Unna, Alter Markt

Unna markt

Lünschermannsweg, revisited

Lünschermannsweg

Reloaded: Wieso fotografiere ich lasse ich eigentlich immer dasselbe Motiv – wie hier (24.10.2014), hier (Juli 2012) und hier (März 2012) und hier (November 2011) und hier (Juli 2011) fotografieren? Usw.

Alter Westfriedhof Unna oder: Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, erläutert anhand zweier Grabmäler

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Den Alten Westfriedhof in Unna kannte ich gar nicht, owbohl ich in der Stadt großgeworden bin. Rein zufällig stolperte ich über den Eingang.

Kurz gesagt: Der Friedhof ist einen Besuch wert, seine Grabmäler sind allemal interessanter als “Lichtinstallationen” und, wenn nicht der lärmende Verkehrsring direkt daneben läge (und offenbar quer durch den Friedhof gebaut wurde), ein Park zum Relaxen und Sinnieren. (Der Architekt, der in der Massener Straße auf der südlichen Seite ultrahässliche Parkhäuser gebaut hat, deren Rückseite den Friedhof verschandeln, sollte öffentlich ausgepeitscht werden. Ich nenne ihn, auch in Gegenwart seines Anwalts, ein kulturloses profitgeiles Arschloch einen Kulturbanausen.)

Der deutsche Friedhof ist eigentlich ein Wald oder so gedacht. Der “Deutsche Wald” wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und überhöht. Historische und volkskundliche Abhandlungen erklärten ihn zum Sinnbild germanisch-deutscher Art und Kultur oder wie bei Heinrich Heine oder Madame de Staël als Gegenbild zur französischen Urbanität. (Hallo? Heinrich Heine muss man kennen, auch ohne einen Link, oder man muss dieses Blog verlassen!)

“Gedenk- und Trauerarten in Form von Waldfriedhöfen und Baumbestattungen” lesen wir im einschlägigen Wikipedia-Eintrag. Auf dem Unnaer Friedhof kann man sogar steinernen (!) Grabsteine in Baum- oder Wurzelform entdecken. Quod erat demonstrandum.

Spannender finde ich immer die politischen Aussagen: Es starben als Soldaten Leutnant d. R. Albrecht Herdieckerhoff, geb. 7.5.1886, gefallen 18.9.1915 bei Brodno, Oberleutnant d. R. Otto Herdieckerhoff, geb. 3.6.1894, gefallen 11.9.1939 bei Radom. Sie schlafen dort, wo sie ihr Leben gaben für Deutschland.
Oder: Zum Gedächnis an Karl-Theodor von von Velsen-Zerweck, Fahnenjunker im Inf. Regiment 16 Hacke Tau*, geb. am 16. Juli 1895, vermisst in der Schlacht bei Langemarck Sept. 1914 (Auf dem Grabstein steht “Karl”. “Ein deutscher Angriff fand am 10. November [1914] bei dem Dorf Langemarck statt. Die daran beteiligten Regimenter bestanden zum Teil aus jungen Kriegsfreiwilligen.”).

Darüber könnte man ein ganzes historisches Seminar halten – die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, erläutert anhand zweier Grabmäler. (Ich setze hier nur die Links, und die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser denken sich ihren Teil.)

Noch einmal zustimmend Wikipedia: Die im 19. Jahrhundert vermittelten kulturellen Bilder vom “deutschen” Wald waren in erster Linie Ergebnis eines städtischen, elitären Denkens. Diese Vorstellungen wurden aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in der Industriearbeiterschaft übernommen. Das romantische Waldbewusstsein der Deutschen hat sich seitdem schicht- und generationenübergreifend bis ins 21. Jahrhundert gehalten, was in Anbetracht der politischen und sozialen Umwälzungen eine bemerkenswerte Kontinuität darstellt. (By the way: Der Wikipedia-Artikel zum “Symbol der nationalen Identität” ist richtig interessant; man beachte auch die Links darauf.

Ein Grabstein trägt den Titel: “Rittergutsbesitzer”. Was, liebe Nachgeborenen, sind ein Rittergut, ein nobilitas realis und ein Patronatsrecht? (“Allerdings wird darauf hingewiesen, dass die Patronate rechtlich nicht zwingend abgeschafft worden sind…”) Das gibt schon ein weiteres Seminar für Studenten der Geschichtswissenschaft. (Huhu, Genderpolizei!)

