Scripted Reality oder: Pommesbude und Muskelbank

Pommesbude und MuskelbankNeulich las ich Britta Steinwachs‘ Zwischen Pommesbude und Muskelbank: Die mediale Inszenierung der „Unterschicht“..

Die schlechte Nachricht zuerst: Das Buch ist in einem schrecklichem Wissenschafts-Jargon verfasst (vgl. Ausriss unten), dazu auch noch – völlig überflüssig! – in Gendersprech geschrieben (vgl. das Interview: Steinwachs kann nicht so geredet haben, weil Gender-Unterstriche in Gesprochenem nicht vorkommen), womit sich die Verfasserin als Teil eines ganz bestimmten sprachesoterischen Milieus outet.

Für Menschen, die das nicht gewohnt sind, ist das Buch unleserlich und nicht verständlich. „Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert“. (Jorge Luis Borges) Es kann mir niemand erzählen, dass es nicht auch anders ginge. Nur macht es dann Mühe; gut, das heißt verständlich zu schreiben, ist ein Handwerk, das man erlernen sollte.

Die gute Nachricht: Der Plot ist spannend und interessant; man lernt auch etwas, wenn man sich bis zum Schluss durchkämpft – Kaufempfehlung jedoch leider nur für Medienwissenschaftler und einschlägige Berufsgruppen und Leute, die sehr schnell lesen können. (Das hätte die Autorin anders haben können.) Der Inhalt umfasst nur rund 100 Seiten, der Rest sind Anmerkungen, Anhang usw..

Pommesbude und Muskelbank

Die Moral von der Geschicht‘: Die „neue Unterschicht“ (also das deklassierte Proletariat und/oder die industrielle Reserverarmee) wird in den Medien als Milieu inszeniert, das verwahrlost und passiv ist. Wer nicht arbeiten will, ist böse. („Im Original: „moralisierende Delegitimierung nicht-werwerbstätoger Lebensformen“.)

Wer arbeitslos ist, ist selbst schuld und kann das nur ändern, indem das Verhalten der Norm der Mittelschicht angepasst wird. In der Serie „Familien im Brennpunkt“ interveniert und korrigiert letzlich und oft der Staat (Jugendamt, Polizei usw.). Ungleiche Chancen auf Bildung seien kein „strukturelles“ Problem, sondern Resultat individuellen Fehlverhaltens.

Die Mitglieder der so genannten „Unterschicht“ werden moralisch diskreditiert – das wiederum ist typisch für Journalisten und Medienarbeiter, die zur übergroßen Mehrheit aus eben dieser Mittelschicht stammen, somit (vermutlich unbewusst) ihren „Klassenauftrag“ erfüllen: Nach oben buckeln und nach unten treten. (Letzteres sage ich, die Autorin suggeriert das nur, spricht es aber mit wenigen Ausnahmen – weder aus noch gebraucht sie marxistische Begriffe, was für das reaktionäre Gendersprech-Milieu, auch bekannt als neue wohlhabende und konservativ grün-wählende Mittelschichten, natürlich passt.)

Im Original: „Diese massenmediale Inszenierung der Unterschichtkultur als Barriere gesellschaftlicher Integration (…) birgt die Gefahr, dass allein schon die körperliche Disposition, die der Unterschicht im Sinne eines Klassengeschmacks zugeschrieben wird, stigmatisierend auf der gesamte Gruppe des unteren Klassenlagen als vermeintlicher Ausdruck ihrer leistungsverweigernden Haltung der Passivität zurückfällt.“

Birgt die Gefahr? Nein, it’s not a bug, it’s a feature! Das genau ist die Aufgabe der Medien. Das richtige Verhalten garantiere den sozialen Status oder gar den Aufstieg, deswegen steht „Erziehung“ ganz oben auf der Agenda der „mittleren Klassenlagen“, aus denen sich die Journalisten fast ausnahmslos rekrutieren. Das ist natürlich eine Illusion und eine große Lüge, und die herrschende Klasse würde sich darüber kaputtlachen, wenn sie das interessierte.

Spannend war für mich vor allem das dritte Kapitel: „Der Körper als zentraler Ort der Vergesellschaftung“ (daraus stammt der Ausriss). Das Individuum muss in der Krise, die traditionelle Mileus zerreißt und vernichtet, sich irgendwo einordnen, sich sozusagen „tribalisieren“. Der tätowierte und gepiercte Körper (inklusive metallener Nasenpopel) ist genau das: Er wird zum Zeichen des Sozialen.

