Arrival oder: Unter Heptapoden

arrival

Gestern habe ich mir den Science-Fiction-Film Arrival angesehen. Kann man zur Unterhaltung tun, es gibt aber keinen Grund für Jubelchöre.

Der Plot: Sie sind da, und wir verstehen sie nicht. Wissenschaftler versuchen es doch, und die Militärs sind blöd und machen beinahe alles zunichte. Das Thema hat Stanislaw Lem eigentlich schon hinreichend abgehandelt, auch in linguistischer Sicht: Wir können das Andere nicht begreifen, und schauen deshalb nur immer in den Spiegel. Aber vielleicht kann man das noch mal für die Nachgeborenen wiederholen, die keine guten Bücher mehr lesen. Der Film kriegt das aber aus verschiedenen Gründen nicht hin.

Erster Kritikpunkt: Wenn man den Plot kennt, ist das Film langweilig. Zwei Mal wird ihn sicher niemand ansehen. Zweiter Kritikpunkt: „Arrival“ macht genau den Fehler, den Raymond Chandler rät zu vermeiden: Der Autor lasse die Rezipienten nicht mit dem Gefühl allein, dass er alles schon wisse, es ihnen aber nicht verrate – wegen der Spannung und so. Diese Attitude nervt.

arrival

Doofe Zwischenfrage Frage: Warum sind Aliens eigentlich immer größer als Humanoide – in Filmen, die mit ernstem Unterton daherkommen? (Mars Attacks! bleibt also außen vor.) Man freut sich schon, wenn sie nicht schleimig sind, weil man dann nicht immer an Theweleit oder Levi Strauss denken muss. Die Außerirdischen in „Arrival“ sehen so aus die bei Gary Larson, nur eben sehr viel größer (und stehen anders herum).

Zwischendurch fand ich „Arrival“ als Germanist recht intelligent. Linguistik ist aber nicht sexy, und schon gar nicht für das gewöhnlich dumme Publikum. (Die pathetischen Rück- und Vorblenden mit dem Baby der Hauptdarstellerin sind so unerträglich schwülstig-klebrig wie die Abschiedsszene der schwulen Hobbits in Herr der Ringe.)

arrival

Ich habe natürlich mitbekommen, dass in „Arrival“ der Sapir–Whorfismus zustimmend rezipiert und sogar namentlich genannt wird. Die Sapir-Whorf-Hypothese ist die Basis für die esoterische „Wissenschaft“ des Gendersprech, aber Fakten haben Esoteriker ja noch nie interessiert.
Die Sapir-Whorf-Hypothese geht ursprünglich zurück auf Forschungen über die Hopi-Sprache, die Benjamin Lee Whorf durchführte. Dabei entdeckte er, dass die Hopi-Sprache keine Wörter, grammatischen Formen, Konstruktionen oder Ausdrücke enthält, die sich direkt auf das, was wir Zeit nennen oder auf Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft beziehen. Whorfs vermeintliche Feldforschungen basierten jedoch nur auf sekundären Quellen. So bezog er all seine Informationen über die Hopi-Sprache von einem einzigen Hopi-Bewanderten aus New York, eine empirische Überprüfung seiner Annahmen bei Muttersprachlern vor Ort erfolgte nicht. 1983 konnte der Linguist Ekkehart Malotki nachweisen, dass die Hopi über komplexe Möglichkeiten verfügen, Zeitformen auszudrücken. Damit war eine der zentralen Motivationen für den Aufbau der Sapir-Whorf-Hypothese hinfällig.

Der Film beleidigte also auch meinen Intellekt, was bei „Science“-Fiction nicht gut ankommt und mir schlechte Laune macht.

Race et al

jack london

Lieber Kollege Marc von Lüpke von Spiegel online, Du schreibst über meinen Lieblingsschriftsteller Jack London: „Der Erfolgsautor propagiert seine sozialistischen Überzeugungen – und zugleich den Sozialdarwinismus. Die Botschaft: Nur die Stärksten überleben. Für den Sozialisten London ist die weiße Rasse überlegen.“

Das ist gequirlte Scheiße – mit Verlaub! – Unsinn. Jack London verherrlicht mitnichten den Sozialdarwinismus, obwohl er Schopenhauer und Nietzsche und Rudyard Kipling mochte, oder gar die Überlegenheit der „weißen Rasse“. Erstens schreibt er nur, wie es war, und verherrlicht überhaupt nichts.:
By instinct and by conviction, London was a literary naturalist — one of a new breed of writers who focused on the harsh, deterministic forces shaping nature and human society.

