Smooth russian

smooth jazz

Bin ich jetzt ein Putin-Versteher, wenn ich Musik aus Moskau höre? Sirtaki wird ja vermutlich auch bald verboten – wg. Kommunismus-Verdacht.

Hunger Games: Capitalist agitprop

Mockingjay

Neulich habe ich mir aus feuilletonistischen Gründen den Kinderfilm The Hunger Games: Mockingjay – Part 1 auf einem Streaming-Portal meines Vertrauens angesehen, in Englisch mit spanischen Untertiteln. Vor knapp einem Jahr hatte ich hier schon etwas zu den Vorläufern des Streifens geschrieben. Ich muss zugeben, dass ich mir das Ende nicht mehr ansehen wollte, weil ich mich langweilte. Es kommt kein Sex vor, und die Küsse sind so, wie man in der Pubertät küsst. Warum sollte ich so einen Film anschauen? Die Mädchen kämpfen zwar, aber verhalten sich genderpolitisch eben doch so wie in den 50-er Jahren, was zur allgemeinen kulturellen Regression passt.

Ewan Morrison hatte im Guardian eigentlich schon alles gesagt: “Y[oung] A[adults] dystopias teach children to submit to the free market, not fight authority. The Hunger Games, The Giver and Divergent all depict rebellions against the state, and promote a tacit right-wing libertarianism.”

Es ist wegen der freiwilligen politischen Selbstkontrolle natürlich undenkbar, dass so ein Statement in deutschen Medien vorkäme, ganz zu schweigen von einem Link, der über die Diskussion zwischen Stalin und H.G.Wells im Jahr 1937 über anti-kapitalistische Utopien informiert (Vorsicht! Schwefelgeruch!).

Andrew O’Hehir in Salon.com legt noch eins drauf: “capitalist agitprop … propaganda for the ethos of individualism, the central ideology of consumer capitalism”.

Es wundert mich auch nicht, dass deutsche Rezensionen, abgesehen von – im Land der evangelischen Pfaffen – Kritik an zuviel “Gewalt, den Film “Hunger Games” feiern als “als cleveres Drama, das sein Publikum ernst nimmt” oder “Glücksgriff” und “bestes Identifikationsmaterial”. Manchmal finde ich es unfassbar, wie Journalisten ihre ideologischen Scheuklappen so verinnerlicht haben, dass sie zu einer ernsthaften Filmkritik gar nicht mehr in der Lage sind. Wichtig ist nur, dass der Kapitalismus in irgendeiner Form verherrlicht wird.

Die erste und wichtigste Frage an einen solchen Film, der in der “Zukunft” spielt, ist immer: Warum die Zukunft und nicht die Gegenwart? Warum kann man die Botschaft nicht im Hier und Jetzt spielen lassen? Die Antwort ist einfach: Siehe oben. Es geht weder darum, das System zu stürzen noch darum, sonstwie zu “rebellieren”, ganz im Gegenteil. Alles läuft der Führerin hinterher und alles hängt von ihr ab. Ein Volk, ein Reich, eine Katniss. Die “Hunger Games” sind nicht revolutionärer als “Hänsel und Gretel”. Die subkulturelle Ikonografie (vgl. Screenshot oben: Frisur usw.) klaut wahllos alles, was irgendwie im nächsten Friseur-Salon zu sehen ist. Von Fantasie und Stil keine Spur.

The villainous daddy-state presided over by Donald Sutherland (in “Hunger Games”) and Kate Winslet (in “Divergent”) is as much a paper tiger as the corrupt old regime of landlords and kulaks seen in Soviet boy-girl-tractor romances of the 1930s. (Andrew O’Hehir)

Ewan Morrison argumentiert, dass Kinder- und Jugendfilme wie “Hunger Games”, ein Angriff seien auf “many of the foundational projects and aims of the left: big government, the welfare state, progress, social planning and equality. They support one of the key ideologies that the left has been battling against for a century: the idea that human nature, rather than nurture, determines how we act and live. These books propose a laissez-faire existence, with heroic individuals who are guided by the innate forces of human nature against evil social planners.”

