Atheism 2.0: Don’t get god, get good

Hermann Aichele | Scilogs bespricht “Religion für Atheisten” – A. de Bottons freundliche Provokationen” (“Religion for Atheists” – A non-believer’s guide to the uses of religion – Verlag S. Fischer).
…im Buch wird Religionskritik schon als selbstverständlich vorausgesetzt; und Atheismus ist für ihn fraglos die einzig richtige erkenntnistheoretische Denkmöglichkeit. Dabei bestätigt er auf seine Weise Dawkins, der ja betont, religiöse Einstellung der Kinder beruhe oft auf elterlicher Indoktrination. Schon – nur hier anders herum: “Ich bin in einer streng atheistischen Familie aufgewachsen, für die jede religiöse Überzeugung in etwa dem Glauben an den Weihnachtsmann entsprach”. Selbst leiseste religiöse Andeutungen im Bekanntenkreis hätten bei seinen Eltern dazu geführt, die Betreffenden als krank anzusehen und sie nie mehr ernst zu nehmen.

Das trifft für mich auch ausnahmslos bei Esoterikern und sonstigen Homöopathen zu.

Vgl. Atheism 2.0: Don’t get god, get good.

Rockprinzessin

Übrigens bin ich ein Groupie dieser Dame. Sagt etwas über die Qualität des deutschen Wikipedia aus, dass man dort nichts über sie findet. Vermutlich ist göttliche Musik irrelevant.

Klugscheißerei

“Ich kenne sehr viele Menschen, mich eingeschlossen, die einen nur sehr schwer zu unterdrückenden Hang zur Klugscheißerei haben. Das Klugscheißen allerdings zum Beruf machen zu können, muss großartig sein. Da wird man schon ein bisschen neidisch.” (Paul Horst Evers: Mein Leben als Suchmaschine)

Was ist Deutsch?

“So far, what I know is this: Demand free housing and free education, drink cases of beer, be a member of some Verein, be PC, denounce Israel, eat Bio, be on time, love your neighbor’s iPad, scream ‘Deutschland!” or pull for North Korea, have no knowledge of what your family did during the war or call yourself Jewish, be very clean or very dirty, participate in one demonstration or another, discuss every detail of every issue until the other side gets a severe headache – and you are German.” (Tuvia Tenenbom: “I Sleep in Hitler’s Room – An American Jew Visits Germany” – “Allein unter Deutschen“)

Radikale Optimisten

Lutz Schulenburg von der “Edition Nautilus” ist gestorben. Ein Mensch, mit dem ich mich vermutlich gut verstanden hätten, wenn ich ihn persönlich gekannt hätte: “Er misstraute jedem Anspruch auf eine zentral organisierte politische Programmatik und jeder – auch linken – Form von politischer Bürokratie”. (Spon)

Jemand, “der in jeder Lebenslage, bei jedem Anlass (…) den Anwesenden erklärt, dass die Befreiung des Menschen aus selbst- und fremdverschuldeter Knechtschaft unbedingt angezeigt ist. Klingt nach Nervensäge?”

Ähm.

Oblivion oder: Vergessen!

Oblivion

Vor ein paar Tagen habe ich mir Joseph Kosinskis “Oblivion” angesehen.

Oblivion (englisch für Vergessen, In Vergessenheit) ist ein US-amerikanischer Science Fiction-Film aus dem Jahr 2013, der unter der Regie von Joseph Kosinski entstand. In einem postapokalyptischen Szenario ist die Erde durch einen Krieg zwischen Menschen und Außerirdischen verwüstet und nahezu unbewohnbar, nur einige Drohnen und Techniker befinden sich noch dort um den Abbau wichtiger Ressourcen zu überwachen. In den Hauptrollen spielen Tom Cruise, Andrea Riseborough, Olga Kurylenko und Morgan Freeman.

Mehr brauchte man über diesen Film gar nicht zu wissen. Man wird einigermaßen unterhalten, aber hat außer der überirdisch schönen Olga Kurylenko nach einer Stunde alles wieder vergessen.

Für Science-Ficion-Fans bietet “Oblivion” nichts außer ein paar Zitaten aus anderen Werken. Man hätte stattdessen die witzigenOblivion Rezensionen bei Rotten Tomatoes verfilmen sollen. “40 years ago, the part of Jack would undoubtedly have gone to Charlton Heston.” – “The part of the film that works the best? Morgan Freeman looks absolutely awesome in those sunglasses.”

