Lebenszeichen oder: Ein Recht auf eine zweite Chance

“DAß eine produktion möglich ist, in der wenigstens über Banken und Großkonzerne nicht länger privatkapitalistisch verfügt werden konnte, daran hörte ich nicht auf zu glauben (…). Ich hielt fest an dem, was ich bei meinem Lehrer (..) gelernt hatte. Nämlich daß der dialektische Materialismus die Natur der Dinge selbst, beziehungsweise ihre Zusammenhänge, allein nicht erklärt. Er ist nur ein Modell, ein Arbeitsmodell, das wir uns machen, um gewisser Phänomene und Zumutungen Herr zu werden; wie die Religionen es waren, die Kirche, der Kapitalismus, das Dezimalsystem, die Kausalität. Aber eben als solches hat der Sozialismus ein Recht auf eine zweite Chance, Bedenkt man, wie viele andere Modelle immer wieder scheiterten und noch heute scheitern und trotz ihrer ungeheuren Opferzahlen immer wieder ins Geschäft gebracht wurden und werden.

Ich dachte: Es ist egal, wenn der Kapitalismus uns nach Art einen dritten Kriegs ein drittes Mal an die Wand fährt. Du wirst es nicht mehr erleben. Aber wir wurden immer weniger. (…)

’89 gaben die letzten Kommunisten, die von Hitler und Stalin am leben gelassen worden waren, ihr Experiment rechtzeitig auf. Jetzt irgendwann und nicht erst nach dem Dritten Weltkrieg würde sich die Chance ergeben, es noch einnmal und besser, damit zu versuchen. Und ein drittes Mal. Vielleicht in hundert Jahren. Daß der Kapitalismus, wenn er sich aus den ihm verdankten Massengräbern wieder erhob, immer nur wieder zum gleichen Ende kam, ungeheurer Reichtum auf der einen, wachsende Armut und Hungerlöhne auf der anderen Seite, und das selbst in den reichsten Ländern, daß sie’s am Ende doch noch begriffen, die armen Leut.’”
(Hermann Peter Piwitt: Lebenszeichen mit 14 Nothelfern, Wallstein-Verlag)

Klassenkampf, literarisch gesehen, oder: Der Feind im Inneren

klassenkampf

Neu in meiner Bibliothek: David Peace: “GB84″ bei Liebeskind.

Wikipedia: “This is a fictional portrayal of the year of the UK miners’ strike (1984–1985). It describes the insidious workings of the British government and MI5, the coalfield battles, the struggle for influence in government and the dwindling powers of the National Union of Mineworkers. The book was awarded the James Tait Black Memorial Prize for literature in 2005.”

(Tut mir leid, die deutschen Wikipedia-Artikel zum Thema “Klassenkampf” sind meistens unpolitisch und treffen auch nicht den Kern der Sache. Allein die Tatsache, dass der Begriff “Klassenkampf” offenbar nicht vorkommen darf, sagt schon genug aus. Der Deutsche wird eben mit der antikommunistischen Schere im Kopf schon geboren – die muss später erst duch das Lesen von Burks’ Blog operativ entfernt werden.)

Euan Ferguson hat das Buch im Observer rezensiert:
His research has been scrupulous, comprehensive, awesome. Working from cuttings libraries in Japan, where he now lives, he has painstakingly reconstructed the ways in which the strike was provoked and fought and broken. (…) We learn, or we remember, how the strike was provoked: how the 1983 election majority gave the Tory government carte blanche to change the country in any way it decided

Sukhdev Sandhu schreibt im Telegraph:
GB84 is a horrible novel. Dark to the point of being dystopic. Joyless and unremittingly nasty. A bloated profanosaurus that seems even longer than its 460 pages, it is obscene, almost entirely lacking in humour, and repetitive to the point that most readers’ eyes will glaze over. (…) He wants us to feel the era viscerally as much as to understand it intellectually. Reportage soon gives way to jeremiads. There’s barely a comma in the whole book. Each sentence is like a jab between the eyes. We search in vain for someone with whom we can identify, but it’s almost impossible.

Ich glaube, das Buch wird mir gefallen. “Jeder Satz ein Stoß in die Augen.” Har har. Dass es überhaupt solche Bücher gibt und dass es sie nicht in Deutschland gibt, beweist wieder einmal den jämmerlichen Zustand der deutschen Literatur, die die Arbeiterklasse und den Klassenkampf total ignoriert und sich stattdessen mit den Befindlichkeiten der Mittelklasse beschäftigt.

Das Buch sollte eigentlich auch Pflichtlektüre eines jeden deutschen Gewerkschaftlers sein; die sind aber vermutlich zu sehr mit ihren “Tarifpartnern” beschäftigt. “Wilde Streiks” und Klassenkampf sind bei deutsche Gewerkschaftsfunktionären so populär wie Kinderpornografie.

Auf meiner Einkaufsliste für den nächsten Monat steht Rafael Chirbes: “Am Ufer“. Chirbes hatte ich hier schon zitiert: “Die Lektüre von Marx hat mir geholfen zu begreifen, was jede Gesellschaft am meisten bewegt. Um ein guter Schriftsteller zu sein, sollte man sich einen Standpunkt erarbeitet haben. Ich bin, trotz aller Verbrechen, die in Marx’ Namen verübt wurden, Marxist und Materialist. In einer Zeit, in der die Religion den meisten Leuten egal ist, in der es keine Ideale mehr gibt, bleibt einem keine andere Wahl.”

