Bananenrepublik II
Sueddeutsche.de: “Der EuGH hat festgestellt, dass Deutschlands Datenschutzbehörden nicht unabhängig agieren können. (…) Das höchste Gericht der EU verwarf am Dienstag in Luxemburg die in der Bundesrepublik übliche staatliche Aufsicht über den Datenschutz in der Privatwirtschaft als rechtswidrig. Der EuGH gab damit einer Klage der EU-Kommission statt, die zuvor vergeblich von Deutschland eine Aufsicht über den Datenschutz von Privatpersonen ‘in völliger Unabhängigkeit’ gefordert hatte.”
Liebe Offliner und Internet-Ausdrucker bei sueddeutsche.de: Das Urteil ist sogar in deutscher Sprache online verfügbar. Seid ihr nur zu dumm, das zu finden oder nur zur faul, einen Link zu setzen? Oder beides? Oder wollt ihr gar freiwillig sterben, Holzmedien?
Ich glotz TV, ihr Diener des Mainstreams
Heute bin ich richtig müde, werde mich gleich ins Bett werfen und zwischen ZDF und Arte hin- und herzappen. (Ja, ich schaue beide Filme gleichzeitig!) Sharon Stone ist auch immer einen Blick wert.
By the way: Der Print-Spiegel macht (S. 143) auf eine noch unveröffentlichte Studie der Otto-Brenner-Stiftung aufmerkam. Thema: die Wirtschaftsberichterstattung zur Finanzkrise. Die tagesaktuellen Medien seien “ihrer Rolle als kritische Frühwarner nicht gerecht geworden”, sondern hätten versagt. Untersucht wurden überregionale Tageszeitungen, die dpa sowie “Tagesschau” und “Tagesthemen”.
“Der aktuelle Wirtschaftsjournalismus, urteilt die Studie, sei insgesamt kein ‘kritischer Träger der Aufklärung’, sondern eher ‘Diener des Mainstreams’.” Ja, das gilt nicht nur für den Wirtschaftsjournalismus.
Kritische Fragen und Fakten zur Vorratsdatenspeichung und mehr
Malte Spitz (Die Grünen) hat die Lügen einiger Politiker zu den Folgen des BVG-Urteils hübsch auseinandergenommen (Mirror bei netzpolitik.org). Lesenswert!
Treffend auch ein Kommentar (typos corrected) bei netzpolitik.org: “Schämt sich eigentlich unser ‘Qualitätsjournalismus’ nicht, dass sie selbst solch eindeutige und mit 5 Minuten Recherche zu widerlegende Aussagen ohne Gegenwort, ohne Hinweis für den Leser, weiterverbreiten?” Nein, sie schämen sich nicht, weil sie es nicht gewohnt sind, den Mainstream zu kritisieren. Das gesunde Volksempfinden ist leider häufig identisch mit dem Medienempfinden.
By the way: holländische und englische Journalisten haben es vorgemacht, wie es sein könnte…
Haarsträubende Zensur?
Oh, ihr Heuchler! Zeit Online schreibt: “Apple gibt sich prüde und schmeißt 5000 Programme aus seinem App-Store. Es soll wohl familienfreundliche Politik für das iPad sein, ist aber eher haarsträubende Zensur.”
Ach ja? Und Zeit Online und andere deutsche Mainstream-Medien drucken nackte Brüste ab? Nein, das traut ihr euch nicht, ausser den üblichen Verdächtigen. So what?
Heise: “Apple entfernt anstößige Anwendungen aus dem App Store”. Wenn ich das schon höre! “Anstößig” – was soll den das heißen? Wer stößt an was an oder sich an wem? Haben die schmallippigen Jugendschutzwarte wieder aufgemuckt? Oder ist das nur die 366ste Auflage der protestantischen Bigotterie und Prüderie? Oder wagten es die Kinderschänder-Organisationen, sich für moralische Fragen zuständig zu erklären?
Ich erinnere an die Zensur bei Flickr.com vor drei Jahren aus identischen Gründen – habt ihr damals protestiert und das auch eine “haarsträubende Zensur” genannt? Nein, habt ihr nicht. No tienen cojones…
Die hübsche Dame 2.0 ist übrigens sowohl in Second Life als auch in Gor.
