Ilsebill salzt immer noch nach

Grass, ey.

Throat Singing oder: Klingonische Oper

Etwas für anspruchsvolle Musikliebhaber… (via >b’s weblog)

There’s a Massive, Illicit Bust of Edward Snowden Stuck to a War Monument in Brooklyn

Gefällt mir. So muss Kunst sein.

American Sniper oder: Do not think before you shoot

american sniperBeinahe wollte ich schreiben: Deutsche, die die Mentalität der US-Amerikaner nicht kennen, können den Film “American Sniper” nicht verstehen. Aber dann müsste ich das auch über “The PatriotRoland Emmerichs sagen. Also die schlechte Nachricht positiv umformuliert: Wer “American Sniper” versteht, weiß, wie US-Amerikaner ticken. Ihr ahnt es. Ich habe ihn mir angesehen.

“American Sniper” ist indirekt auch ein Film über Aliens. Die Bösen sind nur nicht schleimig, wie man das gewohnt ist, sondern irakische Terroristen oder was auch immer – man erfährt nur, dass sie, wie es sich für richtige Aliens gehört, ultraböse sind. Die Figur des “Schlächters” zum Beispiel, die in der Romanvorlage nicht vorkommt, wurde erfunden, damit auch nichts unklar bleibt. Über die Motive der Bösen erfährt man nichts. Der Held Chris Kyle nennt sie ohnehin “Barbaren”, was für den Plot nur konsequent ist.

Ich konnte auch keinen “Antikriegsfilm” erkennen, ein bekannter Euphemismus für Filme, die den Krieg verherrlichen. Bevor die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser sich jetzt aber ab- und schöneren Dingen zuwenden: Ja, der Film ist, abgesehen von der unnötigen Überlänge, nicht schlecht. Außerdem kann man danach auch sehr gut darüber diskutieren, wie Filme wirken – und ob.

Die Frage in den US-Feuilletons: Ist ein Scharfschütze ein Held? würde hierzulande eben niemand stellen, weil ein Bundeswehrsoldat eben nicht per definition als “Held” gilt, tot oder lebendig. Auch das öffentliche Ritual des Fahnenschwingens und der Motorradeskorte, wenn ein Soldat beerdigt wird, würde in Deutschland eher missbilligt. Vergleichbar wäre vielleicht eine Diskussion über die Frage, ob ein Attentäter wie Georg Elser ein Vorbild sei? (Natürlich! Aber die reaktionäre Mischpoke würde gehörig zusammenzucken.)

american sniper

Der Film stellt recht ordentlich die holzschnittartige Welt des Helden dar (ähnlich primitiv geschnitzt wie das derjenigen, die denken, ukrainische Faschisten verteidigten den “freien Westen” gegen die Russen): Man muss die Guten beschützen oder: Es gibt Schafe, Wölfe, und wenige Hütehunde, zu denen ein Scharfschütze gehört, der die Wölfe abknallt, wo auch immer auf der Welt. So denken aber viele einfache Gemüter in den USA und die Politiker, die sie als Stimmvieh brauchen.

“American Sniper” hätte natürlich weniger Diskussionen ausgelöst, wenn der Held im Original nicht von einem im Sinne des Wortes durchgeknallten und traumatisierten Veteranen erschossen worden wäre. Der Regisseur Clint Eastwood sagte: American Sniper zeige, was der Krieg aus einem Menschen mache, und verfolge die stärkste Antikriegsaussage überhaupt. Zudem wolle er ihn auch nicht als Rechtfertigung für den Einmarsch in den Irak verstanden wissen, da er von Anfang an gegen den Irakkrieg gewesen sei.

Genau so ist es. Noch interessanter ist die Frage, ob der Film, wenn er denn “gegen” Kriege ist, auch so wirkt. Meine These: Nein, tut er nicht. Medien bestärken bekanntlich die schon vorhandenen Meinungen, sie ändern diese nicht. Man kann “American Sniper” auch als “Middle Eastern” sehen oder wie einen Ego-Shooter (was er ist).

Das Beste, was man über einen Film sagen kann: Er lässt die Rezipienten etwas verwirrt zurück und zwingt sie nachzudenken.

Women of Worth

GMB Akash: “Sometimes the strongest women are the ones who love beyond all faults, cry behind closed doors, and fights battles that nobody knows about. This blog post is dedicated to honour women who are living at the edge of the society and continue their fighting to earn food and dignity, who merely ever come in the world’s limelight; even the society they are living have never appreciated their bravery.”

