Wie ticken Syriza? oder: Μῆνιν ἄειδε, θεά, Πηληιάδεω Ἀχιλῆος

wortsalat

Ein scheußlich und dilettantisch geschriebener, aber dennoch interessanter Artikel in der taz: „Wie tickt Syriza?“. Darin:
„Schwangere müssen in einer normalen Klinik für eine Geburt 900 Euro bezahlen. Es gab sogar Fälle, dass die Spitäler, wenn die Frauen nicht zahlen konnten, die Babys als Pfand zurückhielten“.

Warum aber scheußlich und dilettantisch? Der Autor meint es gut, macht aber alles falsch, was man falsch machen kann. (Dafür wird man in Österreich „Journalist des Jahres“.)

Katerina Notopoulous Handy klingelt im Minutentakt. Nein, schlechter Anfang. Nun gut: Wenn man nicht wüsste, dass es um Griechenland geht, erführe man es jetzt. Aber hat Homer die Ilias mit einem „szenischen Einstieg“ begonnen, also dem Unfug, der in „Schreib-Seminaren“ und Journalistenschulen empfohlen wird? „Agamemnon salzte nach?“ Oder: „Achilles nahm ein Stück Seife in die Hand“? Nein: „Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus“. Den Zorn singen! Ein starkes Verb, und ungewöhnlich mit einem Substantiv kombiniert (in der legendären Vossschen Übersetzung).

Dass aber ein klingelndes Handy zu Beginn einer Reportage das Publikum irgendwie interessieren könnte, halte ich für ein Gerücht. Literaturkitik.de: „Vom Journalisten Wolf Schneider ist der Satz überliefert, eine Reportage solle mit einem Erdbeben beginnen und sich dann steigern.“ Mitnichten. Ist nicht von ihm. Focus macht den obigen Satz gewohnt schlampig zu einem „Hollywood-Gesetz“. Ja, so ungefähr. Er stammt von Samuel Goldwyn. „Ein Film muss mit einem Erdbeben beginnen und sich dann langsam steigern.“ Ein Handy ist kein Erbeben. Es wackelt noch nicht einmal ein Mikado-Stäbchen.

– Zahlreiche überflüssige Füllwörter: Da hätte ein Lektor, wenn es so jemanden bei der taz gäbe, eingreifen müssen. „Eigentlich“, „förmlich“, „beinahe“ – es schwulstet vor sich hin. „Jedes Wort zu viel kostet den Leser Lesezeit. Das ist schlimm. Jedes Wort zu viel verlangsamt den Text. Das ist schlimmer.“ (Schriftzeit.de)

Athen, ein paar Tage zuvor. Ganz verkehrt. Noch schlimmer wäre nur noch das Wort „Rückblende“ (in einem geschriebenen Text!). Didaktische Kommentare in Reportagen (und in Reden) sind verboten: „Bevor ich zum Anfang komme, möchte ich noch einen Prolog einfügen.“ – „Ich werde ihnen gleich sagen, dass…“ – „Lieschen Müller weiß noch nicht, dass sie bald erwürgt werden wird.“ – „Wir begrüßen Sie zur Mitte des Films.“

Die junge Frau im Vorzimmer lacht fröhlich. Das Adverb „fröhlich“ ist überflüssig und außerdem langweilig wie ein weißer Schimmel. Mich deucht, der Autor wollte an seinem Text nicht arbeiten, er wollte alles nur so aus seinem Bauch herausflutschen lassen, ohne sich anstrengen zu müssen.

Wir Linken sind ja eigentlich immer in Opposition, kommt mir da in den Sinn. Was dem Autor in den Sinn kommt, interessiert niemanden und ist also verboten.

Ich könnte den gesamten Text zerfleddern, die Fetzen auf den Boden werfen und darauf herumtrampeln. Ich muss aber noch mein Geschirr abwaschen. (Burks geht in die Küche. Publikum bleibt allein zurück.)

Unter Fremden

fremd

Katja Kipping: „Dass Pegida von Anbeginn nie irgendetwas anderes war, als rassistische, fremdenfeindliche Stimmungsmache, sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden. Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang von verbaler zu permanenter physischer Bedrohung in erschreckendem Tempo.“

Das kann man noch verbessern. „Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert.“ (Jorge Luis Borges)

Das Wichtigste steht vorn, hier aber nicht. Was also will die Politikern uns sagen?

Pegida war von Anbeginn rassistische Stimmungsmache.
Gibt es auch Rassismus ohne „Fremdenfeindlichkeit“, was auch immer das sein mag? Ist also doppelt gemoppelt. „Nie irgendetwas anderes“ sind überflüssige Füllworter – der Satz ergibt auch ohne sie genau den gewollten Sinn.

Das sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden.
Den letzten – oder auch den ersten? Verstehe ich nicht. Besser also:
Das sollten jetzt auch die Pegida-Versteher begreifen.
Ein Verb wie „begreifen“ ist immer besser als das vage „klar werden“.

Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang…
O nein, das ist wieder Bürokraten-Kauderwelsch. Der Übergang des Kraftfahrzeugs über eine Autobahnbrücke vollzog sich wegen überhöhter Geschwindigkeit schneller als gedacht? Wer schwurbelt, möchte gern kaschieren, nicht nachgedacht zu haben. Wer tut was? Wo ist, verdammt noch mal, das handelnde Subjekt? Und was ist das Gegenteil von „erschreckendem Tempo“? Ein nicht erschreckendes Tempo? Gefasel!

Der braune Mob im sächsischen Freital bedroht nicht nur mit Worten. Die Flüchtlinge werden jetzt auch körperlich bedroht und angegriffen.

