Die Prohibition rechnet sich nicht oder: Regulierung psychotropher Substanzen

Für das Kapital rechnet sich die Prohibition nicht. Die Wirtschaftswoche (via Mathias Broeckers) lässt “führende Ökonomen” zu Wort kommen:

“Die Prohibition in Deutschland ist komplett gescheitert“, sagte der Düsseldorfer Ökonomie-Professor Justus Haucap der WirtschaftsWoche. Es sei „schwierig, Argumente zu finden, die gegen die Liberalisierung von Cannabis sprechen.” (…) “Aus Sicht von Regulierung und Fiskalpolitik lassen sich eher Gründe anführen, die für eine Legalisierung von Cannabis sprechen”, zitiert die WirtschaftsWoche Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln.”

Sorry, in der Drogenpolitik geht es weder um Vernunft noch um rationale Argumente. Also vergesst es. Religion lässt sich leider ebensowenig abschaffen, auch wenn aus Sicht von Regulierung und Fiskalpolitik einiges dafür spräche.

Arbeiten 4.0 oder: Unter Value Factoring Consultants

factory

Wer das schreibt, ist doof: “bringt neue soziale Probleme mit sich und wirft grundlegende soziale Fragen auf”. Wer dann weiterliest, ist auch doof. Nein, ich schwurbele nicht so sinnfrei herum, sondern die SPD bzw. ein von Frau Dings (SPD) geführtes Ministerium.

Also versuche ich es noch einmal. Der Kapitalismus ist noch lange nicht am Ende. Das sagt jemand, der meint, der Kapitalismus sei bald am Ende, weil man die Embryonen einer anderen Gesellschaft schon erkennen könne.

Noch mal verschwurbelt, suggestiv Kapitalismus-affin, also SPD-like: “Arbeiten 3.0 meint die Zeit der Konsolidierung des Sozialstaats und der Arbeitnehmerrechte auf Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft. (…) Arbeiten 4.0 wird vernetzter, digitaler, flexibler sein. Wie genau die zukünftige Arbeitswelt aussehen wird, ist offen.”

Ja, und ihr habt noch etwas anderes offen: “Soziale Marktwirtschaft” ist ein weißer Rappe, lupenreine Propaganda und Neusprech vom Feinsten. Aber was rege ich mich unnütz auf: Von Sozialdemokraten und ihren Lohnschreibern erwarte ich nichts anderes als Gefasel.

to do

Und ja: Ich habe einen Plan, was ich schreiben werde, obwohl es für wohlwollende Leserinnen und geneigte Leser, die hier selten vorbeischauen, nicht so aussehen mag. Tl;dr? Dann geht doch zu LeFloid, der übrigens auch ein kluger, intelligenter und politisch denkener Mensch ist.

Ich empfehle noch einmal ein Buch, das ich mit Gewinn gelesen habe, das die richtigen Fragen stellt und sogar sehr interessante Antworten gibt, wie es mit dem Kapitalismus in der Zukunft aussehen könnte und was danach zwangsweise kommt: “Aufbruch ins Ungewisse (Telepolis): Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise“. (Nicht alle Kapitel sind interessant, aber die ersten beiden sind schon allein das Geld wert.)

Das Fazit: Die Zukunft jenseits des kapitalistischen Marktes ist schon da, man sieht sie aber noch nicht wirklich. Als Beispiel für ein ökonomisches und politisches Embryo hatte ich hier die Ciompi im 14. Jahrhundert genannt: Die Arbeiter der Wolltuchindustrie, einer der Vorformen der kapitalistischen Massenproduktion, entmachteten den Adel und schufen die erste Demokratie der Neuzeit in Mitteleuropa. 500 Jahre, bevor der kapitalistische Markt die alles beherrschende Wirtschaftsform wurde, konnte man also schon erahnen, wie das (die politische Form, die zum Kapitalismus weltanschaulich am besten passt, weil sie der herrschende Klasse nützt) mal aussehen würde, wenn es sich durchgesetzt hätte. (“Sätze mit mehr als 30 Wörtern versteht kein Mensch auf Anhieb”, lehre ich übrigens meine Studenten.)

factory

Wie sieht also die Arbeit aus, wenn der Kapitalismus sich selbst klammheimlich transformiert? Factoring Consultant oder Factoring Broker ist zum Beispiel ein Beruf, der aus dem Finanzkapitalismus stammt. Die Art und Weise zu arbeiten kommt jetzt auch in anderen Sparten vor:
Flexibility – set your own hours. Reoccurring Income – get paid for the lifetime of the customer. Virtual Office – work from a home office.

Hört sich gut an, ist es aber nicht automatisch. Im aktuellen Print-“Spiegel” kann man das nachlesen: In einem Unternehmen, das digitale Produkte herstellt, entscheiden die Arbeiter selbst im Team darüber, was sie wie wie lange herstellen. Das könnte der Kommunismus sein, wenn es keinen Chef gäbe (den gibt es aber). Nachteil (oder auch Vorteil): Alle kontrollieren alle Arbeitsschritte. “Alle Beschäftigten sind am Gewinn beteiligt.” Wer nicht spurt, fliegt also raus, aber einen Betriebsrat gibt es nicht. Ceterum censeo: Wenn es den Eigentümer nicht gäbe, sondern das Unternehmen allen gemeinsam gehören würde, wäre das Sozialismus, wie man ihn sich erträumt. Oder auch nicht.

