Macht ohne Kontrolle

Ein hervorragender Artikel im Tagesspiegel über das unheilvolle Wirken der “Troika” in Griechenland: “Sie erpressten Minister, spielten sich zum Gesetzgeber auf und machten gemeinsame Sache mit den reichen Eliten. Die als Kontrolleure eingesetzten Technokraten aus IWF, EZB und EU-Kommission hatten in den Krisenstaaten eine Macht jenseits aller demokratischen Kontrolle. (…) Allein die Mittelschicht, die Staatsangestellten, die Rentner, Kranken und Arbeitslosen mussten die Last der Anpassung tragen. Die wirtschaftlichen Eliten hingegen blieben überall verschont. Schlimmer noch: Die Troika zwang die Regierungen, wertvolle Staatsunternehmen zu Schleuderpreisen zu verkaufen, und verhalf so den Privilegierten, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu bereichern (…).

Der Artikel fußt auf der gleichnamigen Arte-Reportage.

Man muss sich nur mal die Medienberichte früher ansehen über die “Hilfspakete”. Es wird die üblichen Verdächtigen nicht daran hindern, immer nur nach “Privatisierung” zu schreien. So sind sie eben, die Gläubigen des “freien” Marktes.

Beschwerde an den Presserat

Presserat

Sehr geehrte Damen und Herren,

Es geht um den Artikel auf Spiegel online vom 25.02.2015: “Warren Buffett zu Übernahmen in Deutschland: ‘Egal wie groß – wir zahlen bar'”.

Ich sehe in dem Artikel einen Verstoß gegen den Pressekodex Richtlinie 7.1 sowie Richtlinie 7.2. Der Artikel entspricht nicht den Mindeststandards der journalistischen Recherche, sondern ist ausschließlich Public Relations, also schlicht Werbung für die Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway und deren Eigentümer, die als solche aber nicht gekennzeichnet ist. Es kommt nur eine Person zu Wort, es wird noch nicht einmal eine unabhängige Quelle genannt.

Der Beschwerdeführer unterrichtet u.a. Wirtschaftsjournalismus an einer privaten Universität in Berlin.

Mit freundlichen Grüßen
Burkhard Schröder

Gegen Staat und Kapital – für die Revolution!

Unsere Totalitarismus-Doktrin-TheoretikerInnen haben wieder zugeschlagen. Das sind die mit dem Ismus, lechts und rinks, und mit der Rot-Braun-Blindheit. “Wissenschaftler der FU Berlin” berichten:
In der Umfrage hielten mehr als 60 Prozent der Befragten die Demokratie nicht für eine echte Demokratie, da die Wirtschaft und nicht die Wähler das Sagen hätten. Nahezu 50 Prozent konstatierten eine zunehmende Überwachung linker Systemkritiker durch Staat und Polizei, etwas mehr als ein Viertel (27 Prozent) befürchteten der Studie zufolge, dass Deutschland durch eine zunehmende Überwachung von Bürgern auf dem Weg in eine neue Diktatur sei.

Das ist aber gleich eine doppelt schlechte Nachricht. Nur 60 Prozent blicken durch? Nur so wenig? Und wenn 60 Prozent die Wahrheit kennen, warum wählen die dann nicht so?

Die linksextreme Wirtschaftswoche schrieb; “Wirtschaftsverbände haben heute größeren Einfluss auf die Politik als noch vor drei Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Ifo Institutes unter Deutschlands Managern.”

Auch die linksextreme “Süddeutsche” berichtete über das so genannte “Freihandelsabkommen” TTIP: “Von Google bis Agrobusiness: Neue Zahlen zeigen, dass die EU-Unterhändler für den Freihandel fast ausschließlich Wirtschaftslobbyisten trafen.”

Interessant ist natürlich, wer sich hinter dem totalitarismusdokrintheoretischen Autorenkollektiv “Forschungsverbund SED-Staat” verbirgt. Sehr hübsch und zutreffend beschreibt die “nekrophilen Antikommunisten” mit Blockwart- und Denunzianten-Mentalität der Historiker Wolfgang Wippermann in der Jungle World:
Antikommunismus nach dem Ende des Kommunismus ist wie politische Peep-Show – man kommt irgendwie nicht ran an das Objekt der Begierde. Daher sind die Forschungsverbundler auch gezwungen, Hand an sich selber zu legen. Die allergrößten Elche waren nämlich selber welche: Viele Bündler blicken auf eine linke Vergangenheit zurück, die sie mit einem pathologisch wirkenden Eifer bewältigen möchten. (…) Schließlich die Grünen um Klaus Schöder, die alle aus einem hochschulpolitischen Ableger der Alternativen stammen, der sich Undogmatische Sozialisten nannte. Das Undogmatische an diesen Undogs war, daß sie schon einmal auf Hochschulebene die schwarz-grüne Koalition übten und Herrn Heckelmann zum Präsidenten wählten.

