Außerhalb der medialen Filterblase

Thomas Knüwer (Indiskretion Ehrensache): “Die seltsame Spezies namens Journalist (Versuch einer Beschreibung)”.

Dies ist derzeit bei einigen Menschen in meinem Umfeld, die nicht was mit Medien oder Journalismus machen, die Reaktion auf die Meldungen aus den Redaktionen von “Stern” und “Spiegel”. Denn seien wir ehrlich: Außerhalb der medialen Filterblase ist das Interesse an diesen Scharmützeln eher begrenzt, es gibt Wichtigeres wie die Ukraine-Krise, die IS, den Bundesligastart oder die Ice Bucket Challenge.

Ein sehr schöner Artikel, den es sich lohnt, ganz und bis zum Ende zu lesen.

The Golden Age of Investigative Journalism?

Neu in der Blogroll: TomDispatch. Ich empfehle den Artikel Anya Schiffrin: “Who Knew We Were Living in the Golden Age of Investigative Journalism?”

There is no goddess but Aliaa

Aliaa Magda Elmahdy

Die ägyptische Bloggerin Aliaa Magda Elmahdy ist ab sofort in der Blogroll. (Das Foto stammt von ihr, ich habe es von Bare Naked Islam.)

Times of Israel: “Aliaa Magda Elmahdy posts photo to Facebook; Arab media avoid publishing since words ‘there is no God but Allah’ are printed on banner. (…) Elmahdy said in the past that her photos ‘scream against a society of violence, racism, sexism, sexual harassment and hypocrisy.’ However, she has been criticized for her endeavors not only by hard-line Muslims in her home country, but by liberal, secular leaning individuals as well.”

Von mir wird Aliaa Magda Elmahdy (Vorsicht: Facebook-Link!) nicht kritisiert.

Großbrüstige Blondinen und der Koran

Welt online: “Im türkischen Sender A9 TV widerlegen großbrüstige Blondinen Darwin auf Deutsch mit Koransuren. Dahinter steht der (…) Sekten-Guru Adnan Oktar.”

Liebe Welt online! Was hat der Verfassungsschutz in seriösen Nachrichten zu suchen? Und was sagt uns das, wenn der irgendetwas “beobachtet”?

Scripted Reality

Honks, rachsüchtige Orks und andere Kommentator*&/_innen

körpersprache

Don Alphonso schreibt mit großer Geste an die so genannte “AfD” und die “Sehr geehrte Damen und Herren und strukturelle Analphabetismus-Honks aus den Internetkommentaren”. Lesenswert, weil es dazu passt, auch der Kommentar desselben: “Die sieben Empörer des Todes”: “Sie suchen nach Aufregern, haben den Humor von Erich Honecker und die Debattenkultur des Politbüros: Berufsempörte ruinieren den Netzdiskurs”. Mir gefällt besonders dieser sehr unaufgeregte Satz, den ich mir zu Herzen nehmen werde: “Mein Mobiltelefon ist von 2006 und mobiles Internet ist mir zu teuer, und so bekam ich gar nicht mit, wie mich am Rande ein Shitstorm traf.”

Da wir gerade beim Thema sind. Ich könnte etwas über die Kampagne “Kauft nicht bei Sexisten” schreiben. Tu ich aber nicht. Ich schaue auch auf die IP wie Don Alphonso, und dann kommt Merkwürdiges heraus, wenn ich auch auf den Rest sehe. Das führt dann dazu, dass ich in einer E-Mail folgendes formuliere:
Ich bin im übrigen der Meinung, dass ninatabai.com ein Fake-Account ist und eine “Nina Tabai” nicht existiert, sondern ein Mann ist. Die Frau auf dem Video sagt auch etwa anderes als der Ton.

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden sich vermutlich fragen, warum ich mich auch mit Leuten anlege, die hier vernünftige Kommentare geschrieben habe, die sogar zu dem passen, wass ich politisch meine, und somit meinen Traffic erhöhe. Tut mir leid, ich bin eben so. Ich führe gern Indizienprozesse. Warum denke ich, dass es keine “Nina Tabai” gibt?

