Marktwirtschaft” in den Biologie-Unterricht. Wer das System in Frage gestellt, wird (medial) geächtet.

ständepyramide

Der Kampf um die Begriffe und was sie bedeuten und wer sie wie benutzen darf, ist noch viel subtiler. Von den christlichen Missionaren wissen wir, dass ihr ersten Ziel, die jeweilige Gesellschaft zu zerstören und ihre Version der Religion aufzupfropfen, immer war, den “Opfern “zu verbieten, diejenigen Wörter zu benutzen, die deren oft kompliziertes System der Verwandtschaft beschrieb. Die Miskito in Nicaragua zum Beispiel konnten nur mit diesen Wörtern ihre Gesellschaft beschreiben – also erklären. Die Missionare der Moravier (die sitzen auch hier in Rixdorf und tun ganz unschuldig) zwangen die Miskito, in Nicaragua nur noch “Bruder” und “Schwester” im christlichen Sinn zu sagen – zu allen. Die Gesellschaft der Miskito brach schon nach wenigen Jahrzehnten in sich zusammen. (Übrigens einer der Gründe dafür, warum die Miskito gegen die Sandinistas waren – die Revolutionäre waren katholisch oder taten so. Ich war Augenzeuge und meine damalige Reisebegleiterin war Ethnologin.)

Das wäre so, als wenn man einem “Volkswirtschaftler” verböte, das Wort “Markt” auszusprechen – er wüsste vermutlich gar nicht mehr, was er sagen sollte.

Im Zuge der allgegenwärtigen Reaktion werden auch in den Universitäten nur noch Begriffe gelehrt und erwähnt, die den Kapitalismus als Ende der Geschichte suggerieren. Das gilt für alle geisteswissenschaftlichen Fächer. Man sagt auch nicht mehr “Feudalismus”, sondern ganz unpolitisch “Mittelalter” oder eben “Lehnswesen”. “Kapitalismus” taucht auch in den Medien nicht als Begriff so auf, dass eine Alternative denkbar wäre.

Es erstaunt mich, wie schnell das geht und wie alle mitmachen, ohne dass es jemand befiehlt. Ein besonders schönes Beispiel ist die “Schicht” – ein Begriff, der das Oben und das Unten in einer Gesellschaft beschreiben will, als sei das “natürlich”. Mit “Schicht” kann man auch die feudale Ständepyramide darstellen – der Begriff sagt eigentlich gar nichts aus und ist entpolitisiert.

Der von Marxisten benutzte Terminus “Klasse” will hingegen beschreiben, wie die Menschen zu den Produktionsmitteln stehen – vereinfacht: Haben sie welche oder nicht? Die traditionelle “Kleinbourgeoisie” sind zum Beispiel Handwerker, die ihre eigene Mittel, um zu produzieren, besitzen, aber keine Arbeiter im großen Maßstab beschäftigen. Dazwischen gibt es unzählige Schattierungen. Es geht um Macht, um die Stücke des Kuchens und des Reichtums, wer wieviel bekommt und nicht und warum. Wer “Klasse” im Marxschen Sinn sagt, weiß, dass es auch anders ginge. Deswegen gibt es im Grundgesetz versehentlich “Vergesellschaftung” und “Gemeineigentum” – werden einem “Volkswirtschaftler” diese Wörter vorgeworfen, wird der zusammenzucken wie ein Vampir vor einer Knoblauchzehe.

Man könnte das Thema ja wissenschaftlich und gelassen sehen und einfach fragen, welcher Begriff – “Schicht” oder “Klasse” die Realität am besten beschreibt. Aber so funktioniert es nicht. “Klasse” ist “verboten”, niemand, keine Zeitung und kein anderes Mainstream-Medium in Deutschland, wird das Wort ernsthaft benutzen – wegen Schwefelgeruchs.

Es ist wie im “Mittelalter”. Die Welt, wie wir sie kennen, ist eben “natürlich”.

Aber so viel wollte ich gar nicht schreiben, sonst kommen mir die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser wieder mit tldnr… Ich will nur anregen, selbst weiter zu denken.

