Geldschöpfung der Banken als Vermögensrechtsverletzung oder: Der automatische Fetisch der Vulgärökonomen

“Das Geldschöpfungs-Privileg der Banken hat keine Grundlage im geltenden Recht. Eine prinzipien- und verfassungsorientierte Gesetzgebung wird es daher klarstellend aufheben.” (Michael Köhler (emeritierter Professor für Strafrecht): “Humes Dilemma – oder: Was ist Geld? “Geldschöpfung” der Banken als Vermogensrechtsverletzung”, in “Festschrift für Wolfgang Frisch zum 70. Geburtstag”, Verlag Duncker & Humblot, zitiert nach EF Magazin. [Wikipedia: "Politikwissenschaftler sehen in der Zeitschrift weltanschauliche und personelle Überschneidungen mit der Neuen Rechten."])

Man kann Geld zwar drucken, aber nicht “schöpfen”. Ich höre schon wieder die Gesellianer trapsen.

Das Kapital erscheint als mysteriöse und selbstschöpferische Quelle des Zinses, seiner eignen Vermehrung. Das Ding (Geld, Ware, Wert) ist nun als bloßes Ding schon Kapital, und das Kapital erscheint als bloßes Ding; das Resultat des gesamten Reproduktionsprozesses erscheint als eine, einem Ding von selbst zukommende Eigenschaft; es hängt ab von dem Besitzer des Geldes, d.h. der Ware in ihrer stets austauschbaren Form, ob er es als Geld verausgaben oder als Kapital vermieten will. Im zinstragenden Kapital ist daher dieser automatische Fetisch rein herausgearbeitet, der sich selbst verwertende Wert, Geld heckendes Geld, und trägt es in dieser Form keine Narben seiner Entstehung mehr. Das gesellschaftliche Verhältnis ist vollendet als Verhältnis eines Dings, des Geldes, zu sich selbst. Statt der wirklichen Verwandlung von Geld in Kapital zeigt sich hier nur ihre inhaltlose Form. Wie bei der Arbeitskraft wird der Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größren Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches ist bereits potentiell sich verwertender Wert und wird als solcher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigentümliche Ware ist.

Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu tragen.

Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldverleiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungierende Kapital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins nicht als fungierendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als Geldkapital abwirft.

Es verdreht sich auch dies: Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsprozeß hinzukommendes Accessorium und Zutat. Hier ist die Fetischgestalt des Kapitals und die Vorstellung vom Kapitalfetisch fertig. (…)

Für die Vulgärökonomie, die das Kapital als selbständige Quelle des Werts, der Wertschöpfung, darstellen will, ist natürlich diese Form ein gefundnes Fressen, eine Form, worin die Quelle des Profits nicht mehr erkenntlich und worin das Resultat des kapitalistischen Produktionsprozesses- getrennt vom Prozeß selbst – ein selbständiges Dasein erhält. (Karl Marx: Das Kapital, Bd. 35, MEW 25)

Hog Rectum und Substandard Food im Kapitalismus

nahrungsmittelproduktion

Wann ich zum letzten Mal Tintenfischringe gegessen habe, weiß ich nicht mehr. Sie waren wohl nicht überragend im Geschmack, sonst hätte ich wohl öfter danach verlangt. Vielleicht lag es ja daran, dass die Calamari in Wahrheit “hog rectum” waren, also in Scheiben geschnittene Schweinedärme. Die schmecken vermutlich ähnlich, sonst würden die Tintentischringe nicht gefälscht und eben durch diese Produkte des Schweins ersetzt.

Skandal, Skandal? Muss man jetzt mahnen und warnen: Was du isst, ist nicht, was du meinst zu essen? Die Mafia ist eh schon da, und Interpol ermittelt gegen “fake and substandard food”.

Spiegel online “erklärt” uns, warum es das gibt: “Ein Grund für die Zunahme der Betrugsfälle ist dem Bericht zufolge die aktuelle Wirtschaftskrise.” Ach?! Welche Krise? Die so genannte “Finanzkrise”? Der Zusammenbruch des US-amerikanischen Immobilienmarkts, die Spekulationen des Finanzkapitals mit real gar nicht existierenden Werten oder der Würgegriff der europäischen Großbanken und Angela Merkel ihrer Helfershelfer um Südwest- und Südosteuropa führen jetzt auch dazu, dass Tintenfischringe gefälscht werden?

Die deutschen Medien und die Ökonomie und wie man sie dem Volk erkläre – das ist ein einziges großes und jämmerliches Trauerspiel. Dazu müssen wir jetzt ein wenig ausholen, was mir verziehen werden möge…

Eine der dümmlichsten Sprechblasen, die man von Journalisten hört, die meinen, sie könnten über ökonomische Fragen schreiben, weil sie wissen, wie man “Volkswirtschaft” buchstabiert, ist (spätestens hier haben sich die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) schon ausgeklinkt, weil derartige Schachtelsätze sie intellektuell überfordern) die durch keinerlei Empirie belegte kühne These – in Wahrheit ein quasi-theologischer und suggestiver Satz -, falls die Löhne stiegen, schade das “der Wirtschaft”. Oder, wie das niederländische Het Financieele Dagblad es formuliert: Höhere Löhne schwächten die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Firmen. Das Finanz-Tageblatt ist natürlich ein Lobbyisten- Sprachrohr (“die Zeitung der niederländischen Geschäftsleute und Unternehmer”), vergleichbar mit der “Apotheken-Umschau” und hat mit unabhängigem Journalismus genau so wenig zu tun wie etwa das deutsche “Handelsblatt”.

Wie selbst der dümmste “Volkswirt” weiß, machen Unternehmen manchmal auch Gewinne. Man kann darüber mit den wissenschaftlichen Begriffen der politischen Ökonomie diskutieren, und “Gewinn” und “Profit” streng unterscheiden und sich über eine Theorie des Werts streiten, ohne die ernst zu nehmende Wirtschaftswissenschaft nicht auskommt (wohl aber die so genannte “Volks”wirtschaftslehre, die den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, also die Welt objektiv und nicht interessegeleitet zu erkennen, ehrlicherweise aber auch gar nicht erhebt). Man kann also einfach fragen: Falls die Löhne steigen, sinkt der Gewinn. So weit d’accord?

Nein, sind wir nicht, weil der Profit von vielen anderen Faktoren abhängt. Aber wir tun mal so, als ob diese einfache Sicht der Dinge wahr wäre. Was ist also so schlimm daran, wenn die Profite der Kapitalisten sänken? Müssen sich alle Bürgerinnen und Bürger in Säcke hüllen, Asche auf ihre Häupter streuen und zum heiligen Ludwig Erhard wehklagen und ihn um Erlösung “der Märkte” bitten? Um das beurteilen zu können, müsste man ja wissen, wie hoch die Gewinne sind. Sind wir uns wenigstens hier einig?

Wie kann man also als ein Journalist, der sich selbst ernst nimmt, den Automatismus annehmen, dass steigende Löhne “die Wirtschaft” irgendwie “schwächten”? Kann man nicht, aber machen sie alle, da viele Journalisten sich als Lautsprecher des Kapitals verstehen oder sich auf einen nicht ausgesprochenen common sense berufen, bestimmte Dinge, die die herrschende Klasse aufregen würde, gar nicht erst anzusprechen. Oder kennt eine(r) der wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser einen deutschen Journalisten in Lohn und Brot, der die “Systemfrage” stellt, also den Kapitalismus nicht als das teleologische Ziel und Ende der Menschheitsgeschichte ansieht – und das auch schreiben darf? Ich nicht. Nach dem Zusammenbruch des ersten – und schon von Beginn an vermutlich untauglichen – Versuchs, auf deutschem Boden eine Alternative zum Kapitalismus aufzubauen, ist jeder Gedanke und sind sogar die Worte, die eine linke Utopie beschreiben könnten, vorerst verschwunden oder werden, wie hierzulande üblich, ins Phantomreich der Religion und der Moral verwiesen (“faire” Preise, “gerechte” Löhne).

Wir waren aber bei den Tintenfischringen und Schweinedärmen. Den Nachgeborenen muss man vielleicht erklären, wie sich die römische Latifundienwirtschaft, das Feudalsystem (um das “Mittelalter” ökonomisch zu beschreiben) und der voll entwickelte Kapitalismus in Bezug auf die Produktion von Lebensmitteln unterscheiden. Im alten Rom wurden bestimmte Lebensmittel mit Hilfe von Sklavenarbeit hergestellt, weil das am günstigten war. Diese Produkte – wie etwa Olivenöl – gelangten auf die Märkte in den Städten. Getreide gehörte übrigens nicht dazu. Das alte Rom bestand mehrheitlich aber immer noch aus (Klein-)Bauern, wie etwa auch das vorrevolutionäre China Anfang des 19. Jahrhunderts. Lebensmittel, vor allem Luxus- oder arbeitsintensive Güter, wurden also innerhalb des riesigen römischen Weltreiches hin- und hertransportiert, es gab aber keinen entwickelten Markt.

Das gilt auch für die Feudalzeil: Die Leibeigenschaft der Bauern ermöglichte es den Grundbesitzern, denen deren Produkte abzupressen, so dass sogar die Städte noch etwas abbekamen, obwohl die zum großen Teil sich selbst versorgen konnten. Es wäre also kaum jemand auf die Idee gekommen, zum Beispiel massenhaft Fisch von der Nordsee nach Bayern zu transportieren.