Roland Koch merkbefreit
Comedy pur: Christian Hufgard, Pressesprecher der Piratenpartei, berichtet über ein Treffen der Piratenpartei mit dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch: “Und wer unbedingt Inhalte konsumieren wolle, die mit einem sendezeitgeregelten Internet erst ab 24 Uhr verfügbar wären, der solle sie halt runterladen und Nachmittags konsumieren oder in der Videothek ausleihen.”
CDU: “Metz sprach von einem sehr konstruktiven Gespräch; er habe das Gefühl gehabt, dass die Vertreter der Piratenpartei die Staatskanzlei nicht ohne eine gewisse Nachdenklichkeit verlassen hätten.”
Piratenpartei: “Im Gespräch wurde schnell deutlich, dass es nur schwer überwindbare Differenzen gibt.”
Hier gibt es eine Analyse des Vorher-Nachher beim so genannten Jugendmedienstaatsvertrag.
Cryptome.org und das wahre Reich des Bösen
Was keinem Geheimdienst dieser Welt gelang, schaffte jetzt Bill Gates: “Der US-Softwarekonzern Microsoft hat mit einer sogenannten DMCA Notice dafür gesorgt, dass die Website gegen Zensur Cryptome.org vom Netz genommen wurde.” (Heise, Wired). “Cryptome stand seit 1996 für uneingeschränkte Meinungs- und Informationsfreiheit ein.”
“Wired hat das 22-seitige PDF-Dokument vom März 2008, dessen Veröffentlichung Microsoft verhindern wollte, online gestellt. Es gibt Strafverfolgern Handreichungen, welche Informationen sie über Nutzer von Microsoft-Produkten für Ermittlungszwecke gewinnen können, also beispielsweise Verbindungsdaten bei Xbox Live, Microsofts E-Mail- und Messaging-Diensten sowie Hintergründe über den Authentifizierungsdienst Windows Live ID.”
Die gute Nachricht steht auf cryptomeorg.siteprotect.net: “This is temporary Cryptome address until the Cryptome.org domain is transferred. Network Solutions shut Cryptome.org and has placed a “legal lock” on the domain name, preventing its transfer, until the “dispute” is settled. Some recent files are available now and the full collection is being transferred.” (Warum wird das bei Heise nicht erwähnt?)
Qualitätsjournalismus: Recherche an Firmen outsourcen
Ich verstehe gar nicht, warum sich der stern so aufregt: “Das Privatleben von Berliner Spitzenpolitikern ist systematisch ausspioniert worden. (…) Dem Bericht zufolge hat eine Berliner Foto- und Recherchefirma namens CMK seit Ende 2008 über Monate hinweg immer wieder den SPD-Politiker Franz Müntefering und seine heutige Frau Michelle Schumann beschattet. (…) Die Aufträge zu den fragwürdigen Recherchen kamen von der Zeitschrift ‘Bunte‘”. (Ha, die hat sogar eine Website, die man verlinken könnte, stern Offline!)
Beschattet? Da recherchiert eine Illustrierte einmal investigativ oder tut so als ob und schon sind alle empört. Englische Boulevard-Blätter würden gar nicht verstehen, worüber die bräsigen deutschen Mainstream-Medien sich aufregen.
Der Skandal ist ein ganz anderer: Die Journalisten bei “Bunte” waren offenbar nicht selbst in der Lage zu recherchieren, sondern mussten diese Aufgabe outsourcen, vermutlich weil sie ihr Handwerk verlernt hatten oder nicht wussten, wie diese ominöse “Recherche” geht. “Aussagen ehemaliger Mitarbeiter der Firma” – natürlich, ehemalige Mitarbeiter sind immer die erste und die beste Quelle. Das Motiv ist also klar.
Offenbar ging es aber vornehmlich um Fotos, nicht um Fakten, und Paparazzis schienen nicht verfügbar gewesen zu sein: “Seit über einem Jahrzehnt liefert CMK IMAGES professionelles und aktuelles Bildmaterial für Verlage, Redaktionen und TV-Sender.” Und: “Unsere Bilddatenbank mit mehr als 200 000 Fotos, integriert im iPicturemaxx Netzwerk, ist bestens im Markt etabliert und wird täglich von allen namhaften Redaktionen der unterschiedlichsten Bereiche frequentiert.”