Vor Einem ist mir bang oder: Der Terror und die Apokalyptiker

apokalypse

“Doch nur vor Einem ist mir bang: Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.” (Mephistopheles in Johann Wolfgang von Goethes “Faust”: Der Tragoedie erster Teil)

“Der Teufel weiß, dass er wenig Zeit hat.” (Apokalypse, also known as “Die Offenbarung des Johannes”, 12, 12)

“Die Terreur ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend; sie ist weniger ein besonderes Prinzip als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes.” (Maximilien de Robespierre, 1794)

“…beginnt man zu begreifen, was Apokalypse und eschatologische Verheißungen im Bewusstsein der Menschen anzurichten vermögen. Zwar geht es dabei auch und vielleicht vorwiegend darum, einen herrlichen Zustand der Verklärung aller Dinge denen in Aussicht zu stellen, die die gesetzten Bedingungen erfüllt hätten, deren Inbegriff zumeist ist, auf die Nutzung des gegebenen Weltzustandes ganz und gar Verzicht zu leisten. Aber es geht doch auch und womöglich in hintergründiger Weise um die Aufhebung des Ärgernisses, welches der Einzelne daran nimmt, daß die Welt über die Grenzen seiner Lebenszeit hinweg unberührt feststeht und sich noch andere Freuden zu erfreuen anschickt, als ihm selbst vergönnt sein mögen. (…) Ganze Völkerschaften sind durch die Worte eines einzigen Predigers in Bewegung gesetzt wurden, wenn er nur zu beschwören vermochte, die gerade Lebenden würden noch erleben, was überhaupt noch zu erleben sei.” (Hans Blumenberg: Lebenszeit und Weltzeit, 2. Kapitel: Apokalypse und Paradies, S. 78, 1986)

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden mir zugestehen, mich darüber zu echauffieren, dass der aktuelle Terror im islamischen Kostüm von niemandem hinreichend erklärt wurde.

Man könnte natürlich Gilles Kepel heranziehen: “Das Schwarzbuch des Dschihad – Aufstieg und Niedergang des Islamismus” oder “Die Rache Gottes” – Standardwerke zu den radikalen Auswüchsen der monotheistischen Religionen. Kepel behauptet sinngemäß, der Terror sei immer ein Zeichen dafür, dass die ursprüngliche Idee sich nicht hat verwirklichen lassen, was, wenn wir ihm glauben, auch für die deutsche RAF zutraf, die erst dann aktiv wurde, als klar wurde, dass die in der Theorie erwünschte und prognostizierte Revolution nicht kommen würde. Osama bin Laden war für Kepel die “medienwirksamste Form” des Scheiterns der “salafistisch-dschihadistischen” Bewegung.

Wir dürfen von den unzähligen “Islam-“, “Extremismus-“, “Terror-” und sonstigen Experten, die jetzt in den Medien und Talkshows herumfaseln, nicht erwarten, dass sie auch nur ein kluges Buch zum Thema gelesen haben. Darum geht es nicht. Der öffentliche Diskurs zum Terror ist moraltheologische Katharsis, also folgenlos, nicht etwa wissenschaftliche Analyse. Das Volk will Brot, Spiele und tröstende Worte von den Lautsprechern der herrschenden Klasse. Alles andere würde beunruhigen, und Ruhe ist bekanntlich in Deutschland erste Bürgerpflicht.

Auch Ulrike Meinhofs Standardwerk “Bambule: Fürsorge – Sorge für wen?” dürfe einiges erklären, wenn man die Situation von Jugendlichen beschreiben will, die in Heimen lebten – und gerade in Frankreich dürfe das noch aktuell sein. Man darf nicht vergessen, dass die französischen Terroristen-Brüder Chérif und Saïd Kouachi eben dort aufgewachsen sind. Aber wer möchte schon auf die Meinhof verweisen oder sie gar zitieren? Da riecht es doch gleich nach Schwefel.