Ein deutscher Schriftsteller, der so etwas öffentlich zu sagen wagte, würde hierzulande sofort geächtet und vom Feuilleton ignoriert. Genau so funktioniert die Schere im Kopf. Ich nenne das freiwillige Selbstkontrolle Zensur. Die funktioniert viel effektiver als Zensur seitens der Obrigkeit.

Smoooooth

Nur mal ein völlig unpolitisches Posting. Das (Norman Brown: “That’s the Way Love Goes”) habe ich mir heruntergeladen und lausche jetzt dem Stream schon vier Stunden. Infinite loop. Das nenne ich entspannende Musik. Dum dideldum.

Seterra

Seterra

Gute Science Fiction erkennt man daran, dass sie zeitlos ist. Nur wenige Autoren schaffen es, diesem Anspruch gerecht zu werden. Stanislaw Lem natürlich, der in einer eigenen Liga spielt; Wolfgang Jeschke mit “Der letzte Tag der Schöpfung” zum Beispiel – mit der beste SF-Roman, den ich kenne. Vermutlich habe ich das Buch schon fünfzig Mal gelesen oder noch öfter.

Ich habe mir gestern antiquarisch noch den dritten Band von Bernd Kreimeiers “Seterra” zugelegt. Die Trilogie besitze ich schon seit den 80-er Jahren, aber der letzte Teil war irgendwie verloren gegangen, vermutlich verliehen und nicht zurückbekommen.

“Seterra” gehört auch zu den grandiosen zeitlosen Zukunfts-Entwürfen, die, obwohl schon 1986 erschienen, heute noch aktuell und lesbar sind. Bei Kreimeier kommt hinzu, dass “Seterra” fast ausschließlich innerhalb eines Raumschiffes spielt und sehr technisch geschrieben ist, aber dennoch alle Details “stimmen”. Sogar bei den Computern gibt es keine Brüche. Die Dialoge sind manchmal ein bisschen hölzern, aber die Bücher strotzen nur so vor interessanten Ideen und spannenden Details. Im dritten Band findet auch noch eine Revolution statt, was ich natürlich besonders aufregend finde. “Seterra” steht für mich auf einer Stufe mit Fassbinders “Welt am Draht“.

Ich wundere mich nur, dass es über den Autor keinen Wikipedia-Eintrag gibt. Ich finde auch sonst kaum aussagekräftige Fundstellen. Ich würde ungesehen alle SF-Romane Kreiemeiers kaufen, aber offenbar hat er nach “Seterra” keine mehr geschrieben. Schade.

Das Wachstum und der Krähwinkel

Morgenpost

Deutsche Kulturbilder der Berliner Morgenpost Februar 1931 – diese “Postkarte” ist eine Quittung der Berliner Morgenpost “über 60 Pfennig für die 10. Woche vom 08.03. bis 14.03.1931″.

“Der neugeborene Mensch ist eine Zellen-Großeinheit. Jener ist ein ‘Krähwinkel’, jener ein ‘Berlin’”. Neu in meinen Wortschaft importiert: “Krähwinkel“. Laut Wörterbuch der deutschen Sprache:
Krähwinkel Ortsname, auch Kra-, Kreh-, Kran-, Kram-, Grauwinkel, eigentl. ‘Ort, wo Krähen nisten’, übertragen ‘provinzielle, spießbürgerliche, schwatzhafte Kleinstadt’; literarisch zuerst bei Jean Paul (1801), dann bei Kotzebue (1803).

Hell

“Hell”, I tell her, “is where all the interesting people are.” (Hannu Rajaniemi: The Quantum Thief)

Das Buch wurde mir vom Literatur-Dealer meines Vertrauens empfohlen. Ein brillianter Plot – aber extrem schwieriges Englisch. Für mich sehr mühsam zu lesen, aber vermutlich auch unübersetzbar.

Ingeburg aka Tom und das stille Haus

Tom wittgen

Ich las gerade die kurze “Blaulicht”-Erzählung “Das Stille Haus” von “Tom Wittgen“, der in Wahrheit kein Mann ist, sondern Ingeburg Siebenstädt.

Blaulicht” ist übrigens offenbar ein DDR-Wort für “Kriminalgeschichten”.

Ich wollte den Inhalt rezensieren, als mir auffiel, dass das noch niemand getan hat. Wirklich? Da müssen die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser ran. Wieso soll ich immer alles machen… Außerdem ist das Sujet extrem selten und wäre so im Westen ohnehin nicht veröffentlicht worden (wegen der politischen Selbstzensur der Verlage in der alten BRD [sic]).

Originell ist auch das Autorinnenfoto: Warum und zu welchem Ende lässt ich jemand mit einem Telefonhörer in der Hand ablichten? Rätselhafte DDR-Sitten und Gebräuche!