Alle tun es also. Nur nutzt der stern andere Agenturen als CMK. Eine Krähe kann der anderen also ein Auge auskratzen.
“Laut stern forschte CMK Lafontaines damaliges Domizil im Berliner Stadtteil Köpenick aus. Überwachungsprotokolle der Firma belegen, dass außerdem geplant war, eine Kamera zu installieren, die auf das Wohnzimmer Lafontaines gerichtet werden sollte.” Aha. Wie kamen die “ehemaligen Mitarbeiter” von CMK an diese Überwachungsprotokolle: Per unverschlüsselter E-Mail? Oder liegen die da so offen auf den Tischen herum?
Wenn man auf der Website der CNMK “Investigative Reporting Services”, “Report” und “Research” anklickt, erhält man die Meldung: “Sehr geehrter Besucher, leider steht Ihnen diese Seite Aufgrund eines Serverfehlers nicht zur Verfügung.” Quod erat demonstrandum. Eine E-Mail-Adresse gibt es auch nicht. Das passt ja zum deutschen Qualitätsjournalismus wie der Arsch auf den Eimer.
Vadre retro oder: Blog-Experten
Raus aus meiner Blogroll…
Kriminelle öffentlich-rechtliche Vereinigungen
Zitate zur Berliner S-Bahn: “Systematisches Missmanagement” – “Chaotische interne Abläufe.” – “Wartungsarbeiten an sicherheitsrelevanten Teilen wie Rädern und Bremssystemen seien unzureichend dokumentiert. Zentrale Unterlagen fehlten; offen sei, ob diese vernichtet wurden.” – “Hinweise auf Manipulationen bei Testfahrten oder deren Messergebnissen.”
Zitate über die “Öffentlich-Rechtlichen Medienanstalten”: “Proporzdenken” – “Rückgratlosigkeit jener Unionspolitiker wie Hessens Ministerpräsident Roland Koch”. – “ein internes “Spitzelsystem, das davon lebt, dass Redakteure den Parteien Senderinterna zutragen”. – “…wirklich vergleichbar mit den IM der DDR”. – “…ein dunkles Schattenreich, das sich im Verwaltungsrat eingenistet hat und ihn mittlerweile zu dominieren versucht”. – “Denken in Mehrheits- und Minderheitsmustern sowie in Freund-Feind-Schemata. Fraktionszwang. Intransparentes Hinterzimmergeklüngel”.
Konsequenzen in beiden Fällen? Natürlich keine. Niemals.
Sexy Javascript Kapitalismus
Ich muss etwas über mein Medien-Rezeptionsverhalten bekennen: Ich habe mich bei meiner morgendlichen Lektüre der Nachrichten nur auf drei Themen beschränkt, mehr haben mich nicht interessiert. Aber ich bin für nichts und keine Zielgruppe repräsentativ, ein Alptraum für Leute, die Umfragen machen. Das wurde mir mehrfach bestätigt. Also gehen die Medien und die Welt nicht unter.
Ob ihr’s glaubt oder nicht: Zuerst habe ich etwas über Javascript gelesen (via Fefe. Ich hatte hier und hier und hier schon etwas zum Thema publiziert.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat genug zu den Risiken von Javascript veröffentlich. Es nützt aber nichts; die normalen Surfer sind einfach zu blöd dazu, das zu beherzigen. Zweit Drittel aller Medienberichte über die “Gefahren” des Internet könnten schlicht entfallen, weil sie in Wahrheit nur davon handeln, dass DAUs Javascript im Browser aktiviert oder gar HTML-Mails akzeptiert haben. Die so genannten sozialen Netzwerke, deren Geschäftsmodell darin besteht, Nutzer auszuspionieren und die Daten dann zu verkaufen, tun ihr Übriges, um die Leute zur Blödheit zu erziehen: “Please activate JavaScript to use XING.” Quod erat demonstrandum.
