Reaktionäre Schichttorte

ständepyramide

Ist eine Gesellschaft “natürlich”? Natürlich nicht und niemals. Ein zentrales Anliegen der jeweils herrschenden Klassen und ihrer medialen Helfershelfer ist es jedoch, genau das Gegenteil zu behaupten und das Volk in diesem Sinn zu indoktrinieren. Das war schon seit dem Neolithikum so.

Dazu gehört, dass man bestimmte Begriffe im öffentlichen Diskurs tabuisiert oder – im Sinne der freiwilligen politischen Selbstkontrolle (TM) – nur solche benutzt, die die Realität verschleiern oder diese nach Gusto der Herrschenden verfälschen. (Wie das geht, wird hier unter dem Tag “Lautsprecher des Kapitals” exemplarisch aufgeführt. Wer zusammenzuckt: Da das hier mein Blog ist, darf ich auch mit dem Holzhammer argumentieren.)

Ein Beispiel, das niemand abstreiten wird: Im Feudalismus (in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft meistens als “Lehnswesen” tituliert) galt die so genannte “Ständepyramide” (vgl. oben) als “natürlich”. Gott hatte es so gewollt, dass es Könige und Feudalherrn gab, und es war “natürlich”, dass die Bauern diese unterhielten. Wer das in Frage stellte, den ließen die Herrschenden umbringen.

Im 14. Jahrhundert sagte die Priester Johann Ball: “Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?” Natürlich wurde er hingerichtet.

Marx hat das ideologische Prinzip des Feudalismus in einigen genialen Sätzen so formuliert:
Da die Geburt dem Menschen nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Produkte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natürlichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des Individuums und dem Individuum als Individuation einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in diesem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs etc., wie sie Augen und Nasen macht. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW Bd. 1 S. 310)

Man könnte das leicht auf die Gegenwart übertragen: Kapitalisten (affirmativ: “Unternehmer”) und Arbeiter und der Markt sind “natürlich”, von der Evolution (die heute oft “Gott” ersetzt) so gewollt. Die Natur macht in diesem System unmittelbar die Märkte, Unternehmer und Arbeitnehmer, sie macht den Markt etc. unmittelbar, wie sie Augen und Nasen macht. Eigentlich gehört die “Marktwirtschaft” in den Biologie-Unterricht. Wer das System in Frage gestellt, wird (medial) geächtet.

ständepyramide

Der Kampf um die Begriffe und was sie bedeuten und wer sie wie benutzen darf, ist noch viel subtiler. Von den christlichen Missionaren wissen wir, dass ihr ersten Ziel, die jeweilige Gesellschaft zu zerstören und ihre Version der Religion aufzupfropfen, immer war, den “Opfern “zu verbieten, diejenigen Wörter zu benutzen, die deren oft kompliziertes System der Verwandtschaft beschrieb. Die Miskito in Nicaragua zum Beispiel konnten nur mit diesen Wörtern ihre Gesellschaft beschreiben – also erklären. Die Missionare der Moravier (die sitzen auch hier in Rixdorf und tun ganz unschuldig) zwangen die Miskito, in Nicaragua nur noch “Bruder” und “Schwester” im christlichen Sinn zu sagen – zu allen. Die Gesellschaft der Miskito brach schon nach wenigen Jahrzehnten in sich zusammen. (Übrigens einer der Gründe dafür, warum die Miskito gegen die Sandinistas waren – die Revolutionäre waren katholisch oder taten so. Ich war Augenzeuge und meine damalige Reisebegleiterin war Ethnologin.)

Das wäre so, als wenn man einem “Volkswirtschaftler” verböte, das Wort “Markt” auszusprechen – er wüsste vermutlich gar nicht mehr, was er sagen sollte.

Im Zuge der allgegenwärtigen Reaktion werden auch in den Universitäten nur noch Begriffe gelehrt und erwähnt, die den Kapitalismus als Ende der Geschichte suggerieren. Das gilt für alle geisteswissenschaftlichen Fächer. Man sagt auch nicht mehr “Feudalismus”, sondern ganz unpolitisch “Mittelalter” oder eben “Lehnswesen”. “Kapitalismus” taucht auch in den Medien nicht als Begriff so auf, dass eine Alternative denkbar wäre.