Natürlich wäre auch im Westen eine Frau, die ein männliches Pseudonym wählte, öffentlich gesteinigt von der Political correctness gebrandmarkt worden. Das tut man frau nicht.

Das stille Haus

Keine andere Wahl

“Die Lektüre von Marx hat mir geholfen zu begreifen, was jede Gesellschaft am meisten bewegt. Um ein guter Schriftsteller zu sein, sollte man sich einen Standpunkt erarbeitet haben. Ich bin, trotz aller Verbrechen, die in Marx’ Namen verübt wurden, Marxist und Materialist. In einer Zeit, in der die Religion den meisten Leuten egal ist, in der es keine Ideale mehr gibt, bleibt einem keine andere Wahl.” (Rafael Chirbes, spanischer Schriftsteller)

Kann man sich solche Sätze von einem deutschen Schriftsteller vorstellen – nach dem Fall der Mauer? Stefan Heym ist ja leider tot. Und ich bin nicht bekannt und habe noch zu wenig Romane geschrieben.

Triage oder: Burasi bekleme yeri değildir

Triage

Ich hätte nicht gedacht, dass ich meinen Wortschatz noch würde erweitern können, zumal ich annahm, ich kennte mindestens so viele Wörter wie Jacob und Wilhelm Grimm, Johann Wolfgang von Goethe oder Thomas Mann oder sogar noch mehr (zum Beispiel “Internet”).

Da ich während des Studiums Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch gelernt habe, sind mir auch Wörter und Formen nicht fremd, die niemand mehr gebraucht, die aber noch korrekt wären. Mein Opa, Bauernsohn und Bergmann, benutzte noch den starken Imperativ das starke Imperfekt von “fragen” – “frug” -, und nannte eine Jacke für Männer “Wams”. Dafür hätte er mit “Sneakers” nichts anfangen können.

Gestern begegnete mir “Triage“: “Die Triage (frz. trier ‚sortieren‘), deutsch auch Sichtung oder Einteilung, ist ein aus der Militärmedizin herrührender Begriff für die – ethisch schwierige – Aufgabe, etwa bei einem Massenanfall von Verletzten oder anderweitig Kranken darüber zu entscheiden, wie die knappen Mittel (personelle und materielle Ressourcen) auf sie aufzuteilen seien. Es handelt sich dabei um ein Stratifikationsverfahren vor erster Diagnose.”

Jetzt muss ich etwas einschieben. Wie meine Freunde schon wissen, arbeite ich drei Mal in der Woche als Sicherheits-Verantwortlicher in der – oft turbulenten – Rettungsstelle eines großen Berliner Krankenhauses, das im Einzugsbereich von gleich zwei so genannten “Problembezirken” liegt – nur Nachtschichten und die zwölf Stunden. Das bessert meine Finanzen auf, gibt mir Zeit, um meine zwei (oder waren es drei?) Bücher in der freien Zeit zu schreiben und löst auch die von den wohlwollenden Leserinnen und geneigten Lesern schon oft heimlich erörterte Frage, warum der Betreiber dieses gesellschaftlich irrelevanten Blogs, das vom deutschen Blogger-Mainstream komplett und zum Glück ignoriert wird, vor einiger Zeit die Sachkundeprüfung nach § 34 a Gewerbeordnung abgelegt habe und auch noch Kampfsport betreibe. Nein, ich bekomme mehr als den Mindestlohn.

Der Job ist spannend, aber manchmal auch sehr anstrengend, zumal ich der einzige Security-Mann dort bin. Es gibt keine festen Regeln und keine “Dienstanweisung”, und ich muss alles selbst herausfinden. Ich muss nur das medizinische Personal beschützen entlasten und für Ordnung sorgen. Eigentlich müsste man Psychologie und Völkerkunde studiert haben, Türkisch und Arabisch können, Sozialarbeiter sein, Nerven wie Drahtseile haben, sich mit den Risiken und Nebenwirkungen aller bekannten psychotrophen Substanzen für den Publikumsverkehr auskennen, und natürlich auf gestresste und bis zum Hals mit Adrenalin vollgepumpte junge Männer einschüchternd beruhigend wirken oder auf Jugendliche, die nicht wissen, dass man sich mit Alkohol auch umbringen kann.

Daher begegnete mir “Triage” – das steht dort auf einer Tür, und das ist dort auch das Thema.

Jetzt muss ich etwas einschieben in den Einschub: Wie mir neulich berichtet wurde – sogar Namen wirden genannt -, gibt es in den Berliner Journalistenvereinen immer noch Charaktere, die mich bis aufs Blut hassen und die jede Gelegenheit ausnutzen, gegen mich zu intrigieren oder die versuchen, mir eins auszuwischen, aus Rache dafür, dass sie mich während der turbulenten Zeit im DJV Berlin nicht kleingekriegt haben und weil ich danach Recht behalten habe mit dem Zitat meines Hausphilosophen Georg Christoph Lichtenberg: “Es gibt manche Leute, die nicht eher hören können, bis man ihnen die Ohren abschneidet.” Denen, die mich hassen, aber sage sich: Wieviel ist sieben Tage geteilt durch zwei? Genau. Burks arbeitet immer noch als Journalist und Schriftsteller, es gibt keinen Grund zu versuchen, mich wieder ausschließen zu wollen, weil man theoretisch nur Mitglied des DJV sein kann, wenn man “hauptberuflich” als Journalist werkelt.