Das obige Beispiel (Screenshot) ist jedoch geradezu umwerfend: Die Website einer Kanzlei weist auf einen Artikel hin, der vor dem Einsatz von Javascript warnt. Um den lesen zu können, muss man Javascript einschalten. Bruhahaha.
Das zweite Thema, das mich interessierte, war – was nicht überraschen wird – Megan Fox. “Ich habe etwas Mütterliches an mir. Auch wenn mir das niemand abnimmt”, sagte die Schauspielerin nun dem Magazin ‘W’.” Natürlich ist man bei Spiegel Offline zu dumm, die Website des zitierten Magazins zu finden. Dafür gibt es ja Blogger und Online-Journalisten, die das können.
Die Story ist übrigens ausgezeichnet, das Niveau um Längen besser als das, was man in deutschen Medien über the sexiest woman of the world normalerweise zu lesen bekommt: Hier ein Auszug: “Throughout our conversation Fox is talkative, but she has trouble looking me in the eye. Perhaps her hesitation stems from her discomfort with holding forth on an industry that intimidates her, or perhaps it is part of a concerted effort to “pull back” (as she told an interviewer she planned to do late last year) from the no-holds-barred persona that she has – by all appearances intentionally – projected since her big break in 2007’s Transformers. She looks down; she stares at the table; she glances past my shoulder, toward a table piled with jewelry. She wraps a piece of her long dark hair around a finger. There’s nothing spacey about Fox, but the steely, blue-eyed gaze of a woman armed with a thousand sound bites is nowhere to be found.”
Und hier ist das Original-Zitat, um das es ging, und es ist ernst gemeint: “No one believes me when I talk about this, but I’m really, really maternal,” she says. “I worry that because I’ve always wanted [kids] so much, as the world goes sometimes, I won’t be able to have them, even though I would be able to provide them with such an amazing environment.”
Das dritte Thema heute war der Kapitalismus an sich. Die Zahl der Armen steigt rasant: “Jeder siebte Mensch in Deutschland lebte 2008 an der Grenze zur Armut oder war arm.” Wer hätte das gedacht?! Dabei lieben wir doch alle dieses Wirtschaftssystem, das uns alle glücklich macht und Wohlstand für alle verspricht und zu dem es keine Alternative gibt, nicht wahr? Wer diese Fakten “alarmierend” nennt, bedient sich des suggestiven Neusprechs. Es interessiert niemanden, wie viele Leute arm sind oder zur industriellen Reservearmee gehören.
“Das Kapital schafft daher sowohl eine industrielle Reservearmee für seine ständig wechselnde Arbeitsnachfrage, andererseits ist die Existenz dieser Reservearmee absolute Bedingung für die reibungslose Akkumulation des Kapitals. (…) Dies ist das absolute, allgemeine Gesetz der kapitalistischen Akkumulation.” Nun, das stimmt immer noch, obwohl das vor rund 150 Jahren geschrieben wurde. Dass die Armen ärmer und die Reichen reicher werden im Kapitalismus – it’s not a bug, it’s a feature.
Riemenfisch revisited
Der Schockwellenreiter macht sich über unsere “Qualitätsjournalisten” lustig: “Lieber Tagesanzeiger, lieber Stern und lieber Spargel Offline…im Gegensatz zu Euch Qualitätsjournalisten können die Menschen da draußen nämlich Google bedienen”. Ja. Ich stimme meinem Vorredner zu. Ich begreife es trotzdem nicht. Ist das irgendwie ein geschlossenes System bei Spiegel Offline, so eine Art Faradayscher ideologischer Käfig, in dem sich alle Insassen möglichst dämlich anstellen, wenn es um das Internet geht?
Neusprech
Unbedingt lesen: Telepolis über “Die unerhörte Leichtigkeit beim Ausbau der inneren Sicherheit”. Es geht um das auch in Deutschland von der Politik und einem großen Teil der Medien praktizierte Neusprech. Krieg heißt Friedenserzwingung, Zensur heißt Zugangserschwernis und eine Invasionsarmee heißt Schutztruppe.
“‘Neusprech’ bezeichnet die vom herrschenden Regime vorgeschriebene, künstlich veränderte Sprache. Das Ziel dieser Sprachpolitik ist es, die Anzahl und das Bedeutungsspektrum der Wörter zu verringern, um die Kommunikation der Bevölkerung in enge, kontrollierte Bahnen zu lenken. Damit sollen sogenannte Gedankenverbrechen unmöglich werden.”