Morgen früh fahre ich wieder nach Berlin. Ein paar Fotos über meine alte Heimat wird es aber noch geben. (Warum zum Teufel machen hier selbst Kneipen der neuen Mittelschichten und von Studenten schon um 23 Uhr zu? Das ist ja wie zu Zeiten, als ich noch Schüler hier war. Franzi wird aber hoffentlich in ein, zwei Jahren noch Bier ausschenken.)

* Wikipedia: “Durch anhaltende Regenfälle, während der Schlacht von Groß-Beeren 1813, versagten damals die Gewehre der Soldaten, so dass sie im Nahkampf den Gewehrkolben einsetzten und dabei riefen “HACKE TAU …” (Schlag zu) “… es geit fort Vaterland” riefen. Als Folge erhielten die Angehörigen des Infanterie-Regiments den Beinamen: Hacketäuer.”

Beinhaltet teils kreative Aufenthaltsqualitäten für den Kirchplatz in Unna

kirchplatz unna

Die WAZ formulierte am 26.06.2013 in schönstem Deutsch des Grauens über den Platz vor der Evangelischen Stadtkirche Unna:
Nächste Woche soll der Ausschuss für Stadtentwicklung, Bauen und Verkehrsplanung die Ausbauplanung absegnen. Sie beinhaltet teils kreative Lösungen, die Stadt und Kirche gemeinsam mit Anwohnern gefunden haben. So steht bislang am nördlichen Rand des Kirchplatzes eine rund 30 Meter lange private Mauer aus Klinkerziegeln. Sie würde die Gestaltung dieses Aufenthaltsbereichs mit Sitzgelegenheiten und einem Wasserspiel stören.

Entwicklung, Planung, kreativ, Lösung, Gestaltung, Aufenthatsbereich, Sitzgelegenheit – alles diese Wörter sind Bürokratenfurzdeutsch und würden von einem Chefredakteur, dem noch an Stil und gutem Deutsch gelegen ist, verboten oder mit Peitschenhieben bestraft. Und welches Bein hält denn die Lösung? Darf die das überhaupt?

Auf Lokalkompass.de [Funke-Mediengruppe, Whois] geht es ähnlich gruselig verschwurbelt weiter:
In zwei Wochen wird die Politik eine Ortsbesichtigung vornehmen, in der Ratssitzung am 17. April steht die Kirchplatz-Sanierung auf der Tagesordnung. (…) Nach der Sanierung soll der Bereich um die Stadtkirche neue Aufenthaltsqualität bieten.

“Die Politik” nimmt eine Besichtigung vor? Wolfgang Schneider (“Deutsch für Profis”) würde vermutlich kommentieren: “Aus dem Anus der deutschen Sprache ausgeschieden.” Wen wundert es, das niemand so einen breitgetretenene Sprachquark lesen will! Sanierung, Tagesordnung, Aufenthaltsqualität. Oh mein höheres Wesen!

Übrigens sieht der Kirchplatz jetzt genau so aus wie das Deutsch, das die Lokalmedien geruhen zu gebrauchen, um darüber zu berichten.

Vernahm ich mit Wollust wieder

unnaextrablatt

Dicht hinter Hagen ward es Nacht,
Und ich fühlte in den Gedärmen
Ein seltsames Frösteln. Ich konnte mich erst
Zu Unna, im Wirtshaus, erwärmen.

Ein hübsches Mädchen fand ich dort,
Die schenkte mir freundlich den Punsch ein;
Wie gelbe Seide das Lockenhaar,
Die Augen sanft wie Mondschein.

Den lispelnd westfälischen Akzent
Vernahm ich mit Wollust wieder.

(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen)

Nein, sie ist rothaarig, sehr schön und die fitteste und schnellste Studentin Kellnerin, die ich jemals gesehen habe. (Das untere Bild zeigt eine andere Kneipe als die oben erwähnte.)

Lünschermannsweg

Lünschermannsweg

Wieso fotogafiere ich eigentlich immer dasselbe Motiv – wie hier (Juli 2012) und hier (März 2012) und hier (November 2011) und hier (Juli 2011)?

Man sieht meinen Geburtsort Holzwickede von der Quellenstraße aus, ca. 100 Meter südlich des Lünschermannswegs.

Die Wahrheit (gelogen) über mein Motiv: Ich wollte nur etwas posten, das von Google unter “Lünschermannsweg” gefunden wird, weil es sonst noch nichts Vernünftiges zum Thema gibt und weil das auch sonst niemanden interessiert.