Hier noch einmal zum Vergleich:
Dass Pegida von Anbeginn nie irgendetwas anderes war, als rassistische, fremdenfeindliche Stimmungsmache, sollte jetzt auch dem letzten Pegida-Versteher klar werden. Im sächsischen Freital vollzieht sich nun der Übergang von verbaler zu permanenter physischer Bedrohung in erschreckendem Tempo. (38 Wörter. Ungs: 2)

Pegida war von Anbeginn rassistische Stimmungsmache. Das sollten sogar Pegida-Versteher begreifen. Der braune Mob im sächsischen Freital bedroht nicht nur mit Worten. Die Flüchtlinge werden jetzt auch körperlich bedroht und angegriffen. (33 Wörter. Ungs: 0)

Noch ein mehrere Wörter zur ominösen „Fremdenfeindlichkeit“. Ich schrob (SCNR) vor zwölf Jahren:
Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ – auch „Xenophobie“ – wird meistens in suggestivem Sinn gebraucht: man vermutet, es gäbe ein dem Homo sapiens angeborenes Gefühl, jemandem, der unbekannt ist, „automatisch“ zu fürchten oder ihm aggressiv zu begegnen. Die These vom angeborenen „Fremdenhass“ entstammt einer falschen Analogie aus dem Tierreich und wird von einigen rechtskonservativen Forschern wie Irenäus Eibl-Eibesfeld vertreten. Der „Hass“ gegen das oder den Fremden sei ein evolutionsgeschichtliches Überbleibsel, eine Art Instinkt, der die eigenen Vorräte zum Überleben vor dem Zugriff Fremder schütze. Der Verhaltensforscher Eibl-Eibesfeld behauptet, „Fremdenfeindlichkeit“ sei „stammesgeschichtlich“ angeboren. Jedes Volk wehre sich gegen „Überfremdungen“.

Den „Fremden“ an sich gibt es nicht – genausowenig wie „Fremdenfeindlichkeit“. Soziale und physische Aggression eines Kollektivs gegen bestimmte Gruppen von Menschen setzt voraus, dass man sich vorher darüber verständigt hat, welche Eigenschaften diejenigen haben sollen, gegen die man negative Gefühle wie Hass zeigt. Die „Fremden“ werden immer konstruiert, durch Gesetze oder durch den gesellschaftlichen Diskurs, der sich bestimmter Vorurteile bedient. Die Theorien, die die Begriffe „Fremdenfeindlichkeit“ oder „Xenophobie“ vertreten, reduzieren den Menschen auf Natur und interpretieren soziale Tatsachen biologistisch.

Auch die oft vertretene These, die so genannte „Fremdenfeindlichkeit“ läge in der menschlichen Pyche begründet, ist schlicht grober Unfug. Wer „Fremdenfeindichkeit“ psychologisch definiert, muss auch Rassismus und Antisemitismus aus der Seele ableiten, womöglich aus der deutschen, brasilianischen oder chinesischen Seele ganz speziell. Als „fremd“ gelten manchen Leuten auch Behinderte, Obdachlose, emanzipierte Frauen oder Angehörige bestimmter Subkulturen wie Punks oder Grufties. Im allgemeinen Sprachgebrauch benutzt man „Fremdenfeindlichkeit“ jedoch meistens für Immigranten mit oder ohne deutschen Pass. Psychologische Spekulationen, die „Fremdenfeindlichkeit“ als abweichendes Verhalten klassifizieren zu wollen, bleiben oberflächlich. Sie lassen ausser acht, dass auch „normale“ und unauffällige Menschen Vorurteile haben, also Gruppen von Menschen zu „Fremden“ machen können.

Wer „Fremdenfeindlichkeit“ bestimmen will, muss genau sagen, welche Gruppe als „fremd“ angesehen wird, wie sich diese „Feindschaft“ äussert,. und wie sie sich von anderen „Feindlichkeiten“ wie rassistischen und antisemitischen Vorurteilen oder sexueller Diskriminierung unterscheidet. Das Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahr 1913 bestimmt zum Beispiel, dass eine deutsche Frau, die einen Ausländer heiratet, automatisch zu einer Fremden, das heisst Ausländerin wird..Die deutschen Juden wurden durch 1933 durch das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, die so genannten „Nürnberger Rassegesetze“, juristisch zu Fremden gemacht. Das aktuelle Staatsbürgerschaftsrecht aus dem Jahr 2000 bestimmt, dass Immigranten im juristischen Sinn Fremde bleiben, also nicht eingebürgert und Deutsche werden können, wenn sie nicht in der Lage sind, „sich selbst zu unterhalten.“ Für einen eingefleischten Rassististen wird der deutsche Fussballnationalspieler Gerald Asamoah „fremd“ bleiben, weil der afrikanischer Abstammung ist.

„Fremdenfeindlichkeit“ ist eine politisch bewusst gewollte soziale Ausgrenzung und kann „künstlich“ erzeugt werden. Wird eine Gruppe von Menschen per Gesetz oder durch soziale und wirtschaftliche Diskriminierung ausgegrenzt, zieht sie automatisch Vorurteile nach sich. Wer von der Gesellschaft ferngehalten wird, entwickelt automatisch alternative Existenz- und Verhaltensweisen, die wiederdem der Mehrheit fremd sind. Soziale Diskriminierung erzeugt „Fremdheit“ auf beiden Seiten – der Mehrheit und der Minderheit. Dafür gibt es den Begriff der „Selbstethnisierung„: Im Kampf um Anteile an der gesellschaftlichen Macht muss sich jeder eine Gruppe zugehörig fühlen, um eine Chance zu bekommen, gemeinsam mit anderen etwas zu erreichen. Im angelsächsischen Sprachraum gibt es schon lange eine Diskussion darüber, wie und ob die urspründlich „Fremden“, zumeist die Einwanderer und deren Nachfahren, die Nachteile ihrer Herkunft in das Gegenteil zu verkehren. In Deutschland hat vor allem die Gruppe kanak attack diese Diskussion angestossen.

Kapitalismuskritisch bis antikapitalistisch

Deutsch des Grauens

Hallo, Genossin Katja! ja, ich bin’s schon wieder! Ja, dieser irre Querulant, der meint, gute Gedanken müssten auch gut formuliert werden, sonst verfehlten sie ihren Zweck bzw. die Empfänger. Ich habe da noch eine Frage an diejenigen, die das verbrechen, was unter Deinem Namen, Genossin, in den so genannten „sozialen“ Medien verkasematuckelt wird.