Nun, so weit ist es noch nicht, dass es ein Verbrechen zu denken, dass die Bundeswehr am Hindukusch nichts zu suchen hat. Um so komischer ist es, wenn Medien das Neusprech kritiklos übernehmen. Wie wäre es, Focus, den affirmativen Begriff zu ändern in “die so genannten ‘Schutztruppen’”? Das wäre Journalismus. (vgl. auch Fefe zu einem ähnlichen Thema.)
Ich bin gerührt
Bei so viel “Ehrlichkeit” kommen mir die Tränen. Focus Offline feiert den Verleger Hubert Burda (”der das Understatement schätzt und sich neben starken Frauen wohlfühlt”) und seine Gattin ab. Natürlich kein kritisches Wort. Dann aber – selbstredend linkfrei: “FOCUS Online wird von der TOMORROW FOCUS AG herausgegeben, an der auch Hubert Burda Media beteiligt ist.” “Beteiligt ist” ist eine halbe Lüge: “Hauptaktionär der Tomorrow Focus AG ist Hubert Burda Media” liest man auf Wikipedia.
Wir sind alle kriminell und Terroristen
Spiegel Offline schreibt: “Die vom Bundesinnenministerium im vergangenen Jahr in Köln für zehn Millionen Euro eingerichtete “Zentralstelle für Kommunikationstechnlogien” dient vor allem dem Kampf gegen Kriminelle und Terroristen, die sich neuer Kommunikationstechnologien bedienen, indem sie zum Beispiel ausländische Telefon- und Internetanbieter benutzen, ihre IP-Adressen durch Anonymisierung unkenntlich machen und den Internetverkehr verschlüsseln.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: “die sich neuer Kommunikationstechnologien bedienen, indem”. Was ist daran neu? Anonyme Remailer gab es schon immer, und auch Tor wurde nicht erst gestern erfunden. Man vergisst auch zu erwähnen, dass es völlig legal ist, sich anonym im Internet zu bewegen und dass Anonymisierungsdienste wichtige Instrumente gegen Zensur sind. Man macht sich bei Spiegel Offline nicht nur zum Sprachrohr der Überwachungs-Lobbyisten, sondern dokumentiert auch, dass man von Tuten und Blasen schlicht keine Ahnung hat. Journalismus ist das nicht.
By the way: Die sind richtig süß bei Spiegel Offline. Das Wort “Bundesinnenministerium” verlinkt auf die entsprechende Rubrik bei sich selbst, aber nicht auf díe Website des Ministeriums. Vermutlich könnte mir niemand erklären, warum die Leser von Spiegel Offline davon abgehalten werden sollen, die Website des Bundesinnenministerims zu besuchen. Ein Link zur “Zentralstelle” fehlt natürlich.
Fehlende Frontscheibe des Browsers
“Anonym surfen im Web? Das war einmal.” Das ist der erste Satz in einem Artikel auf Spiegel Offline. Ziemlich weit hinten kommt dann ein ganz anderer: “Noch ist der von ihnen vorgeführte Angriff relativ plump: Er dauert mehrere Minuten und erkennt Gruppenmitgliedschaften nur, wenn man kürzlich in einer Gruppe aktiv war, Cookies und Javascript aktiviert hat.”
Genau. Wer das macht, ist ein DAU wie offenbar die Redakteure bei SpOff.
Sicher Auto fahren? Das war einmal. … Allerdings verursacht man nur einen Unfall, wenn die Bremsen nicht funktionieren, ein Rad abgefallen ist und die Frontscheibe fehlt.
Verkaufszahlen IT-Fachpresse
Es geht weiter abwärts. Die aktuellen Verkaufszahlen der IT-Fachpresse im Vergleich zum Vorjahr bei Editorix: “Verlust-Spitzenreiter sind (von CHIP Test&Kauf abgesehen) die Spielemagazine, deren Zielgruppe informiert sich anscheinend besonders konsequent online.”