Den Rest müssen die geneigten Stammleserinnen und wohlwollenden Stammleser (die noch übrig geblieben sind) selbst denken. Ich hoffe, dazu angeregt zu haben.

Linke Lobbypolitik

“Die neue griechische Regierung will mittellosen Privatleuten und Firmen einen Großteil der Schulden erlassen. Wer 200 Euro seiner Ausstände beim Staat bezahle, dem könne die Hälfte der übrigen Schulden ganz erlassen werden, sagte Finanzstaatssekretärin Nadia Valvani am Mittwoch in Athen. Die Vorgängerregierungen hätten Kleinstschuldner bedrängt und vermögende Griechen verschont.”

Das geht ja nun gar nicht. Was sollen denn die Märkte denken?

Wenn man sich die gehässigten Kommentare der Foren-Trolls etwa bei Spiegel online ansieht, dann weiß man, was die “Mittelschicht” denkt. Der Neid tropft aus allen Poren. Dabei ist es doch einfach: Wenn nichts zu holen ist, braucht man es auch nicht zu versuchen. Das Wirtschaftsblatt berichtet ganz richtig: “67 von 76 Milliarden Euro an Aussenständen seien ohnedies nicht einbringlich, meint das Finanzministerium.”

[“Nicht einbringlich sein?” Welche Sprache ist denn das? Deutsch jedenfalls nicht.]

Sehr schön ist auch, das die neue griechische Regierung uns pädagogisch wertvoll zeigt, was “links” und “rechts” ist: Links ist Lobbypolitik für die “kleinen Leute”, rechts ist Lobbypolitik für das Kapital, die Märkte und die Reichen. Nein, das muss nicht gerecht und fair sein. Ich sagte: “Lobbypolitik”!

Die in der Mitte der Gesellschaft müssen sich entscheiden. Das war schon immer so. Übrigens: Zwei Drittel aller Studenten in der Weimarer Republik gehörten rechtsradikalen oder faschistischen Studentenverbindungen an. Von Studenten erhoffe ich mir nichts, wenn es hart auf hart kommt im Klassenkampf.

Bescheidener Weg

Unter dem Vorwand, Griechenland retten zu müssen, wurden hohe Verluste aus den Büchern der Banken auf die schwachen Schultern der griechischen Steuerzahler verschoben in dem vollen Bewusstsein, dass die Kosten, weil die griechischen Schultern zu schwach dafür waren, auf Deutschland, die Slowakei, Finnland, Portugal und so weiter überschwappen würden.

Natürlich gab es keine Rettung Griechenlands und keine Solidarität mit den verschwenderischen Griechen. Der griechische Staat erhielt Kredite in Höhe von 240 Milliarden Euro, damit über 200 Milliarden Euro Steuergelder an die Banken und verschiedene Hedgefonds fließen konnten. Diese Milliarden bekam Griechenland unter der Bedingung drastischer Sparauflagen, die die Einkommen der Menschen um ein Viertel reduzierten, weshalb es sowohl für die öffentliche Hand wie für den privaten Sektor in Griechenland unmöglich wurde, ihre alten und neuen Kredite zurückzuzahlen.

Quelle: Yanis Varoufakis mit Stuart Holland und James Galbraith: “Bescheidener Weg zur Lösung der Eurokrise“, Verlag Antje Kunstmann, 2015 (via Spiegel online)

Die Mainstream-Medien müssen sich fragen lassen, warum angesichts dieser nicht zu leugnenden Fakten immer noch von “Hilfspaketen” geschrieben wird, ohne zu nennen, an wen die “Hilfe” geht? Das ist kein Journalismus, sondern Propaganda im Dienste des Finanzkapitals.

Hochschulwatch

Hochschulwatch – ein Portal von Transparency International Deutschland e.V. , der taz und der Studierendenvertretung fzs:
Mehr als 1,3 Milliarden Euro fließen aus der gewerblichen Wirtschaft jedes Jahr an deutsche Hochschulen – doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Die tageszeitung, die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e.V. und die bundesweite Studierendenvertretung fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) ziehen Bilanz zu zwei Jahren Hochschulwatch. Das Internetportal sammelt fragwürdige Einflussnahmen auf Hochschulen.

Ökonomen für Griechenland

Die Nachdenkseiten haben eine Aufruf von Ökonomen für Griechenland übersetzen lassen (englische Version):

Wir, die UnterzeichnerInnen, appellieren an die Regierungen Europas, an die Europäische Kommission, die Europäische Znentralbank und den IWF, die Entscheidung des griechischen Volkes, einen neuen Kurs einzuschlagen, zu respektieren und guten Glaubens in Verhandlungen mit der neuen Regierung Griechenlands zur Lösung des griechischen Schuldenproblems einzutreten. Die griechische Regierung besteht zu Recht auf neuen Konzepten, denn die bisherigen sind gescheitert.(…)

Natürlich habe ich nicht erwartet, dass auch nur ein deutscher “Volkswirtschaftler” so etwas Vernünftiges unterschreiben würde. Rechtspopulistisches AfD- und marktradikales Pack eben.

