Warum sind Hexen nackt?

witch

Bild: Luis Ricardo Falero (für das deutsche Wikipedia irrelevant): „Hexensabbat“ (1880, via Wikimedia)

Atlas Obscura: „Sex, Drugs, and Broomsticks: The Origins of the Iconic Witch – Witches were almost always portrayed naked until the 1900s.“

A Man in Full

ein ganzer Kerl„Tom Wolfe macht süchtig“, heißt es auf dem Buchcover. Für mich stimmt es. Ich lese gerade begeistert „Ein ganzer Kerl“ und kann das Buch kaum aus der Hand legen.

Der Plot steht bei Perlentaucher: Der erfolgsverwöhnte, megareiche Tycoon Charlie Croker hat sich verspekuliert: Bei der Planners Banc steht er mit einer halben Milliarde Dollar in der Kreide. Neben Charlie Croker kämpft der elegante Anwalt Roger Too White aus dem schwarzen Atlanta ums Überleben. Er muß einen beliebten Footballspieler, der eine Frau vergewaltigt haben soll, vor dem drohenden Skandal schützen. Und dann ist da noch Conrad Hensley, ein junger Familienvater mit bescheideneren Lebenszielen, der in die brutale Welt eines Männergefängnisses gerät.

Ich verstehe die drögen Rezensionen nicht: Niemand scheint Wolfes Idee begriffen zu haben. (Wieso wurde der Roman in Deutschland nur so selten rezensiert?) Vielleicht muss man auch sein letzten Buch „Ich bin Charlotte Simmons“ dazunehmen, in dem das Thema zynisch und detailversessen abgehandelt wird: Wann gehört man wie dazu – und um welchen Preis?

„Was die Urväter Balzac und Zola in jeweils hundert Büchern kaum zuwege brachten, will Enkel Tom in zwei Anläufen erledigen: die Menschliche Komödie hier und heute, das Epochenporträt, den großen Gesang“, schreibt Andreas Kilb in der „Zeit“. Ja, und nicht nur das: Im Gegensatz zu allen deutschen Autoren stellt Wolfe uns die gesamte US-amerikanische Gesellschaft vor: Ein Mitglied der herrschenden Klasse, einen waschechten Proletarier, Prototypen der schwarzen Mittelschicht und deren politischen Charaktermasken. Man möchte sich hierzulande umsehen und auf die Leute mit dem Finger zeigen und rufen: „Ja, ihr seid gemeint, und ihr kommt nicht gut dabei weg!“

Grandios an Wolfe finde ich, dass er seine Charaktere nicht denunziert – auch nicht die Frauen. Auf die moralischen Kategorien „gut“ und „böse“ kann er mit leichter Hand verzichten, muss doch jeder auf seine Weise in der (jeweiligen) Krise sehen, wo er bleibt. Der Immobilien-Tycoon hat sich verspekuliert und die Aasgeier der Banken umkreisen ihn schon. Der Arbeiter wird gefeuert, weil „gespart“ werden muss (wie dessen Job geschildert wird, ist hochaktuell) und landet mehr oder minder zufällig im Knast. Einem schwarzen Superhelden aka Sportler droht eine Anklage wegen Vergewaltigung. Und alle Schicksale sind miteinander verwoben. Ich kenne keinen deutschen Autor, der das auch nur annähernd so hinbekommt – in der deutschsprachigen Literatur geht es fast immer um die Wehwehchen der Mittelschicht.

Manchmal musste ich losprusten, vor allem dann, wenn Wolfe seine Protagonisten erzählen lässt, wie Politik funktioniert. Es geht nie um die Sache, niemand will die Wahrheit wissen (wie schon in „Fegefeuer der Eitelkeiten“), alle versuchen nur, sich gegenseitig zu benutzen und auszuspielen: Das ist realistisch, recht böse, bis in das kleinste Detail korrekt und ziemlich komisch.

„Ein ganzer Kerl“ kann ich uneingeschränkt empfehlen: Mehr als tausend Seiten uneingeschränktes Lesevergnügen. (Außerdem gefallen mir seine flotten Sprüche über Kollegen und was er über das Schreiben sagt.)

Sackdoof, feige und verklemmt [Update]

presseerklärung

Screenshot (Ausriss): Anhang der Presseerklärung des Landgerichts Hamburg: Was darf gesagt werden und was nicht?

Telepolis: „Mit einer einstweiligen Verfügung hat das Landgericht Hamburg – nicht ganz unerwartet – die Teile des Böhmerman-Gedichts verboten, die einen Sexualbezug aufweisen. Erlaubt ist jedoch:
„Sackdoof, feige und verklemmt, ist Erdogan der Präsident“
„Er ist der Mann der Mädchen schlägt und dabei Gummimasken trägt“.

