Hysterie, Cyberporn, Deutsch des Grauens und die Psychologie der Massen
Ich hatte mich vor einiger Zeit hier schon zum Krankheitsbild Hysterie geäußert. Wer mir nicht glaubt, sollte schnell Elias Canettis “Masse und Macht” lesen. Und am besten noch Max Weber: “Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus”.
Haben wir das? Gut. Damit haben wir die Prohibition, den “Krieg gegen die Drogen” und den öffentlichen antikommunistischen Exorzismus der McCarthy-Ära erklärt. Sehr kühn wäre jetzt die These, das Exorzismus heute “Massenhysterie” heißt – und in ihrer allerschwächsten Form das Lichterketten-Tragen gegen das jeweils Böse.
Auf netzpolitik.org wurde ich auf das folgende Zitat aus Spiegel Offline hingewiesen: “‘Total überrascht’ über die Diskussion um Sicherheitslücken und angeblich nicht mehr aufklärbare Straftaten ist der Chef des Max-Planck-Institus für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg, Hans-Jörg Albrecht. Er hält sie für ‘leicht hysterisch, politischen Interessen geschuldet und überhaupt nicht nachvollziehbar’. Die aktuelle ‘Panikstimmung’ sei ‘durch keinerlei Hinweis aus Forschung und Praxis belegt’, sagt er.”
Ja, natürlich hat er recht. Das gilt übrigens auch für die 15-jährige Diskussion über Kinderpornografie im Internet und die real gar nicht existierende Online-Durchsuchung. Übereinstimmungen des Diskurses mit der Realität sind nicht beabsichtigt – es geht jeweils um das moraltheologische Wünschen und Wollen, um pseudo-lehrreiche mediale Fabeln, das Gute zu tun und das Böse zu lassen, genauer: Um die armen Sünder so zu erschrecken, welche Strafen ihnen drohten, dass die hinfort nicht mehr den Pfad der Tugend verlassen.
Aber in einem Punkt irrt der Professor, aber vermutlich weiß er es als kluger Mann: Seine Argumente werden ungehört verhallen. Gegen medial unterstützten Massenwahn ist kein Kraut gewachsen. Spiegel Offline wird morgen schon wieder den üblichen Quark breittreten und unkorrigiert das Internet umweltverschmutzen.
By the way: Welch garstiger Satzbau! Das vermeintlich Wichtigste (”total überrascht”) wird nach vorn gezerrt, obwohl sich sogar der leicht bestechliche gesunde Menschenverstand sträuben müsste. Wer redet so? Total genervt ist Burks von diesem Deutsch des Grauens. Wann zum Teufel kommt dann endlich das Subjekt? Der arme Professor wurde von einem Spiegel-Offline-Schreiber noch hinter seinem ellenlangen Titel versteckt – eine Schande. In lesbarem Deutsch hieße es:
“Professor Hans-Jörg Albrecht ist total überrascht: Die aktuelle Panikstimmung sei durch keinerlei Hinweis aus Forschung und Praxis belegt. Er hält die Diskussion um Sicherheitslücken und angeblich nicht mehr aufklärbare Straftaten für ‘leicht hysterisch, politischen Interessen geschuldet und überhaupt nicht nachvollziehbar”. Albrecht ist Chef des Max-Planck-Institus für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg.”
Wer tut was? Hans-Jörg Albrecht ist überrascht. Worüber? Über die Panik. Warum? Die ist unbegründet, weil bla bla. Was ist das für ein Kerl? Ein Professor mit einem Haufen Titeln, der offenbar Ahnung hat. Das nennt man Logik der Sprache oder einen ordentlichen Satzbau, den auch Hänsel und Gretel verstehen.
Oskar, der mitteilte, sich einzubringen gedachte, weil er, obzwar
Soeben trudelte eine digitale “Sofortinformation” (”nach der Sitzung des Landesvorstands vom 17.11.2009″) bei mir ein – ein Newsletter der Partei “Die Linke“. Die gute Nachricht: Sie ist im Textformat, also lesbar. Die schlechte Nachricht: Die schreiben wie Anno Dazumal und in grottenschlechtem Deutsch. Also formulieren wir das um.
Gen. Klaus Lederer informierte die Mitglieder des Landesvorstandes in seinen einleitenden Bemerkungen über die Presseinformation des Genossen Oskar Lafontaine, der heute mitteilte, sich aufgrund einer Krebserkrankung am Donnerstag einer Operation zu unterziehen und nach Rekonvaleszenz Anfang kommenden Jahres erklären wird, wie er sich weiter in die politische Arbeit einzubringen gedenkt.
