Die Konquistadoren, revisited

konquistadorenIch plane, meinen Roman “Die Konquistadoren” (rd. 480 S.) als E-Book selbst herauszugeben, da ich schon vor Jahren die Rechte zurückbekommen haben. Es gibt offenbar immer noch einen Bedarf, da das Buch auch antiquarisch nicht so einfach zu bekommen ist. Die Auflage ist ja komplett ausverkauft.

Leider habe ich nicht die Rechte für das Titelblatt, muss also ein neues suchen, das auch noch frei verfügbar ist. Vorschläge der geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser sind willkommen! Auch die Karten müsste ich selbst neu zeichnen, aber die im Buch gefielen mir sowieso nicht, weil sie zu ungenau waren.

Auch sind Vorschläge erwünscht, wo und wie ich das Werk publizieren soll – ich muss mich erst sachkundig machen. Amazon Kindle? Epubli? Petra von Cronenburg hat vor zwei Jahren etwas darüber geschrieben.

Und dann der Preis: Wieviel würdet ihr bezahlen?

Constanze Kurz: We regret the Error

Der Chaos Computer Club hat heute auf einer Pressekonferenz mehrere Statements des Vereins widerrufen. 14 Jahre nach dem Tod des Hackers “Tron” sei es unter anderem an der Zeit, die vom CCC auch öffentlich geäußerten Verschwörungstheorien, Tron sei “ermordet” worden, zu kritisieren. Der damalige Pressesprecher Andy Müller-Maguhn habe sein Gesicht nicht verlieren wollen und deshalb den Unsinn zum Tode Trons nie zurückgenommen. CCC-Pressesprecherin Constanze Kurz sagte angesichts der anwesenden internationalen Presse in englischer Sprache: “We regret the error.” Der CCC sein eben ein Verein, zu dem “quite a number of conspiracy theory enthusiasts” gehöre.

Der Journalist Burkhard Schröder, so Constanze Kurz, habe 1998 ein Buch geschrieben und angesichts der Faktenlage suggeriert, dass Tron den Freitod gewählt habe. Schröder sei seit damals immer wieder von CCC-Mitgliedern wüst beschimpft und verleumdet worden. Der CCC distanziere sich mittlerweile von Andreas Bogk, der sich dabei besonders unrühmlich hervorgetan habe. Auch sei Schröder jetzt nicht mehr, wie der CCC noch 2008 offiziell verlautbart habe, “Persona non grata”.

“Wir können aber nicht ausschießen”, so Kurz, dass Journalisten, die sich kritisch über den CCC äußerten, “in Zukunft wieder gemobbt werden”. Zum Glück werde das aber nur auf sehr wenige Journalisten beschränkt sein, da die Presse ohnehin alles unkritisch wiedergebe, was der CCC behaupte. Viele Journalisten hätten so wenig Ahnung von technischen Themen – wie etwa von der so genannten ‘Online-Durchsuchung’ -, dass sie “jeden Quatsch” veröffentlichten, “wenn wir das publizieren”, sagte Kurz. Unter dem Gelächter der anwesenden Pressevertreter fügte sie hinzu: “Auch wenn Sie das nicht glauben: Der Chaos Computer Club ist nicht unfehlbar. Auch wir können irren.”

Conspiracy Theory Enthusiasts beim CCC

Fefe: “Und beim CCC sind schon zwei Hacker unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen über die Jahre.”

Und was will uns der Künstler damit sagen? Dass Tron ermordet wurde?

Auszug aus einem Brief Markus Kuhns an die Los Angeles Times, Juli 2002
“Streitfeld, David” wrote on 2002-07-08 19:24 UTC: I am a reporter for the Los Angeles Times working on a story about smart card hacking. i wanted to ask you about Boris F[...].
The German journalist Burkhard Schröder wrote a book on the case. I think that both his presentation of the case and the conclusions he maked are the most sensible ones that I have seen so far, therefore I’d like to refer you to him as a more well-informed source.
Do you think his death was a suicide?
From all I know, this seems to be the most plausible hypothesis.
Why do so many people think he was killed, even if it’s unclear by who?
Lack of an obvious motive, plus he was affiliated with the Chaos Computer Club in Berlin, a highly media-active association that includes quite a number of conspiracy theory enthusiasts.”

Thule-Netz, revisited

Padeluun: “Wir haben die Ereignisse um das Thule-Netz damals gut recherchiert und protokolliert. Dies findet sich in dem Buch ‘Neonazis und Computernetze’ von Burkhard Schröder wieder. Lediglich dass Eckhart Werthebach die Initiative des Verfassungschutz zugegeben hat, erwähnt Burks, wie er sich auch nennt, in seinem Buch nicht, obgleich 100 Juristen bei der Aussage Werthebachs zugegen waren und damit dieser Fakt journalistisch einwandfrei belegt war.”

Das ist doch eine Schweinerei. Aber wass will man von den Verschwörungstheoretikern des CCC auch erwarten zu diesem Fall. Man höre sich nur an, was ich in diesem Intervew zum Thema “Thule-Netz” sage. Ich ahnte schon damals, wer V-Mann und Spitzel des Verfassungsschutzes war, nicht nur Kai D. alias “Undertaker”.

Aber wenn man darüber schreibt, muss man es auch beweisen können. Für Journalisten ist es nicht so einfach wie für Dampfplauderer à la padeluun.

Ich hätte nicht gedacht, dass padeluun sich da einreiht und mit Dreck wirft. Das Tischtuch ist jetzt auch von mir zerschnitten. Mit Verlaub, padeluun, du bist ein usw.

Tiefgreifender Medienwandel

prinz

Ausriss aus “Prinz” Berlin, Januar 1992

Das Stadtmagazin Prinz erscheint nur noch online. Vor zwei Jahren waren schon die Redaktionen entlassen worden.

Prinz muss man keine Träne nachweinen. Ich habe aber 1989 bei der Berliner Ausgabe von Prinz meine journalistische Karriere begonnen, als Chefreporter, zusammen mit Karl-Hermann Leukert, der später Chefredakteur beim Berliner Tip wurde, und dem Fotodesigner Dietmar Gust.