Welchen Grund gäbe es für jemanden, die eine Website/ein Blog über “Medien” macht (“Ich schreibe hier über Politik- und Medienbeobachtung, also über das aktuelle politischen Zeitgeschehen”), zu verbergen, wer er/sie ist? Wer würde werben (“Ich habe bisher noch keine Werbung geschaltet. Wenn Du daran Interesse hast”), wenn doch der Betreiber des Blogs noch nicht einmal den realen Namen per Impressum preisgibt? Das passt nicht zusammen.

Received: from mail.zoho.com by mx.zohomail.com
with SMTP id 1408011601847332.51591558116763; Thu, 14 Aug 2014 03:20:01 -0700 (PDT)
Date: Thu, 14 Aug 2014 12:20:01 +0200
From: Nina Tabai

Domain Name: NINATABAI.COM
Registrar WHOIS Server: whois.enom.com
Creation Date: 2014-06-12 10:28:00Z
Domain Status: clientTransferProhibited
Registrant Organization: WHOISGUARD, INC.
Registrant City: PANAMA
ISP: Neue Medien Muennich GmbH, Friedersdorf

Mein Gefühl sagt mir, dass sich eine Frau, die sich so kritisch gibt wie die Texte, nicht so darstellen würde wie auf dem Foto und dem Video. Die Haltung der Dame ist körpersprachlicher “Overkill” und passt nicht zum Inhalt. Man muss nicht gleich die Pheromone bemühen. Anders ausgedrückt: Die Dame präsentiert sich so, wie ein Mann denkt, dass eine attraktive Frau sich präsentieren sollte. (Alles, was ich dazu schreibe, gilt auch für sunflower22a) Das ist wie bei angeblichen “Lesben”-Pornos, die so gedreht sind, dass sie mitnichten Lesben anturnen, sondern Hetero-Männer.

Ich bin immer misstrauisch, wenn jemand aus dem Nichts auftaucht und schon gut schreiben kann und sehr viel weiß – aber in einem Stil, den ich eher Männern zuordnen würde. Nee, Leute, wer in Secondlife so viele weibliche Avatare getroffen hat, die in Wahrheit Männer waren, der glaubt erst mal gar nichts, es sei denn, es gäbe mindestens drei unabhängige Zeugen für das Gegenteil. Wie Don Alphonso schreibt: “Alles ist unerfreulich, aber wie jede milde Darmgrippe überlebbar.” Oder: Es geht doch nichts über ein gepflegtes Feindbild. Wieder ein Leser [sic] weniger.

Wir müssen diese Bilder und Videos zeigen

Aus aktuellem Anlass poste ich hier eine Beitrag, den ich auf burks.de vor neun Jahren (12.05.2005) geschrieben hatte (leicht gekürzt).

So ist der KriegMan ahnt schon die Schlacht in den Feuilletons voraus. Philosophen, Chefredakteure und andere Sesseltäter werden mit gewichtigen Worten das Für und Wider ausfechten. Darf man eine Enthauptung live zeigen? Aber das interessiert keinen. Man macht es einfach, weil der Clip ohnehin im Internet ist. Die Scheindiskussion um journalistische Ethik in diesem Fall zeigt, dass es um etwas ganz anders geht: Können JournalistInnen noch so tun, als hätten sie die moralische Legitimation, denn sittlich gefährdeten Surfer Fakten vorzuenthalten, die den interessieren?

Der Link zum Video des enthaupteten US-Amerikaner wurde auf der Website al-ansar.biz zuerst veröffentlicht. Bis jetzt haben die deutschen Medien weder den Film vollständig gezeigt noch Links publiziert, wo er downgeloadet werden kann. Die meisten Websites, die in der Vergangenheit Al Qaida-Dokumente im Original publiziert haben, sind zu Zeit nicht zu erreichen (…) Online-Portale in So ist der Kriegden USA jedoch bieten das grausame Exekutions-Video an: www.evote.com warnt aber ausdrücklich davor, den Clip anzusehen. Das Video der Enthauptung Nick Bergs wurde von Aaron Weisburd, dem Direktor der “Internet Haganah” zur Verfügung gestellt. In den letzten Tagen kursierten auch im Usenet Links, unter anderem in den Newsgoups alt.religion.islam, soc.culture.usa, soc.culture.britain und soc.culture.iraq. (…).

