Kriegerische Berichterstattung und andere mythische Erzählungen

wieder mal putin

Foto: Es war Putin!

Ein grandioser Artikel von Malte Daniljuk auf Telepolis: “Rückblick auf ein besonderes Jahr für den Kriegs- und Krisenjournalismus”. Absoluter Lesebefehl!

Im gesamten vergangenen Jahr schaffte es kein einziges deutsches Medium, eine kritische Analyse der jüngeren ukrainischen Geschichte vorzulegen, die auch nur andeutet, was alle in der Ukraine wissen und was sogar ein zentrales Motiv für viele Teilnehmer an den Maidan-Protesten war. (…) Das wichtigste medienpolitische Ereignis des vergangenen Jahres besteht darin, dass große Teile des deutschen Publikums mithilfe der Netzmedien ihre oppositionelle Lesart, in diesem Fall des Ukraine-Konflikts, drastisch und unmissverständlich öffentlich Ausdruck verliehen haben. (…) Inzwischen nutzen die großen Anbieter ihre Verfügungsmacht, um die Möglichkeit zu kommentieren grundsätzlich einzuschränken oder unangepasste Meinungsbeiträge zu zensieren. (…) Ein zentrales Warnsignal besteht sicher im erzählerischen Motiv: “Demokratische Opposition verteidigt sich gegen autokratischen Herrscher”. Dieser Mythos erweist sich bei einem genaueren Rückblick als ein Paradigma, das im Zusammenhang mit zahlreichen Fällen von westlichen Einmischungen in die inneren Angelegenheiten anderer Länder auftritt. Da mythische Erzählungen sich im Wesentlichen aus dem Selbstverständnis der Erzähler speisen und nur teilweise bewusst gestaltet sind, lässt sich sicher vorhersagen, dass wir diese Geschichte auch in Zukunft noch häufiger hören werden.

Dazu passt von Marcus Klöckner ebd.: “Journalismusforschung: “Ganz auf Linie mit den Eliten”.

Die Blattlinie muss gehalten werden oder: Ruhe an der Heimatmedienfront

Die Zeit teilt gegen den russischen Kanal RT deutsch aus. Motto: Wir sagen die Wahrheit, und die Russen verbreiten nur Propaganda. Mal sehen, wann sie die Leserkommentare abschalten und wieder löschen.

Ich empfehle “Die Anstalt” zum Thema oder das hier.

[Bitte selbst ausfüllen] lässt die Muskeln spielen

Schöner Kommentar auf Stefan Niggemeiers Blog:

Bezüglich Brisbane-Berichterstattung empfehle ich noch folgendes Experiment:
1) Googeln Sie “Putin lässt die Muskeln spielen” und zählen Sie, wie viele deutsche Medien diesen Ausdruck im Zusammenhang mit dem G20-Treffen verwendet haben.
2) Wenn Sie mit dem Staunen fertig sind, googeln Sie “Putin flexes military muscle” oder “Putin military muscle flexing” und zählen Sie, wieviele englischsprachige Medien diesen Ausdruck im Zusammenhang mit dem G20-Treffen verwendet haben.
3) Beantworten Sie nun die Quizfrage: Hätte man dies mit klassischer politischer Gleichschaltung besser hinbekommen können?
Senden Sie die richtige Antwort an den Programmbeirat Ihrer Wahl.

Jauchze in Walhall, o Odin!

Die Titanic über die deutschen Medien und den Wahlausgang in Rumänien. Lesenswert.

Scheinbar ein öffentliches Diskussionsforum

>b’s weblog: “Man sollte deutlich darauf hinweisen, dass es sich bei Beiträgen auf den Kommentarseiten der ARD-Tagesschau um ausgewählte Leserbriefe handelt, die vorher von der Redaktion inhaltlich gesiebt wurden. Es handelt sich nur scheinbar um ein öffentliches Diskussionsforum, in dem nur der Anschein erweckt wird, dass frei diskutiert werden kann.”