Und zweitens schrieb er Englisch. Dort hat das literarische Wort „race“ eben eine ganz andere Bedeutung als im Deutschen der Begriff „Rasse“. London thematiert die „imperial mission of the Anglo-Saxons“. Angelsächsische Rasse? Har har. Quod erat demonstrandum.

Even as The Call of the Wild became one of the best-selling books in American history, newspaper editorials were calling for London to be jailed or deported for his Socialist speeches, schreibt Johann Hari.

Ich warte darauf, dass auch deutsche Universitäten bald die halbe Weltliteratur in den Giftschrank einschließen, einschließĺich Jack London und Hemingway sowieso, weil alles voller Sexismus ist und niemand, weder Brecht noch Goethe noch Shakespeare, sich genderpolitisch korrekt ausdrückten.

By the way, wer schrieb das hier? „Being in his quality as a nigger, a degree nearer to the rest of the animal kingdom than the rest of us, he is undoubtedly the most appropriate representative of that district.“

Revolt of the Poor

Proleten, Pöbel, ParasitenIch empfehle ausnahmeweise ein Buch, das ich noch gar nicht ausgelesen habe. Christian Baron: „Proleten, Pöbel, Parasiten: Warum die Linken die Arbeiter verachten“ – über das Thema Eribons, ist aber besser und geht mehr auf die speziellen deutschen Zustände ein. Baron schreibt mit einem Furor, der mir ausnehmend gut gefällt. Er legt sich mit allen an: den „Gefühlslinken“, den Grünen, Veganern, Verteidigern des Islam, Fußball-Hassern; es bleibt kein Auge trocken und alle kriegen ihr Fett ab. Viel Freunde im „linken Milieu“ wird er jetzt nicht mehr haben. Das Gefühl kenne ich irgendwie…

Deutschland lässt sich dennoch nur als Klassengesellschaft begreifen. (Baron)

Frage: Warum wählen die Arbeiter Parteien, die nicht die Interessen des Proletariats vertreten? Die Frage wurde für Frankreich, Deutschland und die USA schon gestellt, aber nie beantwortet.

Deutsche Journalisten stammen fast ausnahmslos aus der Mittelschicht. Das bedeutet: Sie nehmen den Klassenstandpunkt der Mittelschicht ein – und nur den – und leugnen es gleichzeitig. Sie leugnen auch unisono, dass es Klassen gebe, und wenn doch, dann höchstens, was „Bildung“ angeht.

Das Buch konfrontiert die Leserin und den Leser mit verzweifelten Menschen, die nicht wissen, wie sie mitten in diesem schwerreichen Land ihre Kinder sattkriegen sollen; derer letzter Stolz aber darauf gründet, dass sie sich dennoch selbst zur Mittelschicht zählen. (…) Das Buch handelt auch von Menschen, deren Ohnmacht in diffuser Fremdenfeindlichkeit mündet und deren real empfundenen Ängste eine in Selbstgewissheit lebende Bildungselite einfach nicht zur Kenntnis nehmen will.

Ich glaube, dass es sehr schwer ist eine Perspektive einzunehmen, die über die der Klasse hinausgeht, in die man hineingeboren und in der man sozialisiert wurde. Das ist das Thema sowohl bei Eribon als auch bei Baron. Beide stammen aus dem Proletariat und sind „aufgestiegen“. (Beide sind als Trickster, sagt der Völkerkundler.) Für mich gilt das auch. Ich musste bei der Lektüre Borons ständig nicken – ich konnte alle seine Gedanken nach vollziehen.

Das Treten nach unten ist dennoch leider auch in linken Milieus auf dem Vormarsch. (Baron)

Ganz einfach: Weil diese „Gefühlslinken, auf die Baron eindrischt, eben meistens Kinder aus der Mittelschicht sind. Die können nicht anders. (Nmatürlich gibt es Ausnahmen.)