Neues von den fröhlichen freien Märkten

Frankfurter Rundschau:
Allein von 2000 bis 2014 haben die Lohn- und Gehaltsabhängigen in Deutschland fast 1,2 Billionen Euro an Einkommen eingebüßt und sich in gleicher Höhe die Empfänger der Kapitaleinkommen bereichert. Hinzu kommt noch eine Ungleichverteilung innerhalb der Arbeitseinkommen. Ursache ist die von rot-grün initiierte Agenda 2010 und damit ausgelöste Deregulierung und Spaltung der Arbeitsmärkte mit und ohne Tarifvertrag.

Eine Frage des Standpunktes

Sag mir, wo du stehst, und welchen Weg du gehst!
Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen,
auch nickende Masken nützen uns nicht.
Ich will beim richtigen Namen dich nennen.
Und darum zeig mir dein wahres Gesicht!

(Hartmut König)

Man muss Wikipedia nicht glauben, aber: “Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bestimmt weitgehend den Standpunkt, den das Individuum einnimmt. (…) Alle Standpunkte sind voreingenommen, aber einige Standpunkte können objektiver sein als andere. (…) Der Standpunkt einer untergeordneten Gruppe ist vollständiger, weil diese mehr Grund hat, eine dominante Gruppe zu verstehen, und weil sie weniger Interesse hat, den Status quo aufrechtzuerhalten.”

Vor allem der letztere Punkt ist interessant. Ich hatte hier schon das Buch von Uwe Krüger erwähnt: “Meinungsmacht – Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-­Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse”. Darin wird nachgewiesen, dass die Journalisten, die in Deutschland den diskursiven Mainstream prägen, einen klaren Klassenstandpunkt beziehen – sie sind Lautsprecher des Kapitals, haben also ein Interesse daran, “den Status quo aufrechtzuerhalten”. Sie werden nie und nimmer die Systemfrage stellen. Die Mehrheit der journalistischen Zunft hingegen hat Angst vor dem sozialen Abstieg und gehört gefühlt der “Mittelschicht” an, wird also demnächst zwischen den Fronten zerrieben werden und verhält sich weltanschaulich dementsprechend.

Wir erleben zur Zeit den größten Angriff auf die Löhne seit Ende des zweiten Weltkriegs. Ziel des Kapitals ist es theoretisch, möglichst alle auf Mindestlohnniveau zu drücken. Das ist nicht boshaft, sondern die Konsequenz aus dem tendenziellen Fall der Profitrate. (Hatten wir gestern).

Die Süddeutsche schreibt heute: “Karstadt plant Billiglöhne”.
In den einzelnen Häusern wird es künftig drei Gruppen von Karstadt-Mitarbeitern geben: Verkäufer, Kassierer und solche, die in neu geschaffene Warenservice-Teams wechseln sollen. Diese Mitarbeiter sollen vor allem die Ware auspacken und die Regale einräumen. Das eröffnet Karstadt die Möglichkeit, diese Beschäftigten künftig nur noch nach den deutlich niedrigeren Tarifen für die Logistikbranche zu bezahlen.

Das ist ein Konzept, das auch im Gesundheitssektor gerade praktiziert wird. Um die Löhne zu drücken, werden ganze Abteilungen ausgegliedert. Die Mitarbeiter werden dann zu wesentlich schlechteren Bedingungen wieder angestellt oder können gehen, wenn ihnen das nicht passt. Wer unter diesen Umständen als Arbeiter oder Angestellter immer noch nicht Mitglied in einer Gewerkschaft ist, ist eine dämliche Pappnase, auch wenn die deutschen Gewerkschaften oft auch aus dämlichen Pappnasen bestehen. Man muss mit dem kämpfen, was man hat.

Je nach KlassenStandpunkt kann man den Sachverhalt so oder so ausdrücken. Wenn man gern die “freie Marktwirtschaft”(TM) verherrlicht und alles aus der Perspektive des Kapitals sehen möchte, schreibt man: “Karstadt will sparen und die Lohnkosten senken.” Nimmt man den Standpunkt der “weniger dominanten Gruppe” ein, der laut Wikipedia objektiver wäre. schreibt man: “Karstadt will mehr Profit machen und senkt die Löhne.

So einfach ist das, aber keiner merkt was. “Sparen” und “Kosten senken” sind keine Begriffe, die man als Journalist einfach mal so verwenden darf, ohne die Fakten dahinter zu benennen, sondern Propaganda.

Sinn: Marx macht teilweise Sinn

Fall der Profitrate

Die Profitrate für Deutschland bezieht sich auf Westdeutschland 1950–1990 und die Bundesrepublik 1991–2000. Angaben in Prozent (Quelle: IWF). Das Foto von Olga Kurylenko musste sein, weil sonst bei dem Thema jeder sofort weggezappt wäre.

Ich empfehle heute mal “schweren Tobak”, und die geneigten Stammleserinnen und wohlwollenden Stammleser werden sehr überrascht sein, zählen doch die “Volkswirtschaftler” zu den Berufen, deren Image bei mir vergleichbar ist mit dem von Pfaffen, Kinderschändern und Immobilienmaklern.

