Zartsprechen

Oh, ein Gleichgesinnter! Der Philosoph Robert Pfaller im Standard: „Moralisieren ist immer eine Verfallserscheinung“.

Das Zartsprechen ist das kulturelle Symptom eines ökonomischen Politikversagens. Man hat Probleme, die in der Ökonomie zu erledigen gewesen wären, in die Kultur verlagert und sie dort zu behandeln versucht. (…) Durch Political Correctness und ähnliche Kulturprogramme hat man die weniger Gebildeten zusätzlich deklassiert und auch das Leid und seine Anerkennung nach oben, zu den Eliten, umverteilt. Die Unteren dagegen sind nicht verletzlich oder empfindlich. Die haben wirkliche Sorgen; sie sind wütend und fürchten weiteren sozialen Abstieg. Darum wählen sie nun oft rechts: weil das am ehesten ihre Wut ausdrückt und weil sie hoffen, dadurch die ganz Unteren auf Abstand halten zu können.

The Golden Bough

the golden Bough

„Frazer is much more savage than most of these savages.“ (Ludwig Wittgenstein)

Die Weiße Göttin von Robert von Ranke-Graves ist eines der fünf wichtigsten und interessantesten Bücher, das ich jemals studiert habe. Darin wird Frazer oft erwähnt. Schon seit Jahren plante ich, auch „the Golden Bough“ zu lesen. Ich wusste gar nicht, dass man das Buch gar nicht mehr kaufen muss.

„The Golden Bough“ gibt es als E-Book gratis und auch online. Vermutlich werde ich ein paar Jahre lang darin schmökern.

Walther, Vladimir, Amos, Margaret und Ragnar

copacabana

Ich saz ûf eime steine
und dahte bein mit beine:
dar ûf satzt ich den ellenbogen:
ich hete in mîne hant gesmogen
daz kinne und ein mîn wange.
dó dâhte ich mir vil ange,
wie man zer welte solte leben.

Ich sitze da sinnierend in Bolivien in der Nähe des Titicaca-Sees, südwestlich von Copacabana – die Routa Nacional 2 gab es damals noch nicht, es war ein beschwerlicher Fußweg hinunter ins Tal an die peruanisch-bolivianische Grenze (1984). Im Hintergrund sind die schneebedeckten Gipfel der Anden zu erkennen.

And now for something completely different. Ich nehme an, dass hier zahlreiche Astronomen und Astrophysiker mitlesen. IFLScience berichtet: „Putin says Russia is going to launch a mission to Mars next year. There’s just one tiny problem. “ Man ahnt schon, dass das Problem gar nicht so tiny ist, wie die Überschrift ironisch suggeriert.

Here we go: „Well, you can’t just launch a mission to Mars whenever you want. Owing to the orbits of our two planets around the Sun, there are only specific windows when you can actually get there, using what’s known as a Hohmann transfer orbit. (…) . Unless Russia has developed some sort of warp drive (they haven’t) or they’re planning some really weird route to Mars (they probably aren’t), then a launch in 2019 just isn’t possible.“

Ist das wahr? Ein User dort kommentiert: „Not quite accurate. The Hohmann transfer orbit is the most effiecient way to get to Mars and maximizes the payload that can be sent. However, if you are willing to trade payload mass for propellant mass, you can get to Mars at other times.“

And now for something completely different. Amos Oz schreibt in der Jüdischen Allgemeinen: „Es ist möglich und auch angemessen, dass Juden und Araber zusammenleben, aber ich kann nicht akzeptieren, als jüdische Minderheit unter arabischer Herrschaft zu leben, denn fast alle arabischen Regime im Nahen Osten unterdrücken und erniedrigen Minderheiten.“ Starkes Argument.

And now for something completely different. „The Computer History Museum honors Margaret Hamilton for her leadership and work on software for DOD and NASA’s Apollo space missions and for fundamental contributions to software engineering.“ Dazu gibt es ein großartiges Foto von ihr neben Ausdrucken der Apollo-Flugsoftware.

And now for something completely different. Der Berliner Senat verbietet Vögeln das Vögeln. Just saying.

Welche (französischen) Filme ich nicht sehen möchte? Keine „turbulenten“ Mann-Frau-Kind-Eltern-Schwiegereltern-Familien-Migranten-Behinderte-Liebes-, Verwechslungs-, Beziehungs-, Trennungs- und Versöhnungskomödien. Übrigens: Die zweite und dritte Staffeln von Vikings sind noch besser als die erste.