Wer es gern etwas abstrakter, aber dafür gehaltvoller mag, sollte zum Thema “Terror” Hans Blumenbergs “Lebenszeit und Weltzeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)” studieren (aber das erste Kapitel einfach weglassen).

Er beschreibt diejenigen, die ihre ganz private Apokalypse auf Kosten anderer meinen ausleben zu müssen: Deren psychische Dispostion bestehe nicht nur im Erflehen von Beschleunigung und im Sich-Freihalten von der Welt, “sondern im Betreiben des Untergangs”. Das jeweilige weltanschauliche oder religiöse Kostüm ist dabei ganz irrelevant, ob es um den Massensuizid von Jonestown, um Amokläufer an Schulen oder um “islamistische” Terroristen handelt.

Weitere Gedanken überlasse ich dem gebildeten Publikum.

How communism turned Cuba into an island of hackers and DIY engineers

PBS NewsHour: “How communism turned Cuba into an island of hackers and DIY engineers”. Sehr schöne Fotos und Beispiele, aber natürlich existiert in Kuba kein “Kommunismus”.

Der Mangel als Motor des Fortschritts? Das lässt mich nachdenken. Die (zensierte) DDR-Literatur war ja auch um Klassen besser als die BRD-Literatur, weil die Leute gelernt hatten, zwischen den Zeilen zu lesen und offenbar auch zu schreiben (von den Plots ganz zu schweigen).

Die absurde Welt des Absurden

Thomas Steinschneider (“Die Wahrheit über die Wahrheit”) nimmt einen “wissenschaftlichen” Artikel von Focus Online auseinander.

Lesenswert insbesondere für Leute, die sich für Quantenphysik und andere elementare Dinge interessieren. (via >b’s weblog)

Prediction or Influence? – Books of the Past That Forecast the Future

“Prediction or Influence?” – Books of the Past That Forecast the Future (via Kueperpunk: “Eine Infografik über technologische Vorhersagen in der Literatur und wann sie Realität wurden…”)

Many writers of the past have predicted the facts of our present society with a level of detail that seems impossibly accurate. Some of them were even derided in their times for what were called outlandish and unbelievable fictions. Yet their imaginations were in reality painting portraits that would eventually be mirrored by history books a century later. Which seems to beg the question, Where does inspiration come from?

Rosetta fiel in ein Loch

Und bald wird auch noch das Licht ausgehen. Die ESA (via >b’s weblog) hat aber interesante Fotos (Javascript required) von Rosetta.

Ich frage mich, warum die European Space Agency Fotos auf das Zensur-Portal Flickr hochladen muss?

Experiment: Nonpolitical Images and Political Ideology

neutrales Bild: eulenschnitzelanziehendes Bildabstoßendes Bild

Lesebefehl für Matthias Gräbner in Telepolis: “Ein Bild verrät deine Meinung”:

“Wer sich sehr für politische Themen interessiert, ist entweder deutlich konservativ oder deutlich liberal. Wer irgendwo dazwischen liegt, zeigt auch kein großes Interesse an Politik. (…) Die Ergebnisse zeigen, so die Forscher, dass sich Menschen vor allem in einem irren: Dass ihre politischen Überzeugungen das Ergebnis rationalen Denkens sind.”

Drei Arten von Bildern waren zu beurteilen: neutrale, anziehende und abstoßende. Da die Studie das Rezeptionsverhalten von US-amerikanern untersucht, habe ich Bilder genommen, die für eingeborene Mittelueropäer in Frage kommen könnten.

(Das Original erzwingt Cookies u.a.: “Nonpolitical Images Evoke Neural Predictors of Political Ideology”.)

Credits der Bilder: 1) neutrales Foto: Burks, anziehendes Foto: unbekannt, abstoßendes unpolitisches Foto: Wikipedia/Mathesar.

No Arachnophobia, pleasse!

Livescience.com: “They’re Alive! ‘Goliath’ Tarantulas Among Spiders at New Exhibit”. Vgl. auch news.yahoo.com: “Goliath Encounter: Puppy-Sized Spider Surprises Scientist in Rainforest”. Das erinnert mich daran, dass ich noch einmal nach Guyana wollte….