Deutschland, in drei Bildern erklärt

SchilderwaldBrotesauber

Post scriptum zum obersten Foto: Ich stand neben einem weiteren Verkehrsschild, das aber nicht mehr auf Bild passte.

Eulenschnitzel an spätgotischer Hallenkirche

CurrywurstRegenfrontGasthof Schürmann UnnaHopper-Style in UnnaeulenschnitzelUnna Markt WebcamUnnaer Stadtkirche

Anhand der Fotos können die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser selbst erschließen, was ich heute getan habe. Auf dem zweiten Foto von unten bin ich auch zu sehen.

By the way eins: Das Eulenschnitzel war nicht von einer Eule, sondern wurde vermutlich nach dem hiesigen Turm benannt.

By the way zwei: Das Internet ist dort, wo ich gerade bin, grottenmäßig langsam, sozusagen eine kleinstädtische Unverschämtheit, aber das ist hierzulande normal.

Rechnen und Raumlehre

Zeugnis

Das Abschlusszeugnis (1915) meines Großvaters (Vater meines Vaters) Hugo Reinhold Schröder, Bergmann, geb. 07.01.1902 in Mittenwalde (Klein Dombrowo, nördlich von Elsendorf im Kreis Thorn), gest. 26.4.1992 in Unna.

Ich habe 1982, als ich durch Polen und das ehemalige Westpreußen gewandert bin, das Gebäude der ehemalien Volksschule von Mittenwalde fotografiert, ich finde es nur gerade nicht.

Ich musste überlegen: Was ist denn der Unterschied zwischen “Rechnen” und “Raumlehre” und warum gab es getrennte Zensuren dafür?

Vaterländische Geschichte und weibliche Handarbeiten

Zeugnis

Das Abschlusszeugnis meiner Großmutter Elise Marie Klang vom 30.03.1920, geb 18.01.1906 in Holzwickede, gest. 27.11.1976 ebendort.

Ich meine eigentlich nicht, dass die Jugend immer dümmer und unwissender wird (außer ich habe gerade mal wieder mit einem unter 30 geredet), nur unpolitischer, was sich aber ändern kann. Wenn man sich vor Augen führt, was die vorhergehenden Generationen in der Schule lernten: “vaterländische Geschichte” zum Beispiel. Was wussten die über die Welt – und vom wem? Fernsehen gab es noch nicht. Und nach welchen Kriterien bildeten sie sich eine politische Meinung?

Als ich neulich aus dem Fenster sah

heimat

Als ich neulich aus dem Fenster und die grauen Mauern gegenüber sah und das bescheidene Wetter missbilligte, fragte ich mich, warum ich nicht woanders wohne. Natürlich ist Berlin-Neukölln Rixdorf eines der interessantesten Stadtviertel, in dem man zur Zeit in Deutschland wohnen kann, und ich habe Verwandte und Freunde in Berlin. Aber möchte ich das letzte Drittel meines Lebens hier verbringen? Der Vergleich ist ein bisschen verwegen, aber Rixdorf könnte man nur toppen mit Jerusalem oder Hongkong.

Und was möchte ich sehen, wenn ich alt und klapprig bin und vielleicht 95? Immer noch Rixdorf? Ich lebe mit keiner Frau zusammen und habe keine Kinder, beide Themen sind abgehakt. Das Geld, um mich abzuseilen, habe ich im Moment auch nicht. Schnelles Internet müsste aber schon sein.

Mein Traumziel, die Karibik-Küste Kolumbiens, habe ich noch nicht aufgegeben, obwohl dieselbe (sic) Küste in Venezuela weniger stressig wäre (äh… Drogenschmuggel und so, empfehlenswert nur für erfahrene Globetrotter) und die Frauen genauso ultraschön. Aber ich mag die Kolumbianer.

Einer der schönsten Gegenden, wo ich jemals war, ist aber zweifellos der Westen Guyanas in der Nähe der brasilianischen Grenze, nicht remote access, sondern eine im Sonne des Wortes wirklich remote area. Lonely Planet schrieb:
Dutch and British colonization made an indelible mark on Guyana, leaving behind a now dilapidated colonial capital, a volatile mix of peoples and a curious political geography. The country’s natural attractions, however, are impressive, unspoiled and on a scale that dwarfs human endeavor. Guyana has immense falls, vast tropical rainforest and savanna teeming with wildlife. (…) Right now, it’s the place for independent, rugged, Indiana Jones types who don’t mind visiting a country that everybody else thinks is in Africa.

