Das Mädchen und der Soldat

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Illustration (Ausschnitt): Heinz Kruschel: Das Mädchen Ann und der Soldat, Militärverlag Berlin 1964 (Illustrationen von Rudolf Grapentin; auch auf russisch) (Kleine Erzählerreihe Nr. 63)

Nein, ich hatte nicht erwartet, gleich zu Beginn eines Buches, das im Militärverlag der DDR erschienen ist, eine nackte Frau zu sehen, und dazu noch eine so hübsch gezeichnete, die eine Sex-Szene illustriert. Die Heldin ist eine selbstbewusste, politisch denkende und emanzipierte junge Frau, die einen Alt-Nazi zum Vater hat, der ihr verbieten will, einen Soldaten der Nationalen Volksarmee als Freund und Mann zu nehmen, der wiederum sozialistisch bis zur Schablone im Sinne der DDR denkt und meint.

Das hört sich langweilig an, ist es aber nicht. Ganz im Gegenteil: Ich habe das Buch mit Vergnügen gelesen, obwohl es irgendwie “trivial” ist. Man hat das Gefühl, ein eingeschlossenes Insekt in einem Bernstein zu betrachten. So etwas wird es nie wieder geben, aber man muss das als Linker kennen, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ich würde Lehrern das Buch auch für den Deutschunterricht empfehlen. Man kann damit wunderbar die DDR erklären – und die Hoffnungen, die mit ihr verbunden waren. Aber vermutlich würde man heute Probleme mit der Schulaufsicht, den Kollegen und den Eltern bekommen, wenn man derartige Bücher durchnähme. So “frei” sind wir im wiedervereinigten Deutschland.

Nach dem Sex sagt das Mädchen: “Kommt jetzt der übliche Schmus? Ich liebe dich, ach Gott. Laß dir doch was anderes einfallen. Lieben ist eine Erfindung der Alten. Die Insel, der Mond, das Mädchen, was? Und schon steckte der Soldat eine neue Eroberung in die Brusttasche seines Ehrenkleides, pipapo… eine Zigarette könnte ich jetzt rauchen.”

Ganz schon abgebrüht. Solche Dialoge muss man im Jahr 1975, als das Buch in der DDR erschien, in der Literatur der West-BRD erst einmal suchen. (Damals durfte man im Westen noch nicht einmal “BRD” schreiben – das war verboten, es musste “Bundesrepublik” heißen.) Das Buch hat mir eine Freundin geliehen, weil ich als Wessie die Schriftsteller der DDR, die nicht zu den im Westen gefeierten “Kritikern” gehörten, gar nicht kannte und kenne. Als DDR-Schriftsteller wurde man im Westen nicht bekannt, wenn man gut schrieb, sondern wenn man etwas gegen den “Sozialismus” und seine typisch deutschen Risiken und Nebenwirkungen hatte (ausufernde und lähmende Bürokratie, Zensur, “verkirchte” Parteidisziplin, Gewalt gegen Reformenansätze usw.), oder wenn man – wie Stefan Heym und Christa Wolf – in einer eigenen Liga spielte.

Die Volksstimme schrieb am 16.12.2011 zu Heinz Kruschels Tod:
“Er förderte junge Poeten und schreibende Arbeiter, kümmerte sich um Schaffensprobleme und um Wohnungsnöte der Kollegen, setzte sich für sie ein und bezog einen klaren Standpunkt im Verband der Schriftsteller, in den Verlagen und später auch in den Vereinen.”

Ein klarer Standpunkt an sich ist nicht unbedingt etwas Gutes. Jehovas Zeugen haben auch einen klaren Standpunkt. Ich hätte doch zu gern gewusst, um welchen es sich bei Kruschel handelte. Vielleicht wissen ja die wohlwollenden Leser und geneigten Leser aus dem Beitrittsgebiet mehr.

A general all-round arggghhh

arggghhh

Ich mag generell keine “lustigen” Filme oder gar “Komödien”. Ausser vielleicht “One Flew Over the Cuckoo’s Nest” (den ich für einen der besten Filme – wenn nicht den besten – aller Zeiten halte und bei dem das “Lustige” nicht primär ist) oder Groundhog Day (auch nicht).

Elias Canetti schreibt in “Masse und Macht” (eines der besten Bücher, das jemals geschrieben wurde):
Es scheint, daß die Bewegungen, die vom Zwerchfell ausgehen und fürs Lachen charakteristisch sind, eine Reihe von inneren Schlingbewegungen des Leibes zusammenfassend ersetzen. Unter Tieren gibt allein die Hyäne einen Laut von sich, der unserem Lachen wirlich nahekommt. Man kann ihn künstlich erzeugen, indem man einer gefangenen Hyäne etwas zum Fressen vorsetzt und dann rasch entzieht, bevor sie Zeit zum Zupacken hatte.

Lachen oder Lächeln können also auch eine unbewusste Agression sein oder eine Variante derselben. Deswegen traue ich auch keiner erwachsenen Person über den Weg, die mich ständig anlächelt, obwohl es keinen Grund dafür gibt. (Irgendwie schweife ich ab.)

Über Robin Williams, der gerade gestorben ist (“einer der beliebtesten Schauspieler bei Kindern”), schreibt der Guardian: “What was he afraid of? ‘Everything. It’s just a general all-round arggghhh. It’s fearfulness and anxiety.’”