Haaaaaaalt! Hatten wir hier schon mal: Neun Wörter sind Obergrenze in einem Satz, den man noch gut verstehen kann, 16 Wörter ist der Durchschnitt in deutschen Zeitungen, mehr als 20 Wörter erlaubt dpa zum Beispiel nicht. Hier sind es 49 (in Worten: neunundvierzig).
Wer hat das verzapft? Carsten Schatz, der Landesgeschäftsführer. Hat der Deutsch gelernt? Nein: “An der FernUni Hagen studiert er, neben seiner Tätigkeit als Landesgeschäftsführer, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften.”
Jetzt ganz langsam zum Mitschreiben: Klaus Lederer (er ist – Überraschung! – ein “Gen.”!) informierte die Mitglieder des Landesvorstands über etwas – die “Presseinformation des Genossen Oskar Lafontaine”. Wie darf ich das verstehen? Wussten die davon noch nicht? Geschenkt.
“In seinen einleitenden Bemerkungen” ist überflüssiges Gefasel. Natürlich beginnt er mit dem Anfang. Die Sache ist außerdem zu wichtig: Das missverständliche Verb “bemerken” passt hier nicht. Er bemerkte so ganz nebenbei, dass der Vorsitzende an Krebs erkrankt sei. Das hatten die anderen noch nicht bemerkt, sie bemerkten aber die Bemerkung und erwogen sie in ihrem Herzen.
Klaus Lederer, der Berliner Landesvorsitzende der Partei, informierte den Vorstand über die Pressemitteilung Oslar Lafontaines.
Jetzt darf das Subjekt des Satzes nicht wechseln, sonst verwirrt das den eiligen Leser! Der Hauptsatz: “A informiert B” ist viel kürzer als der mehrfach verschachtelte Nebensatz. Das ist schlechter Stil und macht Mühe. Lafontaine tat mehrere Dinge: Er teilte mit, an Krebs erkrankt zu sein. Er müsse sich operieren lassen (warum das Bläh- und Furzdeutsch: “sich unterziehen”? “Ich unterzog mein Kraftfahrzeug einer Reparatur.”)
Nach seiner Genesung (versteht das Prolet- und Prekariat “Rekonvaleszenz“?) … was passiert da? “…nach Rekonvaleszenz Anfang kommenden Jahres erklären” – ich verstehen nix dieses Grammatik. Findet die Genesung Anfang 2010 statt oder erklärt Oskar Anfang des Jahres etwas oder beides?
“Einzubringen gedenkt” ist selbstredend wunderbares altertümelndes Deutsch. Man gedenke auch des Genitivs, den das Verb “gedenken” fordert. Ich bringe es nicht über’s Herz, das zu kritisieren. Wir gedenken des siechen Parteivorsitzenden, der gerade am Tropf hängt. Gottseibeiuns und Amen.
Der Parteivorsitzende (jeder weiß, dass Lafontaine Parteivorsitzender ist und “Lafontaine” muss dann nicht wiederholt werden) hatte mitgeteilt (ja, Plusquamperfekt, denn Lederer spricht schon im Imperfekt und das, was Lafontaine mitteilte, geschah noch früher), dass er an Krebs erkrankt sei und sich operieren lassen müsse. Anfang des neuen Jahres werde er wieder gesund sein und mitteilen, wie er dann politisch zu arbeiten gedenke. (statt “in die Arbeit einzubringen”. “Der Proletarier brachte sich in die Fließbandarbeit ein.”)
Jetzt wieder das Schatzsche Original: “Lafontaine tat das, nachdem eine beispiellose Medienkampagne geführt wurde, die allerlei Spekulationen über seine Entscheidung anstellte, nicht mehr als Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag zu kandidieren.
Nein, er hatte das getan (Plusquamperfekt!), nicht “er tat das”. Was eigentlich? Erkrankte er an Krebs nach der Medienkampagne oder teilte er etwas mit? Gut – das Erkranken ist nicht wirklich ein Tun, daher sollte ich nicht in den Erbsenzählmodus umschalten.