Es erstaunt mich, wie schnell das geht und wie alle mitmachen, ohne dass es jemand befiehlt. Ein besonders schönes Beispiel ist die “Schicht” – ein Begriff, der das Oben und das Unten in einer Gesellschaft beschreiben will, als sei das “natürlich”. Mit “Schicht” kann man auch die feudale Ständepyramide darstellen – der Begriff sagt eigentlich gar nichts aus und ist entpolitisiert.

Der von Marxisten benutzte Terminus “Klasse” will hingegen beschreiben, wie die Menschen zu den Produktionsmitteln stehen – vereinfacht: Haben sie welche oder nicht? Die traditionelle “Kleinbourgeoisie” sind zum Beispiel Handwerker, die ihre eigene Mittel, um zu produzieren, besitzen, aber keine Arbeiter im großen Maßstab beschäftigen. Dazwischen gibt es unzählige Schattierungen. Es geht um Macht, um die Stücke des Kuchens und des Reichtums, wer wieviel bekommt und nicht und warum. Wer “Klasse” im Marxschen Sinn sagt, weiß, dass es auch anders ginge. Deswegen gibt es im Grundgesetz versehentlich “Vergesellschaftung” und “Gemeineigentum” – werden einem “Volkswirtschaftler” diese Wörter vorgeworfen, wird der zusammenzucken wie ein Vampir vor eine Knoblauchzehe.

Man könnte das Thema ja wissenschaftlich und gelassen sehen und einfach fragen, welcher Begriff – “Schicht” oder “Klasse” die Realität am besten beschreibt. Aber so funktioniert es nicht. “Klasse” ist “verboten”, niemand, keine Zeitung und kein anderes Mainstream-Medium in Deutschland, wird das Wort ernsthaft benutzen – wegen Schwefelgeruchs.

Es ist wie im “Mittelalter”. Die Welt, wie wir sie kennen, ist eben “natürlich”.

Aber so viel wollte ich gar nicht schreiben, sonst kommen mir die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser wieder mit tldnr… Ich will nur anregen, selbst weiter zu denken.

Fiskalisches Waterboarding

Sparprogramm. Reformpaket. Wenn man sich diese suggestiven Worthülsen ansieht und sie mit der Realität abgleicht, wird einem klar. dass die meisten Medien im Gleichschritt – bewusst oder unbewusst – nichts anderes sind als ein riesiger Echo- und Resonanzraum für die Propaganda des Kapitals, wenn es um Griechenland geht. Das ist ganz einfach zu beweisen. “Sparen” und “Reformen”, die Griechenland aufgezwungen wurde, meinten:

Das Spardiktat der Troika hat in Griechenland zu einer in der EU beispiellosen Verarmung großer Teile der der Bevölkerung geführt. Über ein Viertel ist arbeitslos, Millionen Menschen sind von medizinischer Versorgung ausgeschlossen. (Genuss ist Notwehr)

Möchte das jemand bestreiten? Ernsthaft? Dann weiter:

Die staatliche Eisenbahngesellschaft Griechenlands soll privatisiert werden. Und das ist gut so? Die Häfen sollen privatisiert werden? Ach ja? Das Telekommunikation-Unternehmen Griechenlands wird teilweise an die deutsche Telekom verkauft? “Der Frankfurter Flughafenbetreiber signalisierte bereits Interesse an einem Einstieg beim Airport Athen.” Ach ja? Post und Wasserwerke sollen privatisiert werden. Undsoweiter.

Erinnert doch stark an Frau Thatcher. Die Idee könnte von einem “Volkswirtschaftler” und/oder einem Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt stammen: Wenn man nur alles dem freien Markt überlässt, wird alles gut und alle werden reich und glücklich.

Nur um zu erinnern: Die herrschende Klassen Griechenlands und ihre Groupies haben das Land ruiniert, nicht das griechische Volk. Die superreichen Griechen zahlen keine Steuern und haben ihr Vermögen ohnehin ins Ausland transferiert.

Wie reagieren jetzt die Drahtzieher des Kapitals in Brüssel – dass der Wind jetzt aus einer anderen Richtung weht? Sie sind “entsetzt”.

Was für ein ekeliges volksverachtendes Heuchlerpack.