Das kann ich sehr gut verstehen. Keine Sorge: Ich trinke und rauche nicht. Und ich würde mich auch nicht – wie der von mir sehr verehrte Hemingway – wegen Schreibstörungen und sonstiger Depressionen erschießen. (Ich hätte nur gern eine Finca auf Kuba wie dieser.)

And Now for Something Completely Different. Wieso gelingt es mir nicht, die stille Schönheit des Rixdorfer Richardplatzes nachts um kurz nach drei Uhr fotografisch festzuhalten? Das Foto sieht doch arggghhh aus.

Nach mehreren Stunden angeregter Diskussion im Linus mit einem guten Freund über: den Islam und die Türkei, Hypertext Transfer Protocol Secure (HTTPS, burks.de demnächst darüber erreichbar), all die Irren in der Rettungsstelle eines Krankenhauses, in der ich manchmal als “Security” arbeite, Frauen an sich, insbesondere die Begehrenswerten (nein, kein Link), die Kommentatorinnen meines Blogs und ob sich dahinter Männer verbürgen? verbergen, gemeinsame Freunde und deren Probleme, wann demnächst zu Grillen sei sowie die allgemeinen Weltläufte. Jetzt ist es gleich vier Uhr, und ich bin kein bisschen müde. Für Sex fehlt die Partnerin. Arggghhh. Vielleicht noch ein bisschen in Secondlife herumballern Rollenspielen? Ich fürchte, für den Schwertkampf 2.0 bin ich jetzt schon zu langsam…

Google Home view aus Daffke

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Nur so aus Daffke. (Herkunft: seit dem 20. Jahrhundert bezeugt; Entlehnung aus dem Rotwelschen dafko “durchaus, absolut”, das seinerseits dem Westjiddischen דװקא‎ (YIVO: dafke(s), davke(s)) “nun gerade, erst recht” entstammt, welches wiederum auf das Hebräische דַוקָ(א)‎ (CHA: daṿḳā(ʾ)) ‚ nur so (und nicht anders), durchaus‘ zurückgeht; die deutsche Wendung beruht auf der Hypostasierung einer satzwertigen Partikel.)

Der rasende Reporter – Weltbürger und Kommunist

Kisch

“Egon Erwin Kisch gilt als einer der bedeutendsten Reporter in der Geschichte des Journalismus. Nach dem Titel eines seiner Reportagebände ist er auch als ‘der rasende Reporter’ bekannt”, schriebt Wikipedia.

Die englische Wikipedia-Version fügt gleich zu Beginn hinzu: “Kisch was noted for his development of literary reportage and his opposition to Adolf Hitler’s Nazi regime.” Gegner Hitlers zu sein oder gar Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschland – was Kisch war – ist offenbar für die Deutschen nicht so wichtig, dass man gleich mit der Tür ins Haus fallen müsste.

Kischs intensives soziales und politisches Engagement (nicht zuletzt seine lebenslange Bindung an die Ideale der kommunistischen Bewegung) hatte bereits zu Lebzeiten wesentlichen Einfluss auf die Rezeption seiner Werke. Als exponierter Antifaschist wurde Kisch im nationalsozialistischen Deutschland nachhaltig aus dem kollektiven Bewusstsein gelöscht – wie viele der deutschsprachigen Exilautoren, deren Bücher 1933 verbrannt worden waren.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und Kischs Tod im Jahr 1948 blieb der ‘rasende Reporter’ in der Zeit des Kalten Krieges westlich des Eisernen Vorhangs jahrzehntelang vergessen. In der DDR zählte er als sozialistischer Autor zum Kanon, seine Werke wurden laufend neu aufgelegt, in einer Gesamtausgabe zusammengefasst und waren trotz der Inanspruchnahme durch die staatstragende SED jahrzehntelang auf den ostdeutschen Bestsellerlisten vertreten.

Wozu so ein “Unrechtsregime” doch gut sein kann!

Leider können sich die Toten gegen posthume Ehrungen nicht wehren. Den Egon-Erwin-Kisch-Preis gibt es ja nicht mehr; er wurde jetzt nach Henri Nannen benannt. Vermutlich wäre es nicht im Sinne der in Deutschland üblichen freiwilligen politischen Selbstkontrolle, einen Journalistenpreis nach einem Kommunisten zu benennen. Wo kämen wir denn da hin!

Ich empfehle alle Bücher von Kisch. Wenn man die zum Teil kurzen, also heute noch Internet- und Blog-tauglichen Reportagen liest, bekommt man auch einen Eindruck, was damals “rasend” bedeutete. Heute wäre die Treue zum Detail und die nachdenkliche Attitude für die Rezipienten ungewohnt “langsam”, weil man gewohnt ist, die Dinge, die Kisch beschreibt, als Film vorgeführt zu bekommen. So ätzend, wie Kisch formulieren könnte, traut sich auch heute noch kaum jemand:

Als in Amerika die Urwälder fast überall dem Erdboden gleichgemacht, beinahe alle edlen Tiere erlegt, die Indianer mit Branntwein und Flintenkugeln nahezu ausgerottet worden waren, zäunte man ein Stückchen ein und schuf den Yellowstonepark. Dann zeigte man ihn der Welt, zum Zeichen des pietätvollen Verständnisses, das das angeblich so nüchterne Amerika der Natur entgegenbringe, und konnte ruhig den Rest der Urwälder, der Indianer und der Tiere vernichten. Wir hingegen haben Weimar. (Der Naturschutzpark der Geistigkeit – in: Hetzjagd durch die Zeit, Aufbau Verlag, Berlin (DDR) und Weimar 1983)

Der letzte Satz – die Pointe – fällt wie ein Hammer auf einen Amboss. Klaus Jarchow schrieb 2008 auf netzwertig.com” über Kisch und wie er seine damaligen Kollegen beeinflusste: “Nun dominierten für einige Jahre in allen Redaktionen die ‘Pflastertreter’ über die ‘Sesselpuper’ – auch wenn das besagte Pflastertreten heutzutage oft genug darin besteht, als braver Pudel politischer Interessen sich im Café Einstein mit jenen mundgerechten Info-Häppchen füttern zu lassen, die man später in die Tastatur erbricht.”