Man muss heutzutage schon ausländische Medien rezipieren, um intellektuell anspruchsvolle Filmkritiken lesen zu können. Deutsche Medien sind einfach, mit nur wenigen Ausnahmen (“konkret”, “Telepolis”, “Jungle World”), weltanschaulich tot, gestorben, bloße Propaganda, seichtes Gefasel.

How communism turned Cuba into an island of hackers and DIY engineers

PBS NewsHour: “How communism turned Cuba into an island of hackers and DIY engineers”. Sehr schöne Fotos und Beispiele, aber natürlich existiert in Kuba kein “Kommunismus”.

Der Mangel als Motor des Fortschritts? Das lässt mich nachdenken. Die (zensierte) DDR-Literatur war ja auch um Klassen besser als die BRD-Literatur, weil die Leute gelernt hatten, zwischen den Zeilen zu lesen und offenbar auch zu schreiben (von den Plots ganz zu schweigen).

Schwankende Gestalten

bridge

Hier gehe ich über eine Brücke im Tal des Rio Magdalena in Kolumbien (1979). (Der Fluss kommt auch in meinem Roman “Die Konquistadoren” vor.)

Und an wen erinnert uns das jetzt?

Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Fühl ich mein Herz noch jenem Wahn geneigt?
Ihr drängt euch zu! nun gut, so mögt ihr walten,
Wie ihr aus Dunst und Nebel um mich steigt;
Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert
Vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert.

Muss man kennen.

Prediction or Influence? – Books of the Past That Forecast the Future

“Prediction or Influence?” – Books of the Past That Forecast the Future (via Kueperpunk: “Eine Infografik über technologische Vorhersagen in der Literatur und wann sie Realität wurden…”)

Many writers of the past have predicted the facts of our present society with a level of detail that seems impossibly accurate. Some of them were even derided in their times for what were called outlandish and unbelievable fictions. Yet their imaginations were in reality painting portraits that would eventually be mirrored by history books a century later. Which seems to beg the question, Where does inspiration come from?

Lost in space near Tannhauser’s Gate

Tannhäuser's Gate

Natürlich habe ich zu Neujahr nichts Vernünftiges gemacht. Hier schweben mein Avatar und zwei Begleiterinnen (USA, Wales) irgendwo (innerhalb der Reste eines explodierten Raumschiffs) in der Nähe von Tannhäuser’s Gate (der Link: nicht exakt das Environment, was ich 2008 gekauft hatte) herum. Nur humanistisch Gebildete wissen natürlich, was Tannhäuser’s Gate ist – the most epic movie scene ever! (Tannhäuser – mit “ä” und ohne “Gate” – sollte man auch kennen.)

Wachstum(TM) und die Genies der bürgerlichen Dummheit

Der Glaube an ein ewig fortdauerndes Wirtschaftswachstum gehört zu den wichtigsten Dogmen des kapitalistischen Glaubensbekenntnisses. (Das Schisma von 2013) Generationen von Wirtschaftswissenschaftlern und Publizisten haben dem Publikum eingetrichtern, dass der Kapitalismus all seine ungeheuren Widersprüche, all das massen haft produzierte Elend durch die beständige Expansion der Wirtschaft überwinden werden.

Aus all dem werde man einfach “herauswachsen”. Das Wirtschaftswachstum bildete die materielle Grudnlage des fernen Glücksversprechens des Kapitalismus: der “das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl von Menschen (Jeremy Bentham) herbeiführen werde.

Aus: Thomas Konicz: Wenn die Wirtschaft nicht mehr wächst – Wie Deutschlands Medien und Ökonomen mit der Tatsache der säkularen Stagnation des spätkapitalistischen Weltsystems umgehen, in : “Aufbruch ins Ungewisse (Telepolis) – Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise, Heise 2014.