Dafür wurden sie reich mit Referentenposten und einem ganzen Institut belohnt, (…) Jürgen Kocka ist zuzustimmen, wenn er die Führer des Forschungsverbundes folgendermaßen charaktisierte: Sie seien “Meister der politischen Demagogie”, “Autoren von Halbwahrheiten und Verzerrungen und Wissenschaftler ohne Glaubwürdigkeit und Seriosität – um es zurückhaltend zu formulieren”.

Man sollte den Damen und Herren des totalitarismusdokrintheoretischen Autorenkollektivs vielleicht eine Professur in “Volkswirtschafts”lehre anbieten. Das würde passen.

Deswegen stmmt der rechte Focus in den Chor ein: “Auch linksradikale und linksextreme Grundhaltungen sind weit verbreitet – vor allem im Osten.”

Wenn das nur so wäre.

Wahrheitserzwingende Maßnahmen

propaganda

Markus Kompa berichtet in Telepolis über die Sprachregelungen “Handreichungen der Bundesregierung zur Beurteilung des Ukrainekonflikts”. (Das Ministerium für Wahrheit informiert: Propaganda heißt jetzt “Handreichnung”.) Thomas Wiegold und die Junge Welt publizieren diese “Handreichungen” in voller Länge.

Das ist ja so: Deutsche Journalisten recherchieren gewöhnlich nicht, sondern fragen nur Politiker und Lobbyisten Experten, was die denken (vgl. die jeweiligen Nachrichtensendungen). Da darf das Bundespropagandaministerium Auswärtige Amt natürlich nicht nachstehen.

Beispiel: Die Welt schrieb am 21.11.2014: “Rechtsradikaler wird Polizeichef in Kiew”.

Das Ministerium für Wahrheit Auswärtige Amt gibt folgende Propaganda vor: “An den Maidan-Protesten beteiligten sich radikale Gruppen, einige davon mit rechtsextremer Gesinnung. Diese machten zahlenmäßig jedoch nur einen kleinen Anteil an den Protestierenden (bis zu zwei Millionen gleichzeitig landesweit) aus. An der nach dem Machtwechsel gebildeten Übergangsregierung waren diese Gruppierungen nicht beteiligt.”

Das Ministerium für Wahrheit informiert: “Nazis” heißen jetzt “radikale Gruppen”. “Radikale Gruppen” waren übrigens auch an der Reichspogromnacht beteiligt. So sind sie eben, unsere Totalitarismus-Theoretiker.

Und: “Die NATO ist ein Verteidigungsbündnis, das die Sicherheit und Freiheit seiner Mitglieder garantieren soll.”

Schon klar. Vor allem in Libyen.

Ärger mit der Lügenpresse

Neue Zürcher Zeitung: “Was die rituellen Forderungen nach Meinungsfreiheit wert sind, erkennt man nicht zuletzt daran, wie die Medien mit missliebigen Stimmen umgehen. Viele müssen hier noch dazulernen.”

“In einer kuriosen Volte geriert sich als faktisch konservatives Establishment, was sich vom Selbstverständnis her eher linksliberal und grün-alternativ fühlt.”

Interessanter Artikel mit erwägenswerten Positionen, auch wenn er das Thema eher aus konservativer Sicht beschreibt.

Out of My Mouth Comes Unimpeachable Manly Truth

russian tv

Die New York Times hat einen ganz wunderbaren Artikel von Gary Shteyngart: “‘Out of My Mouth Comes Unimpeachable Manly Truth’ – What I learned from watching a week of Russian TV.”

Tiefschwarzer Humor in elegantem Englisch, übertrieben bis zur Groteske, aber zeitlos gültig (auch für die USA und Deutschland, das müsste dann nur ein wenig anders sein). Oblomow lässt grüßen. Ich habe Tränen gelacht. Zwischendurch besucht ihn noch sein “Psychiater”. Der Dialog gleitet vollends ins Absurde ab.

Über die Krim: “Think of it as a shabbier Fort Lauderdale with the occasional Chekhov statue.” Am vierten Tag träumt er: “I am crawling through the snow in Kiev searching for my cellphone, which has been stolen by the neo-Nazi fascists. I find it by a wall defaced by a giant swastika, its screen shattered by the torch-bearing Ukrainians. ‘Allo, I say in Russian. ‘Someone please help me. It’s cold out here.'”