Auschwitz – ein Interessenbündnis auf Gegenseitigkeit

Auschwitz

Der Link geht zur BBC-Dokumentation “Auschwitz: 70 years since concentration camps liberated

Die “Erinnerungskultur”, die zur Zeit über uns schwappt, halte ich für kontroproduktiv und heuchlerisch. Die unzähligen Filme über Auschwitz, die man im Fernsehen anbietet, scheinen mir eher lästiges Pflichtprogramm (“ach ja, müssen wir heute machen, machen alle anderen auch”).

Hat sich schon mal jemand Gedanken darüber gemacht, wie die Leiden der Opfer in Auschwitz auf andere wirken? Diejenigen, die nichts wissen wollen, werden auch keinen Film darüber ansehen. Wer Mitgefühl hat (das sind nicht alle), kann den Anblick dessen, was dort geschah, eh kaum ertragen. So what?

Das Gedenken an Auschwitz ist in Deutschland völlig entpolitisiert worden. Dann kann man es auch gleich ganz lassen. Das wäre ehrlicher.

Sinnvoller wäre es, den Leute zu erläutern, wie Menschen zu Tätern werden und diese zu konfrontieren mit dem, was sie angerichtet haben – und warum. Nach dem Motto: Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Sonst bleibt alles ferne Vergangenheit, mit der man nichts zu tun haben möchte. Deutsche “Kultur” ohne Auschwitz ist aber nicht möglich.

Zwei Fakten werden heute sowieso gern vergessen: “Das Konzentrationslager Auschwitz–Monowitz (oder Auschwitz III) diente vor allem als KZ für Zwangsarbeiter. Dieses Lager wurde auf Initiative und Kosten der IG Farben AG zusammen mit Fabrikationsstätten ab 1941 im Ort Monowice, der auch über einen Bahnanschluss verfügte, errichtet und am 28. Oktober 1942 in Betrieb genommen.” Wer Auschwitz erwähnt, muss auch die Rolle des deutschen Kapitals nennen: Die herrschende Klasse hat Hitler an die Nacht kommen lassen und ihn finanziell unterstützt.

Angeregt wurde diese Spendenaktion für den Nationalsozialismus im Frühjahr 1933 von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, Hjalmar Schacht und Martin Bormann. Bei einem Treffen von Hitler, Göring und Schacht mit Vertretern wichtiger Unternehmen wie IG Farben, Friedrich Krupp AG, Vereinigte Stahlwerke, AEG, Siemens AG, Adam Opel AG erläuterte Hitler die Grundzüge seiner Politik und versprach dabei die Ausschaltung der Gewerkschaften, sowie das Ende aller demokratischen Verfahren für die nächsten Jahrzehnte. (…) Die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft besiegelte das
“Interessenbündnis auf Gegenseitigkeit” zwischen NSDAP und Unternehmerverbänden, im Gegenzug setzte das Regime den Generalrat der Wirtschaft ein, mit dem Krupp und andere Wirtschaftsmagnaten ihren politischen Einfluss sichern sollten.

Was heute ganz besonders gern verschwiegen wird: Am 27. Januar 1945 wurden die verbliebenen Häftlinge durch sowjetische Truppen der 322. Infanteriedivision der I. Ukrainischen Front befreit. Die Rote Armee also. Warum war die noch mal “rot”, liebe Nachgeborenen? Weiß das noch jemand? Und warum dürfen die Russen heute nicht dabei sein, wenn die Marionetten der herrschenden Klasse die Befreiung des KZ Auschwitz feiern?

Das Ministerium für Wahrheit informiert oder: Eine Botschaft an die Märkte

Das Ministerium für Wahrheit, auch bekannt als Wen Ku, Direktor für Telekommunikation im Ministerium für Industrie und Information (MIIT) der “Volksrepublik” China, gibt bekannt: “Zensur” heißt jetzt “neue Wege benutzen, um die Sicherheit im Internet zu wahren”. Das hätte der britische Premierminister Cameron nicht besser formulieren können.

And now for something completely different. Man könnte auch auf die Idee kommen, die freiwillige ideologische Selbstkontrolle deutscher Medien als “Selbstzensur” zu bezeichnen. Ich vermute aber, dass diese oft gar nicht bewusst abläuft.