Es gibt absolute Anonymität im Internet

Spiegel online, gewohnt “investigativ”: “Ziel der Aktion [gegen den Handel mit illegalen Drogen im Darknet] sei es aber gewesen, das allgemeine Vertrauen in die Anonymität des Internets, auch des sogenannten Darknet, nachhaltig zu erschüttern. ‘Es gibt keine absolute Anonymität im Internet’, sagte sie. Wie die Ermittler die Betreiber identifizieren konnten, blieb unklar.”

Das Ziel haben sie nicht erreicht. Mein Vertrauen ist nicht erschüttert – weil ich den dämlich-dümmlichen Berichten in den Medien, die sich – wie Spiegel online – für die Propaganda der Überwachungs-Lobby missbrauchen lassen, nicht glaube, sondern selbst recherchiere. Das hat mich eine Viertelstunde gekostet, zu viel Recherche-Zeit für deutsche Mainstream-Qualitätsmedien.

I’m laughing so hard at this.

Es gibt absolute Anonymität im Internet – wenn man keine Fehler macht.

Symbolbild oder: Die Wahrheit über die Wahrheit oder: Einer dieser kleinen, bedauerlichen Fehler

Die Wahrheit über die Wahrheit (via Feynsinn) über “Archivbilder” bei Spiegel online und anderen Mainstream-Medien über den Konflikt an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland:
Was für “Archivbilder” haben die denn von russischen Panzern bei Donezk? (…) Und das Problem mit dem Bild ist – es klingt so blöd, als könne es gar nicht wahr sein, aber es ist wahr – das Problem ist: Es gibt zwei Donezk. Es gibt die von Separatisten kontrollierte ukrainische Millionenstadt Donezk. Und es gibt die kleine russische Grenzstadt Donezk. In Russland. (…) Also russische Soldaten auf russischen Panzern in Russland. Nicht in der Ukraine. Jaja, ich weiß schon. Das ist jetzt wieder einer dieser kleinen, bedauerlichen Fehler, die sich nun mal immer wieder bei der Arbeit auch der besten Redaktionen einschleichen.

Innerhalb der Zensurgrenzen

“Wenn Kollegen sich brüsten, sie seien nie in ihrem Leben im Schreiben beschränkt worden, nie würde ihnen ein Gedanke gestrichen, so ist das nur ein Beweis dafür, daß sie sich von selbst innerhalb der Zensurgrenzen bewegen, ihre Denkweise nirgends über die Hürden der vorgeschriebenen Ideologie hinausstrebt.” (Egon Erwin Kisch)

In einem Internet-Entwicklungsland

hauptbahnhofconnection resethauptbahnhof

Fahn, fahn, fahn, mit der deutschen Bahn. Kein Internet, man könnte ja ein gutes Buch lesen. Aus Trotz lese ich via Kindle ein schlechtes, dafür aber in Englisch.

Im Café in Weimar. Es gibt keine Soljanka, dafür aber “Chicken Nuggets”, aus was die auch immer bestehen – nein, ich esse so etwas nicht. Hier gibt es kein Internet. Irgendwo vielleicht ein Hotspot? Ein … äh … was, bitte?

Im Hotel: Per Firefox: Your “connection was reset because of security options”. Klar, ich erlaube weder Cookies noch Javascript. Und die sind vermutlich nötig, um die Störerhaftung durchzusetzen – man braucht für das real gar nicht existierende Zwangs-Internet Nutzername und Passwort. Browser SWareIron: Verbindung kann nicht hergestellt werden (Bitte laden Sie sich Ihren Akustikkoppler woanders herunter.)

Ein Kongress von knapp 300 Journalisten: Siehe Foto. “Da streamen offenbar einige von Euch, bitte tut das nicht, sonst kommen alle anderen nicht online.” 35 Verbindungsabbrüche in 36 Minuten. Immerhin habe ich ja immer mein eigenes Internet dabei, aber der Stick erlaubt nur Surfen auf dem Niveau von 1995.