Man sollte sich darüber wundern, dass solche Bücher in Deutschland in Computer-Fachverlagen erscheinen. Aber dann wundert es einen doch nicht mehr – es sagt nur viel über den öffentlichen Diskurs hierzulande aus.

Marx schrieb übrigens über Bentham gewohnt süffisant: “Wenn ich die Courage meines Freundes H. Heine hätte, würde ich Herrn Jeremias ein Genie in der bürgerlichen Dummheit nennen.” Mir gefällt auch Marxens Verdikt “breimäuligen Faselhänse der deutschen Vulgärökonomie”. Man muss sich nur bei den Volkswirtschaftlern in den Medien umsehen, dann weiß man, was er meint.

Interstellarer Bullshit

interstellar

Kürzlich habe ich mir – zusammen mit meiner Lieblingsfreundin – den Science-Fiction-Film “Interstellar” angesehen. Da wir beide einen ähnlichen Geschmack haben, wunderte es mich nicht, dass wir auch beide mit dem Gedanken spielten, den Film vorzeitig zu verlassen und stattdessen etwas Netteres zu machen. Was für ein langweiliger Bullshit!

Nichts gegen die Musik, die Schauspieler oder die technischen Effekte. Auch der Plot ist theoretisch gut und wissenschaftlich durchdacht. Aber wie er umgesetzt ist, geht auf keine Kuhhaut, so to speak. Politisch reaktionär bis auf die Knochen ist das Machwerk auch noch. Kein Wunder, dass US-Amerikaner ihn mehrheitlich positiv bewerten.

Man muss zugeben, dass zwei kinderlose Singles nicht die besten Rezenseure sind, wenn in einem Film die Kleinfamilie und die dazu passenden Gefühle tränenschniefend zum x-ten Mal als das Einzige hingestellt wird, für das es sich zu leben lohnt. Wer aber von der Zukunft reden will, muss die Gesellschaft dazunehmen.

Die Botschaft kommt immer klarer rüber, wenn man sich überlegt, was der Regisseur weglässt: In “Avatar” hat der Kapitalismus alles ruiniert, und die Zukunft liegt auf dem Land auf einem grünen Dschungelplaneten. Flucht ins Weltall löst eben nichts. Es ist doch eine intellektuelles ‘Armutszeugnis, wenn niemanden – und US-amerikanischen Regisseuren schon gar nicht – eine Zukunft zumindest theoretisch einfällt, in dem nicht “die Märkte” als höheres Wesen angebetet werden. Da war die Science-Fiction in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon viel weiter. Man merkt die heutige freiwillige politische Selbstkontrolle zugunsten der Kapitalismus-Apologetik in jeder Sekunde.

Also Leute: Ein Vater, der durch ein Wurmloch reist, und danach seine Tochter trifft, die älter ist als er selbst – das Thema kennen wir doch wesentlich besser aus der siebten Reise des Ijon Tichy (1957!), der – in einer Gravitationsschelife gefangen – sich selbst so oft begegnet, dass die Rekete völlig überfüllt ist von Iljon Tichys verschiedener Alterstufen, die sich natürlich erbittert streiten. Der Leser kugelt sich dabei vor Lachen. Bei “Interstellar” musste ich nur gähnen.

Theoretische Physik, Wurmlöcher, Relativitätstheorie und so ein Zeug: Das könnt ihr nicht in einen Film packen, der auch in US-Kinos laufen soll. Es läuft dann immer darauf hinaus, dass “Wissenschaftler” sich gegenseitig mit primitivsten Methoden das kleine Einmaleins erklären, damit die Zuschauer auch wissen, worum es eigentlich geht. Raumkrümmung? Da nimmt ein Astronaut ein Stück Papier (“das ist jetzt der zweidimensionale Weltraum”), krümmt es und sticht mit einem Bleistift ein Loch durch beide Hälften (“da fliegen wir jetzt durch”). Das hatten die anderen Astronauten bestimmt in der Astronautenschule nicht gelernt. Vielleicht hätten sie noch Schrödingers Katze als blinden Passagier mitfliegen lassen sollen.