Der erste Satz geht gar nicht. (Übrigens: „Trotz“ verlangt den Genitiv, „trotz Regens“ wäre korrektes Deutsch.) Ich vermute, dass die Botschaft sein soll: Viele Menschen haben gegen etwas demonstriert? D’accord? (Es leben die Hugenotten!) Dann also: Das „wo“ und „wann“ und die Umstände sind zweitrangig, außer man möchte betonen, dass trotz des Wetters demonstriert wurde, was suggerierte, dass die Linken, auch bekannt als die Guten, normalerweise nur bei gutem Wetter auf die Straße gehen. Nein? Das soll nicht unterschoben werden? Dann sollte man es verschweigen oder ganz verschämt an das Satzende verbannen: „Ich hatte heute Sex (oho!), trotz fehlender Partnerin (oho?)“. Hier also mein Vorschlag:

10.000 Menschen haben am Brandenburger Tor gegen [kommt gleich] demonstriert. Gegen oder für was? „Gegen Austerität und gegen Abschottung“. Wäre ja noch schöner, wenn ein Satz ohne UNG UNG UNG vorkäme. Zwei ganz verschiedene Dinge waren das Thema? Was sagen denn die Agitprop Werbefuzzys der Partei dazu? Ich esse gerade Mandarinen, und in Peru ist auch ein Sack Quinoa umgefallen? So jeit dat nich, wie man in westfälisch Platt zu sagen pflegt. Zweiter Versuch:
„10.000 Menschen haben am Brandenburger Tor demonstriert: Gegen die sogenannte „Sparpolitik“ und dagegen, dass Europa sich abschottet.“ Mir wäre lieber, wenn für etwas demonstriert worden wäre. Aber soweit ist nur die Linke aka Podemos in Spanien, in Deutschland kommt das (vielleicht) in 50 Jahren.

„Das war ein erstes gelungenes Anklopfen von Blockupy in Berlin.“ Das, verehrte Genossin, verstehe ich leider nicht. Hätte das Hermann Remmele so in der „roten Fahne“ erlaubt? Folgt demnächst ein zweites Anklopfen, das, so hoffen wir, dann auch gelingt? Und was ist ein nicht gelungenes Anklopfen? Wenn die Tür aus Stein ist und der Fingerknöchel gebrochen? Blockupy, so musste ich mich informieren, ist ein Netz von Leuten, die irgendwie gegen das System sind oder dieses ausbessern wollen (was ein höheres Wesen verhüten möge). Und die klopfen in Berlin an? Wo klopfen sie denn?

„Ich freue mich auch ganz persönlich über den gemeinsamen Mobilisierungserfolg.“ Kann man sich auch unpersönlich freuen? Ich will nicht Spracherbsen zählen – aber ist das nicht Geschwurbel? Was spricht gegen: „Ich freue mich, dass wir gemeinsam und erfolgreich mobilisieren konnten“? Ach so? Da käme kein UNG vor? Das geht natürlich nicht. Der Parteibürokrat fühlte sich dann unwohl. Verstehe.

„Immerhin hatten wir dafür nur 37 Tage Zeit. Während Sigmar Gabriel heute versucht hat, die SPD auf TTIP und Vorratsdatenspeicherung einzuschwören“. Nehme ich richtig an, dass hinter „Zeit“ ein Komma geplant war, das aber wegen Zeitmangels durch einen Punkt ersetzt wurde? Unglücklicherweise hat das zur Folge, dass der angehängte Nebensatz, der suggeriert, mehrere Dinge geschähen gleichzeitig (während), jetzt gar kein deutscher Satz mehr ist, sondern eine Missgeburt, was den Gebräuchen zwar nicht der Politik, aber doch derer, die sich gern verständlich ausdrücken, krass widerspricht.

Das „während“ gefällt mir ohnehin nicht, weil das eine (die Demonstration) mit dem anderen (Gabriel) rein gar nichts zu tun hat. Ich habe den Verdacht, dass mir hier nur – nach dem Motto: Friss oder stirb! – alle aktuellen Themen der „Linken“ gleichzeitig untergejubelt werden sollen, obwohl ich mich nur für die Demonstration interessierte. Ach?!“ Beides ist ein Angriff auf die Demokratie? Auf welche denn: die des Kapitalismus? Und welche gibt es sonst noch? Habt ihr nicht noch 64 andere Angriffe vergessen? Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

„(Obwohl beides ein Angriff auf die Demokratie ist.) gingen wir für die Demokratie in Europa auf die Straße.“ Super. Sehr schön gesagt. Man sollte vielleicht doch noch einmal überlegen, ob man möchte, dass der Gebrauch psychotropher Substanzen freigegeben wird. Der Agitprop-Abteilung der „Linken“ tut das nicht gut, was zu beweisen war.

Ab 15 Uhr wird jetzt zurückgebaut

zurückbauen

Zentrum für Politische Schönheit (Vorsicht! Facebook-Link!): „Wir haben am Mittwoch einen Eilantrag auf dauerhafte Umnutzung des Vorplatzes am Kanzleramt beim Bezirksamt Mitte eingereicht. Der Beginn der Baumaßnahmen wurde für 15 Uhr angekündigt. Dazu gab es eine Skizze für die erste geplante Beisetzung. Da der Eilantrag nicht abschlägig beschieden wurde, gehen wir von einer stillschweigenden Zustimmung der Behörden aus.“

Jawoll. Die deutsche Linke will gar nicht verstanden werden. Das Gute, Wahre und Schöne quillt – so denkt man sich das – ganz von allein aus dem Bauch heraus. Leider irrt man da. Nach fünf Minuten angestrengten Arbeitens (O mein höheres Wesen: jetzt benutzt der Genitive! Wo soll das enden?) kommt das heraus:

Der Vorplatz am Kanzleramt soll dauerhaft anders genutzt werden. (Besser: soll umgewidmet werden.) Wir haben zu diesem Zweck einen Eilantrag beim Bezirksamt Mitte eingereicht.
Warum so? Der Autor hat drei Sekunden, um die Aufmerksamkeit des normal desinteressierten Publikums zu bekommen. Mehr nicht. In der Zeit muss er auch die Botschaft, das, worum es geht, verkündet haben, sonst zappen die weg. Ich habe die Wahrnehmungspsychologie auf meiner Seite. Nicht, dass die Künstler einen Antrag eingereicht haben, ist die Message, sondern was darin steht. Das also muss nach vorn, und das macht die Sache logisch.

Die Baumaßnahmen beginnen am 15 Uhr.
Die „Maßnahmen“ sind hier leicht ironisch und spielen auf Bürokraten-Deutsch an, daher ist da Wort erlaubt. „Ab 15 Uhr wird jetzt umgebaut“ gefiele mir noch besser (um das nahe liegende „zurückgebaut“ zu vermeiden, aber letzlich ist das besser, obwohl es nicht genau das beschreibt, was gemeint ist.)