Ignatiy Vishnevetsky schreibt auf rogerebert.com: “If nothing else, ‘Oblivion’ will go down in film history as the movie where Tom Cruise pilots a white, sperm-shaped craft into a giant space uterus. The scene is more interesting to describe than it is to watch.”

Noch mehr: Der Plot strotzt vor (Text-)Bausteinen aus der kruden Scientology-Fantasy-Welt. Kein Wunder, das der bekennende Scientologe Cruise die Hauptrolle spielt. Es geht zu wie beim “Auditing“: “Engramme” im Gehirn werden gelöscht, tauchen aber als Erinnerungsfetzen wieder auf und dergleichen des Hubbardschen Unfugs mehr.

Bei Science Fiction läuft das so: Jemand hat eine geniale Idee, und dann passiert außer Imitationen und seichten Abklatschen gefühlt zehn Jahre gar nichts mehr.

Das war mit “2001: Odyssee im Weltraum” (1968) so, mit “Alien” (1978), “Matrix (1999) oder “Avatar” (2009). Oder fällt jemandem dazwischen noch ein epochaler Science-Fiction-Film ein, dessen Elemente in die Pop-Kultur und in das kollektive Gedächnis eingegangen sind? (“Krieg der Sterne” ist Fatansy, keine Science (!) Fiction.)

Oblivion

Natürlich gilt auch immer: Stanislaw Lem hat es oft schon vorweggenommen. Sein Roman “Solaris (1961), der mittlerweile schon drei Mal verfilmt wurde, ist für mich immer noch der beste Science-Fiction-Plot aller Zeiten, und die Rolle der Victoria (Andrea Riseborough) hätte sich sehr gut für eine Hommage geeignet. “According to Kosinski, Oblivion pays homage to science fiction films of the 1970s”, lesen wir in der englischen Wikipedia. Gut gemeint, aber die damaligen Filme waren dann aber auch, was die Tiefe und Originalität der Ideen angeht, wesentlich besser.

Fazit: Nur ansehen, wenn grad nichts Besseres läuft, man aber unbedingt ins Kino will.

Mambo!

Ich wusste gar nicht, dass die Niederländer solche Musik machen können… SCNR. Sehr schön finde ich auch das hier in Sabadell… DAS ist Kultur, und da gehört sie auch hin, auf die Straße, mitten unter das Volk.

Boogie Piano Solo

Der Judenknax

Thinktankboy: “Mit seinem Buch ‘Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus‘ konnte Wolfgang Kraushaar den misslungenen Sprengstoffanschlag auf die Berliner Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 aufklären, was der Polizei über 30 Jahre lang nicht gelingen wollte. Albert Fichter von den Tupamaros Westberlin legte im Auftrag von Dieter Kunzelmann die Bombe, die er zuvor von Peter Urbach, einem V-Mann des Verfassungsschutzes bekam. Das ideologische Rüstzeug für den Anschlag im Jüdischen Gemeindehaus reichte der aus Bayern stammende Kunzelmann in seinem ersten ‘Brief aus Amman’ nach: Palestina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax. ‘Wir haben 6 Millionen Juden vergast. Die Juden heißen heute Israelis. Wer den Faschismus bekämpft, ist für Israel.’ So einfach ist das, und doch stimmt es hinten und vorne nicht. Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie “Zionismus” zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus Zu ersetzen durch eindeutige Solidarität mit AL FATAH, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat.”

Ich werde mir das zweite Buch wohl kaufen:
Wolfgang Kraushaar Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus – Hamburger Edition – 300 Seiten – Juli 2005
Wolfgang Kraushaar: “Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?”, München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus – Rowohlt – 880 Seiten – Februar 2013

Böse Onkels aus Südtirol

Ein Kollege von einer großen Tageszeitung aus Sachsen fragte an, was ich von der gecancelte Echo-Nominierung der Band Frei.Wild aus Südtirol halte.

