Ich lese den Alten gern

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Mephistopheles (allein)

Junge Welt: „Die Universitäten behandeln den Theoretiker kaum. Umso größer ist der Ansturm auf »Kapital«-Lesekreise.“

Originaltexte haben wir fast nie gelesen, solche von Marx schon gar nicht. Aber auch nicht die von Keynes (…) An der Hochschule wird der Neoliberalismus gelehrt, abseits dessen gibt es keine Angebote.“

Quod erat demonstrandum.

Çatalhöyük, revisited

Catalhoyuk

Das ist ja eine ganz entzückende Anfrage, die ich natürlich positiv beschieden habe! (Leider gibt es das Projekt in Secondlife nicht mehr.)

Dear Burkhard Schröder,
I’ve just completed a paper discussing openness of digital visualizations of Çatalhöyük to a multiplicity of interpretations in relation to Umberto Eco’s idea of „open work“, for a book on Digital Cities that will appear from Oxford University Press under the edition of Helena Murteira and Maurizio Forte. Images of your experimentation at Çatalhöyük in Second Life has provided very useful insight for the discussion in the paper, as one of the three main examples. I wish I could read German as well.

Since number of visuals per paper in the book is limited to 5, I’ve decided to use a group of 8 images as combined into a single frame for Second Life, and the attached four images are from your blog. I am not sure if the publishers will accept this visual format, but for the moment I am requesting your permission for reproducing the images.

Many thanks in advance for your kind help.
With my best regards,
Zeynep Akture (Ph.D.)
Department of Architecture
Faculty of Architecture
Izmir Institute of Technology
Gulbahce Campus, Urla
35430 Izmir, Turkey

Rewrite the history of Vikings in North America

Washington Post: „An ancient site spotted from space could rewrite the history of Vikings in North America“ (mit Videos: „used open-source satellite imagery from Google Earth to pinpoint the location of a potential Norse site“). Sehr interessant!

Keine Posaunen, kein Tempel, kein Auszug aus Ägypten, nirgends

keine posaunen vor JerichoVor fünf Jahren schrieb ich unter der Überschrift „Wer ist Jude?“ dieses:

Wie ich am 18.04.2003 und am 15.04.2006 („Nicht rumhängen, Jesus!“) schon erörterte: „Wir leben bekanntlich nicht mehr im Mittelalter. Gefühle, gar der kollektiven abergläubischen Art, dürfen von Staats wegen überhaupt nicht geschützt werden. (…) Meinetwegen kann mich jemand, der an die jungfräuliche Geburt, an Wiedergeburt, Auferstehung, an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Posaunen vor Jericho, den Weihnachtsmann und anderen Quatsch glaubt, mich und andere Atheisten gern karikieren. Das lässt mich kalt. (…) Päpste zu Märchenonkels, Kirchen zu Turnhallen!“

Wieder ein Argument gegen Religionsunterricht an den Schulen: Ich wette, dass in deutschen Schulklassen immer noch die fromme Legende erzählt wird, es habe einen „Auszug Israels“ aus Ägypten oder gar die sprichwörtlichen „Posaunen vor Jericho“ gegeben. Seit Israel Finkelsteins und Miriam Magalls Buch „Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel“ wissen wir, dass alles das ein gut erfundenes Propaganda-Märchen ist. Das ist nicht Geschichte und Realität, sondern ein Mythos!

„Die Wurzeln des Volkes Israel beruhen auf der Geschichte zweier Königreiche und nicht wie bisher immer angenommen eines Königreiches, des Nordreiches Israel und des Südreiches Juda. Fundamentale Wahrheiten wie der Auszug aus Ägypten, die Einnahme Kanaans die Bedeutung des Reiches Salomons (fragliche Existenz des Tempels und Palastes) werden nicht nur in Frage gestellt, sondern negiert. (…) Das Buch zeichnet sich durch absolute Professionalität aus“ (Rezension bei Amazon).