Yeah. Well said, dude.

Vermutlich würde ich aber dort bald vieles vermissen, vor allem meine Freunde, oder auch meinen jährlichen Besuch in meiner alten Heimat (vgl. unten). Wenn ich jedoch noch einen Bestseller schriebe und das Flugticket Berlin-Georgetown aus der Portokasse bezahlen könnte, dann werde ich mir das noch einmal überlegen. Oder ich müsste eine reiche, kluge und reiselustige Frau kennenlernen, die alles bezahlte.

heimat

Das obere Foto zeigt den Blick von der Manari-Ranch auf die Rupununi-Savanne in Guyana (1982). Das untere Foto zeigt den Emscherquellhof in meinem Heimatort Holzwickede im Ruhrgebiet, aufgenommen an der Kreuzung Hauptstraße/Lünschermannsweg (2012). Im Hintergrund der Hixterwald, in dem ich als kleiner Junge mit meinem Großvater oft war.

Im Memoriam Wilbert Neuser

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Mein ältester Freund Wilbert Neuser ist in der letzten Woche im Alter von 60 Jahren an Lungenkrebs gestorben, nur ein halbes Jahr, nachdem er die Diagnose erhalten hatte.

Am 19.11.2011 hatten wir noch gemeinsam unser 40-jähriges Abitur-Jubiläum in Unna gefeiert. Als ich ein Jahr später einen Kurzurlaub in meiner Heimatstadt machte, haben wir uns wieder getroffen, da wusste er schon, dass ihm eine Chemotherapie bevorstand. Er hoffte noch, er würde die Krankheit besiegen können.

Man wird nachdenklich, wenn Gleichaltrige an Krankheiten sterben, die einen vielleicht auch treffen können (obwohl ich zum Glück nicht mehr rauche).

Wilbert hat ein ganz anderes Leben geführt als ich – er war Leitender Regierungsschuldirektor (2009) im Dezernat 43 der Bezirksregierung Arnsberg, kurz: im Schulamt. Vorher hatte er sich als Schulleiter im Reichenbach-Gymnasium in Ennepetal Meriten erworben. Eine fremde und ganz eigene Welt für mich – auf der sicheren Seite des Lebens.

Er hätte sich einen schönen Lebensabend machen können, zusammen mit seiner Frau, die ich schon genauso lange kenne – ich war Trauzeuge bei ihrer Heirat (das muss 1971 oder 1972 gewesen sein).

Ich verdanke ihm meinen ersten Einstieg in die Politik – als Schüler fuhren wir zusammen in die Universitätsstadt Münster und demonstrierten gegen die NPD. Wilbert hatte damals schon Kontakte zur APO. Zu dritt waren wir die einzigen Demonstranten, die den damaligen Bundeskanzler Hans-Georg Kiesinger (CDU, NSDAP, Mitgliedsnummer 2633930) störten, als der 1969 in Unna aus diesem Balkon eine Rede hielt. Unser Klassenkamerad Volker Borbe (der nicht mehr aufzufinden ist) hielt ein selbst gemaltes Schild in die Höhe: “Hallo PG!” So etwas schwieg damals die Lokalpresse natürlich tot.

Ich war damals “Chefredakteur” der Schülerzeitung “Eselsohr” des Pestalozzi-Gymnasiums Unna, und Wilbert war der “Politikredakteur”. Wir haben gemeinsam die Politik an unserer Schule im Rahmen unserer Möglichkeiten kräftig aufgemischt. Sein Artikel “Die Protestierenden werden gebeten, den städtischen Rasen nicht zu betreten – Oder: Sicherheit durch Recht und Ordnung” (1969) sorgte für großen Unmut bei den Lehrern. Er schloss mit dem immer noch aktuellen Satz: “Was tun gegen den Terror von Rechts?”

Eselsohr

Ausriss (klicken zum Vergrößern): “Das Eselsohr” Nr. 15, 1969, Schülerzeitung des Pestalozzi-Gymnasiums Unna, Bild oben: Wilbert Neuser, ebd.