Das Online-Video vom Mord an Berg provoziert die Frage, ob man Bilder äusserster Grausamkeit der Öffentlichkeit zumuten kann. Die Medien in Deutschland haben sich entschieden, dass sie es nicht tun. Das ist inkonsequent und verlogen. Der US-Fernsehsender CBS hat schon angekündigt, weitere Fotos von Folter und Misshandlungen von Irakern durch US-Soldaten zu zeigen. Journalisten sind nicht weniger oder mehr sittlich gefährdet als andere Menschen. Wenn sie dokumentarisches Material bekommen, das eventuell die Menschenwürde verletzt, ist es trotzdem ihre Pflicht, die Quellen nicht im So ist der Kriegeigenen “Giftschrank” zu verschließen. Das mediale Nachrichtenmonopol, selbst entscheiden zu können, was der Öffentlichkeit preisgeben wird, hat im Zeitalter des Internet jede Bedeutung verloren. Evote.com schreibt: “People have the right to see it, and it seems wrong for other media outlets to go on and on and on about it and not show it. If it’s that horrific, it’s historical and should be available – not for shock value, but so that people won’t view the issue as just more bad news from Iraq.”

Grausame Bilder von Kriegshandlungen sind seit jeher aus den unterschiedlichsten Motiven publiziert worden. Das Foto eines vietnamesischen Offiziers, der einen Gefangenen erschießt – eines der berühmtesten Kriegsfotos überhaupt – ging um die ganze Welt und war maßgeblich dafür verantwortlich, das sich die öffentliche Meinung in Europa gegen den Krieg wendete. Die “Vietnam Legion Veteran’s Association” hat auf ihrer Website eine Aufnahme aus dem Jahr 1943: der Sergeant Len Siffleet wurde in Neu Guinea von einem Japaner enthauptet. Das Foto diente als propagandistischer Beweis für die Grausamkeit des damaligen Kriegsgegner der USA.
So ist der Krieg

Schon vor 200 Jahren schockierten die Gemälde des spanischen Malers Francisco de Goya die Öffentlichkeit, insbesondere der Zyklus “Los desastres de la guerra” (“Die Schrecken des Krieges”) – über den Krieg der Spanier gegen die Intervention Napoleons. Getöte Menschen mit abgehackten Gliedmaßen hängen auf Bäumen, das gegenseitige Abschlachten wird in jedem Detail gezeigt. Augenzeugen berichteten von Gewalttaten, die den heutigen Folterszenen in nichts nachstanden. Die Bilder Goyas, entstanden zwischen 1810 und 1820, unterscheiden sich in ihrer Wirkung auch nicht von den schrecklichsten Kriegsfilmen, die heute gezeigt werden.

Eins ist unstrittig: je grausamer die Bilder waren, um so mehr bekamen die Recht, die gegen einen Krieg waren. Daraus kann man nur das Fazit ziehen, dass die Medien den Krieg nicht “embedded” zeigen dürfen, sondern ihn so darstellen müssen, wie er wirklich ist. Klaus Theweleit sagt in der Süddeutschen: “Es mag hart klingen, aber mich haben diese Bilder nicht besonders entsetzt. Ich habe solche Szenen im Kopf, etwa aus den KZ’s, aus Splatter- und Pornofilmen. Wir können diese Bilder verdrängen, aber dann geben wir uns jener Illusion hin, die die harmlosen Ausgaben der Tagesschau verbreiten: dass wir in einer halbwegs zivilisierten Welt leben. Aber eine Öffentlichkeit, die immer noch so tut, als hätte sie nicht gewusst, welche Verwüstungen der Krieg anrichtet, ist scheinheilig. Neu ist einzig die Zirkulation im So ist der KriegInternet, in den elektronischen Medien, in Zeitungen. [...] Wenn man sie in einem Kontext nach dem Motto “Oh, wie entsetzlich” sieht, dann bleiben sie belanglos.”