Absolute Leseempfehlung, auch wenn der Artikel sehr lang ist.

Bescheidener Weg

Unter dem Vorwand, Griechenland retten zu müssen, wurden hohe Verluste aus den Büchern der Banken auf die schwachen Schultern der griechischen Steuerzahler verschoben in dem vollen Bewusstsein, dass die Kosten, weil die griechischen Schultern zu schwach dafür waren, auf Deutschland, die Slowakei, Finnland, Portugal und so weiter überschwappen würden.

Natürlich gab es keine Rettung Griechenlands und keine Solidarität mit den verschwenderischen Griechen. Der griechische Staat erhielt Kredite in Höhe von 240 Milliarden Euro, damit über 200 Milliarden Euro Steuergelder an die Banken und verschiedene Hedgefonds fließen konnten. Diese Milliarden bekam Griechenland unter der Bedingung drastischer Sparauflagen, die die Einkommen der Menschen um ein Viertel reduzierten, weshalb es sowohl für die öffentliche Hand wie für den privaten Sektor in Griechenland unmöglich wurde, ihre alten und neuen Kredite zurückzuzahlen.

Quelle: Yanis Varoufakis mit Stuart Holland und James Galbraith: “Bescheidener Weg zur Lösung der Eurokrise“, Verlag Antje Kunstmann, 2015 (via Spiegel online)

Die Mainstream-Medien müssen sich fragen lassen, warum angesichts dieser nicht zu leugnenden Fakten immer noch von “Hilfspaketen” geschrieben wird, ohne zu nennen, an wen die “Hilfe” geht? Das ist kein Journalismus, sondern Propaganda im Dienste des Finanzkapitals.

Peng! Und nun zu uns, Esoteriker!

Ich habe schon wieder eine Petition unterzeichnet. “Aktivisten vom Peng Collective [Vorsicht, Facebook-Link!] haben eine Sendung von AstroTV gesprengt. (…) An die Medienanstalt Berlin Brandenburg: Entziehen Sie den Betrügern von AstroTV die Sendelizenz!”

Die Künstler (Jean Peters et al) haben sogar einen public PGP key Da konnte ich dann nicht widerstehen, sie zu unterstützen. Chapeau! Und weiter so!

Unter Ignoranten

“Im Zuge der sich vielerorts zuspitzenden Krise wird dankenswerterweise auch sichtbar, in welch unglaublichem Ausmaß die Qualitätsjournalisten die Tatsache ignorieren, dass sie Teil der marktwirtschaftlichen Verwertungsorgie sind – und dabei sprechen wir von Leuten, die sich offiziell der Wahrheit, der Erkenntnis und ähnlichen Werten verschrieben haben.” (Ralf Schröder in der aktuellen “Konkret”)

Mit teuflischem Geschick auf das Herz der offenen Gesellschaft

Ein schönes und pädagogisch wertvolles Stück suggestiver Propaganda liefert der Panzerspezialist Mathias Müller von Blumencron, jetzt Online-Chefredaktion der FAZ, für die mediale Heimatfront ab. Mit geradezu teuflischem Geschick zielt er auf das Herz der offenen Gesellschaft, was auch immer das im Kapitalismus heißen mag. (Vermutlich müsste man “die Märkte” fragen.)

Auf der einen Seite haben wir die Guten, Fortschritt und Demokratie (und der freiheitlich-demokratische Kapitalismus, der alle reich und glücklich macht). Das sind wir (und die, an die wir Waffen liefern, Saudi-Arabien etwa). Auf der anderen Seite haben wir autoriäte Regime. Das sind die anderen. Putin ist pars pro toto und natürlich der aktuelle Teufel.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz seien die Grundlagen einer freiheitlichen Wertegemeinschaft gefühlt erschüttert worden.

Man könnte fragen, was denn diese Werte seien und welche (Zwangs?)Gemeinschaft auf diese rekurriere? Etwa die der “Moral Majority”? (vgl. Foto der “Jubelparade”, der mit dem Schild bin ich.)

Und westlich? Ist das ein alter antikommunistischer Reflex aus dem kalten Krieg, der aber jetzt – mangels Objekt – eher als Übersprungshandlung zu werten wäre? Der “Kommunismus” ist weg, daher schlägt man eben Putin, obwohl der kein Kommunist ist. Nur “gen Ostland woll’n wir reiten” stimmt immer noch.