Ich habe ein kleines Schaubild gemacht, um zu zeigen, wie das heute funktioniert: Da auch der Handel mit Lebensmittel zur Gänze in den kapitalistischen Markt eingebunden ist und somit auch die Produktion, werden bestimmte Dinge nicht dort produziert, wo sie gebraucht werden, sondern dort, wo am meisten Profit damit zu machen ist. Es erstaunt doch sehr, dass Kapitalisten, die Hühner, Zucker oder Sonnenblumenöl herstellen lassen, immer noch Gewinne machen, obwohl man spontan vermutet, dass die Kosten für den Transport rund um den Globus und auch für die Lagerung der verderblichen Ware immens sein müssten?! Warum essen wir hier Knoblauch aus China oder Hühner aus den USA oder Blumenkohl aus Mexiko? Das wächst doch hier in der Gegend auch, und Hühner leben auch in Deutschland?

Natürlich gibt es keine “Volkswirtschaft”, wenn man diesen suggestiven Begriff überhaupt in den Mund nehmen will – mit “Völkern” oder “Völkischem” hat Ökonomie nichts zu tun. Der Kapitalismus unterjocht eben die ganze Welt, das ist seine fortschrittliche Dynamik, das Revolutionäre – selbst die kleinste hinterwäldlerische Hütte wird in seinen Bann gezogen. Nur in abgeschiedenen Regionen können sich noch andere ökonomische Formen halten, etwa die bäuerlichen Genossenschaften in den Anden, das Kastensystem Indiens, Subsistenzwirtschaften oder Nomaden in Afrika.

Im Kommunistischen Manifest (1848) heisst es pathetisch im Originaltext:
Man hat uns Kommunisten vorgeworfen, wir wollten das persönlich erworbene, selbsterarbeitete Eigenthum abschaffen; das Eigenthum, welches die Grundlage aller persönlichen Freiheit, Thätigkeit und Selbständigkeit bilde.
Erarbeitetes, erworbenes, selbstverdientes Eigenthum! Sprecht Ihr von dem kleinbürgerlichen, kleinbäuerlichen Eigenthum, welches dem bürgerlichen Eigenthum vorherging? Wir brauchen es nicht abzuschaffen, die Entwickelung der Industrie hat es abgeschafft und schafft es täglich ab.
Oder sprecht Ihr vom modernen bürgerlichen Privateigenthum?
Schafft aber die Lohnarbeit, die Arbeit des Proletariers ihm Eigenthum? Keineswegs. Sie schafft das Kapital, d. h. das Eigenthum, welches die Lohnarbeit ausbeutet, welches sich nur unter der Bedingung vermehren kann, daß es neue Lohnarbeit erzeugt, um sie von Neuem auszubeuten. Das Eigenthum in seiner heutigen Gestalt bewegt sich in dem Gegensatz von Kapital und Lohnarbeit. Betrachten wir die beiden Seiten dieses Gegensatzes. Kapitalist sein heißt nicht nur eine reinpersönliche, sondern eine gesellschaftliche Stellung in der Produktion einnehmen.
Das Kapital ist ein gemeinschaftliches Produkt und kann nur durch eine gemeinsame Thätigkeit vieler Mitglieder, ja in letzter Instanz nur durch die gemeinsame Thätigkeit aller Mitglieder der Gesellschaft in Bewegung gesetzt werden.
Das Kapital ist also keine persönliche, es ist eine gesellschaftliche Macht.

Diese Macht umspannt jetzt die ganze Welt, zur Zeit der Urväter der politischen Ökonomie war das noch nicht einmal in Ansätzen abzusehen. Wenn man aber alles über den weltweiten Markt (WWM) regelt, dann muss man auch alle Konsequenzen in Kauf nehmen:
Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. (“Das Kapital, “Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation”)

Was war also mit den Calamari? Die werden gefälscht, weil Kapitalisten anderen Kapitalisten “totschlagen”, bei Strafe des eigenen Untergangs, wenn sie es nicht tun. Kapitalisten, in Volkswirtschaftssprech “Unternehmer”, sind Charaktermasken. Sie tun, was sie tun müssen. Wer andere nicht unterbietet, verliert. Man kämpft mit allen Mittel, Moral gibt es nicht. Es geht nicht anders, niemand kann sich dem entziehen.
Die nationalen Absonderungen und Gegensätze der Völker verschwinden mehr und mehr schon mit der Entwicklung der Bourgeoisie, mit der Handelsfreiheit, dem Weltmarkt, der Gleichförmigkeit der industriellen Produktion und der ihr entsprechenden Lebensverhältnisse. (Kommunistisches Manifest)

Das ist nur der Anfang. Der große Marxsche Irrtum war, dass er glaubte, die Revolte stellte sich zwangsläufig ein und man müsse dem notfalls mit Gewalt nachhelfen. “Das Proletariat eines jeden Landes muß natürlich zuerst mit seiner eigenen Bourgeoisie fertig werden”? Ganz falsch. Nationen spielen gar keine wichtige Rolle mehr.

Nun fragt man sich: Wie soll das alles enden? Das lasse ich die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser selbst entscheiden… Wenn ich meine kosmologischen Erwägungen dazu formulierte, würde dieses Posting viel zu lang, was den hiesigen Gebräuchen krass widerspräche.

Freier Markt! Wohlstand für alle!

Europa sei mit der schlimmsten humanitären Krise seit sechs Jahrzehnten konfrontiert, sagt die Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Halbmondgesellschaften (IFRC). 43 Millionen Menschen in Europa haben nicht die Möglichkeit, sich aus eigenen Mitteln mit Essen zu versorgen.

Der Kapitalismus wird es schon richten. Die freie soziale Marktwirtschaft ist ja auch sowas von sozial…

Begründer-des-wissenschaftlichen-Sozialismus-Strasse

karl-marx-strasse

Schön, dass die Straßenschilder in Berlin-Neukölln Rixdorf so klar formulieren…

Verschwundenes Geld oder: Der irre Selbstzweck der frei(en) (Markt)wirtschaft

Schwundgeld“Spätestens seit dem Ausbruch der Finanzkrise dürfte jedem klar geworden sein, daß die Kapitalakkumulation an die Warenproduktion gekoppelt ist und nicht allein über die Finanzmärkte dauerhaft aufrecht erhalten werden kann. Das Kapital ist aufgrund der Notwendigkeit permanenter Verwertung das logische Gegenteil einer ressourcenschonenden Wirtschaftsweise, die notwendig wäre, um das Überleben der menschlichen Zivilisation zu sichern. Um immer wieder aus Geld mehr Geld zu machen, müssen Arbeit, Rohstoffe und Energie in permanent wachsendem Ausmaß verheizt, müssen alle Waren möglichst schnell obsolet, müssen im kulturindustriellen Dauerbombardement immer neue Bedürfnisse kreiert werden. Das Kapital ist gewissenmaßen das Parademodell effizientester Ressourcenverschwendung, das auf die permanente Optimierung seines irren Selbstzwecks (höcchstmögliche Verwertung) ausgerichtet ist.”
(Tomasz Konicz: “Noch fünf Jahre. wie der Kapitalismus der Menschheit die Lebensgrundlagen entzieht”, Konkret Nr. 6/2012, gelesen in: Peter Bierl, Friedrich Burschel (Hg.): Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts: Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012, Konkret Texte 57.)

Ich lese das Buch gerade.

Ein Zehntel Ferkel, in Muscheln ausgedrückt

Was bisher in unserem kleinen “Kapital-Kurs” geschah: Wir hatten die Ware analysiert und ihre Elemente “Gebrauchswert” und “Tauschwert” (“Nackte Frauen, Schweine und die Ware an sich”, 27.12.2012),

In einem weiteren Artikel (“Moneta, Aes Signatum und die Ware an sich”, 29.12.2012) ging es um den “Warenfetisch” – das erkenntnistheoretische Problem, dass die abstrakte Warenform “den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt”.

Anschließend diskutierten wir den Begriff “Arbeit” (“Von grôzer arebeit und ihrer fantastischen Gestalt”, 02.01.2013.

Jetzt versuchen wir, die Kategorie “Geld” oder dessen Embryonalformen näher zu untersuchen.

Geld

Es gibt nur einen Ökonomen, der es verdient, diesen Titel zu tragen. Karl Marx.” (Börsenlegende Seth Glickenhaus laut sueddeutsche.de)

1. Einfache, einzelne oder zufällige Wertform

Gäbe es nur zwei Menschen auf der Welt, etwa die Neandertaler Alice und Bob, brauchte man kein Geld, selbst wenn diese unterschiedliche Dinge produzierten, von denen sie einige tauschen wollten. Wenn Alice ein lebendes Ferkel gegen zehn lebende Hühner Bobs konvertiert, muss sie nicht annehmen, dass sie immer so viel für ihr kleines Schwein bekommt. Falls Bob das Federvieh wegstürbe oder ein Fuchs die Hälfte klaute und auffräße, würde er beim nächsten Mal die abstrakte Einheit anders definieren. Alice und Bob setzen im Kopf temporär etwas gleich: Ein Huhn sei ein Zehntel Ferkel (obwohl ein zehntel Jungschwein gar nicht laufen könnte und schon tot wäre).