Jetzt habe ich ganz vergessen, worüber ich eigentlich bloggen wollte. Hatte ich die zahlreichen hübschen Ärztinnen und Krankenschwestern schon erwähnt? Ich trinke jetzt erst einmal Kaffee, den ich bitter nötig habe.

Wenige und Viele

kühlschrank

“Man kann mit vielen Leuten Abendbrot essen, aber nur mit wenigen frühstücken.” (Gelesen in Dorothea Kleine: “Annette”, Rostock 1987)

Heimatroman, DDR-Version

Romanzeitung

Je älter ich werde, um so interessanter finde ich es etwas zu erfahren, von dem ich irrig meinte, schon alles zu wissen. Man lernt nie aus und immer was dazu.

In den späten siebziger Jahren, in den wilden Zeiten der FU Berlin, studierte ich u.a. Germanistik und war – neben Altgermanistik – spezialisiert auf DDR-Literatur. Ich habe damals alles von dort gelesen, was mir unter die Finger kam – von Hermann Kant (empfehlenswert: “Die Aula”) bis Stefan Heym, von Franz Fühmann bis Karl-Heinz Jacobs (großartig und innovativ: “Die Interviewer”), von Volker Braun bis Jurek Becker, der auch heute noch einer meiner Lieblingssschriftsteller ist (“Amanda herzlos” – der beste Roman über das Thema “Frauen und Männer”, den ich kenne).

Was ich damals nicht merkte war, dass im Westen nur diejenigen verlegt wurde, die irgendwie in “Opposition” zur DDR waren oder dort Probleme bekommen hatten, wozu nicht viel gehörte. Wer andere nicht für sich denken ließ, war schon suspekt. Man wurde automatisch im Westen bejubelt, wenn man sich “Schriftsteller” nannte und etwas gegen den so genannten “Sozialismus” in der DDR verlautbarte. Hilfsweise genügte auch eine Gitarre, wenn man das Wassser nicht halten konnte.

Kant war ein brillianter Schreiber, politisch aber ein Reaktionär und ein Teil des Gesäßes, den ich hier nicht näher bezeichnen will, jemand, der sein festgemauertes Weltbild seit den frühen fünfziger Jahren nicht mehr verändert hat. Franz Fühmann, eine konvertierter Nazi, faszinierte mich besonders. An einigen seiner Erzählungen biss ich mir die Zähne aus: “Marsyas” hatte ich mir als Thema für das mündliche Examen in Germanistik ausgewählt, weil ich damals – wie übrigens heute auch – nicht richtig verstand, was Fühmann mir damit sagen wollte, und die Prüfer waren demgemäß so begeistert von dem schwierigem Sujet, was sie sichtlich überforderte, so dass sie mir ohne großes Zögern und Zaudern die Bestnote gaben. Volker Braun war damals der Favorit der ultralinken Maoisten (zu denen ich gehörte) im Westen, weil er kompromisslos bis an die Grenze des in der DDR Erlaubten ging und darüber hinaus und – obzwar unstrittig ein überzeugter Linker – die gesellschaftlichen Widersprüche im “realen Sozialismus” als unlösbar schilderte.

Eine Freundin, die im Beitrittsgebiet aufgewachsen ist, hat mir neulich ein paar schmale Hefte geliehen – die Roman-Zeitung, von der ich noch nie etwas gehört hatte. Jochen Hauser – seine Bücher über die “Familie Rechlin” hatten 300.000 Auflage in der DDR? Nie davon gehört, weder von ihm noch von seinen Büchern.

Ich wurde neugierig, zumal auch der Preis für einen Roman – 80 Pfennig Ost – eigentlich der Alptraum eines Schriftstellers ist, den kapitalistischen Markt und die üblichen Margen der Verleger vorausgesetzt (bei guten (!) Konditionen kriegt der Autor zehn Prozent des Verkaufspreises). Haben wir hier eine DDR-Bonsai-Version von Readers Digest oder so? “Die Roman-Zeitung kostete 80 Pfennig und wurde nicht im Buchhandel, sondern am Zeitungskiosk verkauft. Es handelte sich um eine besonders preiswerte Methode, mit geringem Aufwand Nachauflagen begehrter Titel in hoher Stückzahl zu produzieren. Vereinzelt erschienen jedoch auch Originalausgaben und Erstübersetzungen.” Aha. Eine Art Ost-Literatur-Aldi also.

Ich schlug die “Familie Rechlin” auf, ich las und gähnte alsbald. So etwas auf dem literarischen Niveau von “Jerry Cotton“, aber ganz ohne Spannung, oder “Der Bergdoktor“, nur eben mit Proletariern, was an sich ein Fortschritt ist, wenn man Trivialliteratur ernst nimmt, was man tun sollte.

Die Frauen kicherten. Ingelore erklärte Steffi, daß die Brigade für einen Museumsbesuch drei Punkte im sozialistischen Wettbewerb erhalte, Theater bringe zwei Punkte, Kino nur einen. Museum sei also das Attraktivste. Aber es müßten mindestens zwei Drittel der Brigade den Besuch gemeinsam unternehmen, “sonst güldet es nichts”, wie sie grinsend sagte.