Im Zentrum stand jeweils der russischen Informationskrieg, das gezielte Säen von Zweifeln. Es ist ein Psycho-Krieg, der mit teuflischem Geschick auf das Herz der offenen Gesellschaft zielt, das Suchen nach gemeinsamer Wahrheit und Gewissheit. (…) Eine ganze Armada von Bloggern, Webseiten und Fernsehsendern ist derzeit dabei, Moskaus Sicht der Dinge in die Welt zu tragen.

Die Generalmobilmachung an der Heimatfront seitens der westlichen Wertegemeinschaft hat “Die Anstalt” bekanntlich detailliert beschrieben. Von Blumencron “argumentiert” hier in der Tat infam. Dass die hiesigen Medien zum Krieg in der Ukraine nicht immer korrekt berichtet haben, steht außer Zweifel. Hier werden aber alle, die kritisch nachfragen, auch wenn sie Putin als Vertreter der herrschenden Klasse Russlands nicht als Sympathieträger empfinden, in die Ecke derjenigen geschoben, die sich für Propaganda missbrauchen lassen.

Wikipedia: “An der Finanzierung der Münchner Sicherheitskonferenz beteiligt sich auch die Bundesregierung. So waren für das Haushaltsjahr 2012 im Etat des Bundespresseamts (BPA) Mittel in Höhe von 350.000 Euro für die 48. MSC vorgesehen. Die Linde AG unterstützt die Sicherheitskonferenz als Partner. Zu den weiteren Sponsoren zählen die Unternehmen BMW, Krauss-Maffei Wegmann, Barclays und Deutsche Telekom.”

Kraus-Maffei Wegmann. Warum geben die wohl Geld dafür? Aus purem Altruismus, dem gleichen Grund, warum es auch Facebook gibt.

Blumencron: Wer gewählten Eliten misstraut, lehnt schnell auch Medien und selbst Gerichte ab. Wer dem System misstraut, sucht sich seine Autoritäten außerhalb des Systems. Wer der Demokratie misstraut, stellt schnell den Westen auf die gleiche Ebene wie das dirigistisch geführte Russland.

So etwas sagt jemand, der sich selbst zu einer Elite zählt und seine eigene Aufgabe, Lautsprecher des ökonomischen und gesellschaftlichen Status Quo und der herrschenden Klasse zu sein. Von Blumencron würde leugnen, dass es eine herrschende Klasse gebe. Die “Elite” ist gewählt, und damit ist es gut. Wie in Russland eben.

Uwe Krüger hierzu: “Die Journalisten lagen ganz auf Linie mit den Eliten und benutzten sogar klassische Propagandatechniken.”

Wie Mathias Müller von Blumencron eben.

Den Hintern fragen

In “Tagesschau” und “Tagesthemen” würden “bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen”, so Fröhder.

Laut Wolf Schneider: “Deutsch für Profis: Wege zu gutem Stil” ist übrigens das Wort “hinterfragen” “aus dem Anus der deutschen Sprache” ausgeschieden worden.

Einheitsdenken oder: Im Tal der Ahnungslosen

Interessant zu lesen auf Carta.de:
Mit voller Breitseite koffern die deutschen Medien gegen die neue griechische Regierung, allen voran der aktuelle SPIEGEL. Der Publizist Robert Misik wirft dem Magazin “Lügen, Fehl- und Halbwahrheiten” vor und sieht darin die Folge eines politisch-medialen Einheitsdenkens, mit dem sich Deutschland zusehends isoliert: “Die Deutschen sind mittlerweile völlig out of touch mit dem Rest der Welt und der Wirklichkeit.”

Wir sind alle Barbaren

krieg

Die japanische Regierung ist “zornig” über “einen weiteren Akt des Terrorismus.” Der so genannte “Islamische Staat” hatte eine japanische Geisel enthauptet.

Jetzt “empören” sich die Mainstream-Medien über Fox News, auf deren Website ein Video zu sehen ist, wie eine Geisel des “IS” bei lebendigem Leib verbrennt. Natürlich traut sich niemand (außer burks.de), einen Link zu setzen. Vermutlich dürfen dann die Leserinnen und Leser auch keinen Link erwarten, der sie zu Francisco Goya und “Los desastres de la guerra” führt?