Wir kannten uns seit 1965 – 48 Jahre, eine unfassbar lange Zeit, die aber in der Rückschau schrecklich schnell vergangen ist. Am 5. März letzten Jahres haben wir noch in der Rohrmeisterei Schwerte seinen 60-sten Geburtstag, gefeiert, da war er noch quietschfidel. Wilberts Sohn Fabian arbeitet dort als Koch.

Was bleibt, sind Erinnerungen. Du wirst mir fehlen.

Foto unten: Sportabitur 1971. Ich (auf der Matte) versuche, möglichst elegant zu einer “Rolle rückwärts” anzusetzen. Wilbert steht daneben und scheint zu überlegen, ob er eingreifen sollte, falls mein Unternehmen nicht vom Erfolg gekrönt sein würde.)

sportabitur 1971

Charming Little Town Unna and Lady

UnnaUnnaUnnaUnna

Die entzückende Dame war eine Anglistik-Studentin, und es war kurz nach Mitternacht. Die Unnaer Kneipen schließen übrigens um zwei Uhr immer noch nicht. Welch ein Fortschritt zu meiner Jugendzeit!

Bei meiner Abreise regnet es in Strömen. Die Wettergötter waren mir offenbar gewogen in den letzten vier Tagen.

Instabile Situationen, Landluft und die Knechtschaft aus Überzeugung

Unna

“But now the situation is unstable and we can’t discuss this and resolve these issues” – wer kann das gesagt haben?
[ ] Angela Merkel in einem Interview mit MNB über die gegenwärtige Krise des Kapitalismus?
[ ] Louis van Gaal in einem Interview mit Russian.tv über den niederländischen Fußball?
[ ] Mullah Hadschi Halef Omar ben Hadschi abul Osama in einem Interview mit Tiv Beyti über die Kampfkraft Al Kaidas?

Auf jeden Fall wird man über den Nahen Osten durch Al Jazeera besser informiert als durch deutsche Mainstream-Medien – leider kann ich den Sender im TV in Berlin nicht empfangen. Und jeden Tag von Berlin nach Unna in ein Hotelzimmer zu fahren ist auch zu teuer.

Unna

Bei Familie Lategahn in Unna-Mühlhausen scheint noch alles krisenfrei zu sein: Das Möppkenbrot hat sich nicht verteuert, und die neuen Mittelschichten und Rentner, die die ländlichen Suburbs von Unna bevölkern, haben die Kohle, um sich politisch korrektes Fleisch zu kaufen.

Die protestantische Leitkultur fordert ja ein Styling des Alltageslebens bis ins Detail, weil alles bis ins Gewissen hindurchwirkt. Unsere Allzweckwaffe Karl Marx sagte über Esskultur und Political Correctness:
Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in L aien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt.

Unna

Heute werde ich mich noch einmal ins Nachtleben von Unna stürzen; die Schwester der schon erwähnten schnuckeligen Jura-Studentin soll im Spatz und Wal bedienen, sagte man mir. Hmm…lecker.

By the way: Wer soll eigentlich den Zeichensalat aka Schilderwald am Unnaer Markt lesen? Da könnte ja ein Linguist eine ganze Doktorarbeit drüber schreiben.

Charming Little Town Unna, Miscellaneous Revisited

UnnaUnna

Ich wusste gar nicht, dass es eine Invasion der Ossis in Unna gab, jedenfalls eine kulinarische. Das Beitrittsgebiet ist ja für alles mögliche bekannt, nicht aber für anspruchsvollen Geschmack, die Speisen betreffend. Der Senfladen Unna (empfehlenswert) führt jedweden Senf, aber der ist fast ausschließlich aus Thüringen (Ausnahme), auch wenn “Unnaer Senf” draufsteht. Auf die Geschäftsidee muss man erst mal kommen. Die schon erwähnte Currywurst stammt auch von dort.

Meine neue Stammkneipe in Unna heisst Spatz und Wal, nicht nur wegen der liebreizenden Jurastudentin mit kastanienrotem Haar, die dort in atemberaubenden Tempo mehrere Dutzend Gäste bedient und einen leckeren Anblick bietet. Sogar ein paar Punks und Redskins sah ich dort. Empfehlenswert!

Ich fahre jetzt los, um Möppkenbrot zu kaufen.

Charming Little Town Unna nachts um halb eins

Unna

….und die Kneipen sind immer noch voll. Hätte ich nicht gedacht.

Bestimmen Sie dieses Holzwickeder Korn!