Frage: Falls Sie sich näher mit der Band und ihren Texten beschäftigen konnten: Wie beurteilen Sie diese?
Antwort: Die Band kenne ich nicht, habe aber jetzt ein paar Presseartikel gelesen. Fazit: Bonsai-Böhse-Onkelz. Wer ökonomisch Erfolg hat, findet Nachahmer. Und warum sollte Haider nicht vertont werden? :)

Frage: Was halten Sie von der Entscheidung der Echo-Jury, Frei.Wild von der Nominierungsliste zu streichen?
Antwort: Sie wollen offenbar Werbung für die machen. Man sollte der Jury auferlegen, sich mit dem Streisand-Effekt zu beschäftigen.
Medienpartner des “Echo”: “Das Erste – Die jungen Programme und Popwellen der ARD”. Das sagt ja schon alles, vermutlich gab es einen “Gremienvorbehalt”.

Frage: Achtung, Suggestivfrage: Wäre es besser, sich so einem Thema zu stellen, auch Buhs und Jubel in so einer Biedermeier-Preisverleihungs-Show auszuhalten?
Antwort: Was heisst “sich stellen”? Es gibt keine unpolitische Musik, auch die Wildecker Herzbuben sind auf ihre Art politisch. Es ist nur schwieriger herauszufinden, auf welche Art. Medien stärken schon vorhandene Meinungen.

Frage: Wozu führt aus Ihrer Sicht dieses “Wegsperren” unliebsamer und sicherlich fragwürdiger Inhalte aus dem Mainstream?
Antwort: Es gibt keinen gesellschaftlichen Konsens, was “fragwürdig” ist. Richard Wagner ist auch fragwürdig – das war nicht zufällig die Lieblingsmusik Hitlers. So what…

Django, entfesselt

FilmplakatVorgestern habe ich mir Quentin Tarantinos Film “Django Unchained” angesehen. Für die, die eh nicht weiterlesen: Uneingeschränkt empfehlenswert, insbesondere für Jugendliche, die wissen wollen, was Rassismus ist. (Leider verbietet es der so genannte “Jugendschutz” die Zensur in Deutschland, dass Jugendliche sich den Film in Kinos ansehen.) Die männlichen Schauspieler Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio und Samuel L. Jackson sind gleichermaßen herausragend, die Frauen eher nur Statisten.

In Deutschland hätte ein Film die “Django Unchained” nie entstehen können, dazu sind deutsche Regisseure und Produzenten viel zu eingeschüchtert und an den opportunistischen und politisch “korrekten” Mainstream angepasst. Man stelle sich nur vor, in einem “Tatort” sagten Schauspieler unentwegt “Neger”! In Deutschland kann man Rassismus noch nicht einmal an Beispielen benennen, weil die Begriffe, die früher alle hemmungslos nutzen, sogar aus Kinderbüchern gelöscht werden. Tarantino sieht das entspannt: “Wie soll ich einen Film über Rassismus machen, wenn die Rassisten sich nicht rassistisch benehmen dürfen? (…) Heute sind viele Leute zu brav geworden – diese Feigheit macht die Filme nicht besser.”

Ich hatte bewusst vorher keine Rezensionen gelesen, um nicht voreingenommen zu sein. (Eine Auswahl englischer Rezensionen auf Rotten Tomatoes, von den deutschen ist die ungewohnt linkfreie auf Telepolis lesenswert.) Daher wurde ich von der “Deutschlastigkeit” überrrascht: Eine verallhornte Version des Nibelungenlieds, Richard Wagner und Beethoven werden ausführlich erwähnt – in einem Western! -, und Christoph Waltz, obzwar Österreicher, erinnert, auch in seinem gewollten skurrilen Pathos, doch stark an Old Shatterhand. Für US-Amerikaner fehlen eigentlich nur eine Kuckucksuhr und Sauerkraut, um alle Vorurteile, was “deutsch” sei, zu komplettieren. Ich habe mir vorgenommen, den Film noch einmal im Original zu sehen, weil der Sprachwitz und der Mischmasch zwischen Englisch und Deutsch durch die Synchronisation leider zum Teil verloren gehen.

Man kann den Film als Bildungsbürger sehen und sich am Ritt durch die Geschichte mehrerer Genres und deren Zitate und Verweise erfreuen; man kann ihn aber auch als normalen Western anschauen. Mir hat besonders die Rolle des schwarzen Stephen (Samuel L. Jackson) gefallen, der als freigelassener Sklave demonstriert, dass Rassismus als Attitude in den Köpfen festsitzt – bei “Tätern” und “Opfern”. Tarantino war schon immer gut darin, der Mittelschicht und deren kultureller Lautsprechern – dem Feuilleton – auch um die Ohren zu hauen, dass die “keine Gewalt”-Pose doch eher eine hilflose und unpolitische Attitude ist. Und im Gegensatz zu den Western, in denen Clint Eastwood als einsamer Held am Schluss gegen Sonnenuntergang reitet, werden in “Django Unchained” die Unterdrückten durch die Führerfigur auch nicht zur Rebellion angestachelt, was wesentlich realistischer ist.