Das alles hatten wir schon vor elf Jahren diskutiert, als ein US-Amerikaner enthauptet wurde. Die meisten Journalisten, die tagesaktuell berichten (müssen), scheinen ein Gedächnis wie eine Drosophila zu haben. Ihr langweilt mich mit eurer heuchlerischen und sinnfreien “Empörung”.

krieg

Worum geht es? Nicht die Menschen an sich sind ultraböse und grausam, sondern der Krieg macht sie zu “Barbaren”. (“Barbaren” sind böse, “wir” sind die Guten.) Das war schon immer so, und das sollte jeder wissen, der nicht im Geschichtsunterricht gefehlt hat. Das will aber niemand sagen, und schon gerade nicht die, die kein Problem damit haben, deutsche Soldaten zu friedenserzwingenden Maßnahmen in alle Welt zu schicken. Ihr kotzt mich an.

Man hat Menschen auch schon immer öffentlich und zum Gaudi des Publikums bei lebendigem Leibe verbrannt. In Deutschland, dem Land der Dichter und Denker, hat man Juden in Todesfabriken vergast. Ist das humaner? Der “Islamische Staat” ist auch der “Genfer Konvention nicht beigetreten, im Zeitalter der “asymmetrischen” Kriege ohnehin eine absurde Idee.

Was also ist die Botschaft? Wenn die Morde an Geisel jetzt atavistische Reflexe hervorrufen (“Rache”, “Vergeltung”), dann sind beide Seiten auf einem “Niveau”. Und genau so geschieht es. Quod erat demonstrandum.

Wer Kriege akzeptiert, muss auch den Terror akzeptieren. Wer den Terror nicht zeigt, macht sich zum Helfershelfer derjenigen, die Kriege (“verkaufen”) wollen – oder, wie die deutsche Regierung – die Waffen dafür liefert. So einfach ist das.

krieg

Als die Franzosen Spanien überfielen (Anfang des 19. Jahrhunderts), haben beide Seiten unverstellbare Gräuel begangen. Die Augenzeugenberichte, auch von Deutschen, liegen heute noch vor (wenn die Berliner Bibliotheken sie noch nicht vernichtet haben, könnte man sie ausleihen.*)

* Quellen in der Staatsbibliothek Berlin:
– Franz Morgenstern: Kriegserinnerungen des Obersten Franz Morgenstern aus westfälischer Zeit ; Hrsg. von Heinrich Meier, Wolfenbüttel 1912 Ab 4. März 1809. U.a. detaillierte Beschreibung der Belagerung von Gerona. Namenslisten der 1809 in Spanien Gefallenen der Westfälischen Division.
– Rudolf Rr v. Xylander: Geschichte des 1. Feldartillerie-Regiments Prinz-Regent Luitpold 1806-1824; Berlin 1909
Friedrich Freudenthal: Hannoversche Soldatengeschichten; Vom Harz bis zur Moskwa. Unter Napoleons Fahnen. Spanien und Waterloos (nach Friedrich – Lindau: Erinnerungen eines Soldaten aus d. Feldzügen d. Königl.-deutschen Legion). Der Werber. Bremen 1912
P. Zimmermann: Grossherzoglich Bergische Truppen: Feldzüge in Spanien und Rußland. Nachdr. D. Ausgabe Düsseldorf 1842, red. Herta und Ulrich Jux. Bergisch Gladbach 2000
– Karl Franz von Holzing: Unter Napoleon in Spanien: Denkwürdigkeiten eines badischen Rheinbundoffiziers [Augenzeuge des Spanienfeldzugs] (1787-1839)]. Aus alten Papieren hrsg. v. Max Dufner-Greif. Berlin 1936
– Johann von Borcke: Kriegerleben; 1806-1815 [Augenzeuge des Spanienfeldzugs]
– Ludwig Boedicker: Die militärische Laufbahn 1788-1815 des Generallieutenant Ludwig Boedicker. Eine Selbstbiographie. In: Beiheft zum Militär-Wochenblatt, Jg. 1880, Heft 5/6 [Augenzeuge des Spanienfeldzugs, S. 254-268]
– Konrad Rudolf v. Schaeffer: Unter Napoleons Fahnen in Spanien 1808-1809; Aus den Erinnerungen eines deutschen Generals, Berlin 1911
– [Friedrich M. Kircheisen] (bearb. v.) Feldzugserinnerungen aus dem Kriegsjahre 1809, Hamburg 1909

Eine Frage des Standpunktes

Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst!
Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen,
auch nickende Masken nützen uns nicht.
Ich will beim richtigen Namen dich nennen.
Und darum zeig mir dein wahres Gesicht!