Die herrschenden Dogmen und Mythen, die Legenden und Ammenmärchen, den Aberglauben, die frechen Lügen

Manchmal ärgere ich mich, dass ich von bestimmten Leuten nicht schon eher erfahren habe. Heute bin ich auf einen geradezu brillianten Artikel von Prof. Dr. Michael R. Kräetke (University of Lancaster, Professor and Chair of Political Economy, früher Professor für Politische Ökonomie in Amsterdam) gestoßen: “Marx als Wirtschaftsjournalist” (pdf).

Natürlich wäre jemand wie Kräetke in Deutschland nie Professor geworden. Die Wissenschaft “Politische Ökonomie” gibt es hierzulande gar nicht, sondern nur das quasi-esoterische Fach “Volkswirtschaftslehre”. Um sich ernsthaft mit politischer Ökonomie zu beschäftigen, muss man – wie schon zu Marx’ Zeiten – wieder ins Ausland gehen. In der schweizer WOZ schrieb Kräetke:
In China gibt es heute wieder eine lebendige Marx- und Marxismus-Diskussion, die sich am “westlichen” Marxismus und an der Mega orientiert. Die akademischen MarxistInnen, die nach 1968 in Westeuropa und in den USA auf Lehrstühle kamen, sind heute fast alle pensioniert oder haben resigniert. Nach 1990 war es unfein und der Karriere schädlich, MarxistIn (gewesen) zu sein. Doch für akademische MarxistInnen und solche, die es werden wollen, bietet erst die Mega eine zuverlässige Grundlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Marx und Engels. Marx vor allem hat – wenn auch in unfertiger Form, als Entwurf und Fragment mehr denn als «Werk» – all das zu bieten, wonach diejenigen rufen, die mit dem heutigen Zustand der Sozialwissenschaften zu Recht unzufrieden sind: die Verbindung von Theorie und Geschichte, das Überschreiten der künstlichen und unproduktiven Disziplingrenzen (auch «Interdisziplinarität» genannt), Sinn für Allgemeines wie für Besonderes, rücksichtlose Kritik alles Bestehenden, einen offenen Blick und das nötige analytische Instrumentarium, um eine Welt zu begreifen, die sich in ständiger Veränderung befindet.

Das wäre ja ein Grund, Mandarin zu lernen, aber das war mir denn doch zu schwierig, obwohl ich es versucht habe. Ich habe aber nicht resigniert.

Kräetke schreibt:
Die Marxschen Analysen und Kritiken der offiziellen Haushaltspläne der britischen Regierungen, seine Erläuterungen der diversen Finanzreformpläne und ihrer absehbaren Folgen ernteten wiederholt höchstes Lob und Anerkennung – auch von erklärten Gegnern seiner Ansichten. Die Redaktion der NYT schloss sich diesem Lob wiederholt an. Marx’ Budgetkritiken wurden offensichtlich ernst genommen, zitiert und nachgedruckt. (…)

Im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, in den führenden Wirtschaftsjournalen wie der Financial Times oder dem Economist findet heute kein Kampf um die Hegemonie mehr statt. Der ist seit langem entschieden. Gerade deshalb kann man in diesen Blättern auch gelegentlich kritische Randbemerkungen zum Sinn und Unsinn der herrschenden Wirtschafts- und Finanzpolitik lesen. Solange man unter sich bleibt, das generelle Einverständnis mit der besten aller ökonomischen Welten nicht gestört wird, darf man sich schon erlauben, sich mit den ökonomischen Fakten zu beschäftigen (…)

Stellen wir uns vor, ein “neuer Marx”, nach dem im bürgerlichen Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit gerufen wird, hätte die einflussreiche Stellung des Wirtschaftsredakteurs einer großen, überregionalen Tageszeitung inne, was würde er, was könnte er tun?