Ach ja, die Frankfurter Rundschau ist auch pleite. Das heisst aber nichts. Die Zeitung gehört M. DuMont Schauberg, und das Verlagshaus ist mitnichten bankrott. Die Schlagzeile müsste korrekt also heißen: M. DuMont Schauberg lässt ‘Frankfurter Rundschau’ pleite gehen.

Es kann also auch sein, dass die Zeitung bald wieder da ist, aber nur ein Teil der Mitarbeiter (“divide et impera”) mit schlechteren Verträgen (das ist oft die Geschäftsidee einer Insolvenz) weitermachen darf.

Pseudonym: Untertaker [Update]

knotrovers

Das Bayerische Fernsehen – Sendung: Kontrovers (18.10.2012) – hat mich zum Thule-Netz interviewt und zu der Tatsache, dass einer der maßgeblichen Personen des neonazistischen Mailbox-Verbunds der neunziger Jahre offenbar ein V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes war und später im Umfeld der NSU gesichtet wurde.

Update: RP Online: “Der mutmaßliche V-Mann des bayerischen Verfassungsschutzes aus dem Umfeld der Terrorzelle NSU hat nach Zeitungsinformationen eine Todesliste mit politischen Gegnern verbreitet.”

Der “Einblick”? Darüber habe ich am 15.03.2003 hier schon alles gesagt. Von mir stand ja sogar ein Bild darin.

Exponate des Museums für Technik

Disketten

Mir wurde Petra von Cronenburg: “Hilfe, ich habe mein Buch verschenkt” empfohlen. Von klugen Frauen lernen heisst siegen lernen. Ich habe also beschlossen, meinen Roman “Die Konquistadoren als E-Book herauszugeben.

Wo war noch mal gleich der Text, irgendwann 1998/99 geschrieben? Ich habe ihn gefunden – siehe oben. Keiner meiner vier Recher hat jedoch ein Diskettenlaufwerk. Äh….

Es wird noch dauern. Ich habe gerade Werner Herzog eine E-Mail geschrieben, ob ich ein gutes Szenenbild des besten Konquistadoren-Films aller Zeiten vielleicht als neues Cover verwenden darf.

Mal eine dumme Frage an die belesenen Leserinnen und literaturbeflissenen Leser: Welcher Preis wäre denn für eine 500-Seiten-Scharteke als E-Book angemessen?

Beschneidung aus religiösen Gründen ist Körperverletzung

“Wer in Deutschland einen Jungen aus religiösen Gründen beschneidet, begeht als Arzt eine Körperverletzung – auch wenn die Eltern des Kindes den Eingriff ausdrücklich wünschen”, berichten diverse Medien.

Bravo! Da werden die Verehrer höhere Wesen aber mit den Zähnen knirschen. (Jehovas Zeugen lassen übrgens auch beschneiden.)

Dieser Unsinn stammt schon aus der Zeit vor dem Judentum – die Juden haben es nur übernommen, und die Muslime es von den Juden. Es hat mir Hygiene nichts zu tun, obwohl das immer wieder behauptet wird. Dass Männer ohne Vorhaut gesunder sind, ist schlicht ein dummer Aberglaube. (vgl. übrigens das Buchkapitel “Auf Messers Schneide” in meinem Buch “Unter Männern” 1988)

Nazis haben nichts gegen “Ausländer”

Beim ehemaligen Nachrichtenmagazin lesen wir über den Film “Ihr Kampf”: “Marisa, 20, schlägt hemmungslos zu, wenn sie mit ihren Freunden Jagd auf Ausländer macht.”

Ihr habt nichts begriffen, nichts, Spiegel-Redakteure. Überhaupt nichts. Und der Mainstream-Diskurs ist so in Beton gegossen, dass Argumente nichts nutzen. Hier dazu eine Passage aus meinem Buch “Nazis sind Pop” (erschienen 2000):

Das eigentümlich Verschrobene des so genannten Volks der Dichter und Denker manifestiert sich in begrifflichen Sonderwegen, die Dolmetschern regelmässig den Schweiss auf die Stirn treiben: In Deutschland soll es einen merkwürdigen Zustand der Gefühle geben, eine Feindseligkeit, die sich gegen Menschen richtet, die einen anderen Pass besitzen als die Mehrheit. Da eine Emotion unstrittig nicht in der Lage ist, komplizierte Fragen des Staatsbürgerschaftsrechts zu beurteilen, lässt einen US-Amerikaner das holperige Wort “Ausländerfeindlichkeit”, um das es hier unter anderem gehen soll, ratlos zurück. Grammatikalisch janusköpfig – wer ist “feindlich”? Die Ausländer? Ein Synonym – die Feindschaft – lässt sich nicht benutzen – könnte es auch “Ausländerfeindschaft” heissen?

Der Begriff “Ausländerfeindlichkeit” kann in keine Sprache der Welt übersetzt werden. Wer vorschnell hofft, bei “Xenophobie” fündig zu werden, irrt: Die “Fremdenfeindlichkeit” bedeutet etwas ganz anderes. Der “Fremde” ist immer ein fiktives Konstrukt, dem eine Definition im kollektiven Diskurs voraufgegangen sein muss. Auch “Inländer” können zu Fremden gemacht werden. Menschen, die keinen deutschen Pass besitzen – “Ausländer” im Sinn des Wortes, etwa Isländer, Norweger, Dänen, werden in Deutschland weder angepöbelt noch zusammengeschlagen. Das geschieht aber Afrodeutschen, die noch nie einen anderen Pass besessen haben als den deutschen, jedoch eine andere, etwas dunklere Hautfarbe besitzen als der durchschnittliche Deutsche.(…)

Was will uns der Begriff “Ausländerfeindlichkeit” sagen? Er muss emotional stark besetzt sein, denn selbst der zarteste Hinweis, dass mit diesem “Unwort” die Welt nicht auf den Begriff käme, löst, vor allem bei Medienschaffenden und vor gutmeinenden Berufsjugendlichen, die sich bei ritualisierten Meetings gegen “Ausländerfeindlichkeit” versammeln, wütende und trotzige Reflexe aus, als nähme man einem Kind das liebste Spielzeug oder einem Hundebesitzer den Kampfhund weg.