Die Helden möchten in Neubauwohnungen ziehen, tun das auch, die Kneipen haben Butzenscheiben, extrem spießige Prüderie ist gesetzt, alle Männer haben kurze Haare wie bei Norman Rockwell oder Jehovas Zeugen. Mich gruselte es zunehmend. Ich kriege dann immer klaustrophobische Gefühle.

Jetzt spielte die Kapelle einen alten Marsch. Männer aus der Nachbarnische sangen laut mit. René kniff die Augen zusammen und sah, wie sich Steffi an ihren Mann schmiegte.

Der reiche Förster vom Silberwald kam um die Ecke geritten, hatte ein Heinz-Rühmann-Grinsen auf den Lippen, und verlobte sich mit der Tochter des armen Fischers. Und der Arbeitersohn bezog eine türkis gestrichene Neubauwohnung mit Blümchentapete und heller Holzvertäfelung, trat in die Partei ein, plante eine Reise nach Ulan-Bator im Kollektiv, aß Letscho und war glücklich, und wenn er nicht gestorben ist, dann noch heute.

Nun gut, auch der so genannte Sozialismus in der DDR brauchte vermutlich Trash-Literatur. John Norman hätte man nicht übersetzt – der ist ja zum Teil heute noch in Deutschland verboten, also nicht auf der Ladentheke erhältlich. Verbote von Büchern sind Teil des gemeinsamen kulturellen Erbes in Ost- und Westdeutschland.

Und jetzt die gute Nachricht. Die “Familie Rechlin” des Bestseller-Autors Jochen Hauser verhält sich – das befürchte ich – nicht anders als Max und Lieschen Mustermann sich in der DDR ganz real verhalten haben. Insofern ist die Lektüre erhellend. Aber Literatur ist das nicht.

Guerilla, aufgemerkt!

google

Ich habe neulich, wie schon erwähnt, “Hostages” von Stefan Heym gelesen. Man stelle sich nur vor, wie heute der Widerstand gegen einen faschistischen Staat, eine Militärdiktatur oder nur gegen ein unterdrückerisches Regime aussehen würde, trügen die Guten Smartphones. Die Bösen würden jederzeit wissen, wo sie sind und wer mit wem Kontakt hat. Wer also eine Revolution plant, sollte darauf verzichten. (Ja, man kann das Feature auch ausstellen – in Maßen.)

Nicht giftig

kneipe

Vermutlich hat sie nicht gemerkt, wie ich sie gemustert habe. Ihr Lachen war ein wenig zu laut, als sei sie sich unsicher, dass es an diesem Ort passend war. Eine bildhübsche Studentin in einer waschechten Proletarier-Kneipe, morgens um sieben Uhr in Rixdorf.

Sie wirkte wie ein rosa Baby-Flamingo, der in einen Hühnerstall geraten ist. Und neben ihr dieser Kerl im Fischgrätmantel, dem die Attitude des Briebswirtschafts- oder Jura-Studenten aus den Knopflöchern quoll. Beide redeten ununterbrochen aufeinander ein, und nur pseudophilosophische Weisheiten auf Glückskeks-Niveau und anderen unsinnigen Smalltalk, als wenn sie sich nicht nicht trauten, einfach miteinander ins Bett zu gehen.

Sie tranken etwas Grünes, das giftig aussah, aber offenbar ein Mode-Getränk ist, was “man” jetzt trinkt, und sie gab mir generös – auf Kosten ihres Begleiters – einen aus, weil ich fragte, was das sei. Ich war müde und leicht angetrunken und beobachtete lieber, anstatt sie anzuflirten, was im Beiseins des Fischgrät-Jungspunds lustig und bestimmt unterhaltsam gewesen wäre.

Ich habe mir die Szene notiert – daraus kann man einen Roman-Anfang drechseln… Ein Grund mehr, in solche Kneipen zu gehen. Da trifft man auf zwei Quadratmetern mehr Charaktere als auf einem Hektar in den Etablissements der alternativgrünen Mittelschichten.

Eiszeit oder: Wir Jungdeutschen

winter

“Lederpreise verlassen ihre bisherige Lethargie.”
“Wahrscheinlich infolge des größeren Knutenbedarfs.”
Georg Weerth: Der Buchhalter (1845-48, zuerst veröffentlicht im Aufbau-Verlag (DDR), 1957/58)

Ja, wir leben wieder einmal in einer Reaktionsära, wie schon unsere Vorfahren nach der gescheiterten Revolution 1848. Ich hatte das Biedermeier-Zeitalter hier schon erwähnt, und die Grünen sind dessen typischen milieuspezifischen Vertreter. Man und frau zieht sich ins Private zurück, wird wieder “romantisch” und pflegt die Primeln und die Datschen. Zeitflucht nennt man das. Die immer mehr um sich greifende ultrareaktionäre Sexualmoral à la Alice Schwarzer passt dazu wie der dämliche Gesichtsausdruck zu Pofalla und Konsorten. Lesen wir hier weiter:

Während so mancher Frühromantiker, etwa Tieck, in Sachen Zeitflucht den Spätromantikern in nichts nachstand, das Biedermeier auf Genauigkeit gerne den Stumpfsinn folgen ließ, versuchte eine Handvoll Schriftsteller in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts, mit Literatur etwas Sand ins Getriebe des Obrigkeitsstaats zu streuen. Man nannte sie die “Jungdeutschen“, und zu ihnen zählten neben Karl Gutzkow, Friedrich Freiligrath und Heinrich Laube eben auch Georg Weerth, dessen “Skizzen” aus den Jahren 1845-48 in verschiedenen Zeitschriften erschienen, ein Drittel blieb aus politischen Gründen lange ungedruckt.”