Staubstürme und Kleinfarmer (in der Zukunft gibt es in den kapitalistischen USA noch Kleinfarmer?), die ruiniert werden? Komplett geklaut von John Steinbeck und “Früchte des Zorns” (erschienen 1939), der aber, was die soziale Frage angeht, viel mehr über die Zukunft aussagt als “Interstellar”.

Ich könnte noch stundenlang so weitermachen. Das ist der Film aber nicht wert. Schade um das Eintrittsgeld.

interstellar

Install Amazon Kindle on Ubuntu

kindle linuxkindle linux

Wie die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser schon ahnen, habe ich mich nur zeitweise auf den E-Book-Reader Kindle von Amazon festgelegt, zum Üben, bis ich selbst etwas publiziert haben werde. Nun gibt es das aber nicht direkt für Linux, und ich musste wieder nach einem fucking manual suchen (welchselbiges ich hiermit empfehle, auf Englisch).

1. Zuerst muss man PlayOnLinux installieren.

2. Dann holt man sich die App Amazon KindleForPC mit dem Bash-Befehl: wget http://kindleforpc.amazon.com/40514/KindleForPC-installer.exe.

3. Dann ruft man PlayOnLinux auf, klickt auf “install” und sucht und findet das Amazon Kindle… et voila!

Übrigens wünsche ich keine hämischen Kommentare über die Bücher, die ich auf dem Kindle lese! Muahahaha.

You Can Leave Your Hat On, Joe, where ever you are now!

RIP, Joe Cocker! Up Where We Belong

SuS oder: habt ihr sie noch alle?

Marius Jung schreibt im “Tagesspiegel” über Neger, maximalpigmentierte Messerwerfer und Penner, die (vielleicht) eine Wohnung suchen oder auch nicht. Sehr schön zu lesen.

Russland, backside

Alexander Petrosyan

Ich habe mir neulich eine großartige Ausstellung des Fotografen Alexander Petrosyan aus Leningrad St.Petersburg angesehen und ihn auch persönlich kennengelernt. Das obige Bild hat mir mit am besten gefallen – 100 Jahre russische Geschichte auf nur einem Foto. Ich hoffe, die Russen machen auch noch die nächste Revolution.

Mehr Fotos von ihm auf Facebook.

Keep slowly, Habakuk!

Propaganda und andere biblische Geschichten

Spiegel online hat ein interessantes Interview mit Prof. Dr. Ernst Axel Knauf über die christliche Bibel. Überraschung: “Zum historischen Kern wurde einfach hinzugedichtet”.

Ich bin insoweit interessiert, als dass ich wegen meiner Biografie die Bibel fast auswendig kann. So etwas lässt einen nicht los. Man sollte die zentralen Mythen des Juden- und Christentums auch kennen, um beurteilen zu können, welch ein bodenloser Unfug den Kindern in den Schulen im “Religionsunterricht” eingetrichtert wird – jedenfalls nicht das, was der wissenschaftlichen Erkenntnis entspricht.

Wer die Bibel nicht studieren möchte, sollte den “Der König David Bericht von Stefan Heym lesen. Ein köstliches Buch, eines seiner besten, das ganz realistisch – aber im historischen Kostüm (der Bibel) – schildert, wie die jeweils herrschende Klasse die Medien benutzt, um ihre Version der Geschichte durchzusetzen.

Das Thema ist ganz aktuell, wird doch gerade die deutsche Geschichte seit mindestens 1848 wieder umgedichtet: In der aktuellen – vom Medien-Mainstream abgesegneten – Version geht es bei Revolutionen in Deutschland nicht mehr um den Kampf für eine bessere Gesellschaft, sondern um sinnentleerte “Freiheit” im Sinne des Dampfplauderers Gauck.