Beispiel: Fast alle deutschen Medien benutzen ausschließlich die affirmativen Begriffe “Reformprogramm” und “Sparen”, wenn es in Wahrheit darum geht, die europäischen Banken auf Kosten des Steuerzahlers zu sanieren.” (Das behaupte nicht ich, sondern die “Deutschen Wirtschaftsnachrichten”.)

Reform” suggeriert, es werde etwas zum Besseren verändert. Das ist aber strittig, und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalisten, wenn sie schon meinen, sie müssten als verlängerter Arm der herrschenden Klasse und/oder als Lautsprecher des Kapitals arbeiten, darauf hinzuweisen, dass es auch andere Meinungen gibt.

Wie schrieb die FAZ vor fast fünf Jahren?
Griechenland hat mit der Entscheidung des EU-Gipfeltreffens für ein Sicherheitsnetz bekommen, was es erhofft hatte. Finanzminister Georgios Papaconstantinou sagte, seiner Regierung sei es nur um die Zusage für Hilfe im Ernstfall gegangen. Athen werde diesen Mechanismus aber nicht nutzen. Man hoffe, dass die Entscheidung eine Botschaft an die Märkte sende und die Zinsen senke.

Die FAZ setzt beim Propaganda-Neusprech noch einen drauf: Bei ihr heisst es “Austeritätspaket“, hört sich vornehmer an als “sparen.” Die FAZ wird bekanntlich eher weniger von der Arbeiterklasse gelesen und setzt sich daher auch in der Sprache vom gemeinen Pöbel ab.

Die Botschaft an “die Märkte” scheint in Griechenland aber nicht so recht angekommen zu sein.

Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch

Die Leserkommentare zur Titelgeschichte des “Spiegel” über Auschwitz wurden natürlich wieder gelöscht.

“There are no more words – or only very many” (George Tabori)

Der kleine Unterschied zwischen Griechenland und Deutschland

Griechenland

Giannis Varoufakis, Professor für Wirtschaft in Cambridge, Sydney, Athen und in Austin (USA), kandidiert für die linksradikale Partei Syriza

– Giannis Dragasakis, studierter Ökonom, ehem. Mitglied der kommunistischen Partei Griechenlands, Mitglied der linksradikalen Partei Syriza

Georgios Stathakis, Professor für marxistische Analyse, Kreta, ehem. Mitglied der kommunistischen Partei Griechenlands, Mitglied der linksradikalen Partei Syriza

Giannis Milios, Professor, Mitglied der linksradikalen Partei Syriza

– Kostas Lapavitsas “Japan-Experte an der Fakultät für Orient- und Afrikastudien der Londoner Universität”, lehrt “die Theorie von Kapitalmärkten sowie das Verhältnis zwischen Finanzsystemen und Entwicklung”, Mitglied der linksradikalen Partei Syriza

Alexis Tsipras, Stadt-und Regionalplaner, Ingenieur, Vorsitzender der linksradikalen Partei Syriza

Deutschland

Hans-Olaf Henkel, Industriemanager und “bester Redner Wirtschaft”, Mitglied der der rechtspopulistischen AfD (“weiß die Partei einen großen Teil der deutschen Volkswirtschaftler auf ihrer Seite”, “Vor allem Volkswirtschaftler und Unternehmer haben das Sagen”)

Bernd Lucke, Professor für Makroökonomie an der Universität Hamburg, Mitglied der rechtspopulistischen AfD

– Prof. Joachim Starbatty, “Volkswirtschaftler”, Mitglied der rechtspopulistischen AfD

– Hans-Werner Sinn, Ökonom, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, “Ordoliberaler” und Angehöriger der Glaubensgemeinschaft “Freier Markt”.

Konrad Adam, reaktionärer Journalist, Mitglied der rechtspopulistischen AfD

Alexander Gauland, reaktionärer Journalist, Mitglied der rechtspopulistischen AfD

Zu dem Wahlsieg der radikalen Linken in Griechenland passt auch dieses Bild.