Ja, den Weerth haben sie nach dem Krieg im Westen nicht gedruckt, das musste die DDR tun. Er gehörte auch dem Bund der Gerechten an, “ein Vorläufer und die Keimzelle der späteren sozialistischen und kommunistischen Parteien Europas und der Welt.” (Nein, ich distanziere mich nicht vom Bund der Gerechten.)

Die DDR war unzweifelhaft nach dem Faschismus das bessere Deutschland, dummerweise voll mit Leuten, die vorher eben Nazis waren und nur die Fahne nach dem Wind drehten. Und dann diese so genannten Arbeiterführer, die aus Moskau eingeflogen wurden. Das musste schon von Anfang an schief gehen, was ja auch geschah.

Es wird einen neuen Versuch geben, vielleicht erst in 100 Jahren. Leider werden zur Zeit die kollektiven linken Traditionen, die bis zum Bauernkrieg im 16. Jahrhundert zurückreichen, verschüttet und verdrängt. Die Nachgeborenen werden wieder alles neu aufarbeiten müssen. Und vermutlich wird die Alternative zum Kapitalismus auch nicht zuerst in Europa ausprobiert werden, und mit den Deutschen zuallerletzt.

Der Autor dieser unmaßgeblichen Zeilen wird aber sein Leben lang “Jungdeutscher” bleiben und mit Literatur, Kryptografie und Bloggen etwas Sand ins Getriebe des Obrigkeitsstaats streuen.

winter

Der Geschmack des gemeinen Volks

volkstümlich

Dilegua, o notte! Tramontate, stelle!
Tramontate, stelle! All’alba vincerò!
Vincerò! Vincerò!
(Arie des Prinzen Kalaf in “Turandot” von Giacomo Puccini)

Ich schaue nur selten fern, meistens um einzuschlafen, also früh am Morgen. Deswegen würde ich bei jeder Quizsendung, bei der es darum geht, Leute zu kennen, die man nur aus dem Fernsehen kennen kann, wie der letze Depp dastehen. Paul Potts (Bild links) habe ich zufällig bei Youtube gefunden, als ich nach “Flashmobs” suchte und mir dann seine “first audition” angesehen habe. Und von Susan Boyle (Bild rechts) hatte ich noch nie was gehört.

Diese so genannten “Talentshows” sind aus völkerkundlicher soziologischer Sicht sehr interessant. Sie leben von einem Versprechen, was im Unterbewusstsein des gemeinen Volkes schlummert: Man könne die Klassenschranken überwinden, wenn man sich nur bemühe. (Nein, es geht überhaupt nicht darum, des eigenen Glückes Schmied zu sein.) Wer “berühmt” ist und viel Geld verdient, hat den sozialen Aufstieg geschafft. Umgekehrt funktioniert das genauso: Der typische Mittelschichtsdiskurs handelt davon, wie man sich von denen da untern abzugrenzen habe, durch Disziplin, Erziehung, Wissen. Das sind natürlich Illusionen, aber davon lebt die Welt. Die Medien im kapitalistischen Zeitalter haben die Aufgabe von der Religion übernommen, die Leute ruhig zu halten, indem sie ihnen ständig vor Augen führen, dass man die eigene bescheidene Lage verbessern könne, wenn man sich nur anstrenge. Die meisten Leute wollen eh am System nichts ändern, sie wollen nur, dass es ihnen selbst nicht schlechter geht als den Nachbarn.

Ich lästere auch nicht wirklich über “Unterschichtenfernsehen”. Das gibt es gar nicht, nur für die Propheten des gehobenen Spießbürgertums wie Harald Schmidt. Das gilt auch für alle Diskussionen über “Geschmack”. Sehr hübsch sagt man über Simon Cowell, der die Mutter aller Talentshows in Großbritannien produziert:
Für Politik interessiert er sich ebenso wenig wie für gutes Essen oder jede Art von Hochkultur. “Ich bin ein Mann von durchschnittlichem Geschmack”, vertraute er einmal dem Playboy in einem Interview an. Er bevorzuge Pizza und Burger und sehe lieber den “Weißen Hai” oder “Raumschiff Enterprise” als “irgendwelche polnischen Filme mit Untertiteln”. Doch genau darin sieht er das Rezept für seinen Erfolg: “Wenn mir etwas gefällt, dann stehen die Aussichten sehr gut, dass es auch anderen gefallen wird.”