Die Liebe zur “Ausländerfeindlichkeit” steht nicht allein, sondern korreliert mit der Abscheu vor Worten, die im Ausland für das Phänomen kursieren, etwa “Rassismus”. Wer in Deutschland öffentlich bekundet, es gebe Rassismus, outet sich als Angehöriger eines marginalisierten und akademischen Diskurses, der nur in Publikationen zu finden ist, die ständig in „Gefahr“ schweben, im nächsten Verfassungsschutzbericht als “linksextremistisch” aufzutauchen.

Der Begriff “Ausländerfeindlichkeit” hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte. Die lehrt vor allem eines: Deutschland verdrängt, dass es Rassismus gibt. Der Konsens der Nachkriegsgesellschaft war, nicht an diesem Tabu zu rütteln. Man gab sich “gastfreundlich” zu “Gastarbeitern”, man hatte es per definitionem zu sein, auch wenn die Realität anders aussah. Das Ergebnis dieser kollektiven Amnesie: “In der Folgezeit stand nicht einmal das wissenschaftliche Vokabular zur Beschreibung und Einordnung rassistischer Praktiken und Kategorien zu Verfügung.”

Würde eine US-amerikanische Zeitung von “Ausländerfeindlichkeit” reden, falls eine Bande von Ku-Klux-Klan-Anhängern einen Afroamerikaner überfiele und krankenhausreif schlüge, verstünde niemand, was damit gemeint wäre. “Fremd” heisst im amerikanischen Englisch “alien”, aber es käme niemand auf die Idee, dieses Wort im Zusammenhang mit rassistischen Motiven zu benutzen. So etwas ist nur in Deutschland möglich. Afroamerikaner sind keine “Fremden” in den USA und natürlich auch nicht per se in Europa.

Der Begriff “Ausländerfeindlichkeit” ist ein zentraler Topos des rassistischen Diskurses. Er hat sich so verfestigt, dass selbst nach stundenlangen Diskussionsrunden gutmeinender und sich liberal und aufgeschlossen gebenden Menschen über das Thema und vorgeblicher Erkenntnis, das Rassismus nichts mit einer Staatsangehörigkeit zu tun hat, das Wort reflexartig und automatisch wieder in das Gespräch einfliesst. “Ausländerfeindlichkeit” suggeriert einen Tatbestand, der so nicht existiert – als richteten sich Hass und Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen, die durch das Fehlen eines deutschen Passes gekennzeichnet ist. Das ist selbstredend Unfug. Dieser Begriff hat dazu geführt, dass jeder Dunkelhäutige mit grosser Wahrscheinlichkeit, wird er in Deutschland öffentlich wahrgenommen, zum “Ausländer” abgestempelt wird, zu dem man sich gut oder böse verhalten kann.

Wer dem CCC nicht passt, wird ausgesperrt

Nur mal zur Erinnerung:
Der Chaos Computer Club hat die German Privacy Foundation zum Chaos Communication Congress 2008 ausgeladen. “Es gibt gegen euch bzw. gegen Leute von euch sehr grosse Vorbehalte. Tatsächlich ist Burks selbst bei uns bis auf weiteres Persona non grata.” So heißt es in einer Mail des CCC. “Wir haben das besprochen und möchten eigentlich nicht, dass ihr einen Stand auf dem 25C3 aufbaut.”

Tron, revisited

Das hört offenbar nie auf. Ich bin heute von einem Fernsehsender zum Thema Tron interviewt worden. Dazu:

Auszug aus einem Brief Markus Kuhns an die Los Angeles Times, Juli 2002:

“Streitfeld, David” wrote on 2002-07-08 19:24 UTC:I am a reporter for the Los Angeles Times working on a story about smart card hacking. i wanted to ask you about Boris F[...].
The German journalist Burkhard Schröder wrote a book on the case. I think that both his presentation of the case and the conclusions he maked are the most sensible ones that I have seen so far, therefore I’d like to refer you to him as a more well-informed source.
Do you think his death was a suicide?
From all I know, this seems to be the most plausible hypothesis.
Why do so many people think he was killed, even if it’s unclear by who?
Lack of an obvious motive, plus he was affiliated with the Chaos Computer Club in Berlin, a highly media-active association that includes quite a number of conspiracy theory enthusiasts.”

Faschistische Ästhetik: Unter Lichtdomen und Riefenstählern

Die Salonfaschisten von der Jungen Freiheit lassen erfreulich deutlich die braune Sau raus:

Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin waren ein sportliches Großereignis, wie es noch keines gegeben hatte. Die Organisation war perfekt, die Ästhetik atemberaubend, der politische und kommerzielle Erfolg durchschlagend.

Dazu aus meinem Buch Nazis sind Pop (Kapitel. “Nazis und Populärkultur – warum schwarze Uniformen sexy und Lichtdome erhaben wirken”):

Popkultur bedeutet also, wenn ihr eine verständliche Synthese gelingt. Mehrere einander als fremd definierte Elemente können jedoch als Einheit bedeutungslos bleiben. Prinzipiell gilt im weltweiten Kapitalismus des 21. Jahrhunderts jedoch: Alles kann oder könnte mit allem kobiniert werden. Die klassische Bachsche Orgel mit traditionellen Instrumenten der indischen Sihks, die Malerei der australischen Aboriginals mit aztekischer Tempelkultur, “volkstümliches” Jodeln mit der Pfeifkunst kanarischer Hirten.