Elektronische Wahlen per Fernbedienung, aber niemand weiß, wie und ob die Teile personalisiert werden können. Und deutsche Journalisten diskutieren miteinander via Facebook. OMG. Edward Snowden? DA war doch noch was?

Immerhin gibt es was zu Essen, aber gläubige Juden und Muslime würden hier verhungern. (Draußen röhrt ein Laubbläser stundenlang.)

Westliche Werte

Wieso reden eigentlich alle über Ungarn und nicht über Australien? Die Neue Zürcher Zeitung: “So riskieren Journalisten, die Informationen betreffend eine «Special Intelligence Operation» publizieren, neuerdings bis zu zehn Jahre Gefängnis; selbst eine Berichterstattung im öffentlichen Interesse schützt Journalisten nicht vor einer Strafe.”

Und noch einmal: “Künftig wird in Australien mit bis zu zehn Jahren Gefängnis bestraft, wer in gewisse Regionen mit Terroraktivitäten reist..” – “Befugnisse des Inlandgeheimdienstes ausgeweitet”. – “…hohe Gefängnisstrafen für Journalisten (..), die Informationen über Sonderoperationen der Schlapphüte publizieren.”

Recherche reloaded

“Nach einer Studie einer Kommunikationswissenschaftlerin, die Beiträge aus Zeitungen und Hörfunk und von Nachrichtenagenturen nach der Quellenlage prüfte, hatten 85% aller Fälle als Basis nur eine Quelle.” (Hans Leyendecker in: Recherche reloaded von Netzwerk Recherche)

Zitat aus dem deutschen Pressekodex: “Eine Quelle allein ergibt keine Nachricht. Für eine Nachricht braucht es mindestens zwei voneinander unabhängige Quellen.”

Beinhaltet teils kreative Aufenthaltsqualitäten für den Kirchplatz in Unna

kirchplatz unna

Die WAZ formulierte am 26.06.2013 in schönstem Deutsch des Grauens über den Platz vor der Evangelischen Stadtkirche Unna:
Nächste Woche soll der Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Verkehrsplanung die Ausbauplanung absegnen. Sie beinhaltet teils kreative Lösungen, die Stadt und Kirche gemeinsam mit Anwohnern gefunden haben. So steht bislang am nördlichen Rand des Kirchplatzes eine rund 30 Meter lange private Mauer aus Klinkerziegeln. Sie würde die Gestaltung dieses Aufenthaltsbereichs mit Sitzgelegenheiten und einem Wasserspiel stören.

Entwicklung, Planung, kreativ, Lösung, Gestaltung, Aufenthatsbereich, Sitzgelegenheit – alles diese Wörter sind Bürokratenfurzdeutsch und würden von einem Chefredakteur, dem noch an Stil und gutem Deutsch gelegen ist, verboten oder mit Peitschenhieben bestraft. Und welches Bein hält denn die Lösung? Darf die das überhaupt?

Auf Lokalkompass.de [Funke-Mediengruppe, Whois] geht es ähnlich gruselig verschwurbelt weiter:
In zwei Wochen wird die Politik eine Ortsbesichtigung vornehmen, in der Ratssitzung am 17. April steht die Kirchplatz-Sanierung auf der Tagesordnung. (…) Nach der Sanierung soll der Bereich um die Stadtkirche neue Aufenthaltsqualität bieten.

“Die Politik” nimmt eine Besichtigung vor? Wolfgang Schneider (“Deutsch für Profis”) würde vermutlich kommentieren: “Aus dem Anus der deutschen Sprache ausgeschieden.” Wen wundert es, das niemand so einen breitgetretenene Sprachquark lesen will! Sanierung, Tagesordnung, Aufenthaltsqualität. Oh mein höheres Wesen!