“Beispiellose Medienkampagne” ist erstens falsch und zweitens eine abgedroschene Metapher und vergleichbar mit “schweren Verwüstungen”. Es gab schlimmere Kampagnen, und zudem sollte die Linke beweisen, dass es sich bei den Interna um eine “Kampagne” handelt. So doof sind wir Journalisten nicht, dass wir den suggestiven Fußtritt in einem Newsletter nicht bemerkten.
Außerdem ist der Satz logisch unglücklich verschachtet: Erst kommt der Hauptsatz (”er tat es”), dann ein Temporalsatz (”nachdem”), innerhalb des Temporalsatzes ein Relativsatz (”die allerlei”). Warum einfach, wenn es auch umständlich geht.
Also: Einige Medien hatten darüber spekuliert, warum Lafontaine nicht mehr als Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag kandidieren wollte. Deshalb informierte Lafontaine jetzt über seine Gründe. (Ja, jetzt wieder Imperfekt, obwohl es logisch immer noch Plusquamperfekt ist. Man muss hier einen Kompromiss schließen, auch wegen des besseren Klangs.)
Der Landesvorstand wünscht dem Gen. Lafontaine und seiner Familie viel Kraft und alles Gute für die kommenden Wochen.
Die Worte sie sollen lassen stahn und kein Danck dazu haben.
Klaus Lederer, der Berliner Landesvorsitzende der Partei, informierte den Vorstand über die Pressemitteilung Oskar Lafontaines. Der Parteivorsitzende hatte mitgeteilt, dass er an Krebs erkrankt sei und sich operieren lassen müsse. Anfang des neuen Jahres werde er wieder gesund sein und mitteilen, wie er dann politisch zu arbeiten gedenke. Einige Medien hatten darüber spekuliert, warum Lafontaine nicht mehr als Fraktionsvorsitzender der Linksfraktion im Bundestag kandidieren wollte. Deshalb informierte der Parteivorsitzende jetzt über seine Gründe. Der Landesvorstand wünscht Oskar Lafontaine und seiner Familie viel Kraft und alles Gute für die kommenden Wochen.
94 Wörter und drei Sätze im Original, 90 Wörter, aber sechs Sätze in meiner Version.
Wieviele Piraten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? [Update]
Wieviele Piraten braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?
1. Einen Piraten, der im Wiki nachschlägt, wie man eine Glühbirne wechselt.
2. Einen Piraten, der auf der Aktive-Liste die Notwendigkeit zum Wechseln der Glühbirne diskutiert.
3. Eine Piratin aus dem Technikteam, die die Glühbirne schnell mal wechselt, ohne es weiter anzukündigen.
4. Ein Dutzend Piraten, die einen Misstrauensantrag einreichen, weil das Wechseln der Glühbirne nicht ausreichend transparent gestaltet wurde.
5. Eine “AG Glühbirnen”, die sich beschwert, nicht um Rat gefragt worden zu sein.
[Frei nach Piraten-Planet]
Kommentar: Die acht Kommata-Fehler und den Rechtschreibfehler im Original habe ich korrigiert. “Weiblicher Pirat” habe ich in “Piratin” geändert. Eine “Frau” ist auch kein “weiblicher Mann”.
Asthma-Deutsch (Vorsicht: Oxymora!)
“Kinder fangen immer früher an. Mit den Drogen. Mit der Gewalt. Und mit den Handys”, schreibt Spiegel Offline.
Liebe Kinder, wir reden heute über das schöne Thema “Der Satzbau im Deutschen und wie ich in den Leser damit ärgere.” Ärgern? Doch, hiermit: “Kinder sind süß, Kinder sind eine Bereicherung. Bis sie selbständig ein Mobiltelefon bedienen können.”
Vor langer, langer Zeit gab es einen Herrn Goethe. Der hat viele Bücher geschrieben, die man heute noch für gut hält. Er sagte zum Beispiel: “Wir erschrecken über unsere eigenen Sünden, wenn wir sie an anderen erblicken.” Er schrieb nicht: “Wir erschrecken über unsere eigenen Sünden. Wenn wir sie an anderen erblicken.” Warum wohl? Ganz einfach: Er litt nicht an Sprachasthma. Das ist eine Krankheit, die vor allem Journalisten befällt.