Beinahe alles. Populärkultur kann nicht geschichtslos sein, denn sie wirkt aktiv an der Historie mit, sie erinnert, übersetzt Altes in neue Codes und mit Hilfe neuer Codes, sie konserviert Bedeutungen wie
ein Bernstein das prähistorische Insekt. Deshalb kann und darf niemand die Lichtdome der nationalsozialischen Parteitage mit Klezmer-Musik kombinieren, Leni Riefenstahls Fotografien afrikanischer “Natur”völker können, würden sie mit Bildern osteuropäischer Juden aus dem letzen Jahrhundert verknüpft, nie ihren historischen Kontext verleugnen, der sich vor allem mit der Biografie Riefenstahls eindeutig einstellt. Kunst ist nie Pop und Kultur ohne die Person des Künstlers. (…)

Den größten und medienwirksamen Erfolg erzielte “Rammstein” aber durch ein Video zu ihrem Lied “Stripped” [vgl. oben] : sie ließen Zitate aus Leni Riefenstahls Film über die Olympischen Spiele im Jahr 1936
montieren. Natürlich war das als Provokation gedacht, denn die Lichtdome Albert Speers, damals durch 150 Flakscheinwerfer gebildet, gelten in der kollektiven Erinnerung als nationalsozialistische Ästhetik par excellence. Leni Riefenstahl und ihre Methode, politische Inhalte mit den Stilmitteln säkularer Religionen zu vermitteln und somit bestimmte Formen der Popkultur zu antizipieren, ist vor allem deshalb problematisch, weil sie das leugnet, was den Kern ihrer Arbeit ausmacht: gruppendynamische Gefühle rituell einzuüben. Ein heutiges Skinhead-Konzert ist nichts anderes als die Bonsai-Ausgabe eines Reichsparteitages.

Kachelmann Final Release und Tron

“Lehrstunden in Sachen Rechtsmedizin” titelte SpOff, und der Artikel ließ mich mir eine beinah endgültige Meinung zum Thema “Kachelmann” bilden:
“Der von Kachelmanns Anwalt eingesetzte Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild zitierte vor Gericht aus dem “Handbuch für gerichtliche Medizin” einen Zehn-Punkte-Katalog von Merkmalen, wie sie für Selbstverletzungen typisch seien. Verblüffend viele Merkmale trafen anscheinend auf die Nebenklägerin zu…”

Bei stern.de wird es genau so deutlich:
“Silvia May hat sich die Verletzung wahrscheinlich selber beigebracht. Diese Meinung vertreten jedenfalls die von der Verteidigung beauftragten Rechtsmediziner Markus Rothschild und Klaus Püschel. ‘Ich halte es für ausgesprochen unwahrscheinlich, dass durch den schmalen Messerrücken eine so flächige Wunde entsteht.’ Gleicher Meinung sind Püschel und Rothschild auch bei der Bewertung der Kratzspuren an Mays Körper.”

Ich habe noch einen anderen Grund, dem Rechtsmediziner Markus Rothschild zu glauben – ich habe ihn vor mehr als zehn Jahren mehr als eine Stunde lang interviewt und mir ein Bild machen können. Aus meinem Buch “Tron – Tod eines Hackers”:
Bei der Obduktion des Toten waren anwesend “der obduzierende Arzt, Dr. Markus Rothschild, der Direktor des Instituts für forensische Medizin, Professor Dr. Dr. h.c. Volkmar Schneider, sowie Klaus Ruckschnat, Kriminalhauptkommissar und Leiter der 3. Mordkommission. Eine Obduktion dauert ungefähr drei Stunden. (…) Dr. Markus Rothschild ist ein Jahrzehnt jünger als der Autor, hat an einer Eliteschule in Berlin das Abitur gemacht und Famulaturen in Hongkong und Nord-Borneo vorzuweisen. Im Februar 1999 habilitierte er im Fach Rechtsmedizin. Im August 1998 untersuchte er im Auftrag des UN-Kriegsverbrechertribunals Massengräber in Bosnien-Herzegowina. Er darf der Presse keine Auskünfte über den konkreten Fall geben, aber Fragen allgemeiner Art beantwortet er bereitwillig.”

Der Mann weiß, wovon er spricht. Nicht jedoch die Verschwörungstheoretiker vom Chaos Computer Club, die immer noch glauben, ihr “Märtyrer” sei ermordet worden – die müssten auch behaupten (und das tun sie), dass das damalige eindeutige Obduktionsergebnis falsch gewesen sein. Fragen Sie einfach Dr. Rothschild.

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Fidonet in Egypt reloaded [2. Update]

mailbox

In meinem Taz-Aritikel vom 28.01. lautete der letzte Absatz: “Die ägyptische Opposition greift jetzt zu Mitteln, die schon als technisch veraltet galten. Der Twitter-Nutzer @EgyptFreedomNow gab bekannt, dass das Internet noch per Modem-Einwahl zu einem Provider erreichbar sei, also etwa über ein teures Auslandsgespräch.” Im Originalmanuskript hieß der Satz übrigens “also etwa per Auslandsgespräch nach Israel” – das “nach Israel” wurde von der taz gestrichen.

Vermutlich hat kaum jemand verstanden, was ich damit meinte. Fefe hat jetzt darauf hingewiesen, dass clevere Ägypter angeblich das altehrwürdige Bulletin Board System (BBS) reaktiviert haben, das nur in Deutschland irreführend “Mailboxen” genannt wird. (Auch Golem hat etwas dazu geschreiben.)

“Actually you can use wi-fi networks/local networks to communicate from one household to another and then if someone can make phone calls abroad/has access to the internet, use it to send packets abroad. Old fidonet software like binkley+/t-mail/hpt/golded/fastecho/frontdoor can be still used. If people in Egypt really need help with this stuff, I guess most of us, fidonet sysops, are ready to help.”

Das Fidonet ist nur eines der BBS-Systeme, die noch existieren, Zone 5 ist für Afrika reserviert. “While the use of FidoNet has dropped dramatically compared with its use up to the mid-1990s, it is still particularly popular in Russia and former USSR. Some BBSes, including those that are now available for users with Internet connections via telnet, also retain their FidoNet netmail and echomail feeds. Some of FidoNet’s echomail conferences are available via gateways with the Usenet news hierarchy. There are also mail gates for exchanging messages between Internet and FidoNet.”

Vor einem guten Jahrzehnt habe ich auch noch eine Mailbox benutzt (vgl. Sceenshot), und mein vor 16 Jahren erschienenes Buch handelt fast ausschließlich von Mailbox-Systemen, insbesondere vom Thule-Netz.