Noch ein Zitat aus dem Buch: „Die Wahrnehmung von Körpern im öffentlichen Raum ist also Teil eines im- und expliziten Sozialisationsprozesses, womit der Körper einerseits in seiner Körperdimension zum Austragungsort sozialer Deutungskämpfe wird und sich qua seiner Leibdimension tief ins Innere des Subjekts als untrennbare Mischung aus originärer Individualität und sozial erlernten Empfindungsmustern einbrennt.“

Alles klar? Puls und Atmung noch normal? Im Hintergrund murmeln Calvin und die protestantische Arbeitsethik.

Ethnologen reiben sich jetzt grinsend die Hände und verweisen zum Beispiel auf Papua-Neuguinea, Mary Douglas, Levi-Strauss usw. und dass nichts neu sei, sondern – in anderen Kostümen – schon immer da war. Ich vermisste auch einen Verweis auf Klassismus (vgl. die Literaturliste bei Wikipedia), obwohl die Autorin an anderer Stelle dokumentiert hat, dass sie weiß, worum es geht.

Merke: Auch Gendersprech ist Klassismus. (Steile These, die ich aus ethnologischer Sicht beweisen könnte, aber es hört mir ja niemand zu.)

Der famose Kerl Spartacus

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Szene aus Spartacus: War of the Damned.

Neulich habe ich mal einfach so herumrecherchiert. Der Anlass waren die Spartacus-Serien, die ich allesamt besitze und auch angesehen habe. Softporn, jede Menge nackte Ärsche und Brüste, zahllose Hauereien in Slow Motion, gefühlt 1000 Hektoliter Kunstblut und Charaktere wie im Comic Strip – trotzdem unterhaltsam. Man darf nur kein gelernter Historiker sein, und schon gar kein linker Historiker: Man ärgert sich. Was für eine Verschwendung eines unglaublich spannenden Plots! Was wirklich geschehen ist und warum, kommt nicht vor.

Immerhin ist das historische Kostüm – Namen, Waffen, Architektur, Frisuren usw. – einigermaßen korrekt. Aber warum macht sich ein Filmemacher solche Mühe und endet dann mit einem Plot, der aus Psycho-Kitsch besteht? Die Elite der Gladiatoren hat entweder die große Liebe verloren oder sucht sie noch. Wie langweilig. Daily Soap als Sandalenfilm. Von Politik keine Spur – als wäre das Absicht.

Historisch korrekt ist vermutlich, dass schwule Paare selbstverständlich waren, auch bei den aufständischen Sklaven. Waffenstarrende Amazonen im Pseudo-Bikini im Gefolge des historischen Spartacus – wie in den Filmen – halte ich für unwahrscheinlich, lasse mich aber gern belehren.

Wussten die gelehrten Leserinnen und gebildeten Leser, dass das bekannte Marx’sche Zitat über Spartacus gar nicht so gemeint ist? Welt online: „‚Spartacus erscheint als der famoseste Kerl, den die ganze antike Geschichte aufzuweisen hat. Großer General … nobler Charakter, real representative des antiken Proletariats.‘ Das erkannte kein Geringerer als Karl Marx.“ Gar nicht wahr. Marx las natürlich seine Quellen im Original (im Gegensatz zu heutigen Journalisten), und hier war es der römische Historiker Appian, dessen Sicht auf Spartacus Marx referiert (in einem Brief an Engels vom 27. Februar 1861). Was Marx selbst darüber dachte, wissen wir nicht.

Was mich am meisten erstaunte während der Recherche, ist die Tatsache, dass es fast gar keine ernst zu nehmenden aktuellen wissenschaftlichen Publikationen über Spartacus gibt. Auch in meiner nicht kleinen Bibliothek über römische Geschichte ist nichts Relevantes zum Thema. Quod erat demonstrandum. Interessiert offenbar niemanden.

Der Untergang der DDR hat für uns einen großen Vorteil: Die historischen Bücher der DDR waren fast alle um Klassen besser als die aus dem Westen, und man kann heute sich preiswert eindecken. Während die bürgerliche Geschichtswissenschaft immer noch fast ausschließlich auf die Sicht der jeweiligen herrschenden Klassen rekurriert und diese sich zu eigen macht, interessieren mich eher die Klassenkämpfe, soziale Konflikte, Aufstände und die Ökonomie, die für alles den Rahmen bestimmt. Ich habe mich erst einmal einschlägig eingedeckt, werde aber auch die deutschen Übersetzungen der römischen Quellen studieren (auch die sind nicht einfach zu finden).

spartacusspartacus

Die Links gegen zu Amazon.