Spiegel Offline weist auf einen neuen und aktuellen Streit hin: Der israelische Historiker Schlomo Sand [kennt ihr den Unterschied zwischen ‚israelisch‘ und ‚jüdisch“ beim Spiegel? Offenbar nicht. Und seinen Vornamen schreibt ihr auch falsch. BS] behauptet in seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes„:
– „Die Juden seien ergo gar kein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt versprengt gewesen sei.
– Die jüdischen Gemeinden im Mittelmeerraum und Europa seien vielmehr das Produkt eifriger Missionsarbeit jüdischer Geistlicher.
– Juden seien keine Ethnie, sondern bloß eine Religionsgemeinschaft, der sich Gruppen der unterschiedlichsten Herkünfte angeschlossen hätten.“

Das alles ist schon bekannt. Aber natürlich passt es den Verehrern höherer Wesen nicht, wenn man ihren frommen Aberglauben mit der Realität abgleicht. Dann halten die christlichen, islamischen und jüdischen Pfaffen zusammen wie Pech und Schwefel. Perlentaucher.de fasst es knapp zusammen: „Die Berufung auf die jüdischen Stammväter entspringe dem gleichen Muster wie deutschen Mythen um die Germania oder Hermann dem Cherusker. Plausibel (..) auch Sands These, dass die Mehrheit der osteuropäischen Juden ethnisch vom Turkvolk der Chasaren abstammt, die im achten Jahrhundert geschlossen zum Judentum übergetreten seien, weswegen er dem Buch bescheinigt, ‚radikal, kenntnisreich und mit großem Mut‘ geschrieben zu sein.“

Wer den Juden eigene Gene zuspricht, die ein „Volk“ mit speziellen kulturellen Eigenschaften definieren könnten, ist schlicht ein dämlicher Rassist und sollte Nachhilfestunden in Biologie nehmen. Ich würde sehr gern wissen, was man zu hören bekäme, wenn man auf deutschen Straßen Passanten fragte: „Wer ist Jude“? Das traute sich aber niemand, weil die Antworten sehr viel über „die Deutschen“ aussagen würde.

Ich habe jetzt noch einmal mit großem Vergnügen (zum zweiten Mal) Israel Finkelsteins Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel ganz durchgelesen. David Noel Freedman schrieb: „Allen, die morgens gern kalt duschen, sei diese Buch wärmstens empfohlen.“

Man kann es nicht oft genug sagen: wird Unsinn nur oft genug wiederholt und wollen die Leute unbedingt, dass Unsinn Wahrheit wird, dann ist er nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das gilt nicht nur für Politik, sondern natürlich und insbesondere für Relgion.

Bible Historical Daily preist eine Veröffentlichung der Biblical Archaeology Society (BAS) an. Nomen est omen. Man fragt dort enthusiastisch: „Ivory Pomegranate [Gnanatapfel] Revisited: A Relic from Solomon’s Temple?“ Leider gab es diesen Tempel gar nicht, aber wer sich an der Bibel orientiert und das unbedingt finden möchte, was dort erwähnt wird, ist kein Wissenschaftler, sondern schlicht ein Apologet nicht existierender höherer Wesen und deren Groupies.

Faulheit und Feigheit oder: Es ist so bequem, unmündig zu sein

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. (Immanuel Kant, 1784)

Kritik und Selbstkritik oder: Marxist ohne Marxismus

„Links ist daher auch die stets neue Selbstkritik linker Phrasen.“ (Wolfgang Fritz Haug)

Herzlichen Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag, mein Lehrer!

Zwei Trumme, schlecht zu lesen

mein kampf

Ob ich das jemals lesen werde? Und wieso muss man beim Buchhandel fast zwei Monate darauf warten? Drucken die immer nur ganz wenig, damit es nicht auf Platz 1 der Bestsellerliste kommt? Machte sich gut im Ausland: Was lesen die Deutschen gerade am meisten? Harhar. Wenn die beiden Bände nicht so groß und schwer wären, könnte ich die Trumme mit in die U-Bahn nehmen. Die Reaktionen wären sicher interessant. Jetzt muss ich sie auf dem Klo lesen.

Going Interstellar

photonenantirieb

Wer weiß auf Anhieb, aus welchem Buch das Zitat ist?
Der „Unbesiegbare“, ein Raumkreuzer der schweren Klasse, das größte Schiff, über das die Flottenbasis im Sternbild der Leier verfügte, durchflog mit Photonenantrieb den äußersten Quadranten der Sterngruppe.