Warum müssen linke Akademiker so arrogant sein? (…) …was mir an so vielen linken Aktivisten mittlerweile so übel aufstößt: diese Unfähigkeit, aber oft genug auch eine start ausgeprägte Weigerung, die Perspektive völlig anders sozialisierter Menschen einzunehmen. (Baron)

Peter Nowak schreibt auf Telepolis: „Doch leider kann man ein Buch, das dieses Thema in den Mittelpunkt stellt, wohl kaum einem größeren Publikum verkaufen. (…) Dabei aber übersieht Baron, dass die theoretische Arbeit durchaus ein eigenes Feld ist und nicht immer und von allen gleich verstanden werden kann und muss.“

Das ist Unfug, Kollege Nowak. Wer sich nicht so ausdrücken kann, dass ein normaler Mensch ihn versteht, muss an sich arbeiten – wenn es um Politik und Ökonomie geht. Wer nicht verständlich schreiben kann, denkt auch wirr. Marx, Brecht und Freud haben Kompliziertes so formuliert, dass man es versteht, wenn man nicht ganz bekloppt ist. Proletarier sind eben nicht dumm. Ich habe viele Arbeiter und Gewerkschaftler kennengelernt, die gebildeter also heutige Studenten waren und auch mehr wussten. Mehr Lebenserfahrung hatten sie sowieso.

Selbsthass kennzeichnet viele aus der Unterschicht, während die Mittelschicht das Radfahrer-Prinzip anwendet: Nach oben buckeln und nach unten treten. Die Oberschicht verfügt als Einzige über das, was man früher als „subjektives Klassenbewusstein“ bezeichnet hat. Ihre Aufgabe sieht sie darin, eigene Privilegien zu sichern und Unfrieden unter den Lohnabhängigen zu stiften. (Baron)

Einen gewaltigen Shitstorm wird Baron auch für seine These ernten: „Multikulti ist gescheitert“. Das habe ich schon in „Nazis sind Pop“ vor 16 Jahren gesagt, und auch damals wollte es niemand hören, obwohl es eine Kritik aus einer radikal linken Perspektive war.

Linke verirren sich nur selten in soziale Brennpunkte. Und wenn doch, dann meiden sie den Kontakt zum „white trash“ und wenden sich – was allein natürlich unterstützenswert ist – den dort lebenden Flüchtlingen zu.

Har har. Jemand, der das in der „Taz“ schriebe, würde sofort sozial geächtet und in Zukunft totgeschwiegen. Es ist aber bezeichnend und wahr.

Leider hat die Linke die Religionskritik den Rechten überlassen. (Baron)

Das erinnert wieder an Frankreich, wo sich die rechte Front National als Verteidigerin des Laizismus aufspielen kann – leider zu Recht: Vertreter der Linken eiern beim Thema oft nur elendlich herum.

Und was ist mit dem Rassismus? Die Jungle Word lässt Tuvia Tenenbom zu Wort kommen, der wie gewöhnlich den argumentativen Knüppel dem Degen vorzieht:

Man könnte durchaus von einer »revolt of the poor« sprechen. Das erste Mal in der Geschichte der USA stand mit Donald Trump ein Kandidat zur Wahl, der rassistische Äußerungen von sich gab und all den Rassisten ein Sprachrohr war. Er lieferte einen Tabubruch nach dem anderen. Hat es die Leute gestört? Nein. Man war dankbar, dass das Diktat der Political Correctness durchbrochen wurde. Besonders in New York hat dieser Irrsinn dazu geführt, dass alles furchtbar berechenbar und harmlos geworden ist. Schwarze heißen dort »Afroamerikaner«, Europäer »Kaukasier« und Obdachlose nennt man »anders Ausgestattete«. Alle müssen sich andauernd lieb haben. Und dann kommt einer, der endlich mal sagt: »Ich habe nicht alle lieb.« Es geht also um zwei Dinge. Einerseits gibt es die Revolte von denen, die sich durch die Regierung im Stich gelassen fühlen, andererseits die Leute, die dankbar dafür sind, dass sie endlich wieder sagen dürfen, was sie wirklich denken.