Diese 18 Songs musst Du am 1. Mai hören, Genosse!

Aus dem letzten Jahr, weil es so schön war: „Der 1. Mai ist zu einem Festspiel mit schwarzem Block und bunten Bürgern verkommen. Früher war das anders. Eine Erinnerung an die schönsten Arbeiterhymnen – von Ernst Busch bis Oasis.“

Bella ciau!

Für alle die, die an höhere Wesen glauben: so geht es auch zu Ostern! (Mehr zu Bella Ciau)

Ohmygod Bodies in Motion

tom wolfe

Wenn ich in den letzten Tagen wenig geschrieben habe, liegt es auch daran, dass ich in jeder freien Minute Tom Wolfes: Ich bin Charlotte Simmons angefangen habe zu lesen, knapp tausend Seiten; ich muss mich immer bremsen, zu schnell voranzukommen. Jede Zeile ein Hochgenuss. Wolfe muss man ja kennen, aber ich werde jetzt jedes Buch lesen, was er je geschrieben hat, am besten in Englisch. Einfach grandios.

Sehr hübsch sind die Rezensionen von The New Atlantis: „Love in the Age of Neuroscience“ und vom Guardian: „Ohmygod it’s a caricature“.

Lost in Space

Ich habe gerade drei Stunden meines Lebens verschwendet und mir alle verfügbaren Videos von Gennady Tkachenko-Papizh angesehen bzw. angehört. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ist der irgendwie aus einer Zeitmaschine gefallen? Oder ein Bruder der Diva Plavalaguna?

Ich brauch das jetzt

Danach habe ich als Schüler getanzt in der einzigen Disco in Unna. „9:10 is when the chills begin.“ Epic ab 13:06.

Was kann man hier schon tun…

krankenhauskrankenhauskrankenhauskrankenhaus

Heute hab ich besser hingehört: Blutdruck 60:120. Vielleicht werde ich morgen wieder nach Hause geschickt, aber mit Verband und mit dem Befehl, mich zu schonen.

In den Tagesräumen liegt „Literatur“ herum, die aber nicht meinem Geschmack entspricht. Ich lese mit großem Vergnügen (zum zweiten Mal) Israel Finkelsteins Keine Posaunen vor Jericho: Die archäologische Wahrheit über die Bibel (demnächst noch einmal was dazu) und Maxime Robinsons Standardwerk Islam und Kapitalismus, das schon 1983 erschienen und immer noch aktuell ist). Beide sehr empfehlenswert.

By the way: Ich vermisse mein tägliches Secondlife, was mit einem Linux-Netbook nicht geht und auch das Huawei-Modem überfordern würde.

Gibberish oder: Wusst‘ ich’s doch!

How cultured are you?

heute show

Die heute-show vom 19.02.2016 ist richtig gut.

The Hateful Eight oder: Schwarzer Mann, weiße Hölle

hateful eight

Ich habe mir Tarantinos Film gestern angesehen. Meine Empfehlung: Maximale Punktzahl, keine Sekunde Langeweile, Unterhaltung auf höchstem Niveau, aber nicht für Dumme.

Happy birthday, Pris!

pris

Most sexy punky Replicant ever! Quelle: The Poke

Der Garten der Lüste

Garten der Lüste

Die Schöpfung, das Paradies der Liebenden, das musikalische Fegefeuer und die Verdammnis: „Ein rätselhaftes Gemälde wird gelesen und entschlüsselt“ (Lustauflesen). Wahlweise kann Hieronymus Boschs meisterhaftes und vielschichtiges Renaissencegemälde auf eigene Faust erkundet werden oder in einer geführten Tour über 15 Stationen. (Via Schockwellenreiter)

Mannomann!

krav maga

Adam Soboczynski („mit sieben Jahren aus Polen ausgewandert, schlimmer Migrationshintergrund“) auf Zeit online über Feminismus, Splatterfilme, deutsche Männer und warum am Schluss immer die Russen vorkommen.

Ich habe den Artikel beim Frühstück angefangen zu lesen und dachte zuerst: Bei dem Thema kann es nur langweilig werden. Dann habe ich mich kringelig gelacht.

Ich muss zugeben, dass ich mir genau die Fragen zur Kölner Silversternacht auch heimlich gestellt hatte: „Weshalb hat es eigentlich keine Rangelei unter Männern gegeben? Warum haben die Partner der angegriffenen Frauen diese nicht mit all ihrer Kraft zu schützen versucht?“ Vermutlich hätte ich „russisch“ bzw. israelisch reagiert und wäre deshalb den Heldentod gestorben. „Wer nur einen flüchtigen Blick in die Kulturgeschichte wirft, liest dauernd von Männern, die Frauen retten.“ Muahahahaha.