Unbedingt ansehen.

Eine Bande von Eseln oder: Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern

“Wir haben jetzt endlich wieder einmal – seit langer Zeit zum erstenmal – Gelegenheit, zu zeigen, daß wir keine Popularität, keinen support von irgend einer Partei irgendwelches Landes brauchen und daß unsere Position von dergleichen Lumpereien total unabhängig ist. (…)

Wie passen Leute wie wir, die offizielle Stellungen fliehen wie die Pest, in eine Partei? Wie soll uns, die wir auf die Popularität spucken, die wir an uns selbst irre werden, wenn wir populär zu werden anfangen, eine ‘Partei’, d. h. eine Bande von Eseln, die auf uns schwört, weil sie uns für ihresgleichen hält?” (Friedrich Engels)

“Aber ohne Gewalt und ohne eherne Rücksichtslosigkeit wird nichts durchgesetzt in der Geschichte, und hätten Alexander, Cäsar und Napoleon dieselbe Rührungsfähigkeit besessen, an die jetzt der Panslawismus zugunsten seiner verkommenen Klienten appelliert, was wäre da aus der Geschichte geworden!” (Karl Marx)

“Das sind ja äußerst widernatürliche Enthüllungen. Die Päderasten fangen an sich zu zählen und finden, daß sie eine Macht im Staate bilden. Nur die Organisation fehlte, aber hiernach scheint sie bereits im geheimen zu bestehen. Und da sie ja in allen alten uns selbst neuen Parteien, von Rösing bis Schweitzer, so bedeutende Männer zählen, kann ihnen der Sieg nicht ausbleiben. ‘Guerre aux cons, paix aux trous-de-cul’ [Krieg den Mösen, Friede den Arschlöchern], wird es jetzt heißen. Es ist nur ein Glück, dass wir persönlich zu alt sind, als dass wir noch beim Sieg dieser Partei fürchten müssten, den Siegern körperlich Tribut zahlen zu müssen. Aber die junge Generation!” (Engels an Marx)

“Ich habe natürlich meine Aufstellungen so gehalten, dass ich im umgekehrten Fall auch Recht habe.” (Karl Marx über seine Werke, 1857)

Ich lache mich gerade kaputt beim Zuhören…

Girls

twitty twister

Und herzliche Grüße an die salafistischen Mitbürger!

Traum in der Sierra

Ventura García CalderónGerade las ich bei Don Alphonso den Satz: “Es ist erlösend, etwas zu lesen, das keiner kennt und von dem keiner spricht.” Ich schaute kurz in meine Bibliothek und griff spontan ein schmales Bändchen mit Kurzgeschichten heraus (erschienen 1955, bekommt man für 10 Cent gebraucht bei Amazon), das ich schon zahllose Male gelesen habe, immer wieder mit großem Gewinn.

Der peruanische Diplomat und Schriftsteller Ventura García Calderón (1886-1959) ist so unbekannt, dass es noch nicht einmal einen englischen Wikipedia-Eintrag über ihn gibt, geschweige denn einen deutschen.

Algunos (sobre todo los iniciales) son de ambiente cosmopolita y carácter decadente. La mayoría, sin embargo fueron ambientados en el Perú y sobre todo en la región andina, inspirados en sus viajes a las regiones de su país.

Gabriel García Márquez gilt als südamerikanischer Vertreter des magischen Realismus, aber Calderon konnte das schon lange – und genau so gut. Als Leser, der das Land, über das Calderón schrieb, gut kennt, schmunzelt man oft, aber manchmal stehen einem auch die Haare zu Berge, ähnlich wie bei B. Traven. Traven gehört übrigens zum Bildungskanon – wer “Das Totenschiff” noch nicht gelesen hat, sollte das schleunigst nachholen, auf die Gefahr hin, dass man dann auch alle anderen Bücher von ihm lesen will.

Calderóns Geschichte “Wie unklug, ein Arzt zu sein”, beginnt so:
Zehn Stunden auf den Felsenwegen der Anden unter den akrobatischen Kunststücken der Kondore, zehn Stunden im Sattel durch die Berge Perus: da haben Sie das wirksamste Mittel gegen Schlaflosigkeit.

Kann ich bestätigen – ich würde nur “im Sattel” durch “in einem ehemaligen Schulbus” ersetzen. Und es können auch gern 24 Stunden sein.