Perfide Paragrafen oder Willkommenskultur

Ein Kommentar zu einem Artikel im Tagesspiegel:*
Asylbewerber sollten sich nicht gegen ihre oft inhumane Behandlung zu Wehr setzen? Herbert Prantl hat einen sehr fundierte Analyse über die Inhumanität des deutschen Asylrecht geschrieben. Und nur Info: Das ist kein Aktivist.

Wenn Familien bei der Unterbringung getrennt werden, wenn Wachpersonal Asylbewerber misshandelt und die Existenzen von jungen Menschen systematisch vernichtet wird (Isolation, Keine Ausbildung), dann sollen sie sich nicht zu Wort melden, nicht protestieren?

Wenn wir als westliche Industrienation ganze Kontinente ausbeuten und wie z.B. in Accra (Ghana) eine Mülldeponie für Elekroschrott aus Europa machen, dann haben wir dafür auch eine Verantwortung. Wir leben nun mal in einer globalen Welt und das verlangt nun mal auch ein komplexeres Denken.

Der Diskurs über das Thema in Deutschland scheitert aber schon im Ansatz. Der Beweis: Man findet noch nicht einmal passende Begriffe, um den Sachverhalt, dass Menschen einwandern, zu beschreiben. (Das alles habe ich schon in “Nazis sind Pop” vor 15 Jahren beschrieben, und seitdem hat sich nichts geändert.) Wer einwandert, ganz gleich aus welchen Gründen, ist Einwanderer oder meinetwegen auch eine Einwanderin. (Studienrätinnen dürfen “Immigrant” sagen, weil das vornehmer klingt.)

Mein Großvater väterlicherseits ist aus Polen eingewandert, weil er als “Deutscher” in Westpreußen nicht zur polnischen Armee wollte. Mein Großvater mütterlicherseits ist 1918 aus Russland eingewandert, weil er aus einer Gefängniszelle geflohen ist (er war zum Tode verurteilt worden, weil er seinen Pass gefälscht hatte). Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, meinen Opas einen “Migrationshintergrund” unterzuschieben. Sie hätten gar nicht verstanden, was ich damit hätte sagen wollen. “Migrationshintergrund” ist für mich ohnehin das bürokratische Unwort des Jahrzehnts – und Deutsch des Grauens vom Feinsten.

Einwanderer: Was spricht gegen das Wort? Die berufsbetroffenen Lichterkettenträger bestehen auf einer paternalistischen Version, aber aus ganz egoistischen Gründen, weil sie Einwanderer politisch instrumentalisieren wollen. Deshalb nennen sie alle “Flüchtlinge” oder “Asylbewerber”, weil das besser klingt. Das ist aber eine Lüge. Nicht alle Einwanderer sind geflohen. Wer pauschal “Flüchtlinge” sagt, suggeriert, dass nur Leute mit guten Gründen kommen dürfen. Ach ja? Und die anderen werden dann von den Gutmeinenden rausgeworfen?

Einwanderer finden hier Gesetze vor, die perfider nicht sein können. Also müssen sie, um hier bleiben zu können, notfalls Gründe auch erfinden. Ich würde das nicht anders tun. Das ist ihr gutes Recht. Wer wirklich in Deutschland bleiben will, wird das tun, ganz egal, was die Gesetze sagen. Man muss auch mal der Realität ins Auge sehen, und sich nicht immer etwas vormachen.

“Bleiberecht für alle” ist eine realistische Forderung.

* Der Tagesspiegel diskriminiert Behinderte: Ohne Javascript kann man Kommentare nicht lesen – das Forum ist nicht barrierefrei.

Verschlüsselung verbieten, revisited, und die rechtsfreien Räume

“Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat gefordert, dass deutsche Sicherheitsbehörden befugt und in die Lage versetzt werden müssen, ‘verschlüsselte Kommunikation zu entschlüsseln oder zu umgehen’.” (AFP via Heise)

An was erinnert dieses merkbefreite Gefasel? Richtig, an das “Krypto-Gesetz” des Bundesinnenministers Kanther vom April 1997! “Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern forderten eine Regelung die `verbindlich den Gebrauch von solchen Systemen vorschreibt, bei denen das legale Abhören möglich ist.”

Wahrscheinlich hat die “Wollt-ihr-die-totale-Überwachung”-Lobby mal eben die alten Textbausteine hervorgekramt und die de Maizière hingeworfen, der ahnungslos und dumm genug ist, um die unzerkaut der Presse auszuspeien.