Übrigens sieht der Kirchplatz jetzt genau so aus wie das Deutsch, das die Lokalmedien geruhen zu gebrauchen, um darüber zu berichten.

Die Wahrheit über die Wahrheit und den Fäkalien-Dschihad

Stefan Niggemeier schreibt auf Krautreporter über Udo Ulfkotte und seinen Bestseller “Gekaufte Journalisten”.

Es gibt viele gute Gründe, dieses Buch zu ignorieren, der wichtigste ist sein Autor, der, wie es ein ehemaliger Kollege von ihm von der FAZ sagt, irgendwann zwischen Realität und Fiktion nicht mehr unterscheiden konnte. Es gibt aber einen entscheidenden Grund, dieses Buch nicht zu ignorieren: Es entfaltet sichtlich Wirkung. Es wird jetzt schon wie die Bibel einer Bewegung behandelt.

Man sollte zum Thema auch Florian Röpke zur Kenntnis nehmen: “Vorsicht! Achtung! Dr. Udo Ulfkotte!”

Auch bei Inrur stehen ein paar zusammengestoppelte Infos der Räuber-und-Gendarm-Antifa, die man aber benutzen kann, um sich eine eigene Meinung zu bilden.

By the way: “eine Wirkung entfalten” ist ähbäh und Blähdeutsch. Es wirkt, und gut is.

Nach Ostland wollen wir reiten oder: Der Blick auf das Wesentliche

Unter der Überschrift “Das Land gehört in die EU” schreibt ein Benjamin Bidder in Spiegel online über die Ukraine:

Schon vor ihm haben Oligarchen und korrupte Eliten das Land geplündert. Die Wirtschaft ist heute ein schwarzes Loch. Allein die Subventionen für die künstlich niedrig gehaltenen Gaspreise verschlingen sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts, jedes Jahr. Um die Separatisten zu bekämpfen, hat Kiew Freiwilligen-Bataillone mit schweren Waffen ausgerüstet. Manche der Kommandeure sind rechtsradikal, Nazi-Runen schmücken die Wappen ihrer Einheiten. Einige Verbände haben offenbar Kriegsverbrechen verübt, Menschen entführt und Gefangene erschossen.

Das alles schreckt uns Europäer ab. Es sollte aber nicht den Blick auf das Wesentliche versperren.

Da bleibt mir die Spucke weg.

“Europa war mal mehr als nur ein Wirtschaftsraum”? Ach ja? Ein antikommunistisches Bollwerk des Kapitals? Oder was? Noch früher? Ja, die Ukraine war Verbündete der Wehrmacht.

Und was “das Wesentliche” ist beim Ostlandritt der NATO und des westlichen Kapitals, hat schon der Historiker Fritz Fischer ausführlich beschrieben.

Genug gekuschelt!

Peter Littger in Meedia.de: “Immer wieder gelingen der Financial Times und anderen ausländischen Redaktionen Scoops aus Deutschland, die für ihre deutschen Kollegen schon im Ansatz unmöglich sind. Warum? Weil sie weiterhin an der unsäglichen Autorisierung von Interviews festhalten. Damit nehmen sie sich selbst die Chancen für einen fairen Wettbewerb und schieben herausragenden journalistischen Bezahlinhalten von vorneherein einen Riegel vor.”

Chapeau! Meine Rede.

Unter Schlammhirnen

Frank Rieger: “Es gibt da draußen einfach jede Menge Leute mit bösem Willen, psychischen Problemen oder einer aufgestauten Menge Groll und Wut, die sie die Grundregeln des zivilisierten Miteinanders mißachten lassen. Das war schon immer so. Nur würde in der physischen Welt auch niemand auf die Idee kommen, eine zivilisierte Debatte über Geschlechtergerechtigkeit oder Flüchtlingsrechte in einem Stadion zu führen, in dem jeder der möchte ein Megafon in die Hand bekommt. Diskurse im Sinne eines produktiven, inhaltlich vorranbringenden Austausches von Meinungen und Ideen, der im besten Fall zu einer Weiterentwicklung und Synthese neuer, guter Gedanken führt, bedurften schon immer einer gewissen Segregation von den Schlammhirnen, denen nichts an intellektueller Weiterentwicklung liegt.”