Noch wissenschaftlicher abstrakter: Der Wert ihres Schweins (“relative Wertform” bei Marx) drückt sich für sie in einer bestimmten Anzahl Hühner (“Äquivalentform”) aus, während für Bob dessen Hühner als Teilmengen des noch quietschfidelen Schweinchens erscheinen. Für Alice sind Bobs Hühner nur der Wertausdruck ihres Ferkels – und für Bob umgekehrt: Für ihn ist das Schwein die Äquivalentform seiner zehn Hühner. Bob hat etwas verglichen, was nicht vergleichbar ist (Hühner und Schweine), setzt aber dennoch zehn Hühner einem Schwein äquivalent.

Von “Preis” kann hier noch nicht die Rede sein. “Das Wertverhältnis zweier Waren liefert daher den einfachsten Wertausdruck für eine Ware.” (Das Kapital, Bd.1, S. 62)

Komplizierter wird es, wenn wir nicht Tiere nehmen, die sich von selbst vermehren, wenn man sie füttert und einigermaßen gut behandelt, sondern Güter, die selbst schon produziert wurde. Alice besäße Pfeil und Bogen und möchte diese gern gegen zwei Dutzend Feuersteine eintauschen. Indem Alice und Bob im Kopf vergleichen, um herauszufinden, was wieviel wert ist, schaffen sie etwas Abstraktes: Sie beziehen sich beide – nur temporär! – auf die menschliche Arbeit, die sowohl in Pfeil und Bogen als auch in den Feuersteinen steckt. Anders geht es gar nicht.

Äquivalentform

Marx drückt das im “Kapital” recht verschwurbelt aus und braucht dazu rund 20 Buchseiten. Worauf es ihm ankommt:
Wirkliche Wechsel der Wertgröße spiegeln sich also weder unzweideutig noch erschöpfend wider in ihrem relativen Ausdruck oder in der Größe des relativen Werts. Der relative Wert einer Ware kann wechseln, obgleich ihr Wert konstant bleibt. Ihr relativer Wert kann konstant bleiben, obgleich ihr Wert wechselt, und endlich brauchen gleichzeitige Wechsel in ihrer Wertgröße und im relativen Ausdruck dieser Wertgröße sich keineswegs zu decken.

Noch ein Detail aus der Sicht Alices über Bobs zwei Dutzend Feuersteine: Für sie sind die Feuersteine Bobs die “Äquivalentform” ihrer Pfeile und des Bogens, die konkrete Arbeit Bobs, die in den Feuersteinen steckt, die er hergestellt hat, erscheint als deren Gegenteil – als abstrakt menschliche Arbeit, die man als Idee braucht, um überhaupt etwas gleichzusetzen (deshalb “Äquivalentform”).

Übrigens: Wenn die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) jetzt herumjammern, das sei doch kompliziert und man müsse Marx nicht lesen, weil das anstrengend sei und Volkswirtschaftlern dürfe man geistige Arbeit nicht zumuten: Das alles oben hat Marx nicht erfunden, sondern steht fast genauso schon bei Aristoteles. Aber den kennen “Volkswirtschaftler” vermutlich gar nicht: Philosophie und so ist ihnen ein Gräuel.

Marx beruft sich auf Aristoteles auch deshalb ausführlich, weil er ein weiteres erkenntnis- und wissenschaftstheoretisches Problem abhandelt, was ich hier schon angesprochen hatte (“Ciompi und andere”, 24.12.2012): Was konnte Aristoteles warum nicht analysieren bzw. erkennen?

Daß aber in der Form der Warenwerte alle Arbeiten als gleiche menschliche Arbeit und daher als gleichgeltend ausgedrückt sind, konnte Aristoteles nicht aus der Wertform selbst herauslesen, weil die griechische Gesellschaft auf der Sklavenarbeit beruhte, daher die Ungleichheit der Menschen und ihrer Arbeitskräfte zur Naturbasis hatte. Das Geheimnis des Wertausdrucks, die Gleichheit und gleiche Gültigkeit aller Arbeiten, weil und insofern sie menschliche Arbeit überhaupt sind, kann nur entziffert werden, sobald der Begriff der menschlichen Gleichheit bereits die Festigkeit eines Volksvorurteils besitzt. Das ist aber erst möglich in einer Gesellschaft, worin die Warenform die allgemeine Form des Arbeitsprodukts, also auch das Verhältnis der Menschen zueinander als Warenbesitzer das herrschende gesellschaftliche Verhältnis ist. Das Genie des Aristoteles glänzt grade darin, daß er im Wertausdruck der Waren ein Gleichheitsverhältnis entdeckt. Nur die historische Schranke der Gesellschaft, worin er lebte, verhindert ihn herauszufinden, worin denn “in Wahrheit” dies Gleichheitsverhältnis besteht.

Geld

2. Die entfaltete und die allgemeine Wertform

Nehmen wir an, unsere Neandertaler Alice und Bob kämen überein, nicht nur Schweine, Hühner, Pfeil eund Bogen sowie Feuersteine zu tauschen, sondern noch viel mehr Produkte, weil sie mittlerweile Sex hatten und schon zahllose Nachkommen gezeugt haben, die schon erwachsen sind und ebenfalls an unserem Mini-Markt ohne Geld teilnehmen wollen.

Gesetzt, ein Schweinchen sei zehn Hühner wert. Zehn Hühner könnte man gegen ein Dutzend Feuersteine tauschen. Für ein Dutzend Feuersteine bekäme man aber auch ein Paar Moschusochsenfell-Mokassins. Wenn alle diese Dinge temporär gleich viel wert sind, ist also dieser “Warenwert gleichgültg (..) gegen die besondere Form des Gebrauchswerts, worin er erscheint. (…) Das zufällige Verhältnis zweier individueller Warenbesitzer fällt fort. Es wird offenbar, daß nicht der Austausch die Wertgröße der Ware, sondern umgekehrt die Wertgröße der Ware ihre Austauschverhältnisse reguliert.” (Das Kapital, S. 78)

Man könnte also auf die Idee kommen, Alices kleines (ein anderes als oben) Schwein nicht nur gegen Hühner oder Feuersteine, sondern auch direkt gegen ein Paar Moschusochsenfell-Mokassins einzuhandeln. Es gilt die mathematische Formel: x Ware A = y Ware B = z Ware C usw.

Irgendwann wird irgendeinem Gut, das auf dem Markt erscheint und gehandelt wird, der Charakter des allgemeinen Äquivalents aufgedrückt – sehr schön zu sehen beim altrömischen Aes signatum.

Halt, stopp: wohlwollende Leserinnen und geneigte Leser, die noch übrig sind und sich gerade den Schweiß von der Stirn wischen: Natürlich denken wir alle zu Recht, dass jetzt – endlich! – das Geld dran wäre. Marx aber macht vor dem Kapitel “Übergang aus der allgemeinen Wertform zur Geldform” (Das Kapital, S. 83ff) noch eine kleine Pause und schreibt die etwas rätselhaften Sätze (ich ersetze “Leinwand” durch “Schweine”):

Umgekehrt ist die Ware, die als allgemeines Äquivalent figuriert, von der einheitlichen und daher allgemeinen relativen Wertform der Warenwelt ausgeschlossen. Sollte Alices Schweinchen, d.h. irgendeine in allgemeiner Äquivalentform befindliche Ware, auch zugleich an der allgemeinen relativen Wertform teilnehmen, so müßte sie sich selbst zum Äquivalent dienen. Wir erhielten dann: ein Ferkel = ein Ferkel, eine Tautologie, worin weder Wert noch Wertgröße ausgedrückt ist. Um den relativen Wert des allgemeinen Äquivalents auszudrücken, müssen wir vielmehr die Form III umkehren. Es besitzt keine mit den andren Waren gemeinschaftliche relative Wertform, sondern sein Wert drückt sich relativ aus in der endlosen Reihe aller andren Warenkörper. So erscheint jetzt die entfaltete relative Wertform oder Form II als die spezifische relative Wertform der Äquivalentware.

Alles klar? Puls und Atmung auch? Marx will hier noch mal klären, dass der Wert dessen, was als allgemeines Äquivalent (“Geld”) dient – aes signatum, Muscheln, Goldmünzen, irrelevant ist für seine Funktion: Ob der Metallwert einer Münze schwankt, ist unerheblich für deren Funktion als Geld(stück) oder wieviel man dafür kaufen kann.

Eine Ware erhielt im Lauf der Zeit das “Monopol”, “innerhalb der Warenwelt die Rolle des allgemeinen Äquivalents zu spielen. Diesen bevorzugten Platz hat (…) eine bestimmte Ware historisch erobert, das Gold.”

Nachdem Marx im “Kapital” (S. 83) das Geld eingeführt hat, folgt zunächst das berühmte Kapitel über den “Fetischcharakter der Ware”, das ich hier schon mehrfach verhackstückt hatte. Erst ab S. 142 beschäftigt Marx sich dann noch einmal ausführlich mit den Facetten des Geldes. Dazu mehr beim nächsten “Kapital-Kurs” in diesem Theater.

Fotos oben und unten: Burks

Fakten zum variablen Kapital

variables Kapital

Naked capitalism zitiert Wolf Richter: “The Stunning Differences In European Costs Of Labor – Or Why “Competitiveness” Is A Beggar-Thy-Neighbor Strategy”:

“Alas, the rejuvenated ‘sick man of Europe,’ Germany, isn’t surviving just by cutting its cost of labor. At €31 per hour, it was 32% higher than the EU average, though 11% lower than in France. In manufacturing, it was even more striking: Germany’s cost of labor of €35.20 per hour was 47% higher than the EU average, but still 3% lower than in France.”