Wir veröffentlichen auch eine Skizze für die erste Beisetzung.
„Gibt es“ ist das schlechteste, schwächste und hässlichste „Verb“, das man sich ausdenken kann, und ist in allen journalistischen Texten verboten. Starke Verben treiben die Sätze an. Lest hierzu Friedrich Schiller: „Balken krachen, Pfosten stürzen, Fenster klirren, Kinder jammern, Mütter irren, Tiere wimmern unter Trümmern; Alles rennet, rettet, flüchtet“. Das ist dynamisches Deutsch, das die Leser atemlos macht und vom Stuhl reißt! „Auch“ ist ein überflüssiges Füllwort.

Der Eilantrag wurde nicht abgelehnt.
„Abschlägig beschieden“ – habt ihr sie noch alle? Welcher Honk faselt so – außer Juristen? Mein Antrag, Körperflüssigkeiten auszutauschen, wurde von der Dame, mit der ich geflirtet hatte, abschlägig beschieden? Was raucht ihr da?

Wir gehen daher davon aus, dass die Behörde ihm zustimmt.
„Schweigen“ meint immer, da niemand etwas sagt, daher ist es still. „Stillschweigend“ ist eitles Getue und doppelt gemoppelt.

Hier noch mal beide Versionen zum Vergleichen:

„Wir haben am Mittwoch einen Eilantrag auf dauerhafte Umnutzung des Vorplatzes am Kanzleramt beim Bezirksamt Mitte eingereicht. Der Beginn der Baumaßnahmen wurde für 15 Uhr angekündigt. Dazu gab es eine Skizze für die erste geplante Beisetzung. Da der Eilantrag nicht abschlägig beschieden wurde, gehen wir von einer stillschweigenden Zustimmung der Behörden aus.“ (52 Wörter, 4 Sätze)

„Der Vorplatz am Kanzleramt soll umgewidmet werden. Wir haben zu diesem Zweck einen Eilantrag beim Bezirksamt Mitte eingereicht. Ab 15 Uhr wird jetzt zurückgebaut. Wir veröffentlichen auch eine Skizze für die erste Beisetzung. Unser Antrag wurde nicht abgelehnt. Wir gehen daher davon aus, dass die Behörde ihm zustimmt.“ (48 Wörter, 6 Sätze)

Mach’s besser, Katja!

wortsalat

Neuer Tag dieses Blogs: Mach’s besser, Katja! (natürlich eine Teilmenge von „Deutsch des Grauens“.) Ich helfe gern, wenn Politikerinnen kein verständliches Deutsch sprechen oder schreiben können. Wer dem Volk nicht auf’s Maul schauen kann, hat den Kontakt mit ihm verloren. Das steht Linken nicht gut an. Ich werde das Geschwurbel der linken Parteivorsitzenden hier verbessern: Es ist zwar gut gemeint und oft auch richtig, aber was nützt das, wenn es niemand verstehen kann und lesen mag?

Beispiel 1:

Kipping: Ich war gestern bei einer Lesung der britischen Feministin Laurie Penny. Einer ihrer Punkte war: der neoliberale Kapitalismus lässt uns in vielem die Wahl, aber nicht die Freiheit, diese Wahl auch anzunehmen.

Die indirekte Rede verlangt den Konjunktiv. Vorsicht bei Adjektiven, zumal den doppelt gemoppelten. (Nicht nur der „neoliberale“ Kapitalismus, sondern auch der ganz normale Kapitalismus, vgl. K.M.) Dass das Zitat „einer ihrer Punkte war“, weiß ohnehin jeder – also überflüssig. Neun Wörter pro Satz: Das ist die Obergrenze der optimalen Verständlichkeit (laut dpa, Kippings hat 21).

Besser also: „Penny sagte: „Der Kapitalismus lasse uns in vielem die Wahl, aber nicht die Freiheit, diese Wahl anzunehmen.“

Beispiel 2:

Kipping: Griechenland soll mit den Waffen der Finanzmacht eine demokratische Regierung, die Nein zur Austeritätspolitik sagt, hinwegfegt werden, in dem das Land in ein ökonomisches und soziales Chaos getrieben wird.

Zuerst die Wörter: Was soll „mit den Waffen der Finanzmacht“ heißen? Welche Waffen gäbe es sonst noch – die des Kapitals? Aber das Finanzkapital ist doch nur eine Teilmenge desselben – und ohne das nicht lebensfähig! Wer zwingt wen womit? „Soll mit“ verschweigt das handelnde Subjekt, weil die Waffen – wessen auch immer – bekanntlich nicht allein handeln. (Das wäre schlimm!) Die europäischen Großbanken? Klingt schon besser, wir nehmen das als Arbeitshypothese.

„Austeritätspolitik“? Ich wusste noch nie, was das heißen soll. Versteht das Volk dieses Wort? Hätte es die Rote Fahne damals benutzt? Austerität (von altgr. αὐστηρότης „Herbheit“, „Ernst“, „Strenge“) bedeutet „Disziplin“, „Entbehrung“ oder „Sparsamkeit“.“

Wer den Begriff „Austerität“ benutzt, geht der Propaganda des Kapitals auf den Leim: Die EU will die griechische Regierung zwingen, die Armen noch ärmer zu machen, das Tafelsilber des Landes an ausländische Konzerne zu verkaufen, und das System als solches so zu lassen, wie es ist. Wer das euphemistisch als „Sparen“ verkaufen will, lässt sich als Lautsprecher des Kapitals missbrauchen.

„In dem“, schreibt man zusammen.

Und nun zu uns, Satzbau Katja Kippings! Wichtiges gehört in den Hauptsatz, nicht in einen Nebensatz. Nebensätze sind nur dazu da, Teile des Hauptsatzes zu erläutern. Meister der Sprache wie Kleist, Lichtenberg, Heine und Brecht dürfen diese Regeln durchbrechen, aber nicht Politikerinnen.

Wagen wir’s? Wie viel Logik darf es denn sein? 1. Die griechische Regierung will etwas nicht (ihre Wahlversprechen brechen). 2. Die europäischen Großbanken wollen sie dennoch dazu zwingen. 3. Falls sie Erfolg hätten, stürzte das Land in ein Chaos. 4. Dann würde die griechische Regierung hinweggefegt. 5. Das wäre von den Banken so gewollt.

Fünf Teile hat die Aussage, und so sehen die aus, wenn man sie logisch ordnet. Bei Kipping aber wirbelt alles durcheinander. Wer nur flüchtig liest, kapiert nichts. „Wer wen?“ – darauf kommt es doch an!