Ein wunderbares Beispiel linker Arroganz ist übrigens D. Watkins auf Salon.com: „Dear hard-working white people: Congratulations, you played yourself“. Was er über den Rassismus und die ultrarechten Unterstützer Trumps feststellt, ist natürlich richtig, aber die Wähler Trumps zu beschimpfen, hilft nicht wirklich weiter. Baron hat dazu eine sehr interessante Formulierung, die ähnlich auch eine der zentralen Thesen Eribons ist:

Eine Gesellschaft von finanzieller und kultureller Teilhaben an ihrem unermesslichen Wohlstand systematisch ausschließt, darf sich nicht wundern, wenn diese ausgeschlossenen im Übertreten bürgerlicher Wertvorstellungen ihr letztes Refugium widerständigen Verhaltens und damit eine Art letzter Restwürde zu finden hoffen,“

Demnächst noch mehr dazu in diesem Online-Theater.

Klassenhabitus oder: Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!

Nur mal kurz zwischendurch. Florian Kessler auf Zeit online: „Warum ist die deutsche Gegenwartsliteratur so brav und konformistisch? Weil die Absolventen der Schreibschulen von Leipzig und Hildesheim alle aus demselben saturierten Milieu kommen.“

Was für Journalisten gilt, gilt natürlich auch für Schriftsteller. Eribon (jaja, ich werde noch mehr über ihn schreiben, eine wahre Fundgrube) nennt das „Klassenhabitus“, den man nicht so einfach ablegen kann, weil dieser Habitus aus einer Vielzahl von kulturellen Techniken besteht, die man in seinem eigenen sozialen Milieu gelernt hat.

(sociology)The lifestyle, values, dispositions and expectations of particular social groups that are acquired through the activities and experiences of everyday life.

Eribon wird hierzulande aber schnell zu den Akten gelegt werden, weil marxistische Begriffe wie „Klasse“ und die Konsequenzen daraus durch die freiwillige ideologische Selbstkontrolle nicht erlaubt sind. (Eribon ist kein „Marxist“).

Beissreflexe der Kleingeister

Bundesrichter Thomas Fischer schreibt über Hatespeech, kleine Geister und die Schuster- & Leistentheorie, die „umschreibt den unbedingten Willen, die berechtigte Scham über die eigene Beschränktheit mit dem unberechtigten Stolz auf den eigenen Kleingeist aufzuwiegen. Die Schuster aller Zeitalter haben sich, wie wir wissen, zu unserm Glück an diese Theorie noch nie gehalten. Wenn schon nicht der Journalismus frei ist, sprach Cicero, berüchtigter Lateinlehrer und Chefredakteur, dann doch wenigstens der Schuster: Er baut Siebenmeilenstiefel und fliegende Pantoffel, wo der Journalist gebückt einherschleicht.“

Ich frage mich, wie es in den Gehirnen der Leute aussieht, die Fischer nicht lustig finden? Ich darf die Kolumne jedenfalls nicht mehr beim Abendessen lesen, weil ich beinahe den Grünkohl-Eintopf über das Tablet gespuckt hätte.

„Die selbsternannten bedeutenden Intellektuellen in Redaktionen, Parteien und Netzwerken bescheinigen sich gegenseitig so lange die überragende Bedeutung, bis die ganze große Veranstaltung nur noch aus Kaisern ohne Kleider besteht: Mit Attitüden, aber ohne Rückgrat; mit Frisuren, aber ohne Verstand;, mit Selbstberauschung, aber ohne einen Funken Mut. Mit lauter Worten, die die Fratzen der Wirklichkeit zum Horrorclown ihrer eigenen Präsentation machen.“

Hitler, Sex, CIA und Stasi

tenenbomDie Süddeutsche über Tuvia Tenenborn und dessen Buch „Allein unter Deutschen“: „Der New Yorker beschreibt Deutschland als einen düsteren Ort voller Nazis und Antisemiten. Nach dem Zerwürfnis mit Auftraggeber Rowohlt erscheint die Reportage im Herbst beim Verlagsrivalen. Ein einmaliger Vorgang.“

By the way, Süddeutsche: Für Antisemiten ist das Wort „Jude“ negativ besetzt. Deswegen sagen sie „jüdischer Mitbürger“ oder „jüdischer Theatermacher“. Tenenbom ist Jude und Theatermacher, was auch immer das heisst. Soweit alles klar? Puls und Atmung noch normal?