Variables Kapital bezeichnet in der Marxschen Theorie die Lohnkosten der in der Produktion beschäftigten Arbeiter. Der Lohn ist der Preis der Ware Arbeitskraft, die die Kapitalisten von den Arbeitern kaufen. Dieser Wert der Arbeitskraft bestimmt sich dabei durch die zu ihrer Produktion durchschnittlich notwendigen Arbeitszeit, also die Lebens- und Erhaltungskosten des Lohnarbeiters.

Der in Arbeitskraft umgesetzte Teil des Kapitals verändert dagegen seinen Wert im Produktionsprozeß. Er reproduziert sein eignes Äquivalent und einen Überschuß darüber, Mehrwert, der selbst wechseln, größer oder kleiner sein kann. Aus einer konstanten Größe verwandelt sich dieser Teil des Kapitals fortwährend in eine variable. Ich nenne ihn daher variablen Kapitalteil, oder kürzer: variables Kapital. Dieselben Kapitalbestandteile, die sich vom Standpunkt des Arbeitsprozesses als objektive und subjektive Faktoren, als Produktionsmittel und Arbeitskraft unterscheiden, unterscheiden sich vom Standpunkt des Verwertungsprozesses als konstantes Kapital und variables Kapital.

Marx-Engels Werke als PDF zum Download

Marx-Engels Werke als PDF zum Download (Berliner Institut für kritische Theorie, Website mit Frames).
Vorbemerkungen, Fußnoten, Anmerkungen und Informationen im Anhang über in den einzelnen Schriften vorkommende Personen und geschichtliche Ereignisse sind nur mit Vorbehalt zu empfehlen. Neben wichtigen Hintergrundinformationen und Fakten sind auch inhaltliche Färbungen, ja auch Verfälschungen des Ideengehalts der Schriften von Marx und Engels in diesem “Apparat” enthalten.

Verdiente Ökonomen

“Und das bedeutet: Es gibt nur einen Ökonomen, der es verdient, diesen Titel zu tragen. Karl Marx.” (Börsenlegende Seth Glickenhaus laut sueddeutsche.de)

“‘Die Regierung hat entschlossen gehandelt’, lobt Glickenhaus. ‘Mit der Teilverstaatlichung unserer Banken hat sie das Richtige getan.’”

Marx revisited oder das höhere Reflexionsniveau

das kapital

Denis Mäder: Seminar “Das Marxsche Entwicklungsdenken”, FB Philosophie, Freie Universität:
Obwohl Karl Marx bekanntlich in einem etwas schwer eingrenzbaren philosophischen und sozialwissenschaftlichen Kontext steht, hat er im 20. Jahrhundert stark auf das Nachdenken über Politik, Moral, Kultur und Gesellschaft gewirkt. Seit einigen Jahren ist zudem eine Erneuerung der Auseinandersetzung mit Marx zu beobachten – eine ‘neue Marxlektüre’ (Rohbeck 2006, 12) -, die nicht zuletzt das für sein Denken allgemein als charakteristisch geltende Verhältnis von menschlicher Praxis und gesellschaftlicher Entwicklung neu zu überdenken versucht. Das Seminar möchte dieser Auseinandersetzung Rechnung tragen.

Vgl. auch Wikipedia über die neue Marx-Lektüre:
Hier wird insbesondere darauf insistiert, dass die mikroökonomischen Ansätze der neoklassischen Wirtschaftstheorie die Konstitution, den Erhalt und die Dynamik des ökonomischen Wertverhältnisses nicht erklären können, und für makroökonomische Konstrukte wie das Bruttosozialprodukt nur unzureichende theoretische Mittel vorweisen können. Demgegenüber wird darauf verwiesen, dass sich bei Marx zwar nicht Antworten auf diese Fragen finden, er aber ein höheres Reflexionsniveau und Problembewusstsein aufbringt, das es kritisch für die zeitgenössische Diskussion zu gewinnen gilt.

Unter Zockern

zocker

“Auswischen wird Allah den Wucher. und vermehren wird er die Almosen, (…) O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allah und lasset den Rest des Wuchers fahren, so ihr Gläubige seid.” (Der Koran, Sure 2, Vers 276ff.)

Wir zäumen den Gaul immer noch von hinten auf: Obwohl wir das Geld noch gar nicht eingeführt haben (vgl. den Tag “Marx revisited”), sind wir heute schon bei der London Interbank Offered Rate, also known as LIBOR (“rate” ist ein Femininum – so wie URL ein Maskulinum ist).

Wir bewegen uns also in den luftigen Gefilden des Geldmarktes, der keine Werte schafft. Wenn Geld ein stoffliches Mittel ist, um den Tauschwert zu realisieren, sollte klar sein, dass es sich hier um ein Ding handelt, das an sich wertlos ist, sondern nur dazu dient, ein Verhältnis gesellschaftlicher Arbeit auszudrücken, also das abstrakte Gemeinsame mehrere produzierter Dinge. Wenn Geld aus Gold gemacht wird, besitzt es natürlich auch einen Gebrauchwert, aber der hat nichts mit dem Tauschwert des Geldes zu tun.

Eine Staatsbank, die das Recht hat, Geld in Umlauf zu bringen, kann anderen Banken Geld leihen und die können es weiterverleihen. Auch wenn die Aktion tausend Mal stattfindet – das Geld wird nicht mehr. Der Zins ist ja nur ein spekulativer Aufschlag, der die Banken am Leben hält, weil sie hoffen, dass irgendjemand Geld investiert, um Gebrauchswerte zu schaffen. Nur die vermehren den Wert, der durch Geld repräsentiert wird.

Einen mehr oder minder entwickelten Finanzmarkt hat es gegeben, seitdem Geld verliehen wurde. Alle monotheistishen Religionen sahen aber den Zins zunächst als etwas Böses an. Aber wer wird schon der Wirtschaft auf Dauer widersprechen wollen, vor allem, wen man selbst davon profitiert!?

Man könnte natürlich auf folgende Idee kommen: Jeden Morgen nach dem Frühstücksmüsli berechnen wir den durchschnittlichen Zinssatz, den eine Menge X einiger ausgewählter Banken festlegt, um Geld zu verleihen. Damit hätten wir einen Referenzzinssatz. Wir legten diesen Zins zum Beispiel auf drei Monate fest. Da jede Bank tun kann was sie will, vermuten wir nun, dass dieser Referenzzinssatz drei Monate “hält”. Das muss aber nicht so sein.

Wenn wir nun ganz abgezocket wären und uns Roulett zu langweilig wäre, könnten wir zusätzlich auf die Idee kommen darauf zu wetten, wie hoch der reale durchschnittliche Zinssatz der Menge X der von uns ausgewählten Banken in den nächsten Monaten sein wird. Wir würden anderen Mitspielern sogar Wettscheine verkaufen. Ein Artikel der deutschen Ausgabe des Wall Street Journal über “das Milliardenspiel der Deutschen Bank mit dem Libor” erklärt, wie das gemacht wird.

Die Dokumente zeigen, wie Händler in London und New York erfolgreich darauf gewettet haben, dass die Kosten der Geldaufnahme von Euro, US-Dollar und Britischem Pfund wegen der zunehmenden Spannung im globalen Finanzsystem über drei oder sechs Monate schneller steigen als die Einmonatszinssätze.

Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser werden jetzt zweifelnd nachfragen: Was aber, wenn die beteiligten Banken die Zinssätze, zu denen sie Geld verleihen und aus dessen Durchschnitt der Referenzzinssatz besteht, das, um was es geht, einfach frei Schnauze festlegen, wenn diese Banken also auf etwas wetten, was sie selbst festlegen? Das wäre ja so, als wettete Burks mit seinen LeserInnen, wieviele Blogbeiträge er in der nächsten Woche schreiben wird. Sind es genau so viele, wie Burks meint, dass es sein werden, haben diejenigen Leser, die etwas anderes wetten, verloren. Alle werden jetzt entsetzt aufschreien und rufen: Aber wir sind doch nicht bescheuert?

Hm, ja, nun, niemand hat die Macht, dem Markt des Geldes vernünftige Regeln aufzuzwingen. Wie sollte das funktionieren? Markt ist Markt und der soll freiheitlich-demokratisch frei sein, rufen die Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) im Chor.

Die Deutsche Bank selbst gibt sich gelassen: Die Handelsstrategie unterliege den Risikobeschränkungen des Hauses und sei zudem in der Branche weit verbreitet.

Quod erat demonstrandum. Dann kann ja nichts mehr schief gehen. Alle machen es so. So isser eben, der freie Finanzmarkt im Kapitalismus. Übereinstimmungen mit verbotenem Glücksspiel und organisierter Kriminalität sein purer Zufall.

Ha-Joon Chang, das schwarze Loch im Kopf deutscher Journalisten und die Glaubensgemeinschaft Freier Markt

SpOn über Ha-Joon Chang und sein Buch “23 Lügen, die sie uns über den Kapitalismus erzählen”:

“In seinen Büchern geht Chang kritisch mit einem der wichtigsten Dogmen der Marktwirtschaft ins Gericht: Der Freihandelstheorie, die vor rund 200 Jahren vom britischen Ökonomen David Ricardo geprägt wurde.”

Ach?! Das tat Karl Marx auch schon, Ricardo taucht im “Kapital” gefühlt 890 Mal auf. Marx darf aber nicht erwahnt werden in deutschen Medien.

Er hat Jehova Karl Marx oder Freie Marktwirtschaft Kapitalismus gesagt! Steinigt ihn!