Der aktuelle Innenminister hat aber einen Textbaustein von damals vergessen: “Wolle man der Entstehung rechtsfreier Räume vorbeugen, so der Minister, seien staatliche Eingriffsbefugnisse in digitale Kommunikation unumgänglich.”

Vor Einem ist mir bang oder: Der Terror und die Apokalyptiker

apokalypse

“Doch nur vor Einem ist mir bang: Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang.” (Mephistopheles in Johann Wolfgang von Goethes “Faust”: Der Tragoedie erster Teil)

“Der Teufel weiß, dass er wenig Zeit hat.” (Apokalypse, also known as “Die Offenbarung des Johannes”, 12, 12)

“Die Terreur ist nichts anderes als unmittelbare, strenge, unbeugsame Gerechtigkeit; sie ist also Ausfluss der Tugend; sie ist weniger ein besonderes Prinzip als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes.” (Maximilien de Robespierre, 1794)

“…beginnt man zu begreifen, was Apokalypse und eschatologische Verheißungen im Bewusstsein der Menschen anzurichten vermögen. Zwar geht es dabei auch und vielleicht vorwiegend darum, einen herrlichen Zustand der Verklärung aller Dinge denen in Aussicht zu stellen, die die gesetzten Bedingungen erfüllt hätten, deren Inbegriff zumeist ist, auf die Nutzung des gegebenen Weltzustandes ganz und gar Verzicht zu leisten. Aber es geht doch auch und womöglich in hintergründiger Weise um die Aufhebung des Ärgernisses, welches der Einzelne daran nimmt, daß die Welt über die Grenzen seiner Lebenszeit hinweg unberührt feststeht und sich noch andere Freuden zu erfreuen anschickt, als ihm selbst vergönnt sein mögen. (…) Ganze Völkerschaften sind durch die Worte eines einzigen Predigers in Bewegung gesetzt wurden, wenn er nur zu beschwören vermochte, die gerade Lebenden würden noch erleben, was überhaupt noch zu erleben sei.” (Hans Blumenberg: Lebenszeit und Weltzeit, 2. Kapitel: Apokalypse und Paradies, S. 78, 1986)

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden mir zugestehen, mich darüber zu echauffieren, dass der aktuelle Terror im islamischen Kostüm von niemandem hinreichend erklärt wurde.

Man könnte natürlich Gilles Kepel heranziehen: “Das Schwarzbuch des Dschihad – Aufstieg und Niedergang des Islamismus” oder “Die Rache Gottes” – Standardwerke zu den radikalen Auswüchsen der monotheistischen Religionen. Kepel behauptet sinngemäß, der Terror sei immer ein Zeichen dafür, dass die ursprüngliche Idee sich nicht hat verwirklichen lassen, was, wenn wir ihm glauben, auch für die deutsche RAF zutraf, die erst dann aktiv wurde, als klar wurde, dass die in der Theorie erwünschte und prognostizierte Revolution nicht kommen würde. Osama bin Laden war für Kepel die “medienwirksamste Form” des Scheiterns der “salafistisch-dschihadistischen” Bewegung.

Wir dürfen von den unzähligen “Islam-“, “Extremismus-“, “Terror-” und sonstigen Experten, die jetzt in den Medien und Talkshows herumfaseln, nicht erwarten, dass sie auch nur ein kluges Buch zum Thema gelesen haben. Darum geht es nicht. Der öffentliche Diskurs zum Terror ist moraltheologische Katharsis, also folgenlos, nicht etwa wissenschaftliche Analyse. Das Volk will Brot, Spiele und tröstende Worte von den Lautsprechern der herrschenden Klasse. Alles andere würde beunruhigen, und Ruhe ist bekanntlich in Deutschland erste Bürgerpflicht.

Auch Ulrike Meinhofs Standardwerk “Bambule: Fürsorge – Sorge für wen?” dürfe einiges erklären, wenn man die Situation von Jugendlichen beschreiben will, die in Heimen lebten – und gerade in Frankreich dürfe das noch aktuell sein. Man darf nicht vergessen, dass die französischen Terroristen-Brüder Chérif und Saïd Kouachi eben dort aufgewachsen sind. Aber wer möchte schon auf die Meinhof verweisen oder sie gar zitieren? Da riecht es doch gleich nach Schwefel.