Oder aus “Die sieben Phantome”:
So, das klingt Ihnen unwahrscheinlich? Mein Lieber, dergleichen erfindet man nicht, und es ist absolute Tatsache, daß wir, der General Arcada und ich, eine ganze meuternde Kaserne genommen haben, um zehn Uhr abends, bekleidet mit Pantoffeln und Pyjamas, wobei die rechte Hand den Revolver und die linke einen Regenschirm hielt, denn vom Himmel prasselte einer dieser urplötzlichen tropischen Wolkenbrüche, die schlimmer sind als Kugeln.

Oder aus “Schildkrötensuppe”:
Eine Schildkröte, die nichts vom Tode wissen will, zu töten, ist wahrlich nicht leicht.

Wer wollte da nicht weiterlesen?

Nicht wirklich hellsichtig

Nur mal zwischendurch. Eva Bambach schreibt in den Scilogs über “Nur ein Gerücht: A. Paul Webers hellsichtiger Kampf gegen rechts”.
Der “Spiegel” hatte den Künstler in seinem Nachruf 1980 als “parteilosen Linken” bezeichnet, der Hitler “1932 hellsichtig als ein ‘deutsches Verhängnis’ porträtiert hatte”. Wohl wahr – und doch ganz anders, wie sich zeigt. (…) Von ganz rechts außen kommend hatte sich Weber mit den von ihm zunächst als letztlich zu zahm kritisierten Nazis arrangiert. Sein anfänglicher “hellsichtiger Widerstand” kam nicht aus der Überzeugung eines Demokraten.

Da wundert es nicht, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung 2002 schrieb:
Dennoch: A. Paul Weber leistete Widerstand gegen Hitler, wie kaum ein anderer erkannte er in geradezu visionären Bildern die heraufkommende Gefahr, die er oft als “braune Flut” ins Bild setzt.

Der “Antifaschismus” der SPD eben… Vielleicht gab es 2002 auch niemanden bei der Stiftung, der Wikipedia im Internet gefunden hat.

Parerga und Paralipomena und die Liebe

Parerga und Paralipomena

Daher nun ist die erste, ja schon für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils diese, daß man etwas zu sagen habe: o, damit kommt man weit!

Nein, ich teile Arthur Schopenhauers Meinung über Frauen nicht. Aber natürlich hat er Recht, wenn er sagt: Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe. Der Rest ist Feuilleton.

Muss man Schopenhauer kennen, gar lesen? Nein. Doch. Halt! Eine seiner Schriften auf jeden Fall, will man gutes Deutsch lernen. Man sollte wie oben ein paar Hilfsmittel herumstehen haben, bevor man es wagt anzufangen. Für die Nachgeborenen: Schopenhauer spricht und schreibt natürlich Englisch, Französisch, Latein und Griechisch und setzt voraus, dass seine Leser das auch können. Damals waren “Gelehrte” eben wirklich noch gelehrt. (Dafür hatten sie keinen Fratzenbuch-Account und kein Wattsäpp.)

Über Schriftstellerei und Stil” versteckt sich im zweiten Band der Parerga und Paralipomena (Vollständige Ausgabe: Band 1&2): Kleine Philosophische Schriften: Zweite und beträchtlich vermehrte Auflage, aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers. Ein Muss für jeden, der die große Pose, ätzenden Zynismus und elegantes, wenn auch manchmal altertümliches Deutsch mag. Es kostet fast nichts. [Textpassage auf drehbuchwerkstatt.de]

Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen “Tagelöhner”.

Dafür, dass “Parerga und Paralipomena” (deutsch etwa: “Beiwerke und Nachträge”) 1851 erschienen ist, also kurz nach der gescheiterten deutschen Revolution, ist die Schrift erstaunlich aktuell und wird auch heute noch als Stilfibel für wissenschaftliche Arbeiten, Drehbücher und überhaupt Gebrauchsliteratur benutzt. Nur Journalisten scheinen die Tipps nur selten zu beherzigen. Wolf Schneider sagt dazu: “Viele Kollegen machen sich vor, dass man zwar ein halbes Jahr lernen muss, um ein Schwein zu zerlegen oder drei Jahre um einen Anzug nähen zu können, dass aber jeder schreiben kann, sobald er etwas erregt ist.” Ein Ratschlag für Blogger, der ungehört verhallen wird.

Einen Satz Schopenhauers habe ich noch: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Das ist zeitgemäße Psychologie und natürlich wahr, insbesondere, was die Liebe angeht. (Die Liebe habe ich nur im Titel erwähnt, um die RSS-Feed-Reader anzulocken.)