Well said. Wäre das denkbar – heute im Zeitalter der Sesselpuper -, dass ein bekennender – und geistig unabhängiger – Kommunist eine Stelle als Reporter bei einem deutschen Mainstream-Medium bekäme? “So kommt es, dass die Blogosphäre zu einem Zufluchtsort der Reportage werden konnte”, schreibt Jarchow. Ich warte darauf…

Spatial

waffe

Der Mann, der diese Waffe benutzte, ist gestorben. Ist eher ein Rätsel für ältere Leserinnen und Leser….

Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate!

TV-Novosti: “A mysterious giant crater has been discovered in a remote part of Siberia, dubbed by locals ‘the end of the world’, and is now puzzling scientists.”

Ich denke da an Dante (der übrigens ganz großartig ist und zum humanistische Bildungskanon gehört).

Captain Phillips

Captain PhillipsCaptain Phillips

Eine Filmempfehlung: Captain Phillips “aus dem Jahr 2013. Der Film thematisiert den Piratenangriff auf die Maersk Alabama.”

Von der ersten bis zur letzten Minute ultraspannend, keine Längen. Realistisch. Großartige Schauspieler, neben Tom Hanks als Kapitän vor allem auch Barkhad Abdi als Anführer der somalischen Piraten und Faysal Ahmed als allzeit kurz vor dem Durchdrehen agierender bad guy.
Captain Phillips
Ich habe den Film im Original gestreamt gesehen. Die Somali aus Puntland werden nicht snychronisiert, was die Sache noch authentischer macht.

Natürlich singt der Film ein Hohelied auf die US-amerikanische NAVY und die Navy SEALs, aber es bleibt im Rahmen des Erträglichen. Auch die Motive der Piraten werden erläutert; sie sind nicht die holzschnittartigen bad guys, wie man das in solchen Filmen erwartet. “Captain Phillips” ist kein Rambo-Film.

Aus Neugier habe ich noch nachgesehen, wer der Clan der Darod ist, der diesen Teil Somalias beherrscht und habe mich über Mohammed Abdullah Hassan informiert, der vor einiger Zeit etwas ähnliches wie die heutigen Piraten machte, nur ein paar Nummern größer. Ein Action-Film, der mich klüger macht? Was will man mehr!

Andererseits ist “Captain Phillips” ein Film ohne Systemkritik. Man könnte ihn als eine filmisch freie Dokumentation nehmen. Ich werde ihn also vermutlich nicht im Kino ansehen, es sei denn, eine attraktive Dame lüde mich dazu ein.

By the way: Warum macht kein deutsche Regisseur solche Filme? Just saying’.

Früchte des Zorn oder: Hooverville ist überall

steinbeck“Hast du schon mal ‘nen Polizisten gesehen, der keinen fetten Hintern hat? Und sie wackeln damit, daß ihre Revolver auf und ab hüpfen. Mutter”, sagte er, “wenn’s das Gesetz wär’, das uns was will, dann würde ich mir’s gefallen lassen. Aber ‘s ist nicht das Gesetz. Sie hauen auf uns ein und wollen uns die Seele aus dem Leib hauen. Sie wollen, daß wir kriechen und uns krümmen, wie’n geschlagener Hund. Sie wollen uns kaputtmachen. Und, mein Gott, Mutter, da kommt ‘ne Zeit, wo einer nur noch seine Anständigkeit behalten kann, wenn er so ‘nem Bullen eine in die Fresse schlägt. Sie haben’s auf unsre Anständigkeit abgesehn.”

Kann man sich vorstellen, dass ein deutscher Schriftsteller so etwas schriebe? Dass ein deutscher Verlag so etwas druckte? Man kann nur anständig bleiben, wenn man einem Bullen in die Fresse schlägt? Nein, das ist undenkbar. So etwas ließe die freiwillige politische Selbstzensur hierzulande nicht durchgehen.

Es finge schon viel früher an: Deutsche Schriftsteller beschäftigen sich zwar viel mit den emotionalen Befindlichkeiten der alten und neuen Mittelschichten, die Arbeiterklasse kommt aber gar nicht vor, und schon gar nicht die Frage, ob der Kapitalismus als System fragwürdig sei und ob es eine Alternative gebe. Das zu thematisieren ist nicht erlaubt.

Ich empfehle heute also einen ausländischen (!) Schriftseller und Nobelpreisträger und eines der besten Bücher, das jemals geschrieben wurde und das ein mehrsemestriges Studium der Geschichte der USA ersetzt: John Steinbecks Grapes of Wrath (deutsch: “Früchte des Zorns“, erschienen 1939).

steinbeck

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zum Roman ist übrigens grober Unfug und lässt völlig außer acht, dass es nicht um “Menschlichkeit” an sich geht, sondern um eine ätzende Kritik am kapitalistischen System.