Stilleben mit: The Masculine Soul et al

breakfast

Ja, ich habe euch darben lassen. Daher jetzt um so mehr Relevantes und weniger Relevantes. Ich bin in der Laune, das obige Frühstück in ein paar Tagen nachzustellen. Ich kenne die Zutaten, außer dem fast schwarzen dunklen Zeug (unten in der Mitte). Was ist das?

linkwood

Endlich habe ich auch wieder eine Flasche meiner Whisky-Hausmarke ergattert: Linkwood, ihr wisst, was ungetorft gut schmeckt! Whisky mit Literatur, was gibt es Schöneres (ausser Beischlaf natürlich)?

Dazu läuft Antti Martikainen im Hintergrund. Wenn man das hört, wachsen Männern automatisch Haare auf der Brust. Warum sind die Finnen eigentlich so gut in Musik? Nightwish, Tarja Turunen, Ensiferum? Weil es da so oft kalt und dunkel ist und man ausser Sex und Komponieren nichts tun kann?

shakespeare

Shakespeare hatte wir hier neulich schon. Wenn ihr jemals Macbeth lesen wolltet: Besser ist der Film Polanskis mit dem Original-Text. Einfach großartig, inklusive Gänsehaut-Faktor. Ein Bloody masterpiece for sure.

schockwellenreiter

And now for something completely different. Kennt ihr die bescheuertste deutsche „Internet“-Firma? Lan1 Hotspots GmbH heisst die und sitzt in Hamburg. Die zensieren (nach irrationalen Kriterien sowieso) und antworten nicht auf E-Mails. Eine deutsche Internet-Firma eben. Schade, dass man das Problem nicht wie in Wikinger-Filmen lösen kann oder persönlich.

Wenn man die entsprechende Pressemeldung liest, platzt einem fast der Kragen ob der Heuchelei, die aus allen Zeilen trieft: „Berlins Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung Dilek Kolat und die Vorsitzende der Geschäftsführung von Vivantes Dr. Andrea Grebe haben heute im Vivantes Klinikum Am Urban kostenfreies WLAN für alle Patientinnen und Patienten in Betrieb genommen und damit einen wichtigen Punkt aus dem 100-Tage-Programm des Senats erfüllt. (…) Für die technische Aufrüstung, die für ein freies WLAN notwendig ist, wurden am Klinikum Am Urban rund 300.000 Euro aufgewendet. Die Kapazität der Datenübertragung konnte damit von vorher 6 Mbit auf jetzt 100 Mbit aufgestockt werden.“ So viel Geld, um Websites zu zensieren. Gutes Deutsch können die auch nicht.

altertumswissenschaft

And now for something completely different. Ich musste heute in alten Papieren kramen. 44 Jahre nach einem Seminar, das ich an der Universität Münster belegt hatte, erfahre ich jetzt, dass mein damaliger Professor Gottlieb Prachner in der DDR ein „Störenfried“ war und es deshalb vorgezogen hatte, dort nicht weiter zu lehren. Ich kam mit ihmwunderbar klar, und er mit mir offenbar auch. Das waren noch Zeiten: Er hat die Studenten seines Seminars zu Semesterende in eine Kneipe eingeladen. Und genau dort lernte ich andere Studenten kenne, deren Erzählungen von Streiks, Besetzungen und Demonstrationen usw. mich dazu bewogen, von Münster an die FU Berlin zu wechseln.

Jetzt breche ich abrupt ab und esse (ausnahmsweise) meine Pizza.

All hail, Reginheri!

vikings

Ich habe jetzt vier 12-Stunden-Schichten hintereinander und kann nicht viel bloggen, schon gar nicht über Politisches, weil ich dabei nachdenken müsste.

Ich hatte mir neulich die erste Staffel von Vikings besorgt. Die gefiel mir so gut, dass ich alle anderen auch gekauft habe. Vor allem merkte ich, dass ich über die Wikinger viel zu wenig wusste, zum Beispiel über Ragnar Lodbrok bzw. Reginheri. Die Schauspieler betreffend und meinen Frauengeschmack, müsste ich noch „All hail, Katheryn Winnick“ hinzufügen.

Die gebildeten Leserinnen und literarisch interessierten Leser werden auch wissen, an welches „All hail“ man zuerst denken sollte, wenn man gutes Theater mag.