Ich habe mir die Originalausgabe gekauft: I Sleep in Hitler’s Room: An American Jew Visits Germany. Im Prolog heisst es:

In a few instances where this book had the word Jews in it, he demanded that it be changes to Israel. It’s not nice to show that there are Germans who hate Jews. but Isral is a different story; that’s political and the Isrealis, after all, are known to be bad people.

…this country that has not changed since Hitler’s days in power. (…) But Hitler, let us not forget, did not create the Holocaust, he simpley operated im a social environment that invited it. The people were ready. (…) The hate for the Jew then, and the hate of the Jew today, as described in this book, is the same exact hate.

Hat er doch Recht, oder?

Der Deutschlandfunk rezensierte das Buch abfällig: „Tuvia Tenenbom will die Deutschen nicht nur entlarven, sondern sich auch über sie lustig machen“.

Ja, damit kommen Deutsche nicht klar.

„…tendenziöse Gesprächsfetzen, Passagen voller Polemik und Beschimpfungen sowie auffallend viele Reizwörter wie Hitler, Sex, CIA und Stasi:“

Auch deswegen gekauft. SCNR

The Accountant

the accountant

Großen Kino. Empfehlenswert. Hervorragende Schauspieler. Intelligente Story. Gute Unterhaltung. Spannend bis zum Schluss mit überraschenden Volten des Plots. Sehr amerikanischer Film, wird beim deutschen Feuilleton durchfallen oder nicht verstanden werden.

„Save your receipts. Ben Affleck is The Accountant, and you don’t want to get on his bad side“, schreibt Daniel M. Kimmel (via Rotten Tomatoes).

Ein autistischer Buchhalter – das erinnert natürlich an Rain Man und macht allein die Sache nicht spannend. Der Plot überrascht aber immer wieder, weil es doch anders ist und kommt, als man denkt. Der Buchhalter hat noch mehr drauf als mit unendlichen Zahlen zu jonglieren. Am Schluss metzelt es wie bei Tarantino, und man ist dankbar, dass es nicht das eindeutig Gut und Böse gibt.

Rache (es ist komplizierter) als Motiv und die Feinde trocken per Kopfschuss zu erledigen ist in Deutschland natürlich nicht erwünscht. Der Held reist im Caravan und hat eine Kollektion Waffen jeden Kalibers dabei – man stelle sich dann den Blockwart eines deutschen Campingplatzes dazu vor. Politisch ist die Botschaft hierzulande nicht korrekt – allein deshalb bekommt er einen zusätzlichen Pluspunkt.

Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. Und trotz der Lektüre von Ian Rankins „Schlafende Hunde“ am selben Tag fand ich den Film auch ausreichend intelligent. (Sex kommt nicht vor.)

Postscriptum: Ja, man kann auch orthographische Fehler auf Kino-Eintrittskarten machen, vor allem bei fremden Sprachen.

Klar und schwarz

Ian Rankin

Normalerweise gefallen mir keine Bücher, die alle gern lesen. Heute muss ich eine Ausnahme machen.

Der angelsächsische Sprachraum kennt bekanntlich nicht den typisch deutschen Unterschied zwischen „Literatur“ und „Unterhaltungsliteratur“. Kriminalromane werden genauso besprochen und ernst genommen wie der „Faust“ oder Joyce Carol Oates. Durch Zufall fiel mir neulich ein Buch von Ian Rankin in die Hände. Kriminalroman, dachte ich, das kann nur schief gehen bei meinen Ansprüchen. Es tut mir leid, liebe wohlwollenden Stammleserinnen und geneigten Stammleser, euch mit Slang behelligen zu müssen, aber nach den ersten 100 Seiten war mein Fazit: Wie geil ist das denn?

Bei Krimis für den gehobenen Anspruch denkt man an Philip Marlowe, den Meister aller sprachlichen Klassen und des treffenden Vergleichs (nur in der Übersetzung Hans Wollschlägers). Dann vielleicht an Martin Beck von Maj Sjöwall und Per Wahlöö – die Reihe habe ich auch komplett hier. Dann natürlich die Krimis von Janwillem van de Wetering.