Wäre er ein Mann (oder eine Frau) vom Charakter und Temperament des alten Marx, er (oder sie) würde nicht zögern, die herrschenden Dogmen und Mythen anzugreifen, die Legenden und Ammenmärchen, den Aberglauben, die frechen Lügen, die zusammen unseren heutigen Diskurs über die kapitalistische Weltwirtschaft, über die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik bestimmen, und die leider auch auf der Linken, einschließlich der sozial bewegten, globalisierungs”kritischen” Linken, geglaubt und mit ingrimmigem Tiefsinn nachgeplappert werden. (…)

Lange würde ihm oder ihr das nicht gelingen, aber die moralische Wirkung wäre schon ungeheuer. Zumindest heute, wo der Glaube an die neoliberalen Mantras bisweilen ins Wanken gerät. Nicht bei den so genannten „Eliten“, wohl aber beim gemeinen Volk. Am Ende vielleicht sogar bei den globalisierungsgläubigen Linken.

What It’s Like to Carry Your Nobel Prize through Airport Security

Der Astrophysiker und Nobelpreis-Gewinner Brian Schmidt versuchte, in den USA in einem Flugzeug zu reisen, weil er seiner Oma in Fargo, North Dakota, die Medaille zeigen wollte. (via Fefe und Scientific American). Dieser Dialog mit den Kontrolleuren des Handgepäcks ist wirklich Comedy pur:

They’re like, ‘Sir, there’s something in your bag.’
I said, ‘Yes, I think it’s this box.’
They said, ‘What’s in the box?’
I said, ‘a large gold medal,’ as one does.
So they opened it up and they said, ‘What’s it made out of?’
I said, ‘gold.’
And they’re like, ‘Uhhhh. Who gave this to you?’
‘The King of Sweden.’
‘Why did he give this to you?’
‘Because I helped discover the expansion rate of the universe was accelerating.’
At which point, they were beginning to lose their sense of humor. I explained to them it was a Nobel Prize, and their main question was, ‘Why were you in Fargo?’

Bruhahahaha.

Gott will es! Deus vult!

crusaders and ISIS

Merkwürdig, dass jetzt darüber gerätselt wird, warum Männer und Frauen aus Europa sich der Terrorgruppe IS anschließen. Eine Wallfahrt mit Waffen hat doch das Christentum erfunden.

Wikipedia: “Durch die Kreuzzugspredigt des Papstes veranlasst, brach im Frühjahr 1096 eine unorganisierte Volksmasse in Richtung Palästina auf. Dieses Kreuzfahrerheer bestand in erster Linie aus einfachen Menschen, Bauern und ihren Familien, weshalb man auch vom Volkskreuzzug spricht. Allerdings waren auch niedriger Adel und einzelne Ritter unter den Kreuzfahrern. Geführt wurde der Zug von Predigern wie Peter von Amiens. Seine ersten Opfer fand dieser voreilige Kreuzzug bereits in Ostfrankreich und im Rheinland (Köln, Mainz, Worms), wo es zu Massenmorden an der jüdischen Bevölkerung kam.”

Man sollte auch erwähnen, dass Papst Urban II, der zu den Kreuzzügen aufrief, seliggesprochen wurde:
Aufhören soll unter euch der Hass, schweigen soll der Zank, ruhen soll der Krieg, einschlafen soll aller Meinungs- und Rechtsstreit. Tretet den Weg zum heiligen Grab an, nehmt das Land dem gottlosen Volk, macht es euch untertan! Gott gab dieses Land in den Besitz der Söhne Israels; die Bibel sagt, dass dort Milch und Honig fließen. Jerusalem ist der Mittelpunkt der Erde, das fruchtbarste Land aller Länder… Bestreitet also diesen Weg, zur Vergebung eurer Sünden.