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher

heimat

Quelle: Bundesministerium für Heimat/Facebook

Was ich heute u.a. gelesen habe:

China zensiert George Orwells Animal Farm (erschienen 1945!). „Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“

Wohin es führt, wenn der Gott der Christen wieder in Schulen einkehren soll: „Lawmaker who wants to put God in schools is thankful for slavery and believes ‘Jews own everything’“. Wer hätte das gedacht!

Die Organisatorinnen vom Women’s March in den USA finden Farrakhans antisemitische Hetztiraden offenbar ganz in Ordnung. „According to the Anti-Defamation League, prominent Women’s March figures Tamika Mallory, Carmen Perez and Linda Sarsour have failed to speak out against the Nation of Islam leader after he described the Jewish community as his “enemy” during a speech at the 2018 Saviour’s Day event in Chicago.“ Auch das überrascht nicht. Gleich zu gleich gesellt sich gern.

Dänemark stellt alle finanzielle Hilfen für NOGs ein, die „Palästinenser“ unterstützen. Gut so!

Red Sparrow werde ich mir ansehen.

Ach ja: Willy Brandt randaliert in der Parteizentrale der SPD!

Uralt Porn

venus

Credits: Matthias Kabel/Wikipedia

The Art Newspaper (u.v.a.m.): „Facebook censors 30,000 year-old Venus of Willendorf as ‚pornographic‘ – Nude statue is latest artwork to be deemed inappropriate by social media giant.“

Lesetipps ohne Rezension

literatur

Wollte die Leserschaft nur informieren, was ich im Moment an elektronischer Literatur konsumiere… Bücher, die Strom brauchen.

Vergänglich

grabstein

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Johann Wolfgang von Goethe, Faust 2, Chorus Mysticus

Ein Erdogan

erdogan

Moscheen
Moscheen und Bajonette
Bajonette
Bajonette und Gläubige
Moscheen und Bajonette und Gläubige
Ein Erdogan

Freiwild

Rollingstone.de: „Angriff auf Frei.Wild und Co.: Grüne wollen Live-Auftritte zensieren“.

Eberhard Seidel dazu: „Mir gefällt die Musik von Frei.Wild nicht. Ich mag ihre Art von Heimatverbundenheit nicht. Nicht ihre völkischen Anklänge und ihr Männlichkeitsgetue. Aber ich muss zur Kenntnis nehmen, dass sie eine klare Grenze zu Pegida, AfD & Co gezogen haben, zu Neonazis ohnehin. Und dass sie und ihr zahlreiches Publikum ganz einfach existieren. Wer den Aufritt dieser Band verbieten will, kann auch gleich alle Parteien links oder rechts der Grünen verbieten. Absurd. Und wenn Künstler vor ihrem Auftritt eine Neutralitäsverpflichtung unterschreiben müssen, wie jetzt in Bremen offensichtlich geplant, möchte man eigentlich diese Kunst nicht mehr. Liebe Grüne, könnt ihr eigentlich nicht einfach demonstrieren und protestieren, wenn euch etwas nicht passt, anstatt Mutti Staat anzurufen? Braucht es den Inquisitor wirklich für das störungsfreie, bequeme Leben?“

Die Grünen sind mittlerweile in manchen Fragen wesentlich reaktionärer als die CSU.

Unter der Haube, Lügenpresse und andere Miszellen [Update]

befreiung der Frau

Sowjetisches Plakat von 1921 (!) gegen Frauenunterdrückung im Islam. Text: „Auch ich bin jetzt frei“.

Das Kopftuch oder wie auch immer man es nennt ist ein Zeichen dafür, dass Frauen unterdrückt werden. Das wusste man schon vor 100 Jahren in der Sowjetunion. Bei den Grünen hierzulande und anderen Sympathisant*_Innen der Verehrer höherer Wesen der islaischen Art ist das noch nicht bekannt. Man ist ja tolerant.

Ulrich Teusch hat Ferdinand Lasalles Meinung über die Presse und die Journaille zitiert:
„Das lukrative Annoncengeschäft hat den Zeitungseigentümern die Mittel gegeben, ein geistiges Proletariat, ein stehendes Heer von Zeitungsschreibern zu unterhalten, durch welches sie konkurrierend ihren Betrieb zu vergrößern und ihre Annonceneinnahmen zu vermehren streben. Aber wer soll unter dieses Heer gehen, wer, der sich selber achtet, wer, der nur irgend welche Befähigung zu reellen Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft, des Gedankens oder des bürgerlichen Lebens in sich fühlt?