“Der Betriebswirt hilft dem Betrieb, und der Volkswirt hilft dem Volk.” (Hans-Werner Sinn) (Muahahahaha)

Ich empfehle einen Artikel von Hans-Werner Sinn, einem der angesehensten und, weil meistzitierten “Volkswirtschaftler” Deutschlands. Die Spannung steigt schon? Kann denn das wahr sein? Ich wurde auf diesen Artikel durch ein Interview auf Welt online aufmerksam, in dem Hans-Werner Sinn wettet, dass Griechenland aus der Währungsunion austreten werde. (Sinn hatte Putin noch nicht auf der Agenda. Ich würde den Griechen ja einen offiziellen Staatsbankrott empfehlen. Vermutlich haben die das As schon im Ärmel, denn die Ökonomen der Syriza sind bekanntlich keine Dummköpfe, auch wenn die deutschen Medien das gern herbeischreiben würden.)

Der Der Artikel (pdf) heißt “Das Marxsche Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate”, erschienen in der “Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft” 131, 1975 (!!), S. 646-696.

Warum ich das empfehle? Zunächst aus dem Grund, weil Sinn Marx offenbar im Original gelesen hat, was für 95 Prozent der heutigen “Volkswirtschaftler” nicht zutrifft. Er nimmt ihn auch ernst und zerlegt und analysiert jedes Komma in der Marxschen Argumentation, inklusive der ernst zu nehmenden Sekundärliteratur. (Zuerst die “Schlußbetrachtung” lesen – der Artikel selbst ist nur für Marxisten, Masochisten und/oder Kaltduscher.)

Das Fazit: Die Marxsche Argumentation des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate ist in sich schlüssig und stimmt, allerdings kann man aus ihr nicht ableiten, dass der Kapitalismus notwendig und bald in sich zusammenbräche. (So sehe ich das übrigens aus anderen Gründen auch.)

Das sagen aber auch einige “Marxisten”, die Marx ernsthaft analysieren und die “Das Kapital” und andere Schriften nicht als theologische Literatur und ewige Wahrheiten ansehen, sondern – wie es Marx es sich gewünscht hätte – als Diskussionsgrundlage.

Da der Artikel Sinns 1975 geschrieben wurde und zum Beispiel von der gegenwärtigen “normalen” kapitalistischen Überproduktionskrise noch nicht die Rede war, müsste man seine Argumente noch einmal überprüfen. (Auf meine To-Do-Liste gesetzt.)

Für Insider: Immerhin scheint mir die Leninsche Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus widerlegt. In der damaligen Zeit waren internationale Konzerne, die auf Nationalstaaten gar nicht mehr angewiesen sind, kaum vorhanden und auch undenkbar. Lenin hätte mal Google, die Royal Dutch Shell oder Fannie Mae analysieren müssen, dann wäre ihm das selbst klar geworden.

Reaktionäre Schichttorte

ständepyramide

Ist eine Gesellschaft “natürlich”? Natürlich nicht und niemals. Ein zentrales Anliegen der jeweils herrschenden Klassen und ihrer medialen Helfershelfer ist es jedoch, genau das Gegenteil zu behaupten und das Volk in diesem Sinn zu indoktrinieren. Das war schon seit dem Neolithikum so.

Dazu gehört, dass man bestimmte Begriffe im öffentlichen Diskurs tabuisiert oder – im Sinne der freiwilligen politischen Selbstkontrolle (TM) – nur solche benutzt, die die Realität verschleiern oder diese nach Gusto der Herrschenden verfälschen. (Wie das geht, wird hier unter dem Tag “Lautsprecher des Kapitals” exemplarisch aufgeführt. Wer zusammenzuckt: Da das hier mein Blog ist, darf ich auch mit dem Holzhammer argumentieren.)

Ein Beispiel, das niemand abstreiten wird: Im Feudalismus (in der bürgerlichen Geschichtswissenschaft meistens als “Lehnswesen” tituliert) galt die so genannte “Ständepyramide” (vgl. oben) als “natürlich”. Gott hatte es so gewollt, dass es Könige und Feudalherrn gab, und es war “natürlich”, dass die Bauern diese unterhielten. Wer das in Frage stellte, den ließen die Herrschenden umbringen.

Im 14. Jahrhundert sagte die Priester Johann Ball: “Als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann?” Natürlich wurde er hingerichtet.