Das englische Wikipedia schreibt: Set during the Great Depression, the novel focuses on the Joads, a poor family of tenant farmers driven from their Oklahoma home by drought, economic hardship, agricultural industry changes and bank foreclosures forcing tenant farmers out of work. Due to their nearly hopeless situation, and in part because they were trapped in the Dust Bowl, the Joads set out for California. Along with thousands of other “Okies”, they sought jobs, land, dignity, and a future. (…)

Part of its impact stemmed from its passionate depiction of the plight of the poor, and in fact, many of Steinbeck’s contemporaries attacked his social and political views. Bryan Cordyack writes, “Steinbeck was attacked as a propagandist and a socialist from both the left and the right of the political spectrum. The most fervent of these attacks came from the Associated Farmers of California; they were displeased with the book’s depiction of California farmers’ attitudes and conduct toward the migrants. They denounced the book as a ‘pack of lies’ and labeled it ‘communist propaganda’. Some accused Steinbeck of exaggerating camp conditions to make a political point. Steinbeck had visited the camps well before publication of the novel and argued their inhumane nature destroyed the settlers’ spirit.

Flüchtlingscamps. (Im Buch nennen die Fküchtlinge alle derartigen Camps “Hooverville“). Das haben wir doch schon mal gehört? Armutsflüchtlinge! Nur dass die im Buch von Oklahoma nach Kalifornien ziehen, somit keine “Ausländer” sind; heute ziehen die Armutsflüchtlinge von Südosteuropa und Afrika in die reichen Länder. “Früchte des Zorns” ist ein hochaktuelles Buch: Man sieht, dass sich fast gar nichts geändert hat, und dass auch die Leute, die Bücher lesen, daraus wenig lernen. Alles kommunistische Propaganda.

Manche Bücher kann ich nicht in einem Zug durchlesen, obwohl ich rasend schnell lese. “Früchte des Zorns” regt mich so auf (obwohl ich es schon kenne), dass ich das Buch zwischendurch eine Weile weglegen muss, um nachzudenken.

steinbeck

Der Roman beginnt in Sallisaw, Oklahoma, im sogenannten Dust Bowl. (Ich übersetze den Wikipedia-Eintrag in lesbares Deutsch:) Die Bauern hatten das Präriegras gerodet, um vornehmlich Weizen anzubauen. Die tiefen Wurzeln des Grases, dessen Halme den Staub auffingen, hatten die oberen Bodenschichten vor Erosion bewahrt. Jetzt setzte eine massive Erosion ein, jahrelange Dürren vernichteten die Ernten. Staubstürme wehten die Menschen in ihren Häusern ein. Viele Farmer mussten ihren Äcker verlassen, als sie kein Geld mehr hatten. Sie suchten oft in anderen Regionen der USA nach Arbeit.

Genauso sieht es heute in der Sahel-Zone in Afrika aus - mit ähnlichen Ursachen und exakt den gleichen Folgen.

Ein Plot sähe heute also so aus: Der Roman spielt während der so genannten “Finanzkrise” in den USA und Europa ab 2007. Das Buch beschreibt die Abeekus, eine arme Bauernfamilie, die von ihren Feldern in Libyen [wahlweise: Syrien, Irak] vertrieben wurde – durch Dürre und die Folgen des von den imperialistische Mächten geschürten Bürgerkrieges. Wegen ihrer fast ausweglosen Situation flüchtet die Familie nach Deutschland, zusammen mit tausenden anderer Afrikanern [wahlweise: Südosteuropäer, Syrer, Iraker]. Sie suchen eine neue Heimat, Arbeit, Würde, und eine Zukunft.

Was folgt, ist bekannt. Lest “Früchte des Zorn” selbst – oder noch besser das englische Original.

Hungerspiele

hunger games

Vor einigen Tagen habe ich mir auf einem Streaming-Portal meines Vertrauens (ja, ich wiederhole mich) “Die Tribute von Panem – The Hunger Games” angeschaut sowie den zweiten Teil The Hunger Games: Catching Fire (im Original, deshalb auch Links auf das englische Wikipedia).

Ich muss zugeben, dass ich überrascht war. Angesichts des kommerziellen Erfolges vermutet ich eher eine Hollywood-Mainstream-Fantasy-Soap-Opera und dergleichen oder einen Schrott wie “Game of Thrones”. (Rezensionen auf “Rotten Tomatoes”) Außerdem finde ich die Heldin Katniss weder sexy noch hübsch noch agiert sie intelligent – und sie schluchzt zu viel herum. Sie passt also nicht in mein Beuteschema. “Katniss ist damit die bis dahin erfolgreichste weibliche Heldenfigur der US-amerikanischen Kinogeschichte.” hunger gamesWTF?! Das sagt ja schon viel aus.

Dennoch musste ich über den Plot und wie er umgesetzt wurde, nachdenken, und ich wurde auch gut unterhalten. Das reicht mir schon, um die Filme insgesamt als positiv anzusehen und sie zu empfehlen.

Peter Suderman schreibt in “The Washington Times“: “that [m]aybe it’s a liberal story about inequality and the class divide. Maybe it’s a libertarian epic about the evils of authoritarian government. Maybe it’s a feminist revision on the sci-fi action blockbuster. Maybe it’s a bloody satire of reality television”, but concludes the film only proposes these theories and brings none of them to a reasonable conclusion.”