Na? Ganz klar, das ist Der Unbesiegbare von Stanislaw Lem, geschrieben im Jahr 1969 („In meiner Ausgabe von 1981 steht noch: „Aber allein in der Sowjetunion beträgt die Gesamtauflage seiner Bücher weit über drei Millionen.“)

Interessant, dass ausgerechnet heute wieder über den Photonenantrieb diskutiert wird – als einzig „realistische“ Möglichkeit, in „kurzer“ Zeit große Entfernungen im Weltraum zu durchfliegen.

Vice.com: Bereits letztes Jahr hatte Lubin sein Konzept eines Photonenantriebs beim NASA Innovative Advanced Concepts Program vorgestellt und kommt nun in einem NASA 360°-Video mit dem Titel „Going Interstellar“ noch einmal darauf zurück. Seine Idee ist es, mit Sonnensegeln ausgestattete Raumschiffe mittels eines Lasersystems zu beschleunigen.

Der Ionenantrieb war ohnehin unrealistisch. Mathematisch gesehen muss ich beim Photonenantrieb jedoch passen…. „Licht verhält sich, als bestünde es aus Teilchen mit Impuls p = h / lambda und Energie E = p *c.“. Ähm…..WTF?

Faszinierend, dass ein Science-Fiction-Autor das vor knapp einem halben Jahrhundert schon vorausgesehen hat.

Willkommen in der Matrix

brain

Telegraph: „Scientists discover how to ‚upload knowledge to your brain'“.

„They studied the electric signals in the brain of a trained pilot and then fed the data into novice subjects as they learned to pilot an aeroplane in a realistic flight simulator.

The study, published in the journal Frontiers in Human Neuroscience, found that subjects who received brain stimulation via electrode-embedded head caps improved their piloting abilities and learnt the task 33 per cent better than a placebo group.“

Why men love breasts

boobs

Sciencedump: „This new theory finally explains why men love breasts – Scientists have never found a satisfactorily explanation for this phenomenon, but now, the neuroscientist Larry Young has found an explanation that he thinks ‘just makes a lot of sense.’

Well, when a woman’s nipples are stimulated during breast-feeding, a neurochemical oxytocin – know as the ‘love drug’ – floods her brain. This is helping her to focus her attention and affection on her baby. But recent research has shown that nipple stimulation also enhances sexual arousal to a great majority of women. Furthermore, it also activates the same brain areas as vaginal and clitoral stimulation.

Gut zu wissen.

Über 20.000 historische Landkarten online

Der Schockwellenreiter weist auf ein grandioses Projekt der New York Public Library hin:“Die New York Public Library stellt über 20.000 historische Landkarten in hoher Auflösung unter einer freien Lizenz online und macht sie so der Allgemeinheit verfügbar.“

Mal sehen, ob es da etwas über Venezuela und Kolumbien im 16.Jahrhundert gibt.

Update; Ja, gibt es, einfach großartig!

To remove all barriers in the way of science

sci-hub

Sciencealert.com: „A researcher in Russia has made more than 48 million journal articles – almost every single peer-reviewed paper every published – freely available online. And she’s now refusing to shut the site down, despite a court injunction and a lawsuit from Elsevier, one of the world’s biggest publishers. For those of you who aren’t already using it, the site in question is Sci-Hub, and it’s sort of like a Pirate Bay of the science world“.

Mathematische Artefakte: Diese Wellen und so

Natürlich habe ich versucht zu verstehen, was es mit diesen Gravitationswellen auf sich hat. Mir gefällt die Übersicht auf „Welt der Physik“ am besten, dort kann man auch interessante Dinge über die Vorgeschichte lesen. Der Artikel „Wie entstehen Gravitationswellen?“ ist nicht ganz so theoretisch, wie man es bei diesem Thema befürchten muss.

Mit Verzerrungen der Raumzeit ist gemeint, dass die durchlaufende Welle die Abstände von Objekten im Raum verändert. „Da würde ein Apfel, der ursprünglich näherungsweise rund war, von einer Gravitationswelle in eine Richtung zusammengepresst und in die andere auseinandergezogen werden – also ein bisschen eiförmig. Und danach wird er wieder rund. Das wäre der Effekt einer Gravitationswelle“, so Haas. Allerdings ist diese Verzerrung so minimal und passiert für so einen kurzen Moment, dass man den Vorgang nicht beobachten kann. Man weiß nur theoretisch, dass er passiert.