Dass Franco Nero kurz auftaucht, ist eine wunderschöne Referenz für Freunde des harten europäischen Makkaroni-Westerns und sehr “Tarantino-like”.

Man kann sich über die “Fehler” des Films echauffieren: Dynamit, mit dem der Held die Bösen um Schluss in die Luft jagt, war zu der Zeit, als der Film spielen soll, noch gar nicht erfunden, und vieles andere mehr. Im Kino ist jedoch alles erlaubt, und ein Django ohne Dynamit geht einfach gar nicht.

“Western” meint weniger einen geografischen Ort – Outland – Planet der Verdammten ist auch ein “Western”, aber im Kostüm eines Science-Fiction-Films. Wie schon im Italo-Western vorexerziert, klammert Django Unchained das ursprüngliche Thema der klassischen Western aus – der Konflikt mit den Indianern existiert nicht. “Django Unchained” ist eher ein “Southerner”, weil der Plot in den Südstaaten vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg spielt.

Eine Szene habe ich zuerst gar nicht verstanden, ich dachte, sie sei fehl am Platz und auch gar nicht lustig. Eine Horde weißer Reiter mit übergezogenen weißen Kapuzen versucht, die beiden Kopfgeldjäger abzuknallen, und das Vorhaben scheitert daran, dass die Löcher der Kapuzen so schlecht gemacht sind, dass niemand etwas sehen kann, und die Bande – fast schon wie bei Monthy Python – sich vor dem geplanten Überfall in absurde Diskussionen darüber verzettelt, wer schuld daran ist. Jeder weiß, dass der Ku Klux Klan gemeint ist, aber deren Kapuzen sehen anders aus. Erst bei der Recherche fiel mir dann ein, dass der Ku Klux Klan erst später gegründet wurde und zum Zeitpunkt, an dem “Django Unchaiend” spielen soll, noch nicht existierte. Wenn man das weiß, ist die Szene natürlich witzig. (Warum, zum Henker, zensiert das deutsche Wikipedia den Link zur Website des KKK? Wieder mal freiwillige Selbstkontrolle oder was, ihr Pappnasen? Ich habe den Link eingefügt, mal sehen, wie lang der bleibt.)

Zensur

Der ursprüngliche “Django“-Film aus dem Jahr 1966 ist laut Oberster Landesjugendbehörde unfreiwilliger Selbstkonstrolle deutscher Zensurbehörde für Jugendliche zwischen 16 und 18 angeblich “nicht geeignet, die aktuelle Version Tarantinos ist jedoch für diese Alterstufe freigegeben, obwohl “Django Unchained” wesentlich “blutrünstiger” daherkommt – eine der unzähligen Absurditäten des so genannten “Jugendschutzes”.

Because of Money

3rd Generation Band – Because of Money (Afrobeat Funk & Fusion іn 1970s Ghаna). Damals machte man noch gute Musik…

Dazu ist dieser Artikel (PDF) hilfreich und sehr informativ: Sebastian Schmidt / Magnus Huber: “Investigating the history of Pidgin English – Early Highlife recordings from Ghana”, Unversität Gießen 2011.

Dem Volke dienen – In Memorian Christian Semler

KPD

Der Genosse Christian Semler ist am 13. Februar 2013 gestorben. Ja, ich meine die Anrede nicht ironisch, sondern ganz ernst.

Semler hat mich in den siebziger Jahren stark beeinfluss, obwohl ich ihm damals nie persönlich begegnet bin. Das geschah erst Ende der Neunziger, als wir beide über einen Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit abgeklärt schmunzeln konnten. Christian besuchte damals mit der taz-Redaktion eines meiner Seminare an der Berliner Journalisten-Schule über “Recherche im Internet”. Ich begrüßte ihn grinsend mit “Großer Vorsitzender”, und er wusste gleich, was ich damit meinte: Er war in den siebziger Jahren Vorsitzender der maoistischen Kommunistischen Partei Deutschlands gewesen (zuerst KPD/AO, für “Aufbauorganisation” – unsere Gegner sagten immer “A Null” oder gleich “Kommunistische Partei Dahlems”), die auch die meine war, zwar nicht als Mitglied, aber als enger Sympathisant und gewählter Studentenvertreter an der FU Berlin (was auch sofort dazu führte, dass ich nicht mehr in die DDR einreisen durfte).