Marx hat das ideologische Prinzip des Feudalismus in einigen genialen Sätzen so formuliert:
Da die Geburt dem Menschen nur das individuelle Dasein gibt und ihn zunächst nur als natürliches Individuum setzt, die staatlichen Bestimmungen wie die gesetzgebende Gewalt etc. aber soziale Produkte, Geburten der Sozietät und nicht Zeugungen des natürlichen Individuums sind, so ist eben die unmittelbare Identität, das unvermittelte Zusammenfallen zwischen der Geburt des Individuums und dem Individuum als Individuation einer bestimmten sozialen Stellung, Funktion etc. das Frappante, das Wunder. Die Natur macht in diesem System unmittelbar Könige, sie macht unmittelbar Pairs etc., wie sie Augen und Nasen macht. (Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW Bd. 1 S. 310)

Man könnte das leicht auf die Gegenwart übertragen: Kapitalisten (affirmativ: “Unternehmer”) und Arbeiter und der Markt sind “natürlich”, von der Evolution (die heute oft “Gott” ersetzt) so gewollt. Die Natur macht in diesem System unmittelbar die Märkte, Unternehmer und Arbeitnehmer, sie macht den Markt etc. unmittelbar, wie sie Augen und Nasen macht. Eigentlich gehört die “Marktwirtschaft” in den Biologie-Unterricht. Wer das System in Frage gestellt, wird (medial) geächtet.

ständepyramide

Der Kampf um die Begriffe und was sie bedeuten und wer sie wie benutzen darf, ist noch viel subtiler. Von den christlichen Missionaren wissen wir, dass ihr ersten Ziel, die jeweilige Gesellschaft zu zerstören und ihre Version der Religion aufzupfropfen, immer war, den “Opfern “zu verbieten, diejenigen Wörter zu benutzen, die deren oft kompliziertes System der Verwandtschaft beschrieb. Die Miskito in Nicaragua zum Beispiel konnten nur mit diesen Wörtern ihre Gesellschaft beschreiben – also erklären. Die Missionare der Moravier (die sitzen auch hier in Rixdorf und tun ganz unschuldig) zwangen die Miskito, in Nicaragua nur noch “Bruder” und “Schwester” im christlichen Sinn zu sagen – zu allen. Die Gesellschaft der Miskito brach schon nach wenigen Jahrzehnten in sich zusammen. (Übrigens einer der Gründe dafür, warum die Miskito gegen die Sandinistas waren – die Revolutionäre waren katholisch oder taten so. Ich war Augenzeuge und meine damalige Reisebegleiterin war Ethnologin.)

Das wäre so, als wenn man einem “Volkswirtschaftler” verböte, das Wort “Markt” auszusprechen – er wüsste vermutlich gar nicht mehr, was er sagen sollte.

Im Zuge der allgegenwärtigen Reaktion werden auch in den Universitäten nur noch Begriffe gelehrt und erwähnt, die den Kapitalismus als Ende der Geschichte suggerieren. Das gilt für alle geisteswissenschaftlichen Fächer. Man sagt auch nicht mehr “Feudalismus”, sondern ganz unpolitisch “Mittelalter” oder eben “Lehnswesen”. “Kapitalismus” taucht auch in den Medien nicht als Begriff so auf, dass eine Alternative denkbar wäre.

Es erstaunt mich, wie schnell das geht und wie alle mitmachen, ohne dass es jemand befiehlt. Ein besonders schönes Beispiel ist die “Schicht” – ein Begriff, der das Oben und das Unten in einer Gesellschaft beschreiben will, als sei das “natürlich”. Mit “Schicht” kann man auch die feudale Ständepyramide darstellen – der Begriff sagt eigentlich gar nichts aus und ist entpolitisiert.

Der von Marxisten benutzte Terminus “Klasse” will hingegen beschreiben, wie die Menschen zu den Produktionsmitteln stehen – vereinfacht: Haben sie welche oder nicht? Die traditionelle “Kleinbourgeoisie” sind zum Beispiel Handwerker, die ihre eigene Mittel, um zu produzieren, besitzen, aber keine Arbeiter im großen Maßstab beschäftigen. Dazwischen gibt es unzählige Schattierungen. Es geht um Macht, um die Stücke des Kuchens und des Reichtums, wer wieviel bekommt und nicht und warum. Wer “Klasse” im Marxschen Sinn sagt, weiß, dass es auch anders ginge. Deswegen gibt es im Grundgesetz versehentlich “Vergesellschaftung” und “Gemeineigentum” – werden einem “Volkswirtschaftler” diese Wörter vorgeworfen, wird der zusammenzucken wie ein Vampir vor einer Knoblauchzehe.

Man könnte das Thema ja wissenschaftlich und gelassen sehen und einfach fragen, welcher Begriff – “Schicht” oder “Klasse” die Realität am besten beschreibt. Aber so funktioniert es nicht. “Klasse” ist “verboten”, niemand, keine Zeitung und kein anderes Mainstream-Medium in Deutschland, wird das Wort ernsthaft benutzen – wegen Schwefelgeruchs.

Es ist wie im “Mittelalter”. Die Welt, wie wir sie kennen, ist eben “natürlich”.

Aber so viel wollte ich gar nicht schreiben, sonst kommen mir die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser wieder mit tldnr… Ich will nur anregen, selbst weiter zu denken.

Die Tendenz ist bekannt

Spiegel online: “Die Tendenz ist bekannt, das Ausmaß erschreckend: Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer schneller auseinander. Vom kommenden Jahr an wird das reichste Prozent der Weltbevölkerung mehr als die Hälfte des weltweiten Wohlstands besitzen. ‘Die Kluft zwischen den Reichsten und dem Rest wird schnell tiefer’, teilte die britische Organisation Oxfam am Montag mit.”

Seit wann ist diese Tendenz bekannt? Ich weiß es: seit 1848. Trotzdem macht die freie Marktwirtschaft(TM) natürlich alle Menschen reich und glücklich. Wer würde das bestreiten?