Dann ist ja gut.

Watch the Destruction of Pompeii by Mount Vesuvius, Re-Created with Computer Animation (79 AD)

Gutbürgerlich oder: Mehr Graupensuppe

Berlin

Su Nuraghe in Rixdorf – sardische und italienische Küche, seit 35 Jahren. Ich aß Tortellini nach Art des Hauses.

Meine Theorie ist, dass soziale Aufsteiger oder die, die meinen es zu sein, versuchen, die verfeinerte Tischkultur der herrschenden Klassen zu imitieren, um eben diesen erreichten sozialen Status nach außen zu dokumentieren und sich nach „unten“ abzugrenzen. Die Kneipen, die dem Veganismus-Asketismus Tribut zollen und überhaupt auf das traditionell „Gutbürgerliche“ herabsehen (dafür aber teurer sind), bedienen den Geschmack der neuen Mittelschichten, die ohnehin reaktionär werden, wenn sie es nicht ohnehin schon sind.

„Proletarisches“ oder Arme-Leute-Essen (was heute „gutbürgerlich“ ist) kann man Studenten aus bildungsbürgerlichem (aka grün-alternativem) Elternhaus gar nicht mehr anbieten. Das hat aber keine kulinarischen Gründe.

Die ethnologischen Gewährsleute für meine These sind übrigens Norbert Elias und Mary Douglas, wenn das nicht hilft: Levi-Strauss. (Ich habe immer das Gefühl, ich müsse mich dafür entwschuldigen, dass ich viele Leute mit meiner humanistischen Bildung erschlagen kann. Außerdem weiß ich immer alles besser und kann das auch belegen. Ich hoffe, die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser entschuldigen das.)

Will Religion ever disappear?

BBC Future: „Atheism is on the rise around the world, so does that mean spirituality will soon be a thing of the past? Rachel Nuwer discovers that the answer is far from simple.“ Lesenswert.

Das erinnert mich an Lichtenberg, der schon Ende des 18. Jahrhunderts weiter war als die meisten Menschen heute; „Unsere Welt wird noch so fein werden, daß es so lächerlich sein wird einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.“

By the way: Jeden Tag werde ich auf’s Neue daran erinnert, dass es sich kaum noch lohnt, deutsche Medien zu rezipieren aka konsumieren.

MEGA online

MEGA

Die MEGA ist jetzt online. Irgendwie. Leider kann ich weder mit Chromium noch mit Firefox unter Linux irgendetwas sehen. Die taz erwähnt das Problem auch nicht.

Die Schwarzen Jakobiner

Jacobin erzäht die Geschichte einer bewaffneten Revolution, die man kennen muss und die bis heute, vor allem auch auf Kuba, nachwirkt. „In 1791, while France entered the early stages of its revolution, the slaves of its Caribbean colony, Saint Domingue, rose up and took arms. It was the first successful slave revolt in history, one that overthrew white colonial rule and established the new state of Haiti in 1804.“

Lesenswert dazu: The Black Jacobins (pdf).

Die ersten Bauern tranken keine Milch

Andrea Naica-Loebell in Telepolis: „Die ersten Bauern tranken keine Milch – Der lange Weg nach Europa – Neue Erkenntnisse über die neolithische Revolution“.

British Museum Street View

The British Museum: „The virtual walk-through enables anyone in the world with an Internet connection to explore the roughly 80,000 artifacts on display (which is just 1% of the total collection of at least eight million objects) just as they’re presented in the museum, from the Lewis Chessmen and cat mummies to famously contested artifacts such as the Rosetta Stone and the Elgin Marbles. Visitors start in the yawning expanse of the museum’s Great Court, the largest public square in Europe, with early morning light filtering through the 3,312 glass roof panes. All of the images stitched together into the Street View were captured before and after museum visiting hours, and the galleries of the United Kingdom’s top tourist attraction appear surreally empty.“

Wahnsinn!

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