Ich habe nicht viel “Andenken” aus der damaligen Zeit, außer ein paar Büchern, vor allem über China. Eine “Devotionalie” habe ich Christian geschenkt: Ein Foto aus der damaligen Parteizeitung “Die Rote Fahne”, das ihn zeigt, wie er auf seiner Reise in die Volksrepublik China irgendeiner Bauersfrau die Hand schüttelt.

KPD

Das obige Foto ist ebenfalls aus der “Roten Fahne”, auf der Rückseite habe ich noch einen Text Christian Semlers aus der damaligen Zeit gefunden. ja, die an China orientierten Kommunisten waren schon in den siebziger Jahren für die Wiedervereinigung. Das machte sie in der DDR besonders verhasst.

Um das zu konterkarieren, muss man unbedingt seinen Artikel “Das Elend linker Immunisierungsversuche aus dem TAZ-Magazin vom 30.05.1998 lesen:
Tatsächlich haben uns die Widersprüche des Kapitalismus nicht den Gefallen getan, sich zusammen mit den untergegangenen sozialistischen Regimen zu verabschieden. Aber eine gesellschaftliche Alternative muß neu begründet werden. 70 Jahre Realsozialismus haben theoretisch und praktisch die “Beweislast” zwar nicht umgekehrt, aber neu verteilt – hinsichtlich der ökonomischen “Machbarkeit”, mehr aber noch im Hinblick auf die Sicherung von Demokratie und Menschenrechten.

Knapper, aber noch treffender ist sein Statement über die Zeit der maoistischen Politsekten: “Ich bin froh, dass wir nie die Macht in den Händen hatten – es wäre schlimm ausgegangen.” Da kann ich ihm nur beipflichten.

Bascha Mika schreibt über Christian Semler: “Ein Linker, der seinen Standpunkt ständig überprüft, wägt und reflektiert. Der sich leidenschaftlich einem aufklärerischen Ethos verpflichtet sieht. Der den eigenen politischen Weg kritisch betrachtet und daraus Konsequenzen zieht. Ohne jemals abzuschwören.”

Das Foto unten ist das einzige Bild, was ich damals selbst gemacht habe – wenn ich mich recht erinnere in Düsseldorf beim 2. Parteitag der KPD. Hauptredner war Christian Semler.

Schade, dass er so früh gestorben ist – ich hätte gern noch mehr von ihm gelesen.

KPD

Noch eine Männergruppe, aber ohne Fussball

Arme Hunde hetzen und die Triebabfuhr des autoritären Charakters

Tomasz Konicz in Telepolis über das so genannte Dschungelcamp bzw. die gleichhnamige Fernsehserie: “Bloch vs. Dschungelcamp”
Dem autoritären Charakter ist eine Untertanenmentalität eigen, die in Krisenzeiten ihre Servilität gegenüber dem herrschenden System psychisch nur aufrechterhalten kann, wenn sie sich Möglichkeiten der Triebabfuhr verschafft. Die Unterordnung unter die Systemimperative geht während der Krise mit immer größerem Triebverzicht einher, während die Gratifikationen wegfallen. Da dem autoritären Charakter ein Aufbegehren gegen die Verhältnisse, die ihn in den Irrsinn treiben, unmöglich scheint, bricht sich die so angestaute Wut gegen Schwächere Bahn. Menschen, die von der kriselnden Kapitalverwertung zu Objekten gemacht und ausgepresst werden, ergötzen sich daran, andere zu Objekten degradiert zu sehen. Der angestaute Druck muss weitergeleitet werden, weswegen das Publikum es liebe, “arme Hunde so zu hetzen, wie es die Reichen mit einem selber tun” (Bloch).

The Tennessee Waltz – RIP Patty Page

Patti Page (8. November 1927 – 1. Januar 2013)

Sehr schön ist auch die Version mit Bonnie Raitt und Norah Jones.