Im Übrigen steht alles zum Thema „Männerrolle“ schon im äußerst lesenswerten Buch von Barbara Ehrenreich: Die Herzen der Männer (1989).

The best drum solo in the entire world

Society of Rock: „Shifting from the drum kit to the bongos, not a peep can be heard during this performance as Bonzo demanded full attention without even requesting it. Like a moth to a flame, we are just mesmerized by Bonzo’s ability to improv and carry out what is known as the best drum solo in the entire world.“

Der ultimative Shakespeare-Film

macbeth

Alle Links gehen zu Amazon. Just saying.

Es gibt Filme, die möchte man immer wieder sehen, einmal im Jahr oder so. „Avatar“ gehört für mich dazu, obwohl ich auch das Spiel besitze und schon jede Szene auswenig kenne (von „Dialogen“ kann man bei „Avatar“ nicht reden, die sind auch unwichtig).

Ich habe in den letzten Jahren nur rund ein Dutzend Filme gekauft, und ich bin mir bewusst, dass mein Geschmack weder massen- oder mainstreamkompatibel ist noch den den hier mitlesenden Publikums treffen wird. Outland – Planet der Verdammten gehört zum Beispiel dazu, Der 13te Krieger und Der Adler der neunten Legion, natürlich The Hours (wenn man Frauen verstehen will, har har), Und dann der Regen. Verschämt mus sich auch zugeben, dass ich Der letzte Mohikaner besitze (nur wegen Madeleine Stove), Spartacus: Blood and Sand und 300.

Sehr selten ist aber, dass man einen Film vierzig Jahre lang ansehen kann und der immer noch so frisch und aktuell wie am ersten Tag ist. Seit 1971 wollte ich mir immer Macbeth von Roman Polanski aus dem Jahr 1971 kaufen – was ich jetzt getan habe. Es gab und gibt immer noch keine bessere Shakespeare-Verfilmung, auch wenn Kenneth Branagh das sicher anders sehen würde.

Wer traute sich heute noch, einen Film über das 17. Jahrhundert zu drehen, in dem die Schauspieler in Versen reden? Das wäre ja so, als redete Brad Pitt in Troja in Hexametern, oder als verfilmte man das „Nibelungenlied“ in Mittelhochdeutsch. „One of the most fascinating of Shakespearean adaptations“, schreibt die Kritik.

Roger Ebert: „Polanski has imposed this vision on the film so effectively that even the banquet looks like a gang of highwaymen ready to wolf down stolen sheep. Everyone in the film seems to be pushed by circumstances; there is small feeling that the characters are motivated by ideas. They seem so ignorant at times that you wonder if they understand the wonderful dialogue Shakespeare has written for them. It’s as if the play has been inhabited by Hell’s Angels who are quick studies. All of this, of course, makes Polanski’s ‚Macbeth‘ more interesting than if he had done your ordinary, respectable, awe-stricken tiptoe around Shakespeare. This is an original film by an original film artist, and not an ‚interpretation.'“

Gehört also zum Bildungskanon wie „Faust“, Homer oder „Parzival“ (das Original in Mittelhochdeutsch).

Triumph des Willens oder: The Revenant is meaningless pain porn

Revenant

Carole Cadwalladr schreibt im Guardian gnadenlos gut über „The Revenant“: „The Revenant is meaningless pain porn.“ Lesenswert, amüsant, sophisticated und ein Leckerbessen für Liebhaber des englischen Feuilleton.
So the landscape is chilling and the violence is pointless and the whole thing is meaningless. A vacuous revenge tale that is simply pain as spectacle. (…) ask ourselves why pain and suffering and brutalising women and pointless, fetishistic violence – when it’s done by Hollywood – wins awards. Or why we’re so keen for it to look „real“. What neurotransmitters are we releasing?

Nach der Lektüre hatte ich mich eigentlich entschieden, den Film nicht anzusehen, aber meine Firma hat mir zu Weihnachten zwei Kino-Freikarten geschenkt, die ich noch verbrauchen muss. Porn ist sowieso ok, und ich habe schon öfter sinnlose Filme gesehen und mich trotzdem amüsiert.

Hunger Games, revisited

hunger games

Jacobin hat eine kluge und ausreichende Interpretation der letzten Folge der „Hunger Games“. Ich hatte ganz vergessen zu erwähnen, dass ich sie mir angesehen habe. Der letzte reaktionäre Quatsch. Nicht reingehen.

The solution that the movies propose is a romantic, even regressive one in which utopia is not a collective project of establishing a more just society, but a complete retreat from politics into the private sphere. The question of exploitation is never broached; instead the answer to oppression, as the saga imagines it, is to establish capitalism rather than to move beyond it.

Bullfrog Blues

Als man noch gute Musik hörte und gute Frisuren trug… Ich habe ihn live gesehen!

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