Investorenfreundliche Höschen aus Kambodscha und die Charaktermasken

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Gestern habe ich mir zwei Sporthosen gekauft, kurz und lang. Ich hatte einen Gutschein für sportscheck.com bekommen. SportScheck gehört der Otto Group.

Löblich, dass in der SportScheck-Filiale in Berlin-Steglitz Verkäufer herumlaufen, die einen beraten, die nicht nur auf Zuruf herbeigeeilt kommen, sondern die den ziellos umherirrenden Kunden (Turnhosen? Wo gibt es Turnhosen?) sogar fragen, ob sie dienstbar sein können.

Ich ahnte allerdings schon, dass mein Kauf nicht reibungslos ablaufen würde. Ich hatte einen Gutschein. Was aber, wenn die Summe der gekauften Artikel kleiner war als die Summe, die ich geschenkt bekommen hatte? Und siehe, als ich den Gutschein abgab, begann die Verkäuferin eilig einen neuen auszufüllen.

Meine zeitliche Hemmschwelle, Ärger anzufangen oder – wie man im Englischen sagt “to stir the soup up” – beträgt ungefähr eine Millisekunde (merkwürdigerweise gilt das auch für meinen Avatar in virtuellen Welten). Ich verkündete, dass ich den Differenzbetrag ausgezahlt haben wolle. Das ginge nicht, war die Antwort, die ich auch erwartet hatte. Ich fing an, laut und deutlich zu reden und sagte, entweder es ginge doch oder ich würde auf den Kauf ganz verzichten und den Schenkenden den Gutschein zurückbringen. Ob es einen Geschäftsführer gebe? Der kam auch und sagte, man dürfe mir das Geld auszahlen. Geht doch.

Beide Höschen sind von Reebok bzw. Adidas, was Rebook gekauft hat. Adidas ist bei der Kampagne für saubere Kleidung bestens bekannt.
Adidas verfügt über einen Verhaltenskodex, der auf der Homepage des Unternehmens einsehbar ist. Auch werden hier die weltweiten Zuliefererbetriebe sowie der Lizenznehmer veröffentlicht. Adidas ist seit 1999 Mitglied der Multi-Steakholder- Initiative Fair Labor Association (FLA). Immer wieder berichten NäherInnen von Arbeitsrechtsverletzungen in Fabriken, die für adidas fertigen.

Auf der Liste der Zuliefererbetriebe kann man nachlesen, welche Firmen in China und Kambodscha für Adidas produzieren. Guckst du hier:
Die Bekleidungsindustrie gehört in Kambodscha zu den Schlüsselindustrien für Exporteinnahmen und beschäftigt durchschnittlich 350.000 bis 400.000 Personen. Die große Abhängigkeit von diesem Exportstandbein führt dazu, dass Kambodscha aus Wettbewerbsgründen ein Interesse hat, die nationalen Mindestlöhne tief und somit investorenfreundlich zu halten. Mit den steigenden Lohnkosten in China wurde Kambodscha umso mehr zu einem begehrten Produktionsland, um billig Massenware zu produzieren. (…) In Kambodscha beträgt der gesetzliche Mindestlohn 61 US-Dollar (ca. 47 Euro) pro Monat. Dazu kommen 10 US-Dollar Anwesenheitsbonus und 7 US-Dollar als Beitrag für Transport- und Mietkosten. Der gesetzliche Mindestlohn wurde nach einem sektorweiten Streik im Jahr 2010 von 56 US-Dollar auf 61 US-Dollar angehoben.

Nur damit das klar ist: Ich kümmere mich nicht darum, wer das produziert hat, was ich am Leib trage. Die Trägerorganisationen der “Kampagne für saubere Kleidung” bestehen mehrheitlich aus deutschen Gewerkschaftlern sowie Verehrern höherer Wesen und anderen Lichterkettenträgern aus der Abteilung “faier Lohn und Preis”. Letztere haben vom Kapitalismus so viel Ahnung wie ein “Volks”wirtschaftler vom Krabbenfischen. Man kritisiert aus moralischen Gründen, nicht aus Prinzip, fällt also intellektuell noch hinter die Befreiungstheologie zurück. Löblich ist es jedoch, dass die öffentlich machen, wie das Proletariat arbeiten muss, damit Firmen die Adidas billige Kleidung anbieten können.

Ich finde es interessant, dass man heute in Deutschland Hosen kaufen kann, die zum Beispiel in Kambodscha hergestellt werden. Vor fünfzig Jahren wäre das undenkbar gewesen. Man könnte diese Hosen als pädagogisch wertvolles Beispiel im Unterricht nutzen, um zu demonstrieren, wie der Fall der Profitrate funktioniert und warum Firmen die Produktion in Billiglohnländer verlagern und warum man das nicht verhindern kann. Man kann diesen Trend eben nicht einfach umkehren.

Die Kapitalisten machen das ja nicht aus Böswilligkeit, sondern weil sie als Charaktermasken agieren, es also tun müssen, weil die Gesetze des Marktes im Kapitalismus sie dazu zwingen. Kann man hier weiterlesen:
Charaktermaske bedeutet, dass im Kapitalismus die Menschen, weil sie über Warentausch miteinander in Beziehung treten, nicht einfach ausgehend von ihren individuellen, unmittelbaren und spontanen Bedürfnissen und Interessen handeln, sondern sich immer schon in vorgegebenen Rollen befinden, die ein bestimmtes Handeln als besonders rational belohnen. (…) Die gesellschaftlichen Prozesse sind nicht das Ergebnis von individuellen Willensentscheidungen. Aber sie sind auch nicht nur passive Opfer. (…) …die Individuen werden in und durch die Verhältnisse, unter denen sie leben, zu bestimmten Personen gemacht. Auf diese Weise werden sie zu Träger von Verhältnissen, aber nicht von irgendwelchen Verhältnissen, sondern von Klassenverhältnissen. Die Personen tragen aktiv die Verhältnisse und reproduzieren sie durch ihr Handeln.

Nur mal so unter uns Tarifpartnern: Die Höhe der Löhne sind nicht objektiv, sondern eine Machtfrage. Was würde geschehen, wenn das Proletariat weltweit ein Lohnniveau erkämpft hätte, das dem in den industrialisierten Staaten aka “Erste Welt” ähnelt? Wo würde Adidas dann seine Hosen herstellen lassen? Ist das nicht eine ausgezeichnete Frage, um die von uns hier schon öfter erwähnte Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) noch bescheuerter aussehen zulassen als sie eh schon ist?

Von grôzer arebeit und ihrer fantastischen Gestalt

nibelungenlied

Wahrscheinlich bin ich der einzige Mensch auf der Welt, dem bei “Nibelungenlied” und “Das Kapital” von Karl Marx gleichzeitig etwas einfällt. Da die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser dieses kleinen und gesellschaftlich irrlevanten Blogs vermutlich zu einer bildungsbürgerlichen Elite gehören, die die Hexameter Homers und das Geschwurbel Hegels auswendig zitieren können und gleichzeitig bei “Python” nicht nur Schlangen assoziieren, die das Hildebrandslied beim Duschen summen und die wissen, was das Zahlkörpersieb mit asymmetrischer Kryptografie zu tun hat, kann ich heute die intellektuelle Schraube noch weiter anziehen. Nein, die allgemeine Relativitätstheorie kommt nicht vor. (Noch jemand hier?)

Ich habe in den letzten Tagen den ersten Band des Marxschen “Kapital” durchgeblättert, was ich seit den 70-er Jahren so ausführlich nicht mehr getan hatte. Man fragt sich natürlich, warum man sich das antun sollte und warum Marx mehr als hundert Seiten braucht, um den Begriff “Ware” zu analysieren, anstatt das auf Wikipedia-Niveau mit ein paar Sätzen abzuhandeln. Nur damit das klar ist: Wenn man mit der Marxschen Theorie nicht hinreichend und einleuchtend erklären könnte, was es mit der so genannten “Krise” in Griechenland auf sich hat, oder wenn man den tendenziellen Fall der Profitrate nur gebrauchen könnte, um bei einer Party von “Volks”wirtschaftlern die Gäste zu erschrecken, dann könnten wir uns das auch ersparen und Marx im Ordner “Alles, was die Welt dringend nicht braucht” abheften, gleich neben Adalbert Stifter, dem Vordenker des Lebensgefühls der Grünen, Anaximander und dem Vaterunser auf Prägermanisch.

Das Publikum stritt hier herum, was “Arbeit” und “gesellschaftlich” bedeute. Im Nibelungenlied (mittelhochdeutsch, 12. Jh.) zum Beispiel ist von “grôzer arebeit” die Rede: Das Wort hat aber mitnichten mit dem etwas zu tun, was wir darunter verstehen. Im Althochdeutschen, das ungefähr zur Zeit Karl des Großen gesprochen wurde, bedeutet “Arbeit” nur “Mühsal” oder “Beschwernis”. “Arbeit” als ein Tun, das Werte schafft, ist bis zum hohen Mittelalter in der gesamten Literatur unbekannt. Im Neblungenlied steht es als Synonym für “Kampf”.