Ich werde mehr zu dem Thema schreiben (vgl. die neue Kategorie „Spartacus“). Und wäre das nicht ein wunderbares Thema für ein Buch?

Mission to Mariana

Smithsonian.com: „Mission to Mariana Trench Records Dozens of Crazy Deep Sea Creatures.“

Wow. Holy crap!

Ambiguous Cylinder Illusion

Ich versteh’s nicht. Bin ich blöd oder was?

Grossbritannien von Trajan bis fast heute

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Man fragt sich natürlich, ob das gut oder schlecht ist.

Teleporting – the most frequent way of traveling

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Goreanische Stadt in Second Life – nur per Teleporter erreichbar

Laut Telegraph wollen die Russen in 20 Jahren das Teleportieren ermöglichen. (Kein Scherz, der Autor heißt wirklich Oliphant.)

„The Star-Trek style target is listed in the National Technological Initiative, a state-sponsored strategic development plan designed pour investment into research and development sector in a number of key sectors.“

In Second Life kann man das jetzt schon als Avatar üben: „Teleporting is probably the most frequent way of traveling.“

Warum sind Hexen nackt?

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Bild: Luis Ricardo Falero (für das deutsche Wikipedia irrelevant): „Hexensabbat“ (1880, via Wikimedia)

Atlas Obscura: „Sex, Drugs, and Broomsticks: The Origins of the Iconic Witch – Witches were almost always portrayed naked until the 1900s.“

Antikythera

Antikythera

Credits: Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

CBCnews: „Scientists decipher purpose of mysterious astronomy tool made by ancient Greeks. (…) They say it was a kind of philosopher’s guide to the galaxy, and perhaps the world’s oldest mechanical computer.“

Dazu passt: „Ich denke, dass es weltweit einen Markt für vielleicht fünf Computer gibt”. (Thomas Watson, Chairman von IBM, 1943).

Curiosity Mars Rover Crosses Rugged Plateau

NASA: „On Naukluft Plateau, the rover’s Mast Camera has recorded some panoramic scenes from the highest viewpoints Curiosity (ausprobieren!) has reached since its August 2012 landing on the floor of Gale Crater on Mars.“

Starke Ansichten oder: Was wirklich zählt

„Was will ich mit einer Million, wo ich doch weiß, was das Universum zusammenhält.“ (Grigori Jakowlewitsch Perelman, Mathematiker)

Perelman sei über den Niedergang ethischer Normen in der Gesellschaft und in der Mathematik so betrübt, dass er von dem ganzen Betrieb nichts mehr wissen wolle. »Ich glaube, er hält uns alle für viel zu konformistisch, deshalb geht er bewusst in die andere Richtung«, sagt Gromow. Perelman habe immer »sehr starke Ansichten darüber, was richtig und falsch ist« geäußert – »und er will von niemandem anderen abhängig sein«.“

Wie die Philosophie „weißgewaschen“ wurde

Strasse

Berliner Strassen ohne Autos sehen viel schöner aus und laden zum Philosophieren ein.

Da das hiesige Stammpublikum umfassend gebildet ist und über ein außergewöhnliches historisches, ökonomisches, sozilogisches und philsophisches Wsisen verfügt (wie man an den Kommentaren unschwer erkennen kann), empfehle ich von science.orf.at zur Lektüre:
Vor 200 Jahren wurde am Wiener Kongress der Sklavenhandel abgeschafft. Das lag weniger an der Philosophie der Aufklärung und mehr an politisch-ökonomischem Kalkül. Denn die „großen, weißen Aufklärer“ kümmerten sich wenig um die Versklavung Schwarzer Menschen. Das hat Folgen bis heute: Der Kanon der Philosophie wurde „weißgewaschen“.

Toussaint Louverture allerdings muss man sowieso kennen.

By the way, Österreicher: Im Deutschen schreibe man Adjektive klein. „Schwarz“ ist auch kein Markenname (wenn man einfach alle Regeln aus dem Englisch übernähme). Also muss es heißen: „Versklavung schwarzer Menschen“. Addendum: Im Deutschen hieße es korrekt: „Nicht alle berliner Straßen führen geradeaus, noch nicht einmal die Berliner Straße.