Ananke oder: DoS-Attacke der Glühbirne [Update]

Eine kaputte Glühbirne in einem Smart home fährt eine DoS-Attacke (via Fefe). Die ursprüngliche Story, von der die Süddeutsche abgeschrieben hat, gibt es bei Fusion. (“The challenge of being a futurist pioneer is being Patient Zero for the future’s headaches.” Lesenswert und zum Kringeln – wie auch die ältere Version in Wired.)

Das Thema hat Stanislaw Lem schon 1971 hinlänglich abgehandelt – in der Geschichte Ananke.

[Update] Dazu passt: “Künstliche Intelligenz ist die Fähigkeit von Geräten, vorherzusehen, zu welchem Zeitpunkt sie den größtmöglichen Ärger verursachen können.” (Peter Glaser)

The Godmother of Rock & Roll

Allmählich lerne ich doch die Leute verstehen, die behaupten, die Nachgeborenen hörten nur Scheiß-Musik. Ich brauche nur in eine x-beliebige Studenen-Kneipe zu gehen, um das bestätigt zu sehen bzw. hören. Sister Rosetta Tharpe wird sich noch nach 100 Jahren gut anhören, während fast alles, was heute musikalisch angesagt ist, vergessen sein wird. (Danke, Petra!) Damals war das Outfit irrelevant. Der Letzte, der sich IMHO auch so auf der Bühne gab, war der unvergessene Rory Gallagher. Damals hatten die Männer auch noch vernünftige Frisuren. (Jetzt hör ich aber auf…)

He did live long and prosper!

Power to the People!

Ich vergass zu erwähnen: Weg mit der unpolitischen Techno-Scheiße in Szene-Kneipen!

Out of My Mouth Comes Unimpeachable Manly Truth

russian tv

Die New York Times hat einen ganz wunderbaren Artikel von Gary Shteyngart: “‘Out of My Mouth Comes Unimpeachable Manly Truth’ – What I learned from watching a week of Russian TV.”

Tiefschwarzer Humor in elegantem Englisch, übertrieben bis zur Groteske, aber zeitlos gültig (auch für die USA und Deutschland, das müsste dann nur ein wenig anders sein). Oblomow lässt grüßen. Ich habe Tränen gelacht. Zwischendurch besucht ihn noch sein “Psychiater”. Der Dialog gleitet vollends ins Absurde ab.

Über die Krim: “Think of it as a shabbier Fort Lauderdale with the occasional Chekhov statue.” Am vierten Tag träumt er: “I am crawling through the snow in Kiev searching for my cellphone, which has been stolen by the neo-Nazi fascists. I find it by a wall defaced by a giant swastika, its screen shattered by the torch-bearing Ukrainians. ‘Allo, I say in Russian. ‘Someone please help me. It’s cold out here.'”

Absolute Leseempfehlung, auch wenn der Artikel sehr lang ist.

Klassenkampf im Dunkeln

Klassenkampf im Dunkeln

Ich habe dieses Buch von Dietmar Dath gekauft: “Klassenkampf im Dunkeln: Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen“. Eigentlich hätte auch schon die Lektüre des Packzettels gereicht, um das Thema sinnfällig zu demonstrieren.

Über das Schreiben

“Ich liebe das Recherchieren, aber ich hasse das Schreiben.” (Amrai Coen)

Ich auch.

Vernichtet alte Bücher!

Openpetition.de: “Gestern veröffentlichte die taz Pläne des Stiftungsrates der Zentral- und Landesbibliothek, dass nicht mehr v.a. die LektorInnen der Bibliotheken die Bücher einkaufen sollen, sondern ein billigerer “Bibliotheksdienstleister” aus Reutlingen den Großteil des Einkaufs erledigt. Außerdem soll jedes Buch, das seit zwei Jahren nicht mehr ausgeliehen wurde, vernichtet werden!”

Ihr wollt den Kapitalismus, und ihr kriegt ihn voll und ganz. Was keinen Profit bringt, gehört ausgemerzt. Das freut dann die Märkte und die Anleger.

Ich habe meine erste Online-Petition überhaupt unterschrieben. Das mache ich sonst nie, ich leite auch keine virtuellen Kettenbriefe jedweder Art weiter. Es ist auch total schwierig, mich zu “empören”. Aber das hier (wenn die taz korrekt berichtet hat) ist eine Ausnahme. Ceterum censeo: ZLB-Direktor Volker Heller ist uneducated, unknowledgeable, untaught, unschooled, untutored, untrained, illiterate, unlettered, unlearned, unread, uninformed, unenlightened, benighted, inexperienced, unworldly, unsophisticated (aus Platzgründen mussten einige Wörter weggelassen werden).