Die Usenet-Laws, die vor allem Trolls angehen, gelten auch für Web-Foren und Blogs usw. Sie müssten nur noch mit aktuellen Beispielen aufgefrischt werden. “Hat man ein Ereignis genügend oft beobachtet, so kann man mit hinreichender Sicherheit ein Gesetz formulieren.” Ich mache schon länger DFÜ als einige hier auf der Welt sind. Wer dazu das passende Gesetz findet, hat gewonnen. Wer nicht weiß, was DFÜ bedeutet, hat verloren.

Voller Schulterschluss gegen [bitte selbst ausfüllen]

alte Reisepässe

Man muss schon die Heise-Meldung genau lesen, was die deutschen Innenminister beschlossen haben: “Künftig soll der Personalausweis von deutschen radikalen Islamisten durch einen Papierausweis ersetzt werden, der deutlich sichtbar vor dieser Person warnt.”

Das wäre selbstredend verfassungswidrig, weil es genausowenig strafbar ist, “radikaler Islamist” zu sein wie “radikal links” – wie der Betreiber dieses Kapitalismus- und familienfreundlichen Blogs. Natürlich werden sich die Innenminister nicht darum scheren, ob ihre Beschlüssse legal sind oder nicht. Das kennen wir ja schon von Themen wie der so genannten “Online-Durchsuchung” und dergleichen. Man muss es aber klar aussprechen: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse [sic], seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Ach ja, das steht im Grundgesetz.

Von Journalisten erwartete ich, dass sie dieses auch den Lesern mitteilen und dieselben aufklären. Leider geschieht das hier nicht. Was eigentlich wurde beschlossen? Sind deutsche Staatsbürger betroffen oder ausländische “Jihadisten” oder “Islamisten” (was auch immer das sei), die ohnehin keinen deutschen Pass haben? By the way: Das obige Grundrecht gilt auch für Ausländer, die in Deutschland leben.

Er geht laut der “Ge­mein­sa­me[n] Er­klä­rung der In­nen­mi­nis­ter und -se­na­to­ren des Bun­des und der Län­der” um die Verhinderung der Ausreise von radikalisierten Personen, die beabsichtigten, sich im Ausland einer Terrorgruppe anzuschließen. Zu diesem Zweck soll nun auf Vorschlag des Bundesinnenministers ein Personalausweis-Ersatzdokument geschaffen werden, dessen Geltungsbereich auf Deutschland beschränkt ist und das einen deutlichen Hinweis auf diese Geltungsbeschränkung enthält.

Ich habe das Machwerk im Original (pdf) durchgelesen:
Zudem unterbinden wir, wann immer möglich, Ausreisen gewaltbereiter Salafisten. (…) Soweit möglich, werden bei ausländischen Staatsangehörigen alle aufenthaltsrechtlichen Sanktionsmöglichkeiten genutzt. (…) Zur Verhinderung der Ausreise kann deutschen Staatsbürgern der Reisepass entzogen werden. Hingegen ist der Entzug des Personalausweises nach geltender Rechtslage nicht möglich. Der Bund arbeitet unverzüglich an einer tragfähigen Lösung, die z.B. durch das Ausstellen eines Ersatzdokuments die Ausreise bzw. die unbemerkte Wiedereinreise unterbinden kann.