Wenn wir aber mit den Banken anfängen wollen, wird es schwer, weil die logische Abfolge dem aktuellen Geschehen widerspricht: Das, was die Banken wollen, kommt später als das, was die griechische Regierung wollte, und die Banken wollen auch etwas, das noch später eintreten soll als ihr eigenes Wollen. (Ja, Schreiben bedeutet: man muss sich Mühe geben und anstrengen, wenn es gut werden soll!)

Logisch und grammatikalisch korrekt wäre folgender Satz: Die europäischen Großbanken möchte die griechische Regierung zwingen, ihre Wahlversprechen zu brechen, die diese (nicht jene!) gemacht hatte (Plusquamperfekt), und nähme billigend in Kauf, dass die linke griechische Regierung dann hinweggefegt werden würde (Futur II, Konditional), weil das Land in ein Chaos stürzte.

Korrektes Deutsch – aber man versteht es dennoch nicht. Das Plusquamperfekt überfordert fast alle Leser. Man weiß am Schluss daher nicht, wann das Chaos nur eintrifft – bevor die die Regierung stürzt, danach? Und wann wollten die Banken etwas?

Zweiter Versuch:
Das europäische Finanzkapital will sich der linken griechischen Regierung entledigen. (Oder: Das europäische Finanzkapital will die linke griechischen Regierung loswerden.) Der Plan ist: Wenn die Forderungen der Banken erfüllt werden („würden“ wäre korrekt, die Möglichkeitsform ist aber schwer zu verstehen), stürzt (korrekt: „stürzte“) das Land in ein Chaos. Dann würde die linke Regierung hinweggefegt 8werden). Das nähmen die Großbanken billigend in Kauf.

Verschwurbeltes Gutes

„…mir scheint, als habe die ökologische Linke (falls eine solche politische Sammelkategorie zulässig ist) auf eine vertrackte Weise nach- und mitvollzogen, was die neoliberale Weltvorstellung vorgegeben hat.“

Sehr guter, ja überraschend guter Artikel in der taz, allerdings in einer verschwurbelten Sprache, die das Volk weder liest noch versteht:
…wieso Aspekte der Individualisierung politisch immer bedeutsamer wurden und Aspekte des Gesellschaftlichen immer weiter in den Hintergrund traten: daher die Emphase auf die Anerkennung noch der nebensächlichsten Differenz, daher die Verlagerung der Skandalisierung sozialer Ungleichheit auf die individuelle Ungleichheit.

Blafasel… Das kommt man davon, wenn man die „ungs“ häuft.

irgendwas mit Medien

„Mediale Identitäten, Strukturen, Herausforderungen.“ Und dann auch noch „thematisch vernetzt“. Wahnsinn. Das könnten fast Volkswirtschaftler und/oder Esoteriker sein.

Wenn das die Themen sind, sollte man das Event weiträumig umfahren.

Politik 2.0

Der ehemalige Pirat Christopher Lauer wird jetzt „Lobbyist“ für den Axel-Springer-Verlag im Berliner Abgeordnetenhaus.
„Tatsächlich ist Lauer bereits seit Jahresbeginn für den Konzern tätig, was aber erst später bekannt wurde. (…) …war laut „Horizont“ bei Projekten und projektübergreifenden Fragestellungen eingebunden“. Dafür wurde er mit Summen zwischen 3000 und 7000 Euro bezahlt.“

Aha. Das finanzielle Sein bestimmt wie gewohnt das Bewusstsein. Übrigens: internationale technologische Trends beobachten und auswerten sowie Impulse für neue Entwicklungen geben“ mache ich hier auch. Ich drücke es nur weniger verschwurbelt aus.

Ganzheitliche Bekämpfung der deutschen Sprache und des Phänomenbereichs Islamismus

Stellenausschreibung des Verfassungsschutzes:
Darüber hinaus erwarten wir:
• die Bereitschaft und Fähigkeit zur Umsetzung eines ganzheitlichen Bekämpfungsansatzes im Bereich Islamismus und islamistischer Terrorismus
• sehr gute Ausdrucksfähigkeit der deutschen Sprache in Wort und Schrift

Ihr solltet erst einmal selbst Deutsch schreiben, bevor ihr das von anderen verlangt.

Schöpferischwirtschaft oder der tägliche Wahnsinn

Was haben wir denn da so heute?

chip

Und nun zu etwas ganz anderem. „…reist Angela Merkel an die Unglücksstelle der abgestürzten Germanwings-Maschine. Verfolgen Sie den Besuch in Seyne-les-Alpes im Livestream.“ Warum sollte ich das verfolgen? Was habe ich davon? Dient Merkel der Wahrheitsfindung? Was ist eigentlich eine „Unglücksstelle“ – im Gegensatz zu einer „Glücksstelle“?

Und nun zu etwas ganz anderem. Ein Lobbyist der Musikindustrie wird Beauftragter für Digitale Ökonomie. Wieso denke ich jetzt an die abgedroschene Metapher, in der ein Bock und ein Gärtner vorkommen? Die „Kreativwirtschaft“, die dabei irgendwie mitspielt, interessiert mich. Synonyme: erfinderisch, künstlerisch, originell, phantasiebegabt, produktiv, schöpferisch. Ist Synonym von: einfallsreich, gedankenreich, geistreich, genial, gestalterisch, ideenreich, künstlerisch, musikalisch, original, originell, phantasiebegabt, phantasiereich, phantasievoll, produktiv, schöpferisch, spritzig, sprühend, witzig.“ Schöpferischwirtschaft? Und die anderen Wirtschaften schaffen nicht, sondern liegen auf der faulen Haut?

Denk ich an Wolf Schneider in der Nacht: „Was kann für Journalisten wichtiger sein, als die Experten unerbittlich auf klares Deutsch zurechtzustutzen? Daß manche Blähung sich dabei in Nichts auflöste, manche scheinbar wichtige Erklärung aufhörte, eine Nachricht zu sein, wäre ein möglicher Grenzfall, den wir herzlich begrüßen sollten. (…) Journalisten sind eingeschüchtert vom Imponiergehabe der Erperten, sie wagen es nicht mehr, aus „Öffentlichen Münzfernsprechern“ Telefonzellen oder aus „justiziellen Verfahrensabläufen“ Prozesse zu machen; sie haben kapituliert.“

„Eine Verzahnung und Vermittlung der bestehenden Initiativen und Strategien der Kultur- und Kreativwirtschaft einerseits mit der Digitalen Agenda und der innovativen Digitalisierung der Wirtschaft…“ Blablablabla. Ung. Ung. Ung. Ung. Hat diesen Satz ein Pressesprecher der „Linken“ verbrochen? Hört sich fast so an. So gedankenreich, geistreich, genial, gestalterisch, ideenreich, künstlerisch formulieren offenbar die SPD und die Schöpferischwirtschaft.