Nur in Deutschland unterteilt man Literatur noch in “hohe” Literatur und “triviale”. Im angelsächsischen Sprachraum ist das völlig absurd. Das Proletariat, also die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, kommt in Kunst, Kultur, Fernsehen und Romanen, die in Deutschland produziert werden, so gut wie nie vor. Wann haben die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser zum letzten Mail ein Buch gelesen, das im Arbeitermilieu spielt – etwa wie Goldsborough von Stefan Heym? (Irrelevant für das deutsche Wikipedia.) Die Mittelschicht produziert sich selbst. Das ist so albern wie ein Schriftsteller, der einen Roman schreibt, in dem alle handelnden Personen Schriftsteller sind. (Hat Walser nicht so was geschrieben?)

Der doppelte Wortsinn von “gemein” bringt das auf den Punkt.
gemein Adj. ‘gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, gewöhnlich, niedrig gesinnt, niederträchtig, unfein, unanständig’. Das germ. Adjektiv ahd. gimeini ‘zuteil geworden, bestimmt, gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, übereinstimmend, zugleich’ (8. Jh.),(…) got. gamains ‘gemeinsam, unheilig’ gehört wie lat. commūnis ‘gemeinsam, gemeinschaftlich, allgemein, gewöhnlich’ (s. Kommune, Kommunismus)

Eben. Aus der Perspektive der Herrschenden und der Mittelschichten sind das Volk und dessen Geschmack “gemein”; die Armen da unten haben die (relative) Not gemeinsam. Weitere lingistische Details und warum in einem etymologischen Wörterbuch bei “gemein” irgendwann “Kommunismus” kommt, überlasse ich dem gemeinen Leser und der gemeinen Leserin zu erörtern.

What Will Matter

Ready or not, some day it will all come to an end.
There will be no more sunrises, no minutes, hours, or days.
All the things you collected, whether treasured or forgotten, will pass to someone else.
Your wealth, fame, and temporal power will shrivel to irrelevance.
It will not matter what you owned or what you were owed.
Your grudges, resentments, frustrations, and jealousies will finally disappear.
So, too, your hopes, ambitions, plans, and to-do lists will expire.
The wins and losses that once seemed so important will fade away.
It won’t matter where you came from or what side of the tracks you lived on at the end.
It won’t matter whether you were beautiful or brilliant.
Even your gender and skin color will be irrelevant.
So what will matter? How will the value of your days be measured?
What will matter is not what you bought but what you built; not what you got but what you gave.
What will matter is not your success but your significance.
What will matter is not what you learned but what you taught.
What will matter is every act of integrity, compassion, courage,
or sacrifice that enriched, empowered, or encouraged others to emulate your example.
What will matter is not your competence but your character.
What will matter is not how many people you knew but how many will feel a lasting loss when you’re gone.
What will matter is not your memories but the memories that live in those who loved you.
What will matter is how long you will be remembered, by whom, and for what.
Living a life that matters doesn’t happen by accident.
It’s not a matter of circumstance but of choice.
Choose to live a life that matters.
(Michael Josephson)

Heute abend kein TV [Update]

Der Tatort ist heute Kinderfernsehen. Ich werde stattdessen eine Schankwirtschaft aufsuchen.

[Update] Verkehrt. Ich gucke nicht Kinder-Tatort, sondern Sex und Gewalt.

Für gute Arbeit in der Frauenkommission

crusadersFrauenkommission

Mit fiel auf, dass ich, obwohl ich etwas anderes behauptet hatte, doch nicht alle Bücher Stefan Heyms besitze. “The Crusaders” erschien 1948 in Boston, unter dem Titel “Kreuzfahrer von heute” 1950 in Leipzig. Derartige Bücher kaufe ich gebraucht, weil sie ihre eigene Geschichte mit sich herumtragen. Dieses hier:

Gewerkschaft Unterricht und Erziehung, Kreis Annaberg, “Für gute Arbeit in der Frauenkommission” Dez. 1962

Es würde mich schon interessieren, welche “Frauenkommission” das gewesen ist und was die so getan hat im Jahr eins nach dem Mauerbau…

Prisoners

prisoners

Vor ein paar Tagen habe ich mir, zusammen mit meiner Lieblingsfreundin, “Prisoners” vom kanadischen Regisseur Denis Villeneuve angesehen. Ich lese vorher möglichst wenig Kritiken, damit ich nicht voreingenommen bin, und in diesem Fall wusste ich überhaupt nicht, was mich erwartete. Der Plot, naja, Hollywood eben: Familie wird auseinandergerissen und kommt wieder zusammen. Wie immer halt.

Ich wurde aber auf’s Angenehmste überrascht: “Prisoners” ist ein nervenzerreißender Thriller, der einen keine Sekunde langweilt (außer den ersten drei Minuten natürlich, in denen ein heiles US-amerikanisches Kleinstadt-lower-middle-class-Leben geschildet wird). Und nicht nur das: Man muss sich auch noch mit unbequemen moralischen Fragen herumschlagen, die niemand beantworten kann. Kurzum: Ganz großes Kino, auch wenn der Mainstream es ebenso empfiehlt. Unbedingt empfehlenswert.