Jetzt werde ich sämtliche Bücher Ian Rankins kaufen und lesen müssen. „The Times“ schrieb: „Ausnahmslos alle Romane aus der Rebus-Reihe sind einfach großartig“. So ist es. „Je mehr Titel mir von Ian Rankin in die Hände fallen, desto größer die Begeisterung. (…) Wer Rankin liest, sieht klarer und schwarz.“ (Tobias Gohlis, Die Zeit)

Die traurige Nachricht, ganz persönlich: Ich werde nie einen Krimi schreiben. So wie Rankin würde ich das nicht annähernd können. Also gar nicht erst versuchen.

Árstíðir – Heyr himna smiður

Via Atlas Obscura. „Heyr himna smiður“ stammt aus dem Jahr 1208, komponiert von Kolbeinn Tumason. Kombiniert mit einem Wuppertaler Bahnhof nennt man das vermutlich ein Oxymoron.

Dazu könnte man sich noch Eivør Palsdottir anhören, allerdings wäre mir Altisländisch auch recht.

Entertain me!

movies

Neu in meiner Film-Bibliothek. Ich habe zur Zeit wenig Zeit, nächste Woche wird es besser mit der Bloggerei.

Rafter

Rafter

Nikolai Andronov (1929-1998): Rafters. 1960-1961. Oil on canvas. (Via Государственная Третьяковская галерея bzw. Tretyakov Gallery)

Das waren noch Zeiten, als Künstler die Arbeiterklasse malten. Die Körperhaltung der Flößerin zeigt auch, dass diese kein Gendersprech braucht, um gleichberechtigt zu sein. Flößerinnen sind eben keine Mittelschicht-Tussies. Ein wirklich schönes Gemälde, ich würde es glatt hier in meiner Wohnung aufhängen.

Epic

Höre gerade epische Musik von Antti Martikainen.

J. S. Bach – Prelude no. 2 in C Minor

Wenn das Hendrix noch hören könnte!

Karl May: Der Orientzyklus

WDR: Mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar durch die Wüste – Karl Mays Orient-Romane in einer aufwändigen Hörspielproduktion. – Die Folgen der Hörspiel-Serie stehen nach den Sendungen befristet zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Die Helfer einer Lügnerin

Udo Vetter: „Peinlich ist das Urteil vor allem für jene, die den Fall Lohfink zum Gradmesser für angebliche Lücken im deutschen Sexualstrafrecht hochgejazzt haben. Die Mitglieder des Teams Gina-Lisa, allen voran die amtierende Familienministerin, haben sich vor den Karren einer mutmaßlichen (das Urteil ist nicht rechtskräftig) Lügnerin spannen lassen.“

Ich empfehle dazu Tom Wolfes Fegefeuer der Eitelkeiten. Niemand ist an der Wahrheit interessiert, und das so genannte „Team Gina-Lisa“ schon gar nicht.

Kant zur Sache

Konkret: „Am 14. August ist Hermann Kant gestorben. Mit Hermann L. Gremliza sprach er in konkret 7/06 über die real existierende DDR und den deutschen Literaturbetrieb.“

Man muß nicht mal ein Hundertstel des Gripses von Marx haben, um das, was der im ersten Kapitel des Kommunistischen Manifests beschreibt, als auch heute zutreffend zu erkennen. Die Leute brauchten keine theoretischen Köpfe zu sein, sie mußten nur ein bißchen verstanden haben. Aber der Ehrgeiz ließ sie nicht ruhen, sie mußten immer verlautbaren, sie wüßten, wie wir es zu machen hätten. (…) Es ist eine andere Art von Bewußtsein entstanden und geblieben, nicht nur das Bewußtsein der Niederlage, sondern auch das Bewußtsein von Chancen. Ich sage nicht der Siege. Viele Siege haben sich als Pyrrhussiege erwiesen. Aber das Bewußtsein vom Vermögen, etwas ändern zu können, wenn man es wirklich will. (…) Eine der Haupteigenschaften aller Menschen scheint zu sein – ich kann es ihnen gar nicht verdenken – , daß sie immer ein Leben suchen, in dem sie es bequem haben und sich nicht mühen müssen.