Das fasst genau das zusammen, was ich auch denke. Vieles könnte vielleicht so sein, was uns dazu zwingt, daüber zu theoretisieren, wie Filme beeinflussen – und ob. Manche Filme und Kunstwerke wirken ja ganz anders, als der oder die Erschafferin es sich dachte. Die Antwort ist wie immer: Filme und andere Medien (auch Burk’s Blog) bestärken das, was der Rezipient ohnehin denkt. Wenn ein feiger Reaktionär “the Hunger Games” anschaut, wird er (oder sie) nicht zum mutigen Revolutionär.

Ich liebe aber ganz besonders den “Showmaster” Caesar Flickerman (vgl. Screenshot oben rechts), genial gespielt von Stanley Tucci. Ich habe selten so eine ätzende medienkritische Satire auf das Fenrsehen und seine verblödende und systemerhaltene Wirkung gesehen. Einfach unglaublich gut und zynisch und zum Totlachen. Ich vermute aber, dass die Zuschauer von MDR, von DSDS und “Germanys next Topmodel”, Dschungelcamp und anderen so genannten “Unterhaltungssendungen” im deutschen TV gar nicht merken, wie “Caesar Flickerman” sie auf die Schippe nimmt, weil sie ihr eigenes Rezeptionsverhalten schon als “normal” ansehen.

hunger games

Nun zu den Frauen bzw. zu der Heldin Katniss. Die “Hungerspiele” sind – von mir aus gesehen – natürlich Kinderfilme. Die werberelevante Zielgruppe, die Devotionalien der Figuren, mit denen sie sich identifiziert, kauft, ist unter 20. Dementsprechend sind auch die medialen Abfallprodukte (vgl. Screenshot oben) an “Mädchen” (Was ist der beste Lippenstift?) und Jungen gerichtet. Von Emanzipation keine Spur. Ich sehe auch kein Rollenschema, das irgendwie kritisch oder interessant oder neu wäre. Frauen als “Kämpferinnen” kommen in Fantasy-B-und C-Movies schon lange vor. Die “Tribute von Panem” sind sogar noch reaktionärer als “Lara Croft”, weil Sex noch nicht einmal angedeutet wird (wegen der Zielgruppe und der US-calvinistischen Prüderie).

Die Filme lässt mich rätselnd zurück (dann sind sie sowieso gut). Man kann sie auch als Metaphern der Macht interpretieren: Wie den Untertanen von der herrschenden Klasse medial vermittelt wird, dass das System gut ist.

Revolutionär oder gar “links” sind die “Hungerspiele” jedoch nicht, weil sie nicht die Realität zeigen. Das trauen sie sich nicht, genausowenig wie in Elysium. Ausbeutung und Verblödung der Massen im Kapitalismus? Dürfen wir nicht zeigen. Also müssen wir das Thema in eine fantastische ferne Zukunft verlegen. Sonst kämen die Untertanen auf dumme Gedanken über ihre eigene Realität.

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Ich habe mir gerade auf einem Streaming-Portal meines VertrauensRiddick 3: Rule the Dark” (Genre: Action | Sci-Fi | Thriller) angeschaut. Fallen Leute, die solche Filme ansehen, auf diese Werbung rein, die drumherum spammt? Dann bin ich in sehr dämlicher komischer Gesellschaft…

Die Handschrift stirbt aus

Handschrift

Wir haben keine Chance, nicht zu leben

“Ich bin doch nicht einmal Sozialist. Ich wecke nur das Bedürfnis nach differenziertem Denken.” (Wolfgang Neuss) Der geniale Auftritt des Kabarettisten am 5 Dezember 1983 in “Leute” ist leider nicht online, nur in Ausschnitten. Sein letzter Auftritt in der UFA-Fabrik [der 2. Teil, u.a. über den "Tag der deutschen Geschlechtskrankheit" und den "Volksaufstand" in der DDR 1953] ist auch legendär. “Er ist nicht mehr mehrheitsfähig”.

Die Zukunft gehört dem Analphabetismus

Wissen bloggt: “Der Kapitalismus hat an gebildeten Menschen kein Interesse, denn er bemisst die Qualifikationen funktional und nicht kulturell.”

Ungezügelt intelligenter Herrenblick

herrenblick

Klaus Theweleits “Männerphantasien” (Reinbek 1980) sind immer noch eine Lesevergnügen wert. Ich empfehle zum Beispiel das Kapitel “Damm und Fluß – Das Ritual der Massenaufmärsche” (Bd. 1, S. 447).

Die Flut bekommt einen Namen. “Fahneneinmarsch” (codierter Strom). Ihr überschwemmendes element ist getilgt. man geht in ihr nichtunter,, aber erregend und faszinierend ist sieimmer noch. Ihr bedrohlicher Teil ist ihr sicher durch die Formierung genoimmen, die Verwandlung der Flüsse in “Säulen”, des fließenden “Weiblichen” in etwa starres “Männliches”. (…)

Der Faschismus übersetzt so innere Zustände in riesige äußere Monumente, Ornamente als Kanalisationssysteme, in die die Menschen in großer Zahl einfließen, in denen ihr Wunsch wenigstens im (monumental vergrößert) vorgeschriebene Bett fließen darf, in denen sie erfahren können, dass sie nicht isoliert und gespalten sind, (…) Daher ertragen diese Massen auch nicht, wenn nur ein Einziger neben den Blöcken marschiert.