Marx arbeitet (sic!) sich ja deswegen am Wort “Arbeit” ab, weil diese in der Zeit vor dem entwickeltem Kapitalismus anders organisisiert war. Ein abstrakter Begriff “Arbeit” im Sinne von “Wertschöpfung” war im Sinne des Wortes undenkbar, genausowenig wie die Himmelsmechanik Isaac Newtons im antiken Griechenland hätte erdacht werden können – die alten Griechen hatten zwar von Mechanik Ahnung, aber für eine wissenschaftliche Theorie der Astronomie waren zu ihrer Zeit die Produktivkräfte und die Technik noch nicht genug entwickelt. Denken und abstrakte Begriffe fallen eben nicht einfach vom Himmel. Ökonomie ist eine Wissenschaft, und für die gilt das auch. Marx schreibt:

Versetzen wir uns nun (…)in das finstre europäische Mittelalter. Statt des unabhängigen Mannes finden wir hier jedermann abhängig – Leibeigne und Grundherrn, Vasallen und Lehnsgeber, Laien und Pfaffen. Persönliche Abhängigkeit charakterisiert ebensosehr die gesellschaftlichen Verhältnisse der materiellen Produktion als die auf ihr aufgebauten Lebenssphären. Aber eben weil persönliche Abhängigkeitsverhältnisse die gegebne gesellschaftliche Grundlage bilden, brauchen Arbeiten und Produkte nicht eine von ihrer Realität verschiedne phantastische Gestalt anzunehmen. Sie gehn als Naturaldienste und Naturalleistungen in das gesellschaftliche Getriebe ein. Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der Warenproduktion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar gesellschaftliche Form. Die Fronarbeit ist ebensogut durch die Zeit gemessen wie die Waren produzierende Arbeit, aber jeder Leibeigne weiß, daß es ein bestimmtes Quantum seiner persönlichen Arbeitskraft ist, die er im Dienst seines Herrn verausgabt. Der dem Pfaffen zu leistende Zehnten ist klarer als der Segen des Pfaffen. Wie man daher immer die Charaktermasken beurteilen mag, worin sich die Menschen hier gegenübertreten, die gesellschaftlichen Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten erscheinen jedenfalls als ihre eignen persönlichen Verhältnisse und sind nicht verkleidet in gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen, der Arbeitsprodukte.

Wir sind also immer noch beim “Warenfetisch”. Lauschen wir Stefan Niemann und der “Tagesschau” vom 29.12.2012, der als aktuelles pädagogisch wertvolles Beispiel dienen kann:
Spätestens dann müssen auch die republikanischen Abgeordneten öffentlich bekennen, was ihnen am Ende wichtiger ist: ihre Parteilinie oder die Ängste des amerikanischen Volkes oder die Nervösität der Märkte.

Die Nervösität der Märkte?! Im Marxschen “Kapital” heisst es dazu: “Ihre eigne gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie die Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, statt sie zu kontrollieren.”

Das Geld, die Waren, das Kapital, der “Markt” erscheinen als beseelte Dinge, die eigenständig agieren – also wie ein Fetisch, dem Eigenschaften zugesprochen werden, die das Ding in Wahrheit nicht hat. Friedrich Engels nannte das “ein Naturgesetz, das auf der Bewußtlosigkeit der Beteiligten beruht.” Marx: “Derartige Formen bilden eben die Kategorien der bürgerlichen Ökonomie. Es sind gesellschaftlich gültige, also objektive Gedankenformen für die Produktionsverhältnisse dieser historisch bestimmten gesellschaftlichen Produktionsweise, der Warenproduktion.”

(Wer sich das im Detail antun will, lese die Anmerkung 32, in der Marx die Mängel und Beschränktheit der damaligen Theorie der Ökonomie referiert. Die heutige “Volks”wirtschaftslehre verzichtet ganz auf die Anaylse und “argumentiert” nur noch auf auf dem Niveau des gesunden Volskempfindens – mit dementsprechenden Ergebnissen.)

Jetzt wird es aber Zeit, dass wir endlich zu(m) Geld kommen. In Kürze mehr in diesem Theater.

Moneta, Aes Signatum und die Ware an sich

aes signatum

Eine der ersten römischen Münzen, genannt aes signatum, ca. 15 cm lang und 1,75 Kilo schwer, 3. Jh. v. Chr., British Museum

Warum in meinem letzten Posting über Gebrauchswert und Tauschwert Schweine vorkamen, hatte ich noch nicht erwähnt. Argumente, die gegen die Marxsche Theorie der Ware vorgebracht werden könnten, habe ich auch noch nicht gehört, zumal damit auch Aristoteles und bürgerliche Ökonomen wie Adam Smith unrecht gehabt hätten. [By the way: bloße Beschimpfungen meiner Person, wütende Hasstiraden (die ich nicht freigeschaltet habe) und die "überzeugende" These, Marx sei tot, kann ich nicht wirklich als Gegenbeweis akzeptieren; es zeigt nur, dass die Anhänger der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) intellektuell aber auch rein gar nichts anzubieten haben.]

Die Sache mit der Ware und ihrem “Doppelcharakter” hört sich einfach an, ist es aber nicht. Wenn man die These konsequent weiter denkt, wird es schnell kompliziert. Die Ware ist, wie Marx es ausdrückt, ein “vertracktes Ding” und “voll theologischer Mucken”.

These: Nur gesellschaftliche Arbeit schafft Werte. Das deutsche Wort “Wert” drückt leider – und missverständlich – beides aus: sowohl den Gebrauchswert als auch das abstrakte Dritte, das Verhältnis, mit dem ein Produkt mit einem ganz anderen verglichen wird (aus dem später das Geld entsteht). Übrigens ist auch für Adam Smith, den Gründervater der bürgerlichen Wirtschaftslehre, die Arbeit die einzige Quelle gesellschaftlichen Reichtums.

Wer das also akzeptiert, muss bei der Redewendung “das Geld arbeiten lassen” die Augen rollen. Geld arbeitet nicht und schafft auch keine Werte, auch wenn es jahrelang in einem Banktresor liegt. Jetzt haben wir ein Problem: Wo kommen denn die Zinsen her?

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. (Das Kapital, Bd. 1: Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis)

Das ist – zugegeben – ein bisschen verschwurbelt formuliert. Der von Marx so genannte “Fetischcharakter der Ware” ist nichts weniger als eine erkenntnistheoretische These, die die Wahrnehmungspsychologie müsste verifizieren können. Marx behauptet, die bloße Existenz der Ware zwänge die Akteure zu einer falschen Sicht der Realität.

“Falsch” in dem Sinne, wie Ludwig Feuerbach Gott und die Religion beschreibt: “Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel steht, sondern der Mensch schuf (…) Gott nach seinem Bilde.” (Vorlesungen über das Wesen der Religion, Leipzig 1851, XX. Vorlesung) Das heisst: Gott existiert nicht, sondern ist eine Projektion.

Und genau das behauptet Marx über die Eigenschaften der Ware, die ihr zugeschrieben werden: Der Tauschwert, also der “gesellschaftliche” Teil des Wertes, erscheint als Eigenschaft der Ware selbst und nicht mehr als das, was er ist – nur eine abstrakte Kategorie, um zwei Dinge miteinander vergleichen zu können.

Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.

Juno

Die römische Göttin Juno (vgl. die Münze oben: Julia Soaemias Denarius, 22o v. Chr.) hatte den Beinamen Moneta. Bei ihrem Tempel wurde die ersten Münzen geschlagen, die oft ein Schwein oder ein Rind zeigten. Man merkt gleich, für welche Produkte das Geld zuerst benötigt wurde. (Wer mehr darüber lesen will, dem empfehle ich Horst Kurnitzky: Triebstruktur des Geldes: Ein Beitrag zur Theorie der Weiblichkeit. Wagenbach, Berlin, 1974.)

Nackte Frauen, Schweine und die Ware an sich

Baubo

Die sicherste Methode, die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser von diesem gesellschaftlich irrelevanten Blog alsbald zu vertreiben, ist, ein Posting mit Zitaten von Aristoteles und Thomas von Aquin zu beginnen. Auf vielfachen Wunsch des harten Kerns tu ich das doch – und jetzt erst recht.

Ich zweifle übrigens an den edlen Motiven der Leserschaft: Wer würde heute noch 1500 Seiten dröge Lektüre in Kauf nehmen, um zu verstehen, wie Wirtschaft funktioniert? Und wer liest länger als fünf Minuten ein Blog – außer es geht um nackte Weiber (oder Männer – aber ich glaube nicht, dass ich Leserinnen habe)? Wollt Ihr das also wirklich? Wer jetzt schon bereut, kann sich ja stattdessen Fleisch ohne Text reinziehen.

Also von hinten nach vorn: Was käme dabei heraus, wenn man sich die Marxsche Werttheorie antäte? Zum Beispiel die Erkenntnis, dass manche Philosophen im alten Griechenland wesentlich tiefschürfender dachten als heutige “Volks”wirtschaftler” und andere Dummschwätzer und dass – daraus folgend – die Menschheit nicht klüger wird, sondern das Dümmerwerden durchaus eine ernst zu nehmende Option der Evolution zu sein scheint.

Ich warne also: Wer mir nicht sofort widerspricht, wenn sie oder er das Folgende rezipiert hat, darf das in Zukunft auch nicht mehr. Wer akzeptiert, dass zwei mal zwei vier ist, darf nicht meckern, wenn ich später behaupte, vier mal vier seien sechzehn. Ja, man ahnt es schon: erstens geht es heute um den Wert an sich (“Geld” und “Kapital” kommen erst später), und zweitens sagt Karl Marx nichts anderes als Aristoteles dazu; ersterer drückt es nur klarer aus und nimmt aktuellere Beispiele. Wer aber die Werttheorie Marxens nicht mit guten Argumenten falsifiziert, darf auch nicht herumnörgeln, wenn wir später das Ausbeutungsverhältnis der Lohnarbeit, den tendeziellen Fall der Profitrate und den Kapitalismus an sich kriegen.