Hier ist eine Website über die Möglichkeiten, mit denen man die Internet-Zensur in Ägypten unterlaufen kann.

Update Die BBC hat jetzt nachgelegt: “Old technology finds role in Egyptian protests” – “The Manalaa blog gave advice ["Back to Basics: Using dial up internet"] about how to use dial-up using a mobile, bluetooth and a laptop.”

2. Update Es scheint keine Windows-64-Bit-Version der Crosspoint-Derivate zu geben, und unter Linux will ich mir das nicht antun. Weiß jemand mehr?

Warum die Kalifornier Kiffen verbieten

hanf

Was der Gesellschaft gerade an der [Sucht] so aufstößt, hat wenig mit der Droge selbst, um so mehr mit der damit zusammenhängenden Subkultur zu tun. Kompliziert formuliert: “Die strukturelle Anfälligkeit westlicher Gesellschaften für Konflikte über die moralische und rechtliche Bewertung des Drogenkonsums ergibt sich aus der delikat ausbalancierten Stellung des Drogenkonsums in einer sowohl am Leistungs- wie auch am hedonistischen Prinzip orientierten Gesellschaft.” 1 Einfacher: Wer etwas leistet, erfreut sich in Gesellschaften, die im weitesten Sinne auf den moralischen Prinzipien der protestantischen Arbeitsethik fußen, eines hohen Ansehens – und darf sich dann auch mal was Schönes gönnen. Wer freiwillig faul ist, gilt, je nach Rigidität der Norm, als sozialer Abweichler. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, hieß es im alten Preußen. Wer dem Rausch frönt und süchtig ist, genauer: nach oder von illegalen Drogen süchtig ist, sei arbeitsunfähig und damit auch moralisch verwerflich – so jedenfalls das Klischee der öffentlichen Meinung. Man darf dem individuellen Lustprinzip huldigen, wenn man vorher etwas geleistet hat, nur dann. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Die Frage ist nur: Wie viele Arbeitsunwillige kann unsere Gesellschaft vertragen? Nicht ihre reale Zahl ist wichtig, sondern ihre symbolische Ausstrahlungskraft, die Faszination einer Drogen-Subkultur, die den normal arbeitenden Bürger zutiefst verunsichert. Die “Sucht”, die gleichzeitig das Lustprinzip auf die Spitze treibt, ist ein Angriff auf die Moral. Sucht ist nur in der Freizeit gestattet, als Ausgleich zum Streß des Arbeitslebens, als verschämt genossenes Privatvergnügen oder im Rahmen akzeptierter Rituale wie beim Fußball oder im Vereinswesen.

Das Klischee der “Sucht” als Verweigerung der Leistung ist so in den Köpfen etabliert, daß die Realität kaum eine Chance hat: Heroinabhängige, die problemlos mit ihrer Droge versorgt würden oder werden – was wegen der Illegalisierung des Heroins kaum der Fall ist -, sind genauso arbeitswillig und -fähig wie jemand, der jeden Tag drei Schachteln Zigaretten raucht. Ihre Leistungsfähigkeit ist nicht wesentlich beeinträchtigt, noch nicht einmal, im Gegensatz zu Alkoholikern, die Fahrtüchtigkeit. 2 Sie richten also keinen Schaden an, jedenfalls nicht mehr als diejenigen, die ohne Drogen auskommen. Warum sollte also die Heroin-Sucht überhaupt behandelt oder gar therapiert werden? (…)

Selbstkontrolle und -disziplin gelten als unabdingbar für die Stabilität der sozialen Ordnung. Wer sich gehenläßt und dem Rausch frönt, kann seine Arbeitskraft nicht mehr eigenverantwortlich auf dem Arbeitsmarkt verkaufen. Der französische Philosoph Michel Foucault hat die These aufgestellt, die Irrenanstalten – Vorläufer der heutigen psychiatrischen und Nervenkliniken -, die es erst in der modernen Gesellschaft gibt, hätten zur Wiederherstellung der “kollektiven Selbstdisziplin” gedient. Die Gesellschaft erklärt einige Verhaltensweisen für “normal” und “nützlich”, andere für verwerflich und krank. Vor diesen muß man sich schützen, indem man die Betreffenden, die sich uneinsichtig verweigern, wegsperrt.

Diese Ideen waren doppelt sinnvoll: Zum einen entlasteten sie die “Süchtigen”. Die Alkohol- und später die Morphin-Konsumenten konnten ihr von der etablierten Norm abweichendes Verhalten als “Zwang” erklären, der irgendwo in ihrem Inneren hauste und den sie nicht ohne fremde Hilfe zu bekämpfen in der Lage waren. Der Ausschluß aus der Gesellschaft als “Süchtiger” bedeutete gleichzeitig die Wiedereingliederung “als Kranker”, um den man sich zu kümmern und den man zu rehabilitieren hatte. Zum anderen war die Idee einer “Sucht” eine Erklärung für diejenigen Schichten der Bevölkerung, die ihr abweichendes und unerwünschtes Begehren ständig in Schach halten mußten: Wenn man die soziale Sicherung nicht schaffte, lag das an “dunklen Trieben”, die man noch nicht unter Kontrolle gebracht hatte, am “krankhaften” Verlangen, das soziale Elend mit Drogen zu betäuben.

Philanthropen und bürgerliche Abstinenzapostel erklären Kriminalität und Verelendung als Folge der moralischen Zerrüttung durch den Rauschgiftkonsum und die “Sucht”. Nicht der kontrollierte Umgang wird gefordert, sondern der Verzicht. Gerade in Deutschland und in den puritanisch geprägten USA fällt diese Idee auf fruchtbaren Boden. Da das Leben ohnehin ein Jammertal ist, wäre der Rausch, der zumindest zeitweilig “Abhilfe” schafft, geradezu eine Verhöhnung der sittlichen Grundlagen. Jegliche Erinnerung an mögliche mentale Erfahrungen, die den mühsam erarbeiteten eigenen Verhaltenskodex in Frage stellen, soll getilgt werden. Nicht zufällig wettern heute ehemalige Theologen, die durch politische Wirrungen in verantwortliche Posten in der Drogenpolitik katapultiert wurden, gegen den “Hedonismus”, der drohe, wenn man im Krieg gegen die Drogen nur ein wenig nachlasse.