Sprachasthma bricht dann aus, wenn der Träger des Erregers keinen eigenen Stil hat, keine Ideen, keinen Esprit, keine Eleganz und keinen Witz, diesem Mangel aber abhelfen will. Der Schreiber hat vermutlich den Wikipedia-Eintrag über Expressionismus gelesen und möchte auch so sein: “Reihungsstil: (Auch parataktischer Stil oder Parataxe) Darunter versteht man die Aneinanderreihung kurzer Hauptsätze, die weder syntaktisch noch logisch miteinander verbunden sind. Das semantisch Disparate dient dazu, die Befindlichkeit des Sprechers auszudrücken, der die angetroffenen Teilaspekte der Wirklichkeit nicht mehr zu einem geordneten Ganzen verbinden kann, sondern dieser Wirklichkeit ratlos gegenübersteht.”
Ja, das sieht man. Aber ob das die richtige Haltung eines Journalisten der Realität gegenüber ist? Ihr ratlos gegenüber zu stehen? (Welcher Trottet hat diesen gespreizten Wikipedia-Artikel geschrieben? Ein Obergermanist?)
Erstens: Das Wort und verbindet etwas, es ist eine Konjunktion. Zweitens: Um Wörter und denen Sinn zu verbinden, hat der Homo sapiens den Satz erfunden: “Ein Satz ist eine aus einem Wort oder mehreren Wörtern bestehende in sich geschlossene sprachliche Einheit”.
“Und mit den Handys” ist mitnichten eine “in sich geschlossene sprachliche Einheit”, sondern ein eitles Gefasel. (Ich benutze gerade das Stilmittel Oxymoron.)
Ich ahne, welches Problem der Spiegel-Offline-Autor Daniel Hass hatte. Er plante zu schreiben: “Kinder fangen immer früher mit den Drogen, mit der Gewalt und mit den Handys an.” Das gefiel ihm nicht – zu Recht! Daran ist das Deutsche schuld und das, was Simultanübersetzer in den Wahnsinn treibt: Das Verb anfangen teilt sich wie ein Regenwurm, und die Teile leben munter weiter – fangen am Anfang des Satzes und an kommt am Schluss dahergetrottet, wenn man schon fast vergessen hat, was am Anfang stand. Im Englischen und Russischen ist das einfacher: They start with und dann kann der Autor munter aufzählen.
Ich verrate dem geschätzten Kollegen Hass etwas: Im Deutschen gibt es den Doppelpunkt. Damit bekommt man Sätze hin, die keinen Hustenreiz bei den Rezipienten auslösen. Versuchen wir es alle gemeinsam! “Kinder fangen immer früher an: mit den Drogen, mit der Gewalt – und mit den Handys”. Geht doch, oder? (Ich habe das mit bewusst klein geschrieben.)
Es heißt also: “Kinder sind süß, Kinder bereichern (Wörter mit -ung sind verboten!). Das wird anders, wenn sie selbständig ein Mobiltelefon bedienen können.” Alles klar?
Deutsch des Grauens
Was ist und zu welchem Ende betreiben wir Sprachkritik? Wer nicht klar spricht und schreibt, hat vorher wirr gedacht. Schreiben ist jedoch Handwerk: Man kann lernen, wie man sich ausdrücken muss, damit das Publikum versteht, was man meint. Manche Leute glauben jedoch, sich möglichst geschwurbelt geben zu müssen. Der Jargon einzelner Berufe, das Juristen- und Beamtendeutsch, das eitle und oft oft nur faule Gespreize und das vermeintlich Authentische – sie sind Feinde der Sprache und der klaren Gedanken. Meine Sprachpäpste sind Elias Canetti, Heinrich Heine und der Philosoph Georg Christoph Lichtenberg. Letzterer ist schlicht ein Sprachgenie. “Nichts kann mehr zu einer Seelenruhe beitragen, als wenn man gar keine Meinung hat.” Zum Glück habe ich mindestens eine. Ich rege mich also immer auf.
“Er sagt es klar und angenehm, was erstens, zweitens, drittens käm”, beschrieb Wilhelm Busch einen guten Redner. Der jedoch hätte ein Problem gehabt, wäre sein Thema die Telekommunikationsüberwachungsverordnung gewesen: Das Wortungetüm, aus dem Urgrund der deutschen Beamtenseele hervorgekrochen, ist für die Sprache das, was Freddy Krüger für kleine Mädchen ist. “Abhörgesetz” sollte es heißen! Wir sagen auch “Geisterfahrer” und nicht “Gegenfahrbahnbenutzer”, obwohl nirgendwo Geister sind.