Smooth russian

smooth jazz

Bin ich jetzt ein Putin-Versteher, wenn ich Musik aus Moskau höre? Sirtaki wird ja vermutlich auch bald verboten – wg. Kommunismus-Verdacht.

Hunger Games: Capitalist agitprop

Mockingjay

Neulich habe ich mir aus feuilletonistischen Gründen den Kinderfilm The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 auf einem Streaming-Portal meines Vertrauens angesehen, in Englisch mit spanischen Untertiteln. Vor knapp einem Jahr hatte ich hier schon etwas zu den Vorläufern des Streifens geschrieben. Ich muss zugeben, dass ich mir das Ende nicht mehr ansehen wollte, weil ich mich langweilte. Es kommt kein Sex vor, und die Küsse sind so, wie man in der Pubertät küsst. Warum sollte ich so einen Film anschauen? Die Mädchen kämpfen zwar, aber verhalten sich genderpolitisch eben doch so wie in den 50-er Jahren, was zur allgemeinen kulturellen Regression passt.

Ewan Morrison hatte im Guardian eigentlich schon alles gesagt: “Y[oung] A[adults] dystopias teach children to submit to the free market, not fight authority. The Hunger Games, The Giver and Divergent all depict rebellions against the state, and promote a tacit right-wing libertarianism.”

Es ist wegen der freiwilligen politischen Selbstkontrolle natürlich undenkbar, dass so ein Statement in deutschen Medien vorkäme, ganz zu schweigen von einem Link, der über die Diskussion zwischen Stalin und H.G.Wells im Jahr 1937 über anti-kapitalistische Utopien informiert (Vorsicht! Schwefelgeruch!).

Andrew O’Hehir in Salon.com legt noch eins drauf: “capitalist agitprop … propaganda for the ethos of individualism, the central ideology of consumer capitalism”.

Es wundert mich auch nicht, dass deutsche Rezensionen, abgesehen von – im Land der evangelischen Pfaffen – Kritik an zuviel “Gewalt, den Film “Hunger Games” feiern als “als cleveres Drama, das sein Publikum ernst nimmt” oder “Glücksgriff” und “bestes Identifikationsmaterial”. Manchmal finde ich es unfassbar, wie Journalisten ihre ideologischen Scheuklappen so verinnerlicht haben, dass sie zu einer ernsthaften Filmkritik gar nicht mehr in der Lage sind. Wichtig ist nur, dass der Kapitalismus in irgendeiner Form verherrlicht wird.

Die erste und wichtigste Frage an einen solchen Film, der in der “Zukunft” spielt, ist immer: Warum die Zukunft und nicht die Gegenwart? Warum kann man die Botschaft nicht im Hier und Jetzt spielen lassen? Die Antwort ist einfach: Siehe oben. Es geht weder darum, das System zu stürzen noch darum, sonstwie zu “rebellieren”, ganz im Gegenteil. Alles läuft der Führerin hinterher und alles hängt von ihr ab. Ein Volk, ein Reich, eine Katniss. Die “Hunger Games” sind nicht revolutionärer als “Hänsel und Gretel”. Die subkulturelle Ikonografie (vgl. Screenshot oben: Frisur usw.) klaut wahllos alles, was irgendwie im nächsten Friseur-Salon zu sehen ist. Von Fantasie und Stil keine Spur.

The villainous daddy-state presided over by Donald Sutherland (in “Hunger Games”) and Kate Winslet (in “Divergent”) is as much a paper tiger as the corrupt old regime of landlords and kulaks seen in Soviet boy-girl-tractor romances of the 1930s. (Andrew O’Hehir)

Ewan Morrison argumentiert, dass Kinder- und Jugendfilme wie “Hunger Games”, ein Angriff seien auf “many of the foundational projects and aims of the left: big government, the welfare state, progress, social planning and equality. They support one of the key ideologies that the left has been battling against for a century: the idea that human nature, rather than nurture, determines how we act and live. These books propose a laissez-faire existence, with heroic individuals who are guided by the innate forces of human nature against evil social planners.”

Man muss heutzutage schon ausländische Medien rezipieren, um intellektuell anspruchsvolle Filmkritiken lesen zu können. Deutsche Medien sind einfach, mit nur wenigen Ausnahmen (“konkret”, “Telepolis”, “Jungle World”), weltanschaulich tot, gestorben, bloße Propaganda, seichtes Gefasel.

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