Liberal bereichert

Die Süddeutsche über den Dienstleistungsvertrag Tisa:

In den vergangenen Jahren wurden überall auf dem Erdball klassische staatliche Aufgaben wie Bildung, Gesundheit oder Wasserversorgung privatisiert, wobei es öfter Proteste gab – etwa weil die Leistungen teurer, aber nicht besser wurden. Nun soll es bei Tisa Vorschriften geben, die eine Wiederverstaatlichung privatisierter Betriebe verbietet, behaupten Kritiker. Dafür gibt es bisher keinen Beleg, allerdings sickert durch, dass eine Sperrklausel entstehen könnte: Hat ein Land zugestimmt, in einem Bereich wie Gesundheit Konkurrenz zuzulassen, sollen private Anbieter für immer auf dem Markt bleiben dürfen. Das dürfte Kritiker erregen, die Liberalisierungen als Bereicherungen von Konzernen sehen.

Man sagt es klar und angenehm, was erstens, zweitens, drittens im Kapitalismus käm.

Wenn man den Nominalstil ins Deutsche übersetzt – “Liberalisierungen als Bereicherungen” -, wird auch ganz klar, worauf es hinausläuft: liberal bereichert. Oder, wie die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft der Volkswirtschaftler sagen: “Die Märkte” werden es schon richten.

Nachhaltiger Wohlstand

Der Wanderpokal “Lautsprecher des Kapitals” geht heute an Henrik Müller, Professor für “wirtschaftspolitischen Journalismus” an der Technischen Universität Dortmund, für die Sätze:
Unabhängige Medien gehören zur Infrastruktur der Demokratie und der Marktwirtschaft. (…) die Freiheit des Wortes und des Bildes – und ohne die gibt es auch weder ökonomische Freiheit noch nachhaltigen Wohlstand.

Wie moralisch verkommen und verdummt muss man sein, die Terroranschläge in Frankreich zu missbrauchen, nur um Propaganda für den Kapitalismus und die so genannte “Marktwirtschaft” zu machen? “Der Markt” garantiert also “nachhaltigen Wohlstand”? Geht’s noch? Man muss sich doch nur umsehen, um das Gegenteil beweisen zu können.

Der Kapitalismus macht alle reich und glücklich. Aha. Und so jemand lehrt “wirtschaftspolitischen Journalismus”. Kein Wunder, dass die Situation des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland katastrophal ist.

Merke: “Das Bundesverfassungsgericht hat bereits mit der Investitionshilfe-Entscheidung vom 20. Juli 1954 festgelegt, dass das Grundgesetz weder die wirtschaftspolitische Neutralität der Regierungs- und Gesetzgebungsgewalt noch eine nur mit marktkonformen Mitteln zu steuernde ‘soziale Marktwirtschaft’ garantiert. Der Verfassungsgeber habe sich nicht ausdrücklich für ein bestimmtes Wirtschaftssystem entschieden. Daher spricht das Bundesverfassungsgericht von der ‘wirtschaftspolitischen Neutralität’ des Grundgesetzes.”

Täglich denke ich an Kuba

Dr. Seltsam in der Jungen Welt (via Ossiblock): “Täglich denke ich an Kuba, wo die Häuser dem Staat gehören und man ein Haus nach 40 Jahren als Mieter übereignet bekommt, weil man genug Interesse an der Erhaltung gezeigt hat.”

Wachstum(TM) und die Genies der bürgerlichen Dummheit

Der Glaube an ein ewig fortdauerndes Wirtschaftswachstum gehört zu den wichtigsten Dogmen des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses. (Das Schisma von 2013) Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern und Publizisten haben dem Publikum eingetrichtern, dass der Kapitalismus all seine ungeheuren Widersprüche, all das massen haft produzierte Elend durch die beständige Expansion der Wirtschaft überwinden werden.

Aus all dem werde man einfach “herauswachsen”. Das Wirtschaftswachstum bildete die materielle Grudnlage des fernen Glücksversprechens des Kapitalismus: der “das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen (Jeremy Bentham) herbeiführen werde.

Aus: Thomas Konicz: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst – Wie Deutschlands Medien und Ökonomen mit der Tatsache der säkularen Stagnation des spätkapitalistischen Weltsystems umgehen, in : “Aufbruch ins Ungewisse (Telepolis) – Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Heise 2014.

Man sollte sich darüber wundern, dass solche Bücher in Deutschland in Computer-Fachverlagen erscheinen. Aber dann wundert es einen doch nicht mehr – es sagt nur viel über den öffentlichen Diskurs hierzulande aus.

Marx schrieb übrigens über Bentham gewohnt süffisant: “Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.” Mir gefällt auch Marxens Verdikt “breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie”. Man muss sich nur bei den Volkswirtschaftlern in den Medien umsehen, dann weiß man, was er meint.

Löhne runter!