Aber das wird in Deutschland niemand tun – alle warten darauf, dass jemand anfängt. Nur bei Telepolis und natürlich hier sieht man das anders. Vermutlich würden manche Abstimmungen in Parlamenten anders ausgehen, wenn diejenigen, die andere in den Krieg schicken, währenddessen live mitansehen müssen, was auf den Schlachtfeldern der Welt geschieht.

Rickety Bridge over Troubled Water

“The bridge between the professional community and the academic community… I don’t want to say it’s burned down, but if you’ve seen an Indiana Jones movie where they’re trying to cross a rickety bridge it’s kind of like that.” (Howard Finberg via MediaShift)

Artgerechte Pflege

“Die Herren und Damen kommen bei artgerechter Pflege auf sechsstellige Gehaltssummen plus Nebeneinkünfte, die Upperclass der Mittelschicht und somit das Nützlichste, was sich ein echter Herr vorstellen kann – so lange sie die richtigen ‘Meinungen’ produzieren. Was sie nicht produzieren, ist Hintergrund, Zusammenhang, offene Debatte. Was sie scheuen, ist Kritik, weshalb sie einander auch seltenst attackieren, es sei denn, einer wäre zum Abschuss freigegeben.” (Feynsinn über Journalisten im allgemeinen und einen sehr hübschen Text Stephan Hebels in der Frankfurter Rundschau.)

Neu in meiner … äh … Bibliothek

neu

Ruchlos

Das Bildblog hat nachgefragt, woher die Fotos auf dem Propaganda-Titelbild des Spiegel stammen – aus “öffentlich zugänglichen Quellen”. Die Chefredaktion des ehemaligen Nachrichtenmagazins “argumentiert”:
Wir halten die Optik für angemessen, denn es handelt sich um Opfer der ruchlosen Machtpolitik des russischen Präsidenten Putin. Dies rechtfertigt nicht nur eine so starke, emotionale Optik, es macht sie geradezu notwendig – und zwar im Interesse der Opfer und ihrer Angehörigen.

Manufacturing Consent

Wikipedia über das Propagandamodell von Noam Chomsky und Edward S. Herman:
“Das Propagandamodell wurde zuerst 1988 in Hermans und Chomskys Buch Manufacturing Consent: the Political Economy of the Mass Media dargestellt. Die Theorie beschreibt, wie die Medien ein dezentralisiertes und nicht-verschwörerisch handelndes Propagandasystem bilden können, das fähig ist, einen Konsens im Interesse der gesellschaftlichen Oberschicht herzustellen und die Öffentlichkeit manipulativ in diese Perspektiven der Oberschicht einzubinden – während gleichzeitig der Anschein des demokratischen Prozesses und Konsenses gewahrt bleibt.”

Lüge in Kriegszeiten oder: Die Verkommenheit der westlichen Medien

Mathias Bröckers in Telepolis: “Am Beispiel des Ersten Weltkriegs formulierte Arthur Ponsonby 1928 die Strukturgesetze der Kriegspropaganda – sie gelten, wie die aktuelle Berichterstattung über die Ukraine zeigt, noch immer.”

Absoluter Lesebefehl.

(…) … Medienschaffende und Journalisten, die in Leitartikeln und Talkshows Stimmung machen. Von ihrer Verpflichtung zu objektiver Information haben sie sich weitgehend verabschiedet und präsentieren die Wirklichkeit als Schwarzweißfilm mit eindeutiger Rollenverteilung in Gute (USA, EU und Nato) und Böse (Putin und Russland) präsentieren. Zu diesem Zweck mutieren dann nicht nur Gerüchte zu Tatsachen, Vermutungen zu Ereignissen und Meinungen zur Wahrheit, sondern es werden auch unpassende Fakten verschwiegen und Interessen und Hintergründe der Akteure des Konflikts unterschlagen.