HolzwickedeHolzwickedeHolzwickedeHolzwickedeHolzwickede

Die wohlwollenden Stammleserinnen (gibt es die überhaupt?) und die geneigten Stammleser werden die meisten der heutigen Motive wiederkennen. (Guckst du hier und hier).

Man kann das als Hobby-Ethnologe auch boshaft ausdrücken: Die heutigen deutschen Bewohner einer kleinen Kleinstadt (Unna ist eine große Kleinstadt, mein Geburtsort Holzwickede eine kleine) sind dicker als früher und fahren dickere Autos. Sie kleiden sich ohne Accessoires einer Subkultur, es muss halt “praktisch” sein. So sieht das dann auch aus. Es muss sich niemand auf dem Single-Markt der Eitelkeiten behaupten: somit entfällt die Kunst des Stylens vollends (oder das Resultat des Bemühens ist mir nicht aufgefallen, dann war es eh ein epic fail).

Kleine Frage am Rande: Wissen alle geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser sofort, um welche Kornsorte (wir sind noch im Ruhrgebiet) es sich bei dem dritten Bild von oben oben handelt? Oder geht der Blog-Lesende Großstädter davon aus, dass Kühe blau und weiß gescheckt sind und die Länge der Ähren mit der Relevanz einer Frisur zu vergleichen sind?

Auf dem zweiten Bild von unten ist der Dortmunder Fernsehtum am Horizont zu erkennen. Der ist rund 20 Kilometer von Holzwickede entfernt. Das untere Foto habe ich von hier aus nach Westen aufgenommen – man sieht im Hintergrund den Emscherquellhof.

Charming Little Town Unna, Miscellaneous

UnnaUnna

Ich wollte noch miscellaneous die Frage beantworten, was Frauen in Unna manchmal so anziehen. Ich habe extra darauf geachtet.

Ich fahre jetzt mit dem Rad nach Holzwickede. Ähm. Mal sehen, was passiert: “Nach den gestrigen regional unwetterartigen Starkregenfällen formiert sich heute bereits die nächste Gewitterzone. Sie überquert das Land von Süd nach Nord, wobei vor allem im Osten erneut Unwettergefahr besteht.”

Charming Little Town Backside

UnnaUnnaUnnaUnna

“Neoliberal handelt der chinesische Staat, indem er die Versorgung von Kranken, Arbeitslosen und Rentnern ihren Familien überläßt, damit sie die Profitrate nicht in Mitleidenschaft ziehen und um die Familien zu zwingen, Wanderarbeiter abzustellen, die ihr Überleben gewährleisten. Der Kapitalismus müsse sich ‘seinen Opfern widem, damit sie stillhalten’, schrieb Paul Mattick, ‘aber das System wird diese Verlusten nur tragen’, wenn die Produktivität genug Wert für die Kapitalakkumulation abwerfe. Werden die Profite ‘von den Kosten der Erhaltung der nicht-produktiven Bevölkerung aufgezehrt’, höre ‘das Kapital auf, als Kapital zu fungieren.’ Demzufolge wäre der Tod aller Rentner, Arbeitslosen und Kranken aus marktwirtschaftlicher Sicht ein Gewinn.” (Rainer Trampert: Das neue Akkumulationsmodell, in: Hermann L. Gremliza (Hg.): “No way out? 14 Versuche, die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise zu verstehen”, S. 140)

Man muss sich eine “gemütliche” Kleinstadt auch leisten können. In der charming little town Unna zum Beispiel gibt es kaum Wohnungen für arme Singles – “aber nur diese werden vom Jobcenter des Kreises Unna finanziert.” Was machen also die, die aus dem kapitalistischen Arbeitsmarkt herausfallen (werden) oder eine nur kleine Rente haben?

Arme können sich die Preise in den Straßencafes und sonstigen Orten zum Chillen nicht leisten. Das kleinstädtischen Innenleben wird daher von der Mittelschicht geprägt und deren Kindern. Die anderen sieht man erst gar nicht. (Was eigentlich sagen die Piraten dazu? Wozu studieren wir die ehernen Gesetze des Kapitalismus, und wo soll das alles enden?)

Zahlreiche Läden in der Bahnhofstrasse Unna stehen leer – die Kleinbourgeoisie scheint in Schwierigkeiten zu sein. Kein Wunder. Dafür gibt vier “Bäckereien” – Läden, die so genannte Backwaren verkaufen, die aber nach Pappe schmecken.