Diese Vorstellung von Sucht hat fatale Folgen. Ihre Definition beruht letztlich auf ethischen und moralischen Leitsätzen, die in einer bestimmten Gesellschaft — und nur in einer — relativ sinnvoll sind. Niemand weiß, warum Wasserbüffel manchmal Mohnkapseln schlucken und danach orientierungslos herumtorkeln, warum Elefanten alkoholisch vergorene Früchte verzehren und regelrecht “ausflippen”, warum Katzen wild auf Katzenminze sind, Schafe sich vorsätzlich mit Narrenkraut bedröhnen oder Rhesusaffen, wenn sie die Auswahl haben, Kokain bevorzugen und Heroin verschmähen. Die Sucht, der exzessive Konsum von Rauschdrogen, soll beim Menschen jedoch eine Krankheit sein. Man verweigert ihm die Droge, und ist das nicht konsequent möglich, wird er selbst so isoliert, daß er nicht an sie herankommt. Nicht der mögliche Schaden für das Individuum ist relevant, sondern der “Schaden” für die Gesellschaft. Der besteht darin, daß die zwar nie reale, aber dafür um so mehr befürchtete massenhafte Verweigerung der “nützlichen” Tätigkeiten, eben der Arbeit, das System als solches in Frage stellen könnte. Das ist aber ein politisches, kein medizinisches Problem.

“Sucht” als Phänomen, das sowohl repressive staatliche Maßnahmen nach sich ziehen muß als auch nach therapeutischem Bemühen verlangt, taucht erst dann auf, wenn sich die Süchtigen als soziale Randgruppe und/oder als subversive Subkultur im Bild der Öffentlichkeit etabliert haben. Das hat mit der Realität wenig zu tun, sondern dient den jeweiligen Interessen, das Verhältnis des Bürgers zum Staat zu definieren. Die Vorstellung von “Sucht” als Krankheit ist untrennbar verbunden mit der Unterdrückung von unerwünschtem Verhalten und von Minderheiten.

1. Scheerer, S.: Die Genese der Betäubungsmittelgesetze in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden. Göttingen 1982
2. Bei Tests zur Fahrtüchtigkeit von Heroinabhängigen, die das Medikament Polamidon erhielten, hat sich herausgestellt, daß die Substitution die Leistungsfähigkeit der Testpersonen nicht beeinträchtigte. Das jedenfalls teilten Verkehrsmediziner der Heidelberger Universität auf dem Jahreskongreß der Rechtsmediziner im September 1992 mit.

Diese Passagen stammen aus meinem Buch Heroin – Sucht ohne Ausweg?, erschienen 1993. Sie erklären auch, warum ich zum Thema Drogen nichts mehr in deutschen Medien veröffentliche – es hat schlicht keinen Sinn. Es ist seit 30 Jahren alles gesagt, die “Diskussion” dreht sich im Kreis. Gegen moraltheologische Diskurse – um um einen solchen handelt es sich bei “Drogen” – hat die Vernunft nicht die geringste Chance.

Sie werden assimiliert, revisited oder: Die deutsche Nation

In Wahrheit diskutiert Deutschland noch immer nicht über sich selbst. Für die historische Tradition des Begriffs “Nation” gilt der Satz Heiner Geisslers: “Es gibt keinen aufgeklärten Nationalismus, der frei ist von Rudimenten totalitärer Vergangenheit.” Nation ist immer frei erfunden, ein Mythos, der eine subjektive Gemeinschaft konstituieren soll. Der Mythos gibt die “virtuellen Eckwerte vor, die die reale Welt per Gesetz definiert. Wer heute darüber streitet, wer wie Deutscher sein dürfe, kann sich nicht vom historischen Ballast des nationalen Diskurses seit dem 18. Jahrhundert lösen.

Diese kollektive Identität im modernen Sinn existiert nur parallel zur kapitalistischen Industriegesellschaft: Der Mythos Nation ermöglicht eine brüchige Einheit, die rein ökonomisch und politisch weder zu begründen noch zu legitimieren wäre. Der Staat braucht die Nation, um antagonistische Interessengruppen unter einen Hut zu bringen. Kaiser Wilhelm II. formulierte am 4. August 1914, nachdem auch die SPD die Kriegskredite bewilligt hatte, den klassischen Satz: “Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.” Stefan Vogt fasste die Geschichte der deutschen Begriffsgeschichte, Nation und Vaterland betreffend, in der These zusammen: “Die Verbürgerlichung der Nation war in Deutschland nur um den Preis der Nationalisierung des Bürgertums zu haben.”

Die Nation als moralische Instanz hat sich im protestantisch geprägten Preussen beispielhaft entwickelt. Im Gegensatz zu Frankreich konzentrierte sich der öffentliche Konsens derjenigen, die zur deutschen Nation gehören durften, seit jeher nicht darauf, die Teilhabe an der politischen Macht zu fordern und an ihr zu partizipieren, sondern, als eine Art kompensatorischer Gratifikation, auf den moralischen Appell an den Gemeinsinn. Emanzipation steht in Deutschland aus historischen Gründen immer unter dem Zwang, sich in das nationale Kollektiv integrieren zu müssen. Diese Tradition war nicht nur in der DDR zu beobachten, sondern ist auch im wiedervereinigten Deutschland hochaktuell.

Nation, wie der Mainstream sie in Deutschland versteht und assoziiert, reproduziert immer noch einen kolonialen Diskurs, der in anderen europäischen Länder schon längst obsolet geworden ist und nur noch in offen rassistischen Parteien gepflegt wird, etwa den Nachfolgeorganisationen der französischen “Front National”. Dieser Art von Nation liegt der Wunsch zugrunde, sich mit einem homogenen Ganzen zu identifizieren, das Bedürfnis, sich des eigenen überlegenen Selbst zu vergewissern. Das Subjekt, der Rassist, kann sich vom “unterlegenen” Objekt, dem Ausländer, dem Angehörigen einer “fremden” Kultur, distanzieren, ihn entweder aggressiv ausgrenzen oder ihn als mangelhaftes Wesen sehen mit defizitärer kultureller Identität, den man helfen kann, um das eigene Selbstgefühl zu stärken – ein starkes Motiv für einige Initiativen, die sich scheinbar “für” Ausländer engagieren. Boshafte Menschen nennen das “Infantilisierung”.