Ihr, Proletarier, verkauft euren Arbeitsherrn doch nur eure Zeit und materielle Arbeit. Jene aber verkaufen ihre Seele! Denn der Korrespondent muß schreiben, wie der Redakteur und Eigentümer will; der Redakteur und Eigentümer aber, was die Abonnenten wollen und die Regierung erlaubt! Wer aber, der ein Mann ist, würde sich zu einer solchen Prostitution des Geistes hergeben?

Lasalle, einer der Gründerväter der SPD, war bei Karl Marx aber nicht sonderlich beliebt. Das muss man hinzufügen.

Gestern habe ich mir District 9 angesehen. Wieso hat mir noch niemand etwas von diesem Film erzählt? Ziemlich genial, grimmig und bitterböse – wahrscheinlich konnten deutsche Feuilletonisten das gar nicht aushalten. Ich muss ausnahmsweise Cicero beipflichten: „Inwieweit sind Menschen unappetitlichen Marsmännchen gegenüber zur Solidarität verpflichtet, die auf der Erde Asyl beantragen, und sich dann nicht integrieren lassen? Eine Frage, die der südafrikanische Film ‚District 9‘ famos beantwortet.“

Wer sich von dem Quatsch jetzt erholen muss, schaue sich einen Sonnenaufgang auf dem Mars an.

[Update] Die französischen Behörden dürfen keine genderifizierte Sprache mehr benutzen.

Miscellaneous: Jebsen, Revolution, Luxemburg et al

Gleisdreieck

Foto: Symboldbild für alles – das Bild habe ich vor ca. 10 Jahren am Gleisdreckeck gemacht, als es dort noch keinen gebügelten Park gab. Das Areal heisst jetzt Sonnendeck im Westpark – ich nenne es schlicht „Wiese“.

Ich kann gar nicht verstehen, warum sich der ansonsten von mir geschätzte Kollege Matthias Broeckers so für diesen Ken Jebsen (der mir unbekannt war) einsetzt. Natürlich schwillt einem der Kamm, wenn man liest, dass jemand ihn denunziert haben soll. Ich wusste nichts und habe mich sachkundig gemacht. Auf der Achse des Guten (2011) kann man lesen, worum es ungefähr geht. Noch genauer: Broder hat auch eine E-Mail von Jebsen veröffentlicht (2011).

Ich habe mir das alles ganz durchgelesen. Fazit: Jebsen hat nicht nur politisch einen an der Waffel, sondern verbreitet antisemitische Kacke. Danach kann er natürlich 1000 Mal alles abstreiten, aber so einen Mist schreibt mal noch nicht mal, wenn man das falsche Zeug geraucht oder drei Promille intus hat.

Das kommt davon, wenn ein Radiomoderator der C-Liga sich der Politik zuwendet. Natürlich findet er auch ein gieriges Publikum. Ich rege mich aber nicht auf („sorgt für Aufregung“ ist ein beliebter sinnloser Textbaustein, den man oft in den Medien liest). Ich hätte natürlich nicht wie Lederer gehandelt, der – typisch deutsch! – offenbar – direkt oder indirekt – dafür gesorgt hat, dass Jebsen nicht in einem Berliner Kino von seiner politischen peer group irgendeinen läppischen Preis bekommt – so lächerlich wie alle Journalistenpreise.

And now for something completely different. Ich habe mich heute mit Lektüre eingedeckt, die ich demnächst hier auch detailliert vorstellen werde, eingedenk der traurigen Tatsache, dass ich noch eine ellenlange To-Do-Liste habe, was Buchbesprechungen angeht. Bini Adamczaks Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman (schwierig zu lesen, aber großartig), Beate Landefeld: Revolution und Jörg Schütrumpf (Hrsg.): Diktatur statt Sozialismus: Die russische Revolution und die deutsche Linke 1917/18. Letzeres wurde in der aktuellen Konkret erwähnt – und ich wurde neugierig.

Die Buchhändlerin meines Vertrauens musste sich, als sie mich siezte, sagen lassen, dass jemand, der die obigen Bücher kaufe und lese, wohl kaum goutierte, gesiezt zu werden. Sie sah es immerhin ein. O tempora, o mores!