Die Maßnahme soll also beide Personengruppen treffen, Deutsche und Ausländer. Der Mediendienst Integration weist auf das Passgesetz § 7 “Passversagung” und § 8 “Passentziehung” hin: “Der Pass ist zu versagen, wenn bestimmte Tatsachen die Annahme begründen, daß der Passbewerber die innere oder äußere Sicherheit oder sonstige erhebliche Belange der Bundesrepublik Deutschland gefährdet.” Die geltende Rechtslage ist eindeutig: Bei einem Verdacht darf der Pass versagt oder entzogen werden. Das wäre also gar nichts Neues und die Presseerklärung nur heiße Luft, was niemanden überraschen würde.

Um jedoch etwa in die Türkei zu reisen, braucht man nur einen Personalausweis, der deutschen Staatbürgern nicht entzogen werden kann. Der “Mediendienst Integration” behauptet: “Allerdings sieht das bestehende Gesetz vor, dass ein deutscher Staatsbürger seinen Personalausweis für die Ausreise nicht benutzen darf, wenn ihm sein Reisepass entzogen beziehungsweise verweigert wurde” und bezieht sich auf das Passgesetz § 11 Absatz 2. Dort heißt es: “Eine Passbehörde hat einen Pass für ungültig zu erklären, wenn die Voraussetzungen für seine Erteilung nicht vorgelegen haben oder nachträglich weggefallen sind.” Das stimmt also so nicht – dort geht es um den Pass, aber nicht um den Personalausweis.

“Rechtswissenschaftler bezweifeln jedoch, dass eine solche Kennzeichnung des Personalausweises mit dem Grundgesetz und dem Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vereinbar ist. So hält etwa Thomas Groß, Professor für öffentliches und Europarecht an der Universität Osnabrück, bereits einen Sperrvermerk für problematisch: ‘Der Personalausweis ist ein wichtiger Bestandteil unseres öffentlichen Lebens: Damit öffnen wir Bankkonten, checken in Hotels ein oder bestellen einen Bibliothek-Ausweis. Ein sichtbarer Vermerk, der übrigens allein aufgrund eines Verdachts erteilt werden könnte, würde zu einer Diskriminierung einzelner Bürger führen.'”

Ich vermute also jetzt, dass alle die jetzt von den Innenministern angekündigten Maßnahmen entweder ohnehin schon möglich wären, und wenn nicht, dann vom Bundesverfassungsgericht sofort vom Tisch gewischt würden. Jeder Artikel, der sich mit diesem Thema beschäftigt, sollte mich auch über die Risiken und Nebenwirkungen der Innenminister-Beschlüsse informieren. Wenn er das nicht tut – wie bei Bild online oder der Tagesschau, ist er ebenso für die Tonne.

Im Pressekodex heißt es: “Die Glaubwürdigkeit der Presse als Informationsquelle gebietet besondere Sorgfalt beim Umgang mit PR-Material.” Die Verlautbarungen der Innenminister sind zunächst PR-Material der Übewachungslobby, liebe Kolleginnen und Kollegen!

Kam der Befehl aus dem Kreml?

“Welt” Nachtblog: “Im Mai ließ Russlands Präsident den Tiger ‘Kusia’ in Sibirien frei. Jetzt hat das Raubtier die Grenze überschritten und einen Hühnerstall attackiert.”

Sorry, aber ich weiß nicht, ob das Satire ist oder nicht. Den deutschen Medien traue ich mittlerweile zum Thema alles zu.

Reactionary Extremists

tames

Wie Medien sich irren können… (via Historical Pics)

Ganz Neues aus der Anstalt

Telepolis: “Landgericht Hamburg hebt einstweilige Verfügungen gegen satirische Kritik an journalistischen Interessenkonflikten überwiegend auf“.

Bereits in der mündlichen Verhandlung hatte das Gericht jedoch durchscheinen lassen, dass es bei einer satirischen Darbietung keine Haare zu spalten gedenke. Die eigentlich kritisierte Aussage, nämlich die beträchtlichen journalistischen Interessenkonflikte Joffes durch seine unstreitigen Mitgliedschaften in vor allem atlantischen Lobby-Organisationen, stand ohnehin außer Frage.

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