Wie verhielten sich christliche Terrorgruppen? Die Quellen sind verfügbar, zum Beispiel die “Gesta Francorum” oder Wilhelm von Tyrus: “Historia rerum in partibus transmarinis gestarum”:

Schauerlich war es anzusehen, wie überall Erschlagene umherlagen und Teile von menschlichen Gliedern, und wie der Boden mit dem vergossenen Blut ganz überdeckt war. Und nicht nur die verstümmelten Leichname und die abgeschnittenen Köpfe waren ein furchtbarer Anblick, den größten Schauder mußte das erregen, daß die Sieger selbst von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt waren. Im Umfang des Tempels sollen an die zehntausend Feinde umgekommen sein, wobei also die, welche da und dort in der Stadt niedergemacht wurden und deren Leichen in den Straßen und auf den Plätzen umherlagen, noch nicht mitgerechnet sind, denn die Zahl dieser soll nicht geringer gewesen sein. Der übrige Teil des Heeres zerstreute sich in der Stadt und zog die, welche sich in engen und verborgenen Gassen, um dem Tode zu entkommen, verborgen hatten, wie das Vieh hervor und stieß sie nieder. Andere taten sich in Scharen zusammen und gingen in die Häuser, wo sie die Familienväter mit Weibern und Kindern und dem ganzen Gesinde herausrissen und entweder mit den Schwertern durchbohrten oder von den Dächern hinabstürzten, daß sie sich den Hals brachen.

Soalng es Menschen gibt, die an höhere Wesen glauben, wird es auch religiös motivierten Terror geben.

PS National Geographic hat zum Beispiel die Toten auf dem Gemälde, das auch die Opfer des Massakers zeigt, das die christlichen Kreuzfahrer Terrorgruppen in Jerusalen anrichteten, wegretouchiertgelassen.

Natürlich die Juden

Marco Tosatti im Vatican Insider (ein Ableger der “La Stampa”): (vgl. auch Latin Times) über die jetzt entdeckte 1500 Jahre alte Bibel, in der Jesus nicht der “Sohn” Gottes ist und in der Barnabas Judas an seiner statt ans Kreuz geschlagen wird:

“But alas, this extraordinary discovery is probably a hoax, the work of a forger who, according to some, could have been a European Jewish scholar from the Middle Ages.”

Vulgärökonomie

vulgärökonmie

Karl Marx: Das Kapital. Marx erwähnt hier lobend William Petty, den “Vater” der englischen Nationalökonomie.

Wolfgang Münchau in Spiegel online: “Und die Ökonomen sind so hilflos wie noch nie. Schlimmer noch. Jedes Jahr wiederholen sie die alten Fehler. Der Lerneffekt ist gleich null. (…) Die Modelle, welche den Prognosen zugrunde liegen, funktionieren nicht mehr. Aber die Ökonomen wollen das nicht wahrhaben.”

Wo er recht hat, hat er recht. Der Appell, die “Volkswirte” zu feuern, wird wirkungslos verhallen. “Volkswirtschaftslehre” ist eine quasi-religiöse Esoterik, das herrschende kapitalistische System ideologisch zu legitimieren.

Ich schrieb hier am 12.02.2014: “‘Philosophie’ wäre die Frage zu stellen, ob es nachvollziehbare Gesetze der Ökonomie gebe. ‘Metaphysik’ wäre zu behaupten, es gebe keine und ‘der Markt’ sei ein höheres Wesen mit künstlicher Intelligenz. ‘Theologie’ ist Volkswirtschaftslehre. ‘Wissenschaft’ wäre die Methode von Marx und der klassischen bürgerlichen Ökonomie, die immerhin versucht hat, die Gesetze wirtschaftlichen Handelns und deren Voraussetzungen zu verstehen.”

“Volkswirtschaftler” gab es schon zu Marx’ und Ricardos Zeiten. Marx nannte die schlicht “Vulgärökonomen“.

Sexy Mathematik

riemann

Kann mir jemand erklären, wofür genau Maryam Mirzakhani die Fields-Medaille bekommen hat?

“…herausragende Beiträge zur Geometrie und Dynamik Riemannscher Flächen und ihrer Modulräume”, wobei sie “Methoden verschiedener Gebiete wie algebraische Geometrie, Topologie und Wahrscheinlichkeitsrechnung zusammengebracht habe”. OMG.