Lesenswert. Ich habe Kants Bücher gern gelesen, ein paar von denen stehen auch in meiner Bibliothek.

Ich bin ohne Illusion, was die Reichweite meiner Vorstellungen angeht, merke aber zu meinem Troste, wie oft sich Übereinstimmung findet.

Ja.

Zynische Witze mit frauenverachtender Kritik

Bundesrichter Thomas Fischer nimmt sich auf Zeit online seine Kritiker vor, zerbröselt sie in kleine Stücke und trampelt elegant darauf herum. Ein bisschen zu lang, aber lesenswert. Sag „ich als Mann“, ein beleidigungsfähiges Etwas.

Highlight: „Ganz wichtig: bestimmte Substantive unbedingt immer mit bestimmten Attributen kombinieren: also Witz immer mit „zynisch“, Kritik immer mit „frauenverachtend“, Vergewaltigung nie ohne „brutal“. Sonst kommt die Leserin am Ende noch auf eigene Gedanken.“

Ein Mann geht seinen Weg

fist

Ja, man darf auch mal einen Film aus dem Jahr 1978 empfehlen, sogar wenn Silvester Stallone der Hauptdarsteller ist. Fist [UK Import] ist für mich der beste Film über Gewerkschaften überhaupt – und sehr aktuell, weil alle Charaktermasken noch heute aktiv sind.

Streiks mit Gewalt – Streikbrecher und organisierte Schlägerbanden der Kapitalisten verprügeln? Da würde jeder Gewerkschaftsfunktionär von heute gleich in Ohnmacht fallen. Meine Großväter, die beide Bergleute waren, haben mir aber davon erzählt. Kaum zu glauben – aber so etwas hat es in Deutschland gegeben!

Ein Gewerkschaftsboss (Peter Boyle alias „Max Graham“ – eine Anspielung auf den historischen Daniel J. Tobin), der vor den „Linken“ (hier: „Bolschewisten“) warnt? Auch das ist aktuell. Man muss nur eine x-beliebigen SPD-Funktionär fragen, was der von Kommunisten hält.

Film-Lexikon schreibt: „Wer Sylvester Stallone nur aus seinen Action-Filmen der 1980er und 1990er Jahre kennt, wird von diesem Film überrascht sein – nicht, dass er hier durch eine schauspielerische Glanzleistung auffällt, drehbuchbedingt – das Buch schrieb Stallone übrigens zusammen mit Joe Eszterhas – muss er sich meistens wortkarg halten. Allerdings spielt er seinen Charakter mit der notwendigen Entschlossenheit und trotzdem in einigen Szenen weich und fast angreifbar.“

Die New York Times 1978: „Of all the stories of organized labor, the most fascinating—perhaps because it seems the most American—has been the rise to power and affluence of the corruption-riddled International Brotherhood of American Teamsters, whose one-time president, James Hoffa, disappeared in 1975 and is now presumed to have been the victim of a one-way ride ordered by his sometime gangland associates.“

F.I.S.T. gehört für mich zur Allgemeinbildung. Norma Rae muss ich mir noch ansehen.

Böse, verrückt und Silikonbrüste oder: Im Maschinenpark der Güllezerstäuber

Thomas Fischer läuft in seiner Kolumne „Böse, verrückt oder ein Würstchen?“ zur Hochform auf.

„Das Model Gina-Lisa Lohfink als eine „Frau mit dicken Silikonbrüsten“ zu bezeichnen heißt, wenn Sprache noch einen Sinn haben soll, Holz in den Wald tragen.“

Muhahahaha.

Das hier verdient einen Ehrenplatz (das Ministerium für Wahrheit ist einverstanden):
Also heißt ein Gesetz, das die Förderung von Arbeitslosen einschränkt, „Gesetz zur Beschleunigung der Integration in den Arbeitsmarkt“, ein Gesetz, das das Streikrecht beschränkt, „Gesetz zur Modernisierung der Arbeitnehmervertretung“, ein Gesetz, das den Bürgern jede denkbare Möglichkeit nimmt, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, „Gesetz zur Sicherstellung der Lebensfreude“.

Hush!

Ab 2.38, schon mal vormerken für die Party zu meinem 80-sten Geburtstag! Und das hier.

Older entries