(Hartmut König)

Man muss Wikipedia nicht glauben, aber: “Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bestimmt weitgehend den Standpunkt, den das Individuum einnimmt. (…) Alle Standpunkte sind voreingenommen, aber einige Standpunkte können objektiver sein als andere. (…) Der Standpunkt einer untergeordneten Gruppe ist vollständiger, weil diese mehr Grund hat, eine dominante Gruppe zu verstehen, und weil sie weniger Interesse hat, den Status quo aufrechtzuerhalten.”

Vor allem der letztere Punkt ist interessant. Ich hatte hier schon das Buch von Uwe Krüger erwähnt: “Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-­Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse”. Darin wird nachgewiesen, dass die Journalisten, die in Deutschland den diskursiven Mainstream prägen, einen klaren Klassenstandpunkt beziehen – sie sind Lautsprecher des Kapitals, haben also ein Interesse daran, “den Status quo aufrechtzuerhalten”. Sie werden nie und nimmer die Systemfrage stellen. Die Mehrheit der journalistischen Zunft hingegen hat Angst vor dem sozialen Abstieg und gehört gefühlt der “Mittelschicht” an, wird also demnächst zwischen den Fronten zerrieben werden und verhält sich weltanschaulich dementsprechend.

Wir erleben zur Zeit den größten Angriff auf die Löhne seit Ende des zweiten Weltkriegs. Ziel des Kapitals ist es theoretisch, möglichst alle auf Mindestlohnniveau zu drücken. Das ist nicht boshaft, sondern die Konsequenz aus dem tendenziellen Fall der Profitrate. (Hatten wir gestern).

Die Süddeutsche schreibt heute: “Karstadt plant Billiglöhne”.
In den einzelnen Häusern wird es künftig drei Gruppen von Karstadt-Mitarbeitern geben: Verkäufer, Kassierer und solche, die in neu geschaffene Warenservice-Teams wechseln sollen. Diese Mitarbeiter sollen vor allem die Ware auspacken und die Regale einräumen. Das eröffnet Karstadt die Möglichkeit, diese Beschäftigten künftig nur noch nach den deutlich niedrigeren Tarifen für die Logistikbranche zu bezahlen.

Das ist ein Konzept, das auch im Gesundheitssektor gerade praktiziert wird. Um die Löhne zu drücken, werden ganze Abteilungen ausgegliedert. Die Mitarbeiter werden dann zu wesentlich schlechteren Bedingungen wieder angestellt oder können gehen, wenn ihnen das nicht passt. Wer unter diesen Umständen als Arbeiter oder Angestellter immer noch nicht Mitglied in einer Gewerkschaft ist, ist eine dämliche Pappnase, auch wenn die deutschen Gewerkschaften oft auch aus dämlichen Pappnasen bestehen. Man muss mit dem kämpfen, was man hat.

Je nach KlassenStandpunkt kann man den Sachverhalt so oder so ausdrücken. Wenn man gern die “freie Marktwirtschaft”(TM) verherrlicht und alles aus der Perspektive des Kapitals sehen möchte, schreibt man: “Karstadt will sparen und die Lohnkosten senken.” Nimmt man den Standpunkt der “weniger dominanten Gruppe” ein, der laut Wikipedia objektiver wäre. schreibt man: “Karstadt will mehr Profit machen und senkt die Löhne.

So einfach ist das, aber keiner merkt was. “Sparen” und “Kosten senken” sind keine Begriffe, die man als Journalist einfach mal so verwenden darf, ohne die Fakten dahinter zu benennen, sondern Propaganda.

Journalistic Profession Has Lost its Meaning

Telesur (Venezuela) (via >b’s weblog)
“The recent coverage of Syriza’s political rise reveals several ways in which the journalistic profession has lost its meaning.”
“Die aktuelle Berichterstattung über Syrizas politischen Aufstieg enthüllt gleich mehrfach, wie die journalistische Profession ihre Bedeutung verloren hat”.

Volkspädagogische Rhetorik

Georg Diez schert auf Spiegel online ein wenig aus dem auf Schießschartengröße verengten Meinungsspektrum des medialen Mainstream über Griechenland aus:
Der Trend geht zum Verstehen, wenn es sich um Opposition von rechts handelt, der Trend geht zum Verdammen, wenn es um Opposition von links handelt – die einen, Syriza, sind “Populisten”, die anderen, “Pegida”, sind “besorgte Bürger”.

Da werden die Griechen, von der “Frankfurter Allgemeinen” über die “Süddeutsche Zeitung” bis hin zu Spiegel online, wahlweise als Ziegenherde, Kindergarten oder finanzpolitischer Erziehungsfall betrachtet – die gleiche volkspädagogische Rhetorik, die aufs Verstehen von Pegida angewendet wird, nur umgekehrt.