Das stimmt nicht nur für den Faschismus, wie obige Fotos von Frauen in der chinesischen Volksbefreiungsarmee zeigen. Ich erspare mir den Hinweis auf “Massenaufmärsche” in der ehemaligen DDR…

By the way: Rudolf Augstein schrieb in einer Rezension 1977 über Klaus Theweleit: “Von der ‘ungezügelten Intelligenz’, die die Freiburger Professoren dem Doktoranden Theweleit bescheinigten, um ihm die Abhaltung eines Proseminars zu verwehren, geben beide Bände Zeugnis. So heißt der Untertitel des ersten Buchs: ‘Frauen, Fluten, Körper, Geschichte’.”

Microimplants

microimplants

Foto: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America

PNAS (via Spiegel online): “Wireless power transfer to deep-tissue microimplants (…) Advances in miniaturization paved the way for tiny medical devices that circumvent conventional surgical implantation, but no suitable method for powering them deep in the body has been demonstrated”.

Bei dieser Methode geht es darum, medizinische Geräte, die sehr klein und im Körper implantiert sind (vgl. Foto), drahtlos mit Energie zu versorgen. Das wurde bisher mit Hilfe der elektromagnetischen Induktion bewerkstelligt: “Unter elektromagnetischer Induktion (auch Faradaysche Induktion, nach Michael Faraday, kurz Induktion) versteht man das Entstehen eines elektrischen Feldes durch Änderung der magnetischen Flussdichte.”

We report a wireless powering method that overcomes this challenge by inducing spatially focused and adaptive electromagnetic energy transport via propagating modes in tissue. We use the method to realize a tiny electrostimulator that is orders of magnitude smaller than conventional pacemakers. The demonstrated performance characteristics far exceed requirements for advanced electronic function and should enable new generations of miniaturized electronic implants.

Spiegel online schreibt: “Sie verwenden einen Bereich des Magnetfeldes zur Energieübertragung, der größere Abstände zur Quelle erlaubt, auch Mittelfeld genannt. Dessen elektromagnetische Strahlung dringe mühelos durch jede Art von lebendem Gewebe, auch bei mehreren Zentimetern Dicke. Das Magnetfeld zur Energieübertragung wird dabei von Spulen erzeugt, die quasi auf der Haut aufliegen.”

Das ist IMHO nicht ganz richtig, auch das Wort “Mittelfeld” ist ungenau übersetzt. Wann man nach “Midfield and near-field power” aus dem Originaltext sucht, erhält man gleich Fundstellen zu den Quellen, von denen deutsche Medien gern abschreiben, ohne sie zu nennen, z.B. Motherboard: “We Can Now Wirelessly Power Tiny Electronic Devices Implanted in the Body” (lesenswert!)

The breakthrough comes thanks to the use of what the researchers are calling ‘midfield powering.’ Traditionally, wireless charging has used near field powering, which requires the power source and the thing being powered to be nearly touching, and advances have been made to allow wireless charging further away. Naturally, midfield powering occurs somewhere in between—perfect for having a power source outside the body and a device being powered in, say, your heart. (…)

Da haben künftige Sci-Fi-Autoren aber was zum Nachdenken und Schreiben. Es müssten ja nicht nur medizinscihe Implantate sein, sonder auch alles, was in Kreimeiers Seterra-Trilogie schon vorkommt und was sich George Orwell gar nicht hat ausdenken können. Das erinnert mich an Filme wie “Lockout “und natürlich an “Fortress – Die Festung“.

By the way und jetzt zu etwas ganz anderem: Ich wusste gar nicht, dass der Experimentalphysiker Michael Faraday zu den Sandemanianer gehörte. Das ist eine chistliche Sekte, die aus der Anglikanischen Kirche in England entstanden und in die Gruppe der Apostolischen Gemeinschaften einzuordnen ist. Daraus haben sich später die Neuapostolischen Gemeinschaften entwickelt, ein weiteres Sekten-Konglomerat, zu der auch die “Neuapostolische Kirche” (NAK) gehört, eine christliche Sekte, in der ich zwangweise aufgewachsen bin. Die NAK hält wohl den Rekord an Abspaltungen, und deshalb stehe ich bei Wikipedia auch in den Links zum Thema Apostolische Gemeinde Wiesbaden – über die hatte ich in meinem ersten Buch “Unter Männern” eine kurze Reportage geschrieben.

Die Reportage ist im Volltext auf spiggel.de – dem Vorläufer von burks.de – zu lesen: [[Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 1] [[Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 2][[Neuapostolische Kirche] Unter Aposteln 3].

Ich habe ja auch einen eingebauten Sektendetektor, der ausschlägt, wenn jemand in meiner Umgebung etwas Religiöses und/oder Esoterisches (z.B. Veganismus-Asketismus) sagt. Mir stehen dann sofort die Haare zu Berge.

Pompeii oder: Sandalenfilm, rewatched

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Sandalenfilme schaue ich mir schon seit vierzig Jahren an. Heute empfehle ich einen ganz besonders – den kanadischen Streifen “Pompeii (2014) von Paul W. S. Anderson, der auch “Resident Evil” gedreht hat. (Zu sehen auf putlocker.bz.*)

Warum und zu welchem Ende schaut man Sandalenfilme? Ich bin mit der Kritik des Feuilletons nicht einverstanden: “Pompeii” ist gut, sogar sehr gut – und unterhaltsam, wenn man die Grenzen des Genres a priori akzeptiert. Ich erwarte also nicht, dass sich Charaktere entwickeln, dass die moralischen Dilemmata komplizierter sind als bei einem albernen Comic-Strip oder dass ich vom Plot und dessen Ausgang total überrascht werden.