Ciompi und andere

Feudalismus

Neulich habe ich beim TV-Zappen ein wenig in die Borgia-Serie hineingeschaut. Die kleinen Leute kommen natürlich nie vor, nur als Staffage. Derartige Filme dienen auch nicht dazu, die Leute zu bilden oder ihnen womöglich lehrreiche Beispiele vorzuspielen, um sie aufzurütteln, dass sie ihr Schicksal in die Hand nehmen, sondern dazu, das Volk ruhig zu halten aka unterhalten. Falls ein Aufrührer und Rebell aufträte, dann würden dessen Rezepte und Methoden, könnte man sie auf die heutige Zeit übertragen, selbstredend zensiert.

Es gibt natürlich Ausnahmen, die kommen aber nicht zur Prime Time. Die Masse will sie auch nicht sehen, das wäre viel zu anstrengend. Die “Borgias” sind eher Mantel-und Degen-Filme für Oberstudienräte und ihre Gattinnen.

Ich habe heute Ernst Piper seit langer Zeit wieder durchgeblättert: “Der Aufstand der Ciompi. Über den ‘Tumult’ der Wollarbeiter im Florenz der Frührenaissance” – gekauft 1978 als Taschenbuch. Es geht hier zwar um das 14. Jahrhundert, also etwas früher als die Borgias, kann aber trefflich das Thema soziale “Schichten” demonstrieren und außerdem der Glaubensgemeinschaft Freier Markt(TM) zeigen, wie dämlich ihre Mitglieder sind.

Karl Kautsky schrieb 1895 über die Textilindustrie in Italien im späten Mittelalter:
Weder die Bergarbeiter, noch die Handwerksgesellen noch die unorganisirten städtischen Proletarier waren berufen, die Träger der Anfänge der kommunistischen Arbeiterbewegung zu sein. Nur eine Arbeiterschicht gab es, welche die Verhältnisse nicht nur für kommunistische Tendenzen empfänglich machten , sondern der sie gleichzeitig die nöthige geistige Anregung gaben, aus diesen Tendenzen ein neues Gesellschaftsideal herausarbeiten, der sie aber auch die nöthige Energie verliehen, an diesem Ideal festzuhalten in Zeiten, in denen seine Erreichung völlig aussichtslos erschien. Diese Arbeiter waren die der Textilindustrie, namentlich die Wollenweber.

Und Burks rückte seinen Oberlehrer-Hut zurecht und sprach: Was war noch mal gleich der Unterschied zwischen Feudalismus Michele di Landound Kapitalismus? Da heulen sie gleich auf, die “Der freie Markt muss frei bleiben und alle werden reich und glücklich”-Gläubigen: Es gab und gibt immer noch einen erbitterten Streit zwischen “linken” und “rechten” Historikern, ob man das “Mittelalter” so nennen sollte oder vielleicht das “Lehnswesen” oder ob man nicht besser “Feudalismus” sagen sollte, was unsere “bürgerlichen” Historiker natürlich rundheraus ablehnen, nicht aus inhaltichen Gründen, sondern weil Marx auch “Feudalismus” sagte, und was Marx sagte, ist in Deutschland tabu, verpönt und darf nicht zitiert werden. (Zum Glück war Marx kein Mathematiker, der behauptete, zwei plus zwei seien vier, dann wären Mathematiker, die dem beipflichteten, im heutigen Deutschland Linksextremisten.)

Was sagt also der Markt zum Mittelalter? Es gab ihn nur rudimentär; in Südeuropa vermutlich sogar erheblich weniger als im römischen Weltreich.

Die römische Antike fußte zwar auf der Arbeit freier Bauern, aber die “Massenproduktion” vieler für den Handel benötigten Güter, wenn man davon sprechen will, wurde durch Sklaven auf den Latifundien organisiert.
Latifundien kamen in Italien nach dem Zweiten Punischen Krieg auf und verdrängten in der späten Republik in vielen Gegenden die bisherige kleinbäuerliche oder auf Gutshöfe mittlerer Größe gestützte Landwirtschaft. Sie wurden unter Einsatz zahlreicher Sklaven bewirtschaftet, neben denen freie Landarbeiter als Saisonkräfte zum Einsatz kamen. Hauptsächliche Wirtschaftsform der Latifundien war die Viehzucht, daneben auch der Oliven- und Weinanbau. Der Getreideanbau hingegen war im Rahmen der Sklavenwirtschaft unrentabel.