Der Begriff der Nation sagt etwas darüber aus, wer dazugehört und wer nicht. “Ausländer” ist im strengen Sinne des Wortes eine juristische Kategorie: Ausländer ist, wer nicht zum Staatsvolk gehört. Das scheint unstrittig zu sein. Jemand, der in einem Land lebt, aber nicht Staatsbürger ist, besitzt weniger Rechte. Das ist in keinem Land der Welt anders. Die Menschenrechte gelten jedoch unabhängig nationaler Vorschriften überall. Die “Allgemeine Erklärung der Menschenrechte” der UN-Vollversammlung vom 10. Oktober 1948 definiert diese für die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen. Das deutsche Grundgesetz hat viele der Artikel übernommen, aber nicht alle. Der Artikel Eins des Grundgesetzes: “Die Würde des Menschen ist unantastbar” ist ein Menschenrecht, das nicht nur für Deutsche, sondern auch für Ausländer in Deutschland gilt.

Das Wort “Ausländer” wird in Deutschland aber in einem ganz anderen Sinn Sinn benutzt. Es umfasst im öffentlichen Sprachgebrauch Migranten, also Einwanderer, Asylbewerber, Touristen, die sich für eine kurze Zeit in Deutschland aufhalten – aber auch Menschen, die schon viele Jahre in Deutschland leben und dort bleiben wollen, denen aber bis jetzt der deutsche Pass verwehrt wurde. Man darf daran erinnern, dass die Christdemokraten jahrzehntelang behauptete, Deutschland sei kein Einwanderungsland. obwohl fast jedem deutschen Grosstadtbewohner ein Blick aus dem Fenster genügte, um sich von Gegenteil zu überzeugen. Die real existierenden Einwanderer waren Menschen zweiter Klasse, mit minderen Rechten. Eine Diskussion über das umstrittene “Ausländerwahlrecht” ist hier völlig überflüssig und auch nicht das Thema: Es geht vielmehr darum, ob diese Menschen Ausländer bleiben sollten. Solange die übergrosse Mehrzahl der Einwanderer nicht Deutsche werden, ganz gleich, wie sie behandelt werden, produziert ihr Status permanent Rassismus.

“Nation wie auch Rassismus erfordern zur eigenen Konstitution den Ausschluss des Anderen, dem die Funktion des Feindes und des Opfers zukommt.”1 Diese zentrale These ist zwar Basis der Forschung, welche Ursachen rassistische Vorurteile haben, in Deutschland jedoch nicht mehrheitsfähig. Es scheint sogar fast unmöglich, den diskursiven Mainstream in Medien und Politik aufzubrechen.

Ausländer gehören nicht zur deutschen Nation, und deshalb bleiben sie “fremd”, ob man tolerant ist oder nicht. Alle Versuche, real diskrimierten und rechtlich und sozial benachteiligten Menschen gegenüber Toleranz und andere guten Gefühle einzufordern, werden vergeblich sein. Die ethnisierte Begriff der deutschen Nation ist selbst die Quelle des Rassismus. Er geht von einer Fiktion einer ethnischen Homogenität aus. Hannah Ahrendt stellte den Unterschied zwischen der französischen Nation der Staatsbürger und der deutschen Kulturnation pointiert heraus:
“Der Chauvinismus vor allem französischer Prägung (…) konnte sich in allen möglichen romantischen Verherrlichungen der Vergangenheit, der Toten- und Ahnenkulte ergehen. Er konnte ein unglaubliches Vokabular der Großsprecherei ersinnen und versuchen, die ganze Nation mit ‘gloire’ und ‘grandeur’ besoffen zu machen; aber er hat niemand behauptet, dass Menschen französischer Abstammung, die in einem anderen Lande geboren und erzogen, ohne Kenntnis der französischen Sprache und Kultur, nur dank mysteriöser Qualitäten ihres ‘Blutes’ Stammesfranzosen seien. (…) Die völkische Arroganz ist größer und schlimmer als der chauvinistische Grössenwahn, weil sie ich auf innere unmeßbare Eigenschaften beruft.”2

Und genau das war die Basis des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts und ist es im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch heute und wird von den Mulitiplikatoren kollektiver Mythen, insbesondere in den Medien, so formuliert. Die Dichotomie zwischen In- und “Aus”ländern suggeriert, die da draussen müssten sich denen da drinnen kulturell angleichen, die inneren
Eigenschaften des Deutschen übernehmen, um in den Genuss derer Privilegien zu kommen. Der vorgebliche “fremdenfreundliche” und verzweifelt hilflose Pro-Ausländer-Diskurs kann diesem Dilemma nicht entrinnen, er produziert erst die Vorurteile, die er eigentlich bekämpfen will.

Die Fiktion der Kulturnation kann alternativ in verschiedene sprachliche Formen gegossen werden, als “Bekenntnis zum deutschen Volkstum” oder schlicht Assimilation, obwohl niemand weiß, wann die erreicht sein könnte. Der CDU-Poliker Meinhard Belle zum Beispiel behautpet: “Unabdingbar für die Einbürgerung ist die Beherrschung der deutschen Sprache. Sie ist grundlegende Voraussetzung und Schlüssel für die Integration.” Integration in was? Und wie sieht das Ergebnis aus? Ein Migrant, der die Sprache seines neuen Heimatlandes nicht lernt, ist schlicht dumm und darf sich nicht wundern, wenn er weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat. Aber war hat das mit der Einbürgerung zu tun?