Jetzt muss ich erst einmal etwas kaputtmachen. (Nicht so auf die Details schauen!)

0ad

Und nun zu etwas ganz anderem. Die New York Times denkt laut darüber nach, was passierte, wenn Facebook die Websites von Medien hostete, zum Ausgleich für den erzeugten Traffic aber dann die Nutzer auspionieren darf. Das Thema macht mich müde. Seit mehr als einem Jahr versuche in den DJV Berlin davon zu überzeugen, dass es einer Gewerkschaft nicht gut ansteht, bei Facebook offiziell präsent zu sein [Vorsicht! Facebook-Link!], anstatt vielleicht nur eine „Fanseite“ zu gestalten, die dann die Besucher zur eigenen Website umleitet. Sie kapieren es nicht. Sie wollen es nicht kapieren. Man fängt bei jeder Diskussion wieder bei Null an. Ich habe es so satt.

Und nun zu etwas ganz anderem. „Wir fordern von der Politik den Missbrauch der Leiharbeit abzustellen!“ WTF? Aber sklavenhandel Leiharbeit an sich ist super? „Missbrauch abstellen?“ Versteh ich nicht. Kann man auch Missbrauch anstellen?

Und nun zu etwas ganz anderem. Telepolis rechnet mit Matthias Bröckers‘ und Paul Schreyers Buch „Wir sind die Guten“ ab. „Ihr seid nicht besser“ Lesenswert! Man atmet auf, weil Thomas Dudek Fakten präsentiert, die viele – mich eingeschlossen – vermutlich noch nicht kennen. Das macht es dem Leser auch nicht einfacher, einen Hauch von Wahrheit herauszufinden.

Und nun zu etwas ganz anderem. „Die Anstalt entfällt – das Böse bleibt!“ schreibt der Schockwellenreiter und beruft sich auf die Nachdenkseiten: „Der Respekt vor den Toten verbietet für das ZDF die Satire der ‚Anstalt‘. Der Zynismus, dass die Börsenkurse von Lufthansa und Airbus durch den Flugzeugabsturz ‚unter Druck‘ gerieten, wird aber als wichtige Nachricht gehandelt.“

Fratzenbuch

Und nun zu etwas ganz anderem. Der kackbraune Pöbel und die dazu passende pesudo-intellektuelle Krawalleria aus Eimern Juristen und Ärschen Volkswirtschaftlern trifft sich offenbar gern und oft auch bei Bettina Röhl (Vorsicht! Facebook-Link!) und Roland Tichy („Wirtschaftsjournalist“), wenn man dort die Kommentare liest. Mir wird ganz schlecht, wenn ich das ansehe.

Ich muss jetzt etwas in Trümmer legen zum Ausgleich.

0ad

Und nun zu etwas ganz anderem. Der Standard (via >b’s weblog): „Seit Jahresbeginn hält eine rätselhafte Serie von Todesfällen die Ukraine in Atem. Es handelt sich durchwegs um Politiker der früher regierenden Partei der Regionen des geflüchteten Ex-Präsidenten Wiktor Janukowitsch. Am Wochenende verunglückte nun sein Sohn Wiktor junior unter bisher ungeklärten Umständen tödlich.“ Das ist sicher nur ein Zufall…

Danke auch für den Hinweis auf >b’s weblog (immer gelesen): Das BILD-Blog (selten gelesen) fasst zusammen, was sich die Boulevard-Medien über Griechenland zusammengehetzt haben.

Mir reicht es für heute…

Seid gefälligst zufriedener!

FAZ.net: „Wie Twitter und Facebook die Wirklichkeit verzerren“.
„Alle Kriterien, die Facebook anwendet, sind letztlich Werkzeuge, um den Feed zu manipulieren, in den meisten Fällen mit der Intention, unsere Zufriedenheit zu erhöhen.“ (Philip Napoli, Professor für Journalismus und Medienstudien an der Rutgers University in New Brunswick)

Burks.de hat auch genau das Ziel: Die wohlwollenden Leserinnen und geneigten Leser zufriedener zu machen. SCNR (Nein, nicht „die Zufriedenheit erhöhen“.)

Partizipidingsbums

Die Bezirksverordnetenversammlung von Berlin-Neukölln hat beschlossen:
Das Bezirksamt wird gebeten, sich bei den zuständigen Stellen dafür einzusetzen, dass Informationen über Schule in leichter Sprache erstellt werden. Begründung: Das Thema „funktionale An-Alphabeten“ ist ein aktuelles Thema und in Deutschland leben etwa sieben Millionen funktionale An-Alphabeten, in Neukölln sind es 30.000, in ganz Berlin etwa 300.000. Informationen über Schule sind in leichter Sprache besser zu verstehen und wichtig für Menschen, die nicht gut lesen können oder nicht so gut Deutsch können, um ihre schulpflichtigen Kinder aktiv zu unterstützen und beim Erwerb von Informationen nicht auf Unterstützung durch Dritte abhängig zu sein. Partizipation wird so unterstützt.

Burks.de erstellt Informationen formuliert weiterhin in schwerer deutscher Sprache.

Brot und Spiele

„Indem die Medien zu einer Art Zerstreuungsindustrie werden und im Sumpf der Nachrichtenflut das Wichtige nicht mehr vom Unwichtigen trennen, tragen sie zu einer Entpolitisierung bei.“ (Peer Steinbrück im „Spiegel“-Interview)

Das kann man auch besser sagen. Die Medien wollen nur noch zerstreuen: Sie trennen nicht mehr das Wichtige vom Unwichtigen im Sumpf der Nachrichtenflut. Das entpolitisiert die Menschen.

Vielleicht ist das ja so gewollt.

Parerga und Paralipomena und die Liebe

Parerga und Paralipomena

Daher nun ist die erste, ja schon für sich allein beinahe ausreichende Regel des guten Stils diese, daß man etwas zu sagen habe: o, damit kommt man weit!

Nein, ich teile Arthur Schopenhauers Meinung über Frauen nicht. Aber natürlich hat er Recht, wenn er sagt: Alle Verliebtheit, wie ätherisch sie sich auch gebärden mag, wurzelt allein im Geschlechtstriebe. Der Rest ist Feuilleton.