Den Deutschen etwas vorenthalten

Die Süddeutsche über Raul Hilberg und sein Buch Destruction of the European Jews:
Bald darauf kündigte der Droemer Knaur Verlag den 1963 geschlossenen Lizenzvertrag mit Hilberg. Der dort zuständige Cheflektor Fritz Bolle (1908-1982) zählte damals zur Spitze der Münchner Verlagswelt und betreute neben dem „Knaur Lexikon A-Z“ Autoren wie Peter Bamm, Johannes Mario Simmel und Hans-Joachim Schoeps. Im Kündigungsbrief an Hilberg gab er 1965 vor, das Buch könne wegen der Passagen über die Judenräte von Böswilligen benutzt werden: „Dass es diese Böswilligen gibt, wissen Sie. Dass sie gefährlich werden können, wissen wir.“ Um neuem Antisemitismus vorzubeugen, sei es geboten, das Buch den Deutschen vorzuenthalten – „trotz der grauenhaften Details über die Vernichtung der Juden“.

Eine gute Film-Wahl?

Ich gehe morgen vermutlich ins Kino, dort, wo die Auswahl nicht besonders groß ist. Ich habe mich gegen American Assassin entschieden und für I. Daniel Blake, beide vermutlich leider synchronisiert. War das eine gute Wahl? Oder ist der letztere Film nur ein Remake von Ein Mann sieht rot oder Falling Down?

Blade Runner, reloaded

blade runner 2049

Heute habe ich mir, begleitet von einer Freundin mit ähnlichem Filmgeschmack, Blade Runner 2049 angesehen. Fazit: Uneingeschränkt sehenswert, einer der besten Filme, die ich je sah. Ich schließe mich der Rezension im „Tagesspiegel“ an: „Blade Runner 2049 ist Retro-Science-Fiction par excellance.“

World of Reel warnt aber ganz richtig: „This imperfect, messy, but energetic film deserves to be seen without any knowledge of the plot. The less you know, the better.“ Deshalb fasse ich mich kurz.

Wer aber das Original nicht kennt, wird nicht so genießen können wie ich es tat, einschließlich der Vangelis-Zitate. „Blade Runner defined the visual vocabulary that would rule science fiction for a generation, but more importantly, it carved out an ethical and moral space for those visuals to operate within.“ (By the way: Thanks, Danish National Symphony Orchestra! Har har.)

Lesenswert auch: ‘Blade Runner 2049’ Trailer Breakdown: Here’s What You May’ve Missed.

Antideutsche Filmempfehlungen

Kennt jemand antideutsche Filme? Sagt jetzt ja nicht: „grundsätzlich alles, wo Deutsche sterben„. Dann gibt es einen Skandal im Wasserglas, und ihr dürft bei der „Linken“ nicht mehr politisch tätig werden.

„‚Dieser Post war eine seltene Dummheit und Geschmacklosigkeit’“, sagt Bundessprecher Hendrik Thalheim“. Nein, war er nicht. Er war lustig. Ich lese da mit. Und ihr seid ein humorloses schmallippiges Pack.

Noch ein Grund mehr, warum ich die „Linke“ nicht wählen werden.

Die Revolution entlässt ihre Kinder und Enkel

Die Revolution entlässt ihre Kinder

Das Buch von Wolfgang Leonhard: Die Revolution entlässt ihre Kinder hätte ich schon in den 70-er Jahren lesen sollen. Aber damals hätte ich es eben aus genau den Gründen nicht getan, die Leonhard beschreibt.

Die schlechte Nachricht zuerst: Schlecht geschrieben, zu viele Details, zu lang, kaum theoretischer Tiefgang, für die nachgeborene Generation zu langweilig, zu viele Namen, die niemand mehr kennt. Ohne marxistische Grundkenntnisse nicht verständlich.

Die gute Nachricht: „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ ist immer noch genau so aktuell wie der unsterbliche Sketch über die Volksfront von Judäa. Ich habe es mit äußerster Spannung gelesen, was aber nicht repräsentativ ist, da nur die ältere Generation, die in den 70-er Jahren Marx et al ausführlich studiert hat, mit den Ereignissen etwas anfangen kann.

Warum gibt es eigentlich immer noch keine theoretische Diskussion in der Linken darüber, wie „Stalinismus“ eigentlich entstanden ist und warum? Leonhard beweist anhand seines eigenen Lebens, dass der Moment, in dem Stalin an die Macht kam, eine Konterrevolution war. Alle Kader der ersten Bolschewiki wurden umgebracht. Nur Stalin und die Krupskaja überlebten. Noch schlimmer: Warum hat sich niemand gewehrt?