Warum eigentlich? Das ist doch eine interessante Frage. Und wenn man sich dann das 12. Jahrhundert in Deutschland ansieht, bemerkt man Erstaunliches: Erst dann wurde die Dreifelderwirtschaft “erfunden”. Ein “richtiger” Pflug kam erst im 18 Jahrhundert zum Einsatz, ebenso die Dampfmaschine, die die industrielle Massenproduktion ermöglichte und somit den Kapitalismus.

Waren also die alten Römer zu blöd, um eine Dampfmaschine oder einen vernünftigen Pfug zu bauen? Und wenn die Dreifelderwirtschaft dafür sorgte, dass sich die landwirtschaftiche Produktion vervielfachte, warum kam das erst im “Mittelalter”, wo doch die Römer sogar Aufzüge im Colosseum hatten und Fußbodenheizung, während die alten Rittersleut sich auf ihren zugigen Burgen einen abfroren?

Erfindungen, die die Gesellschaft verändern, fallen eben nicht zufällig vom Himmel. Und wie Arbeit organisiert wird, auch nicht. Der Markt ist nicht wichtig, sondern die so gennannten Produktionsverhältnisse und Produktivkräfte. Will sagen: Mit Feudalherrn und abhängigen Bauern kriegt man keinen Kapitalismus mit Arbeitern hin, die nichts zu verkaufen haben als ihre Arbeitskraft. Und mit Sklaven hat Kapitalismus auch keine Zukunft – das wissen die US-Amerikaner aus ihrem Bürgerkrieg.

Bank in der Renaissance

Zurück zu den Compi. Am 18. Juni 1378 trat Salvestro de’ Medici, einer der reichsten Männer von Florenz, auf den Balkon der Signoria und rief: “Es lebe das Volk.” Er meinte das Volk als Hilfstruppen für seine Interessen, aber die “Ciompi”, die Arbeiter der Wolltuchindustrie, einer der Vorformen der kapitalistischen Massenproduktion, nahmen ihn ernst, entmachteten den Adel und schufen die erste Demokratie der Neuzeit in Mitteleuropa.

Darüber würde ich gern mal eine TV-Serie anschauen, aber das wird nie passieren. Aber wir wollten uns den Gläubigen des niederen Wesens “Freier Markt” widmen.

Die Keim und Emryonalformen einer neuen Gesellschaft schlummern also sehr lange innerhalb des Alten. Die Arbeiter der Wolltuchindustrie waren mit die ersten ihrer Art, und genau so kämpferisch wie 300 Jahre später die Bergarbeiter des Erzgebirges. Dann dauerte es aber noch einmal 300 Jahre, bis die industrielle Produktion die vorherrschende Form war, die Arbeit zu organisieren, also den Besitzern der Produktionsmittel zu ermöglichen, sich den Mehrwert anzueigen.

Ich glaube, jetzt muss ich doch mal endlich etwas über die Theorie des Werts schreiben. Aber ist ein so hochwissenschaftlichen Unterfangen etwas für die wohlwollenden Leser und geneigten Leserinnen?

Foto Mitte: Michele di Lando, credits: Sailko

Computer-Vodoo im Tatort

Selten so einen bescheuerten und unrealistischen Tatort gesehen wie “das goldene Band”. Gut, ich bin befangen, weil die ich Lindholm eh nicht leiden kann. Aber wer ist auf die Idee gekommen, dass man so eben mal eine Spyware, die in Echtzeit gerade geschriebene (und natürlich unverschlüsselte) E-Mails mitliest, auf einen Rechner installieren kann – von einem USB-Stick aus? Dazu muss sich das “Opfer” schon ziemlich dumm angestellt haben – vermutlich so wie der Drehbuchautor Stefan Dähnert mit seinem Computer umgeht.
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Pisper erklärt den Kapitalismus und die so genannte Schuldenkrise

Feine Sahne Fischfilet und Verfassungsschutz-Absurdistan

feine sahne fischfilet

Spiegel online: “Von einer ‘explizit anti-staatlichen Haltung’ der Band ist die Rede, deren Ziel es sei, die ‘staatliche Struktur aufzulösen’. Anmerkung am Rande: Der Verfassungsschutz befasst sich in seinem Bericht ausführlicher mit Feine Sahne Fischfilet als mit dem ‘Nationalsozialistischen Untergrund’ (NSU).”

Man sieht sehr schön, in welch absurder totalitarismusdoktrinären Scheinwelt diese Verfassungs”schützer” und ihre Groupies leben.

Screenshot: Verfassungsschutzbericht Mecklenburg-Vorpommern 2011

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