Rote Armee, reloaded

Harald Martenstein (dessen Meinung ich nicht teile) im „Tagesspiegel“: „Historiker sagen, dass die durch Stalins Mordorgien geschwächte Rote Armee den Krieg ab 1942 nur mit Hilfe von Material aus den USA erfolgreich führen konnte.“

Da hätte ich doch gern ein paar Quellen?! Weiß jemand mehr? Fakten?

Mathematismus-Marxismus-Leninismus?

SVG MathML

WTF?

Ich lese den Alten gern

Von Zeit zu Zeit seh ich den Alten gern,
Und hüte mich, mit ihm zu brechen.
Mephistopheles (allein)

Junge Welt: „Die Universitäten behandeln den Theoretiker kaum. Umso größer ist der Ansturm auf »Kapital«-Lesekreise.“

Originaltexte haben wir fast nie gelesen, solche von Marx schon gar nicht. Aber auch nicht die von Keynes (…) An der Hochschule wird der Neoliberalismus gelehrt, abseits dessen gibt es keine Angebote.“

Quod erat demonstrandum.

Çatalhöyük, revisited

Catalhoyuk

Das ist ja eine ganz entzückende Anfrage, die ich natürlich positiv beschieden habe! (Leider gibt es das Projekt in Secondlife nicht mehr.)

Dear Burkhard Schröder,
I’ve just completed a paper discussing openness of digital visualizations of Çatalhöyük to a multiplicity of interpretations in relation to Umberto Eco’s idea of „open work“, for a book on Digital Cities that will appear from Oxford University Press under the edition of Helena Murteira and Maurizio Forte. Images of your experimentation at Çatalhöyük in Second Life has provided very useful insight for the discussion in the paper, as one of the three main examples. I wish I could read German as well.

Since number of visuals per paper in the book is limited to 5, I’ve decided to use a group of 8 images as combined into a single frame for Second Life, and the attached four images are from your blog. I am not sure if the publishers will accept this visual format, but for the moment I am requesting your permission for reproducing the images.

Many thanks in advance for your kind help.
With my best regards,
Zeynep Akture (Ph.D.)
Department of Architecture
Faculty of Architecture
Izmir Institute of Technology
Gulbahce Campus, Urla
35430 Izmir, Turkey

Rewrite the history of Vikings in North America

Washington Post: „An ancient site spotted from space could rewrite the history of Vikings in North America“ (mit Videos: „used open-source satellite imagery from Google Earth to pinpoint the location of a potential Norse site“). Sehr interessant!

Keine Posaunen, kein Tempel, kein Auszug aus Ägypten, nirgends

keine posaunen vor JerichoVor fünf Jahren schrieb ich unter der Überschrift „Wer ist Jude?“ dieses:

Wie ich am 18.04.2003 und am 15.04.2006 („Nicht rumhängen, Jesus!“) schon erörterte: „Wir leben bekanntlich nicht mehr im Mittelalter. Gefühle, gar der kollektiven abergläubischen Art, dürfen von Staats wegen überhaupt nicht geschützt werden. (…) Meinetwegen kann mich jemand, der an die jungfräuliche Geburt, an Wiedergeburt, Auferstehung, an den Auszug der Israeliten aus Ägypten, die Posaunen vor Jericho, den Weihnachtsmann und anderen Quatsch glaubt, mich und andere Atheisten gern karikieren. Das lässt mich kalt. (…) Päpste zu Märchenonkels, Kirchen zu Turnhallen!“

Wieder ein Argument gegen Religionsunterricht an den Schulen: Ich wette, dass in deutschen Schulklassen immer noch die fromme Legende erzählt wird, es habe einen „Auszug Israels“ aus Ägypten oder gar die sprichwörtlichen „Posaunen vor Jericho“ gegeben. Seit Israel Finkelsteins und Miriam Magalls Buch „Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel“ wissen wir, dass alles das ein gut erfundenes Propaganda-Märchen ist. Das ist nicht Geschichte und Realität, sondern ein Mythos!

„Die Wurzeln des Volkes Israel beruhen auf der Geschichte zweier Königreiche und nicht wie bisher immer angenommen eines Königreiches, des Nordreiches Israel und des Südreiches Juda. Fundamentale Wahrheiten wie der Auszug aus Ägypten, die Einnahme Kanaans die Bedeutung des Reiches Salomons (fragliche Existenz des Tempels und Palastes) werden nicht nur in Frage gestellt, sondern negiert. (…) Das Buch zeichnet sich durch absolute Professionalität aus“ (Rezension bei Amazon).