Nicaragua: Pictures from a Revolution

nicaragua

Neu in meiner Bibliothek: Susan Meiselas: Nicaragua: June 1978-July 1979 Man sieht die Fotos natürlich mit ganz anderen Augen, wenn man selbst da gewesen ist. (Leider bin ich erst 1982 durch Nicaragua gereist.) Dem Buch ist eine CD beigelegt: “Pictures from a Revolution”.

Unrechtsstaat?

Liebe wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser: Verlangt nicht von mir, etwas zum “Fall der Mauer” zu schreiben. Ich durfte wegen Linksabweichung nicht in die DDR einreisen, also darf ich etwas dazu sagen.

Warum gab es die DDR eigentlich? Die DDR gab es, weil Nazi-Deutschland den zweiten Weltkrieg angezettelt hatte, weil die Sowjetunion Berlin erobert hatte, weil die wenigen antifaschistischen Deutschen eine Alternative zum Kapitalismus versuchen wollten, weil von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen sollte.

Alle guten Absichten sind aus vielerlei Gründen gescheitert. Das ist aber kein Grund zum Jubeln.

Ich fühle mich zur Zeit nur von Propaganda überschüttet und ignorere das Gesülze der Medien einfach. Natürlich war die DDR ein “Unrechtsstaat”, wie auch China, die USA mit ihrem Folter-Guantanamo, wie Saudi-Arabien, dem wir Panzer und Waffen verkaufen, wie Nordkorea, wie Ungarn… Moment? Was eigentlich ist ein “Unrechtsstaat”? Wenn die jeweils herrschende Klasse sich nicht an ihre eigenen Regeln hält? Wenn die Bürger total überwacht werden? (Ach?!)

Wenn ich an die Ossis denke, die damals dachten, es würde im Kapitalismus besser, denke ich an den Unsterblichen:

Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
Und schrieen sich zu ihre Erfahrungen,
Wie man schneller sägen könnte, und fuhren
Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen,
Schüttelten die Köpfe beim Sägen und
Sägten weiter.

Oder:

Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.

Ich stand in der besagten Nacht übrigens auf der Mauer am Brandenburger Tor und bin auf der anderen Seite heruntergesprungen und dann durch die “Hauptstadt der DDR” bis zum ehemaligen Grenzübergang Oberbaumbrücke gegangen.

Gone Girl

Ich empfehle aufs Wärmste Gone Girl, ein Thriller mit Ben Affleck (grandios) und Rosamund Pike (brilliant). Ich habe den Film in deutscher Sprache gesehen, würde ihn mir aber noch mal in Englisch ansehen.

gone girlDer zynische Titel der Rezension in der Süddeutschen trifft punktgenau: “Idealer Film für frisch Verliebte …eine ziemlich gnadenlose Abrechnung mit der naiven Vorstellung von der Möglichkeit romantischer Liebe.” Deswegen finde ich ihn vermutlich so außerordentlich gut.

Spanned bis zum Zerreißen ist er auch noch. Nicht zuletzt die gnadenlose Medienkritik, die hier aber nur beiläufig vorkommt, toppt die handzahmen deutschen Versuche, so etwas darzustellen, unschlagbar. “Ihr seid das kaputteste Paar, das ich kenne, ihr solltet eine Fernsehshow daraus machen”, sagt jemand. Well said, dude.

“David Fincher gilt (…) als talentiertester von Hollywoods Plot-Zauberern. Einer, der die Zuschauer stundenlang an der Nase herumführen und ihnen dann ein Ende hinknallen kann, dass ihnen der Mund offen stehen bleibt.”

Ich mag das, wenn ich denke, ich durchschaute, was jetzt kommen wird, und der Regisseur dreht mir ein paar Mal eine Nase. Und erst der Schluss… aber den verrate ich nicht. Ihr werdet es nicht bereuen, den Film angesehen zu haben.