Ähnlich holpernd kommt die Überschrift “Nichtanwendungserlass für das Zugangserschwerungsgesetz” einher. Thomas Stadler, ein Anwalt, hat das verbrochen, und ihm sei halb verziehen – Juristen können nicht schreiben. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer übersetzen das, was er uns mitteilen will, ins Deutsche – so wie es auf seinem Blog steht, versteht es niemand. Und da es sich um das Gute, Schöne und Wahre handelt, ist das bedauerlich.
Der in den Koalitionsverhandlungen vereinbarte Kompromiss zu den Netzsperren, wonach für die Dauer von einem Jahr nur gelöscht und nicht gesperrt werden soll, soll offenbar über einen Anwendungserlass geregelt werden, der dem BKA aufgibt, keine Sperrlisten zu erstellen und solche Listen auch nicht weiterzuleiten.
44 Wörter, verschachtelt und nicht logisch verknüpft – muss das sein? Neun Wörter pro Satz bedeuten bei dpa die Obergrenze der optimalen Verständlichkeit. Probieren wir’s!
Der Kompromiss soll irgendwie durch irgendwas geregelt werden – das ist die Aussage des Satzes. Und wer tut was? Wer ist Ross und wer ist Reiter? Die Koalitionsparteien haben einen Kompromiss geschlossen. Doppelpunkt: welchen? Für ein Jahr soll (Websites?) nur gelöscht und nicht gesperrt werden. Wer sperrt? Wer wie sperrt, wird in einem Erlass geregelt. Doppelpunkt: Was steht da drin? Das BKA darf keine Sperrlisten erstellen und diese auch nicht weiterleiten. Geht doch. Drei oder vier Sätze, insgesamt nur 35 Wörter, und alles ist gesagt.
Noch schlimmer ist eine Pressemitteilung des Ak Vorrat:
Die im Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung zusammengeschlossenen Bürgerrechtler, Datenschützer und Internetnutzer halten den Kompromiss von FDP, CDU und CSU zur Vorratsdatenspeicherung für inakzeptabel und weisen die sachlich falsche Kritik von Polizeifunktionären entschieden zurück.
Wer tut was? Was ist wichtig und was zusätzliche Information? Bürgerrechtler, Datenschützer und Internetnutzer – was tun die? Sie haben sich zusammengeschlossen. Aber das ist nicht das Wichtigste, sondern nur das Logo, das in einer Presseerklärung nicht fehlen darf. Aber nicht am Beginn einen Satzes, der das Publikum interessieren und fesseln soll!
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung weist etwas zurück – das ist auch Unsinn und langweiliges Politiksprech. Die Frau wollte das Nachporto nicht bezahlen und wies das Postpaket zurück. Da geht es, aber nicht hier. “Für inakzeptabel halten – wie wäre es mit: akzeptiert nicht? Der AK Vorrat akzeptiert den Kompromiss zur Vorratsdatenspeicherung nicht – das ist die Botschaft, und erst dann kommen die Dinge, die nur erläutern. Dafür gibt es den Nebensatz: den FDP, CDU und CSU ausgehandelt haben.
Was noch? Der AK Vorrat kritisiert die Kritik oder so ähnlich. Entschieden, nicht halbherzig – wer hätte das gedacht. Außerdem weiß hier niemand, was genau die Kritik der Polizeifunktionäre war. Kritisieren die den Kompromiss oder die Meinung des AK Vorrat? Beide akzeptieren also den Kompromiss nicht, aber aus unterschiedlichen Gründen? Der AK Vorrat hält (zudem) die Kritik der Polizeifunktionäre am Kompromiss für sachlich falsch. Und jetzt kann hinterherhoppeln: Am AK Vorrat haben sich Bürgerrechtler, Datenschützer und Internetnutzer zusammengeschlossen.
“Eine Einschränkung des staatlichen Datenzugriffs ist keineswegs die angekündigte ‘Aussetzung der Vorratsdatenspeicherung’ und ändert nichts an dem inakzeptablen Risiko einer missbräuchlichen Nutzung oder eines versehentlichen Bekanntwerdens unserer privaten, geschäftlichen und politischen Kommunikationsbeziehungen.
Au weia. Das erinnert mich an mein Posting vom 11. März 2006: “Wie man grässliche Pressetexte in schlechtem Deutsch verfasst”. Ich schweife kurz ab: Karl Valentin ist verständlicher als der AK Vorrat: “Wehe dem, der sich selbst, wehe dem, dem derjenige nur das ist, was wir uns von diesem erwartet haben. Selbst ist die Frau! Meine Herren! Wenn die Besonnenheit uns von unseren Sorgen, deren wenige ein verblendendes Spiel in uns gesetzt zum Zwecke des Mittels, einen wie bei jedem, wir können nicht das gute Gewissen mit derselben Resignation verknüpfen, der unserem Standpunkt von vorneherein gegenüberstand.”