Dann doch lieber eine Currywurst, und die wird in einer (noch) reichen Kleinstadt wie Unna nicht auf Papptellern serviert, sondern auf Porzellan, das aber so aussieht wie die Pappe, in der in Berlin die Wurst zu liegen hat (ich hätte das gute Stück beinahe in den Mülleimer geworfen – zum Glück fiel mir auf, dass es ungewohnt schwer war).

BTW altautonomer: Where is the fucking Bahnhofskiosk?

Unna

Charming Little Town Unna

UnnaUnnaBurksBurks

Iljon Tichy hätte seine wahre Freude daran gehabt: Wie fotografiert man sich selbst, wenn man gerade von einer Webcam erfasst wird? Ja, ich ich bin der Kerl im schwarzen Hemd und auch der ohne. Die Werbung habe ich nicht abgeschnitten: In den Räumen des Heilpraktikers steht die Marktcam Unnas, die Buchhandlung Hornung gab es schon zu der Zeit, als ich noch Gymnasiast war, und muss sich heute einer fetten Filiale der Katholen-Firma Weltbild erwehren, und das Café Extrablatt ist beim bevorzugter Platz zum öffentlichen Chillen in meiner Heimatstadt. Das Foto unten zeigt übrigens den traurigen Vorplatz der Evanglischen Stadtkirche – die Tafel, die an Philipp Nicolai erinnert, der Pfarrer in Unna war, wurde gestohlen, was mir schon im letzten Jahr erzählt wurde, und ist immer noch nicht ersetzt worden.

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Gerade schüttet es hier – ein heftiges Gewitter, was nach der Schwüle zu erwarten war. Die Frage der wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser steht natürlich im Raum, was Burks mit seinem Aufenthalt in seiner Heimatstadt bezwecke, das doch viele andere Orte näher lägen und auch leichter zu erreichen gewesen wären?

Hömma, das ist die Frage nach dem nostalgischen Faktor. Ein Kurzurlaub im Beitrittsgebiet zum Beispiel, so schön Gegend an sich auch sein mag, kommt nicht in Frage: Die Sprache an sich hört sich ungewohnt und doof an; da laufen auch zu viele bekloppte kackbraune Kameraden herum, und überhaupt. Jede Kleinstadt ist ohnehin ähnlich: Mehr oder weniger simuliert sie eine Dorfgemeinschaft, die aber nicht durch gemeinsames Handeln herstellt, sondern durch “Sich-gegenseitig-Bekucken”. Ich kenne das aus Mexiko: Man flaniert abends über die Plaza und guckt aus, wer mit wem oder nicht.

Also doch lieber Ruhrpott. Wenn ich mir das Publikum hier so ansehe: Im Unterschied zu Berlin-Neukölln dominieren das kurzärmlige karierte Männerhemd, Smartphones für alle und für Frauen… das habe ich vergessen. Ich habe aber ein paar sehr knackige Mädels in Hotpants erblickt. Aber ich weiß nicht mehr, was die sonst noch anhatten. Muss ich morgen noch mal hingucken.

Gestern sprach mich eine ganz attraktive mittelalterliche Dame an, die neben mir im Café Extrablatt saß, weil die Kellnerin ihr ein Eis über den Kopf geschüttet hatte (versehentlich) und ich sie darob mitfühlend anlächelte, ob das Buch, was ich gerade lese, eines der psychologischen Art sei, was ich verneinte. Es stellte sich dann heraus, dass sie Liebeskummer hatte, weil sie ihren Mann aus der Wohnung geworfen hatte und er nicht zurückgekommen war, worauf ich den männlich-logischen Einwand vorbrachte, wenn man jemanden herauswürfe, aber erwarte, dass dieser Jemand zurückkehre, sei das – was der Lateiner so nenne – ein Contradictio in adiecto, was die Dame mit dem unschlagbaren Argument konterte, so dächten Frauen eben.

Ihre Freundin, der sie ständig ihr Herz ausschüttete, war wirklich sehr schnuckelig. Leider kam ich der nicht näher, weil sich beide Damen alsbald entfernen mussten. Allerdings zwangen sie mir noch die beiden Ramazotti auf, die der OberKellner ihnen nicht nur wegen des Eises in den Haaren gebracht hatte, sondern weil er meinte, gegen Liebeskummer helfe nur viel Alkohol.

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