Das Wunder von St. Peter-Ording
Heise berichtete: “Webcam rettet verirrten Wattwanderer”. Basis der Meldung ist ein Polizeibericht aus Husum: “Bereits am 28.01.10 bemerkte eine Dame aus dem Westerwald über ihre Webcam einen Mann auf einer Eisscholle in der Nordsee. Sie schaute sich im Internet den Bereich St. Peter-Ording an, als sie ihn auf dem Eis entdeckte, während er mit einer Taschenlampe Leuchtsignale gab. Geistesgegenwärtig rief sie die Polizei, die sofort dorthin eilte, den Mann ausfindig machen konnte und ihm mittels Autoscheinwerfer den Weg über die Packeisschollen wies.” Auch die Lokalzeitung SHZ berichtete.
Im Heise-Forum fragte ich rhetorisch (weil ich aus Neugier schon längst gefunden hatte, wonach ich suchte), wo der Link zur betreffenden Webcam sei: “Mit Link wäre es sogar ernst zu nehmender Online-Journalismus. Ohne Links kann ich Artikel auch in Spiegel Offline lesen.”
Der Heise-Artikel ist ein lehrreiches Beispiel dafür, dass die Kommentare der Leser zu einer Meldung interessanter sein können als das, worum es geht. Offenbar gibt es in St. Peter Ordung sechs Webcams am Strand. Man braucht ungefähr 30 Sekunden, um das herauszukriegen. Sogar bei Heise trifft man also die von deutschen Medien gewohnte Link-Phobie.
Der erste Leser, der meine Frage kommentierte, wohnt nur wenige Kilometer vom Ort des Geschehens entfernt. Ihm wurde sofort die Frage gestellt: “…warum ihm die Scheinwerfer den Weg weisen konnten, aber nicht der Leuchtturm. Ich war als Jugentlicher ein paar mal in St.Peter-Ording. Da gabs dort einen. Wurde der abgeschaltet?”
Jetzt wird es interessant. Die Webcam am Ordinger Strand konnte es nicht gewesen sein, dort gibt es aktuell keine Eisschollen. Auch im Archiv der Webcam am Wassersportzentrum sieht man keine Eisschollen. An der Kurpromenade? Da hätte man nichts gesehen. Ich muss also passen.
Ein weiterer Leser antwortet: “…weil es einen Bereich gibt, der weder vom Leuchtturm St. Peter-Böhl noch vom Westerhever Leuchtturm erfasst wird, zumindest solange man sich noch an Land (bzw am Strand) und nicht im Wasser befindet. Leuchttürme sind schließlich Seezeichen und keine Landzeichen.”
Die geografische Lage der Leuchttürme wird in den Links exakt bestimmt, Grund genug, mal mit maps.google.com draufzuschauen. Laut der Website von St. Peter Böhl stehe der eine Leuchtturm auf dem Deich. Nach fünf Minuten habe ich auch hier aufgegeben: Ich finde weder den einen noch den anderen auf der Karte.
Ein weiterer Leser argumentiert über die vorhandenen Webcams in St. Peter-Ording: “Von denen hat aber eigentlich keine auch nur annähernd genügend Auflösung und Empfindlichkeit, daß man damit noch eine Taschenlampe in vielen hundert Metern Entfernung erkennen könnte.” Gegenargument: “Ein heller Lichtpunkt kann durchaus auch auf größere Entfernung erfasst werden, habe das mit meiner privaten IP-Cam (nur im Intranet/VPN erreichbar) getestet.”
Die Antwort – und das ist mittlerweile auch meine Meinung: “…die Entfernung zum Strand (und damit zur Kamera) muß schon beträchtlich gewesen sein. Wenn er nur 50 m entfernt gewesen wäre, hätte er sich wohl kaum verirrt. Wenn er aber sehr weit weg war, hätte er die Taschenlampe zufällig ungefähr auf die Kamera richten müssen. (Absichtlich geht es ja wohl nicht, wenn man schon die Orientierung verloren hat. :)
Was mir persönlich auch recht seltsam vorkommt: da gibt es doch Hotels, eine Uferpromenade und nicht zuletzt die Webcam selber. Es handelt sich also im Prinzip um ein besiedeltes Gebiet, richtig? Wieso sieht man da vom Watt aus keine Lichter von Gebäuden, Straßenlaternen, oder vorbeifahrenden Autos, an denen man sich orientieren könnte? So weit, daß das alles schon hinter dem Horizont verschwunden war, wird der ja wohl zu Fuß kaum rausgewandert sein, oder? Falls doch, hätte man die Taschenlampe umgekehrt auch nicht mehr gesehen und bei Nebel erst recht nicht. Ich versteh’s einfach nicht! Die einfachste Erklärung ist nach wie vor, daß das alles von vorn bis hinten frei erfunden ist.”