Kulturelle Identität, national gedacht, ist ein politisches Projekt: Der Begriff der Nation fordert etwas – die Teilhabe an der “Ausländer” in Deutschland ist immer ein Widerspruch in sich. Er gehört nicht dazu, was sein juristischer Status unzweideutig beweist. Die Nation schliesst ihn aus, er ist ihr fremd. Alle Versuche, diesen Status im Bewusstsein der Öffentlichkeit (oder gar der Rassisten) nur per Appell zum Positiven zu ändern, sind verlogen und sinnlos. Der Rassismus in Deutschland wird kodiert durch den “Ausländer”-Diskurs; der dient als eine Art verbaler und sozialverträglicher Verpackung, um den Inhalt nicht benennen zu müssen. Hans Magnus Enzensberger schreibt:

“Obwohl der Idee der Nation nichts Handfestes mehr entspricht, lebt sie subjektiv, als Illusion, äußerst zäh weiter. Illusionen von solchen Ausmßen sind aber ernst zu nehmen. Sie sind ihrerseits Realitäten, und zwar psychologische Realitäten von explosiver Kraft. Ich habe mich oft gefragt, was uns so fest an diese Zwangsvorstellungen fesselt. Vermutlich ist es uns zu mühsam, eigene Ressentiments und Komplexe, Idiosynkrasien und Neurosen zu entwickeln. Das Phantom der Nation stellt jedermann ein präfabriziertes seelisches Meublement zur Verfügung, in dem er sich preiswert einrichten kann. Noch dazu handelt es sich um ein Sortiment von der Stange, das die eigene Auswahl überflüssig macht und den enormen Vorzug hat, daá man es mit vielen anderen teilt. Das schafft eine gewisse behagliche Solidarität, wie man sie etwa unter Leuten beobachten kann, die dasselbe Automodell fahren.”

1. Kien Nghi Ha: Ethnizität und Migration, S. 12
2. Hannah Ahrendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus, Totalitarismus, Imperialismus. München/Zürich 1998, S. 481f.

Erschienen 2000 in Burkhard Schröder: Nazis sind Pop

Der Rücken meiner Nachbarin

Rixdorf

Der Knoten in meiner Story, an der ich schon seit Wochen sitze, hat sich gelöst. Die Sätze flutschen wieder. Liegt es am Frühling? Daran, dass ich mit Laptop auf dem Balkon sitze? Oder am Rücken meiner hübschen jungen Nachbarin gegenüber, die sich sonnt?

Heroin auf Krankenschein

Titel:Heroin - Titelfoto:Dietmar Gust Heute kaufte ich ausnahmsweise ein Holzmedium, die taz, um mich beim Busfahren nicht zu langweilen. Der Artikel “Heroin künftig auf Krankenschein” verschaffte mir Genugtuung. Darf ich kurz darauf hinweisen, dass ich das schon 1993, also vor siebzehn Jahren, in meinem Buch über Heroin forderte?

Damals wollte das ausser einem kleinen Kreis Eingeweihter niemand hören und niemand hat sich getraut, über meine Thesen öffentlich zu diskutieren. Der gesellschaftliche Diskurs über Drogen ist jedoch bekanntlich irrationale Moraltheologie – wie auch der über “Kinderpornografie im Internet” – und hat mit rationalen Argumenten, die seit dreissig Jahren bekannt sind, rein gar nichts zu tun. Es geht um symbolischen Exorzismus und um nichts Anderes.

“Künstliches Heroin, sogenanntes Diamorphin, wird bald zum Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen gehören. Das beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss (ja, das kann man verlinken, ihr Internet-Ausdrucker der taz!) von Ärzten, Krankenhäusern und Kassen am Donnerstag in Berlin.”

Das ist schon wieder halb falsch, obwohl das sogar in der Pressemeldung der Ärzte so steht. Heroin ist immer “künstlich”, es kommt in der Natur nicht vor, sondern wird aus Opium gewonnen. “Der englische Chemiker Charles Robert Alder Wright entwickelte 1873 ein Verfahren zur Synthetisierung Diacetylmorphins, eines Syntheseprodukts aus Morphin und Essigsäureanhydrid. Am 26. Juni 1896 griff die Aktiengesellschaft Farbenfabriken (heute Bayer) das Verfahren auf und ließ es unter der Bezeichnung Heroin und der Patentnummer 31650 F 2456 schützen. Wenig später gelang am 21. August 1897 nach dem gleichen Verfahren dem bei Bayer beschäftigten Chemiker Felix Hoffmann ebenso die Synthetisierung Diacetylmorphins. Daraufhin startete ab 1898 der Bayer-Konzern die Produktion von Diacetylmorphin“.

“Mediziner werteten die Vergabe von künstlichem Heroin an Schwerstabhängige in Modellprojekten in sieben deutschen Städten bisher durchgehend als Erfolg.” Ja, ich habe es vorhergesagt und Recht behalten.

Konquistadoren wiedergefunden

Jetzt habe ich den Umzug innerhalb meiner Wohnung so gut wie abgeschlossen, mal abgesehen davon, dass die Rechner immer noch in meinem früheren Arbeitsraum stehen, weil ich noch keinen blassen Schimmer habe, wie ich das Telefonkabel durch die Wand nach drüben gezogen bekomme.

Beim Ausräumen meines Tresors fielen mir drei Disketten (ja, diese viereckigen Dinger von gaaaanz früher!) in die Finger. Und siehe, ich hatte das lange vergeblich gesuchte Backup meines historischen Romans “Die Konquistadoren” in den Fingern.

Ich hatte schon vor ein paar Jahren die Rechte am Werk zurückbekommen. Das Buch scheint noch immer begehrt zu sein, weil es kaum antiquarische Ausgaben gibt. Vielleicht setze ich mich in einer stillen Stunde hin und bereite die gut 500 Seiten als pdf auf (Original: Word, September 1998). Aber wer liest ein 500 Seiten langes pdf auf dem Monitor oder druckt es gar aus? Oder sollte ich mich mit E-Books beschäftigen?

Rezension: Die Online-Durchsuchung

Eine sehr ausführliche Rezension des Buches “Die Online-Durchsuchung” findet man auf solon-online.de. Patrick Grete schreibt: “Beim Lesen dieses Teils des Buches kommt man aus dem Staunen über diese Vorgänge nicht heraus. Steht es so schlecht um den Journalismus in Deutschland? ”

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