Wer es gern etwas abstrakter, aber dafür gehaltvoller mag, sollte zum Thema “Terror” Hans Blumenbergs “Lebenszeit und Weltzeit (suhrkamp taschenbuch wissenschaft)” studieren (aber das erste Kapitel einfach weglassen).

Er beschreibt diejenigen, die ihre ganz private Apokalypse auf Kosten anderer meinen ausleben zu müssen: Deren psychische Dispostion bestehe nicht nur im Erflehen von Beschleunigung und im Sich-Freihalten von der Welt, “sondern im Betreiben des Untergangs”. Das jeweilige weltanschauliche oder religiöse Kostüm ist dabei ganz irrelevant, ob es um den Massensuizid von Jonestown, um Amokläufer an Schulen oder um “islamistische” Terroristen handelt.

Weitere Gedanken überlasse ich dem gebildeten Publikum.

Schuldenerlass

Fliegende Bretter (Stefan Rose): “Übrigens ist es auch weder neu noch revolutionär, dass Gläubigerstaaten überschuldeten Ländern einen Teil ihrer Schulden erlassen. So geschehen zum Beispiel im Februar 1953. Da unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und 20 andere Länder das Londoner Schuldenabkommen. In dem wurde der jungen westdeutschen Demokratie die Hälfte aller Schulden gestrichen. Unter den Unterzeichnern damals: Griechenland.”

Krieg und Frieden und nachhaltiges Wachstum

Telepolis: “EU finanziert Ukraine-Krieg mit weiteren 1,8 Milliarden Euro”.

Als wichtig erachtet die Kommission insbesondere (…) eine Verbesserung der Wirtschaftspolitik insgesamt (…) um die Rahmenbedingungen für Unternehmen und die Voraussetzungen für nachhaltiges Wachstum zu verbessern.

Schon klar.

Homo homini Deus est oder: Allah, Jahwe, Gott gibt es nicht

MohammedDer Narr sagt in seinem Herzen: Es gibt keinen Gott. (Psalm 14,1)

Der Weise sagt es der Welt.

“Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel steht, sondern der Mensch schuf (…) Gott nach seinem Bilde.” (Ludwig Feuerbach: Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig 1851, XX. Vorlesung)

Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Societät. Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Compendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d’honneur (Ehrgefühl), ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist.
(Karl Marx: Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: Deutsch-Französische Jahrbücher 1844, S. 71f, zitiert nach MEW, Bd. 1, S. 378-379)

Das musste jetzt gesagt werden. Übrigens: Religion raus aus den Schulen.

Prorussische Hacker legen Websites der Bundesregierung und des Bundestags lahm

Telepolis: “Die Websites der Bundesregierung und des Bundestages sind offline. Verantwortlich dafür ist nach eigenen Angaben die prorussische Hackergruppe CyberBerkut.

The Ukrainian government wants to review national budget by the 15 of February, 2015. The Prime Minister Arseniy Yatsenyuk hopes to obtain multi-billion credits from the EU and the IMF. It is obvious how this money will be wasted. Yatsenyuk needs money to extend the war and not to restore collapsed infrastructure of our country.This war has already taken thousands of lives, and Yatsenyuk will kill more for your money!

Linke will herrschende Klasse entmachten

Berlin – Katja Kipping und ihre Partei “Die Linke” wollen sich vor der nächsten Wahl mit der Elite ihres Landes anlegen. Sollte “Die Linke” gewinnen, sei eines der obersten Ziele der Partei, den Einfluss der Oligarchen auf das politische und wirtschaftliche Geschehen des Landes zu beschneiden, sagte Sarah Wagenknecht der “Financial Times”. Wagenknecht wird im Falle eines Wahlsiegs der Linken als Entwicklungsministerin gehandelt.

“Die Oligarchen stehen weit oben auf unserer Agenda”, sagte Wagenknecht der britischen Zeitung. Damit sind einflussreiche Geschäftsleute Deutschlands gemeint, die große Teile der Wirtschaft kontrollieren – auch dank ihrer engen Verbindungen in die Politik.