In der Pressemeldung der Polizei steht übrigens wörtlich: “Bereits am 28.01.10 bemerkte eine Dame aus dem Westerwald über ihre (sic! B.S.) Webcam einen Mann auf einer Eisscholle in der Nordsee.” Welche Webcam reicht soweit, dass sie eine Eisscholle sichtbar macht? Und wo steht die? Tut mir leid. Ich glaube kein Wort mehr.
Humourless Germans
Sorry, ich muss dieses lustige Thema hier erwähnen, weil deutsche Medien keine Links setzen und ich fünf Minuten brauchte, um die jeweiligen Artikel zu finden. Englische Medien bezeichnen die neuen Trikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft als “Nazi-Hemden”, der Ausstatter Adidas sei “einen Stechschritt zu weit gegangen”. Ich habe mich beim Lesen gekringelt vor Lachen. Man kann das Augenzwinkern der Briten spüren, wie sie die Deutschen zu den Reaktionen provozieren, die man nicht anders erwarten kann.
Lob und Preis wie gewohnt bild.de: DIE SETZEN LINKS INS INTERNET! Sogar auf das Original: Deutschland bringt die Schwarzhemden zurück”. Der Artikel ist jedoch zum Totlachen: “Die Zeitung ‘Daily Star’ sorgte am Donnerstag für die größte Geschmacklosigkeit der WM-Geschichte”. Für Geschmacklosigkeiten war bekanntlich vor allem Bild in Deutschland zuständig. Vermutlich ärgern die sich nur, dass die Briten darin besser sind.
N-TV: “Blitzkrieg auf dem Boulevard” – der Artikel ist relativ lässig, aber verzichtet auf Links. Die Süddeutsche (”Traditionell geschmacklos”) ist linkfrei. Die Hamburger Morgenpost (”Engländer hetzen gegen deutsches WM-Trikot”) auch. Geht sterben, Holzmedien, wenn ihr mit dem Internet und mit britischem Humor nichts anzufangen wisst.
Ausstiegsprogramm für gemäßigte Blogger
Carta: “Die Lage im Internet wird immer prekärer. Trotz der Aufstockung der verlegerischen Einsatzkräfte ist der Kampf gegen ‘Webkommunisten’ (Mathias Döpfner) und ‘Webmaoisten’ (Jaron Lanier) im fernen Blogistan kaum zu gewinnen. Der Bundesverband der Zeitungsverleger fordert deshalb ein ‘Ausstiegsprogramm für gemäßigte Blogger’.
Ich bin nicht offline
Nein, ich bin nicht offline, wie Spiegel Online suggeriert. Es geschehen noch Zeichen und Wunder, aber es ist ja auch fast Weihnachten: Spiegel Online setzt Links ins weltweite Internet und nicht nur zu sich selbst. Dass ich das noch erleben darf.
“Früher galt eine durchschnittliche Verweildauer von zehn Stunden am Tag vor dem PC als Kriterium für einen sozial gestörten Sonderling. Heute ist es normal – für Workoholics, für Zocker, für besessene Sozialnetzwerkpfleger.” Ja, auch das ist wahr. Aber wieso nur zehn Stunden?
Ich habe mir übrigens vorgenommen, bis zum Jahresende die drei Storys fertig zu schreiben, die ich hier schon ewig liegen habe. Und wenn ich einen Lauf habe und keine Schreibblockade, muss ich das ausnutzen..
Übrigens klauen Polen keine Autos. Aber sie wollen das Internet totalitär überwachen. Die spinnen, die Nachbarn.



