“Riemannsche Flächen sind die einfachsten geometrischen Objekte, die lokal die Struktur der komplexen Zahlen besitzen.” Ach ja? “Die riemannsche Fläche ist – historisch gesehen – die Antwort darauf, dass holomorphe Funktionen nicht immer eindeutige Fortsetzungen haben.” Das hätte ich jetzt nicht gedacht. SCNR

Maryam Mirzakhani has made stunning advances in the theory of Riemann surfaces and their moduli spaces, and led the way to new frontiers in this area. Her insights have integrated methods from diverse fields, such as algebraic geometry, topology and probability theory.

In hyperbolic geometry, Mirzakhani established asymptotic formulas and statistics for the number of simple closed geodesics on a Riemann surface of genus g. She next used these results to give a new and completely unexpected proof of Witten’s conjecture, a formula for characteristic classes for the moduli spaces of Riemann surfaces with marked points.

In dynamics, she found a remarkable new construction that bridges the holomorphic and symplectic aspects of moduli space, and used it to show that Thurston’s earthquake flow is ergodic and mixing.

Most recently, in the complex realm, Mirzakhani and her coworkers produced the long sought-after proof of the conjecture that – while the closure of a real geodesic in moduli space can be a fractal cobweb, defying classification – the closure of a complex geodesic is always an algebraic subvariety.

Mein English ist ja nicht schlecht, aber ich muss die Segel komplett streichen; ich verstehe ja schon auf Deutsch kaum etwas.

Ceterum censeo: Hyperintelligente Frauen finde ich hyperattraktiv. Aber vermutlich wäre für die eine Konversation mit mir sehr langweilig.

Why Girls Went So Crazy

vanillepuddibng

Die weinenen Frauen, die den Führer Nordkoreas umklammern, finde ich gar nicht komisch (via Nina Tabai). Ich versuche eher zu verstehen, warum das für uns so seltsam aussieht – weil wir es nicht gewohnt sind, dass Groupies von Popstars Uniformen tragen? (Andere Version)

Gehen wir die Sache rational und wissenschaftlich an. The Conversation schreibt:
Lots of tears and lots of screaming. But what can neuroscience tell us about what might have been happening in their brains? (..) Typically, we equate crying with sadness and fainting with illness. The truth is, our brains are actually pretty dumb, and any sudden, strong emotion – from happiness to relief to stress – can elicit these vulnerable physical reactions.

Nun gut, auf “pretty dumb” wäre ich auch selbst gekommen. SCNR.

Acting via the hypothalamus, the sympathetic nervous system is designed to mobilise the body during times of stress. It’s why our heart rate quickens, why we sweat, why we feel ready to run. The parasympathetic nervous system, on the other hand, essentially calms us back down. The parasympathetic nervous system does something funny, too. Connected to our lacrimal glands (better known as tear ducts), activation of parasympathetic receptors by the neurotransmitter acetylcholine results in tear production. So for those fans relieved to finally see their Fab Four, tears were commonplace. (“Viele kognitive Prozesse sind an Acetylcholin als Botenstoff gebunden.”)

Das “Wall Street Journal” befasst sich (“Inside the Brains of Bieber Fans”) ebenfalls mit dem Phänomen und résumiert: “Neuroscience Offers Explanation; a ‘Safe’ Infatuation”. Also eine Art “geschütztes” Ausflippen, um in pubertärem Alter die eigenen Grenzen zu erfahren. “It primarily affects preteen and teen girls”.

Hearing familiar, favorite music stimulates the release of dopamine, the neurotransmitter involved in pleasure and addiction, providing the same rush as eating chocolate or that winning does for a compulsive gambler

Nur dass es nicht Musik sein muss, sondern jedweder Reiz, der in der jeweiligen Kultur als Auslöser definiert worden ist, also zum Beispiel auch der Anblick eines “geliebten und größten anzunehmenden Führers”.

…adolescent girls are far more likely to become infatuated with pop stars, experts say, because they are awakening to romantic and sexual feelings that are both intoxicating and scary.

Well said. Intoxicating and scary. Ich vermute auch, dass die abgebildeten Frauen ziemlich jung sind und nicht viel Gelegenheit finden, “romantic and sexual feelings” auszuleben.

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