Pompeii mischt den “Gladiator” mit einem x-beliebigen Vulkanausbruch, also dem Katastropenfilm, quirlt ein wenig “Pferdeflüsterer” hinein, und die Liebesgeschichte ähnelt der in “Titanic”. Also alles schon mal gesehen. Jan Freitag hat auf Zeit online Kluges dazu gesagt (“Eine kleine Psychoanalyse des Katastrophenfilms” – “Es gibt viele Wege nach Armageddon”, aber alle sind ähnlich beschildert.”) und die Stuttgarter Zeitung erfreut mich mit dem lustigen, aber auch naheliegenden Titel “Einstürzende Altbauten”. (Nicht alle werden verstehen, worauf das anspielt.)

Kurz: Ich fand “Pompeii” um Klassen besser als “Gladiator“, vor allem weil der pathetische Schmalz der Familienzusammenführung im Jenseits nicht vorkommt. Die Bauten sind auch besser, und die Kämpfe auch. Ich mag die Detailverliebtheit, wenn man sieht, dass die Leute sich Mühe gegeben haben, alles authentisch aussehen zu lassen, auch wenn der durchschnittliche US-Rezipient die Antike vermutich nicht vom Mittelalter unterscheiden kann. (Die filmische Technik, das menschliche Auge zu narren, sit einfach überwältigend und grandios gemacht.)

Der Regisseur besinnt sich auf das Wesentliche – also das, was man aus anderen Sandalenfilmen kennt – und versucht nicht, einen höheren Sinn in den Plot hineinzuquälen. Man könnte höchstens kritisieren, dass im Gegensatz zu meiner Lieblingsserie “Spartacus: Blood and Sand” kein Sex vorkommt und alles so prüde bleibt wie in “Ben Hur”, und dass ein Tsunami, wenn es alles schon in Schutt und Asche liegt, komplett overkill und überflüssig ist.

“Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.” (Kurt Tucholsky) Das gilt natürlich um so mehr auch für “historische” Filme. Da weiß man, was man hat – und auch nicht hat.

*Ich erwarte von den medienkomptenten Leserinnen und Internet-affinen Lesern, dass sie sich von der Malware-verseuchten (Geschaftsidee!) Putlocker-Website nichts herunterladen (setup.exe!) und auch sonst höchste Vorsicht walten lassen und auch die dortigen Fake-Meldungen, was angeblich zu tun sei, schlicht missachten. Man kann die Filme dort trotzdem ansehen.

The Human Race – Race or die

The Human Race

Horrorfilme sehe ich mir nur selten an oder zufällig. Wenn aber – wie bei The Human Race – noch “Scifi” dabei steht, werde ich immerhin neugierig.

Ich bin überrascht. “The Human Race” ist einer der besten Horrorfilme, den ich jemals gesehen habe. (Übrigens wirklich nichts für zarte Gemüter). Seltsam, dass es so wenige Rezensionen gibt. Chris Bumbray schreibt auf joblo.com:
Seventy-nine random people who happened to be on the same city block, disappear in a flash of white light, and wake up in mysterious surroundings. They are told that they’ve been forrcibly entered into a marathon, where they’re forced to race through extensive terrain. If they leave the path they’ve been given- they die. If they’re lapped twice- they die. (…) I had to admit that I had been thoroughly entertained by the film.

Das kann ich nur unterschreiben. Ich würde “The Human Race” auch weder als reinen Horror-Film und schon gar nichts als “Science Fiction” kategorisieren, obwohl der Plot an sich technisch nur das hergibt. In Wahrheit ist der Film eine Parabel auf den dünnen Firnis zivilisatorischen Verhaltens, der unter extremem Stress abgekratzt wird und unter dem dann die Bestie hervorlugt.

Sehr originell und erheblich besser als viele ähnliche Plots: Hier tauchen auch diejenigen auf, die normalerweise nie die bad guys or girls spielen, wie Schwangere, Taubstumme und Kriegsversehrte. Auch die metzeln munter die anderen, aber nicht, weil sie irgendwie verrückt werden oder zu Aliens oder Untoten mutieren, sondern weil die Situation, die “man” ihnen aufgezwungen hat, sie dazu bringt. Ich empfand das als sehr realistisch.

Eine im Sinne des Wortes fantastische Parabel auf den Krieg und was er aus Menschen macht. Es gibt überhaupt kein “Gut” oder “Böse”, weil das Szenario das nicht zulässt. Und auch kein Happy End.

Die letzten Minuten hätte der Regisseur Paul Hough weglassen können, die sind dann wieder “Science” Fiction pur. Aber vermutlich spekuliert er auf eine Fortsetzung. Fazit: Gute Unterhaltung, sehenswert (aber einmal reicht).

Gästin und das Sprachgendern

Kristin Rose-Möhring – Gleichstellungsbeauftragte im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ):
Übrigens ist Deutsch (…) überwiegend weiblich geprägt, was sich daran zeigt, dass 46 % der Substantive ein grammatikalisch weibliches Geschlecht haben, 34% sind maskulin und 20 % neutral. Und Substantive machen immerhin 74,3% der Wörter im Duden aus. (…) Das von Gegnern des Sprachgenderns und der übertriebenen sprachlichen Gleichstellerei vielgeschmähte Wort ‘Gästin‘ ist keine Erfindung durchgeknallter Emanzen. Es stand bereits im Wörterbuch der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die immerhin Ende des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts lebten.