Alter Westfriedhof Unna oder: Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, erläutert anhand zweier Grabmäler

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Den Alten Westfriedhof in Unna kannte ich gar nicht, owbohl ich in der Stadt großgeworden bin. Rein zufällig stolperte ich über den Eingang.

Kurz gesagt: Der Friedhof ist einen Besuch wert, seine Grabmäler sind allemal interessanter als “Lichtinstallationen” und, wenn nicht der lärmende Verkehrsring direkt daneben läge (und offenbar quer durch den Friedhof gebaut wurde), ein Park zum Relaxen und Sinnieren. (Der Architekt, der in der Massener Straße auf der südlichen Seite ultrahässliche Parkhäuser gebaut hat, deren Rückseite den Friedhof verschandeln, sollte öffentlich ausgepeitscht werden. Ich nenne ihn, auch in Gegenwart seines Anwalts, ein kulturloses profitgeiles Arschloch einen Kulturbanausen.)

Der deutsche Friedhof ist eigentlich ein Wald oder so gedacht. Der “Deutsche Wald” wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und überhöht. Historische und volkskundliche Abhandlungen erklärten ihn zum Sinnbild germanisch-deutscher Art und Kultur oder wie bei Heinrich Heine oder Madame de Staël als Gegenbild zur französischen Urbanität. (Hallo? Heinrich Heine muss man kennen, auch ohne einen Link, oder man muss dieses Blog verlassen!)

“Gedenk- und Trauerarten in Form von Waldfriedhöfen und Baumbestattungen” lesen wir im einschlägigen Wikipedia-Eintrag. Auf dem Unnaer Friedhof kann man sogar steinernen (!) Grabsteine in Baum- oder Wurzelform entdecken. Quod erat demonstrandum.

Spannender finde ich immer die politischen Aussagen: Es starben als Soldaten Leutnant d. R. Albrecht Herdieckerhoff, geb. 7.5.1886, gefallen 18.9.1915 bei Brodno, Oberleutnant d. R. Otto Herdieckerhoff, geb. 3.6.1894, gefallen 11.9.1939 bei Radom. Sie schlafen dort, wo sie ihr Leben gaben für Deutschland.
Oder: Zum Gedächnis an Karl-Theodor von von Velsen-Zerweck, Fahnenjunker im Inf. Regiment 16 Hacke Tau*, geb. am 16. Juli 1895, vermisst in der Schlacht bei Langemarck Sept. 1914 (Auf dem Grabstein steht “Karl”. “Ein deutscher Angriff fand am 10. November [1914] bei dem Dorf Langemarck statt. Die daran beteiligten Regimenter bestanden zum Teil aus jungen Kriegsfreiwilligen.”).

Darüber könnte man ein ganzes historisches Seminar halten – die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, erläutert anhand zweier Grabmäler. (Ich setze hier nur die Links, und die geneigten Leserinnen und wohlwollenden Leser denken sich ihren Teil.)

Noch einmal zustimmend Wikipedia: Die im 19. Jahrhundert vermittelten kulturellen Bilder vom “deutschen” Wald waren in erster Linie Ergebnis eines städtischen, elitären Denkens. Diese Vorstellungen wurden aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in der Industriearbeiterschaft übernommen. Das romantische Waldbewusstsein der Deutschen hat sich seitdem schicht- und generationenübergreifend bis ins 21. Jahrhundert gehalten, was in Anbetracht der politischen und sozialen Umwälzungen eine bemerkenswerte Kontinuität darstellt. (By the way: Der Wikipedia-Artikel zum “Symbol der nationalen Identität” ist richtig interessant; man beachte auch die Links darauf.

Ein Grabstein trägt den Titel: “Rittergutsbesitzer”. Was, liebe Nachgeborenen, sind ein Rittergut, ein nobilitas realis und ein Patronatsrecht? (“Allerdings wird darauf hingewiesen, dass die Patronate rechtlich nicht zwingend abgeschafft worden sind…”) Das gibt schon ein weiteres Seminar für Studenten der Geschichtswissenschaft. (Huhu, Genderpolizei!)