Nehmen wir den christlichen Philosophen Thomas von Aquin (†1274):
Der Wert der Dinge aber, die zum Nutzen des Menschen in Umlauf kommen, wird nach dem bezahlten Preis bemessen. (…) Teurer verkaufen oder billiger einkaufen, als eine Sache wert ist, ist also an sich ungerecht und unerlaubt.

Ist das richtig? Im 13. Jahrhundert dachte man offenbar nicht anders als die heutige Glaubensgemeinschaft des “fairen” Preises und Handels und des “gerechten” Lohns. Es geht hier aber nicht um Moral und Theologie, sondern darum, die Ökonomie wissenschaftlich zu beschreiben. Wer sagt, ein bestimmter Preis sei ungerecht, muss auch sagen, dass die Zahl Pi unfair ist, weil man sie so schwer berechnen kann und weil man, wenn man sie betrachtet, unweigerlich beim Buffonschen Nadelproblem landet, was einem den ganzen Tag versauen kann.

Erster Einwand: Geht das überhaupt, die Wirtschaft wissenschaftlich zu analysieren? Sind da nicht zu viele Variablen im Spiel? Gute Frage! Wenn es einem aber gelänge, vom Konkreten zu abstrahieren, also etwas streng Logisches zu finden, das Gesetzen folgt. wären wir schon einen Schritt weiter in Richtung Induktion. Und das wäre kein Kaffeesatzlesen oder Astrologie wie der Wirtschaftsteil deutscher Medien und dem Gefasel der Gläubigen des niederen Wesens “freier Markt”, sondern richtige Wissenschaft, deren Schlüsse andere nachvollziehen können.

Hier also Marx im Originalton über die Methode (Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, aus dem Nachlass, 1903 zum ersten Mal veröffentlicht):

Es scheint das Richtige zu sein, mit dem Realen und Konkreten, der wirklichen Voraussetzung zu beginnen, also z.B. in der Ökonomie mit der Bevölkerung, die die Grundlage und das Subjekt des ganzen gesellschaftlichen Produktionsakts ist. Indes zeigt sich dies bei näherer Betrachtung [als] falsch. (…) Finge ich also mit der Bevölkerung an, so wäre das eine chaotische Vorstellung des Ganzen und durch nähere Bestimmung würde ich analytisch immer mehr auf einfachere Begriffe kommen; von dem vorgestellten Konkreten auf immer dünnere Abstrakta, bis ich bei den einfachsten Bestimmungen angelangt wäre. Von da wäre nun die Reise wieder rückwärts anzutreten, bis ich endlich wieder bei der Bevölkerung anlangte, diesmal aber nicht als bei einer chaotischen Vorstellung eines Ganzen, sondern als einer reichen Totalität von vielen Bestimmungen und Beziehungen. Der erste Weg ist der, den die Ökonomie in ihrer Entstehung geschichtlich genommen hat. Die Ökonomen des 17. Jahrhunderts z.B. fangen immer mit dem lebendigen Ganzen, der Bevölkerung, der Nation, Staat, mehreren Staaten etc. an; sie enden aber immer damit, daß sie durch Analyse einige bestimmende abstrakte, allgemeine Beziehungen, wie Teilung der Arbeit, Geld, Wert etc. herausfinden. Sobald diese einzelnen Momente mehr oder weniger fixiert und abstrahiert waren, begannen die ökonomischen Systeme, die von dem einfachen, wie Arbeit, Teilung der Arbeit, Bedürfnis, Tauschwert, aufsteigen bis zum Staat, Austausch der Nationen und Weltmarkt. Das letztre ist offenbar die wissenschaftlich richtige Methode.

Baubo

Was also ist eine Ware – also was haben Waren im Neolithikum, im alten Sparta und im heutigen Havanna und Chicago gemeinsam?

Eine Ware hat einen Gebrauchswert und einen Tauschwert. Beide sind selbstredend nicht identisch. “Geld” oder gar die Kategorie “Preis” sind hier noch gar nicht im Spiel – man kann sich auch Gesellschaften vorstellen, die kein Geld haben, sondern Naturalien tauschen.

Weder der Gebrauchswert noch der Tauschwert sind “natürliche” Eigenschaften der Dinge. Im Tauschwert steckt jedoch etwas Anderes. “Der Tauschwert kann überhaupt nur die Ausdrucksweise, die ‘Erscheinungsform’ eines von ihm unterscheidbaren Gehalts sein,” schreibt Marx in Das Kapital.

Man kann das auch anders sehen. Wer aber subjektive Gefühle ins Spiel bringt wie manche “Volks”wirtschafts-Groupies, der sollte erst gar nicht von einem wissenschaftlichen Anspruch reden – das ist nichts anderes als primitive Populärpsychologie.

Aristoteles schreibt das in seiner Nikomachischen Ethik so:
Daß aber das Bedürfnis als eine verbindende Einheit die Menschen zusammenhält, erhellt daraus, daß wenn kein Teil des anderen bedarf, oder auch nur der eine des anderen nicht, sie in keinen Verkehr des Austausches treten, wie sie es tun, wenn der eine Teil dessen benötigt, was der andere hat,…

Der Tauschwert verkörpert “irgendwie” die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit für ein Produkt, das als Ware auftaucht. Wenn alle Produzenten einer autarkten Gemeinschaft plötzlich weniger Zeit und Aufwand brauchten, um ein bestimmtes Ding herzustellen, weil sie zum Beispiel bessere Werkzeuge haben, dann sinkt der Tauschwert. Oder: Die Wertgröße wechselt mit der Produktivkraft.

Übrigens gibt es einen Streit unter “Marxisten”, den die Apparatschiks leider sowohl in der ehemaligen Sowjetunion als natürlich auch in der DDR unter den Tisch kehrten. Dort wurde Marx bekanntlich als eine Art Religionsstifter angesehen, dessen Werke man nicht als bloßes Werkzeug ansah, sondern als heilige Schriften, die die absolute Wahrheit verkündeten – oder das, was die jeweiligen Parteifunktionäre meinten daraus machen zu müssen. In diesem Streit geht es um die erkenntnistheoretische Frage, ob die Fähigkeit, überhaupt abstrakt zu denken, also sich ein “Drittes” vorzustellen, das zwei völlig unterschiedliche Dinge erst vergleichbar macht, nicht ein Produkt des Tausches ist. Der marxistische britische Altphilologe George Thomson gehört zu dieser Denkschule, insbesondere aber Alfred Sohn-Rethel oder auch der von ihm beeinflusste Rudolf Müller mit seinem Hauptwerk “Geld und Geist“. Ich sehe das übrigens nicht so; die Idee ist aber sehr interessant.

Demnächst mehr in diese Theater.

Untermitteloberschicht aka Klassengesellschaft

Ein lehrreicher Artikel über die Tendenzen des Kapitalismus findet sich bei Zeit online sueddeutsche.de, obwohl der Begriff “Kapitalismus” dort wegen der Schere im Kopf der Journaille nicht genannt wird. Lehrreich auch deswegen, weil man dort die suggestiven und unwissenschaftlichen Termini “Unterschicht”, “Mittelschicht” und “Oberschicht” benutzt, die Realität aber dennoch nicht leugnen kann.

Nur damit das klar ist: “Schicht” ein ein säkularreligiöses Wort der Glaubensgemeinschaft Freier MarktTM.

“Die Annahme, dass Gesellschaften (grundsätzlich oder in ihren heutigen typischen Ausformungen) stufenförmig (hierarchisch) aufgebaut sind, geht davon aus, dass sich auf diesen Stufen (in den ‘sozialen Schichten’) jeweils viele als gleichartig analysierbare soziale Akteure befinden, und dass die Schichten selbst sich nach bestimmten Kriterien deutlich einteilen lassen,” heisst es bei Wikipedia. Die angebliche soziale Schicht wurde von denjenigen Pfaffen und Propagandisten des Kapitals erfunden, die wussten, dass sie Ökonomie nicht wirklich erklären konnten. Deshalb schufen sie die “Betriebswirtschaftslehre”, weil die “Volks”wirtschaftslehre sich, seitdem die Marxsche Theorie des kapitalistichen Systems in deutschen Universitäten systematisch totgeschwiegen wird, permanent unsäglich blamiert und noch noch auf dem Niveau der Astrologie vor sich hin dümpelt.

Quod erat demonstrandum. Diese “viele als gleichartig analysierbare soziale Akteure” gibt es natürlich nicht, weil es darauf ankommt, in welcher Position die so genannten “Akteure” zu den Produktionsmitteln stehen. Wer keine hat, kann auch nicht “gleichartig” agieren. Das Schicht-Modell ist eine propagandistische Kampfansage gegen wissenschaftliche Theorien der Gesellschaft, die sich mit Themen wie “Ausbeutung” befassen. Wer etwa die Sklaven im alten Rom als Unterschicht bezeichnet, hat ja wohl nicht alle Tassen im Schrank.