Muss man Schopenhauer kennen, gar lesen? Nein. Doch. Halt! Eine seiner Schriften auf jeden Fall, will man gutes Deutsch lernen. Man sollte wie oben ein paar Hilfsmittel herumstehen haben, bevor man es wagt anzufangen. Für die Nachgeborenen: Schopenhauer spricht und schreibt natürlich Englisch, Französisch, Latein und Griechisch und setzt voraus, dass seine Leser das auch können. Damals waren „Gelehrte“ eben wirklich noch gelehrt. (Dafür hatten sie keinen Fratzenbuch-Account und kein Wattsäpp.)

Über Schriftstellerei und Stil“ versteckt sich im zweiten Band der Parerga und Paralipomena (Vollständige Ausgabe: Band 1&2): Kleine Philosophische Schriften: Zweite und beträchtlich vermehrte Auflage, aus dem handschriftlichen Nachlasse des Verfassers. Ein Muss für jeden, der die große Pose, ätzenden Zynismus und elegantes, wenn auch manchmal altertümliches Deutsch mag. Es kostet fast nichts. [Textpassage auf drehbuchwerkstatt.de]

Eine große Menge schlechter Schriftsteller lebt allein von der Narrheit des Publikums, nichts lesen zu wollen, als was heute gedruckt ist – die Journalisten. Treffend benannt! Verdeutscht würde es heißen „Tagelöhner“.

Dafür, dass „Parerga und Paralipomena“ (deutsch etwa: „Beiwerke und Nachträge“) 1851 erschienen ist, also kurz nach der gescheiterten deutschen Revolution, ist die Schrift erstaunlich aktuell und wird auch heute noch als Stilfibel für wissenschaftliche Arbeiten, Drehbücher und überhaupt Gebrauchsliteratur benutzt. Nur Journalisten scheinen die Tipps nur selten zu beherzigen. Wolf Schneider sagt dazu: „Viele Kollegen machen sich vor, dass man zwar ein halbes Jahr lernen muss, um ein Schwein zu zerlegen oder drei Jahre um einen Anzug nähen zu können, dass aber jeder schreiben kann, sobald er etwas erregt ist.“ Ein Ratschlag für Blogger, der ungehört verhallen wird.

Einen Satz Schopenhauers habe ich noch: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. Das ist zeitgemäße Psychologie und natürlich wahr, insbesondere, was die Liebe angeht. (Die Liebe habe ich nur im Titel erwähnt, um die RSS-Feed-Reader anzulocken.)

Linke Lobbypolitik

„Die neue griechische Regierung will mittellosen Privatleuten und Firmen einen Großteil der Schulden erlassen. Wer 200 Euro seiner Ausstände beim Staat bezahle, dem könne die Hälfte der übrigen Schulden ganz erlassen werden, sagte Finanzstaatssekretärin Nadia Valvani am Mittwoch in Athen. Die Vorgängerregierungen hätten Kleinstschuldner bedrängt und vermögende Griechen verschont.“

Das geht ja nun gar nicht. Was sollen denn die Märkte denken?

Wenn man sich die gehässigten Kommentare der Foren-Trolls etwa bei Spiegel online ansieht, dann weiß man, was die „Mittelschicht“ denkt. Der Neid tropft aus allen Poren. Dabei ist es doch einfach: Wenn nichts zu holen ist, braucht man es auch nicht zu versuchen. Das Wirtschaftsblatt berichtet ganz richtig: „67 von 76 Milliarden Euro an Aussenständen seien ohnedies nicht einbringlich, meint das Finanzministerium.“

[„Nicht einbringlich sein?“ Welche Sprache ist denn das? Deutsch jedenfalls nicht.]

Sehr schön ist auch, das die neue griechische Regierung uns pädagogisch wertvoll zeigt, was „links“ und „rechts“ ist: Links ist Lobbypolitik für die „kleinen Leute“, rechts ist Lobbypolitik für das Kapital, die Märkte und die Reichen. Nein, das muss nicht gerecht und fair sein. Ich sagte: „Lobbypolitik“!

Die in der Mitte der Gesellschaft müssen sich entscheiden. Das war schon immer so. Übrigens: Zwei Drittel aller Studenten in der Weimarer Republik gehörten rechtsradikalen oder faschistischen Studentenverbindungen an. Von Studenten erhoffe ich mir nichts, wenn es hart auf hart kommt im Klassenkampf.

Den Hintern fragen

In „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ würden „bloß scheinbar relevante Fakten hintereinandergefügt, anstatt sie zu hinterfragen“, so Fröhder.

Laut Wolf Schneider: „Deutsch für Profis: Wege zu gutem Stil“ ist übrigens das Wort „hinterfragen“ „aus dem Anus der deutschen Sprache“ ausgeschieden worden.

Affinität zu Social Media und die fehlende Mobiloptimierung

barrierefrei

Lästern ist natürlich einfach. Ich sage immer: E-Mail-schreiben ist schwerer, als man denkt. Man stelle sich vor, die obigen Stellenanzeige wäre genau so in einer Tageszeitung erschienen. Die Leute hätten sich kaputtgelacht. Was mich aber besonders nervt, sind nicht Fehler, die jeder macht, sondern die Resistenz der übergroßen Mehrheit der Leute einzusehen, dass sie ein Problem haben, nicht ich.

Ich rede hier nicht über barrierefreies Webdesign. Das ist ein anderes Thema. Webdesigner sind bekanntlich die natürlichen Feinde des Surfers und haben zum Thema „Sicherheit“ ein Verhältnis wie Klaus Störtebeker zum Handelsrecht. Nimm einem Webdesigner Javascript weg und er heult wie ein Baby, den man dem Schnuller vorenthält. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber nur, wenn sie einem auch noch etwas verkaufen wollen:

E-Mails werden zunehmend auf mobilen Endgeräten wie Smartphones oder Tablets genutzt. Dies verlangt nach einer Optimierung der E-Mails für die kleineren Bildschirme – geringere Breite, verkürzte Inhalte, grössere Buttons usw. Laut der artegic Studie Mobile E-Mail Marketing 2012 kritisieren 31,6 Prozent der mobilen E-Mail Nutzer die mangelhafte Darstellung mobiler E-Mails. Für Empfänger mit Sehschwäche stellt die fehlende Mobiloptimierung sogar ein noch grösseres Hindernis dar.