Welt online schreibt: “Prisoners gehört zu jener Sorte Film, die einen gefangen nehmen fast im wörtlichen Sinn: Man fühlt sich als Geisel, dazu verdammt, im Kinosessel festgenagelt alles mitzumachen bis zum befürchtet-bitteren oder dem erhofft-erlösenden Ende.” Aber noch mehr: Wenn man denkt, man habe den Plot so einigermaßen begriffen und sei nicht in alle Whodunnit-Fallen getappt (nein, Dover (Hugh Jackman) ist nicht der Täter, obwohl diese unwahrscheinlichste aller Lösungen zwischendurch auch kurz plausibel wird), wird es erst richtig spannend.

Simon Weaving auf Screenwize.com meint (via Rotten Tomatoes): “his moody police procedural with Jake Gyllenhaal in sublime form may be nearly three hours long, but it’s worth every minute.” Genau so ist es. Christopher Orr von The Atlantic sagt es so: “well beyond the comfort zone of the typical Hollywood product”.

Ja, eine Entführungsgeschichte: Väter suchen Töchter. Wie weit würde man gehen, um herauszufinden, wo sie sind, wenn man jemanden in seiner Gewalt hat, von dem man glaubt, dass er der Täter ist – und wenn die Polizei vermeintlich nur schlampig ermittelt? Auch der Polizeiermittler Loki (Jake Gyllenhaal) ist als Figur sehr vielschichtig und ein grandioser Gegenspieler des Helden. Wir hatten das Thema in Deutschland in den Medien und an den Stmamtisch – im Daschner-Prozess; juristisch geht es um § 104 des Grundgesetzes (der vielen im Wortlaut gar nicht bekannt ist und von der Polizei oft ebenso missachtet bzw. umgangen wird).

“Prisoners” ist, wie der australische Standard schreibt, zweifellos “one of the best films of the year”.

Wenn man etwas kritisieren könnte, dann nur die Tatsache, dass der Film ziemlich anspruchsvoll ist und sogar an meine Grenzen ging, was Gewalt angeht (ich dachte, ich hätte keine). Im Kino unseres Vertrauens saßen ein paar Reihen hinter uns ein paar junge Männer mit ihren Tussys, die ständig quatschten, lachten und rausrannten, um zu telefonieren. Vermutlich mussten sie so die unerträgliche Spannung kompensieren, oder sie verstanden gar nicht, worum es ging. Das hörte erst auf, als ich meine Stimme erhob und etwas pädagogisch Wertvolles sagte (junge Männer, auch der arabischen und türkischen Art, reagieren auf energische Ansprachen, wenn die glaubwürdig rüberkommen.)

Gleichzeitig hatte eine wunderschöne junge Dame, die überraschenderweise allein im Kino war, schon die Aufsicht geholt, die aber nicht mehr eingreifen musste. Ich kam mit ihr nach dem Ende des Films noch ins charmante Gespräch. Ich mag energische Frauen, die auch noch schön und klug sind (sie hatte gerade ihr Studium beendet und war frisch nach Berlin gezogen.) Leider waren unsere Pläne, was den Rest des Abends anging, nicht kompatibel. Immerhin besitzt sie jetzt meine Telefonnummer, ich aber nicht die ihre, weil ich vergaß, danach zu fragen. What a pity…

Diese jämmerlichen Figuren

“…bis dann der PW [prisoner of war] sich endlich aufbäumt und ausruft: “Was wollen Sie eigentlich von mir? Was konnte ich denn tun! Ich bin doch nur ein kleiner Mann. (…)

Nur ein kleiner Mann. Das Kleine-Mann-Thema wird in den ganzen Krieg hindurch beschäftigen (…).Die kleinen Leute, die Armen, die Unterdrückten, sind ja seine Leute; mit ihnen hat er sich immer solidarisiert, denn er hat gewußt, welche Kraft sie sind, geeint: wer war es denn, der die Bastille stürmte und den Winterpalast, wenn nicht die kleinen Leute? Aber wo war nun das andere, das wahre Deutschland, von dem er geträumt und geredet und geschrieben hatte? Sollten es diese etwa gewesen sein, diese jämmerlichen Figuren, die immer nur gekuscht hatten und, nach eigenem Geständnis, in jedesmal eigenen Worten vor ihm abgelegt, nie auch nur auf den Gedanken gekommen waren, nach der eigegen inneren Überzeugung zu handeln, sich zusammenzutun, in den Betrieben, in der Armee, wo immer sie eine Macht hätten sein können, und wenigstens einen Versuch zu unternehmen zu Widerstand, Streiks, Meutereien, Sabotage: Nur ein kleiner Mann – das entband sie ihrer Verantwortung, als Einzelne, als Gruppe, als Nation. (…)

Es hat Jahre gedauert, und ich mußte erst wieder unter Deutschen leben, bis ich verstand (…) und bis ich die Manipulierbarkeit des Menschen durch den Menschen in ihrer ganzen Vielfalt begriff.”

(Stefan Heym in seiner Funktion als US-amerikanischer Offizier über die Vernehmung deutscher Kriegsgefangener 1944 in der Normandie, aus: “Nachruf“)

Sehr aktuelle Sätze…

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