Morgen früh fahre ich wieder nach Berlin. Ein paar Fotos über meine alte Heimat wird es aber noch geben. (Warum zum Teufel machen hier selbst Kneipen der neuen Mittelschichten und von Studenten schon um 23 Uhr zu? Das ist ja wie zu Zeiten, als ich noch Schüler hier war. Franzi wird aber hoffentlich in ein, zwei Jahren noch Bier ausschenken.)

* Wikipedia: “Durch anhaltende Regenfälle, während der Schlacht von Groß-Beeren 1813, versagten damals die Gewehre der Soldaten, so dass sie im Nahkampf den Gewehrkolben einsetzten und dabei riefen “HACKE TAU …” (Schlag zu) “… es geit fort Vaterland” riefen. Als Folge erhielten die Angehörigen des Infanterie-Regiments den Beinamen: Hacketäuer.”

Bücher, die Strom brauchen

kindle

Nun, gut, da ich meistens politisch völlig inkorrekt per Amazon meine Bücher kaufe, habe ich mich vorerst auf das Kindle festgelegt.

Ich war doch sehr überrascht, dass mir Dieter Nolls Abenteuer des Werner Holt angeboten wurden, ein in der DDR in den frühen 60-er Jahren erschienenes Buch. Als ich für mein Buch “Im Griff der rechten Szene” recherchierte, erzählen mir viele junge DDR-Nazis, dass dieses Buch ihre Lieblingslektüre gewesen sei. Offenbar ist das ein Longseller.

Wikipedia: “Die Abenteuer des Werner Holt ist ein zweibändiger, in den Jahren 1960 und 1963 erschienener Entwicklungsroman des DDR-Schriftstellers Dieter Noll. Die Popularität des ersten Bandes ‘Roman einer Jugend’ zog eine Fortsetzung mit dem Titel „Roman einer Heimkehr“ nach sich. Basierend auf dem ersten Teil entstand 1965 der 165-minütige Schwarzweiß-Film Die Abenteuer des Werner Holt mit Klaus-Peter Thiele in der Hauptrolle. In der Polytechnischen Oberschule in der DDR gehörte der erste Band dieses Buches zum Lehrplan.”

Vielleicht sollt eich auch ein Buch über Flakhelfer schreiben. Wir ziehen ja jetzt wieder in die Ukraine in den Krieg, ungefähr an derselben Stelle, wo die Wehrmacht schon mal war. Ich hoffe, sie kommen bis nach Stalingrad – mit demgleichen Ergebnis wie damals.

Presseverbindungsführer oder: Wir sind die Guten

Ich habe das Buch gekauft, aber noch nicht ausgelesen. Dennoch kann ich es jetzt schon uneingeschränkt empfehlen: “Wir sind die Guten.: Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren” von Mathias Broeckers und Paul Schreyer.

Der Co-Autor Paul Schreyer hatte in Telepolis im Februar schon einen gleichlautenden Artikel veröffentlicht: “Wir sind die Guten – Zur Debatte um die deutsche Verantwortung in der Welt”. Mathias Broeckers und Schreyer stellten ihr Buch im August ebendort vor.

Das heißt nun nicht, dass der Nicht-Hitler Wladimir Putin ein Waisenknabe, sein Regierungsstil der eines “lupenreinen Demokraten”, wie Ex-Kanzler Gerhard Schröder ihn einmal nannte, und Russland ein freiheitlicher Rechtsstaat ohne Fehl und Tadel sei. Das ist nicht der Fall, und Kritik an der Amtsführung des russischen Präsidenten ist in mancher Hinsicht berechtigt. Dass jedoch der Versuch, die Motive Russlands in der Ukraine-Krise zu verstehen und Einsicht in die Beweggründe und Ursachen von Putins Handeln zu gewinnen, diskreditiert und “Putinversteher” (oder “Russlandversteher”) als Schimpfwort gebraucht wird, kommt einer Diffamierung jeder Art von Analyse gleich. Wo jedoch nicht mehr analysiert werden darf, da herrscht Ideologie, wo Verstehen verboten wird, regieren Glaubensbekenntnisse.