Ganz einfach: Jedes Wort, das auf -ung endet, ist verboten (außer “Vorratsdatenspeicherung”, weil es um genau die geht). Der Staat greift also auf unsere Daten zu. Das Verb greifen ist allemal stärker und besser als das lasche “der Zugriff”, das uns verschweigen will, wer denn zugreifen will. Ich muss zugeben: Ich bin nicht sicher, ob ich auf Anhieb richtig verstanden habe, was uns der AK Vorrat sagen will. Wenn der Staat weniger häufig auf Daten zugreift, wird die Vorratsdatenspeicherung nicht ausgesetzt? Die doppelte Verneinung hat immer Tücken – das versteht niemand auf Anhieb. Die Steigerung des Arbeitslosigkeit verringert sich – wird sie nun mehr oder weniger?
Die Vorratsdatenspeicherung wird nicht ausgesetzt (besser positiv: bleibt in Kraft), (auch) wenn der Staat nur weniger häufig auf Daten zugreift. Es besteht weiter das Risiko, dass er die Daten missbraucht. (”Inakzeptables Risiko” gefällt mir nicht. Das schafft eine zusätztliche logische Ebene – eigentlich die Aufgabe eines Nebensatzes.) Kommunikationsbeziehungen – das ist nicht nur ein weißer Schimmel, sondern unaussprechliches Soziologen-Gefasel. Wer mit wem telefoniert oder wer wem schreibt – das ist gemeint. Kommunikation ist immer schon eine “Beziehung”. Wer mit wem kommuniziert – privat, geschäftlich oder politisch -, könnte daher (immer noch) versehentlich bekannt werden.
Klaus Lederer ist berliner Vorsitzender der Linken. In seinem Aufsatz “Links und libertär? Warum die Linke mit individueller Freiheit hadert” schreibt er: “Ein das linke Denken verkleisternder, dogmatischer Grundbestand an Vorstellungen..” oder “Diese Beschreibung darf nicht über die temporäre Faszination und Wirkungsmächtigkeit dieser Ideologie..“.
Leute, gebraucht Verben und denkt an Lenin: Wer wen? Das wollen die Leser wissen. Ung ung ung keit keit keit ion ion ion ismus ismus ismus. Neinnein, alles verboten. “Wirkungsmächtigkeit” – welche Sprache soll das sein – Parteichinesisch? Die Ideologie wirkt und ist mächtig und fasziniert, aber nur zeitweilig. Das wäre zwar stilistisch besser, aber logisch falsch. Lederer will das Gegenteil sagen: Die Ideologie ist nicht mächtig, aber ausnahmsweise jetzt ein bisschen, obzwar nur temporär. Da müsste ich noch feilen. Übrigens: Was Lederer schreibt, ist gut und richtig und interessant.
Aber jetzt bin ich müde und gehe schlafen und benutze dazu die Glotze. Da ist alles noch viel schlimmer. Ich sollte einfach den Ton ausstellen.
99% aller Deutschen sind irrelevant
“99% aller Deutschen sind irrelevant. Und werden es auch immer bleiben. Jedenfalls nach den Relevanzkriterien der deutschen Wikipedia. Das wird in der Wikipedia mit einem hürdenspringenden Hauskaninchen illustriert, mit der Bildunterschrift: “Für über 99 % der Bevölkerung unüberwindbar: Die Relevanzhürde.” [Via Aggregat7: "Das vordigitale Menschen- und Gesellschaftbild der Wikipedianer"]
By the way, BildunterschriftenverfasserInnen bei Wikipedia: Für fast alle Wikipedianer unbeherrschbar: Die deutsche Sprache. Was ist das für ein Satzbaugestammel? “Die Relevanzhürde ist für 99 Prozent der Bevölkerung unüberwindbar” – ist Euch ein so “primitiver” Satzbau zu kompliziert? Schlicht und verständlich mitzuteilen, wer was ist – das geht irgendwie nicht? Man muss einen Doppenpunkt sinnfrei dazwischenhauen? Pfeifen.