Wenn man die Leute detailliert beschrieben bekommt, die – aus dem Moskauer Exil kommend – einen Sozialismus in der DDR aufbauen sollten, dann weiß man sofort: Das konnte nur schief gehen. Schlechter konnten die Voraussetzungen nicht sein.

ich wusste gar nicht, dass Leonhard später im Westen eine kommunistische Partei gegründet hat, die sich an Jugoslawien orientierte. „Hier versammelten sich die erfahrenen, aber geschlagenen Kämpfer aus der zweiten Reihe der Arbeiterbewegung, die sich eine ehrliche, politisch-moralisch intakte und kämpferische Klassenpartei wünschten.“ Ist mir sofort sympathisch. Das würde heute aber genauso scheitern wie damals.

Aber urteilt selbst.

Unordentliche Tonleitern oder: Die Polen haben weniger

levins mühle Ich lese gerade ein mir bisher unbekanntes Buch eines mir bisher leider unbekannten Schriftstellers: Johannes Bobrowskis Levins Mühle. Ein prächtiger Bauern- und Schelmenroman, der mich an Oskar Maria Graf erinnert, nur dass der Plot nicht in Bayern spielt, sondern in – ja genau da, wo meine Vorfahren herkommen: Im heutigen Polen, damaligen Preußen, Litauen, Westpreußen, Neuostpreußen oder was auch immer gerade aktuell war. Ich amüsiere mich köstlich.

Bobroswki ist – wie auch Graf – hochpolitisch, aber er fällt nicht mit der Tür ins Haus. Der Leser merkt es schon selbst: Arm und reich, Recht und Gewalt – und wie geht das aus?

Und die Deutschen – also Ragolski und Wistubba und Koschorrek, um ein paar andere Namen zu nennen – wissen, daß es an der Tüchtigkeit liegt, wenn man etwas hat, und die Polen denken, es kommt von der Muttergottes. Aber freilich, die wirkt mehr ins Gemüt als in Portemonnaie, sagt man, und deswegen haben die Polen, sagt man, weniger.

Aus dem Lehrbuch für Schreiberlinge über pralle Metaphern: … und die Truthähne mit an die Erde gedrückten Flügeln um das Stallende herum auf den Hof stürzen, rasselnd wie mit Kettenpanzern behängt und ihr unordentlichen Tonleitern kollernd, unter Dampf gesetzte Wasserorgeln.

Wenn die Schwäne Horror tragen

black swan

Filmplakat zu Black Swan

Wenn man kränkelt, liegt man gern im Bett und schaut Filme. Da ich kein Fernsehprogramm mehr anschauen kann, kaufe ich welche oder höre auf den Rat von Freunden, wenn mich das Thema eigentlich nicht interessiert. So auch hier. Ballett? Schwanensee? WTF? Bin ich eine höhere Tochter oder schwul was?

Soll aber gut sein. Sagen die Freunde. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass Natalie Portman veganische Esoterikern ist und manchmal merkwürdige Dinge von sich gibt, hätte ich mir zum Film aus Trotz noch eine Currywurst geholt.

Fazit: Ich war angenehm überrascht. Die Portman spielt man so einer Wucht, dass es einen in den Sessel bzw. hier: ins Kopfkissen haut. Wenn man noch nicht wusste, dass Ballett Kunst und Hochleistungssport ist, dann weiß man es spätestens jetzt. „Zugleich nahm Portman im Vorfeld der Dreharbeiten ein Jahr lang Tanzunterricht, wobei sie die ersten sieben Monate privat finanzierte, da für den Film bis zu diesem Zeitpunkt noch keine Sponsoren gefunden waren.“ So was nenne ich Leidenschaft. Den Oscar hat sie sich zweifellos verdient.

Zeitweilig dachte ich auch, ich sei in einem Horrorfilm gelandet. Es gruselt mich selten, aber ich war kurz vor einer Gänsehaut, auch wegen ihrer Mutter und wegen zahlreicher anderer Vorkommnisse. Aus dem Stoff hätte man gleich ein halbes Dutzend Plots zimmern können. Dicht, dichter, am dichtesten.

Sex? Ja, eine lesbische Sex-Szene lässt die Wände wackeln. Man erwartet jeden Augenblick, das malena Morgan hereinkommt und sich nackt aufs Bett wirft. Aber hallo! In Deutschland wurde so etwas natürlich zensiert. (By the way: Sueddeutsche.de und Faz.net verlinke ich nicht, wenn dort Javascript verlangt wird.)

Kann man also sogar zwei Mal ansehen, allein schon wegen der schauspielerischen Brillianz Portmans, auch wenn man kein Ballett mag.

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