Mit seiner Äußerung dürfte die Wirtschaftssprecheren der “Linken” erneut Unruhe auslösen, dieses Mal aber vor allem innenpolitisch. Europaweit wird seit Tagen über einen möglichen Wahlsieg der Linken heftig diskutiert, weil das Linksbündnis den von den internationalen Konzernen verlangten wirtschaftsfreundlichen Kurs ablehnt. Die Pläne haben Spekulationen über einen Austritt Deutschlands aus der Eurozone neu entfacht.

Die Kampfansage an die Oligarchen dürfte aber bei der deutschen Bevölkerung gut ankommen. Die Superreichen stehen für Korruption und Steuerhinterziehung und werden für den Reformstau in Berlin mit verantwortlich gemacht. Jahrzehntelang konnten sie unbehelligt vom Fiskus Milliardenvermögen in Deutschland anhäufen. Alle Versuche, ihre Macht einzuschränken, sind bisher gescheitert.

(Vorsicht, Satire!)

Täglich denke ich an Kuba

Dr. Seltsam in der Jungen Welt (via Ossiblock): “Täglich denke ich an Kuba, wo die Häuser dem Staat gehören und man ein Haus nach 40 Jahren als Mieter übereignet bekommt, weil man genug Interesse an der Erhaltung gezeigt hat.”

Davidstern an beschnittenem jüdischen Schniedel

Shahak Shapira (Vorsicht, Facebook-Link!): “Endlich berichtet die Bild über etwas sinnvolles: Meinen Penis.”

Der Mann ist cool.

MH370 was ‘shot down by US military’, claims former French airline boss

Eine interessante Theorie verbreitet RT: “A former French airline CEO Marc Dugain claims that the US may have shot down Malaysian Airlines flight MH370 and then covered it up, adding to a rash of conflicting theories about the missing plane.”

Bevor die Bandera-Versteher jetzt aufheulen, RT sei doch Putins Propaganda-Sender: Die Story stammt von Paris Match.

Arm – diskriminiert – kriminell?

Al Jazeera: “The indigenous people of Australia constitute only 2.5 percent of the country’s total population, however, 27 percent of those in prison across the country are of Aboriginal heritage.”

Das kennen wir doch von irgendwoher.

Wachstum(TM) und die Genies der bürgerlichen Dummheit

Der Glaube an ein ewig fortdauerndes Wirtschaftswachstum gehört zu den wichtigsten Dogmen des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses. (Das Schisma von 2013) Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern und Publizisten haben dem Publikum eingetrichtern, dass der Kapitalismus all seine ungeheuren Widersprüche, all das massen haft produzierte Elend durch die beständige Expansion der Wirtschaft überwinden werden.

Aus all dem werde man einfach “herauswachsen”. Das Wirtschaftswachstum bildete die materielle Grudnlage des fernen Glücksversprechens des Kapitalismus: der “das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen (Jeremy Bentham) herbeiführen werde.

Aus: Thomas Konicz: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst – Wie Deutschlands Medien und Ökonomen mit der Tatsache der säkularen Stagnation des spätkapitalistischen Weltsystems umgehen, in : “Aufbruch ins Ungewisse (Telepolis) – Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Heise 2014.

Man sollte sich darüber wundern, dass solche Bücher in Deutschland in Computer-Fachverlagen erscheinen. Aber dann wundert es einen doch nicht mehr – es sagt nur viel über den öffentlichen Diskurs hierzulande aus.

Marx schrieb übrigens über Bentham gewohnt süffisant: “Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.” Mir gefällt auch Marxens Verdikt “breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie”. Man muss sich nur bei den Volkswirtschaftlern in den Medien umsehen, dann weiß man, was er meint.

Was Linksradikale wirklich wollen

Was Linksradikale wollen, sehen wir in Griechenland:
– Steuersenkungen,
– höhere Mindestlöhne,
– die Schaffung von 300.000 neuen Jobs im öffentlichen und privaten Sektor,
– kostenlose medizinische Versorgung für alle Griechen,
– Lebensmittelmarken für 300.000 arme Familien,
– einen Krediterlass für überschuldete Haushalte.

Nur gut, dass in Deutschland keine linksradikale Partei regiert. Das wäre ja furchtbar für die Märkte. SCNR

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