Es ist Volkserziehung, was so ungefähr das Gegenteil von Politik ist: Prinzipien anstatt von Praxis, Rigorismus anstatt von Pragmatismus.

Affinität zu Social Media und die fehlende Mobiloptimierung

barrierefrei

Lästern ist natürlich einfach. Ich sage immer: E-Mail-schreiben ist schwerer, als man denkt. Man stelle sich vor, die obigen Stellenanzeige wäre genau so in einer Tageszeitung erschienen. Die Leute hätten sich kaputtgelacht. Was mich aber besonders nervt, sind nicht Fehler, die jeder macht, sondern die Resistenz der übergroßen Mehrheit der Leute einzusehen, dass sie ein Problem haben, nicht ich.

Ich rede hier nicht über barrierefreies Webdesign. Das ist ein anderes Thema. Webdesigner sind bekanntlich die natürlichen Feinde des Surfers und haben zum Thema “Sicherheit” ein Verhältnis wie Klaus Störtebeker zum Handelsrecht. Nimm einem Webdesigner Javascript weg und er heult wie ein Baby, den man dem Schnuller vorenthält. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber nur, wenn sie einem auch noch etwas verkaufen wollen:

E-Mails werden zunehmend auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets genutzt. Dies verlangt nach einer Optimierung der E-Mails für die kleineren Bildschirme – geringere Breite, verkürzte Inhalte, grössere Buttons usw. Laut der artegic Studie Mobile E-Mail Marketing 2012 kritisieren 31,6 Prozent der mobilen E-Mail Nutzer die mangelhafte Darstellung mobiler E-Mails. Für Empfänger mit Sehschwäche stellt die fehlende Mobiloptimierung sogar ein noch grösseres Hindernis dar.

(“Fehlende Mobiloptimierung” – das verdient den Tag “Deutsch des Grauens”).

“Barrierefrei” heißt also: Jedes Ausgabegerät zeigt eine E-Mail korrekt an. Wenn die Sonderzeichen zerhauen sind, ist das nicht mein Problem, sondern das des Senders. Vermutlich hat man bei “Reporter ohne Grenzen” auch vom Ten-Standard oder ganz komischen Sachen noch nie etwas gehört. Aber der ist – zugegeben! – eher was für die Spartaner und andere Kaltduscher unter den E-Mail-Schreibern.

Was auch nervt, ist die merkwürdige Unsitte, dass @ nicht auszuschreiben, sondern, in der irrigen Hoffnung, weniger Werbung zu bekommen, stattdessen ein (at) zu setzen. Schön. Dann weiß man gleich, dass man es nicht mit Profis zu tun hat, sondern mit jemandem, auf den das vielseitig einsetzbare Gleichnis von den Fliegen zutrifft, die nicht irren, weil sie das tun, was alle tun. “Ist dem Crawler bekannt, dass (at) das Gleiche bedeutet wie @, so kann theoretisch auch diese Adresse zum Spam-Ziel werden.” Der “Crawler” crawlt ja bekanntlich auch immer gern in unverschlüsselten E-Mails. Oder nicht?

350 Euro im Monat – das sind ungefähr 43 Stunden, also meinetwegen sechs Tage. (Mehr dazu hier.) Und dann sollen die Bewerber und Bewerberinnen noch wissen, wie man die neuen “Datenschutzbestimmungen” bei Facebook umgeht? Ach so? Soll man gar nicht wissen? Man muss nur “affin” sein? Dachte ich mir. Einmal mit Profis arbeiten.

Ist wie beim DJV Berlin. Die Mitgliederversammlung hat denen per Beschluss verboten, eine offizielle Seite bei Facebook zu machen. Sie tun es aber trotzdem (Vorsicht, Facebook!). Wen interessieren schon die Mitglieder und was die wollen?