“Das Arbeitsvolumen blieb seit 2000 gleich, wurde durch Leih-und Teilzeitarbeit nur auf mehr Personen verteilt. So haben wir eine Abwärtsspirale der Löhne in Gang gesetzt – mit der Folge, dass immer mehr Löhne subventioniert werden müssen.” Hier handele es sich um eine Marktverzerrung sondergleichen. “Das stinkt nicht nur zum Himmel , sondern konkurriert auch die Arbeitsmärkte unserer Nachbarn in Europa in Grund und Boden.” (Sozialrichter Jürgen Borchert im Tagesspiegel)

Do not forget: It’s as feature, not a bug.

Zugleich konsistent und elegant

Der Spiegel (3/1969):
Die Formel, die der Amerikaner Robert L. Heilbroner unlängst angeboten hat, ist vielleicht etwas zu einfach, aber den Weg, auf dem gesucht werden sollte, scheint sie mir zu bezeichnen: “Marxsche Einsichten müßten mit neoklassischen* Techniken verbunden werden, um eine ökonomische Theorie zu erzeugen, die zugleich konsistent und elegant als Modell wie als Sozialtheorie bedeutsam ist.”

Der Irrtum, wie Heilbroner es nennt, oder besser die Einseitigkeit der Neoklassik besteht darin, “daß sie nicht sieht, daß die soziale Wirklichkeit, die sie als ein System von Gleichungen wiederzugeben sucht, durch funktionale Beziehungen nicht adäquat beschrieben werden kann, sondern zugleich ein System von Privilegien darstellt”. Diese Einseitigkeit könnte durch Aufnahme der Marxschen Sehweise korrigiert werden, während umgekehrt die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie durch die technischen Vorzüge der Neoklassik bereichert werden könnte.

* Nach der sogenannten neoklassischen Schule der Nationalökonomie, die sich im Widerspruch zur Lehre van Marx entwickelte, Ist alles Wirtschaftsgeschehen rein mathematisch-technischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

Der letzte Satz ist natürlich grober Unfug. Aber das waren noch Zeiten, als die Mainstream-Medien so etwas schrieben.

Die herrschenden Dogmen und Mythen, die Legenden und Ammenmärchen, den Aberglauben, die frechen Lügen

Manchmal ärgere ich mich, dass ich von bestimmten Leuten nicht schon eher erfahren habe. Heute bin ich auf einen geradezu brillianten Artikel von Prof. Dr. Michael R. Kräetke (University of Lancaster, Professor and Chair of Political Economy, früher Professor für Politische Ökonomie in Amsterdam) gestoßen: “Marx als Wirtschaftsjournalist” (pdf).

Natürlich wäre jemand wie Kräetke in Deutschland nie Professor geworden. Die Wissenschaft “Politische Ökonomie” gibt es hierzulande gar nicht, sondern nur das quasi-esoterische Fach “Volkswirtschaftslehre”. Um sich ernsthaft mit politischer Ökonomie zu beschäftigen, muss man – wie schon zu Marx’ Zeiten – wieder ins Ausland gehen. In der schweizer WOZ schrieb Kräetke:
In China gibt es heute wieder eine lebendige Marx- und Marxismus-Diskussion, die sich am “westlichen” Marxismus und an der Mega orientiert. Die akademischen MarxistInnen, die nach 1968 in Westeuropa und in den USA auf Lehrstühle kamen, sind heute fast alle pensioniert oder haben resigniert. Nach 1990 war es unfein und der Karriere schädlich, MarxistIn (gewesen) zu sein. Doch für akademische MarxistInnen und solche, die es werden wollen, bietet erst die Mega eine zuverlässige Grundlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Marx und Engels. Marx vor allem hat – wenn auch in unfertiger Form, als Entwurf und Fragment mehr denn als «Werk» – all das zu bieten, wonach diejenigen rufen, die mit dem heutigen Zustand der Sozialwissenschaften zu Recht unzufrieden sind: die Verbindung von Theorie und Geschichte, das Überschreiten der künstlichen und unproduktiven Disziplingrenzen (auch «Interdisziplinarität» genannt), Sinn für Allgemeines wie für Besonderes, rücksichtlose Kritik alles Bestehenden, einen offenen Blick und das nötige analytische Instrumentarium, um eine Welt zu begreifen, die sich in ständiger Veränderung befindet.

Das wäre ja ein Grund, Mandarin zu lernen, aber das war mir denn doch zu schwierig, obwohl ich es versucht habe. Ich habe aber nicht resigniert.

Kräetke schreibt:
Die Marxschen Analysen und Kritiken der offiziellen Haushaltspläne der britischen Regierungen, seine Erläuterungen der diversen Finanzreformpläne und ihrer absehbaren Folgen ernteten wiederholt höchstes Lob und Anerkennung – auch von erklärten Gegnern seiner Ansichten. Die Redaktion der NYT schloss sich diesem Lob wiederholt an. Marx’ Budgetkritiken wurden offensichtlich ernst genommen, zitiert und nachgedruckt. (…)

Im Wirtschaftsteil der Tageszeitungen, in den führenden Wirtschaftsjournalen wie der Financial Times oder dem Economist findet heute kein Kampf um die Hegemonie mehr statt. Der ist seit langem entschieden. Gerade deshalb kann man in diesen Blättern auch gelegentlich kritische Randbemerkungen zum Sinn und Unsinn der herrschenden Wirtschafts- und Finanzpolitik lesen. Solange man unter sich bleibt, das generelle Einverständnis mit der besten aller ökonomischen Welten nicht gestört wird, darf man sich schon erlauben, sich mit den ökonomischen Fakten zu beschäftigen (…)

Stellen wir uns vor, ein “neuer Marx”, nach dem im bürgerlichen Feuilleton mit schöner Regelmäßigkeit gerufen wird, hätte die einflussreiche Stellung des Wirtschaftsredakteurs einer großen, überregionalen Tageszeitung inne, was würde er, was könnte er tun?