The bizarre world of the mainstream media

“There really are two worlds: the real world, and the fictional bizarre world of the mainstream media and the West’s political propaganda.” (Nutzerkommentar zum Video “Mark Sleboda vs BBC“)

In der Post-Journalismus-Ära

Ich wollte gerade genau das schreiben, was Fefe schon geschrieben hat. “Das ehemalige Nachrichtenmagazin ist endgültig in der Post-Journalismus-Ära angekommen.”

Korruption? Nein, danke!

Spiegel online empfiehlt Bloggern ernsthaft, sich kaufen und korrumpieren zu lassen. Pfui Teufel!

Legalize it!

The New York Times: “Repeal Prohibition, Again”.

It took 13 years for the United States to come to its senses and end Prohibition, 13 years in which people kept drinking, otherwise law-abiding citizens became criminals and crime syndicates arose and flourished. It has been more than 40 years since Congress passed the current ban on marijuana, inflicting great harm on society just to prohibit a substance far less dangerous than alcohol. The federal government should repeal the ban on marijuana.

BTW: Was sagen die deutschen Medien? Was sagen deutsche Politiker?

Der rasende Reporter – Weltbürger und Kommunist

Kisch

“Egon Erwin Kisch gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus. Nach dem Titel eines seiner Reportagebände ist er auch als ‘der rasende Reporter’ bekannt”, schriebt Wikipedia.

Die englische Wikipedia-Version fügt gleich zu Beginn hinzu: “Kisch was noted for his development of literary reportage and his opposition to Adolf Hitler’s Nazi regime.” Gegner Hitlers zu sein oder gar Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschland – was Kisch war – ist offenbar für die Deutschen nicht so wichtig, dass man gleich mit der Tür ins Haus fallen müsste.

Kischs intensives soziales und politisches Engagement (nicht zuletzt seine lebenslange Bindung an die Ideale der kommunistischen Bewegung) hatte bereits zu Lebzeiten wesentlichen Einfluss auf die Rezeption seiner Werke. Als exponierter Antifaschist wurde Kisch im nationalsozialistischen Deutschland nachhaltig aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht – wie viele der deutschsprachigen Exilautoren, deren Bücher 1933 verbrannt worden waren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Kischs Tod im Jahr 1948 blieb der ‘rasende Reporter’ in der Zeit des Kalten Krieges westlich des Eisernen Vorhangs jahrzehntelang vergessen. In der DDR zählte er als sozialistischer Autor zum Kanon, seine Werke wurden laufend neu aufgelegt, in einer Gesamtausgabe zusammengefasst und waren trotz der Inanspruchnahme durch die staatstragende SED jahrzehntelang auf den ostdeutschen Bestsellerlisten vertreten.

Wozu so ein “Unrechtsregime” doch gut sein kann!

Leider können sich die Toten gegen posthume Ehrungen nicht wehren. Den Egon-Erwin-Kisch-Preis gibt es ja nicht mehr; er wurde jetzt nach Henri Nannen benannt. Vermutlich wäre es nicht im Sinne der in Deutschland üblichen freiwilligen politischen Selbstkontrolle, einen Journalistenpreis nach einem Kommunisten zu benennen. Wo kämen wir denn da hin!

Ich empfehle alle Bücher von Kisch. Wenn man die zum Teil kurzen, also heute noch Internet- und Blog-tauglichen Reportagen liest, bekommt man auch einen Eindruck, was damals “rasend” bedeutete. Heute wäre die Treue zum Detail und die nachdenkliche Attitude für die Rezipienten ungewohnt “langsam”, weil man gewohnt ist, die Dinge, die Kisch beschreibt, als Film vorgeführt zu bekommen. So ätzend, wie Kisch formulieren könnte, traut sich auch heute noch kaum jemand:

Als in Amerika die Urwälder fast überall dem Erdboden gleichgemacht, beinahe alle edlen Tiere erlegt, die Indianer mit Branntwein und Flintenkugeln nahezu ausgerottet worden waren, zäunte man ein Stückchen ein und schuf den Yellowstonepark. Dann zeigte man ihn der Welt, zum Zeichen des pietätvollen Verständnisses, das das angeblich so nüchterne Amerika der Natur entgegenbringe, und konnte ruhig den Rest der Urwälder, der Indianer und der Tiere vernichten. Wir hingegen haben Weimar. (Der Naturschutzpark der Geistigkeit – in: Hetzjagd durch die Zeit, Aufbau Verlag, Berlin (DDR) und Weimar 1983)

Der letzte Satz – die Pointe – fällt wie ein Hammer auf einen Amboss. Klaus Jarchow schrieb 2008 auf netzwertig.com” über Kisch und wie er seine damaligen Kollegen beeinflusste: “Nun dominierten für einige Jahre in allen Redaktionen die ‘Pflastertreter’ über die ‘Sesselpuper’ – auch wenn das besagte Pflastertreten heutzutage oft genug darin besteht, als braver Pudel politischer Interessen sich im Café Einstein mit jenen mundgerechten Info-Häppchen füttern zu lassen, die man später in die Tastatur erbricht.”

Well said. Wäre das denkbar – heute im Zeitalter der Sesselpuper -, dass ein bekennender – und geistig unabhängiger – Kommunist eine Stelle als Reporter bei einem deutschen Mainstream-Medium bekäme? “So kommt es, dass die Blogosphäre zu einem Zufluchtsort der Reportage werden konnte”, schreibt Jarchow. Ich warte darauf…

Und nun alle zusammen: Für das Wachstum!

Tancred's landing

Screenshot: Meine Gor-Sim Tancred’s Landing in Second Life, die mit dem Thema des Postings unten rein gar nichts zu tun hat.

Ich wollte eigentlich über das Gefasel der Frau Christine Lagarde etwas schreiben und über die Tatsache, dass sich Journalisten zu bloßen Pressesprechern von Lobbyisten und Pressure-Groups degradieren, wenn sie nur das unkritisch wiederkäuen, was ihnen in den Mund gelegt wird.

Ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte, ist wieder einmal Spiegel online: “‘Eine hartnäckig niedrige Inflation kann dem Wachstum schwer schaden’, sagte die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) am Freitag in Paris. Auch trage sie dazu bei, dass die Schuldenlast noch schwerer wiege.”

Ja und? Ist das wahr oder nicht oder wisst ihr es nicht? Man hat den Eindruck, dass, fällt der Begriff “Wachstum”, sofort der Kopf zum Gebet abgenommen wird: Freier Markt(TM) unser, der du bist im Kapitalismus unser aller Gott usw..

Lagarde ist Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF). Bei Wikipedia lesen wir über den IWF und das Wachstum: “Dem IWF wird vorgeworfen, durch die an die Kreditvergabe geknüpften Bedingungen in vielen Ländern die bestehenden Sozialsysteme zu zerstören. Für Kritiker gelten ‘die geforderten Sparprogramme und Einschnitte in Sozialprogramme [...] für die Menschen in Entwicklungsländern [als] unzumutbar und [seien zudem] für das Wachstum schädlich.’”

Aha?! Und? Können deutsche Journalisten vielleicht auch selbst denken? Nein? Quod erat demonstrandum.

Spiegel online schließt mit den “wunderbaren” Worten: “Die französische Wirtschaft kämpft derzeit mit Wachstumsproblemen”. Leider kann ich nicht wirklich sagen, wer das verbrochen hat; ein Kandidat für den Wanderpokal “Lautsprecher des Kapitals” wäre diese Person auf jeden Fall.

Pfui, das ist kein Journalismus, sondern schlicht ekelhaft.

Strike! Die Roten kommen!

Al Jazeera berichtet über den Klassenkampf der südafrikanischen Metallarbeiter. In deutschen Medien lese ich bis jetzt kein Wort davon.

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