Fiskalisches Waterboarding

Sparprogramm. Reformpaket. Wenn man sich diese suggestiven Worthülsen ansieht und sie mit der Realität abgleicht, wird einem klar. dass die meisten Medien im Gleichschritt – bewusst oder unbewusst – nichts anderes sind als ein riesiger Echo- und Resonanzraum für die Propaganda des Kapitals, wenn es um Griechenland geht. Das ist ganz einfach zu beweisen. “Sparen” und “Reformen”, die Griechenland aufgezwungen wurde, meinten:

Das Spardiktat der Troika hat in Griechenland zu einer in der EU beispiellosen Verarmung großer Teile der der Bevölkerung geführt. Über ein Viertel ist arbeitslos, Millionen Menschen sind von medizinischer Versorgung ausgeschlossen. (Genuss ist Notwehr)

Möchte das jemand bestreiten? Ernsthaft? Dann weiter:

Die staatliche Eisenbahngesellschaft Griechenlands soll privatisiert werden. Und das ist gut so? Die Häfen sollen privatisiert werden? Ach ja? Das Telekommunikation-Unternehmen Griechenlands wird teilweise an die deutsche Telekom verkauft? “Der Frankfurter Flughafenbetreiber signalisierte bereits Interesse an einem Einstieg beim Airport Athen.” Ach ja? Post und Wasserwerke sollen privatisiert werden. Undsoweiter.

Erinnert doch stark an Frau Thatcher. Die Idee könnte von einem “Volkswirtschaftler” und/oder einem Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt stammen: Wenn man nur alles dem freien Markt überlässt, wird alles gut und alle werden reich und glücklich.

Nur um zu erinnern: Die herrschende Klassen Griechenlands und ihre Groupies haben das Land ruiniert, nicht das griechische Volk. Die superreichen Griechen zahlen keine Steuern und haben ihr Vermögen ohnehin ins Ausland transferiert.

Wie reagieren jetzt die Drahtzieher des Kapitals in Brüssel – dass der Wind jetzt aus einer anderen Richtung weht? Sie sind “entsetzt”.

Was für ein ekeliges volksverachtendes Heuchlerpack.

Das Ministerium für Wahrheit informiert oder: Eine Botschaft an die Märkte

Das Ministerium für Wahrheit, auch bekannt als Wen Ku, Direktor für Telekommunikation im Ministerium für Industrie und Information (MIIT) der “Volksrepublik” China, gibt bekannt: “Zensur” heißt jetzt “neue Wege benutzen, um die Sicherheit im Internet zu wahren”. Das hätte der britische Premierminister Cameron nicht besser formulieren können.

And now for something completely different. Man könnte auch auf die Idee kommen, die freiwillige ideologische Selbstkontrolle deutscher Medien als “Selbstzensur” zu bezeichnen. Ich vermute aber, dass diese oft gar nicht bewusst abläuft.

Beispiel: Fast alle deutschen Medien benutzen ausschließlich die affirmativen Begriffe “Reformprogramm” und “Sparen”, wenn es in Wahrheit darum geht, die europäischen Banken auf Kosten des Steuerzahlers zu sanieren.” (Das behaupte nicht ich, sondern die “Deutschen Wirtschaftsnachrichten”.)

Reform” suggeriert, es werde etwas zum Besseren verändert. Das ist aber strittig, und es ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit von Journalisten, wenn sie schon meinen, sie müssten als verlängerter Arm der herrschenden Klasse und/oder als Lautsprecher des Kapitals arbeiten, darauf hinzuweisen, dass es auch andere Meinungen gibt.

Wie schrieb die FAZ vor fast fünf Jahren?
Griechenland hat mit der Entscheidung des EU-Gipfeltreffens für ein Sicherheitsnetz bekommen, was es erhofft hatte. Finanzminister Georgios Papaconstantinou sagte, seiner Regierung sei es nur um die Zusage für Hilfe im Ernstfall gegangen. Athen werde diesen Mechanismus aber nicht nutzen. Man hoffe, dass die Entscheidung eine Botschaft an die Märkte sende und die Zinsen senke.

Die FAZ setzt beim Propaganda-Neusprech noch einen drauf: Bei ihr heisst es “Austeritätspaket“, hört sich vornehmer an als “sparen.” Die FAZ wird bekanntlich eher weniger von der Arbeiterklasse gelesen und setzt sich daher auch in der Sprache vom gemeinen Pöbel ab.

Die Botschaft an “die Märkte” scheint in Griechenland aber nicht so recht angekommen zu sein.

Medienjournalisten

An der Qualität ihrer Selbstkritik kann man den Zustand einer Branche gut ablesen. Gucke ich Medienjournalismus kritisch unter journalistischem, handwerklichem Gesichtspunkt an: Der Zustand kann gar nicht schlechter sein. Da gibt es eine Lust an der Selbstzerstörung, da gibt es Artikel nur im Konjunktiv: ‘Es könnte sein'; tausend Beispiele fallen mir ein. Im Journalismus habe ich den Eindruck: Wem gar nichts mehr einfällt, der macht Medienjournalismus.” (Tobias Korenke über die Krise des Medienjournalismus: “Lust an der Selbstzerstörung”)

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