Snowpiercer oder: Wie man die Revolution nicht verfilmt

snowpiercerGestern habe ich mir den Film Snowpiercer angesehen. Fazit: Solides Action-Kino, hervorragendes und ästhetisch anspruchsvolles Ambiente, der Plot aber nicht herausragend, und der Schluss ist sehr unbefriedigend. Was will man von derv Verfilmung eines französischen Comic-Strips (“Le Transperceneige“) schon erwarten…

Immerhin bekam das “Road-Movie” auf Schienen des koreanischen Regisseurs Bong Joon-ho eines der gößten Vorab-Komplimente, das man sich denken kann: Laut Tagesspiegel ist das “US-Kinopublikum zu dumm für den Film”.

Plot: Der Film spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, in der ein misslungenes Experiment, das die globale Erwärmung stoppen sollte, eine Eiszeit nach sich zieht und fast alles Leben auf der Erde zerstört. Die einzigen Überlebenden der Menschheit sind auf engstem Raum im Snowpiercer zusammengepfercht, einem massiven Zug, der rund um den Planeten reist und durch ein Perpetuum mobile angetrieben wird.

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Im Zug herrscht von Anfang an ein Zweiklassensystem, wobei die Elite im vorderen Teil des Zuges im überschwänglichen Luxus lebt, während die ‘Schmarotzer’ ihr erbärmliches Dasein ganz hinten fristen müssen. Der schlechten Lebensbedingungen überdrüssig, starten sie einen Aufstand und versuchen, die Kontrolle über die Maschine zu erlangen.”

Der Guardian rezensiert den Film ausführlich und vergleicht sehr klug: “Basically, this is the exact plot of Neill Blomkamp’s Elysium, but on a train and a bit cheaper looking. (…) To take down the aristocracy once and for all, they find Song Kang-ho, a noted security specialist. (…) The moral of Snowpiercer is that everyone should know their place. The end.”

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Ein klassischer Revolutions-Plot also. Wirklich? Wie es sich gehört, sieht sich der Anführer der Revoluzzer am Schluss vor das Problem gestellt, ob er nur den bösen Tyrannen ersetzen oder das System – metaphorisch: den Zug – verlassen will. So weit denkt noch nicht einmal die “Linke” in Deutschland. Das Problem erinnerte mich an Bertolt Brechts Gleichnis des Buddha vom brennenden Haus: “Wem der Boden noch nicht so heiß ist, dass er ihn lieber Mit jedem andern vertausche, als dass er da bliebe, dem Habe ich nichts zu sagen”. Nur ist es hier nicht ein brennendes Haus, sondern eine genauso unwirtliche Eiswüste.

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Sehr hübsch auch eine “Schule” im Zug, in der die Kinder auf das Lob des Systems (“die Maschine”) und ihres Schöpfers indoktriniert werden. Man glaubt sich in eine Vorlesung der Volkswirtschaftslehre versetzt, in der der Freie Markt(TM) gepriesen und gelobhudelt wird. Das ist aber nicht neu, und von Goerge Orwell schon besser erzählt worden. Wer sich den Wirtschaftsteil der Mainstream-Medien und das Gefasel der Gesundbeter des Kapitalismus anschaut, kann auch gleich in die AfD eintreten oder die wählen.

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Leider stellt keiner der bisherigen Rezensenten die einzig interessante Frage: Wenn man das Thema Revolution behandelt, warum muss man dann ein “Science-Fiction”-Ambiente nehmen? Warum behandelt man nicht die realen Klassenkämpfe? Das müsste doch auch ähnlich unterhaltsam und mit genug Action zu machen sein?

Spontan dachte ich, dass die kapitalistische Unterhaltungsindustrie natürlich auch eine Teilmenge des Opium für’s Volk ist und somit dazu beitragen muss, dass die Untertanen das System an sich nicht in Frage stellen, sondern ihre Kritik auf die Charaktermasken des Kapitals | das Finanzkapital | die pöhsen Oligarchen richten. Andererseits muss die unterdrückte, aber unterschwellig vorhandene Sehnsucht, dass sich etwas ändere und die da unten zumindest theoretisch die Chance haben, weiter nach oben zu kommen, irgendwie bedient werden. Der “Förster im Silberwald” (1954) und ähnlicher Schwachsinn reicht eben nicht mehr.

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Schon klar. Den Plot von Goldsborough als Action-Movie zu verfilmen, würde Hollywood nicht zulassen, und das hiesige Feuilleton würde darauf herumtrampeln, weil die politischen Konsequenzen verheerend wären: Wo kämen wir denn da hin, wenn im Kino der Kapitalismus die freie Marktwirtschaft(TM) nicht als Endlösung der Geschichte dargestellt würde? Und wenn dann noch die Revolutionäre, wie im “Snowpierce”, gewalttätig sind und die Bösen umbringen, muss die Zensur eingreifen der Jugendschutz derartige Machwerke unter den Ladentisch oder besser gleich in den Giftschrank verbannen. Das würden die Pfaffen und andere Gaucke nicht erlauben.

Es ist immer erhellender zu sehen, was nicht verfilmt wird.

Mehrfach gesichert

Kommissarin im “Tatort” klappt ein Laptop auf und versucht, das Passwort herauszufinden. “Der ist mehrfach gesichert. Da müssen unsere Techniker ran.”

Soso. Die “Techniker” knacken dann vermutlich Truecrypt.

Als der Laptop dann auch noch geklaut wurde, habe ich ausgeschaltet.

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