Wäre er ein Mann (oder eine Frau) vom Charakter und Temperament des alten Marx, er (oder sie) würde nicht zögern, die herrschenden Dogmen und Mythen anzugreifen, die Legenden und Ammenmärchen, den Aberglauben, die frechen Lügen, die zusammen unseren heutigen Diskurs über die kapitalistische Weltwirtschaft, über die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialpolitik bestimmen, und die leider auch auf der Linken, einschließlich der sozial bewegten, globalisierungs”kritischen” Linken, geglaubt und mit ingrimmigem Tiefsinn nachgeplappert werden. (…)

Lange würde ihm oder ihr das nicht gelingen, aber die moralische Wirkung wäre schon ungeheuer. Zumindest heute, wo der Glaube an die neoliberalen Mantras bisweilen ins Wanken gerät. Nicht bei den so genannten „Eliten“, wohl aber beim gemeinen Volk. Am Ende vielleicht sogar bei den globalisierungsgläubigen Linken.

Die breimäuligen Faselhänse der Vulgärökonomie

marx

Vermutlich würde Marx, wenn er noch lebte, sich vor Vergnügen kringeln, wenn man ihm sagte, dass es jetzt eine eigene Partei Sekte der “Volkswirtschaftler” – auch bekannt als Vulgärökonomen – gibt, die sich “Alternative für Deutschland” nennt, deren höheres Wesen der “freie Markt” ist und deren niederes Wesen der Geldfetisch.

“Volkswirtschaftslehre” ist eben keine Wissenschaft, sondern primitive Apologetik des Kapitalismus. (It’s a feature.) Reaktionäre Stinkstiefel sind sie sowieso.

Die breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie schelten Stil und Darstellung meiner Schrift. Niemand kann die literarischen Mängel des “Kapital” strenger beurteilen als ich selbst. Dennoch will ich, zu Nutz und Freud dieser Herren und ihres Publikums, hier ein englisches und ein russisches Urteil zitieren. Die meinen Ansichten durchaus feindliche “Saturday Review” sagte in ihrer Anzeige der ersten deutschen Ausgabe: Die Darstellung “verleiht auch den trockensten ökonomischen Fragen einen eignen Reiz (charm)”. Die “St.-Petersburger Zeitung” bemerkt in ihrer Nummer vom 20. April 1872 u.a.: “Die Darstellung mit Ausnahme weniger zu spezieller Teile zeichnet sich aus durch Allgemeinverständlichkeit, Klarheit und, trotz der wissenschaftlichen Höhe des Gegenstands, ungewöhnliche Lebendigkeit. In dieser Hinsicht gleicht der Verfasser … auch nicht von fern der Mehrzahl deutscher Gelehrten, die … ihre Bücher in so verfinsterter und trockner Sprache schreiben, daß gewöhnlichen Sterblichen der Kopf davon kracht.” Den Lesern der zeitläufigen deutsch-national-liberalen Professoralliteratur kracht jedoch etwas ganz andres als der Kopf. (Karl Marx: Das Kapital, Vorwort zur 2. Auflage)

Vulgärökonomie

vulgärökonmie

Karl Marx: Das Kapital. Marx erwähnt hier lobend William Petty, den “Vater” der englischen Nationalökonomie.

Wolfgang Münchau in Spiegel online: “Und die Ökonomen sind so hilflos wie noch nie. Schlimmer noch. Jedes Jahr wiederholen sie die alten Fehler. Der Lerneffekt ist gleich null. (…) Die Modelle, welche den Prognosen zugrunde liegen, funktionieren nicht mehr. Aber die Ökonomen wollen das nicht wahrhaben.”

Wo er recht hat, hat er recht. Der Appell, die “Volkswirte” zu feuern, wird wirkungslos verhallen. “Volkswirtschaftslehre” ist eine quasi-religiöse Esoterik, das herrschende kapitalistische System ideologisch zu legitimieren.

Ich schrieb hier am 12.02.2014: “‘Philosophie’ wäre die Frage zu stellen, ob es nachvollziehbare Gesetze der Ökonomie gebe. ‘Metaphysik’ wäre zu behaupten, es gebe keine und ‘der Markt’ sei ein höheres Wesen mit künstlicher Intelligenz. ‘Theologie’ ist Volkswirtschaftslehre. ‘Wissenschaft’ wäre die Methode von Marx und der klassischen bürgerlichen Ökonomie, die immerhin versucht hat, die Gesetze wirtschaftlichen Handelns und deren Voraussetzungen zu verstehen.”

“Volkswirtschaftler” gab es schon zu Marx’ und Ricardos Zeiten. Marx nannte die schlicht “Vulgärökonomen“.

Older entries