(„Fehlende Mobiloptimierung“ – das verdient den Tag „Deutsch des Grauens“).

„Barrierefrei“ heißt also: Jedes Ausgabegerät zeigt eine E-Mail korrekt an. Wenn die Sonderzeichen zerhauen sind, ist das nicht mein Problem, sondern das des Senders. Vermutlich hat man bei „Reporter ohne Grenzen“ auch vom Ten-Standard oder ganz komischen Sachen noch nie etwas gehört. Aber der ist – zugegeben! – eher was für die Spartaner und andere Kaltduscher unter den E-Mail-Schreibern.

Was auch nervt, ist die merkwürdige Unsitte, dass @ nicht auszuschreiben, sondern, in der irrigen Hoffnung, weniger Werbung zu bekommen, stattdessen ein (at) zu setzen. Schön. Dann weiß man gleich, dass man es nicht mit Profis zu tun hat, sondern mit jemandem, auf den das vielseitig einsetzbare Gleichnis von den Fliegen zutrifft, die nicht irren, weil sie das tun, was alle tun. „Ist dem Crawler bekannt, dass (at) das Gleiche bedeutet wie @, so kann theoretisch auch diese Adresse zum Spam-Ziel werden.“ Der „Crawler“ crawlt ja bekanntlich auch immer gern in unverschlüsselten E-Mails. Oder nicht?

350 Euro im Monat – das sind ungefähr 43 Stunden, also meinetwegen sechs Tage. (Mehr dazu hier.) Und dann sollen die Bewerber und Bewerberinnen noch wissen, wie man die neuen „Datenschutzbestimmungen“ bei Facebook umgeht? Ach so? Soll man gar nicht wissen? Man muss nur „affin“ sein? Dachte ich mir. Einmal mit Profis arbeiten.

Ist wie beim DJV Berlin. Die Mitgliederversammlung hat denen per Beschluss verboten, eine offizielle Seite bei Facebook zu machen. Sie tun es aber trotzdem (Vorsicht, Facebook!). Wen interessieren schon die Mitglieder und was die wollen?

Perfide Paragrafen oder Willkommenskultur

Ein Kommentar zu einem Artikel im Tagesspiegel:*
Asylbewerber sollten sich nicht gegen ihre oft inhumane Behandlung zu Wehr setzen? Herbert Prantl hat einen sehr fundierte Analyse über die Inhumanität des deutschen Asylrecht geschrieben. Und nur Info: Das ist kein Aktivist.

Wenn Familien bei der Unterbringung getrennt werden, wenn Wachpersonal Asylbewerber misshandelt und die Existenzen von jungen Menschen systematisch vernichtet wird (Isolation, Keine Ausbildung), dann sollen sie sich nicht zu Wort melden, nicht protestieren?

Wenn wir als westliche Industrienation ganze Kontinente ausbeuten und wie z.B. in Accra (Ghana) eine Mülldeponie für Elekroschrott aus Europa machen, dann haben wir dafür auch eine Verantwortung. Wir leben nun mal in einer globalen Welt und das verlangt nun mal auch ein komplexeres Denken.

Der Diskurs über das Thema in Deutschland scheitert aber schon im Ansatz. Der Beweis: Man findet noch nicht einmal passende Begriffe, um den Sachverhalt, dass Menschen einwandern, zu beschreiben. (Das alles habe ich schon in „Nazis sind Pop“ vor 15 Jahren beschrieben, und seitdem hat sich nichts geändert.) Wer einwandert, ganz gleich aus welchen Gründen, ist Einwanderer oder meinetwegen auch eine Einwanderin. (Studienrätinnen dürfen „Immigrant“ sagen, weil das vornehmer klingt.)

Mein Großvater väterlicherseits ist aus Polen eingewandert, weil er als „Deutscher“ in Westpreußen nicht zur polnischen Armee wollte. Mein Großvater mütterlicherseits ist 1918 aus Russland eingewandert, weil er aus einer Gefängniszelle geflohen ist (er war zum Tode verurteilt worden, weil er seinen Pass gefälscht hatte). Ich hätte im Traum nicht daran gedacht, meinen Opas einen „Migrationshintergrund“ unterzuschieben. Sie hätten gar nicht verstanden, was ich damit hätte sagen wollen. „Migrationshintergrund“ ist für mich ohnehin das bürokratische Unwort des Jahrzehnts – und Deutsch des Grauens vom Feinsten.

Einwanderer: Was spricht gegen das Wort? Die berufsbetroffenen Lichterkettenträger bestehen auf einer paternalistischen Version, aber aus ganz egoistischen Gründen, weil sie Einwanderer politisch instrumentalisieren wollen. Deshalb nennen sie alle „Flüchtlinge“ oder „Asylbewerber“, weil das besser klingt. Das ist aber eine Lüge. Nicht alle Einwanderer sind geflohen. Wer pauschal „Flüchtlinge“ sagt, suggeriert, dass nur Leute mit guten Gründen kommen dürfen. Ach ja? Und die anderen werden dann von den Gutmeinenden rausgeworfen?

Einwanderer finden hier Gesetze vor, die perfider nicht sein können. Also müssen sie, um hier bleiben zu können, notfalls Gründe auch erfinden. Ich würde das nicht anders tun. Das ist ihr gutes Recht. Wer wirklich in Deutschland bleiben will, wird das tun, ganz egal, was die Gesetze sagen. Man muss auch mal der Realität ins Auge sehen, und sich nicht immer etwas vormachen.

„Bleiberecht für alle“ ist eine realistische Forderung.

* Der Tagesspiegel diskriminiert Behinderte: Ohne Javascript kann man Kommentare nicht lesen – das Forum ist nicht barrierefrei.

Lighting up your language!

taschenlampetaschenlampe

Ich habe mir eine aufladbare Canwelum LED Taschenlampe zugelegt. Als Schmankerl obendrauf gab es eine Anleitung, die mich herzlich lachen ließ. Die angebliche „Strict Quality Control“ findet offenbar bei der Sprache nicht statt.

Sinnlose Textbausteine, die ich nie mehr lesen möchte [Update]

Zeichen setzen. Flagge zeigen. Kulturen. Mehr Toleranz. Betroffen. Je suis. Angebote machen. Freiheitlich. Lohnfindungsstrukturen. Die Märkte. Westliche Werte.
[Update] Akt der Geschlossenheit.

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