Deshalb bekennen die Autoren sich neuerdings und ausdrücklich als “Putinversteher”. Denn je boshafter, hitlerartiger Putin in den Medien porträtiert wird, desto wichtiger wird ein nüchternes und realistisches Verstehen – nicht durch psychologisierende Spekulation über eine Person, sondern durch politische Analyse, nicht durch einseitige Ideologie, sondern durch ein möglichst objektives Erkennen der Lage.

Von einem solchen möglichst neutralen Erkenntnisgewinn haben sich die westlichen Medien während der gesamten Krise in der Ukraine weitgehend – und seit der Zuspitzung der Lage im November 2013 nahezu vollständig – verabschiedet.

Und genau das erschreckt mich – diese freiwillige Gleichschaltung der deutschen Medien. Wie kommt das? Es wäre doch gar nicht nötig – die Leserinnen und Leser würden doch durchaus eine “durchwachsende” Berichterstattung honorieren, und das deutsche Kapital und dessen Lohnschreiber und Lautsprecher stehen nicht unbedingt einhellig hinter der Politik des Neo-Imperialismus und der NATO, die am liebsten Raketen so in der Ukraine installieren würden, dass man Stalingrad damit erreichen könnte.

Immerhin hat Garbor Steingart ausgerechnet im Handelsblatt geschrieben, die Politik “des Westens” in der Ukraine sei ein Irrweg und das Meinungsspektrum “wurde auf Schießschartengröße verengt.” Dem Handelsblatt Kapitalismus-Kritik zu bescheinigen, wäre so, als testierte man Stalin, er habe christliche Nächstenliebe praktiziert.

Nehmen wir einmal folgendes Szenario an: In Deutschland findet ein von einer äußeren Macht geförderter Putsch statt, bei dem die demokratisch gewählte Regierung mit Waffengewalt abgesetzt und durch ein Regime ersetzt wird, in dem die NPD und ihre bewaffneten Kameradschaften einen bedeutenden Einfluss haben. Daraufhin besetzen in Nordrhein- Westfalen aufgebrachte Bürger Rathäuser und Verwaltungsgebäude und errichten Straßensperren, weil sie die Junta in Berlin nicht als legitime Regierung ansehen. Sie fordern Autonomie für ihre Region, wollen dazu ein Referendum abhalten, doch Berlin schickt Panzer und Soldaten, um diese “Separatisten” und “Terroristen” zu eliminieren.

Ich verstehe es nicht. Vielleicht hilft eine Verschwörungstheorie weiter. Die Zeit schrieb am 20.09.2013: “Aus Sicht mancher Mitarbeiter in den Sicherheitsbehörden ist die Verbindung von journalistischer Arbeit und einer Tätigkeit für einen Geheimdienst nichts Ehrenrühriges. Ein früherer BND-Präsident hat solche Kumpanei einmal als ‘patriotische Verhaltensweise’ gerühmt.”

Oder Horst Ehmke müsst ein Update seiner Liste derjenigen Journalisten machen, die auf der Payroll der Geheimdienste stehen.

Horst Ehmke, Kanzleramtsminister der sozialliberalen Regierung, bekam im März 1970 eine Liste zu sehen, “mit Namen und Summen, die mein Erstaunen hervorriefen.” Erstellt hatte sie die BND-Dienststelle 923, die pro Jahr circa 250.000 Mark für Honorare, Prämien und Spesen für die journalistischen Quellen aufwandte (…) 230 Journalisten waren mit Deckname und “Presseverbindungsführern” auf der BND-Liste registriert.

Das war 1970. Ich kann mir vorstellen, dass es heute nicht anders ist. Warum auch…

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