Spiegel Offline weist auf einen neuen und aktuellen Streit hin: Der israelische Historiker Schlomo Sand [kennt ihr den Unterschied zwischen ‚israelisch‘ und ‚jüdisch“ beim Spiegel? Offenbar nicht. Und seinen Vornamen schreibt ihr auch falsch. BS] behauptet in seinem Buch „Die Erfindung des jüdischen Volkes„:
– „Die Juden seien ergo gar kein Volk, das 2000 Jahre lang in alle Welt versprengt gewesen sei.
– Die jüdischen Gemeinden im Mittelmeerraum und Europa seien vielmehr das Produkt eifriger Missionsarbeit jüdischer Geistlicher.
– Juden seien keine Ethnie, sondern bloß eine Religionsgemeinschaft, der sich Gruppen der unterschiedlichsten Herkünfte angeschlossen hätten.“

Das alles ist schon bekannt. Aber natürlich passt es den Verehrern höherer Wesen nicht, wenn man ihren frommen Aberglauben mit der Realität abgleicht. Dann halten die christlichen, islamischen und jüdischen Pfaffen zusammen wie Pech und Schwefel. Perlentaucher.de fasst es knapp zusammen: „Die Berufung auf die jüdischen Stammväter entspringe dem gleichen Muster wie deutschen Mythen um die Germania oder Hermann dem Cherusker. Plausibel (..) auch Sands These, dass die Mehrheit der osteuropäischen Juden ethnisch vom Turkvolk der Chasaren abstammt, die im achten Jahrhundert geschlossen zum Judentum übergetreten seien, weswegen er dem Buch bescheinigt, ‚radikal, kenntnisreich und mit großem Mut‘ geschrieben zu sein.“

Wer den Juden eigene Gene zuspricht, die ein „Volk“ mit speziellen kulturellen Eigenschaften definieren könnten, ist schlicht ein dämlicher Rassist und sollte Nachhilfestunden in Biologie nehmen. Ich würde sehr gern wissen, was man zu hören bekäme, wenn man auf deutschen Straßen Passanten fragte: „Wer ist Jude“? Das traute sich aber niemand, weil die Antworten sehr viel über „die Deutschen“ aussagen würde.

Ich habe jetzt noch einmal mit großem Vergnügen (zum zweiten Mal) Israel Finkelsteins Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel ganz durchgelesen. David Noel Freedman schrieb: „Allen, die morgens gern kalt duschen, sei diese Buch wärmstens empfohlen.“

Man kann es nicht oft genug sagen: wird Unsinn nur oft genug wiederholt und wollen die Leute unbedingt, dass Unsinn Wahrheit wird, dann ist er nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das gilt nicht nur für Politik, sondern natürlich und insbesondere für Relgion.

Bible Historical Daily preist eine Veröffentlichung der Biblical Archaeology Society (BAS) an. Nomen est omen. Man fragt dort enthusiastisch: „Ivory Pomegranate [Gnanatapfel] Revisited: A Relic from Solomon’s Temple?“ Leider gab es diesen Tempel gar nicht, aber wer sich an der Bibel orientiert und das unbedingt finden möchte, was dort erwähnt wird, ist kein Wissenschaftler, sondern schlicht ein Apologet nicht existierender höherer Wesen und deren Groupies.

Faulheit und Feigheit oder: Es ist so bequem, unmündig zu sein

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. (Immanuel Kant, 1784)

Kritik und Selbstkritik oder: Marxist ohne Marxismus

„Links ist daher auch die stets neue Selbstkritik linker Phrasen.“ (Wolfgang Fritz Haug)

Herzlichen Glückwunsch zum achtzigsten Geburtstag, mein Lehrer!

Zwei Trumme, schlecht zu lesen

mein kampf

Ob ich das jemals lesen werde? Und wieso muss man beim Buchhandel fast zwei Monate darauf warten? Drucken die immer nur ganz wenig, damit es nicht auf Platz 1 der Bestsellerliste kommt? Machte sich gut im Ausland: Was lesen die Deutschen gerade am meisten? Harhar. Wenn die beiden Bände nicht so groß und schwer wären, könnte ich die Trumme mit in die U-Bahn nehmen. Die Reaktionen wären sicher interessant. Jetzt muss ich sie auf dem Klo lesen.

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