“Vom wachsenden Wohlstand profitiert nur eine Elite. Forscher des Berliner DIW und der Universität Bremen widerlegen die These von der Stabilität der Mittelschicht”, schreibt Zeit online sueddeutsche.de. Welcher Dödel hat eigentlich behauptet, die so genannte Mittelschicht sei “stabil” – mal abgesehen von der FDP oder Ludwig Erhard? Doch wohl nur die Pappnasen, die behaupten, der so genannte frei Markt garantiere Freiheit, Wohlstand und Glück für alle.

Die Bertelsmann-Studie suggeriert das auch, weil die Autoren sich wundern. ” Sozialer Aufstieg gelingt immer seltener”. Ach. Und wann gelang er zuletzt?

Demgegenüber ist der Anteil unterer und unterster Einkommen (weniger als 70 Prozent des Medians) seit 1997 um fünf Prozent bzw. knapp vier Millionen Personen gestiegen. Am oberen Ende der Einkommensschichtung zeigt sich ein heterogenes Bild: Dort ist die Zahl der Spitzenverdiener (mehr als 200 Prozent des Medians) leicht angestiegen, während sich die Einkommensoberschicht kaum verändert hat.

Das steht bekanntlich auch schon bei Marx so. Das darf aber in deutschen Medien wegen der freiwilligen Selbstzensur nicht gesagt werden.

Nur ein kleiner Hinweis: Nicht die so genannte Unterschicht hat in der Weimarer Republik mehrheitlich Hitler gewählt, sondern die “Mittelschicht”. Das kann man nachlesen:
Die auffälligen und dramatischen Veränderungen bei den Wahlergebnissen schienen darauf hinzudeuten, daß sich die Wähler innerhalb der jeweiligen politischen Lager neu orientierten, daß also auf der Linken allmählich immer mehr Wähler von der SPD zur KPD wechselten und daß die NSDAP ihren Zuwachs dem Wählerreservoir der bürgerlich-protestantischen Parteien verdankte.

Kommt also alles irgendwie bekannt vor.

Der Markt: Glaube, Liebe, Hoffnung

Ein schönes Beispiel für die religiöse Konsistenz der Theorien, wie der Kapitalismus an sich funktioniere, bietet uns Andrew Gowers, Ex-Chefredakteur der Financial Times, der im ehemaligen Nachrichtenmagazin zum Ende der FTD sagt:

…ich wäre ein schlechter Wirtschaftsjournalist, wenn ich nicht an die Kräfte des Marktes glauben würde.

Bruahahaha. Seit wann ist ein journalist zum Glauben an irgendetwas verpflichtet, gar an Kapitalismus-affines merkbefreites Gefasel?

Ich sollte doch den Tag “Glaubensgemeinschaft Freier MarktTM” einführen. An die Kräfte des Marktes glauben – das erhebt den Markt an sich unter seinen Gläubigen in den Rang eines niederen, wenn nicht gar höheren Wesens.

Man sieht: Bürgerliche “Volkswirtschafts”lehre glaubt, liebt und hofft. Die Kraft der Sterne sei mit euch.

Unter Finanzführern und Kommissaren

Kommissar

Ich habe aufgehört zu hoffen, dass ich von den Mainstream-Medien über die so genannte “Finanzkrise” ausreichend oder tiefschürfend informiert werde. Was man liest, ist affirmatives marktsradikales Neusprech oder schlicht Propaganda des Kapitals. Also muss ich versuchen, mich selbst zu informieren.

“Einen Bankrott Griechenlands hat der Finanzminister bereits ausgeschlossen”, schreibt Spiegel online. Ach. Das lässt immerhin erahnen, dass der deutsche Finanzminister sich anmaßt darüber entscheiden zu wollen, ob Griechenland den Staatsbankrott erklärt oder nicht. So weit ich mich erinnere, ist Griechenland ein souveräner Staat und hätte, wenn die herrschende Klasse in Hellas nicht so korrupt und erpressbar wäre, auch andere Optionen als sich freiwillig zu einer deutschen Kolonie zu erklären.

Nur zur Erinnerung – was geschah nach dem Staatsbankrott Argentiniens? “Das Wachstum in Argentinien blieb seit Mitte des Jahres 2003 stetig hoch. Dieses Wirtschaftswachstum kann vor allem durch die positiven Erfolge der Abwertung begründet werden. Die argentinische Industrie wurde durch die Exporte und Importsubstitution gestärkt.” Wie ich schon schrieb:

Wenn Griechenland den Staatsbankrott erklärte, würde der Kurs des Euro gegenüber der wieder eingeführten Drachme extrem ansteigen – wie damals der Kurs des Dollar gegenüber dem argentinischen Peso. (…) Nach einem Austritt Griechenlands oder dem Zerfall der Union würde das deutsche Kapital weit weniger Profite machen, da die Landeswährungen abgewertet würden. Es wäre genauso wie das Verhältnis zwischen Dollar und Euro. Ein schwacher Euro ist gut für den Export. Das heißt: Die deutschen Kapitalisten müssen alles dafür tun, dass Exporte des Ausland nach Deutschland nicht billiger werden. Das, was ich hier schreibe, kommt zwar so nicht in den Mainstream-Medien vor, die Kapitalisten wissen das aber. So doof sind die nicht, dass sie nicht kapiert hätten, wie das alles endet.

Spiegel online gibt gar nicht erst vor, sachlich informieren zu wollen, sondern macht Schäuble zum “leidenschaftliche Europäer”, bevor dessen Ideen kritiklos publiziert werden. Dass soll suggerieren, es handele sich darum, eine Idee von “Europa” zu verwirklichen, obwohl es Schäuble und Konsorten ausschließlich darum geht, die Interessen des deutschen Kapitals durchzusetezn. Man nennt Schäubles Tun interessegeleitetes Handeln: Das dient in der Politik dazu, die Macht der Herrschenden zu stablisieren.

Der Kommissar für Finanzplanung und Haushalt soll also mehr Macht bekommen? Dieser Kommissar ist eine Art Finanzminister der Europäischen Kommission. “Die Mitglieder der Kommission (umgangssprachlich als EU-Kommissare bezeichnet) werden von den Regierungen der Mitgliedstaaten nominiert und vom Europäischen Parlament bestätigt. Sie sind in ihren Entscheidungen unabhängig und sollen nur die gemeinsamen Interessen der Union, nicht jedoch die ihrer jeweiligen Herkunftsstaaten vertreten.”

Warum braucht dieser Kommissar also noch mehr Macht? Im EU-Vertrag lesen wir: “Die Kommission übt ihre Tätigkeit in voller Unabhängigkeit aus. Die Mitglieder der Kommission dürfen unbeschadet des Artikels 18 Absatz 2 Weisungen von einer Regierung, einem Organ, einer Einrichtung oder jeder anderen Stelle weder einholen noch entgegennehmen.”

Die Mitglieder dieser Kommission, also auch der Finanzkommissar, sind nicht demokratisch gewählt, obwohl sie Gesetze erlassen können. Die EU-Kommission wird immer als Beispiel für das Demokratiedefizit der Europäischen Union angeführt. Schäuble will also noch weniger Demokratie in Europa – das wäre die richtige Schlagzeile, liebe Mainstream-Medien. Zeit online schreibt genau das Gegenteil:

Zu den wichtigsten Maßnahmen gehört für Schäuble die institutionelle Stärkung des Wettbewerbskommissars. “Er muss weltweit so anerkannt sein wie der Wettbewerbskommissar, der respektiert und gefürchtet wird.” Dazu sollte er allein in den Fragen zu den Defiziten entscheiden können. (…) “Im Europa-Parlament sollen immer nur die Abgeordneten der Länder abstimmen, die von einer Entscheidung betroffen sind, zum Beispiel die Eurozone oder der Schengen-Raum.”

Interessant. Das wird dann ein Zwei-Klassen-Europa. Unwichtige Kleinstaaten wie Griechenland sollen gefälligst das Maul halten, wenn die Großen miteinander reden und über ihre Finanzen entscheiden.

Was Schäuble wirklich ändern will, kann man in einem kleinen Satz im Wikipedia-Artikel über die EU-Kommission nachlesen: “Entschlüsse werden aber grundsätzlich nach dem Kollegialprinzip gefasst, bei dem alle Mitglieder der Kommission gleichberechtigt sind.” Das will er aufheben. Zeit online übermimmt sogar den bürokratischen Nominalstil der Apparatschiks im Original: “Stärkung der Durchgriffsrechte des Währungskommissars”.

Durchgriffsrechte – das Wort lässt das Herz eines jeden Deutschen gleich höher schlagen. Härter durchgreifen und durchführen: Diese Textbausteine quellen permanent aus der obrigkeitshörigen doitschen Seele empor und stinken nach altbekannter brauner Brühe: “Reform” durchgeführt und Krise verboten, Herr Kommissar Finanzführer!

Übrigens: Die Handlanger des Kapitals wissen, was kommen wird und bereiten sich dementsprechend vor.

Eric Hobsbawm ist tot

Hobsbawm, schreibt Spiegel Offline, “sah das Werk von Karl Marx nicht als politisches Programm an, sondern als Werkzeugkasten für die historische Analyse. Die kommunistische Utopie war in seinen Augen nicht der geschichtliche Endzustand nach dem Umsturz des Kapitalismus, sondern ein Korrektiv zur Marktwirtschaft. (…) Den streitbaren Historiker überraschte die Krise des entfesselten Kapitalismus natürlich nicht: Marx habe dies schon vor 150 Jahren vorhergesehen.”

Ein kommunistischer Historiker? Den hätten sie in Deutschland mit Berufsverbot belegt. In beiden Deutschlands!

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